Dokumentation Spurensuche

Transodra 24: Spurensuche – alte, neue, fremde Heimat in der deutsch-polnischen Grenzregion
Eine Auswahl von Vorträgen, Berichten und Reportagen im Rahmen des Projekts Spurensuche (2005-2008)
Teilprojekte 1 und 2 im Rahmen des Gesamtprojekts Zivile Brücken der Integrationsbeauftragten des Landes Brandenburg

Herausgeber
Deutsch-Polnische Gesellschaft Brandenburg und
Deutsch-Polnischer Journalistenclub „Unter Stereo-Typen / Pod Stereo-Typami“

 

EDITORIAL

Spurensuche in der deutsch-polnischen Grenzregion. Erfahrungen.
Ruth Henning

Geschichtspolitik – Geschichte im Dienste der Politik?
Zum polnischen Streit über Geschichte und Gedächtnis
Anna Wolff-Powęska


ALTE, NEUE, FREMDE HEIMAT

Was ist Heimat?
Ina Maria Greverus

Fremde Heimat Eberswalde
Spurensuche als Mittel zur Integration?
Marieta Böttger

Heimat ist dort, wo ich meine Kindheit verbracht habe?
Christa Greuling

Gorzów Wielkopolski / Landsberg a.d. Warthe
Gemeinsamer Ort für ehemalige und heutige Bewohner?
Lidia Przybyłowicz

Anhang: Zur Geschichte des Heimatbegriffs im Brockhaus

Zum Heimatbegriff
Alexander von der Borch Nitzling

Wie sagt man Heimat auf polnisch?
Bogdan Twardochleb

Wie lebt man als Pole in der (ehemaligen) Neumark?
Zbigniew Czarnuch

Von Ostpolen nach Westpolen.
Von Lublin nach Königsberg.
Robert Ryss

Jüdisches Kulturerbe in Westpolen – niemandes Erbe?
Andrzej Kirmiel


Heimatbrief Weststernberg.
Eine Zeitung auf Spurensuche.
Karl-Heinz Schneider

Bericht über die Konferenz „Was ist Heimat“ im Heimatbrief Weststernberg

HeimatReisen: Mit einer individuellen Reisebegleitung in die einstige Neumark
Caroline Mekelburg

HeimatReisen: Die Erinnerung fährt mit ...
Stephan Felsberg

HeimatReisen: Interview mit Jacqueline Nießer im Heimatbrief Weststernberg
K.H. Schneider

 

NEUE HEIMAT IN WEST- UND NORDPOLEN

Polen in Westpommern – sechzig Jahre nach dem Krieg.
Bogdan Twardochleb

Symbole der nationalen und konfessionellen Minderheiten in der Kulturlandschaft Westpommerns.
Janusz Mieczkowski

Über die Friedhöfe der „Anderen“.
Robert Ryss

Auf den Spuren der Religionen im Grenzland,
Zbigniew Czarnuch

 

UMSIEDLUNG, ANSIEDLUNG, ZWANGSDEPORTATION

Nostalgie und Wirklichkeit.
Schicksale der aus den früheren Ostgebieten ausgesiedelten Polen.
Jerzy Kochanowski

Zur polnischen Besiedlung der ehemals deutschen Gebiete nach dem Zweiten Weltkrieg.
Lebuser Land und Kreis Gubin.
Czesław Osękowski


Aktion „Weichsel“
Deportation der ukrainischen Bevölkerung in die Nord- und Westgebiete Polens.
Roman Drozd

Zur Aufnahme und Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Eberswalde 1945 - 1948
Mario Wenzel

 

ZUM UMGANG MIT JÜDISCHEN SPUREN IN DER DEUTSCH-POLNISCHEN GRENZREGION

Jüdisches Kulturerbe in Westpolen – niemandes Erbe?

Jüdische Spuren in Międyrzecz (Meseritz).
Andrzej Kirmiel

Zur Geschichte der Juden in Pommern.
Janusz Mieczkowski

Die Jüdische Gemeinde in Stettin.
Mikołaj Rozen

Jüdische Friedhöfe in Pommern.
Erhaltungszustand, denkmalpflegerische Probleme.
Mirosław Opęchowski

Dziedzictwo niczyje (Niemandes Erbe).
Robert Ryss
, Gazeta Chojeńska

Erste Sabbatfeier nach 75 Jahren in Zielona Góra (Grünberg).
Dietrich Schröder,
MOZ

Ein wiedergefundenes Stück Thora.
Dietrich Schröder,
MOZ

 

Erinnerung an die Juden in der brandenburgischen Grenzregion zu Polen

Zwischen Vergessen und Erinnerung.
Sven Sachenbacher

Juden in Wriezen.
Brigitte Heidenhain

Zum Umgang mit jüdischen Spuren im Oderbruch (Barnim-Lebus).
Reinhard Schmook

Kurze Geschichte des jüdischen Friedhofs Frankfurt (Oder) –
heute im polnischen Slubice gelegen.
Eckard Reiß

Juden in Frankfurt (Oder)
Helga Grune

Frankfurter Brücken nach Israel
Karin Sandow, MOZ

Jiddisch und Jiddische Literatur an der Europauniversität Viadrina.
Ingedore Rüdlin

Zum Umgang mit jüdischen Mitbürgern in den Heimatblättern der Vertriebenen
(am Beispiel Crossen)
Wilfried Reinicke

 

Gemeinsame Erinnerung?

Jüdischem Leben an der Oder auf der Spur.
Reinhard Schmook
, MOZ

Aus Synagoge wurde Wohnhaus.
Uwe Stiehler, MOZ

Jüdische Spuren im deutsch-polnischen Grenzgebiet.
Ewa Czerwiakowski
, Słowo

Spurensuche an der Oder.
Jüdisches im deutsch-polnischen Grenzgebiet
.
Hartmut Bomhoff
, Jüdische Zeitung

 

ORTE UND MENSCHEN

750 Jahre Landsberg an der Warthe – Gorzów Wielkopolski
Einweihung der Friedensglocke:
Pokój – Pax – Frieden / 1257-2007 / Landsberg an der Warthe – Gorzów Wielkopolski

Ansprache des Stadtpräsidenten von Gorzów
Tadeusz Jędrzejczak

Ansprache der Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg
Ursula Hasse-Dresing

Tag der Erinnerung und Versöhnung.
Gorzów ehrt verstorbene Landsberger.
Dariusz Barański, Gazeta Wyborcza

 

Eberswalde

Aktivitäten zur Stärkung demokratischer Alltagskultur
Kai Jahns, Koordinator „Lokaler Aktionsplan Barnim”

Gedenkbuch für die jüdischen Bürger Eberswaldes.
Ellen Behring

Im „Exil” in Eberswalde.
Ewa Czerwiakowski, Slowo

 

Waldfrieden (Zacisze)

Ein Vermächtnis von Hans Paasche.
Kämpfer für Frieden und Völkerverständigung ... 1920 „auf der Flucht” erschossen.
Werner Lange, Berlin

 

Witnica (Vietz)

Zuerst Mensch dann Pole – Zbigniew Czarnuch.
Dietrich Schröder, MOZ

Ein Stück Heimat – Ferdinand Pfeiffer und Zbigniew Czarnuch.
Thomas Gerlach, Słowo

 

Czelin (Zellin)

Geschichten über ein Paradies an der Oder.
Bogdan Twardochleb, Kurier Szczeciński

Geschichte(n) aus Czelin (Zellin)
Dietrich Schröder, MOZ

 

Mieszkowice (Bärwalde)

Eine Liebe überbrückt 50 Jahre.
Elvira Profé und Fortunat Mackiewicz.
Dietrich Schröder, MOZ

Menschen und Geschichten.
Reportagen von Remigiusz Rzepczak

Ursula, Urszula
Remigiusz Rzepczak

Przybyliśmy tylko na chwilę
Remigiusz Rzepczak

Człowiek wobec historii, czyli…
Remigiusz Rzepczak

Lopatko - Zycie po Oswiecimiu
Remigiusz Rzepczak

 

Myślibórz (Soldin)

Heimat an der Mietzel.
Marek Karolczak


Skwierzyna (Schwerin an der Warthe)

Jüdische Gemeinde und jüdischer Friedhof in Schwerin a.d. Warthe
Andrzej Kirmiel

Schülerprojekte zum Schutz des jüdischen Kulturerbes in Skwierzyna
Tomasz Watros

Skwierzyna: Die Gemeinde kümmert sich um den jüdischen Friedhof
Beata Igielska

 

Angermünde / Chojna (Königsberg Nm.) / Gartz / Bielin / Schwedt / Stolzenhagen ...

Filmvorführungen mit anschließender Diskussion

Spojrzenie przez rzekę, spojrzenie na siebie.
Robert Ryss, Gazeta Chojeńska

Ludzkie losy od dołu (Filme von Ute Badura: Schlesiens Wilder Westen und Wir sind etwas besonderes)
Robert Ryss, Gazeta Chojeńska

Milczały 60 lat (Film von Michael Majerski, Meimer Mutter Land)
Robert Ryss, Gazeta Chojeńska

Ludzie wśród Ludzie (Interview mit Michael Majerski)
Robert Ryss, Gazeta Chojeńska

Schüler und Senioren diesseits und jenseits der Oder
Ewa Czerwiakowski, Słowo

 

Nowe Warpno (Neuwarp am Stettiner Haff)

Von Neuwarp nach Nowe Warpno.
Vier Pfingsttreffen und eine gemeinsame Fotoausstellung der ehemaligen und heutigen Bewohner.
Andrzej Kotula / Jürgen Dittmann

Schandmal der Vertreibung.
Piotr Jasina, Głos Szczeciński


Deutsch-Polnische Studienreisen nach West- und Nordpolen im Rahmen des Projekts Spurensuche

I – Neumark 2004: Bielin/Bellin, Słońsk/Sonnenburg, Kostrzyn/Küstrin, Witnica/Vietz, Dąbroszyn/Tamsel, Chwarszczany/Quarttschen (Programm)
Berichte: Robert Ryss, „Mały ojczyzny“ (Heimaten), Gazeta Chojeńska;
Ewa Czerwiakowski, „Begegnung von Grenzgängern”, Słowo

II – Stettiner Haff, Stettin und Umgebung 2005: Nowe Warpno/Neuwarp, Police/Pölitz, Marianowo/Marienfließ, Stargard (Szczeciński), Stolec/Stolzenburg (Programm)
Bericht: Robert Ryss „Ślady zakryte i odkryte”, Gazeta Chojeńska
Marianowo / Marienfließ: Edward Leszczyński. Bogdan Twardochleb

III – Pommern 2005: Dobra Nowogardzka / Dober, Łobez/Labes, Czaplinek/Tempelburg, Borne Sulinowo, Biały Bór, Drawsko (Programm)
Berichte: Robert Ryss, „Po śladach starej i nowej ojczyzny”, Gazeta Chojeńska
Bogdan Twardochleb , Czaplinek / Tempelburg – die Identität eines Ortes

IV – Chojna/Königsberg und Umgebung 2006: Widuchowa/Fiddichow, Chojna/Königsberg, Cedynia/Zehden, Moryń/Mohrin, Osinów Dolny/Niederwutzen, Siekierki/Zäckerik, Gozdowice/Güstebieser Loose, Mieszkowice/Bärwalde, Witnica/Vietnitz, Chełm Dolny/Wartenberg, Letnin/Lettnin, Pyrzyce (Programm)
Berichte: Robert Ryss, „Współczesność i historia”
Ewa Czerwiakowski, „Eine Reise an die Peripherie von Geschichte und Gegenwart”

Spurensuche in der deutsch-polnischen Grenzregion. Erfahrungen.

Vorbemerkung
Die kontroverse, aggressiv geführte Debatte über das vom Bund der Vertriebenen in Berlin geplante Zentrum gegen Vertreibungen hat gezeigt, dass dieses Thema auch nach sechzig Jahren Gräben aufreißt. In der Grenzregion ist es allgegenwärtig, auf beiden Seiten der Oder leben Menschen, die ihre Heimat verlassen und ein neues Leben in der Fremde beginnen mussten. In der DDR und in Polen war Flucht und Vertreibung nach 1945 ein Tabuthema. Das wurde auf deutscher Seite besonders deutlich, als es Mitte der 90er Jahre in den neuen Bundes­ländern die Möglichkeit gab, als „Ausgleich“ für den verlorenen Besitz eine einmalige Summe von 4.000,- DM zu beantragen (von manchen Betroffenen wurde das damals auch als „Schweigegeld“ bezeichnet). Es stellte sich heraus, dass ein erheblicher Teil der in der Grenzregion lebenden deutschen Bevölkerung (in vielen grenznahen Orten bis zu 30%) aus Familien stammt, die aus den Gebieten jenseits der Oder geflohen oder von dort vertrieben worden waren. Auf der polnischen Seite hatten sich Menschen aus Zentralpolen, demobilisierte Soldaten und sog. Repatriierte von jenseits des Bug angesiedelt bzw. waren dort angesiedelt worden. Eine Region also, in der die Bevölkerung ausgetauscht worden war. Eine untypische Grenzregion: ohne Sprachgemisch, ohne Anflüge doppelter oder wechselnder Loyalität, ohne einen Hauch multikulturellen Lebens, eine Gegend, in der jeder Schritt über den Fluss ein Schritt in die Fremde war (ist?).

Bei deutsch-polnischen Veranstaltungen zum Thema, z.B. in Guben/Gubin im Dezember 1994, zeigte sich, dass es möglich ist, über schwierige, den Einzelnen schmerzhaft berührende Themen gemeinsam zu sprechen. Allerdings unter der Voraussetzung, dass das Schicksal, auch das Leid des jeweils Anderen anerkannt und die historische Abfolge (Krieg, Terror und Vernichtung, Flucht und Vertreibung) beachtet wird. Es zeigte sich aber auch, dass die gegenseitige Unkenntnis grenzenlos, dagegen die Fähigkeit sich zu verstehen (auch wörtlich gemeint) begrenzt ist. Denn hier leben nicht gerade die von Stefan Chwin beschriebenen Grenzgänger mit einer „durchaus unscharfen, passunähnlichen Identität“, die sich auch in der jeweiligen Nachbarsprache zuhause fühlen.

Heimatorte – Erinnern und Vergessen
Inzwischen sind Besuche in den Heimatorten zu einer allgemeinen Erscheinung geworden. Gerade an diesen Orten des Geschehens und der Erinnerung kreuzen sich die Lebenswege der ehemaligen und heutigen Bewohner. Hier besteht die Möglichkeit, das eigene Schicksal zu überdenken und die Schicksale der Anderen kennenzulernen. Das geschieht bereits in vielen ehemals deutschen, heute polnischen Orten in der (ehemaligen) Neumark, in Pommern oder Schlesien. Gemeinsame Ausstellungen, Schülerprojekte, ökumenische Gottesdienste und Heimatmuseen sind keine Seltenheit. In der Öffentlichkeit sind diese Initiativen wenig bekannt, dabei können gerade sie Nationalismus und Hysterie erfolgreich entgegenwirken, wenn man sich gegenseitig zuhört, die individuellen Schicksale ernst nimmt und die jeweils Einzelnen nicht umstandslos durch die Brille ihrer nationalen Zugehörigkeit definiert.

Auch die Einwohner der polnischen Westgebiete haben damit begonnen, in die alte Heimat im ehemaligen polnischen Osten zu fahren, z.B. aus Chojna, aus Czaplinek, aus Pyrzany. Über den Besuch der Polen aus Pyrzany in Kozaki berichtet ein polnischer Dokumentarfilm mit dem Titel „Alle von dort“ (Same stamtąd). In Pyrzany hat sich nach 1945 ein ganzes Dorf aus dem ehemaligen polnischen Osten (heute Ukraine) mit seinem Pfarrer neu angesiedelt. Der Gemeindevorsteher ließ an seiner Hauswand ein großes Gemälde anbringen, das eben den verlorenen Heimatort zeigt. Nach dem Besuch in Kozaki wurde das Bild an der Hauswand neu gemalt. Bei der Reise ging es um Erinnerungen, die alles andere als angenehm sind. Trotzdem wurde es ein freundschaftlicher Besuch. Und nachdem es die ganze Zeit um Erinnerungen ging, endet der Film mit der überraschenden, versöhnlichen Bemerkung einer älteren polnischen Dorfbewohnerin: „Ja, es war schrecklich. Aber man muß auch irgendwann mal vergessen können.“

60-Jahrfeiern in Westpolen 2005
Ich teile die These vieler meiner Kolleginnen und Kollegen nicht, in der Grenzregion sei alles ruhig und im Prinzip in Ordnung, während die Hauptstadtpolitiker und -journalisten der Hysterie verfallen. Meiner Meinung nach kommt darin ein Mangel an Phantasie zum Ausdruck. Den „Kampf zweier Linien“, wenn ich das einmal so nennen darf, gibt es regional und überregional, in Deutschland und in Polen. Noch heute sprechen einige polnische Bürgermeister von den „wiedergewonnenen Gebieten“, während sich andere mit den vorgefundenen kulturellen Hinterlassenschaften beschäftigen und Gedenktafeln oder Lapidaria an den Plätzen ehemals beseitigter Friedhöfe errichten. Beides findet man auch im gleichen Ort nebeneinander. Das vorgefundene Fremde hat für manche die Bedrohlichkeit verloren (in dem masurischen Ort Nakomiady wurde sogar ausgerechnet ein Bismarckdenkmal wieder aufgestellt), für andere nicht.

Speziell während der 60-Jahr-Feiern polnischer Orte im Jahr 2005 gehörte es nicht gerade zur Selbstverständlichkeit, die Geschichte der Orte vor 1945 in die Festlichkeiten einzubeziehen. Hier ging es vor allem um die erfolgreiche (Re)Polonisierung der nichtpolnischen Stadt. Und es zeigte sich, dass die alte Losung „Wir waren da, wir sind da, wir werden da sein“ noch nicht überall vergessen oder verschwunden ist („Jesteśmy, byliśmy, będziemy“, zu besichtigen z.B. als Inschrift eines Denkmals auf dem ehemaligen Crossener Marktplatz oder in Łobez / Labes). Eine Losung, die vielleicht am klarsten das Bündnis zwischen dem realsozialistischen Regime und der polnischen nationalen Rechten/„Patrioten“ nach 1945 (Verband zum Schutz der Westgebiete / Związek Ochrony Kresów Zachodnich, Polnischer Westbund / Polski Związek Zachodni) zum Ausdruck bringt.

Im Stadtmuseum in Stargard Szczeciński, das eine deutsch-polnische Gruppe während einer Studienreise im Jahre 2005 besuchte, gab es eine (die erste) und ausgesprochen interessante Ausstellung über die polnische Besiedlung der Stadt nach 1945. Die heutigen Bewohner der Stadt hatten zahlreiche private Erinnerungsstücke zur Verfügung gestellt. Am interessantesten für uns war jedoch eine polnische Eisenbahnnetzkarte (bis 1947), auf der die polnische Westgrenze bei Eberswalde eingezeichnet war und alle westlich der Oder gelegenen Orte bereits polnische Ortsnamen trugen. Deutsche Spuren sah man nur in denjenigen polnischen Dokumenten, die aus Papiermangel auf der unbedruckten Rückseite deutscher Dokumente ausgestellt worden waren. Es wurde gefragt, warum es denn keinerlei Exponate aus der deutschen Vergangenheit der Stadt gebe. Ob vielleicht noch keine Kontakte zu den alten Stargardern geknüpft worden seien? Oder ob die neuen Bewohner sich geweigert hätten, solche Dinge, die sie ja sicher auf dem Dachboden gefunden hätten, zur Verfügung zu stellen? Nein, das war nicht der Grund. Bereits früher hatte es durchaus Ausstellungen zum Thema Heimat „Gestern und Heute“ gegeben und es existieren auch Kontakte zu den ehemaligen deutschen Bewohnern. Trotzdem waren die Ausstellungsmacher (oder ihre Vorgesetzten?) zur Auffassung gekommen, dass man in einer Ausstellung über die polnische Besiedlung der Stadt lieber keine deutschen Exponate zeigen und das Thema Vertreibung nicht ansprechen wollte. Dazu sei es doch noch zu früh und die Gelegenheit unpassend. Es schien so als hätten Stargard und Stargard Szczeciński nichts miteinander zu tun. Ein Stettiner Journalist, den man getrost als überzeugten und verwurzelten polnischen Pommern bezeichnen könnte, auch wenn sein Vater aus Ostpolen stammt, fasste das Gesehene nachdenklich zusammen: Wie sicher fühlen sich die Polen denn heute in dem seit sechzig Jahren polnischen Westpommern? Verstehen sie das Spezifische dieser Region? Inwieweit identifizieren sie sich mit ihr? Allem Anschein nach fällt es doch noch immer vielen schwer, eine solche Frage zu beantworten.

Unterschiedliche Kontakte
Wie man auch an der Mediendebatte über das geplante Zentrum gegen Vertreibungen feststellen konnte, gibt es offensichtlich keinen einmal erreichten Stand des Wissens und der Information, hinter den man nicht zurückfallen könnte. Was einige Wissenschaftler längst erarbeitet haben, wird von anderen nicht geteilt und ist auch nicht identisch mit dem Bewusstsein größerer Teile der Gesellschaft. In der Grenzregion ist man zwar mit dieser Frage vertrauter als z.B. in Warschau, weil sie Bestandteil des Alltagslebens in den ehemaligen deutschen Gebieten ist und es in der Regel vielfältige Kontakte zu den ehemaligen Bewohnern gibt. Aber diese Kontakte sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von nostalgischen Fahrten in die Heimat ohne jeden Kontakt zu den heutigen Bewohnern, über Besuche, bei denen formelle Bekenntnisse auf offiziellen Treffen ausgetauscht werden, die niemanden berühren, bis hin zu tatsächlich intensiven Treffen und Gesprächen in einem offenherzigen Klima. Letzteres entsteht nur dann, wenn es einzelne Personen oder Initiativen gibt, die – neugierig auf die Anderen – mit Verständnis und kontinuierlichem Engagement ans Werk gehen und darüber hinaus noch fähig sind, eine Vermittlerrolle, auch sprachlich, zu spielen.

In Neuwarp/Nowe Warpno z.B. besuchen die Heimatfreunde Neuwarps schon seit Jahren regelmäßig zu Pfingsten ihren Heimatort am Stettiner Haff. Sie kommen aus Altwarp mit der Fähre, gehen einmal durch den Ort, essen vielleicht noch in der Bar Argus (wo dank einer Einzelinitiative an der Wand viele Postkarten mit alten Stadtansichten hängen) und kehren mit der Fähre nach Altwarp zurück. Treffen oder Gespräche mit den heutigen Einwohnern gab es nicht – bis zum letzten Jahr. Ein zugezogener Stettiner und das Projekt Spurensuche hatten gemeinsam mit einigen weiteren polnischen Bürgern Nowe Warpnos ein Treffen in der örtlichen Kirche vorbereitet. Zwar wollten die angereisten Deutschen sich noch nicht an der Diskussion beteiligen, kamen aber zur Veranstaltung. Inzwischen hat sich in Nowe Warpno ein Verein „Erinnerung und Tradition“ gegründet, der sich auch als Partner der Heimatfreunde Neuwarps versteht. Seine Mitglieder arbeiten an einer Ausstellung mit alten Fotos aus Nowe Warpno. Nun gehen sie durch die Häuser und fordern die Bewohner auf, alte Fotos zu suchen und auszuleihen. Sie diskutieren darüber, wer und was auf dem Foto zu sehen ist, von wann es stammen könnte. Das geschieht nach sechzig Jahren. Spät? Irgendwie schon, aber wie gut, dass es eine zivilgesellschaftliche Initiative gibt, die das diesjährige gemeinsame Pfingsttreffen vorbereitet.

Prozesse
Wir nehmen teil an einem Prozess, den wir selbst mitschaffen und beeinflussen, und der keineswegs automatisch zu mehr Verständnis führt. Auch die Bewohner der Grenzregion lesen Zeitung und gucken fern, und sie sind nicht immun gegen nationalistische Propaganda. Kontakte mit den ehemaligen Bewohnern sind auch nicht immer einfach, zu oft zeigen sich Überheblichkeit und Verachtung gegenüber Polen bzw. Slawen. Das hatte schon Theodor Fontane, im Unterschied zu Gustav Freytag kein Freund deutschen Größenwahns, kein Polenfeind und kein Antisemit, in seinem Roman „Vor dem Sturm“ thematisiert. Dort lässt Fontane offensichtlich mit großem Vergnügen und recht ironisch den preußischen Justizrat Turgany aus Frankfurt (Oder) mit dem Pastor Seidentopf aus Hohen-Vietz über die germanische oder slawische Herkunft ihrer archäologischen Funde streiten. Der preußische Justizrat polemisiert: Er [ein Bronzewagen] ist von jenseits der Oder. Wegearbeiter fanden ihn zwischen Reppen und Drossen. ... Drossen ist wendisch und heißt: Stadt am Wege. Die Oder war immer Grenzfluß. Und er belehrt Seidentopf: ... es zählt bei mir zu den Unbegreiflichkeiten, dass ein Mann von Deinem wissenschaftlichen Ernst, der sich in hundert anderen Stücken durch Vorurteilslosigkeit auszeichnet, die Kultur der slavischen Vorlande bestreiten kann. ... Von unserer alten Priegnitz an, in der wir geboren wurden, bis zu diesem Lande Lebus, in dem wir beide jetzt wohnen, tragen sowohl die Landesteile selbst, wie ihre Städte und Dörfer, zum ewigen Zeichen dessen, dass sie aus wendischen Händen hervorgingen, gut slavische Namen, in erster Reihe dieses Hohen-Vietz.

Von Fontane kann man auch lernen, dass es sich lohnt, einer Auseinandersetzung nicht aus dem Weg zu gehen. Es macht keinen Sinn um des lieben Friedens willen, die eigene Meinung und die eigenen Erfahrungen zu verschweigen. So redet man immer weiter aneinander vorbei, höflich und freundlich, kommt sich aber nicht näher, versteht sich nicht besser, lernt nichts hinzu. So hat es der Chefredakteur und Herausgeber einer Lokalzeitung in Königsberg/Chojna jahrelang erlebt. Er meint, die Kooperation mit den ehemaligen Bewohnern habe zwar viele Früchte gebracht, nach und nach werde die Marienkirche im Stadtzentrum, das es eigentlich auch nicht mehr gibt, wieder aufgebaut. Aber die jährlichen gemeinsamen Treffen mit den ehemaligen Königsbergern hätten bei den Einwohnern von Chojna nichts bewegt, weil man nicht offen miteinander sprach und umging. Von einem „polnischen Neumärker“ aus Witnica/Vietz, stammt der Rat, offen miteinander zu sprechen und bei Kontroversen ein Protokoll der Unstimmigkeiten zur weiteren Bearbeitung anzufertigen.

Offene Worte
Manchmal enden solche Versuche, die Ebene der gutgemeinten Worte zu verlassen und „sich alles zu sagen“, „die Wahrheit zu sagen“, „offene Worte zu sprechen“ aber auch erst einmal in einer kleinen Katastrophe. So eben im Fall Chojna/Königsberg. Er, der aus Lublin nach Chojna Gekommene, wollte mit einem ehemaligen Königsberger, der sich jahrelang für den Wiederaufbau der Marienkirche und die „deutsch-polnische Versöhnung“ eingesetzt hatte, endlich einmal offene Worte wechseln und bekam folgendes zu hören: Sie, Herr Ryss, wissen als gebildeter Pole, dass es keinen gleichwertigen polnischen Begriff für das deutsche Wort HEIMAT gibt. Die slawische Sprache kennt wohl nur das ‚kleine Vaterland’ dafür. Deswegen sind Polen als besonders stolze Patrioten katholischen Glaubens bekannt, die zwar jahrhundertelang immer möglichst viel Land erobern und als Jäger und Sammler beherrschen wollten, nicht aber im Schweiße ihres Angesichts den kargen neumärkischen Boden fruchtbar machen wollten.

Ähnlich verlief ein Mediations­versuch Frankfurter Studenten zwischen heutigen und ehemaligen Besitzern eines Gutshofs in der Neumark/Ziemia Lubuska. Leider teilen beide Heimatvertriebene bis heute die Auffassung, es habe 1939 keinen deutschen Überfall auf Polen gegeben, sondern eine Provokation Deutschlands durch polnische Militaristen bzw. durch eine „vollendete polnisch-französisch-britisch-chauvinistische Einkreisungspolitik“ Deutschlands. Angesichts solcher auch öffentlich vorgetragener Ansichten könnte man sich fragen, ob es nicht doch besser wäre zur Tabuisierung zurückzukehren? Aber nein. Diese beiden Personen repräsentieren nicht die deutschen Heimatvertriebenen, im zweiten Fall nicht einmal die eigene Familie. Sie haben sich ihre eigenen Fakten geschaffen, sind für Argumente nicht zugänglich. Daraus kann man nur lernen, dass es Gleichgesinnte und Gegner überall gibt, im eigenen wie im Nachbarland. Es kommt darauf an, die Gleichgesinnten zu finden und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Nationalisten und Rassisten gibt es überall (auch wenn manche Polen meinen, das sei ein ausschließlich deutsches Phänomen), mit ihnen kann man sich auseinandersetzen, eine Mediation ist da eher unangebracht. Auch ein Protokoll der Unstimmigkeiten würde hier wahrscheinlich wenig nützen.

Nachholbedarf
Hier in der Grenzregion gibt es tatsächlich noch einen großen Nachholbedarf bei der Überwindung des Schweigens der letzten Jahrzehnte. In den polnischen Westgebieten wird wie in Brandenburg, Mecklenburg Vorpommern oder Sachsen erst in den letzten Jahren darüber gesprochen, woher die Familie kommt, welche Heimat sie warum und unter welchen Bedingungen verlassen musste. In Westpolen kam nach 1945 eine neu zusammengewürfelte Bevölkerung aus den verschiedensten Gegenden Polens und mit den unterschiedlichsten Erfahrungen zusammen. Aber die Besonderheiten sollten nicht thematisiert werden, es ging um die Polonisierung der Westgebiete, da versprach eine gewaltsame Unifizierung der Bevölkerung mehr Erfolg. Besondere Symbole oder Symbole von Minderheiten, wie z.B. der in der Aktion Weichsel zwangsumgesiedelten und zerstreut und (theoretisch) mindestens 50 km von der Grenze entfernt angesiedelten Ukrainer, und erst recht der ehemaligen deutschen Bevölkerung waren unerwünscht. Zwar erzählt man sich im polnischen Westpommern untereinander, dass sich die aus Ostpolen Stammenden und die „Nationalen aus Großpolen mit ihrer historischen Polonisierungsmission“ nicht leiden konnten, aber in der Öffentlichkeit spielte das keine Rolle. Alles Nichtpolnische, alles Besondere musste verschwinden. Der schon zitierte Ex-Lubliner aus Chojna schreibt: Die Geschicke der nichtpolnischen Friedhöfe in Chojna und Umgebung berühren Tabuthemen, an denen es in unserem Land nicht fehlt, trotz Beseitigung der amtlichen Zensur. Man hat mir geraten, nach dem Schicksal des jüdischen Friedhofs lieber nicht herumzufragen, ähnlich wie auch nach der Art und Weise, auf die die Grabsteine in den umliegenden Bauernhöfen verwertet wurden. ... Ich war zuerst überzeugt, dass der Lubliner jüdische Friedhof den zweiten Weltkrieg überstanden hatte, weil er im Generalgouvernement und nicht im Reich lag. ... Ich erinnere mich an den Schock, als sich herausstellte, dass der jüdische Friedhof in Chojna in aller Ruhe den Krieg überstanden hatte und erst viel später, erst durch uns Polen zerstört und dem Erdboden gleichgemacht worden war.

Ein in der Regel eher verschwiegenes Thema ist auch das Schicksal der nach dem Krieg in Polen verbliebenen alleinstehenden deutschen Frauen, die sich später meistens mit polnischen Männern verheirateten. Jetzt gibt es darüber einen Film. Ursprünglich hatte er den Titel „Ich war eine Deutsche“, aber diejenige, die im Gespräch eben diese Bemerkung gemacht hatte, protestierte, weil sie ja schließlich immer noch Deutsche sei. In „Das Land meiner Mutter“ (diesen Titel führt der Film jetzt) eines Dokumentarfilmers deutsch-polnischer Herkunft erzählen einige dieser Frauen ihr Schicksal nach 1945. Sie waren in der Heimat geblieben, die keine Heimat mehr ist, weil sie in ihr allein zurückgeblieben sind. Jede hat sich auf ihre Weise arrangiert, mehr oder weniger glücklich. Frauen, die sich mit diesem Schicksal nicht versöhnt haben, gibt es sicher auch, aber im Film kommen sie nicht vor.

Auf ein gleichberechtigtes, verständnis- und rücksichtsvolles, offenes Klima der Zusammenarbeit sind wir in Landsberg an der Warthe/Gorzów Wielkopolski gestoßen. Dort besprechen die Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg und die Stadtverwaltung Gorzów alle Schritte gemeinsam, teilen sich die Arbeit und die Finanzen, kritisieren sich auch gegenseitig, wenn sie es für nötig halten. Christa Greuling, als ehemalige Landsbergerin sehr aktiv (vielleicht kennen Sie sie aus dem Film „Erinnerungen an die Stadt L.“ dreier polnischer DokumentaristInnen), berichtete, dass am zweiten September in Gorzów eine Friedensglocke mit folgender Inschrift eingeweiht werden soll: 1257 – 2007 Landsberg an der Warthe – Gorzów Wielkopolski. Am liebsten hätte sie es gesehen, wenn bei dieser Gelegenheit auch noch der Grunwaldzkiplatz, der früher Musterplatz, dann Platz der SA hieß, einen ganz neuen Namen erhalten hätte. Verhandelt wird noch darüber, welche Flaggen gezeigt und welche Hymnen ertönen dürfen.

Zeitzeugen
Es ist die Stunde der Zeitzeugen, obwohl diejenigen, die heute berichten können, damals kleine Kinder waren und jetzt Rentner sind. Das unterstützt bei den deutschen Zeitzeugen oft die sowieso vorhandene Tendenz, die Geschichte mit der Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat beginnen zu lassen. Etwas was zu Recht kein Pole verstehen oder akzeptieren kann, ebenso wenig wie die meisten Deutschen. Es gibt in der Grenzregion – und wir versuchen das zu unterstützen – einige gemeinsame Projekte zwischen Senioren, SchülerInnen und deren LehrerInnen. In Storkow und der Partnerstadt Opalenica entstand eine zweisprachige Broschüre mit 40 Zeitzeugenberichten (20 deutschen und 20 polnischen) durch die Zusammenarbeit des Storkower Seniorenbeirats und der Seniorenorganisation Opalenica mit der Europaschule Storkow, in der auch polnische Schüler lernen, und dem Lyzeum Opalenica. Polnische Schüler und Lehrer befragten Senioren in und um Opalenica und brachten 20 Geschichten zutage. Deutsche und polnische SchülerInnen der Europaschule Storkow übersetzten die Texte. Horst König, tatkräftiger Chef des Seniorenbeirats Storkow, schreibt in der Broschüre: Über lange Zeit hinweg saßen die Geschichten in den Köpfen der deutschen und polnischen Bürger und warteten ... auf diesen Abruf. Nun erfährt also auch die Generation der Enkel, wie es damals vor 60 Jahren wirklich war.

Tatsächlich zeigte es sich bei diesen Projekten, dass die Jugendlichen oft erst durch diese Arbeit herausfanden, woher ihre eigenen Eltern bzw. Großeltern kommen und was sie erlebt haben. So erging es den deutschen und polnischen Gymnasiasten einer Deutschlehrerin in Gartz, von der sie losgeschickt worden waren, ihre Eltern und Großeltern zu befragen und anschließend darüber zu schreiben. Die Form hatte sie ihnen freigestellt – Gedicht, Reportage, Essay, Tagebucheintragung. Die behandelten Geschichten erzählten vom Schicksal polnischer Zwangsarbeiter, nach Sibirien Deportierter, aus dem Osten Ausgesiedelter und vom Schicksal deutscher Flüchtlinge und Vertriebener. So erging es auch denjenigen, die in Stolzenhagen an der Oder an einer Videowerkstatt teilnahmen und mit Unterstützung von Experten kurze Dokumentarfilme drehten. Einer der Filme dokumentierte den ersten Besuch einer Uckermärkerin in ihrem Stolzenhagen gegenüber liegenden HeimatortHeimat Bielinek / Bellinchen. Im Film sieht man eine alte Postkarte, die zeigt wie Bellinchen vor dem Krieg, von der anderen Oderseite aus betrachtet, ausgesehen hatte: ein schmuckes Kleinstädtchen, direkt an der Oder. Blickt man heute von derselben Stelle auf diesen Ort, sieht man gar nichts. Es ist einer dieser Orte mit erschreckender Leere anstelle des alten Stadtzentrums. Aber das eigene Haus stand noch. Die neuen Eigentümer hatten es unlängst erworben und renoviert. Sie waren jung, gastfreundlich und aufgeschlossen. Die Renovierungsarbeiten gefielen der ehemaligen Bewohnerin sehr gut. Der gewünschte aber auch gefürchtete Besuch war gut ausgegangen. Ihre Heimat ist heute woanders. Später wurden alle beteiligten Zeitzeugen, die SchülerInnen und der örtliche Kreisverband der Vertriebenen eingeladen, um die entstandenen Filme anzusehen und zu diskutieren.

Bei Veranstaltungen mit Zeitzeugen kann es natürlich nicht darum gehen, ihnen andächtig zuzuhören und den Bericht unhinterfragt stehen zu lassen. Man erinnert sich in der Regel nur an bestimmte Dinge, verdrängt andere, oder deutet sie vielleicht auch um. Die Zeitzeugen sind sehr wichtig, man muß aber lernen, nachzufragen. Es gibt auch schlechte Routine oder Vortragende, die ihre eigenen Berichte für unhinterfragbar halten und sich für ihre Zuhörer oder Gesprächspartner eigentlich nicht interessieren. Dann ist eine gute Moderation gefragt. Natürlich kann es einfach Irrtümer geben. Ein polnischer Soziologe aus Grünberg/Zielona Góra kritisierte kürzlich das „Gerede von den ersten Pionieren in Krosno/Crossen“, die sich bereits im April 1945 in leerstehenden Häusern einquartiert hätten, und tatsächlich weder Pioniere noch Patrioten, sondern einfach Profiteure gewesen seien. Nicht wenige deutsche Zeitzeugen behalten ihre wirkliche Meinung oft für sich, weil sie glauben, sie sei den Polen nicht zumutbar. Das führt dazu, dass diese Meinungen unveränderbar sind, weil sie nur dort geäußert werden, wo Zustimmung sicher ist. Neue Erkenntnisse kann man auf diese Weise nicht gewinnen und es entsteht Misstrauen auf beiden Seiten.

Netzwerk
Initiativen und Einzelpersonen arbeiten im Projekt Spurensuche – Po śladach an der Schaffung eines regionalen Netzwerks in der Grenzregion. Es gibt, wie erwähnt, Zeitzeugengespräche, Film- und Vortragsabende, Studienreisen und eine deutsch-polnische Presseübersicht „Transodra Spezial“ mit Unterstützung seitens des deutsch-polnischen Journalistenclubs „Unter Stereo-Typen“. Eine zweisprachige Ausstellung über deutsche und polnische Vertreibungsschicksale wandert durch die Region, neue Ausstellungen entstehen. Die Arbeit wird in der Zeitschrift „Transodra“ dokumentiert. Das Projekt Spurensuche ist Bestandteil des mit EU-Mitteln geförderten Projektes „Zivile Brücken – Mosty społeczne“ der Ausländerbeauftragten des Landes Brandenburg. Die Kommunikation untereinander ist hilfreich und nützlich, sie erweitert das Verständnis der Grenzregion. Das angestrebte Netzwerk verstehen wir als Gegenpol eines eventuellen Zentrums in Berlin (das ja vielleicht gar nicht entsteht), als eine Vernetzung von Initiativen und Personen an der gesellschaftlichen Basis. Ob dieses Netzwerk auch eine feste Organisationsform erhält, wird die Zukunft zeigen. Work in progress, wie man so sagt. Versprechen können wir nichts.

Vortrag auf der Konferenz Oder-Odra an der
Europauniversität Viadrina vom 27.-30.4.2006
Projekt Spurensuche / Po śladach: www.dpg-brandenburg.de

Nachwort
Nach Fertigstellung dieses Textes bekam ich die letzten beiden Ausgaben der Gazeta Chojeńska zugeschickt, meine liebste polnische Lokalzeitung. In der vorletzten Ausgabe finde ich einen Leserbrief von W. Wojciechowicz aus Banie/Bahn an die Redaktion. Wojciechowicz fragt nach der Schlacht bei Cedynia/Zehden im Jahre 972, die in seinem Heimatort im Zusammenhang mit dem Gedenktag „61 Jahre Polen in Banie“ wieder aufgetaucht sei. Er fragt, wem gehörte eigentlich 972 das Gebiet? Wer lebte dort? Was heißt in diesem Zusammenhang Rückkehr ins Mutterland?

Der hier bereits erwähnte Robert Ryss, Herausgeber und Chefredakteur erläutert in seiner Antwort die Geschichte dieser Gegend etwa vom 4. Jahrhundert bis heute (übrigens nicht das erste Mal) und beendet den Artikel so: Auf Halbwahrheiten und Fälschungen kann man nichts Wertvolles aufbauen. ... Heute sind diese Gebiete polnisch. Um das zu beweisen ist es nicht nötig die Geschichte zu manipulieren. Zeigen wir unseren Patriotismus, indem wir unsere Städte, Dörfer, Straßen und Siedlungen verschönern, bereichern, sie kulturell und zivilisatorisch weiter entwickeln. Heutzutae gibt es nichts, an dem man unsere Liebe zum Vaterland besser messen könnte.

(Gazeta Chojeńska 14 (613), 4.-10.4.2006, www.gazeta.chojna.com.pl )

Geschichtspolitik – Geschichte im Dienst der Politik?

Zum polnischen Streit über Geschichte und Gedächtnis

Es sei darauf hingewiesen, dass der folgende Vortrag, wie alle auf der Konferenz „Was ist Heimat“ am 18./19.11.2006 im Collegium Polonicum zu einem Zeitpunkt gehalten wurden, als die PIS-Regierungskoalition noch am Ruder war. Die Abwahl dieser Regierung erfolgte am 23.10.2007.

Erinnerung und Interpretation der Vergangenheit gehören zu den elementaren Funktionen einer jeden Gesellschaft und einer jeden Nation seit Beginn ihrer Existenz. Unabhängig von den gesellschaftlich-politischen Bedingungen war diese Sphäre niemals ausschließlich professionellen Historikern vorbehalten. Bild und Vision von Geschichte, Geschichtsbewusstsein waren stets ein wichtiges Element der Politik, von weltlicher als auch geistlicher Macht, sowie von Klassen-, gesellschaftlicher und nationaler Interessen. Die Geschichte hat immer zu irgendetwas bzw. irgendjemandem gedient. Als Gegenstand des öffentlichen Interesses weckt die Vergangenheit immer noch heiße Emotionen. Die Intensität, mit der in Polen zu Anfang des 21. Jahrhunderts eine Debatte über Geschichte im Dienste der Politik entflammt, ist es wert, wissenschaftlich reflektiert zu werden.

Das wachsende Interesse an der Vergangenheit und die damit verbundene Debatte hat vielfältige Ursachen. Die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert führte zu Auseinandersetzungen zwischen den Generationen, zwischen Siegern und Verlierern des Kalten Krieges, zwischen den in die totalitären Systeme Verstrickten und ihrer Opposition. Die demokratische Wende hat in Ostmitteleuropa eine Schleuse geöffnet, durch die Erfahrungen sowohl aus den Zeiten vor 1945 als auch danach an die Oberfläche kamen. Mit dem Fall des bipolaren Europa brach auch ein bestimmtes Bild der Vergangenheit zusammen. Die Pluralisierung der Gesellschaft hat eine Vielfalt von Geschichtsbildern zutage gefördert. Die großen Metamorphosen der politischen Systeme im Zentrum des Alten Kontinents, ethnische Konflikte, das Auseinanderfallen alter sowie die Schaffung neuer Nationalstaaten am Ende des 20. Jahrhunderts verhalfen der Geschichte zu erstrangiger politischer Bedeutung.

Nach dem Sturz des Kommunismus nahm man eine eilige Kanonisierung der einen und eine Entthronung anderer Helden vor. Im Jahr 2005, das für Polen wie für andere europäische Völker bedeutende Jahrestage mit sich brachte, wurden Rituale und Themen, die mit dem Erbe der beiden Diktaturen, mit der Frage von Verantwortung und Verrat, Amnestie und Amnesie, mit der Rehabilitierung der Opfer und Bestrafung der Schuldigen zusammenhingen, zu wichtigen öffentlichen Ereignissen erklärt.

Zugleich wuchs das Bedürfnis nach neuen Gründungsmythen, nach der Legitimation der Verbundenheit mit der Nation, der nationalen Identität unter den neuen demokratischen Bedingungen. Die von der Zensur befreiten Gesellschaften revidierten die Geschichte. Die Ablehnung des bisherigen, uniformierten Geschichtsbildes, die Vielfalt an Angeboten, Lehrbüchern, Erinnerungsliteratur, vor allem aber das massenhafte Interesse an Geschichte sowie die moderne mediale Vermittlung von Geschichtsbildern fördert nicht nur einen breiten Gedankenaustausch, sondern bringt auch Spannungen und Angstgefühle mit sich. Heftige gesellschaftliche Veränderungen in der Globalisierungsepoche wecken Zukunftsängste, die mit einem Gefühl von Vergangenheitsverlust korrespondieren. In dieser Situation erfüllt das Zelebrieren von Jahrestagen und Nationalfeiertagen eine Kompensationsfunktion. Für die neuen Mitglieder der Europäischen Union, auch für Polen, wurden Nationalstolz und neuer Patriotismus zu wichtigen Elementen des Gleichgewichts in der neuen, noch wenig bekannten Welt.

Der Begriff Geschichtspolitik wurde in den polnischen Diskurs aus der deutschen Publizistik übernommen. Er tritt als Medienslogan, als Schlagwort, als politische Forderung oder als Argument in den politisch-historischen Kontroversen auf und ist eher mit Emotionen als mit einem Erkenntnisinteresse behaftet. Aufgrund des Missbrauchs der Geschichte seitens Diktaturen, sowohl der nationalsozialistischen als auch der kommunistischen, erweckt dieser Begriff vor allem negative Assoziationen. Es ist schwer, sich heute mit der Tatsache abzufinden, dass das historische Gedächtnis im demokratischen Staat und in der Massengesellschaft vielstimmig, dynamisch, beschleunigt und kommerzialisiert ist. Auf brennende politische Probleme der Gegenwart sucht man Antworten in der Vergangenheit. Die Geschichtspolitik nach 1989 hat überall ihr janusköpfiges Antlitz enthüllt. Dort, wo sich alles überlagert – das Bedürfnis nach echtem Wissen über das Wesen des totalitären Systems, die Suche nach Tätern und Opfern, Wiedergutmachung, Moral – steigt die Bedeutung der politischen Sensibilität, und Distanz ist unentbehrlich.

Determinanten und Charakteristika der polnischen Auseinandersetzung

Das Thema Geschichtspolitik taucht seit einigen Jahren in den polnischen Medien auf, ist Gegenstand zahlreicher Konferenzen und politischer Appelle und Bestandteil der gesamten Wandlungen der politischen Kultur im postkommunistischen Europa nach 1989. Der Ausbruch dieser Debatte ist eine Reaktion auf die Renaissance der historischen Erinnerung in Deutschland, auf das offensichtlich ungenügende Wissen über die neueste Geschichte Polens in Westeuropa und zugleich eine Antwort auf die Manipulation und Arroganz der russischen politischen Führer. Diese Tatsache bestimmt den Charakter dieser Debatte von Anfang an. Solche Abwehrhaltungen erschweren die Bestimmung positiver Ziele, sind geprägt durch Augenblicksbedürfnisse, mobilisieren Emotionen und kommen in blinden Rundumschlägen zum Ausdruck, was Rang und Seriosität der Debatte mindert.

Obwohl das Engagement für die Diskussion über Geschichtspolitik teilweise dem Bedürfnis folgt, ein Modell der Staatstätigkeit in diesem Bereich zu definieren, also positive Voraussetzungen zu schaffen, ist der Inhalt dieser Debatte in entscheidendem Maße negativ bestimmt. Grundlegendes Charakteristikum und polnisches Spezifikum dieser Debatte sind Demontage, Negation und Kampf. Denn die Losung der Geschichtspolitik ist für die heute regierenden politischen Kräfte und deren intellektuelle Unterstützer zu einem wichtigen Argument des Streits um die sogenannte Vierte Republik geworden. Diese Losung richtet sich gegen alle Regierungen nach 1989 und gegen die Eliten, die an der Transformation Polens beteiligt waren.

Schuld und Verantwortung

Ein integrales Element jedes Umbruchs ist der Versuch, die alte Geschichtsinterpretation zu negieren und lächerlich zu machen sowie die alten Eliten zu denunzieren. Obwohl gerade die Diktaturen aller Art diesen Mechanismus am besten beherrschen, stellt sich heraus, dass die politischen Entscheidungsträger, die in der öffentlichen Meinung den Ton angeben, ähnliche Techniken und eine ähnliche Propagandasprache benutzen. Mangelnde Reflexion über die Inhalte dessen, was als Geschichtspolitik bezeichnet wird, hat bewirkt, dass sich dieser Terminus im Verlauf des Wahlkampfes und der öffentlichen Debatte als Quelle eines unerschöpflichen Arsenals sich widersprechender Argumente und Scheinrezepte für die Heilung des Landes erwies. Dieser Begriff umfasste Fakten und Phänomene sowohl der Innenpolitik (u. a. Bildung, Erziehung zum Patriotismus, Lustration, Entkommunisierung, Kombattantenprobleme, nationale Identität, Umgang mit Minderheiten) als auch der Außenpolitik (Formen und Umfang der Selbstdarstellung Polens in der Welt, das Verhältnis zu den Nachbarn und ihrem historischen Erbe, Entschädigungen).

Zu Beginn der Debatte wurde die von Grund auf falsche These aufgestellt, alle bisherigen Regierungen und Eliten hätten die Vergangenheit radikal abgelehnt und die Tradition vernachlässigt. In ihrem Vorwort zu den Konferenzmaterialien zum Thema Geschichtspolitik formulierten Dariusz Gawin, stellvertretender Direktor des Warschauer-Aufstands-Museums und Paweł Kowal, Historiker und Koautor des Museumskonzepts, den Vorwurf, „die Politiker hätten sich hauptsächlich auf Wirtschaftsdaten und komplizierte Transformationsprozesse konzentriert. Unter diesen Bedingungen sollte die Politik zu einer Kunst von Technokraten werden. Die Sphäre der Symbole und der Identität, die Debatten über Werte und Wertvorstellungen habe man als Ersatzthemen bezeichnet, als rhetorische Losungen von Demagogen und Populisten.“ (1)

Beinahe jede Publikation zur affirmativen Bestätigung der neuen Geschichtspolitik wiederholt diese Kritik, die meist zu der Feststellung führt, dass Patriotismus, Stolz auf die eigene Geschichte und die Verbundenheit mit den vorherigen Generationen bisher als Anachronismus betrachtet worden seien, als ein Hindernis für die modern begriffene Europäisierung und Demokratisierung der Gesellschaft. Die rhetorische Grundannahme der Initiatoren der Geschichtspolitik lautet: „Während Ihr vor der Geschichte geflüchtet seid, kehren wir triumphierend zu ihr zurück; Ihr habt euch für Europa entschieden, wir für die Nation und den Patriotismus; Ihr für den Liberalismus, und damit für Konsumismus und Ablehnung von Werten, wir für die Gemeinschaft.“ Diese Aussage lässt sich jedoch logisch überhaupt nicht begründen.

Die Idee der neuen Geschichtspolitik findet leicht den Beifall der im weitesten Sinne rechten Kreise, allein schon aus dem Grunde, weil der Hauptgegenstand des Angriffs ihrer Verfechter die vage umrissene Linke ist. In der Praxis sind damit die postkommunistischen und die Post-Solidarność-Kräfte sowie die Liberalen gemeint. „Die Postkommunisten haben das Lied vom Ende der Geschichte angestimmt“, schreibt Grzegorz Górny und unterstellt damit, dass es jenen mit Hilfe der Post-Solidarność-Kreise gelungen sei, „einen großen Teil der Gesellschaft davon zu überzeugen, dass man die Geschichte den Historikern überlassen und sie nicht mit öffentlichen Aktivitäten vermischen sollte“ (2)

Prof. Andrzej Nowak, Chefredakteur der historischen Zeitschrift Arkana, einer der Teilnehmer der am 30. März 2006 im Institut zum Nationalen Gedenken (IPN) organisierten Konferenz zum Thema „Polnisches historisches Gedächtnis“, gehört zu der Gruppe von Radikalen, die sich beim Aufspüren jener überbieten, die des historischen Eskapismus geziehen werden. Im Kampf um die Rehabilitierung der romantischen Tradition setzt der Autor die Propaganda der Dritten Polnischen Republik der Propaganda der Volksrepublik Polen gleich. Beide hätten „dem historischen Gedächtnis“ Unrecht zugefügt, indem sie es ad acta legten. Im Namen der gesellschaftlichen und nationalen Gerechtigkeit fordert Nowak, die wahren Helden aufzuzeigen, „deren Platz siebzig Jahre lang auf dem Müllhaufen der Geschichte war, wo man sie auch in den letzten fünfzehn Jahren zu halten versuchte“. Die Dritte Republik stellt für ihn nur eine Fortsetzung jener Denkschule dar, die Nihilismus propagierte und den Polen das Gefühl des Nationalstolzes raubte. Der Autor sieht sich also als Sprecher der Gegenpropaganda. Ihr Ziel soll darin bestehen, der romantischen Tradition im Namen einer nicht näher präzisierten Zukunftsvision zum Wohle des Staates ihre Würde zurückzugeben, des Staates als „einer Gemeinschaft von Staatsbürgern, die in dieser Gemeinschaft bleiben und sie nicht beschämt verlassen wollen“ (3).

Zum Chor der Kritiker der Dritten Republik, des dicken Striches und des runden Tisches als Verursacher der Schwächung aller Gemeinschaftlichkeit, gehört Zdzisław Krasnodębski, Sozialwissenschaftler an der Universität Bremen und Professor an der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität in Warschau. Er geht davon aus, dass „die Ideologie des polnischen Liberalismus und der Utopie einer offenen Gesellschaft (…) das Bedürfnis nach kollektivem Gedächtnis und staatlicher Geschichtspolitik negiert“ (4).

Jarosław Kaczyński, gegenwärtiger [inzwischen ehemaliger] Premierminister und Vorsitzender von Recht und Gerechtigkeit (PiS) behauptete vor der gewonnenen Wahl vom 25. September 2005, seine politischen Gegner seien schuld an der Negierung des historischen Gedächtnisses. Er verbarg seine Absichten auch nicht. Die Brandmarkung „übertriebener Sittentoleranz“ des Post-Solidarność-Liberalismus diente ihm als Ausgangspunkt für die Durchsetzung einer „moralischen Revolution“. Es sind die an die Macht gelangten neuen politischen Kräfte, die den Staat erwärmen und ihn mit einer Gemeinschaft aus Vision und historischem Gedächtnis umgeben sollen.

Die Geschichte als Opfer der Dritten Republik wird zum Thema der höchsten polnischen Amtsträger. Kazimierz Michał Ujazdowski, bereits in den Jahren 2000-2001 sowie in der gegenwärtigen Regierung von Jarosław Kaczyński Minister für Kultur und Nationales Erbe, Mitbegründer der PiS, schreibt folgendes: „Man könnte den Eindruck haben, dass ein Teil der liberalen und linken Eliten uns vor die unangenehme Alternative stellt: entweder Größenwahn oder Amnesie. Die Pflege historischer Traditionen erweist sich als unmodern und schädlich für die Entwicklung der Gesellschaft.“ (5)

Dabei darf die Beschäftigung mit der Vergangenheit in keinem Staat zur politischen Priorität werden. Andererseits kann es sich jedoch kein Staat erlauben, wichtige Nationalfeiertage, Jahrestage, Symbole und Rituale zu ignorieren. Die für die Demokratisierung und Modernisierung Polens nach der Wende 1989/1990 verantwortlichen politischen Eliten waren sich dessen vollkommen bewusst. Für ein Land, das aus einem tiefen Kollaps herauskam, war die Vergangenheit eine wichtige, jedoch keinesfalls die wichtigste Aufgabe. Die Schöpfer des demokratischen Polen mussten sich nämlich mit dem Erbe sowohl der inneren als auch der äußeren Gespenster der Vergangenheit auseinandersetzen, im gesamtstaatlichen wie im regionalen Rahmen. Die Dritte Republik hatte es seit ihrer Geburtsstunde mit der symbolischen Sphäre eines Staates zu tun, der seine Souveränität wiedererlangt hatte. Der Bruch mit der Vergangenheit der Volksrepublik Polen verlangte von der ersten Regierung eine Anknüpfung an die besten historischen Traditionen des Landes: der Aufbauprozess der Grundlagen eines neuen historischen Bewusstseins umfasste die Änderung des Staatsnamens und Staatswappens, die Übergabe der Machtinsignien durch den letzten Exilpräsidenten, Ryszard Kaczorowski, an Lech Wałęsa am 22. Dezember 1990, die gesamte Reorganisation staatlicher Institutionen bis zur Verkündung einer neuen Verfassung der Republik.

Geschichtspolitik war ohne überflüssige Deklarationen und verbale Aushängeschilder zum Element des Alltags geworden. Zum Ausdruck kam das u.a. darin, dass der Feiertag des 22. Juli abgeschafft wurde und stattdessen die Feiertage des 3. Mai und 11. November ihren entsprechenden Rang zurückerhielten, dass die Jahrestage der wichtigsten Ereignisse, die mit der Oppositionsbewegung in der Volksrepublik Polen zusammen hingen (u.a. die Entstehung der Solidarność) feierlich begangen wurden. Es gab einen langen Prozess von Umbenennungen der Straßen und der Schulpatronate, die Denkmallandschaft im ganzen Land und die Politik der staatlichen Auszeichnungen wurde geändert, die Opfer des stalinistischen Terrors wurden rehabilitiert (Wiederaufnahme von Prozessen, Entschädigungen, moralische Wiedergutmachung), den Funktionären des Sicherheitsdienstes (UB) wurden ihre Veteranen-Privilegien entzogen und im Jahre 2000 das Institut zum Nationalen Gedenken (IPN) gegründet.

Die erste Regierung hatte epochale Maßnahmen im Bereich der Normalisierung der Beziehungen nicht nur zu den polnischen Nachbarn ergriffen. Beide Verträge mit der Bundesrepublik Deutschland, sowohl der Grenzvertrag aus dem Jahr 1990 als auch der Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit von 1991, waren Meilensteine auf dem Weg zur Bewältigung des tragischen Erbes der Vergangenheit. Das Verbrechen von Katyń wurde zum Gegenstand zahlreicher Gespräche und Aktivitäten der Eliten im Rahmen der Beziehungen zu Russland. In den neunziger Jahren bemühte man sich auch um eine neue Beschäftigung mit der Vergangenheit in den Beziehungen zur Ukraine und zu Litauen. Es wurden Institutionen und wissenschaftliche Einrichtungen, Stiftungen und kulturelle gesellschaftliche Organisationen ins Leben gerufen, deren wichtigste Aufgabe in der Pflege des historischen Gedächtnisses bestand. Die Abschaffung der Zensur weckte eine Begeisterung, die ihren Ausdruck in einem enormen Interesse für Geschichte fand. Ihr Ergebnis ist nicht nur eine unüberschaubare Menge an wissenschaftlicher Literatur, die den bisherigen Tabuthemen, dem Ausfüllen weißer Flecke, der Verifizierung von Lügen und falschen Thesen gewidmet war. Die Wiederherstellung der Nähe zwischen den Bürgern und ihrer Geschichte fand seinen Ausdruck darin, dass vielen Orten und Regionen Geschichte und Gedächtnis in ihrer ganzen multikulturellen Dimension wiedergegeben wurden. Die großen und kleinen Städte erhielten ihre vielfarbige Geschichte zurück. Die Renaissance lokaler Traditionen in Ermland und Masuren, Schlesien und Kaschubien bringt die Rückkehr alter Feste, die Pflege der Dialekte, der Literatur und somit eine Stärkung der zwischenmenschlichen Bindungen (6).

Zwei Patriotismen

Jedes Volk hat das natürliche Bedürfnis, auf das eigene Vaterland stolz zu sein. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Polen nicht von anderen Ländern, nicht nur europäischen. Die Eigenschaft jedoch, die viele Polen von anderen unterscheidet, und das bestätigen sowohl die Geschichtspolitikdebatte als auch eine Reihe internationaler empirischer Untersuchungen, ist die Überzeugung, dass der Tribut des Opfers und des Martyriums, den wir dem Altar der Geschichte gezollt haben, sowie die Verdienste im Kampf gegen Nationalsozialismus und Kommunismus uns eine moralische Überlegenheit verleihen. Das bringt weitreichende Konsequenzen mit sich.

Die von der PiS im Parlaments- und Präsidentschaftswahlkampf forcierte Aufteilung in das „liberale“ und das „solidarische“ Polen war nicht nur billiger Wahltrick. Der Gesellschaft wurde weisgemacht, dass man sich – wenn man für diese Partei sei – für die Wärme der Gemeinschaft und das Wohl der Allgemeinheit entscheide, dagegen bedeute das Ausharren bei der Bürgerplattform und den Gruppierungen des Zentrums eine Entscheidung für den kalten Kapitalismus, den Egoismus des Individuums und die moderne Demoralisierung. Die heutigen Aussagen der Apologeten der neuen Geschichtspolitik knüpfen unkritisch an diese Aufteilung an, wobei sie den politischen Gegnern zugleich unterstellen, bewusst den Patriotismus und die gemeinschaftliche nationale Identität geschwächt zu haben.

Die Aussagen mancher führender Politiker darüber, welche Geschichtspolitik Polen brauche, enthielten eine Kritik der bisherigen patriotischen Erziehung. Die Kreativität des Lehrers, die Vielfalt an Lehrprogrammen und Schulinitiativen, die Freiheit bei der Auswahl von Lehrbüchern werden heute als eine ernsthafte Gefährdung im Prozess der historischen Erziehung betrachtet. Die Forderung nach Vereinheitlichung des Inhaltes einer patriotischen Erziehung, die Ideen von Bildungsminister Roman Giertych, u. a. „Patriotismuserziehung“ als eigenständiges Unterrichtsfach einzuführen und die Geschichte Polens im Unterricht von der Weltgeschichte abzutrennen, angesichts einer ohnehin verschwindend geringen Anzahl von Stunden, die der Geschichte in der Schule gewidmet werden, müssen verständliche Besorgnis erwecken. Um so mehr, als die Hauptvorwürfe der Politikhistoriker oder Geschichtspolitiker auf Methode und Grundsätze der Geschichtswissenschaft zielen. Das, was ihre Natur und eine Bedingung sine qua non der Wissenschaft darstellt – das kritische Herangehen –, wird als grundlegende Schwäche der bisherigen Forschung betrachtet. Was für jeden Forscher verbindlich ist, das Bestreben Ursachen und Umstände von Ereignissen zu untersuchen, Mythen zu entlarven und das Bild der Geschichte zu verifizieren wurde an den Pranger der Kritik gestellt. Die Patriotismuslektion, die die Verfechter der neuen Geschichtspolitik erteilen wollen, basiert auf der Verteidigung von Geschichtsmythen und der Verfechtung einer selektiven, einen, einzig richtigen Wahrheit.

Die polnischen historischen Erfahrungen sollen auf ein affirmatives Gedächtnis reduziert werden, das nur ein Motiv kennt, das freiheitliche. Die Idee der Freiheit nimmt „den zentralen Platz in der Geschichte der polnischen politischen Gemeinschaft ein und stellt unseren größten Beitrag zum europäischen Erbe dar, daher soll sie auch das Fundament des zeitgenössischen staatsbürgerlichen Patriotismus bilden.“(7) Die Geschichte Polens reduziert sich jedoch nicht ausschließlich auf die Union mit Litauen, die Union von Lublin, die Erfahrungen der Teilungen, die Zurückschlagung des bolschewistischen Angriffs im Jahre 1920, die Heimatarmee, den Warschauer Aufstand oder mutige Handlungen der polnischen Kirche und der Solidarność. Man könnte fragen, ob Beispiele von fehlender Toleranz, Pogrome, die an der jüdischen und deutschen Bevölkerung begangen wurden und Beispiele von Kollaboration und Denunziation – im Falle von verdienten Kirchenvertretern besonders schmerzhaft – das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft destabilisieren und patriotische Gefühle schwächen? Wer garantiert, dass das Verschweigen der dunklen Seiten der polnischen – aus dem internationalen Kontext herausgelösten – Geschichte, und die einseitige Präsentation polnischen Ruhmes die junge, weltoffene Generation davon überzeugen wird, eine solche Variante des Patriotismus zu akzeptieren?

Weder polnische noch internationale Untersuchungen bestätigen die alarmistische Diagnose vom Zustand der Identität und vom Verschwinden patriotischer Gefühle, wie sie von Politikern der regierenden Parteien forciert vertreten wird. Obwohl die polnische Verfassung eine staatsbürgerliche Definition der Nation beinhaltet, vertreten die Polen ein ethnisches Verständnis der nationalen Zugehörigkeit in seiner traditionellen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Bedeutung. Es dominiert die nationale Selbstkreation. Aus Untersuchungen ergibt sich das Bild eines Polen, der seinen Stolz nicht aus den zivilisatorischen Leistungen und dem demokratischen Wandel schöpft, sondern aus den historischen Erfahrungen Polens als Opfer und Held von Befreiungskämpfen. Was uns unterscheidet, ist unsere narzisstische Natur, das Gefühl, Opfer anderer Völker, kommunistischer Politiker und von Globalisten zu sein. Für unseren besonderen Beitrag zum nicht näher präzisierten Wohle der Menschheit erwarten wir moralische und materielle Wiedergutmachung. Unsere Leiden und das erfahrene Unrecht sind eine Folge der Treue gegenüber bestimmten Traditionen. Der Tribut des Opfers und Martyriums, den wir dem Altar der Geschichte zollten, wie auch die Verdienste im Kampf gegen Nationalsozialismus und Kommunismus verleihen uns eine moralische Überlegenheit.

Forschungsergebnisse zeigen auch, dass das forcierte Modell der Geschichtspolitik, das eine kritische Haltung gegenüber der Geschichte ausschließt und den Patriotismus auf der Organisation des Gedächtnisses im Interesse der einen, einzig richtigen politischen Option aufbaut, die Gestaltung einer demokratischen politischen Kultur erschwert. Die Kreation eines affirmativen Patriotismus berücksichtigt nicht, dass es neben den Kreisen, die der Tradition der Heimatarmee, des Warschauer Aufstands und der Solidarność gedenken, noch viele andere Gedächtnisgemeinschaften gibt. Sie ignoriert die Tatsache, dass Polen die wenigsten Nichtregierungsorganisationen in ganz Europa hat, die staatsbürgerliches Engagement freisetzen und ein wichtiger Initiator von Gruppenbindungen sind. Dabei wird auch die elementare Tatsache nicht berücksichtigt, dass objektive Veränderungsprozesse im Selbstbewusstsein und in der Mentalität, insbesondere der jungen Generation, stattfinden. Die Öffnung Polens, die Möglichkeiten zu reisen und sich mit Hilfe neuester sozialer Kommunikationstechniken zu verständigen bewirken, dass die jungen Polen sich immer stärker mit anderen Gleichaltrigen identifizieren. Mit dem Fall der bipolaren Welt haben sich nämlich die Kriterien der Selbstbeurteilung verändert. Polen ist ein integraler Bestandteil der Welt. Patriotische Haltungen sind nicht untergegangen, sie haben nur ihren Inhalt und ihre Qualität verändert. Der Patriotismus ist pluralistisch geworden.

Wir und sie. Die Geschichtspolitik gegenüber der Außenwelt.

Als Sejmmarschall Marek Jurek auf das historische Bewusstsein als elementares Bindeglied der Nation und des Gefühls der Staatlichkeit hinwies, brachte er die Ansichten jener Teile der meinungsbildenden Eliten zum Ausdruck, die das historische Gedächtnis der polnischen Gesellschaft in Opposition zum Gedächtnis von Deutschen und Russen sehen. In dieser Hinsicht hat die polnische Geschichtspolitik eine geopolitische Dimension, indem sie sich zwischen den Geschichtspolitiken unserer beiden großen Nachbarn situiert. Die Aufrechterhaltung eines Gefühls der Bedrohung liegt im Interesse jener politischen Kräfte, die beweisen wollen, dass die bisherige Außenpolitik eine Folge von Schwäche und Unterwürfigkeit gegenüber fremden Großmächten gewesen sei. Das Gebot einer Verteidigungshaltung, des Reagierens auf bestimmte Handlungen und die Manipulation des historischen Gedächtnisses in Deutschland und Russland bewirken, dass die so begriffene Geschichtspolitik einen konfrontativen Charakter annimmt.

Die Auseinandersetzungen um die polnische Täterschaft beim Judenpogrom in Jedwabne haben eine tiefgehende Erschütterung hervorgerufen und ein zusätzliches Argument geliefert, um das Polentum und Polens guten Namen nach Außen hin zu verteidigen. Im Dienste dieser Verteidigung, wie auch um die Vorwürfe deutscher Opfer von Zwangsaussiedlungen zurückzuweisen, wurde eine Argumentation herangezogen, die sich auf solche Kategorien wie Katholizismus, nationale Gemeinschaft, Solidarismus und Staatsräson stützte.

Eines der Hauptmotive der Propagierung der Geschichtspolitik nach außen waren die im äußeren Umfeld Polens ausgemachten Beispiele für Wissenslücken, die vor allem im Verwechseln des Aufstandes im Warschauer Getto mit dem Warschauer Aufstand und der Bezeichnung von Auschwitz als polnischem Konzentrationslager bestanden. Unterstützt wird das von einer begründeten Besorgnis über das verschwindend geringe Wissen der Deutschen über die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges und die Geschichte der Besatzung auf polnischem Boden. Laut Jarosław Kaczyński haben wir es „mit einer massiven Desinformation über Polen und die Polen“(8) zu tun.

Einer der Bezugspunkte für die Ambitionen der polnischen Geschichtspolitik ist auch Europa. Die Diskussionen werden von folgender Überzeugung begleitet: „Wären wir nach 1989 ein bisschen weniger im Geiste einer übernationalen und postpolitischen Utopie ideologisiert gewesen, hätten wir heute in Europa eine andere Position.“(9) Der nach 1989 verzerrten Denkweise über den Platz Polens in Europa verdankten wir heute, wie Zdzisław Krasnodębski meint, unsere schwächliche Position in der Meinung Außenstehender: „Wenn ihr nach Europa wollt, sagte man uns, dann müsst ihr euch von eurer Nationalgeschichte lossagen – statt von Helden zu sprechen, gebt eure Schurkereien und Verbrechen zu. Gleichzeitig wurden auf überaus naive Weise Gesten für die Realität genommen. Mit wahrer Ernsthaftigkeit wurde zum Beispiel das Weimarer Dreieck behandelt – als ob wir tatsächlich gleichrangige Partner von Frankreich und Deutschland gewesen wären… Aus der Tatsache, dass wir in der EU sind, folgt überhaupt nicht, dass unterschiedliche nationale Interessen sowie die Notwendigkeit, die eigene Souveränität zu stärken, verschwunden sind.“(10)

Unsere Geschichtsdiplomatie soll eine Einbahnstraße sein. Niemand fragt nach dem Zustand polnischen Wissens über die Geschichte unserer Nachbarn. Der Vorschlag der Liga der Polnischen Familien, in Berlin ein Zentrum des polnischen Martyriums zu bauen, die europäischen Länder dazu zu bringen, sich polnische Fernsehserien und Geschichtsdokumentationen anzuschauen, die Verpflichtung der im Ausland lebenden Polen, ihr Wissen über die historischen Verdienste der Polen zu vertiefen, stellt eine Liste frommer Wünsche dar, hinter denen keinerlei durchdachtes, nachhaltiges geschichtspädagogisches Programm steckt. Sie kann schon aus dem Grunde nicht erfolgreich sein, weil sie von einer eigenartigen Mischung aus Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen begleitet wird. Im Exposé des polnischen Premierministers vom 10. Juli 2006 fielen die bezeichnenden Worte: „Europäische Hilfeleistungen ... oder eher Mittel von der Europäischen Union ... denn Hilfe ist vielleicht kein gutes Wort. Das steht uns zu. Die Geschichte ist so verlaufen, dass uns das wirklich zusteht.“(11) Eine solche Haltung ist in der erweiterten Zusammensetzung der EU isoliert. Die neuen Mitgliedsländer haben nämlich verstanden, dass ihre Position in der EU nicht von den historischen, sondern ausschließlich von den gegenwärtigen Verdiensten beim Aufbau einer dauerhaften Ordnung auf dem Alten Kontinent abhängt.

Entgegen der forciert vorgetragenen Ansichten haben alle Regierungen nach 1989 mit mehr oder weniger Erfolg Programme zur positiven Präsentation Polens im Ausland realisiert. Man hat auch viel für die Annäherung an andere Völker durch die Offenlegung der Geschichte erreicht. Der größte Fortschritt wurde durch die Beschäftigung mit der jüdischen Kultur und Geschichte in Polen erzielt. Der polnisch-jüdische Dialog erfordert eine lange und mühevolle Arbeit. Die breit gefächerte Bildungsarbeit des Museums in Auschwitz-Birkenau und dessen zahlreiche Initiativen stellen ein Beispiel der Wirksamkeit eines durchdachten, nachhaltigen Programms dar. Gleichzeitig wuchs in den neunziger Jahren in Polen das Interesse an jüdischer Kultur, es wurden zahlreiche Forschungsarbeiten, Ausstellungen und Festivals durchgeführt, Architekturdenkmäler renoviert und Friedhöfe gepflegt.

Die Vergangenheit im Westen und Osten Europas

Die Erinnerung an Krieg und Kommunismus generiert Probleme mit Deutschen und Russen. Wachsende nationalistische Stimmungen in Europa machen es auch nicht gerade leicht, sie zu überwinden. In der polnischen und europäischen Reflexion fehlt es an Nachdenken über Ursachen und Konsequenzen der lange währenden Teilung des Alten Kontinents. Westeuropa hat den Kommunismus nicht am eigenen Leib erfahren. Seiner Haltung gegenüber der Politik der heute Mächtigen in Moskau fehlt die Sensibilität Polens, das wie alle mitteleuropäischen Länder Putins Politik anders wahrnimmt.

Die westeuropäische Integration entwickelte sich im Verlauf mehrerer Jahrzehnte und verlief unter anderen historischen Bedingungen. Die neuen Mitglieder treten der EU heute dagegen mit einem völlig anderen Gepäck bei, in der Erwartung, dass der Westen sich ihre Erfahrungen aneignen und ins europäische Gedächtnis integrieren werde. Zugleich haben wir es mit einer wesentlichen Asymmetrie zu tun. Die westlichen Staaten, die von Hitlerdeutschland überfallen worden waren, haben die deutsche Schuld und die schmerzlichsten Erfahrungen längst verarbeitet. Für Polen und die übrigen postkommunistischen Staaten erlaubte erst die Befreiung von der sowjetischen Oberherrschaft der Welt die eigenen Wunden zu zeigen.

Das ist einer der Gründe, warum die Erinnerung der Deutschen an ihre eigenen Tragödien in Polen auf kein Mitgefühl stößt, und der Anstieg des Interesses der deutschen Öffentlichkeit an den Bombenangriffen der Alliierten und den Vertreibungen aus den Ostgebieten nach 1945 Besorgnis erregt. Wir hatten nämlich erwartet, dass sich unsere westlichen Nachbarn nach der Wiedervereinigung gemeinsam und tiefer mit ihrer historischen Schuld beschäftigen würden. Dies um so mehr, als in der Vorwendeideologie das Argument aufgetaucht war, eine gemeinsame Reflexion der Verantwortung von Ost- und Westdeutschen für die Folgerungen aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges sei notwendig. Nach der Abschaffung der Zensur kam mit ganzer Wucht die Frage wieder hoch, ob der Einmarsch der Roten Armee auf polnische Gebiete eine Befreiung war oder das Aufzwingen einer neuen Diktatur. Der 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges und der Charakter der internationalen Feierlichkeiten unter dem Diktat der Herrschenden in Moskau riefen ein Gefühl der Demütigung hervor und erweckten Besorgnis. Aber ist die durch eine Konkurrenz der Opfer gewonnene Stärkung des Selbstbewusstseins, wie sie sich manche Kreise in Polen, Deutschland und Russland wünschen, ist das Schüren der Konfrontation zwischen den Erinnerungskulturen und die depressive Geschichtsinterpretation ein Ausweg aus der Falle der Erinnerungspolitik?

Schlussfolgerungen

Die polnische Debatte über Geschichtspolitik ist Element der politischen Auseinandersetzungen um die künftige Gestalt der Polnischen Republik. Dabei geht es weder um Erkenntnisgewinn noch um eine Antwort auf die Frage nach der Priorität bestimmter historischer Traditionen oder um Bedingungen und Charakter der Evolution des Geschichtsbewusstseins. Es handelt sich nicht um eine Auseinandersetzung über die Bedeutung einzelner Epochen, nicht um eine objektive Bilanz, und auch nicht um die Nützlichkeit historischer Erfahrungen für die junge Generation. Hinter den flammenden Appellen für eine moderne Geschichtspolitik verbirgt sich eine populistische Kampagne zugunsten der in Polen regierenden Parteien. Ihre Autoren sind die wichtigsten politischen Akteure von PiS, Liga der Polnischen Familien, und bis zu ihrem Verzicht auf Regierungsbeteiligung auch der Bürgerplattform. Intellektuell werden sie von einer Gruppe von Wissenschaftlern und Publizisten unterstützt, die meist institutionell mit dem Regierungslager verbunden sind. Ihre politisierten Bilder der Vergangenheit zeigen eine selektive Herangehensweise an die historische Tradition Polens und dienen ausschließlich der Realisierung der Interessen einer politischen Option.

Das Thema Geschichtspolitik erschöpft sich in Schlagwörtern und Slogans. Bisher ist nämlich kein einziges durchdachtes Projekt vorgestellt worden. Fragmentarische, nicht schlüssige, durch keine sachliche Argumentation unterstützten Vorschläge, wie zum Beispiel die Idee der Gründung eines Freiheitsmuseums oder das Exponieren des Warschauer-Aufstands-Museums haben eher den Charakter von Erfolgspropaganda, transportieren keine zur Diskussion anregende Idee. Um so mehr, da sie von einer auf den Geschmack eines Massenpublikums zugeschnittenen Verleumdungskampagne gegen die postkommunistischen und Post-Solidarność-Eliten und deren Verhältnis zur Tradition und historischen Erfahrungen begleitet werden.

Die regierende Klasse versucht, sich das Recht auf die Interpretation der Geschichte anzueignen und sie zu monopolisieren, sie ignoriert die grundlegenden Gesetze, die die Entwicklung von Kultur und gesellschaftlichem Geschichtsbewusstsein regieren, sie behandelt die heutige Zeit als Hauptmaßstab zur Beurteilung der Vergangenheit. Wenn jede Abweichung von der geltenden Interpretationslinie an den Pranger einer von oben aufgezwungenen moralisierenden Vision der Geschichte gestellt wird, sind Dialog und demokratische Verhandlungen zwischen den verschiedenen Gedächtnisgemeinschaften unmöglich.

Die Propaganda der polnischen Geschichtspolitik basiert auf zwei falschen Diagnosen: die erste verkündet, der Sieg des Liberalismus und Individualismus in der Dritten Republik habe Geschichte und Gedächtnis verbannt; die zweite besagt, diese Politik habe zur Ausrottung des Patriotismus, zum Verschwinden des historischen Gedächtnisses und zur Schwächung des nationalen Zugehörigkeitsgefühls geführt. Thesen, die ausschließlich zum Nutzen einer politischen Kampagne aufgestellt werden. Die bewusste oder weniger bewusste Manipulation des Begriffs Liberalismus, der ausschließlich auf seinen marktwirtschaftlichen Aspekt reduziert wird, verwischt den Sinn und das Wesen der unvermeidlichen kulturellen und ideellen Veränderungen Polens. Der These vom Verschwinden des Patriotismus widersprechen wissenschaftliche Untersuchungen, die die Unumgänglichkeit von Veränderungen im Verständnis von nationaler Identität aufzeigen. Beide Thesen sind der für den Wahlkampf formulierten Losung der Aufteilung in ein „liberales“ und „solidarisches“ Polen untergeordnet. Dieses Schlagwort sollte das Profil der Partei der Kaczyński-Brüder unterstreichen, ignorierte jedoch vollkommen die Tatsache, dass die Trennungslinien heute ganz woanders verlaufen. Heute handelt es sich nämlich vor allem um Auseinandersetzungen zwischen Verfechtern eines fremdenfeindlichen Polen, das sich um ein eng verstandenes Vaterland konzentriert, und den Befürwortern eines offenen, toleranten Polen, das nach einem Kompromiss zwischen den differenzierten gesellschaftlichen Vorstellungen und Optionen sucht.

Geschichtspolitik kann man durch eine Zusammenarbeit im In- und Ausland gestalten, nicht durch Ausschluss; unter Bedingungen des Dialogs, und nicht der Schlacht um das Gedächtnis; davon überzeugt, dass der Gegenstand der Auseinandersetzung eine Materie voller Widersprüche, Mannigfaltigkeit und individueller Subjektivismen ist, und dass das historische Gedächtnis keine Wäscherei ist, in der man jedes Bild der Vergangenheit reinwaschen oder umfärben kann. Die öffentliche Zurschaustellung der Geschichte ersetzt eine rationale Forschungsanalyse nicht, und die Prioritäten des Instituts zum Nationalen Gedenken können die polnische historische Reflexion nicht dominieren. Die Aufgabe der Geschichte, selbst der amtlichen, muss in der Forschung und nicht im „Herumschnüffeln“(12) bestehen. Die Geschichtspolitik wird, auch wenn sie äußerst spektakulär und patriotisch ist, die individuelle, von der Basis kommende, freiwillige Mühe nicht ersetzen, die mit der Erinnerungsarbeit verbunden ist. Ohne diese Arbeit kann sich die von den Regierungskreisen exponierte Musealisierung von Erinnerung, nur als eine Illusion, als eine Geschichte zum Vorzeigen erweisen.

Polen verliert die Schlacht um die Erinnerung nicht: die Ausformung der Erinnerungsarbeit ist nämlich eine Tätigkeit, die keine Schlachtregeln verlangt. Es ist ein unaufhörlich andauernder Prozess. Der Weg zur Demokratie ist immer ein Dialog mit der Vergangenheit. Doch kein dekretierter Patriotismus wird die jungen Polen im Land halten können, wenn man ihnen keine attraktiven Arbeitsplätze schafft, keine Autobahnen baut und nicht dazu beiträgt, dass Bedingungen entstehen, auf die sie in der Konfrontation mit der uns umgebenden Realität stolz sein können. Geschichte und historische Erinnerung sind ein wichtiger Bestandteil der kollektiven Identität, doch wenn man sie als gleichwertiges Element der Politik behandelt, wird die Lösung aktueller Auseinandersetzungen und Probleme erschwert.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska

 

Literaturhinweise:

(1) D. Gawin, P. Kowal, Polska polityka historyczna (Polnische Geschichtspolitik), in: Polityka historyczna. Historycy – politycy – prasa. (Geschichtspolitik. Historiker – Politiker – Presse). Konferenz unter der Ehrenschirmherrschaft von Jan Nowak-Jeziorański. Raczyński-Palais in Warschau, Museum des Warschauer Aufstands, Warszawa 2005, S. 11.

(2) G. Górny, Koniec „końca historii“ [Das Ende vom „Ende der Geschichte], in: Przewodnik Katolicki, 45/2004, S. 30/31.

(3) Polska polityka historyczna [Polnische Geschichtspolitik], in: Biuletyn Instytutu Pamięci Narodowej, Nr. 5, Mai 2006, Aussagen von A. Nowak siehe S. 4 und 7, 28.

(4) Z. Krasnodębski, Zwycięzcy i pokonani [Sieger und Besiegte], in: R. Kostro, T. Merta (Hrsg.), Pamięć i odpowiedzialność [Gedächtnis und Verantwortung],ebda, S. 68 und 69.

(5) R. Kostro, K.M. Ujazdowski, Odzyskać pamięć [Das Gedächtnis wiedererlangen], in: R. Kostro, T. Merta (Hrsg.), Pamięć i odpowiedzialność [Gedächtnis und Verantwortung],ebda, S. 45.

(6) Siehe u.a.: R. Traba, Walka o kulturę [Der Kampf um die Kultur], in: Przegląd Polityczny 75/2006, S. 46-53.

(7) R. Kostro, K.M. Ujazdowski, Odzyskać pamięć [Das Gedächtnis wiedererlangen], in: R. Kostro, T. Merta (Hrsg.), Pamięć i odpowiedzialność, [Gedächtnis und Verantwortung], ebda, S. 50/51.

(8) Jakiej polityki historycznej potrzebuje Polska? [Welche Geschichtspolitik braucht Polen?], in: Polityka historyczna, ebda, S. 113.

(9) Z. Krasnodębski, Zwycięzcy i pokonani, ebda, S. 69. Vgl. auch: Pamięć i polityka zagraniczna (Gedächtnis und Außenpolitik), Fundacja im. Stefana Batorego, Warszawa 2006.

(10) Z. Krasnodębski, Pożegnanie z III Rzeczypospolitą (Abschied von der Dritten Republik), in: Rzeczpospolita,10. 09. 2005.

(11) Amtsantrittsrede von Premierminister Jarosław Kaczyński: www.premier.gov.pl/1433_18017.htm

(12) M. Kula, Lepiej nie nadużywać (historii) [Besser (die Geschichte) nicht missbrauchen], in: Przegląd Polityczny Nr. 76, 2006, S. 39-48.

ALTE, NEUE, FREMDE HEIMAT

Was ist Heimat? Ina Maria Greverus
Fremde Heimat Eberswalde – Spurensuche als Mittel zur Integration? Marieta Böttger
Heimat ist dort, wo ich meine Kindheit verbracht habe? Christa Greuling
Gorzów Wielkopolski / Landsberg a.d. Warthe – gemeinsamer Ort für ehemalige und heutige Bewohner? Lidia Przybyłowicz
Anhang: Zur Geschichte des Heimatbegriffs im Brockhaus
Zum Heimatbegriff, Alexander von der Borch Nitzling
Wie sagt man Heimat auf polnisch? Bogdan Twardochleb
Wie lebt man als Pole in der (ehemaligen) Neumark? Zbigniew Czarnuch
Von Ostpolen nach Westpolen – von Lublin nach Königsberg. Robert Ryss
Jüdisches Kulturerbe in Westpolen – niemandes Erbe? Andrzej Kirmiel
Heimatbrief Weststernberg. Eine Zeitung auf Spurensuche. Karl-Heinz Schneider
Bericht über die Konferenz „Was ist Heimat“ im Heimatbrief Weststernberg
HeimatReisen: Mit einer individuellen Reisebegleitung in die einstige Neumark, Caroline Mekelburg
HeimatReisen: Die Erinnerung fährt mit ... Stephan Felsberg
HeimatReisen: Interview mit Jacqueline Nießer im Heimatbrief Weststernberg, K.H. Schneider

Was ist Heimat?

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Thesen zum Heimatbegriff
  1. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Heimat war ganz konkret auf Haus und Hof bezogen. „Der jüngste Sohn kriegt’s Heimat“ heißt, dass er den Grundbesitz erbt.

  2. Dieses „Heimatrecht“ erweiterte sich auf den Geburts- und Wohnort. Bis in das 19. Jahrhundert war der Heimatangehörige diesem Ort in „Heimatpflichten“ und „Heimatrechten“ verbunden.

  3. Diese Rechte und Pflichten gehören heute zum Staatsbürgerrecht.

  4. Mit der Verbindung von Heimweh und Heimat wurde zunächst eine Krankheit (mal du pays, nostalgia) angesprochen: „..gestorben vom Heimwe ...“ hieß es 1569 über einen Söldner.

  5. Seit der Romantik wurden Heimat und Heimweh zu einem literarischen Topos, der vor allem im bürgerlichen Realismus, in der Dialektdichtung und im volkstümlichen Liedgut eine dörfliche Idylle in das Zentrum stellte.

  6. Seit der Wilhelminischen Ära bis zu seiner Kulmination im Nationalsozialismus wurde der Heimatbegriff immer stärker nationalisiert. Heimatkunstbewegung, Deutscher Bund Heimatschutz, Heimatkunde als Schulfach wandten sich gegen Großstadt und Internationalismus zu einer „Nation als Heimat einer Volksgemeinschaft“.

  7. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Heimatbegriff in den beiden deutschen Staaten kontrovers diskutiert.

  8. Zunächst herrschte während der Besatzungszeit das Thema Heimatverlust und Heimweh vor, das bald von Landsmannschaften zu einem politischen Anspruch auf die „alte Heimat“ erklärt wurde.

  9. In der ehemaligen DDR wurde „sozialistische Heimat“ in Übereinstimmung zum „sozialistischen Vaterland“ diskutiert und gelehrt.

  10. In der BRD entwickelte sich die Diskussion kontroverser, war aber vor allem an Heimat unter der Perspektive von Entfremdungs- und Anpassungsvorgängen in einer mobilen Gesellschaft interessiert. In der westlichen Linken wurde Heimat zu einem regional und international argumentierenden Protestbegriff für nationale Minderheiten und gegen Zentralisierungserscheinungen und Umweltzerstörungen: „Keine Startbahn West“.

  11. Heute, nach der Jahrtausendwende, stehen wir unter Globalisierungsdruck. Eine freiwillige Mobilität wird als Ziel des flexiblen Menschen gesetzt. Ist „globale Heimat“ die Devise? Und wie sieht sie – und für wen – auf dem Weg „von der lokalen zur transnationalen Heimat“ aus?

Ist das die Heimat, „worin noch niemand war“, wie Ernst Bloch in seinem Prinzip Hoffnung aus dem Exil den Noch Nicht-Ort Heimat beschwört.

Menschen leben in Räumen. Können sie diese Räume als soziale Räume in Bedeutungsfülle gestalten? Sind sie hier und heute an Kultur beteiligt? Ist die Gestaltung von Räumen ein öffentlicher Prozess, oder hat sich Öffentlichkeit in Kulturplanung von oben, und in Kulturkonsum und Heimkultur gespalten?

Heimat – ein öffentlicher Raum?

Was ist Heimat? Hat Heimat etwas mit Öffentlichkeit zu tun oder ist sie nur unsere subjektive Wahrnehmung eines Kindheitstraums der „Geborgenheit“? Heimat, und das ist meine Grundformel, ist ein Raum, der seinen Bewohnern materielle und soziale Sicherheit gewährt, ihnen kulturelle Entfaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten gibt und Identität als Sich Erkennen, Erkannt- und Anerkanntwerden. Kurz: Heimat wird als eine Verortung in menschlicher Nähe und öffentlicher Anerkennung, alltagsweltlicher Aktivitätsgewährung und sozio-kulturellem Vertrauen gesehen. So kann man Heimat allerdings auch verlieren und neu gewinnen. Hier setzt die politische Verantwortung für Heimat als einem öffentlichen Raum ein.

Im Gegensatz zu dem Privatraum des Heims, verstehe ich Heimat als einen kulturell definierten Raum der Öffentlichkeit, der in vormodernen oder traditionalen Gesellschaften die Verbindung – oder die kulturelle Gewissheit – zwischen der sozialen Person und dem Individuum, zwischen dem Draußen und dem Drinnen, zwischen dem öffentlichen Platz und dem Heim hergestellt hat. Diese Heimat hat sich ebenso aus der Gesellschaft verabschiedet wie die moderne lokale Öffentlichkeit des bürgerlichen Räsonnements. Wenn wir vom Verlust und Verfall der lokalen Öffentlichkeit sprechen, dann ist sowohl die sozio-politische Dimension der diskursiven Praxis damit gemeint, als auch der dafür zur Verfügung stehende öffentlich zugängliche Raum. Dieser Verlust, einschließlich der damit einhergehenden Privatisierungstendenzen, trägt auch dazu bei, dass immer mehr öffentlicher Raum zu Nicht-Orten degradiert wird.

In der Postmoderne (oder der Zweiten Moderne), so sagt man, ist die Lokalität der Globalität gewichen und die Bewohner dieses Globus bewegen sich ruhelos zwischen Heimwelten und Nicht-Orten oder zwischen der Tyrannei der Intimität und sozialer Indifferenz in globaler Effizienz. Ist das die Zeit des „Öffentlichkeitslochs“, in der die Zeit der alten ortsbezogenen Öffentlichkeit zu Ende geht? Hier wird der Verlust von Verortung und Verantwortung im lokalen öffentlichen Raum angesprochen.

Trotz aller Mobilität und Vielfalt von Heimatfindungen in der Gegenwart, bestimmt sich Heimat für mich noch immer aus sozialer und kultureller Zugehörigkeit, die dem bloßen Vertragscharakter, der Koexistenz einander gleichgültiger Individualitäten und dem sprachlosen Durchqueren von Signalräumen oder Nicht-Orten entgegensteht.

Wichtig ist die aktive und (mit)gestaltende Aneignung des Lebensraums. Dieses in der Heimatbestimmung vernachlässigte Kennzeichen wird gerade unter der Perspektive eines ebenso vernachlässigten aktiven Kulturbegriffs und hinsichtlich der freiwilligen und unfreiwilligen Dynamik vom Heimatsuchen relevant.

Heimat und Grenzräume

Heimat als Ort der Identifikation ist erkennbar. Zu dieser Erkennbarkeit gehört auch die Grenze zum nicht Erkennbaren, auch zum Verbotenen, zum „anderen Ort“. Eine der treffendsten und zukunftsoffensten Definitionen von Grenzen und Grenzüberschreitungen hat uns Michel de Certeau gegeben. Sein Beispiel sind Fluss und Brücken.

Fluss bedeutet Grenze und Überquerung, und das Symbol für diese Überquerung sind die von Menschen gebauten Brücken. „Überall gibt es die Zweideutigkeit der Brücke“, sagte Michel de Certeau in Kunst des Handelns, „mal verbindet und mal trennt sie ... Als Überschreitung der Grenze und Ungehorsam gegenüber dem Gesetz des Ortes steht sie für den Aufbruch, die Auflösung eines Zustands, den Eroberungswillen“. Das „Gesetz des Ortes“ ist das Gesetz des „Eigenen“, ein Ausschließendes, Beharrendes, das durch Grenzen von dem Anderen, dem Fremden, mit dessen Gesetzen des Eigenen, geschieden ist. Der Fluss als Grenze, die Brücke als Überschreitung. Das kann Begegnung und Erneuerung des Eigenen und des Fremden bedeuten, aber auch Eroberung und Vernichtung, sowohl des Eigenen als auch des Fremden. Die Zweideutigkeit der Brücke trifft auf die Zweideutigkeit des Flusses als Trennendes und Verbindendes.

Auch hier bei diesem Kongress überqueren wir ständig eine Brücke, eine Brücke über die Oder. Sie verbindet Frankfurt mit Słubice, Deutschland mit Polen. Eine zivile Brücke, die lange Getrenntes wieder verbinden soll?

Flüsse und Brücken sind Elemente, die Bewegung fordern, Räume erschließen, Eigenes und Fremdes (Menschen und Dinge, Kultur und Natur) näher rücken.

Im Gegensatz zu der Grenze als einem linear verlaufenden Schnitt zwischen zwei sich voneinander unterscheidenden (oft sogar feindlichen) Einheiten, wie eben Nationen, ist der Grenzraum weniger eindeutig zu definieren. Dieser Grenzraum liegt beidseits der Grenze oder im Niemandsland, der neutralen Zone, zwischen zwei Hoheitsgebieten. Er war als Niemandsland wie der unbewohnbare und verbotene Streifen der feindlichen deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte, ohne Brücken. Der andere Grenzraum, der sich hinter den Grenzen im je eigenen Land erstreckte war nicht Niemandsland, sondern im Falle der nationalen Grenzen Peripherie eines Nationalstaates. Vom Zentrum her konnte diese Peripherie in einem ideologisch aufgeladenen Klima strategisch-politischen Außenposten und Festungsökonomie bedeuten, aber auch Völkerverständigung mit Brückenkopffunktion.

Ein anderes Schicksal des Grenzraums ist seine ökonomische und soziale Vernachlässigung vom Zentrum aus betrachtet. Dadurch wird der Grenzraum zum Abwanderungsgebiet. Dann verliert der Grenzraum seinen Heimatcharakter. Ökonomische Entwicklungshilfe kann die Kluft zwischen Zentrum und Peripherie nur überwinden, wenn sie den Bewohnern auch wieder Aktivitätsentfaltung und Verortung in einer grenzüberschreitenden Grenzheimat gibt, Chancen des Grenzraums als Zwischenraum, als „fröhliche Peripherie“.

Zwischenraum und „fröhliche“ Peripherie

Der Grenzraum, die Peripherie, als Zwischenraum kann auch eine Chance sein, die den Umtriebigen – und Umgetriebenen – einer erbarmungslosen technologischen Fortschrittsgeschichte nicht zuteil wird. Zwischenräume sind die von dem ordnenden, einordnenden Zentrum vernachlässigten Räume. Sie sind noch offen für eine selbstbestimmte Öffentlichkeit. „Die ‚Zwischen‘-Räume stecken das Terrain ab, von dem aus Strategien – individueller und gemeinschaftlicher – Selbstheit ausgearbeitet werden können, die beim aktiven Prozess, die Idee der Gesellschaft selbst zu definieren, zu neuen Zeichen der Identität sowie zu innovativen Orten der Zusammenarbeit und des Widerstreits führen“, sagt Homi K. Bhabha in seinem Buch Die Verortung der Kultur. Er spricht von einer kulturellen Grenzarbeit und der „Möglichkeit einer kulturellen Hybridität, in der es einen Platz für Differenz ohne eine übernommene oder verordnete Hierarchie gibt“. In dieser widerständigen kulturellen Hybridität wurde Heimat geschaffen. Diese Heimat hat wenig mit einer ererbten Nationalität und ihrem kollektiven kulturellen Konsens oder einem ererbten Recht auf die Heimat der Vorfahren zu tun, sondern mit einem Recht auf einen innovativen Ort Heimat in hybriden Begegnungen. Und damit nähern wir uns der fröhlichen Peripherie.

Für mich ist die fröhliche Peripherie eine Metapher möglicher Grenzbegegnungen, die bei Menschen zu neuen Heimatideen führen könnten. Die fröhliche Peripherie bedeutet selbstbewusste Identifikation mit dem sozial und kulturell Eigenen als Differentem und seine performative „Veröffentlichung“ als Repräsentation gegenüber dem Anderen, sei es das eigennationale Zentrum, sei es die Global City auf der anderen Seite des Flusses oder der Welt, sei es, und das ist mir hier besonders wichtig, gegenüber der anderen, der fremden Peripherie. Wichtig wird der Dialog auf der Grenze, über die Grenze hinaus. Performance ist sowohl eine Entäußerung des Eigenen als auch eine Verinnerlichung des Anderen. Wir hören uns zu, wir spielen miteinander, wir lernen uns kennen, und wenn es gut geht, können wir jenseits von Konkurrenzkampf gemeinsame und grenzüberschreitende Heimat entwickeln. Heimat nicht nur als Spurensicherung aus Erinnerungserzählungen von Zeitzeugen, sondern als selbstgestalteten und gegenwärtigen Alltag mit den Anderen jenseits von Grenzen.

Ist der Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen den Generationen, der Dialog der Peripheren in den Peripherien, ein Zwischenraum? Die Wege in die Orte des Fremden befreien den eigenen Ort aus der Lethargie einer statischen und grenzziehenden Heimat und verwandeln Heimat in einen beweglichen und grenzüberschreitenden Zwischenraum. Zwischenräume sind Grenzräume, in denen Möglichkeits-Orte geschaffen werden können, ja, „fröhliche Peripherien“.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)


Literaturhinweise:

W. Belschner, S. Grubitzsch, Ch. Leszczynski, S. Müller-Doohm (Hg.), Wem gehört die Heimat? Beiträge der politischen Psychologie zu einem umstrittenen Phänomen. Opladen 1995

Sven Bergmann, Regina Römhild (Hg.), global heimat. ethnographische recherchen im transnationalen frankfurt, in: KulturanthropologieNotizen Bd. 71, Frankfurt 2003

Certeau, Michel de, Kunst des Handelns. Berlin 1988

Homi K. Bhabha, Die Verortung der Kultur. Tübingen 2000

Eduard Führ, (Hg.), Worin noch niemand war: Heimat. Eine Auseinandersetzung mit einem strapazierten Begriff. Historisch – philosophisch – architektonisch, Wiesbaden, Berlin 1985

Ina-Maria Greverus, Auf der Suche nach Heimat, München 1979

Ina Maria Greverus, The „Heimat“-Problem, in: H.W. Seliger (Hg.), Der Begriff „Heimat“ in der deutschen Gegenwartsliteratur. München 1987

Ina-Maria Greverus, Anthropologisch Reisen, Hamburg 2002

Fremde Heimat Eberswalde – Spurensuche als Mittel zur Integration?

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Zuwanderungen in Vergangenheit und Gegenwart
Als ich heranwuchs war die „alte Heimat“ stetiges Thema in meinem Elternhaus. Beide Eltern hatten ihre alte Heimat im heutigen Polen verloren und eine neue, zweite Heimat in Mecklenburg gefunden. Ich wuchs auf im Widerstreit zwischen den wehmütigen Erinnerungen und liebevollen Erzählungen besonders meiner Großeltern über ihr Buschdorf, das heute den für mich immer noch schwer auszusprechenden Namen Budziszewko trägt, einerseits und der offiziellen Politik der DDR andererseits, die verlangte, dieses Thema zu verschweigen und den Heimatvertriebenen jegliches Recht auf offizielle Erinnerung absprach.

Diese familiäre Prägung ist sicher mit eine Ursache dafür, dass ich mich entschied, als Ausländerbeauftragte zu arbeiten. In dieser Tätigkeit hatte ich es von Anfang an mit Menschen zu tun, die ihre Heimat aus den unterschiedlichsten Gründen hatten verlassen müssen und als Flüchtlinge nach Deutschland kamen oder als Aussiedler/innen und Spätaussiedler/innen in die frühere Heimat ihrer Vorfahren zurückkehrten.

Neben dem Aufbau von Strukturen und grundlegenden Integrationsangeboten für diese Menschen war es mir und meinen Kollegen/innen ein wichtiges Anliegen, sich mit tief in der Gesellschaft verwurzelten Vorurteilen und ausländerfeindlichen teilweise auch rassistischen Argumenten auseinander zu setzen und die Zivilgesellschaft dafür zu sensibilisieren.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Einwohnerversammlung Anfang der 1990er Jahre in einem Dorf in der Nähe von Eberswalde. Dort gab es lautstarken Protest gegen ein Flüchtlingsheim in diesem Ort. Damals stand ein älterer Herr auf und sagte: „Wenn ihr das 1945 hättet entscheiden können, dann wären wir Vertriebenen hier auch nicht aufgenommen worden“. Er blieb mit dieser Mahnung allerdings ein einsamer Rufer im allgemeinen Sturm der Entrüstung. Allgemeines Klagen hilft jedoch in einer solchen Situation nicht weiter. Wir mussten die Menschen ernst nehmen, ihnen Impulse und Chancen zum Nachdenken geben, darüber hinaus galt es Verbündete und neue Zugänge zum Thema Zuwanderung zu suchen.

Die Tatsache der Normalität von Zuwanderung in den Blickpunkt der Mehrheitsgesellschaft zu rücken, war so ein möglicher Zugang. Interessant ist dies sowohl im Hinblick auf die lokale Geschichte der Zuwanderungen als auch in der Auseinandersetzung mit Migrationserfahrungen in der Gegenwart.

Angeregt durch Broschüren über die Geschichte der Zuwanderung z.B. in Potsdam, versuchten wir recht früh, das Eberswalder Museum für ein ähnliches Projekt zu gewinnen. Doch die Zeit war dafür offensichtlich noch nicht reif. Zunächst erarbeitete das Eberswalder Museum eine Broschüre zur Geschichte der Eberswalder jüdischen Gemeinde, in der ja bereits ein wichtiger Teilaspekt des Themas „Zuwanderung“ abgehandelt wurde.

Anfang des Jahres 2003 kam dann die damalige Leiterin des „Museums in der alten Adlerapotheke“ im Zentrum der Stadt auf uns zu und informierte über die Möglichkeit, eine Sonderausstellung im Rahmen des „Kulturlandes Brandenburg 2003 Europa“ zu erarbeiten, in der es um Heimat und Zuwanderung gehen sollte. Es standen auch finanzielle Mittel zur Verfügung, so dass ein erfolgversprechendes Projekt entstehen konnte.

Mit Hilfe weiterer Kooperationspartner und zivilgesellschaftlicher Akteure, wie zum Beispiel der RAA (Regionale Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule) Angermünde, der Eberswalder Koordinierungsstelle für Toleranz, des Eberswalder Zentrums für demokratische Kultur, Jugendarbeit und Schule und der Selbsthilfegruppe „Kontakt“ des Bundes der Vertriebenen, in der viele SpätaussiedlerInnen der Stadt Eberswalde aktiv sind, wurde das Vorhaben realisiert.

In der gemeinsamen Projektgruppe erarbeiteten wir den Titel der Ausstellung „Fremde Heimat Eberswalde?“ und konzipierten ein anspruchsvolles Begleitprogramm. Das Fragezeichen im Titel kam nicht von ungefähr, drückte es doch das Empfinden derjenigen in der Projektgruppe aus, die in Eberswalde erst wenige Jahre oder sogar erst wenige Monate zuvor eine „neue Heimat“ gefunden hatten und bezog sich damit sowohl auf das „Fremde“ als auch auf den Begriff „Heimat“. Wir haben lange darüber diskutiert und es dann doch bei dem Fragezeichen belassen, wohl wissend, wie viel Infragestellung der Integration sich damit verbindet. Gerade die Einbeziehung derjenigen, die noch dabei waren, Eberswalde als „neue Heimat“ zu entdecken und sich mit dieser neuen Heimat vielleicht zu identifizieren, machte den besonderen Reiz dieser Arbeit aus.

In Verbindung mit der Ausstellung, die am 2. Oktober 2003 eröffnet wurde, gab es ein interessantes Rahmenprogramm in den Räumen des Museums:

- einen Wyssozki – Abend (dieser bekannte russische Liedermacher hatte einige Jahre seiner Kindheit in Eberswalde verbracht, weil sein Vater hier als Offizier der sowjetischen Armee stationiert war)

- eine Gesprächsrunde mit der bekannten Berliner Publizistin, Lea Rosh, unter dem Titel „Zweite Heimat Eberswalde“,

- eine Lesung mit Dr. Krzysztof Wojciechowski vom Collegium Polonicum,

- ein Theaterstück über das Schicksal einer jüdischen Künstlerin,

- eine Ausstellung über Kunstweberei in Polen vom Museum in Gorzów (Landsberg a.d. Warthe),

- und den Abschlussabend, den die Selbsthilfegruppe „Kontakt“ unter dem Titel „Wege Wolgadeutscher Familien nach Eberswalde“ selbst gestaltete.

Mit diesem Angebot erreichten wir damals ganz andere Personengruppen als die, die sonst zu den Veranstaltungen z.B. im Rahmen der „Interkulturellen Tage“ kamen. Auch die „Kulturelite“ der Stadt, die traditionell die Angebote des Museums wahrnimmt, zeigte sich diesem Thema gegenüber aufgeschlossen.

Besonders wichtig war es, dass viele Schulklassen die Ausstellung besuchten.

Vor allem aber fanden die Zugewanderten selbst den Weg in eine Kultur- und Bildungsstätte, die sie ansonsten nur als Pflichtprogramm im Deutschkurs wahrgenommen hätten (falls der entsprechende Bildungsträger sie dorthin geführt hätte). Sie kamen aber nicht nur als Konsumenten in das Museum, sondern trugen aktiv zum Gelingen des Gesamtprojektes bei. Besonders deutlich zeigte sich das an dem von den SpätaussiedlerInnen gestalteten Abschlussabend.

Drei Zeitzeuginnen sprachen über ihren entbehrungsreichen Weg, über ihr Leben in der Arbeitsarmee und unter Kommandantur. Jugendliche SpätaussiedlerInnen sichteten altes Filmmaterial und stellten einen kleinen Film zusammen. Für viele von ihnen war es das erste Mal, dass sie sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinander setzten. Das Thema „Verbannung der Wolgadeutschen und Leben unter Kommandantur“ war in den Familien oft über Jahrzehnte nicht angesprochen worden oder die Kinder wurden bei solchen Gesprächen weggeschickt. Zuviel Traumatisches hing damit zusammen und die Angst, mit dem Thema in der sowjetischen und selbst noch in der postsowjetischen Gesellschaft anzuecken, überwog. Die Eberswalder SpätaussiedlerInnen begaben sich mit diesem Projekt auf eigene Spurensuche. Nun konnten sie ihren Kindern und Enkeln erzählen, wie sie mit Humor und Lebensmut und teilweise auch durch ihren Glauben die schlimmsten Zeiten überstanden. Die jungen Leute wurden dadurch motiviert, in einer für sie zwar schwierigen aber trotzdem chancenreichen Zeit ihren eigenen Weg zu finden. In den Gesprächen zwischen Alteingesessenen und Neuzugewanderten ergaben sich deutliche Parallelen im jeweils Erlebten. Migranten rückten in einem völlig neuen Zusammenhang in den Mittelpunkt. Sie zeigten sich als starke, selbstbewusste Menschen, die ihr Schicksal gemeistert hatten. Sie empfanden es als eine Ehre und als Anerkennung, dass man sie fragte, und dass sie in diesem Hause öffentlich sprechen durften. Dieses Empfinden motivierte sie wiederum, ihr Leben in der noch „fremden Heimat“ in die eigene Hand zu nehmen.

Aber was ist für sie Heimat? Die Neuzugewanderten definieren diesen Begriff oft als Ort, an dem man sich zurechtfindet, an dem man Bekannte und Freunde hat und sich „wie ein Fisch im Wasser“ bewegen kann. Schon nach kurzer Zeit empfanden viele dieser Menschen ihren Herkunftsort nicht mehr als Heimat, was sich auch durch die dort vollzogenen Umbrüche erklärt. Heute gibt es dort oft niemanden mehr, den man kennt. In den vielen Gesprächen wurde klar, dass Spurensuche und Reflektion des eigenen Weges helfen können, sich in der „neuen Heimat“ zu integrieren.

Und nun zum Inhalt der Ausstellung. Wir haben die Ausstellung in vier Zeitabschnitte gegliedert und im fünften Abschnitt über regionale Initiativen zur Integration der MigrantenInnen informiert:

1. Geschichte der Zuwanderung nach Eberswalde im 17./18. Jahrhundert

- Hugenotten, Schweizer, Juden, Ruhlaer, Pfälzer

2. Zuwanderung nach Eberswalde nach dem Zweiten Weltkrieg

- Flüchtlinge, Vertriebene und Umsiedler

- Sowjetische Truppen

3. Eberswalder Vertragsarbeiter in der ehemaligen DDR

- Ungarn, Angolaner ( beide Gruppen arbeiteten zunächst als gesuchte Arbeitskräfte in der DDR; nach der Wende wurden sie als Gruppe an den Rand der Gesellschaft gedrängt)

4. „Neue Heimat“ Eberswalde nach der politischen Wende 1990

- Russlanddeutsche

- Flüchtlinge

- Ausländer/innen

5. Initiativen zur Integration ausländischer Bürger/innen in Eberswalde und im Landkreis Barnim

- Zeitzeugen wurden zum Thema „Vertragsarbeiter in der ehemaligen DDR“ und „zur Einwanderung nach der politischen Wende“ befragt und konnten ihre Sicht darauf in die Ausstellung einbringen. So konnte sowohl die Wahrnehmung der Zugewanderten als auch die der Aufnahmegesellschaft dargestellt werden.

Es ging uns darum, ausgehend von der Geschichte einen Bogen in die Gegenwart zu spannen. Den BetrachterInnen wurde auf diese Weise deutlich, dass es schon immer Zuwanderung gegeben hat. Das war ein wichtiges Argument für die Neuzugewanderten und trug zur Versachlichung des Migrationsdiskurses bei.

Besonders gut gelang dies in der Arbeit mit den Schulklassen. Während die Mitarbeiterin des Museums den Kindern und Jugendlichen anhand einiger herausragender Ausstellungsstücke das Zuwanderungsgeschehen im 17./18. Jahrhundert nahe brachte, bestand mein Part als Ausländerbeauftragte in der Darstellung der Zuwanderung ab 1945. Sie begann mit einem Handwagen, vollgepackt mit Koffern und anderen Habseligkeiten, als Symbol für diejenigen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges als Flüchtlinge hierher kamen und nur wenig oder fast gar nichts mehr besaßen.

Für die BesucherInnen interessant war auch die Nachgestaltung eines Kasernenraumes der sowjetischen Armee. Die Kargheit der Lebensverhältnisse dieser Soldaten war für viele überraschend und eindrücklich nachempfindbar.

In den vielen Gesprächen im Rahmen des Unterrichts im Museum begannen wir uns zu fragen, wo eigentlich die Geschichte aufhört und die Gegenwart beginnt? Denn es wurde klar, dass die Ermordung des angolanischen Vertragsarbeitnehmers, Amadeu Antonio, für die Schülerinnen und Schüler, die sich 12 Jahre später damit auseinander setzten, bereits Geschichte war. Eberswalde war durch dieses schreckliche Geschehen Anfang der 1990er Jahre in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt geworden, als ein Ort in der ehemaligen DDR, in dem Menschen mit schwarzer Hautfarbe umgebracht werden.

Das Betrachten von Filmsequenzen aus jener Zeit gehörte jetzt bereits zur Spurensuche, die SchülerInnen erkannten ihre Stadt kaum wieder.

Zum Nachfragen und Nachdenken über die eigene Identität trug auch das Aufzeichnen der eigenen Herkunft bei, das den Schulklassen als Vorbereitungsaufgabe abverlangt worden war. Sie mussten selbst recherchieren, woher die eigenen Eltern, Großeltern und weitere Vorfahren stammten. Das hat zu vielen Gesprächen über das Thema „Zuwanderung“ in den Familien beigetragen.

Die Ausstellung wurde dann in einem Katalog dokumentiert und noch um den Abschnitt „Fremdarbeiter/innen in den Rüstungsbetrieben“ ergänzt. Dabei hat uns insbesondere Herr Dr. Hamdali, der damalige Leiter der Koordinierungsstelle für Toleranz, unterstützt, der die nötigen finanziellen Fördermittel einwarb. Alle Schulen des Landkreises erhielten diesen Katalog kostenlos. Er eignet sich hervorragend für den Geschichtsunterricht im allgemeinen und für die Beschäftigung mit der Geschichte der eigenen Stadt im besonderen. Leider ist die erste Auflage vergriffen. Eine Neuauflage wäre sinnvoll.

Zum Schluss möchte ich noch einmal hervorheben, dass unsere Arbeit gezeigt hat, dass Spurensuche durchaus ein Mittel zur Integration sein kann.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Heimat ist dort, wo ich meine Kindheit verbracht habe?

Zunächst war diese Aussage für mich nur eine Feststellung, eine Behauptung, von der ich nicht wusste, ob sie auf mich zutrifft. Über die Frage, ob meine Heimat dort ist, wo ich meine Kindheit verbracht habe, hatte ich noch nicht nachgedacht. Erst diese Fragestellung der Veranstalter hat mich jetzt dazu geführt, darüber nachzudenken, ob Heimat für mich mit meiner Kindheit verbunden ist.

Dreierlei möchte ich dazu ausführen:

  1. Kindheitserlebnisse in Landsberg und Umgebung

  2. Vergessene Heimat Landsberg – neue Heimat Thüringen

  3. Meine wiedergefundene „alte“ Heimat

1. Kindheitserlebnisse in Landsberg und Umgebung

Ende November 1930 wurde ich in Landsberg/W. in der Zimmerstraße 4 geboren. Meine Eltern hatten eine Bäckerei, Konditorei und Café in der Brückenvorstadt und ein Café in der Innenstadt. Meine Eltern waren jung und mein Bruder sieben Jahre älter als ich, also kein Spielkamerad für mich. Als Kind hatte ich viele Freiheiten, da meine Eltern wenig Zeit hatten. Wir wohnten neben dem Lützowpark und das war für mich und die Nachbarkinder unser Hauptspielplatz. Zuerst im Sandkasten und dann, hauptsächlich mit Jungen, Ballspiele auf der Straße und Verstecken im Park im Sommer, Schlittern im gefrorenen Rinnsteig, Schlittenfahren am Bahndamm, Schlittschuhlaufen auf dem Brenkenhofkanal im Winter. Die Kindheit war fröhlich und unbeschwert.

Mit meinem zehnten Lebensjahr kam der Schulwechsel in das Lyzeum in der Böhmstraße. Der Schulweg war lang und dauerte 30 bis 35 Minuten eine Strecke, die ich natürlich zu Fuß gegangen bin. Der Schulwechsel brachte dann auch andere Freunde und Freundinnen.

An den Wochenenden im Sommer fuhr oft die ganze Familie mit dem Auto in irgendein Ausflugslokal in der landschaftlich herrlichen Umgebung. Mein Vater lieferte Torten, Kuchen, Brot und Brötchen in etliche Ausflugslokale. Es war üblich, diese Lokale im Sommer abwechselnd zu besuchen. Wir fuhren z.B. nach Kladower Teerofen oder in das Waldhaus in Zanztal.

In den Sommerferien fuhren wir regelmäßig auf die Insel Usedom zur Erholung. Da das Café während dieser Zeit nicht geschlossen wurde, teilte sich die Familie. In der übrigen Sommerzeit fuhr ich mit meiner Freundin, deren Eltern und dem Hund an die Seen der Umgebung. Es waren herrliche unbeschwerte Tage und ich liebte den Wald, die Blaubeeren, Himbeeren und das Schwimmen im See. Der Nirymsee, der Stegsee, der Bestiensee oder der große See in Berlinchen mit dem zehn Meter hohen Sprungturm waren für mich bekannte Ziele, ebenso im Winter das Schlittschuhlaufen auf dem Brenkenhofkanal und auf der Wildwiese im Stadtpark. Die Kindheit endete am 30.01.1945 mit der Flucht aus Landsberg. Meine Mutter und ich konnten auf einem Lastwagen der Bäckereinkaufsgenossenschaft mitfahren. Die Erlebnisse dieses Tages, an dem wir abends in einer Mühle in Golzow (Oderbruch) ankamen, werde ich nicht vergessen. Mein Vater blieb in Landsberg, er sagte „der Ofen ist voller Brot und die Menschen brauchen etwas zum Essen. Ihr seid in sechs Wochen wieder zurück, oder ich komme nach.“ Er ist vierzehn Tage vor Ostern 1945 im Speziallager Schwiebus umgekommen.

2. Vergessene Heimat Landsberg – neue Heimat Thüringen

Wegen der schweren Bombenangriffe auf Berlin verließen wir die Stadt Anfang März 1945. Wir fuhren mit der Bahn nach Thüringen, das dauerte drei Tage. Bei Bitterfeld haben wir einen Tiefflieger­angriff überlebt. In Buttstätt bei Weimar blieben wir vom März 1945 bis zum November 1950. Dort habe ich meine Schule beendet und eine landwirtschaftliche Lehre begonnen. Mein berufliches Ziel war es, Tierzucht zu studieren und dann auf einem großen landwirtschaftlichen Betrieb zu arbeiten. In Buttstätt gewann ich neue Freundinnen und Freunde und erlebte meine große Liebe. In der Schule lief es schlecht und recht, meine Devise war, Hauptsache durchkommen. Jeden Nachmittag und in den Ferien arbeitete ich auf einem Bauernhof. Das war für mich viel interessanter. Ich bekam ein Deputat, d.h. Getreide und Kartoffeln sowie etwas Geld. Die Schularbeiten waren mir oftmals egal. Meine Mutter und ich hatten gemeinsam ein Zimmer. An Landsberg habe ich überhaupt nicht mehr gedacht. Nach ca. zwei Jahren bekamen wir über das Rote Kreuz die Nachricht, dass mein Vater im Speziallager Schwiebus umgekommen ist und eine zweite Nachricht, dass mein Bruder, der bei der Marine war, als Gefangener in Südfrankreich lebte.

Am 1.8.1949 begann ich eine Landwirtschaftslehre in einem sehr kleinen Dorf an der Grenze von Thüringen zu Sachsen-Anhalt. Die Arbeit auf dem Feld liebte ich und besonders die Sonntagnachmittage, dann ging die Dorfjugend mit Gitarre oder Mandoline in den Wald. Wir wanderten und sangen. Öfter gingen wir Sonntagabends in ein Nachbardorf zum Tanz.

Im Oktober 1950 zeichnete sich ab, dass meine Mutter mit mir im Zuge der Familienzusammenführung in den Westen übersiedeln wollte. Für mich war diese Entscheidung fürchterlich. Ich wollte in Thüringen bleiben. Anfang November war es dann soweit, mit einem Führer und gegen Bezahlung sind wir im Eichsfeld bei Duderstadt – schwarz über die grüne Grenze –in den Westen gegangen. Von dort fuhren wir weiter nach Dortmund zu Verwandten. Meine Lehre musste ich im ländlich-hauswirtschaftlichen Bereich fortsetzen, da die Universitäten die Zusage zu einem Studium für Tierzucht nur Männern erteilten. Das Eingewöhnen im Westen fiel mir außerordentlich schwer. Immer wieder war ich in Gedanken in Thüringen. Ob das mit meinem Alter zusammenhing? An Landsberg dachte ich nie. Während des Studiums und danach bin ich, so oft es möglich war, nach Thüringen in die DDR gefahren. Dorthin zog es mich. An Landsberg dachte ich immer noch nicht. Meinen Interessen entsprechend bin ich landwirtschaftliche Lehrerin geworden und unterrichtete an der Landwirtschaftsschule Limburg/Lahn. Im September 1960 habe ich geheiratet. Wir sind nach Koblenz gezogen und ich war sechseinhalb Jahre in der Energieberatung tätig. Nach ein paar Jahren kam meine Tochter zur Welt. Landsberg war weit weg und kam in meinen Gedanken nicht vor. Wir bauten uns eine Existenz auf, ich hatte eine Familie und war damit ausgelastet. Meine Mutter war im September 1955 verstorben. Auf Wunsch meiner Tante kam eine Anzeige in das Heimatblatt der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg/Warthe. Bis dahin hatte ich die Bundesarbeitsgemeinschaft nicht gekannt und auch kein Heimatblatt bekommen. Zweimal war ich in Herford zum Bundestreffen. Dort kannte ich Niemanden, bin nicht lange geblieben und nie mehr dorthin gefahren. Hatte ich alles vergessen, keine Erinnerung mehr? Durch berufliche Veränderungen meines Mannes zogen wir Ende 1968 nach Frankfurt am Main. In meinem Lehrerberuf wurde ich gebraucht und begann wieder zu unterrichten. Mein Mann wurde sehr krank und war nicht mehr berufsfähig. Dadurch habe ich dann voll gearbeitet. Unser Kind war im Kindergarten und kam Mittags nach Hause. Ende April 1985 rief mich plötzlich eine Bekannte aus Bremen an, ob wir nicht gemeinsam mit einem Bus nach Landsberg/Warthe fahren sollten? Nach kurzer Überlegung stimmte ich zu.

3. Meine wiedergefundene „alte“ Heimat

Himmelfahrt 1985 begann meine Reise in die Vergangenheit, in die alte Heimat. Es war herrliches Wetter, die Reise ging mit zwei Bussen von Berlin über Frankfurt/Oder und Küstrin nach Landsberg. Von Küstrin fuhren wir auf der alten Reichsstraße 1, durch Tamsel, Klein- oder Großcamin, Döllens­radung, Düringshof, Gennin, Loppow, Wepritz nach Landsberg. Auffallend war, dass wir in jedem Dorf anhielten. Einige Leute stiegen mit ihrem Gepäck aus dem Bus aus. Sie wurden stets von größeren Gruppen polnischer Menschen herzlich begrüßt und gingen gemeinsam fort. In Landsberg, das jetzt Gorzów heißt, wohnten wir im Hotel Mieszko. Die deutsche Reiseleiterin hatte verschiedene Fahrten in die Umgebung geplant, aber meine Bekannte und ich wollten eigene Wege gehen. Durch Vermittlung der polnischen Reiseleiterin machten wir Bekanntschaft mit einem deutschsprechenden polnischen Ehepaar, das auch ein Auto hatte. Mit dem Auto und dem Ehepaar fuhren wir am ersten Tag von Landsberg nach Berlinchen. Wir wollten in die Umgebung fahren, hauptsächlich an die wunderschönen Seen. Wir fuhren an diesem Morgen auf der Friedeberger Straße in Richtung Stolzenberg. Die Sonne schien, die Bäume der Allee standen in frischem Grün. Es war, als wenn man durch einen grünen sonnendurchfluteten Dom fuhr. Mir schossen die Tränen in die Augen und es war wie ein Dammbruch. Die Erinnerung an die Kindheit war wieder da, an die Autofahrten mit den Eltern und die Fahrradtouren mit meiner Freundin und deren Eltern in die Umgebung. Wir waren an den verschiedensten Seen. Wir sind im Bestiensee bei Altensorge geschwommen, im Stegsee bei Hohenwalde, im großen und kleinen Mierenstubbensee bei Rohrbruch und im großen See in Berlinchen. Ich konnte mein Elternhaus und die Wohnung in Landsberg besichtigen und die Stelle an der Kirche in Rietschütz, wo wahrscheinlich mein Vater begraben liegt. 1985 - nach vierzig Jahren Abwesenheit - war ich nur vier Tage in der Heimat, aber es war eine Zeitreise, eine Reise in die vergangene Kindheit. Seit diesem Erlebnis fahre ich jedes Jahr oft mehrmals in meine Heimat. Seit 1990 habe ich eine kleine Wohnung in einem kleinen Dorf - mitten im Wald gelegen und mit zwei Seen in der Nähe.

Der Weg zu meinem Badesee führt durch einen Kiefernwald, am Wegesrand stehen Birken. An warmen Sommertagen, wenn die Sonne durch die Bäume scheint, durchzieht ein würziger Kiefernduft den Wald. Ich bin bei Sonnenaufgang, in der Mittagsruhe und bei Sonnenuntergang im See geschwommen. Oft herrschte große Stille und meistens war ich dort ganz allein. Auf dem See schwimmen ein paar Blesshühner, in der Ferne sieht man einen Angler. Der See ist von Wald eingerahmt. Dieses Bild kenne ich im Frühjahr, im Sommer, im Herbst, wenn die gelbgefärbten Birken den Waldesrand säumen und im Winter bei Schnee. Diese Bilder habe ich als Fotografien in meinem Kopf und in meinem Herzen konserviert.

Nicht das Elternhaus oder die Stadt Landsberg, sondern die Natur hat offensichtlich das Heimatgefühl ausgelöst. Etwas, das verschüttet und vergessen war, hat mein Empfinden wieder erreicht und die Erinnerung an die Kindheit zurückgebracht.

Mit vierzehn Jahren habe ich die Heimat verlassen. Ein Gefühl für verlorene Besitztümer habe ich nicht, aber diese Landschaft möchte ich nicht mehr missen. Auch liegt mir die Mentalität der jetzt dort lebenden Menschen. Ob wir einander ähnlich sind?

„Heimat ist dort, wo ich meine Kindheit verbracht habe“ – so lautete mein Thema. Komme ich auch zu diesem Schluss? Meine Kindheit hat wieder einen Platz in meiner Erinnerung. Durch die Wiederbegegnung mit der Natur in dieser Landschaft ist ein Heimatgefühl entstanden. Die Feststellung, die Heimat sei dort, wo man seine Kindheit verbracht habe, kann ich mit meiner Erfahrung und meinem Empfinden offenbar bestätigen. Ob man es so empfindet, hängt sicher von vielen persönlichen Erlebnissen ab. Mein Urgroßvater war Bauer in der Landsberger Brückenvorstadt. Meine Verwurzelung in der Natur ist sicher Bestandteil meines familiären Erbes. Als Kind habe ich viel Zeit in der Natur, in der wunderschönen Landsberger Umgebung verbracht. Mit Dankbarkeit und Stolz kann ich heute sagen, ich bin ein Kind der Neumark in der ehemaligen Ostmark Brandenburg.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Gorzów Wielkopolski / Landsberg a.d. Warthe – gemeinsamer Ort für ehemalige und heutige Bewohner?

Die bronzene „Friedensglocke” wiegt 1.200 kg. Eingeprägt ist das Wort „Frieden” in drei Sprachen, auf polnisch, deutsch und lateinisch. Hinzu kommt das Stadtwappen und die Zeile 1257-2007 Landsberg an der Warthe – Gorzów Wielkopolski. Es folgen zwei Verse aus dem Gedicht Friedrich Schillers Das Lied von der Glocke: „Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute“. Die Glocke hängt am Glockenturm auf einem großen Platz der Stadt. Eine zweisprachige Tafel informiert, dass die Glocke „anlässlich des 750-jährigen Jubiläums der Gründung der Stadt Landsberg / Gorzów Wielkopolski“ gestiftet wurde als „Symbol des steten Wunsches der ehemaligen und heutigen Stadtbewohner nach Frieden und Freundschaft.“ Stifter sind die Mitglieder der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg an der Warthe (BAG) und die Stadt Gorzów. Die Glocke erklang zum ersten Mal im September 2006 während der Auftaktfeierlichkeiten zur 750-Jahr-Feier der Stadt.

Woher kam die Idee einer Friedensglocke in so einer Stadt wie Gorzów? Einer mittelgroßen Stadt, die nicht als wichtiger Ort auf der Europakarte markiert ist? Es gibt in der Welt bekannte Friedensglocken: in Philadelphia und Hiroshima, am Sitz der UNO in New York, im deutschen Mösern, im polnischen Warschau und in Posen. Und jetzt Gorzów?

Die Stadt ist 750 Jahre alt. Die Gründungsurkunde aus dem Jahre 1257 ist erhalten. Und doch ist Gorzów Wielkopolski erst 61 Jahre jung. Das Jubiläum betrifft also Landsberg an der Warthe. 750 Jahre lebt diese Stadt. Meine Stadt und die Stadt von Christa Greuling. Eine Stadt, die aufgrund geschichtlicher Verirrungen und Entgleisungen nach fast sieben Jahrhunderten deutscher Entwicklung eine polnische wurde. Nun ist es eine polnische, lebendige, schöne und junge Stadt. Ihre ehemaligen Einwohner besuchen und lieben diese durch ihre Erinnerung verklärte Stadt. Daher die Idee der Friedensglocke. Aus Liebe zur gemeinsamen Stadt.

Die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg an der Warthe (BAG) Ursula Hasse-Dresing sagte in ihrer anrührenden Ansprache während der feierlichen Einweihung der Friedensglocke: „Sie soll das Zeichen einer 750-jährigen Geschichte und unserer Liebe zu dieser Stadt sein, ein Zeichen des Friedens, der hier eine Zelle haben soll, von der aus er sich über diese Welt verbreiten kann. Jeder Platz auf der Welt kann eine solche Zelle bilden.“ „... und unserer Liebe zu dieser Stadt ...“ Unserer, d.h. der ehemaligen Einwohner und unserer, die wir hier geboren wurden oder nicht selten unfreiwillig angesiedelt wurden. War es einfach, eine solche Eintracht zu erreichen? Und wie ist sie zustande gekommen?

In den 1970er Jahren knüpfte Hans Beske, der damalige Vorsitzende der BAG, einen persönlichen, freundschaftlichen Kontakt mit dem hiesigen Bischof Wilhelm Pluta. Die ehemaligen deutschen Einwohner kamen zunächst als Touristen nach Gorzów und machten Bekanntschaften. Erst mit der Zeit entstanden Verbindungen zum Stadtmuseum (dem heutigen Jan-Dekert-Museum). Im Dialog über die Geschichte gelang es eine gemeinsame Sprache zu finden. Wir lernten die deutsche Geschichte und das deutsche Kulturerbe der Stadt zu berücksichtigen. Seit 1978 entwickelte sich allmählich eine institutionelle Zusammenarbeit zwischen der BAG, dem Kulturverein in Gorzów und dem Museum. 1982 erschien eine zweisprachige Publikation, die diese Zusammenarbeit dokumentierte: Wege zueinander.

Aber der offizielle Rahmen für die Zusammenarbeit fehlte noch. Erst 1995 wurden offizielle Kontakte zwischen der Stadt und der BAG mit Sitz in Herford aufgenommen. Sie begannen u.a. mit gegenseitigen Besuchen des Stadtpräsidenten bzw. -bürgermeisters, mit gemeinsamen Konferenzen und der Entwicklung der Städtepartnerschaft. Es wurde über die Interpretation der geschichtlichen Fakten diskutiert, über die Folgen der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in Polen und Deutschland, über die deutsch-polnischen Nachkriegsbeziehungen. 1998 wurde in Gorzów eine Arbeitsgruppe für Zusammenarbeit mit der BAG ins Leben gerufen und der 30. Januar, der bis dahin als „Tag der Befreiung” galt, wurde zum „Tag der Erinnerung und Versöhnung” erklärt. Die gemeinsamen Feierlichkeiten werden Jahr für Jahr von deutsch-polnischen Projekten begleitet, die die Erinnerung an die ehemaligen Einwohner bewahren sollen.

Diese langjährige Zusammenarbeit brachte viele Früchte. Erschienen sind u.a. das Fotoalbum Ansichten des alten Landsberg und das Buch Max Bahr und seine Bürgerarbeit. Die ehemaligen Einwohner unterstützten den Wiederaufbau des Paucksch-Springbrunnens auch finanziell, der anlässlich der 740-Jahr-Feier eingeweiht wurde. Die Orgel im Dom wurde renoviert. Ein Gedenkstein zur Erinnerung an die ehemaligen Einwohner wurde gestiftet, sowie zahlreiche Gedenktafeln für bedeutende Landsberger. Bereits dreimal tagte in Gorzów die Bundesversammlung der Landsberger. Die Schüler der Gorzower Schulen nahmen an einem Wettbewerb zur Stadtgeschichte teil. Das erste Lyzeum bekam eine audiovisuelle Ausstattung des Sprachlernraumes und eine Stube zur Geschichte der Stadt geschenkt. Eines der neuesten Projekte im Rahmen der deutsch-polnischen Zusammenarbeit war eben die Friedensglocke. Die Stadtverwaltung bespricht mit den ehemaligen Einwohnern stets alle auftauchenden Probleme, wie zum Beispiel bei dem Bau der Straße durch den ehemaligen evangelischen Friedhof. Gemeinsam wurde beschlossen, die hier ruhenden verstorbenen Landsberger umzubetten. Am 30. Januar 2007 fand eine feierliche Umbettung der deutschen Toten auf dem Kommunalfriedhof statt. Eine Gedenktafel zur Erinnerung an die verstorbenen Landsberger wurde gestiftet, eine andere erinnert an Hermann Paucksch, der inzwischen zum Ehrenbürger von Gorzów ernannt wurde.

Für die ehemaligen Stadtbewohner ist Landsberg ein Mythos, das verlorene Paradies: jene Heimat, von der Bernhard Schlink schrieb, dass man sie am intensivsten erlebe, wenn sie fehlt, und das einzig wahre Gefühl, das man mit ihr verbindet, die Sehnsucht sei. Für die heutigen Einwohner von Gorzów gelten wie für uns alle die Gesetze der Kultur- und Wirtschaftsglobalisierung und wir alle befinden uns inmitten der europäischen Integrationsprozesse. Die Herkunft, die die Menschen, die nach dem Krieg gemeinsam in diesem Gebiet angesiedelt worden waren verband, wird allmählich an Bedeutung verlieren. Die heutigen Einwohner von Gorzów identifizieren sich immer stärker mit ihrer Stadt, die nun ein Teil ihrer heimisch gewordenen Welt ist.

In der Kindheit und Jugend identifizieren wir uns stark mit der Straße oder der Wohnsiedlung, hier machen wir einen Großteil unserer Erfahrungen, hier wachsen wir auf, hier gehen wir zur Schule, hier treffen wir unsere Freunde, hier lernen wir leben. Während wir heranwachsen, erweitert sich unsere „heimische Welt“ um entferntere Stadtgebiete. Unsere Kontakte werden vielseitiger und wir lernen das Spezifische des Anderen kennen. Was und wer wir sind, begreifen wir tatsächlich erst, wenn wir mit der Außenwelt, mit den Anderen und deren Welt konfrontiert werden.

Die moderne Welt trägt zur Erweiterung unseres Horizonts auf eine Art und Weise bei, die die vorangegangene Generation sich nicht hätte erträumen können. Es ist nicht nur die Öffnung der Grenzen und die Einfachheit, sich fortzubewegen, die es uns ermöglicht, die anderen kennen zu lernen und darüber nachzudenken, wer wir sind bzw. sein wollen. Eine andere, einfacher zugängliche Quelle ist die Massenkultur und die multimediale Kommunikation. Europäische oder auch Welttrends in der Mode tragen zur Vereinheitlichung bei. Ähnlich wirkt sich das gemeinsame europäische Recht aus, die Entstehung übernationaler Einrichtungen und die Tätigkeit internationaler Unternehmen, die Menschen aus verschiedenen Ländern beschäftigen. Im Netz des Kabel- oder Satellitenfernsehens finden wir Programme, die andere Kulturen, Nationen und Länder vorstellen. Auf diese Weise erlernen wir die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen und andere Lebensweisen zu akzeptieren. Wir gewinnen Einsicht in den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext der Anderen, der uns diese bis dahin fremden Lebensweisen begreiflicher macht.

Das Internet hebt faktisch jegliche Grenzen auf, da es erlaubt, in der Jetzt-Zeit mit Menschen zu kommunizieren, die sich nicht nur in anderen Städten, sondern auch in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten aufhalten. Dieser interkulturelle Kontakt erweitert nicht nur unsere kommunikativen Kompetenzen, sondern er befähigt uns vor allem zu Toleranz und Offenheit. Wenn sich jedoch unsere Horizonte ständig erweitern, wächst auch unser Bedürfnis, sich mit solchen Elementen zu identifizieren, die wir als die eigenen erkennen. Daher tauchen ab und an beunruhigende separatistische und neonationalistische Tendenzen oder Haltungen auf, die sich gegen jede Integration richten und die eigene nationale und kulturelle Einzigartigkeit glorifizieren.

Aber Gorzów ist eine offene Stadt. Seit Jahren arbeitet sie mit vielen ausländischen Partnern in ganz Europa zusammen. Die Stadt ist auch das größte Zentrum der Euroregion „Pro Europa Viadrina“. Deutsch-polnische Projekte umfassen viele Bereiche und ihr Wirkungsradius weitet sich ständig aus. Einst fehlte es den partnerschaftlichen Aktivitäten – nicht nur in unserer Euroregion – an Spontaneität. Sie orientierten sich nicht an den wahren Bedürfnissen und den gemeinsamen Interessen, sondern kamen von oben. Wichtigste Gewinner und Subjekte dieser Zusammenarbeit waren die Verwaltungsbehörden und nicht die Zivilgesellschaft. Heute verteilen sich die Schwerpunkte gleichmäßiger, nichtsdestotrotz befinden sich die Euroregionen in einer unvermeidlichen Krise. Einerseits verlieren sie im vereinten Europa zum Teil ihre Berechtigung. Andererseits kann man schwer von gemeinsamen Wurzeln und Traditionen der heutigen Bewohner des Lebuser Landes und Ostbrandenburgs reden. Trotz aller Sympathie und besserer Zusammenarbeit ist das doch nicht ein Organismus, den lediglich die Staatsgrenzen durchschneiden. Auch bin ich nicht der Meinung, dass man von einer euroregionalen, übernationalen Identität reden kann. Noch vor kurzem waren sich mehr als 70 Prozent der Bewohner des Lebuser Landes nicht einmal dessen bewusst, dass sie in einer Euroregion leben. Aus den Gesprächen mit vielen jungen und älteren Deutschen geht ebenfalls hervor, dass sich ihre „heimische Welt“ keineswegs mit den Grenzen der Euroregion deckt, ihre Welt ist eine ausdrücklich lokale, hat aber zugleich europäischen Charakter.

Ähnlich wird es sich wohl mit der Identität der Generation der Gorzower verhalten, die jetzt heranwachsen und denen der Selbstfindungsprozess erst bevorsteht. Man kann vermuten, dass Familie, Freunde und dann die Stadt ihre wichtigsten Bezugspunkte sind. Im Kontakt mit Ausländern werden sie sich zuerst als Polen und dann als vollberechtigte Mitglieder der europäischen Gemeinschaft definieren. Paradoxerweise erleichtert der unbestimmte kulturgeschichtliche Kontext der nationalen Tradition von Gorzów seinen Einwohnern, sich effektiv und problemlos in der globalen Europagemeinschaft einzuleben. An ihr teilzuhaben, ist bereits von großem Wert.

Diejenigen, die heute nationalistische oder milder gesagt isolationistische Parolen verbreiten, heben die Bedrohungen der nationalen und kulturellen Identität hervor, die die europäische Integration angeblich mit sich bringen soll. Dabei vergessen sie, dass gerade diese Integration dem lügenfreien Dialog den Weg ebnet. Paradoxerweise, doch bestimmt in Einklang mit den Absichten von Robert Schuman und Jean Monnet, führt die Integration zur richtigen Lesart der Geschichte und zur Selbstfindung. Also zur Überzeugung, die Marion Gräfin Dönhoff so formuliert hat: „Man kann lieben, ohne zu besitzen.“ Gerade das tun die ehemaligen Einwohner von Landsberg an der Warthe, die Gorzower, die hierher aus Lemberg oder Wilna kamen, und die jungen Polen, die heute in Irland arbeiten.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Aus dem Polnischen Ewa Czerwiakowski

Der Heimatbegriff im Brockhaus – Die Enzyklopädie

Heimat, Begriff, der die Vorstellung einer teils imaginativ erschlossenen, teils real angebbaren Landschaft oder eines Ortes bezeichnet, zu denen aufgrund tatsächlichen Herkommens oder vergleichbar „ursprünglicher“ Verbundenheitsgefühle eine unmittelbare und für die jeweilige Identität konstitutive Vertrautheit besteht. Diese Erfahrung ist zunächst an den Erlebnisraum und die Erfahrungswelt von Individuen gekoppelt, wird zugleich aber auch von größeren Kollektiven (Gruppen, Regionen, Stämmen, Nationen, Völkern) in Anspruch genommen und als solche auch wieder an die Angehörigen dieser Kollektive im Ablauf der Generationen, durch die Familie und andere Sozialisationsinstanzen oder auch durch politische und sonstige Programme weitergegeben. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Heimat zunächst auf den Ort (auch als Landschaft verstanden) bezogen, in den der Mensch hineingeboren wird, wo er die frühen Sozialisationserlebnisse hat, die weithin Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und schließlich auch Weltauffassungen prägen. Insoweit kommen dem Begriff grundlegend eine äußere, auf den Erfahrungsraum zielende, und eine auf die Modellierung der Gefühle und Einstellungen zielende innere Dimension zu, die (zumal der Begriff Heimat zunächst mit der Erfahrung der Kindheit verbunden ist) dem Begriff eine meist stark gefühlsbetonte, ästhetische, nicht zuletzt ideologische Komponente verleihen. Ein solcher mehrdimensionaler, aber immer mit den gefühlsbetonten Komponenten „erster Erfahrungen“ versehener Begriff kann dann auch spätere „Beheimatungen“ im Erwachsenenalter, eine geistige, kulturelle und sprachliche, nicht zuletzt politische Heimat bezeichnen.

Begriffsinhalt und Begriffsgeschichte

In ethologischer und anthropologischer Hinsicht reflektiert Heimat zunächst das Bedürfnis nach Raumorientierung, nach einem Territorium, das für die eigene Existenz Identität, Stimulierung und Sicherheit bieten kann (Paul Leyhausen, * 1916). In existenzphilosophischer Hinsicht stellt Heimat in Wechselbeziehung zum Begriff der Fremde eine räumliche und auch zeitbezogene (Traditionen) Orientierung zur Selbstgewinnung des Menschen bereit (O.F. Bollnow). In soziologischer Hinsicht zählt Heimat in Komplementarität zu Fremde zu den Konstitutionsbedingungen von Gruppenidentität (G. Simmel). In diesen beiden letzten Betrachtungsweisen wird dem Begriff Heimat neben der inneren auch eine eigene historische Dimension zuerkannt. Denn trotz einer möglicherweise „allgemein menschlicher“ Fundierung hat der Begriff Heimat historische Entwicklungen durchlaufen, die selbst wieder historische, soziale und psychische Prozesse widerspiegeln; von hier aus ergeben sich verschiedene Verwendungsweisen des Begriffs und unterschiedliche Schattierungen in der Bedeutung.

Folgt man den Belegen des Grimmschen Wörterbuchs, so wird eine Bedeutungsvielfalt des Begriffs Heimat deutlich, die vom elterlichen Haus über die Landschaft der eigenen Region bis zur „himmlischen Heimat“ (P. Gerhardt) variiert. Gleichwohl gibt es eine – auch rechtlich relevante – Bedeutung, die den Begriff in den Zusammenhang des Besitzes von Haus und Hof, also eines festliegenden, geographisch bestimmten Raumes mit seinen entsprechend prägenden Erfahrungen, einbringt. Die relativ enge Bindung des Begriffs Heimat an Eigentum und Besitz zeigt sich u.a. in den Bestimmungen zum Heimatrecht, das in den deutschen Ländern bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus galt. Wer Grundeigentum in einer Gemeinde hatte, kam automatisch in den Genuss des „Heimatrechts“, mit dem die Erlaubnis zur Verheiratung und Niederlassung und zur Ausübung eines Gewerbes verbunden war, das im Falle der Verarmung aber auch die Versorgung durch die Gemeinde vorsah. Diese Bindung von Heimat an materiellen Besitz, die damit gleichermaßen Besitzlose (Gesinde, Tagelöhner, ehemalige Soldaten) als „Heimatlose“ von diesen Rechten ausschloss, verweist so auf den historischen Charakter des Begriffs: Er reflektiert die Vorstellung der „besitzenden“ sozialen Schichten, insbesondere des Bürgertums und der ländlichen Aristokratie. Ein solches an Besitz und Differenz ausgerichtetes Verständnis von Heimat bietet auch den Anlass zu späteren ideologischen Ausformungen des Begriffs (die Darstellung des Proletariats als „vaterlandslose Gesellen“, die Bindung von Wahlrechten an Besitz, schließlich Fremdenhass und „Heimatverteidigung“). Denn das Heimatrecht garantierte nicht nur einen Versorgungsanspruch, sondern fungierte ebenso häufig als Ausschlussprinzip (H. Bausinger), besonders dort, wo Heimat auf den vorstaatlichen Raum der Gemeinde (R. König) bezogen wurde, der bis heute in Deutschland, aber auch in der Schweiz eine eigenständige Bedeutung zukommt. Erst die Menschenrechtserklärung der UNO von 1948, die die Freizügigkeit und das Recht der Rückkehr in die jeweils eigene Heimat forderte, koppelte das Heimatrecht an die Existenz der Person und nicht mehr an die besondere Rechtslage eines Ortes oder an das Vorhandensein von Besitz.

Der Heimatbegriff in der europäischen Ideengeschichte der Neuzeit

Für die Veränderungen des Begriffs Heimat in den letzten Jahrhunderten haben im Rahmen der europäischen, speziell der deutschen Entwicklung verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt. So die Entstehung der neuzeitlichen Territorialstaaten, eine Entwicklung, die mit den Staatsgründungen in frühabsolutistischer Zeit begann (G. Oestreich) und mit dem Programm der nationalen Einigungen (Griechenland, Italien, Polen, Deutschland) im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihren Abschluss fand und die sich in dem Wechselverhältnis der beiden Begriffe Heimat und Vaterland (lateinisch patria) wieder findet. Meinte zunächst Heimat den konkreten, auch gefühlsmäßig ansprechenden Ort des realen Lebenszusammenhangs der Menschen, so wurde im Zuge der territorialen Ausdehnung der modernen Staaten, der administrativen Erfassung und Reglementierung der unterschiedlichen Volkskulturen und der Einebnung regionaler Besonderheiten durch mehr oder weniger starke politische oder soziale Zentrierung Heimat zum engeren, „privaten“ Begriff und Vaterland zum umfassenderen, „politischen“ Begriff. Eine wichtige ideologische Aktivität der nationalen Bewegungen bestand in der Verlagerung der Gefühlswerte von Heimat auf Vaterland (z.B. Lieder, nationale Legenden, historische Feiertage, lokale Helden, Bräuche) und in einer damit einhergehenden Übertragung von Aktivierungsmöglichkeiten.

Ebenso ist die gefühlsmäßige Aufladung des Heimatbegriffs eng verbunden mit der in Europa mit der Renaissance einsetzenden, dann durch die philanthropische Aufklärung und die Romantik fortgesetzten und intensivierten Entdeckung und Ausgestaltung der Landschaft als (Selbst)Erfahrungsraum und Schutzraum der Subjektivität (J. Ritter). Erst dieser Wandel des Naturgefühls (W. Flemming), spürbar in Malerei, Musik und Literatur (J.-J. Rousseau, Goethes Werther), trug in Verbindung mit der Ausweitung von Freizeit und dem Aufkommen des Tourismus dazu bei, dass es dem bürgerlichen Subjekt (erst später den Angehörigen anderer Schichten) über die Pädagogik, die „Heimatkunde“ und die Heimatvereine ermöglicht wurde, sich selbst als Mensch in seinem heimatlichen Natur und Lebenszusammenhang zu begreifen.

Beide genannten Entwicklungen wurden unterstützt von allen mit der Entstehung der Industriegesellschaften verbundenen Faktoren: der Zunahme geographischer und sozialer Mobilität, dem Niedergang der ländlichen Lebensformen im Zuge der Verstädterung sowie den Akzentverlagerungen in den Produktionsbereichen (von Landwirtschaft zu Industriearbeit, dann zum Dienstleistungssektor). Ferner stehen diese Entwicklungen im Zusammenhang mit der zunehmenden Verplanung von Landschaften, Wohngebieten und Lebensformen, die auch mit den veränderten Arbeits- und Freizeitaktivitäten und veränderten Infrastrukturen verbunden ist. Damit rückt der Heimatbegriff in den Bereich der durch die Industriegesellschaft hervorgerufenen Kompensations- und Kritikbegriffe, in denen sich die Suche nach Orientierungen, Ausgleich, auch (Schein-)Lösungen der in Unruhe versetzten Gesellschaften und Individuen zeigt. Heimat wird zu einem Kontrastprogramm gegenüber Industrialisierung und Urbanisierung; insbesondere in (klein-)bürgerlicher Perspektive wird nun Heimat mit ländlichem Leben in traditionellen Formen gleichgesetzt: „Heimatkunstbewegungen“ traten gegen die als „dekadent“ empfundene Moderne an; Heimatkunde gewann in dieser Zeit ihren rückwärts gewandten „altfränkischen“ Charakter, der die spätere Ersetzung des Faches durch „Sachkunde“ in den 1970er Jahren rechtfertigen ließ.

Besonders deutlich lässt sich die teils kompensatorische, teils ideologisierende Funktion von Heimat an der nationalsozialistischen Ideologie ablesen. Der Nationalsozialismus stellte – wenn auch aufgrund der einerseits zentralisierenden, andererseits expansionistischen Tendenzen und unter den Anforderungen von Parteidiktatur, Gleichschaltung industrieller und rüstungswirtschaftlicher Interessen insgesamt weit weniger heimatfreundlich als angenommen – insbesondere das rückwärts gewandte Moment von Heimat heraus. So bezeichnete der Bezug auf eine jeweils besonders und affektiv ausgelegte Heimat zunächst den Rückzugsraum für v.a. jene sozialen Gruppen, die durch die Veränderungen der Industriegesellschaft seit dem 19. Jahrhundert und die damit verbundene zunehmende Abstraktion sozialer Lebenszusammenhänge (Verstädterung, Marktwirtschaft, räumliche Mobilität, Verwissenschaftlichung) verunsichert worden waren und ein umfassendes, gefühlsmächtiges und möglichst einfaches Orientierungsmuster suchten. Nicht zuletzt spielten für die Propagierung von Heimatvorstellungen und Heimatempfindungen die aufkommenden Massenmedien und erweiterte Bildungsprozesse (allgemeine Schulpflicht, „Deutsche Bewegung“, Heimatkunde in der Schule) eine maßgebliche Rolle; dies führte im Umfeld des Ersten Weltkriegs, besonders aber in den Krisenerfahrungen der Zwischenkriegszeit zu einer zunehmenden Politisierung des Heimatbegriffs, an die dann mit Schlagwörtern wie „Blut und Boden“, „Heimatfront“ oder „Heimatverteidigung“ die Kriegs-, Verteidigungs- und Vernichtungspropaganda der Nationalsozialisten anschließen konnte.

Der Wandel des Heimatverständnisses in der Bundesrepublik Deutschland

Darauf, dass Heimat in den Industriegesellschaften nicht einzig unter dem Aspekt der Regression zu betrachten ist, hat E. Bloch, nicht zuletzt durch Jugendbewegung und „Wandervögel“ angeregt, bereits zur Zeit des Faschismus als einer der Ersten hingewiesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte jedoch zunächst ein eher regressives Verständnis von Heimat vor, insofern der Begriff Heimat (z.B. als Heimatfilm, Heimatroman) einerseits der Befriedigung von Massenkonsumbedürfnissen diente (regional, bildungs- und schichtenspezifisch begrenzt war dies bereits ein Element in der Heimat- und Dorfliteratur des 19. Jahrhunderts gewesen), andererseits im Rahmen von Heimatfesten, Trachten- und Fremdenverkehrsvereinen u.Ä. Gegenstand der wirtschaftlich orientierten Erschließung der nichtindustriell oder nichtstädtisch geprägten Lebensformen und Landschaften war. Zugleich wurde Heimat aufgrund der besonderen deutschen Nachkriegssituation (Entwurzelung durch Vertreibung und Flucht) von den Heimat- und Vertriebenenverbänden politisch instrumentalisiert, indem sie das „Recht auf Heimat“ zu ihrem wichtigsten politischen Ziel erklärten. Im Laufe der 60er-Jahre setzte eine kritische Neubeschäftigung mit dem Begriff Heimat ein. Diese neuen Ansätze bezogen u.a. aus den in den zentralisierten Staaten Europas (Frankreich, Spanien, Großbritannien) entstandenen Bestrebungen um regionale Autonomie (Korsen, Basken, Katalanen, Schotten) ihre Anregungen und stehen in Wechselwirkung mit einem durch die fortschreitende Zerstörung der Umwelt im Wachsen begriffenen ökologischen Bewusstsein (z.B. Proteste gegen den Bau von Kernkraftwerken, Autobahnen u.a. Verkehrsgroßprojekten). In dieser Haltung kommt – angesichts immer abstrakter werdender Zusammenhänge in Gesellschaft und Politik – das stärker werdende Interesse größerer Bevölkerungsgruppen an einer Betrachtung der eigenen Lebenswelt unter der Perspektive einer „Nahoptik“ zum Ausdruck. In diesem Zusammenhang wurde auch Heimat neu definiert: Heimat nicht mehr als romantisch verklärtes, v.a. auf die Vergangenheit bezogenes Gefühl, das nur noch in vereinzelten Relikten in die Gegenwart hereinreicht, sondern als „konkrete Utopie“, als anzustrebende Ordnung einer Gemeinde oder einer Landschaft. In diesem Verständnis ist Tradition zwar nicht ausgeblendet, jedoch geht es nicht mehr primär um Konservierung isolierter Traditionsbestände, sondern v.a. um die tatkräftige Umformung der durch Anonymität gekennzeichneten Gemeinwesen, wobei freundnachbarliche Beziehungen und freie Entfaltung aller ermöglicht werden sollen. Dieses Heimatverständnis wurde im Laufe der 1970er und 80er Jahre z.B. in Bürgerinitiativen entwickelt und führte zu neuen Formen städtischer und dörflicher Planung, wurde aber auch begleitet von einer Wiederbelebung des Dialekts und anderer lokaler und regionaler Kulturformen. Bis zu einem gewissen Grad gingen also auch Aspekte der alten Auffassung von Heimat in den neuen Heimatbegriff ein, und es lässt sich beobachten, dass sich – etwa angesichts ökologischer Probleme – früher ungewohnte Koalitionen aus konservativen Gruppen und kritischen Initiativen zusammenfinden zur Schaffung lebenswerter, umweltfreundlicher Rahmenbedingungen.

Allerdings ist unter dem Druck erneuter ökonomischer und politischer Beschränkungen in den 1990er Jahren auch hier die ursprüngliche Vielfalt wieder eingeschränkt beziehungsweise transformiert worden; vielfach sind lediglich touristische Unternehmungen übrig geblieben beziehungsweise solche Muster der Heimatbeziehung, die an die in den Medien angebotenen Heimatkonzepte (Volksliedershows u.a.) anknüpfen können. Überall dort, wo sich der Bezug auf heimatliche Überlieferungen im Sinne lokaler oder regionaler Besonderheiten mit Ansprüchen konfrontiert sah, in denen menschenrechtliche beziehungsweise im modernen Sinne pluralistischer Heimatbezüge formuliert beziehungsweise eingefordert wurden, brachen dagegen alte und neue Konfliktlinien (z.B. zwischen Alteingesessenen und Migranten, ebenso aber auch zwischen verschiedenen Interessengruppen und Erlebnismilieus) auf. Dies führte zu einer Überlagerung der Heimatdiskussion mit anderen, teil politischen, teils sozialen Auseinandersetzungen. Nachhaltig hat sich dagegen die Orientierung an Heimat und Region im Bereich der Kulturpolitik der Länder (regionalspezifische „Lesebücher“, „Kultursommer“ und sonstige regionale Kulturförderprogramme, häufig in Verbindung mit der Tourismusförderung) und überhaupt im Bereich der Kultur ausgewirkt. Erste Schritte hierzu, die zumal darauf zielten, die deutlich durch nationalsozialistische Konzepte und ältere deutschnationale Vorstellungen von „Völkern und Stämmen“ bestimmte Lesart von Heimatliteratur und Heimatkultur aus dem Felde zu schlagen, wurden bereits in den 1970er Jahren (in der Literatur bei F. X. Kroetz, P. Handke, G. Fuchs, L. Fels) getan und fanden einen Höhepunkt in E. Reitz' viel beachtetem Filmwerk von 1984. Inzwischen stellen regionale Bezüge beziehungsweise ein entsprechend zu lokalen Zugehörigkeiten und Erfahrungen getönter Hintergrund sowohl im Bereich der Deutschland insgesamt repräsentierenden Literatur (G. Grass, S. Lenz, M. Walser, W. Kempowski) als auch in spezifisch regionalen Literaturen (Mundartdichter, rheinische, westfälische, schwäbische, brandenburgische, sächsische Künstler usw.) eine zentrale Dimension dar. Die von L. Harig für das Saarland beschriebene Dialektik zwischen Heimat und Reich beziehungsweise Vaterland („Der Saarländer ist entweder daheim oder im Reich“) spielt daher derzeit weniger in politischer als vielmehr in kultureller Hinsicht auch in der neuen Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Rolle und vermag so die mit dem Föderalismus verbundene und auf die ältere deutsche Geschichte zurückverweisende Einbeziehung Deutschlands in supranationale Zusammenhänge als eine Art Gegenstück, gegebenenfalls auch als Kompensation hervorzuheben.

Die Instrumentalisierung des Heimatbegriffs in der DDR

Durch die SED wurde der Heimatbegriff von Anfang an ideologisch und politisch instrumentalisiert und war somit auch dem Doktrinenwechsel der offiziellen Staatsideologie unterworfen. In den 1950er Jahren als ein „reaktionäres“ – weil dem bürgerlichen „Partikularismus“ verpflichtetes – Orientierungsmuster gekennzeichnet, fand diese politische Wertung ihre gesellschaftliche Entsprechung in der (Selbst-)Auflösung beziehungsweise gewollten Bedeutungslosigkeit zahlreicher den Heimatgedanken beziehungsweise regionale Traditionen pflegender Vereine. Einen tiefen Einschnitt bildete in diesem Zusammenhang die Verwaltungsreform 1952, die mit den Ländern (und ihren Kreiseinteilungen) wesentliche Träger kultureller Identität und geschichtlich gewachsenen Heimatbewusstseins auflöste. Ebenfalls in die 1950er Jahre reichen jedoch auch die ersten Versuche, eine DDR-Identität als Trägerin eines neuen sozialistischen Heimatbewusstseins zu begründen. Zunächst von der FDJ getragen, die in „zentralen Jugendobjekten“ junge Menschen „zum gemeinsamen Werk für die junge Republik“ versammelte, förderte die SED mit gleichem Ziel in den 1960er Jahren die Entwicklung eines eigenständigen sozialistischen „Brauchtums“ (u.a. sozialistische Namensweihen und Hochzeiten), das den Menschen in ihrer individuellen Lebenssphäre Identifizierungsmöglichkeiten mit dem sozialistischen Staat geben wollte. Eine zentrale Bedeutung erlangte der Gedanke von der „sozialistischen Heimat“ jedoch erst nach dem Amtsantritt E. Honeckers als Erster Sekretär des ZK der SED (1971), wobei die Begriffe des „sozialistischen Vaterlandes DDR“ und der „sozialistischen deutschen Nation“ (repräsentiert durch das „Staatsvolk der DDR“) maßgebend wurden. Vor diesem Hintergrund, aber auch angesichts wachsender wirtschaftlicher Schwierigkeiten und zunehmender Ausreiseanträge, erfolgte in den 1980er Jahren eine Neubewertung des Heimatbegriffs. Besonders regionale Traditionen wurden in ihren heimatbindenden und identitätsstiftenden Funktionen „wieder entdeckt“ und erfuhren zunehmend staatliche Förderung. Obwohl drei Generationen ihre Sozialisation vollständig in der DDR erfuhren, fühlte sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung der DDR (in ihren staatlichen Bezügen) als Heimat verbunden. Die überwiegende Mehrheit erlebte Heimat in den individuellen Lebensbezügen (Freunde, Familie, Gartenverein, Wohnort). Diese individuell-lebensweltliche Heimatverbundenheit veranlasste Menschen nicht selten trotz der von ihnen als bedrängend und einengend erfahrenen politischen Verhältnisse zum Bleiben in der DDR. Die Begriffe „sozialistische Heimat“ und „DDR-Identität“ blieben dagegen weitestgehend ideologische Postulate. Deren Bedeutungslosigkeit wurde endgültig mit dem Ende 1989 einsetzenden Machtverfall der SED offenbar, während die geschichtlich gewachsenen Territorien auch nach 37 Jahren nicht-staatlicher Existenz eine Bindungskraft für die Menschen bewiesen, die schon bald zu ersten Forderungen nach Wiedererrichtung der 1952 aufgelösten Länder führte. Diese wurde 1990 im Zuge der Wiederherstellung der deutschen Einheit realisiert und hat mit der Erneuerung der föderativen Strukturen wesentlich das Bewusstsein und die Bereitschaft zur Ausbildung und Förderung regionaler Identitäten gestärkt. Erst die zunächst vielfach unterschätzten kulturellen und v.a. wirtschaftlichen Anpassungsschwierigkeiten der neuen Bundesländer führten zu Ansätzen einer nostalgisch gefärbten „sekundären DDR-Identität“.

Der Heimatbegriff vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen seit Anfang der 1990er Jahre

Gegenwärtig können vier Aspekte notiert werden, unter denen der Begriff Heimat und die damit verbundenen Vorstellungen ein Rolle spielen und die ihrerseits auf Zusammenhänge und Prozesse zurückverweisen, die in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Gesellschaften zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirksam sind:

  1. Politische Integrationsbestrebungen (Europäische Union) und Globalisierung haben das Bewusstsein für und das Bedürfnis nach überschaubaren Nahbereichen verstärkt, sodass sich regionale Orientierungen bis hin zu regionalen Autonomiebestrebungen neuer Aufmerksamkeit erfreuen können. Im Zusammenhang damit steht zum einen eine erneuerte Aufmerksamkeit für verlorene Heimat (z.B. die der aus Ost- und Ostmitteleuropa vertriebenen Deutschen, ebenso aber auch hinsichtlich der durch die NS-Verbrechen zerstörten Heimat der europäischen Juden, namentlich des „Stetl“, der Bukowina, Galiziens usw.), zugleich aber auch die Diskussion um die Bedeutung von Heimatkonzepten bei der Aufnahme von Flüchtlingen und hinsichtlich der Integration von Zuwanderern heute.

  2. Ein zweiter Aspekt ist die in Alltag und Regionalkulturen sich zeigende kulturelle und zum Teil auch individuell ausgerichtete Orientierung an durchaus widersprüchlichen und teils eklektisch zusammengesetzten Heimatvorstellungen. Dies betrifft die Attraktivität von Heimatvereinen, lokalen Geschichtsvereinen und volkskundlichen Freizeitparks ebenso wie eine Fülle veröffentlichter Lebensgeschichten, Briefsammlungen, Tagebuchaufzeichnungen und >Lebensbilder<, in denen Heimat sowohl als Erlebnisraum als auch als Bezugsrahmen fungiert.

  3. Damit verbunden ist die wirtschaftliche Bedeutung von Heimatvorstellungen und Regionalbezügen, die in der Popularisierung bestehender Traditionen, aber auch in der (Rück-)Erfindung traditionaler Bezüge zum Ausdruck kommt und von der „Volksliedhitparade“ über Tourismuswerbung und regionale Küchen bis hin zu Festen und Freizeitangeboten (z.B. „Mittelalter-Spektakel“) reicht.

  4. Schließlich gibt es im Zusammenhang sich neu formierender rechtsextremistischer Strömungen und Gruppen auch ein Wiederaufleben der deutschnationalen und nazistischen Heimatvorstellungen, die sich im Besonderen auf Kampf und Verteidigung der Heimat einstellen und hierauf Gewalttätigkeit und Abwehr von Fremden gründen („Deutschland den Deutschen“).

Zeitgenössische Heimatforscher weisen darauf hin, dass Heimat nicht als passive Hinnahme von Gefühlslagen aufgefasst werden kann, sondern als Medium und Ziel einer praktischen (aktiven) Auseinandersetzung um die Gestaltung menschenwürdiger Verhältnisse verstanden werden soll. Heimat wäre demnach nicht lokal begrenzt und rückwärts gewandt (schon gar nicht etwas „typisch Deutsches“), sondern enthielte auch die Dimension einer „mobilen Heimat“ (J. Améry) und einer offenen, auf Austausch mit „dem Fremden“ bezogenen und seine Integration ermöglichenden Struktur. Nach H. Bausinger existiert heute in unseren Städten und Dörfern ein „recht sicheres Kriterium dafür, ob Heimat immer noch als Arsenal schöner Überlieferung verstanden wird, aus dem man sich bedienen kann, oder als Idee, menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen. Dieses Kriterium ist der Umgang mit ausländischen Mitbürgern. Ein Heimatbegriff, der ihnen keinen Platz einräumt, greift zu kurz, auch wenn er sich noch so sehr mit historischen Requisiten drapiert.“

Quelle: Brockhaus – Die Enzyklopädie in 24 Bänden, 20., neubearbeitete Auflage, Leipzig, Mannheim, F.A. Brockhaus 1996-99.

Zum Heimatbegriff

Die folgenden Kapitel Genese des Heimatbegriffs bis 1945 und Heimatbegriff nach 1945 stammen aus der Dissertation (Un)heimliche Heimat – Deutsche Juden nach 1945 zwischen Abkehr und Rückkehr des Kulturanthropologen Alexander von der Borch Nitzling. Diese Dissertation ist inzwischen als Buch im Paulo Freire Verlag in der Reihe Lebenswelten erschienen (2007, 424 Seiten, ISBN 978-3-86585-801-6, € 30,90). Aus diesem lesenswerten Buch zitieren wir mit dem Einverständnis des Verlags und des Autors die oben genannten zwei Kapitel.
Zum Buch: Borch Nitzling untersucht die Frage, welche Bedeutung für die Juden, die einst in Deutschland lebten, der Begriff Heimat hat – und wo heute ihre Heimat liegt? In den Emigrationsländern? In dem heutigen Deutschland, in das ein verschwindend geringer Teil der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte, allen negativen Erfahrungen zum Trotz? In dem alten Deutschland, das für ausnahmslos alle seiner 25 Interviewpartner einst Heimat war, bevor der Nationalsozialismus kam? Ihre Lebensgeschichten sind gekennzeichnet von erzwungenem Heimatverlust, nachfolgendem Zwang zur Neuverheimatung und dem oft lebenslangen Versuch, aus diesen Erfahrungen Sinn, d.h. Handlungsanleitungen für die Zukunft zu entwickeln – und gelegentlich auch belastet von der lebenslangen Aufgabe, diese traumatischen Erfahrungen zu verdrängen. Oftmals bewegen sie sich auch in diesem Spannungsfeld zwischen Verarbeitung und Verdrängung. Vor diesem empirischen Hintergrund analysiert Borch Nitzling anhand diverser Arbeitsbegriffe wie Identität, Territorialität, Raumorientierung und Migration den Begriff Heimat von seiner Entstehung bis zu seiner Bedeutung in der heutigen mobilisierten und globalisierten Welt (vgl.:www.nitzling.com/Alexander/index.html).
Borch Nitzling wirft auch die Frage auf, warum mit den „Heimatvertriebenen“ eigentlich immer nur die nichtjüdischen Deutschen aus den verlorenen Ostgebieten gemeint sind und nicht etwa die aus ihrer Heimat vertriebenen jüdischen Deutschen. Bei unserer Arbeit an dem Projekt Spurensuche ist uns ebenfalls aufgefallen, dass in den Heimatkreisen und Heimatblättern nur selten – eher als Ausnahme – von den ehemaligen jüdischen Mitbewohnern gesprochen oder geschrieben wird, so als hätten sie zur Heimat nicht dazugehört.
R.H./E.Cz.

Genese des Heimatbegriffs

Der Ursprung als Befriedigung instrumentaler und kontrollierender Bedürfnisse

Auf dem Weg einer Zurückverfolgung des Wortes Heimat gelangt man über das Heim (die Endung -at ist lediglich eine Ableitungssilbe) und dessen alte Formen hâm, hêm (1) oder haim (vgl. Grimmsches Wörterbuch H, 855; 864) zur zumindest klanglich sehr nahestehenden Verwandtschaft mit der Wurzel ham gleich decken, die wiederum Basis für das Hemd und den Himmel ist (vgl. ebenda, 980; 1332). Auf die etymologische Herleitung des Himmels von der Heimat wies bereits Wilhelm Raabe hin (vgl. Greverus 1979, 7) und auch logisch-funktional lässt sich die Deckungs-Gleichheit der drei ham-Wörter nachvollziehen: Das Hemd deckt die Haut des Menschen, das Heim deckt den gesamten menschlichen Körper und der Himmel deckt (als Himmelsdach) (2) die Erde ab. Deckung verstanden als Schutz (ein Mensch wird z. B. von anderen gedeckt/in Schutz genommen oder geht in De­ckung/sucht Schutz auf) verweist auf den Aspekt der instrumentalen Raumorientierung. In seiner Erweiterung zur Heimat bekommt das Heim neben der instrumentalen eine kontrollierende Qualität. Das Heimat – als Ableitung von das Heim im Althochdeutschen noch ein sächliches Substantiv (vgl. Grimmsches Wörterbuch H, 865) und als solches in ab­gelegeneren Gegenden bairischen und alemannischen Dialekts bis heute benutzt (vgl. Blickle 2002, 20) – bezeichnete neben dem Haus als solchem auch das Eigentum daran, ebenso das Eigentum an Hof, Grund und Boden. Dieses Heimat war nicht notwendiger Weise an den Geburtsort gebunden; ein wohlhabender Ortsfremder konnte es kaufen. Im allgemeinen aber bekam es der älteste Sohn oder, wenn keine Söhne vorhanden waren, ein Schwiegersohn (eventuell ebenfalls ortsfremd) vererbt oder noch zu Lebzeiten des Altbauern übertragen (vgl. Bausinger 1980, 12). Die anderen Söhne und vor allem die Töchter gingen in den Gebieten des Anerben­rechts leer aus. Die Mehrzahl der Menschen, Frauen, Knech­te, Tagelöhner und das sogenannte fahrende Volk, besaß damals kein Heimat auf Erden. Zwar gab es auch ein Heimat­recht an ihren Geburtsort – die völlig verarmtem sollten von ihren Gemeinden versorgt werden – , aber wenn dies in der Realität, „etwa in Zeiten massiver Agrardepressionen, zu erheblichen Schwierigkeiten führte, da wurden sie verstoßen, wurde ihnen der Aufenthalt verweigert ...; sie wurden vollends, in einem die karge Rechtsdefinition überspringenden Sinne, heimatlos“ (1980, 12). (3) Und während die Bleibenden ihren Rechtstitel Heimat der­gestalt unterlaufen sehen mussten, wurden die Auswanderungswilligen bis in das erste Viertel des 19. Jahrhunderts (vgl. Greverus 1972, 134 f.) „erst einmal aus der ‚Heimat’ entlassen, bevor sie fortgehen durften; ein juristischer Akt“ (Schilling 1998, 1), der ihnen dieses Heimatrecht formal aberkannte.

Die neuen bürgerlichen Heimatkonzeptionen Ende des 18. Jahrhunderts

Im Zuge der Industrialisierung machte das Heimat im alltäg­lichen Sprachgebrauch als Signifikat eine substantivische Geschlechtsumwandlung zum weiblichen durch; aus das Heimat wurde die Heimat.(4) Damit verbunden änderten und erweiter­ten sich auch seine Signifikanten: War die Natur noch eine Gefahrenquelle, vor der das Heimat als Schutz diente, so wurde Natur im Zuge ihrer fortschreitenden und hauptsäch­lich männlichen Beherrschung nunmehr Teil der neuen, weib­lichen Heimat. Die Beherrschung der Natur hatte zur Entfremdung von ihr geführt, und in der modernen bürger­lichen Konzeption von Heimat – als das Gegenteil des Frem­den – sollte diese Entfremdung wieder aufgehoben werden. Die Heimat wird vorindustriell.
Analog zur Entfremdung von der Natur über ihre reale Be­herrschung führte die moderne Aufklärung zu einer philo­sophischen Entfremdung bzw. Entzweiung: Dem Ich wird bewusst, dass es als Subjekt einer Objektwelt, dem Nicht-Ich, gegenübersteht, einer Welt, die sich als die Ganzheit aller Objekte möglicher Erfahrungen zusammensetzt. Über diese Bewusstheit vermag das Ich allerdings auch sich selbst zu objektivieren und damit zu reflektieren, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ins Psychoanalytische gewendet: Das selbst-bewusste Ego (als philosophisches Subjekt-Ich) kann diese Entfremdung überwinden, in dem es eine Balance zwischen seinen inneren Triebkräften (dem Es) und dem Über-Ich (als philosophischer Objektwelt oder Nicht-Ich) herstellt. Den Deutschen allerdings scheint eine derartige Selbst-Bewusstheit bis heute unheimlich zu sein: „We see this resistance to a self-reflexivity manifested in the limited German acceptance of a general psychoanalysis – which was always small, so small that psychoanalysis is still closely linked to pathology“ (Blickle 2002, 67).(5) Und so wurde diese scheinbar pathologische Entfremdung statt dessen über eine Emotionalisierung des Heimatbegriffs geheilt: Heimat konnte nun alles das beschreiben, was die Erfahrung einer Aufhebung von Entfremdung ermöglicht: „In other words, securing one’s sense of Heimat is a way for the ego to have a sense of self without needing to be aware of it, and so the solitude of the individual in the world is nullified“ (ebenda, 69; Hervorh. A.N.). Heimat wird philo­sophisch vorrational/vordialektisch und psychoanalytisch vorbewusst.
Insofern wurde sie als Hort (nicht mehr Ort) von Erfah­rungen einer Aufhebung von Entfremdung in symbolische Erinnerungs-Räume verlagert: In den Mutterleib (als Befriedigung der Sehnsucht nach einer symbiotischen intrauterinen Vergangenheit), in die Kindheit (als unbeschwertes Gegenstück zur selbst-bewussten entfremdeten Erwachsenenzeit ebenfalls ein modernes bürgerliches Konzept und für das Proletariat keinerlei Realität bergend), und, wie oben bereits erwähnt, in die Natur (symbolisch deshalb, weil ihr immer noch grausamer Aspekt ausgeblendet wurde). Die Mutter als Frau, der von männlicher Seite ein ratio­nales Vermögen abgesprochen wurde, die Kindheit als vorbewusste Lebensphase, die Natur als vorindustrielles Paradies oder als die Scholle des zwar armen, doch glück­lichen Landbewohners – sie alle dienten als symbolische regressive Satisfaktionsräume des mobilisierten männlichen Stadt-Bürgers. „Heimat usually represents an idealized loser in gender or class questions (women or peasants), but always from the point of view of the winner (the bourgeois male). Heimat, one could say, brings back that which ascendancy claimed as a sacrifice from the victor“ (Blickle 2002, 71).
Hier bewegen wir uns von den endogenen Faktoren bürger­licher Heimatkonzeptionen zu den exogenen: Vom (männlichen) Adel abgesehen waren es gerade diese männlichen Angehörigen des Bürgertums, bei denen sich eine Befriedigung ihrer instrumentalen und kontrollierenden Bedürfnisse (Wohlstand und Emanzipation) auch am konkreten Lebens-Raum festmachen ließ. Nach kulturanthropologischem Verständnis waren gerade sie es, die noch am ehesten eine Heimat außerhalb der symbolischen Raumorientierung hatten. Wieso war es nun gerade diese Schicht, welche die Heimatqualitäten derart in symbolische Räume verlagerte? Antwort: Weil diese symboli­schen Räume auch denjenigen zur Verfügung standen, denen eine Befriedigung ihrer instrumentalen und kontrollierenden Bedürfnisse vorenthalten wurde. Den heimatlosen Frauen, Proletariern, Tagelöhnern und Landarbeitern (letztere konnten kein Heimat ihr Eigen nennen) wurde eine klassen­lose Ersatz-Heimat geboten: Auch sie hatten einst im Mutterleib gewohnt, auch sie waren einst Kinder gewesen, auch sie waren von Natur umgeben. Eine derart konzipierte Heimat war nun für alle da – sie diente als Öl zum Glätten jener revolutionären Wogen, die gerade deswegen im Ent­stehen begriffen und zum Teil bereits entstanden waren, weil sich die früher als heimatlos Bezeichneten ihrer Besitz- und Machtlosigkeit bewusst wurden: Sie wollten sich nicht mehr nur als Gast auf Erden betrachten und hatten den Glauben an die Heimat dort droben, mit dem Kirche und Obrigkeit im Mittelalter aufrührerische Tenden­zen kanalisieren konnten, verloren. Das aufstrebende Bürgertum als Klerus und Adel sukzessiv ablösendende Herr­schaftsschicht hatte sich zwar aus seiner selbst verschul­deten Unmündigkeit (Kant) befreien können – für die immer noch Unmündigen sollte dies aber nicht mehr gelten. Die Heimat wird gegenaufklärerisch.
Sofern sich die bürgerliche Heimatkonzeption auf einen konkreten Raum bezog, verfolgte sie den selben Zweck: Heimat wurde gleichgesetzt mit dem Ort der Geburt. Auch so musste ein jeder eine Heimat haben, selbst der (und die!) Ärmste und Entrechtetste. Über diese Zuschreibung ihrer Herkünftigkeit (Mutter, Kindheit, Natur, Geburtsort) wurde Heimat deaktiviert: Sie brauchte nicht mehr erschaffen zu werden, weil ein jeder sie schon hatte. Sie konnte als Ort der Befriedigung instrumentaler und kontrollierender Be­dürfnisse (das Heimat) nicht mehr von Ortsfremden erworben oder erarbeitet werden. Und sie konnte nicht mehr verändert werden, weil sie schon geschehen war. Heimat als Ort und Hort aktiver Bedürfnisbefriedigungen, als Raumqualität, die sich der Mensch erschaffen kann und auf die er einen An­spruch hat, blieb außen vor. (6) Die Heimat wird herkünftig/passiv.

Die Instrumentalisierung des Heimatbegriffs im Dritten Reich

Vorindustriell, vorrational/vorbewusst, gegenaufklärerisch, herkünftig/passiv – von diesen bürgerlichen Heimatkonzeptionen führen einige Wege zur nationalsozialistischen Heimat­ideologie hin, andere aber auch von ihr weg.
Ausführende Organe bürgerlicher Heimatkonzeptionen waren die deutschen Heimat(schutz)vereine, die sich neben dem Schutz von Natur und kulturellen Zeugnissen der Vergangen­heit auch deren Erforschung zum Ziel gesetzt hatten. Mit diesen zivilisationskritischen und wissenschaftlichen Absichten ging eine politische Einstellung einher, die man als regionalistischen Nationalismus bezeichnen könnte, eine nach der Reichsgründung 1871 gegen Zentralismus und Aristo­kratie gerichtete konservative Reformbestrebung. Der Bürgerstolz auf Deutschlands Größe bezog sich auf die „Fähigkeiten und Leistungen seiner Regionen und ‚Stämme’“, sehr bald allerdings nicht mehr auf die „Bevölkerung insgesamt“ (Ditt 1997, 263 f.): Bereits Ende des 19. Jahrhunderts forderten einige besonders deutschnational orientierte Heimatvereine „als Voraussetzung der Mitgliedschaft neben ‚Unbescholtenheit’ und ‚deutscher Stammeszugehörigkeit’ auch ‚arische Abkunft’“ (Nikitsch 1997, 291). Antisemitismus war den Heimatbewegungen dieser Zeit also nicht unbekannt (vgl. auch Kramer 1973, 15), andererseits hatte die Mehrzahl der weniger extremen Vereine auch jüdische Mitglieder (die erst später im Zuge der national­sozialistischen „‚Reinigung der deutschen Volksgemeinschaft und Volkskultur’“ (Ditt 1997, 280) von ihren ehemaligen Vereinskameraden ausgeschlossen wurden).
1926 destillierte der ehemalige Gewerkschaftler und Sozialdemokrat August Winnig aus dem nationalkonservativen Heimatdenken erstmalig ein festes Begriffspaar heraus – die völkische Formel vom „Blut und Boden“ (vgl. Bergmann 1970, 288 f.) – und erzeugte über die Symbolik Blut gleich „Rasse“ und Boden gleich Bauerntum „einen quasi-biologischen Zusammenhang zwischen der Bevölkerung und dem Territorium“ (Kramer 1973, 18): Der deutsche Volkskörper war durch das seit ewigen Zeiten gleiche Blut an den gleichen Boden gebunden, und der imaginiert-reinblütige germanische Vorfahre kraft seines Wesens immer schon Landwirt gewesen. Bereits drei Jahre später diente diese rein herkünftige Heimatformel als offizieller Titel des Publikationsorgans der Artamanenbewegung, die in ihrem Großstadthass zum extremen Flügel der Heimatbewegung gehörte und während der letzten Jahre der Weimarer Republik in starke Wechselwirkung mit führenden NSDAP-Mitgliedern wie Heinrich Himmler und Baldur v. Schirach trat. Insofern konnte der Begriff dann auch „ohne wesentliche Änderungen seines Inhalts“ (Bergmann 1970, 288) von den Nationalsozia­listen übernommen werden.
Ebenfalls im Jahr 1926 erschien die Erstausgabe von Hans Grimms Roman Volk ohne Raum, der sich „rasch zu einem viel gelesenen Bestseller“ entwickelte und seinen Autor „zu einem der populärsten Schriftsteller Deutschlands“ (Gümbel 2003, 65) werden ließ. Grimm, der dreizehn Jahre lang im Ausland (größtenteils in der britischen Kapkolonie in Südafrika) verbracht hatte, vertrat darin eine „Raumideologie völkisch-imperialistischer Prägung“: „Demnach ergaben sich Deutschlands innen- und außenpolitische Probleme aus der Raumknappheit infolge des Bevölkerungs­wachstums und der Industrialisierung, die den Bau von immer neuen Fabriken nach sich zog und damit den Bauern kaum noch Land zur Bewirtschaftung ließ. Laut Grimm besteht die einzige Lösung dieses Problems in dem Erwerb möglichst zahl­reicher Kolonien nach dem Vorbild Englands, um mehr Lebens­raum zu schaffen.“(Gümbel 2003, 87 f.)
Dieses Konzept knüpfte an deutsches Kolonialdenken seit Wilhelm II an und war in diesem Sinne kolonialrevisio­nistisch, konnte aber dennoch problemlos in die NS-Ideologie eingefügt werden: Anstelle der verlorenen über­seeischen Kolonien trat nun der „Lebensraum im Osten“ (7). Um die Konzepte Blut und Boden und Volk ohne Raum durchzusetzen, bedurfte es zweierlei: Der oben bereits erwähnten Reinigung der deutschen Volksgemeinschaft und Volkskultur nach innen und des Landraubes zur Bereitstellung der Le­bensgrundlage eines wesenhaft agrarischen und daher raumbedürftigen Volkes nach außen. In ihrer Verbindung dienten sie insofern nicht nur als in sich logische ideologische Vorbereitung auf und Legitimation für die spätere Unterjochung fremder Völker und die militärische Eroberung ihrer Staatsgebiete (vgl. Schmidt 1999, 50), sondern auch der Ausgrenzung und des späteren Massenmordes an jenen, die die Nazis als nicht germanischstämmig und damit „volkszugehörig“ betrachteten.
Diese Verbindung lief nicht ohne Friktionen ab. So lehnten gerade die Blut und Boden-Artamanen den Volk ohne Raum-Begriff ab: Sie „bestritten entschieden, daß man vom ‚Volk ohne Raum’ sprechen dürfe, solange dieses Volk durch eine ständige ‚Landflucht’ im Osten [des Deutschen Reiches] einen weiten, entvölkerten Raum schuf“ (Bergmann 1970, 265) und sprachen daher umgekehrt vom „Raum ohne Volk“. Die „Ursache des deutschen Elends“ lag für sie zuvorderst „in den Vorgängen der ‚Landflucht’ und Verstädterung sowie in einer geistigen Einstellung, die diese Prozesse auslöste“ (ebenda, 266; Hervorh. A.N.). Dieser Unterschied ist wichtig für die daraus folgenden Konsequenzen hinsichtlich der Lösungen: Die Bekämpfung der entsprechenden geistigen Ein­stellung konnte und sollte innerhalb Deutschlands erfolgen, das noch genug entvölkerten Raum für die erhofften Stadtflüchtlinge bereitstellte.
Dieses nicht-expansive lokal-regionale Moment der Heimatbewegung vor 1933 führte also im Gegensatz zum deutschnationalen, völkisch-ethnozentrischen von der nationalsozialistischen Heimatideologie weg. Die Kapitelüberschrift „Instrumentalisierung“ ist insofern gerechtfertigt, weil die nationalsozialistische Heimatideologie zum einen Widersprüche mit den tradierten Heimatkonzeptionen ausblendete, zum anderen aber auch vorhandene Bedeutungen in einer Theorie verwendete, die mit der Praxis nichts zu tun hatte: Zwar wurde die vorindustrielle, stadt- und technologiefeindliche Agrarromantik der Heimatverbände „zu beträchtlichen Teilen offizielle Ideologie des Nationalsozialismus“ (Kramer 1973, 18; vgl. auch Vollhardt 2001, 129), doch in der Realität setzten die Nazis „voll auf die Entfaltung von Wirtschaft und Technik und akzeptierten spezifische Formen der kulturellen Moderne“ (Ditt 1997, 276), welche die Heimatbewegung strikt ablehnte.
Aus machtpolitischen Gründen wandte sich der Nationalsozialismus zudem gegen „die zu starke Betonung der Heimat“: Sie stelle „das Enge, Provinzielle zu stark in den Vordergrund“ (Kramer 1973, 19) und „mit ihrer Betonung der landschaftlich-stammhaften Eigenart, der Heimatliebe und des Volkstumstolzes vielfach die kulturelle Hilfstruppe regionalistischer Bewegungen“ (Ditt 1997, 276; Hervorh. A.N.), was den strikt faschistisch-zentralistisch organisierten Nationalsozialisten mit „ihrer Ablehnung von Regionalismus und Partikularismus“ (Kissener 1997, 213) „Kontrollmaßnahmen“ (Ditt 1997, 276) nahe legte. Die Heimatvereine wurden im Dritten Reich entsprechend zentralisiert und die alten Führungen abgesetzt und durch Parteigenossen ersetzt. Da die neuen Personalunionen mit der NSDAP neben den beschriebenen ideologischen Gemeinsamkeiten auch einen reichen Geldsegen zur Folge hatten, geschah die Machtübergabe relativ widerstandslos (vgl. Ditt 1997, 278).

Es bleibt die Frage zu klären, wie es den NS-Ideologen gelang, die Deutschen Juden aus der Blut und Boden-Gemeinschaft auszugrenzen. Angesichts der Tatsache, dass die Deutschen Juden seit mindestens 1600 Jahren im Gebiet des späteren Deutschland beheimatet waren und seitdem mit ihren nichtjüdischen Nachbarn nicht nur den Boden, sondern auch das Blut jenes immensen Völkergemischs geteilt hatten, das seit der Römerzeit entstanden war (vgl. Engelmann 1998, 20 ff.), war dies kein leichtes Unterfangen. Die Heimat musste mythologisiert werden: Aus dem gemeinsam geteilten Boden wurde eine germanische Ur-Heimat, die weit hinter diesen 1600 Jahren zurück lag, das gemeinsame Blut wurde ignoriert und statt dessen zwei Rassen konstruiert: Das gesamte nichtjüdische deutsche Volk wurde nun arisch (8) und somit zu einem Volk voller Aristokraten, also reinen, echten Edelmännern und -frauen, während die jüdischen Deutschen als nichtarische jüdische Rasse angeblich nach nichts anderem trachteten als danach, das reine Blut der Arier zu verunreinigen. (9) Über diese Phantasmagorie wurde aus der jüdisch-christlichen deutschen Nationalgesellschaft eine reinrassige Volksgemeinschaft extrahiert, eine „vorgestellte Gemeinschaft“ (Anderson), der das alleinige Recht auf eine deutsche Heimat zugesprochen wurde, während die Deutschen Juden durch ihr nunmehr artfremdes Blut jedes Recht am deutschen Boden verloren hatten. Dies meinten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, als sie vom kalifornischen Exil aus vom „Mythos ..., den die Faschisten zur Heimat umlügen möchten“ (1971, 71), sprachen. „One man’s imagined community is another man’s political prison“ (Appadurai 1998, 32).
Den Deutschen Juden wurde zudem neben dem Recht auf Heimat auch das Gefühl für Heimat abgesprochen. Hitler hatte Juden bereits 1920 als Drahtzieher sowohl des Bolschewismus (vgl. HSA, 140), als auch der „internationalen Geldmächte“ (ebenda, 146) diffamiert. In beiden Fällen handelte es sich um Zuschreibungen transnationaler Aktivitäten, die sich zu dem übernommenen bürgerlich-passiven, räumlich an den Geburtsort gebundenen deutschen Heimatverständnis antagonistisch verhielten. Die Juden in Hitlers Propaganda waren „immer international“ und konnten sich deshalb nicht deutsch fühlen; sie waren „überall zu Hause“ und konnten deswegen „nicht wissen, was Heimat ist, weil sie eben keine haben“ (ebenda, 151). In der NS-Heimatideologie wurde ein aus spätmittelalterlich-christlicher Tradition hervorgegangener ahasverischer (10) Antisemitismus mit dem damals modernen politischen Mainstream des nationalstaatlichen Strebens nach Eindeutigkeit (11) verquickt und mit sekundärtugendhafter deutscher Gründlichkeit zum Äußersten getrieben.
gedankliche Auseinandersetzung mit Heimat auch im Dritten Reich nicht automatisch in den Sumpf der NS-Ideologie führen musste, sondern im Gegenteil zu Widerstand führen konnte, zeigt beispielsweise die Biographie des Jesuitenpaters Alfred Delp, der 1940 einen kurzen Beitrag über Heimat veröffentlichte und dabei ein geradezu kultur­anthropologisches Konzept entwickelte, welches die Relevanz von Teilhabe und Mitgestaltbarkeit (kontrollierende Raumaneignung) ebenso betonte, wie konkret-lebendige Traditionen – im Gegensatz zu den propagandistischen NS-Vorführun­gen versunkener germanischer Urgeschichte (symbolische Raumaneignung). Zwei Jahre nach diesem Aufsatz begann Delp, sich im Kreisauer Kreis zu engagieren. Als Mitverschwörer des 20. Juli 1944 wurde er vom Volksgerichtshof verurteilt und am 2. Februar 1945 hingerichtet (vgl. Kissener 1997, 209 ff.).

Nach 1945 fand in der Bundesrepublik – als Teil der ehemaligen sogenannten Heimatfront des Dritten Reiches – „eine ebenso gründliche wie mühevolle Entkopplung der ‚Heimat’ im lokalistischen wie im übertragenen Sinn von den NS-Verbrechen“ (Knoch 2001a, 277) statt.
Im lokalistischen Sinn lag dies vor allem an den Hei­matvereinen selbst, die bereits in den 1950er Jahren wiederaufzuleben begannen: Ihre personelle Kontinuität mit dem Dritten Reich bewirkte aus (zeitlich und persönlich) naheliegenden Gründen eine strikte Ausblendung der nationalsozialistischen Verbrechens- und Schreckensorte aus ihrem konkreten Forschungsinteresse (vgl. Knoch 2001b, 22 ff.). Im kommunikativen Gedächtnis der Landbewohner allgemein wurden die NS-Realitäten dahingehend modifiziert, dass die Organisatoren der Judenverfolgung und die Nutz­nießer ihrer Enteignung von außen kamen, aus den Städten, die heimatliche Bevölkerung sich hingegen stets korrekt verhalten hatte: „Das Schlimme, so soll vermittelt werden, hat mit der Heimat nichts zu tun“ (Becker 1994, 124), so das Ergebnis einer Befragung von Einwohnern eines ehema­ligen „Judendorfes“ in Württemberg – allerdings nicht aus den 1950er oder 1960er Jahren, sondern Anfang der 1990er Jahre. Hinsichtlich des kulturellen Gedächtnisses kommt Heinz Schilling im gleichen Zeitraum zu vergleichbaren Ergebnissen: Seine Untersuchung offizieller Ortsjubiläums-Festschriften zeigt, dass die NS-Zeit dort entweder kom­plett ignoriert oder zumindest verharmlost wird. Sofern eine Thematisierung überhaupt stattfindet, ist „nicht das 3. Reich das Problem, sondern die ihm folgende gesamtge­sellschaftliche Zumutung, die jeweils hiesige Nazizeit ‚aufzuarbeiten’“ (Schilling 1993, 24; vgl. auch Schilling 1992, 253 ff.). (12)
Auch im übertragenen Sinn – gesamtgesellschaftlich und historisch-begrifflich – befanden „sich ‚Heimat’ und ‚Region’ gegenüber Nationalsozialismus und NS-Verbrechen jahrzehntelang in einer Art Quarantäne“ (Knoch 2001b, 25). Die derart dekontaminierte Heimat der Nachkriegszeit – entnazifiziert, entpolitisiert, re-regionalisiert – konnte nahtlos an die Traditionen bürgerlicher Heimatkonzeptionen der Vornazi-Zeit anknüpfen und bot damit nicht nur einen weitgespannten Integrationsraum für die dislozierte und dissoziierte deutsche Nachkriegsgesellschaft, sondern – über die Heimatfilmwelle in den 1950er Jahren mit ihren unzerstörten und unschuldigen lokalen Naturidyllen – als konstruiertes Erfahrungsangebot auch ein erbauliches Refugium für die von ihren eigenen (zerstörten) Städten Entfremdeten und die „Heimatvertriebenen“. Dass mit den Heimatvertriebenen ausschließlich die nichtjüdischen Deutschen aus den verlorenen Ostgebieten gemeint waren, nicht aber die aus ihrer Heimat vertriebenen jüdischen Deutschen – so als wären in der deutschen Heimat niemals Juden vertrieben worden – ist ein weiteres, begriffliches Indiz für die Abkopplung der Nachkriegsheimat von den NS-Verbrechen bei fortgesetzter Selektion der Betroffenen.
Mit der demographischen Machtübernahme der Nachkriegsgene­rationen findet seit Mitte der 1970er Jahre schließlich eine Re-Aktivierung und Re-Politisierung der Heimat unter regionalen Vorzeichen statt (vgl. Bausinger 1984, 22 ff.): Natur- und Denkmalschutz, Anti-Atomkraft- und später Friedensbewegung argumentieren mit Heimat, und realistische Heimatfilme wie Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Krombach und später Edgar Reitz’ Heimat stellen sich neben klassische Schmonzetten à la Der Förster vom Silber­wald und zeigen statt unschuldiger Natur eine „Heimat, an deren Herstellung und Verweigerung Menschen beteiligt sind“ (Bausinger 1980, 20; vgl. auch Blickle 2002, 142). Auf einer abstrakteren Ebene entstehen in den 1980er Jahren die „Heimat und Identität“-Diskurse (vgl. Bausinger 1980), die sich seit den 1990er Jahren zunehmend internationalisieren und im Kontext der Globalisierungsdebatten bewegen (vgl. Knoch 2001b, 14).
Die Re-Politisierung der Heimat konnte nachhaltig nicht ohne eine Rückkopplung zur NS-Vergangenheit bestehen. Seit den frühen 1980er Jahren war es vorwiegend die junge Gene­ration, die sich der NS-Zeit in lokalen Kontexten – und gegen den Widerstand der offiziellen und inoffiziellen lokalen Gedächtnisgemeinschaften – stellte (vgl. Schwarz 2002, 12). Es sollte jedoch noch 20 Jahre dauern, bis die „Vergangenheitsbewältigung ... nach mühsamen Kämpfen von Geschichtswerkstätten, Gedenkstätteninitiativen und Inter­essengruppen ... in der Provinz angekommen“ (Knoch 2001a, 275) war, also dort, wo sie Adorno seit Mitte der 1960er Jahre erhofft hatte (siehe Fußnote 12). Dass sich nicht einmal zehn Jahre nach den Untersuchungen von Becker (1994) und Schilling (1993) selbst die eher konservativen Heimatver­eine mit ihren lokalen NS-Vergangenheiten zu beschäftigen beginnen (vgl. Wagner 2001, 190) und „kleine Städtchen in Westdeutschland“ – in denen heute kein Jude mehr wohnt – „für teueres Geld“ Synagogen renovieren, „um sich dieser jüdischen Geschichte in dem eigenen Ort zu erinnern“ (Schneider 2000, 446), sollte, auch wenn verharmlosende und verdrängerische Tendenzen nach wie vor zu beobachten sind (vgl. Moser 2002, 73; 82 ff.), insofern Anlass zur Hoffnung geben.

 

(1) Auch das englische home stammt vom „gothisch-germanisch-altengli­schen ‚häm’ oder ‚heims’ ab“ (Hammerstein 1995, 14).

(2) So ist z. B. das chinesische Schriftzeichen für Dach integraler Be­standteil des Schriftzeichens für Heimat; Chinesisch gehört zu den wenigen Sprachen, die eine separate Vokabel für Heimat haben (vgl. Hammerstein 1995, 14).

(3) Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entkoppelte sich das alte Heimat­recht vom Geburtsort und wurde in das Prinzip des Unterstützungs­wohnsitzes überführt: „Es besagte damals, daß derjenige, der sich zwei Jahre in einer Gemeinde aufhielt (woher und wie arm auch immer er gekommen war), unterstützt werden mußte“ (Bausinger 1980, 12). Diese neue Form einer Sozialgesetzgebung sollte das revolutionäre Potenzial der verarmten Massen in Stadt und Land eindämmen.

(4) Die weibliche Form parallel zur sächlichen entstand zwar schon während des Übergangs vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen, wurde immer überwiegender aber erst im Laufe des 18. Jahrhunderts benutzt (vgl. Blickle 2002, 20).

(5) Es ist insofern auch kein Zufall, dass das hier eben beschriebene Subjekt- oder Selbstbewusstsein (self-awareness) als Ergebnis von Selbstreflexion im alltäglichen deutschen Sprachgebrauch von Selbst­bewusstsein nicht adäquat wiedergegeben wird. Selbstbewusstsein steht im heutigen Deutsch gewöhnlich für Selbstvertrauen oder Selbstsicherheit (self-confidence).

(6) Und dies bis mindestens in die 1980er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein: „‚Ibi patria, ubicumque bene’ – das ist noch heute ein Thema für Schulaufsätze, und im allgemeinen wird erwartet, daß die Schrei­ber dann gegen dies genußsüchtig und unmoralisch klingende Prinzip zu Felde ziehen“ (Bausinger 1980, 14 f.).

(7) Bereits Ende des Ersten Weltkriegs hatte Ludendorff eine „große Ost­lösung“ favorisiert, die im Unterschied zur „kleinen Ostlösung“ ne­ben der Annexion Polens und des Baltikums auch die Besetzung der Ukraine vorsah (vgl. Herbst 1996, 31 ff.). Diese geplanten Gebiets­erweiterungen waren allerdings im Unterschied zu den nationalsozia­listischen Lebensraumphantasien eher als Ersatz für die verlorenge­gangen deutschen Kolonien in Asien und Afrika gedacht gewesen; sie sollten Deutschland wieder einen „Platz an der Sonne“ neben den beiden anderen großen Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien verschaffen und dem Reich als Rohstofflieferant dienen. Der „Lebensraum im Osten“ hingegen sollte durch deutsche „Wehrbauern“ zur deut­schen Heimat werden und in Verbindung mit dem Großdeutschen Reich und seinen bereits vor 1941 kontrollierten europäischen Gebieten eine territoriale Großmacht bilden, die als Ausgangsbasis für die Herrschaft über die ganze Welt dienen konnte: „Überall sollte deutsche Heimat sein“ (Schmidt 1999, 50).

(8) „Arisch“ (Sanskrit) = die Sprachen der Arier betreffend. „Die Konstruktion des arischen Menschen wurzelt in der Philologie, nicht in der Naturwissenschaft“ (Klemperer 1995, 148).

(9) Die Theorie reiner Rassen ist wissenschaftlich unhaltbar: „The so-called pure races of today are themselves amalgamations of stocks whose origins are not known“ (Stonequist 1964, 329).

(10) Ahasver (oder Ahasverus) taucht in zahlreichen europäischen Volkssagen auf. Als Knecht eines Hohepriesters war er es, der – je nach Phantasie der Autoren – Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung entweder schlug oder verhöhnte oder ihm Rast und Erquickung verweigerte. Zur Strafe darf er bis zum jüngsten Tag (abgemildert bis zu seiner Erlösung) nirgends ruhen und muss unstet über die Erde wandern.

(11) „Die Juden waren die ‚verkörperte Fremdheit’, die ewigen Wanderer, der Inbegriff der Nicht-Territorialität, das Wesen der Heimatlosigkeit und Wurzellosigkeit; ein nicht exorzierbares Gespenst der Konventionalität im Haus des Absoluten, eine nomadische Vergangenheit in der Ära der Sesshaftigkeit“ (Bauman 1995, 112).

(12) Die vor allem im ländlichen Bereich nicht erfolgte Verarbeitung der NS-Vergangenheit meinte auch Adorno, als er 1966 „die Entbarbarisierung des Landes für eines der wichtigsten Erziehungsziele“ hielt und als Voraussetzung dafür das „Studium des Bewußtseins und Unbewußtseins der Bevölkerung dort“ (1980, 91) sah.

 

Literaturverzeichnis

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Wie sagt man „Heimat“ auf polnisch?

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Zur Geschichte der gesellschaftlichen Verwurzelung in Polens West- und Nordgebieten

In der polnischen Sprache gibt es keine wörtliche Entsprechung des Begriffs Heimat. Dies bedeutet aber nicht, dass es in der polnischen Kultur keine Erscheinungen gäbe, die man mit dem Wort Heimat umschreiben könnte. Es gibt Texte und Phänomene, die sich auf verschiedene Regionen beziehen, und die über die reine Semantik des Begriffs Region hinausgehen. (1) In den Dokumenten der ersten Jahre der polnischen Ansiedlung in den westlichen und nördlichen Gebieten nach dem Krieg findet man zahlreiche Hinweise über Auseinandersetzungen zwischen beispielsweise den Posenern, Lembergern und Wilnaern, oder über Krakauer bzw. Warschauer „Charaktere”, wie auch über die Sehnsucht der Ansiedler nach ihrer angestammten Gegend. Das sind reale Phänomene, die hervorragend mit Heimat oder Heimatkultur beschrieben werden könnten, wenn es solche Begriffe im Polnischen gäbe.

Im Polnischen kennt man dafür seit einigen Jahren die Bezeichnung mała ojczyzna (kleines Vaterland), die als deckungsgleich mit dem deutschen Heimatbegriff gilt. Bevor diese Bezeichnung entstand und besonders im Hinblick auf die West- und Nordgebiete akzeptiert wurde, vollzogen sich in Polen tiefgreifende politische und gesellschaftliche Umwälzungen. Unmittelbar nach dem Krieg hätte diese Bezeichnung sicher nicht entstehen können. Die polnischen Ansiedler ließen sich doch auf den bis vor kurzem deutschen Gebieten nieder, die nichts mit ihrer ojcowizna (väterlicher Hof und Boden) oder ihren angestammten Gebieten zu tun hatten. Um einen Raum als eigene Heimat zu begreifen, muss das Bewusstsein entstehen, zuhause zu sein. (2) Und das braucht Zeit. Versuchen wir, diesen Prozess grob zu skizzieren.

Das Jahr 1945 – ein „vorgefertiges Bewusstsein“

Die ersten polnischen Ansiedler kannten diese Gegend nicht aus eigener Erfahrung, sie verbrachten hier nicht ihre Kindheit, in der sich besonders starke emotionale Bindungen an die Umwelt entwickeln. Keinerlei Mythologie verband sie mit dieser Gegend. Es gab nur die ewige, wie man damals sagte, Feindschaft gegen die Deutschen und gegen alles, was deutsch war. Die Behörden beschlossen, den Ansiedlern eine Art „vorgefertiges Bewusstsein“ anzubieten. Diese wiederum hatten keine andere Wahl, als dieses Bewusstein anzunehmen und sich anzueignen. Das wiederum unterstützte die Politik der neuen polnischen Staatsmacht, vollendete Tatsachen zu schaffen. Diese Politik sollte auf der für 1949 geplanten Friedenskonferenz die Behauptungen der Warschauer Regierung rechtfertigen, die West- und Nordgebiete seien bereits vollständig in den polnischen Staat integriert worden. Die lokale Bevölkerung hatte also damals keine Chance, ihre lokale oder regionale spezifische Identität zu entwickeln. Die Ansiedler mussten (wollten aber auch) ihre Bindung an das „ideologische Vaterland” stärken, auch wenn sie der neuen Macht und dem neuen polnischen Staat sehr kritisch gegenüber standen.

Ein Bewusstsein über die Integration in das Mutterland (so sagte man damals) wurde mittels sprachlicher Wendungen, also mittels Propaganda geschaffen. Man nannte diese Gebiete also „die alten Gebiete”, „die neuen Gebiete”, „die wiedergewonnenen Gebiete” (ein Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete wurde eingerichtet), die zum Mutterland zurückgekehrt seien, bzw. zu denen das Mutterland zurückgekehrt sei. Überall wurde von der piastischen Tradition gesprochen, unabhängig davon, ob diese Gebiete tatsächlich eine historische Verbindung zu den Piasten gehabt hatten. Die Tradition des piastischen Polen, dessen Interesse auf die Westslawen zielte und das gen Westen expandieren wollte, also die Tradition eines antideutschen Polen (so verstand man das damals) wurde gewissermaßen zur Staatsdoktrin. Eines der ersten Bücher, die nach dem Krieg in Stettin erschienen, trug den Titel „In den piastischen Städten Westpommerns”. Sein Autor war Stanisław Helsztyński, der erste Beauftragte für das Bildungswesen in Stettin nach dem Krieg. (3) Das Polen der Piasten wurde dem Polen der Jagiellonen entgegengestellt. Letzteres soll sich trotz seiner zweifellosen Erfolge (Sieg in der Schlacht bei Tannenberg 1410) vom Westen ab und dem Osten zugewandt haben, das Interesse für die „piastischen Gebiete an Oder und Ostsee” verloren und sich auf das sinnlose Wetteifern um die Vormachtstellung mit Russland eingelassen haben. In der Ostorientierung und dem entsprechenden Wechsel der Expansionsrichtung der Jagiellonen, sah man die Ursache des späteren Untergangs des polnischen Staates. Die Rückkehr zur piastischen Idee sollte Polen, unterstützt durch die Allianz mit der Sowjetunion, eine sichere Zukunft garantieren.

Das „eigene” Land

Den ersten Ansiedlern verschaffte man also eine gemeinsame Mythologie, indem man ihnen sagte, sie seien in ihr „eigenes Land” zurückgekehrt, in das „uralte piastische Land“, das Polen erkämpft und „durch ein gerechtes Urteil der Geschichte wiedererlangt habe“. Für die bisherigen Einwohner von Wilna, Krakau, Posen oder Lemberg war Westpommern (das sagte ihnen nichts) nicht das „eigene” und erst recht nicht das „heimatliche” Land, sondern das war allenfalls das polnische Land. Das Eigene, das Heimatliche hatten sie dort zurückgelassen, woher sie gekommen waren. Sie glaubten also daran, dass sie sich im Land ihrer Urahnen, der mythischen slawischen Väter ansiedeln, um diesem Land nach Jahrhunderten der Germanisierung seine wahre – slawische, also polnische – Kultur zurückzubringen. Wenn sie aber diesen mythologisierten Raum verließen und sich im realen Raum bewegten, wenn sie für die Feiertage oder Ferien in ihre Herkunftsorte reisten, sagten sie (auch viele Jahre später, manchmal noch heute): „Ich fahre nach Hause”, „Ich fahre nach Polen.” Und wenn jemand aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten stammte, stellte er fest: „Ich darf mein Zuhause nicht besuchen.”

Es fiel nicht leicht, sich in den neuen Orten einzuleben. Das Sich Einrichten in dem Wohnort, in dem neuen Raum und der neuen Gemeinschaft konnte sich nicht von einem Tag auf den anderen vollziehen. Bis heute sind die Bekundungen der Ukrainer bemerkenswert, die infolge der Aktion Weichsel seit 1947 in den West- und Nordgebieten leben. (4) Viele von ihnen besuchen seit 1990 regelmäßig ihr Zuhause, manch einer kehrte dorthin zurück, wenn es noch etwas gab, zu dem man zurückkehren konnte. Wasyl Bilo aus Trzebiatów (Treptow an der Rega), dessen Heimatdorf im Südosten Polens 1947 zerstört wurde, sagt: „Ich träume davon, in meine Heimat zurückkehren zu können. Ein kleines Holzhaus, die warmen Nächte ... Und hier (in Trzebiatów – B.T.) ist es kalt. Jeder möchte zurückkehren, aber dazu müsste es Möglichkeiten geben. (...) Die Kinder fahren jedes Jahr zum Treffen der Lemken in Żdynia.” (5) Und noch ein Zitat von Wasyl Bilos Ehefrau Daria Walicka-Bilo: „Ich sehne mich immer schrecklich nach der Ukraine. Ich gewinne dann an Kraft und Vitalität.” (6)

Die Mission der „Repolonisierung”

Wie entstanden die ersten Bindungen der Ansiedler an die neuen Gebiete? Die Polen siedelten sich hier nach dem Krieg aus verschiedenen Gründen an. Etwa ein Drittel entschloss sich dazu, weil sie ihre Heimat in den polnischen Ostmarken verloren hatten. Die meisten stammten aber aus Zentralpolen und kamen freiwillig hierher oder infolge einer administrativen Arbeitszuweisung. Die erste Phase der Ansiedlung war freiwillig. Sie war „eine spontane Bewegung in Richtung der Wiedergewonnenen Gebieten”, wie es in einem Dokument des Polnischen Westverbandes heißt. (7) Die ersten Ansiedler, insbesondere die aus der Posener Gegend, zogen in die „alten Piasten-Gebiete” mit dem Gefühl, die Mission der Repolonisierung erfüllen zu müssen, und die Städte in Großpolen übernahmen Patenschaften für Städte in den neuen Gebieten.

Für die Militäransiedler war als Beweggrund das im Kampf um diese Erde vergossene Blut wichtig. Die Witwe eines Soldaten, der an der Front umgekommen war, begründete ihren an die Behörden gestellten Antrag auf einen Bauernhof folgendermaßen: „Mein Mann ging am 14.11.1944 zur Polnischen Armee, am 3. Mai 1945 wurde er bei der Überquerung der Elbe getötet (...) und mein Wunsch und meine Mühe gilt einzig dem, mich in diesen wiedergewonnenen und an Polen angeschlossenen Gebieten anzusiedeln, in denen mein Mann gekämpft und einen Heldentod gestorben ist, um hier für das Wohl der Polnischen Nation zu arbeiten und das Polentum in dieser Region zu stärken.” (8)

Die Frontsoldaten (Militäransiedler) wie auch die Ansiedler aus Großpolen und Zentralpolen benahmen sich in diesen Gebieten oft wie Eroberer. Sie demonstrierten, dass sie im Interesse des Staates, im Namen des „ideologischen Vaterlandes” handelten. Ein Soldat, Ansiedler in der Gegend von Boleszkowice (früher Fürstenfelde) schrieb bezeichnenderweise: „Es war schon seltsam, als wir zu dieser Ansiedlung ankamen, aber wir haben uns schnell eingewöhnt. Ich bekam einen Bauernhof, auf dem eine deutsche Familie war, ich habe sie vom Hof verwiesen und bin dort eingezogen. Wenn ich morgens aufstehe, habe ich alles fertig da, nach dem Frühstück hole ich die deutschen (sic!) und nehme sie zur Arbeit mit. (...) Ich glaube daran, dass ich innerhalb kurzer Zeit im Wohlstand leben und für unser geliebtes Vaterland arbeiten kann, damit uns der Deutsche nicht mehr ins Gesicht spuckt.” (9)

Der neue Lebensort war insofern der „eigene”, als er durch den Kampf gegen die Deutschen, durch Blut, Aufrechnung des Leids und Sieg geheiligt wurde und dies sowohl auf der Ebene von Mythen und Symbolen, nach Jahrhunderten von Niederlagen, als auch in der realen Wirklichkeit an den Fronten des Zweiten Weltkrieges. Die freiwilligen Ansiedler und die Militäransiedler begannen ihr Leben in diesen Gebieten als Vollstrecker eines gerechten Urteils der Geschichte (so sprach man damals) und als Sieger über die Deutschen. Diese Meinung kommt deutlich in den Tagebüchern des ersten polnischen Stadtpräsidenten von Stettin, Piotr Zaremba, zum Ausdruck. Am 5. Juli 1945, also am Tag der Übernahme der Stadtverwaltung von den Deutschen, notierte Zaremba: „Ich wende mich an die Deutschen auf Deutsch und teile ihnen nur mit, dass die und die Herren am morgigen Tag die und die Abteilungen übernehmen. Darüber hinaus mache ich ihnen klar, dass die führenden Personen der ehemaligen deutschen Stadtverwaltung die Stadt zu verlassen haben, aber nur mit meiner persönlichen Genehmigung. Die Deutschen sagten während der ganzen Zeit kein einziges Wort. Es ist der erträumte, seit Jahren erwartete Augenblick. Mir scheint, dass es in ganz Polen keine einzige Stadt gibt, in der die Deutschen ihre Macht auf solch kalte und raffinierte Weise abgegeben haben – denn anderswo wurden sie nur vertrieben.” (10)

Die semantische Aneignung des Raumes

Es kam vor, dass die Bauernhöfe durch jene Landarbeiter übernommen wurden, die während des Krieges dort bei den deutschen Bauern zwangsweise gearbeitet hatten. Einer dieser Landarbeiter schrieb an die Behörden: „Und worum es geht, ist das, ich war als Sklave auf diesem Bauernhof, und so bitte ich, ihn mir zuzuweisen, weil ich mich hier abgemüht habe und mir wünsche, ihn zu bekommen.” (11) Ein anderer Fall war Herman W., ein in Berlin geborener Tischler, der – wie er in seinem Antrag auf die polnische Staatsbürgerschaft schreibt – 1920 „in die Wojewodschaft Nojmark nach Kinigsberg kam”. Er wollte im heutigen Chojna (ehemals Königsberg in der Neumark) bleiben. Dies konnte er nur mit Genehmigung der Behörden. Um die Beamten zu überzeugen, schrieb er, er sei katholisch, habe keiner deutschen Partei angehört, von den Deutschen viel Leid erfahren, und sein „Großvater mütterlicherseits stammte aus Kongresspolen.” (12) Ob er in Chojna bleiben durfte, hing also nicht von seiner jahrelangen Ansässigkeit in der Stadt ab, sondern davon, ob er den durch die zentralen Behörden festgelegten Kriterien der Zugehörigkeit zum ideologischen Vaterland entsprach.

Wie sich die Beziehungen zwischen den Ansiedlern und ihrem neuen Kulturraum entwickelten, spiegelt ein Ereignis von Dębno (ehemals Neudamm) vom September 1946 wider, in das etliche Personen, darunter Behördenvertreter, involviert waren. Seit November 1945 arbeitete im dortigen Schrottdepot ein taubstummer Ansiedler (damals sagte man: Repatriant), der laut behördlichen Nachweisen aus der Gegend von Stanisławów (heute Iwanofrankiwsk in der Ukraine) gekommen war. Seine Papiere waren ihm unterwegs gestohlen worden. Man wusste also weder, wer er war, noch wie er hieß. Die Mitarbeiter der Firma wollten ihm helfen und verfassten einen Brief an den Landrat: „Der oben genannte Taubstumme ist zudem Analphabet, so dass man seinen Namen nicht feststellen kann. Ohne Personalpapiere ist er oft Unannehmlichkeiten ausgesetzt. Daher bitten wir das Kreislandratsamt, ihm einen Namen zu geben. Die Versammlung aller Mitarbeiter beschloss, ihm den Familiennamen ‘Repatryant” und den Vornamen ‘Franciszek’ zu geben.” (13)

Die ganze Angelegenheit könnte man wie eine der vielen traurigen Nachkriegsgeschichten betrachten, wäre da nicht der Namensvorschlag. Denn alles deutet darauf hin, dass die Antragsteller in jenem taubstummen Analphabeten einen symbolischen Repräsentanten der „Repatrianten” sahen (der Vorname Franciszek war damals gängig), als eine Ikone der Menschen, die über keine eigene Stimme verfügen, und die man deshalb einfach benennen muss.

Der Landrat konnte dem Antrag mangels Kompetenz nicht zustimmen und leitete ihn deshalb an das Wojewodschaftsamt in Stettin weiter. Aber auch er behandelte diesen Menschen wie eine Ikone. Er schlug vor, ihm nicht den Familiennamen „Repatryant”, sondern „Zabugowski” zu geben, da er von jenseits des Bug gekommen war, oder bspw. „Dębski”, weil er in Dębno lebte. Die Angelegenheit zog sich mehr als zwei Jahre hin. Letztendlich stellte das Wojewodschaftsamt am 7. Dezember 1948 die Dokumente aus. Man legte das Geburtsdatum dieses Mannes (7. Dezember 1912) fest, man dachte sich seine Eltern (Antoni und Maria, geborene Krzemińska) aus und verlieh ihm den Vornamen Franciszek und den Familiennamen Zabużański. „Zabugowski” könnte, wie man zu Recht argumentierte, ironisch klingen. (14) Dass man einem taubstummen Analphabeten einen semantisch so markanten Namen gab, symbolisiert den Prozess der Bewusstwerdung der Ansiedler, wer sie in den neuen Lebensorten und dem neuen Kulturraum waren. Sie wollten sich diesen Raum semantisch aneignen.

Spontan erfanden sie Ortsnamen. So nannten sie beispielsweise ein Dorf (bei Chojna) Nawodna, nach dem Namen des ersten und hochgeschätzten Gemeindevorstehers. Es gab Dorfnamen wie Akowo [nach dem Kürzel AK: Heimatarmee], Kościuszki [nach der Kościuszko-Armee] oder Narvik, ein Hinweis auf persönliche Erfahrungen der Ansiedler. Es gab auch andere Ortsnamen, die die Westgebiete symbolisch in den Raum des ideologischen Vaterlandes integrierten, wie Piastów [nach dem Piasten-Geschlecht], Chrobryń [nach König Bolesław Chrobry], Wojciechowo [nach dem Heiligen Adalbert], Gniazdowo [nach dem Heimatnest], Jurandowo [nach Jurand, einer literarischen Gestalt aus der Zeit der Kriege gegen den Deutschen Orden], Placówka [nach dem Titel eines Romans von Bolesław Prus, in dem der polnische Widerstand gegen deutsche Kolonisten geschildert wird].

Viele jener Ortsnamen, die aus dem authentischen Bedürfnis entstanden waren, sich den fremden Raum anzueignen, ersetzten die Behörden später durch historische Namen, die sprachlich gesehen einen – wie man sagte – slawischen Wortkern hatten und nach der Methode von Pfarrer Stanisław Kozierowski rekonstruiert worden waren. (15) Viele alte, tradierte Ortsnamen mussten gar nicht rekonstruiert werden, es reichte, sie zu polonisieren (zu reslawisieren), da die etymologisch slawischen Namen im Laufe der Jahrhunderte in die deutsche Lexik eingegangen waren. Als man sie nach dem Krieg polonisierte, wurden sie zum deutlichen Beweis der These, dass Polen „die Jahrhunderte lange Schicht des Deutschtums” abgetragen hatte und damit in seine alten Gebiete zurückgekehrt war. Aber den Ansiedlern, die diese Gebiete zu bewirtschaften begannen, sagten diese Ortsnamen oft gar nichts.

Auch die Straßennamen in den Städten sollten die Bindung jener Orte an das ideologische Vaterland betonen, sie in den Raum der polnischen Symbolik einbinden und nicht etwa die Orientierung im realen Raum erleichtern. In Stettin wurde beispielsweise die Straße, die in Richtung Westen und Berlin verlief, also die Berliner Straße, in Mieszko-I.-Straße umbenannt. Während der deutsche Straßenname sich an der Topographie orientiert hatte, knüpfte der polnische an den symbolischen Raum der nationalen Mythologie an, so als sollte er den Einwohnern von Stettin versichern, dass sie doch bei sich zuhause, in ihrem eigenen Raum seien, und ihnen von den Deutschen keine Gefahr drohe, da Mieszko I. derjenige gewesen war, der sie in der Schlacht bei Cedynia (Zehden) an der Oder besiegt hatte.

Ähnlich war es z.B. in Trzebiatów, aber man könnte auch jede beliebige andere Stadt in den westlichen und nördlichen Gebieten heranziehen. Andrzej Chludziński gibt an, 35 Prozent der Straßennamen in der deutschen Zeit hätten lokale topographische Bezeichnungen aufgegriffen, um den Menschen die Orientierung zu erleichtern. Heute gibt es so gut wie keine derartigen polnischen Straßennamen in Trzebiatów. (16) Die Namensgebung, die nach dem Krieg im neuen polnischen Großraum praktiziert wurde, sollte die Bindung der Stadt an das ideologische Vaterland bestätigen. Trzebiatów funktionierte damals noch nicht als polnische Heimat. Die neuen Einwohner waren dort noch nicht heimisch, oder anders – sie erkannten den Ort noch nicht als den ihren, sie identifizierten sich mit dem Ort noch nicht. Im Grunde war es ihnen gleichgültig, wo genau sie im polnischen Westen oder Norden lebten. Hauptsache, es war Polen, oder genauer: der polnische Staat.

Neben Kirchen und Amtsgebäuden waren Bahnstationen und Bahnhöfe wichtige Markierungspunkte im Raum. Etliche Ansiedler wählten Wohnung oder Haus in der Nähe eines Bahnhofs, auch wenn die nicht im besten Zustand waren, um von dort besser wegzukommen, falls die Deutschen zurückkehren sollten.

Die Ansiedler versuchten, dem neuen Raum Merkmale des wohlbekannten Raumes, der einst der ihre gewesen war, zu geben. Dabei bedienten sie sich der Namensgebung, suchten aber auch nach Plätzen und Landschaften, die sie als eigene, heimatliche anerkennen könnten. Katarzyna Suchodolska, eine bekannte Schriftstellerin aus Polesien, die nach dem Krieg in Stettin lebte, fand zusammen mit ihrem Mann polesische Landschaften an der westpommerschen Drage (Drawa). Sie schrieb darüber u.a. in ihren Büchern Ciche trawy [Stille Gräser] (1966), Jedenaście bajek o kwiatach [Elf Märchen über Blumen] (1984) Echo nad bindugą [Das Echo am Flößerplatz] (1986). Der Raum wurde auch mittels religiöser und nationaler Symbole heimisch gemacht. Die Umsiedler hatten Erinnerungsstücke aus ihrer Heimat mitgebracht, u.a. Kultgegenstände wie z.B. Bilder der Muttergottes vom Tor der Morgenröte (Ostra Brama) in Wilna. Die Reliquien halfen ihnen, sich im neuen Raum sicher zu fühlen. Der Raum wurde sakralisiert, die protestantischen Kirchen und Friedhöfe erfuhren eine Neueinweihung im katholischen Ritus.

Die Schicht des Deutschtums entfernen

Ein zweiter Aspekt des Aneignungsprozesses bestand im Beseitigen von Spuren deutscher Kultur und deutscher Erinnerung. Deutsche Symbole, Aufschriften, Schilder wurden entfernt, deutsche Bücher aus Bibliotheken und historische Objekte aus Museen, insbesondere aus den Heimatstuben wurden weggeschafft. Sehr viele Dokumente wurden vernichtet. Sie waren deutsch, also im allgemeinen Verständnis unnütz. Infolge dessen wurden u.a. die Museen in Trzebiatów, Dębno und Łobez (Labes) aufgelöst und die von speziellen Teams geretteten Sammlungen nach Stettin und in andere Einrichtungen in Zentralpolen transportiert. Die Mitarbeiter des Stargarder Museums fanden vor einigen Jahren zahlreiche historische Gegenstände und Bücher aus ihrer Stadt in den Universitätsbibliotheken in Lodz und Thorn; es gibt auch welche in Stettin und im Nationalmuseum in Posen. Es kam auch vor, dass man deutsche Bücher und Kulturwerke aus Stettin (obwohl nicht nur von dort) wegschaffte und polnische Werke und Büchersammlungen aus Museen und Bibliotheken in Zentralpolen holte. Erst viele Jahre später begann der Rückgabeprozess, der bis heute andauert.

In den West- und Nordgebieten sollten die deutschen Aufschriften überall verschwinden, sogar auf den Friedhöfen und Bildern in den Kirchen. Der vollständig erhaltene Kreuzweg mit deutschen Inschriften in einer kleinen Kirche aus dem 14. Jahrhundert im Dorf Lubiesz (ehemals Lubsdorf) Kreis Wałcz (ehemals Deutsch Krone) ist deshalb also ein absolutes Unikum. Der Grund dafür war wohl die Tatsache, dass dieses Gebiet zum historischen Großpolen also zum deutsch-polnischen Vorkriegsgrenzgebiet gehört hatte, die Kirche immer katholisch gewesen war und vor 1945 im Dorf viele Polen gelebt hatten.

Noch Anfang Juni 1948 ordnete der Landrat von Gryfino (Greifenhagen) an, deutsche Aufschriften „von Gebäuden, Läden, Aschenbechern, Friedhöfen, Bierdeckeln, sofern diese keinen denkmalartigen Charakter haben,” zu entfernen, obwohl schon früher solche rigorosen Anweisungen existiert hatten. (17) Im Bericht der sozialpolitischen Abteilung des Wojewodschaftsamtes in Stettin für das zweite Quartal des Jahres 1948 kann man lesen: „Auf dem Gebiet der Stadt Stettin gibt es fast keinerlei deutsche Spuren mehr, außer auf den Friedhöfen, dort werden demnächst alle deutschen Inschriften entfernt werden.” (18) Dies war aber schwer zu bewerkstelligen, was der Rechenschaftsbericht für das erste Quartal des darauffolgenden Jahres bestätigt: „Eine Ausnahme sind die deutschen Friedhöfe, auf denen es immer noch deutsche Inschriften an den Grabsteinen gibt; diese zu entfernen, ist vorläufig aus den unterschiedlichsten Gründen nicht möglich, u.a. im Hinblick auf die heikle Frage des religiösen Kultus.” (19)

Die sogenannte Repolonisierungsaktion war rigoros und umfasste alles, was mit der Sprache zusammenhing. Der bereits zitierte Landrat aus Gryfino schrieb: „Man muss darauf achten, ob die deutsche Sprache im Privatleben und von den Jugendlichen an den Schulen verwendet wird. Sollte sich herausstellen, dass die Jugendlichen sich der deutschen Sprache bedienen, muss man ihre Eltern bestellen und sie darauf hinweisen, dass ein solcher Sachverhalt unannehmbar ist. (...) Gegenüber den Personen, die bei der anstößigen Tat ertappt werden, sich unbegründet und demonstrativ der deutschen Sprache zu bedienen, sowie gegenüber den Personen, die auf eine andere Weise die Repolonisierungsaktion sabotieren, muss man Strafanzeige (...) gemäß Artikel 18 des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten erstatten. Über die Personen, die nicht aktiv tätig werden, sondern passiv die Kultivierung des Deutschtums tolerieren, ist mir persönlich zu berichten.” (20) Derartige Anweisungen erfolgten nach den entsprechenden Anordnungen der zentralen Behörden.

Kampf um die Erinnerung

Die erwähnten Maßnahmen sollten es erleichtern, auf diesen Gebieten eine polnische Kultur zu schaffen. Gleichzeitig wurde es verboten, die Erinnerung an die alte Heimat, insbesondere an die Ostmarken zu pflegen, die um jeden Preis aus dem gesellschaftlichen Gedächtnis getilgt werden sollte. (21) Man war der Meinung, diese Erinnerung könnte den Prozess der sogenannten Repolonisierung der westlichen und nördlichen Gebiete destruktiv beeinflussen. Die tradierte Erinnerungskultur wurde also bewusst zerstört.

Was Erinnerung bedeutet, sagte nach Jahren Ryszard Kapuściński, der seine Heimat im heute weißrussischen Pińsk hatte. Zitieren wir einen Ausschnitt seiner Rede, die er während der feierlichen Verleihung des Doktors honoris causa der Universität Breslau hielt. „Die Erinnerung ist ein unverzichtbares Element von Heimat. Sie ermöglicht es uns, an die Heimat zurückzudenken, selbst wenn wir den unmittelbaren Kontakt zu ihr verlieren. Solange und wo auch immer wir leben, bleibt die Erinnerung ein Teil unserer Identität, unser Identifikationszeichen. Dies hat heute einen besonderen Wert, denn für viele Menschen war ihre Stadt, ihre Region, ihre Heimat eine Art Schutzschild, eine Nische, ein begehrter Schutz gegen die sprunghaften Fortschritte der alles nivellierenden Globalisierung.“ (22)

Die Erinnerung an das „private Vaterland“ wurde zu Hause gepflegt. Bis Ende der 1980er Jahre war sie aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen. In den West- und Nordgebieten wollte man einen neuen Bürger schaffen, frei von allen Bindungen an das Vergangene. 1960 schrieb Feliks Fornalczyk, ein damals bekannter und geschätzter Literaturkritiker aus Posen, der eine Zeitlang in Stettin wohnte: „Wir sollen daran denken, dass die Westgebiete zur Brutstätte eines neuen, energischen Typs eines Polen geworden sind. Dazu hat eine Reihe von Faktoren beigetragen, die in den anderen Gegenden unseres Landes in solchem Ausmaß nicht vorkommen. In den Westen begaben sich meistens die jüngsten, mutigsten und energischsten Elemente, die dort die einzigartige Chance bekamen, in kurzer Zeit ihre materielle und gesellschaftliche Position zu sichern. (...) In einigen Jahren wird dies großartige Früchte für das ganze Land tragen. Aus den westlichen Grenzgebieten kommt eine Welle von jungen, energischen, ausgebildeten und begabten Menschen nach Zentralpolen zurück. Und das wird sehr nützlich sein.“ (23)

Das war die offizielle innenpolitische Strategie der Volksrepublik Polen. In den West- und Nordgebieten war sie bis zu einem gewissen Zeitpunkt verhältnismäßig leicht durchzuführen, denn es gab nur wenige Bewohner, die seit Generationen mit diesem Land verbunden waren: nur die sogenannten dort geborenen Autochthonen, hauptsächlich in der Oppelner Gegend, in Kaschubien und im Ermland. Sie hatten nur unter der Bedingung im Nachkriegspolen bleiben dürfen, dass sie eine Treueerklärung gegenüber der polnischen Nation abgaben und sich einem Verifikationsprozess unterzogen. Konnten sie ihre Bindungen an das Polentum, an das ideologische Vaterland nicht nachweisen, wurden sie nach Deutschland ausgesiedelt.

Ausharren und Anpassen

In den ersten Nachkriegsjahren mussten sich die Ansiedler an die neuen Bedingungen anpassen. Über jene, die das nicht schafften, geben die Archive wenig Auskunft, so als hätte es sie nicht gegeben. Einer der Ansiedler schrieb in einer Beschwerde über seine Nachbarn: „Ich weise darauf hin, dass meine Mitbewohner sich für den Hof überhaupt nicht interessieren und dort gar nichts machen (...), wahrheitsgemäß muss ich aber sagen, dass sie (...) vom Hof nichts wegbringen und nichts veräußern.” (24) Es ist unbekannt, wie viele das waren. Aber man weiß, dass viele Bewohner dieser Gebiete ihre Häuser und Wohnungen sehr lange nicht renovierten. Das hatte nicht nur ökonomische Gründe.

In den Briefen der ersten Ansiedler wird die Dauer der Anwesenheit bezeichnenderweise aufgewertet. Wenn sie sich an die Behörden wandten, um eine Streitfrage für sich positiv zu lösen, betonten sie, wie lange sie schon hier seien („Ich bin hier seit langem”; „Ich bin der erste Pionier.”) (25), das sollte ihr Anrecht auf Grund und Boden, Haus oder Wohnung bestätigen. Im April 1949 richteten einige Landwirte aus Moryń (Mohrin) ein Schreiben an die örtlichen Behörden. Sie baten, ihnen einen Garten zuzusprechen, und argumentierten so: „Zum einen aufgrund dessen, dass wir von hier sind.” (26)

In den ersten Jahren informierten die lokalen Ämter in ihren Berichten darüber, dass die Menschen aus den neuen Gebieten nach Zentralpolen flüchteten. Aber oft gab es auch Hinweise dafür, dass diejenigen, die blieben (oder nicht wussten wohin, da ihre Höfe sich jenseits des Bug befanden), das „ihre“ schnell verteidigten. Ein Ansiedler schrieb: „Ich verbleibe in der Hoffnung, dass mein Gesuch positiv erledigt wird, weil ich die vier Hektar mit meinem eigenen Inventar versehen und mein Saatgut eingesetzt habe.“ (27) Die Ansiedler rechneten mit dem Schutz des Staates bzw. sie forderten einen solchen Schutz. Sie hatten Angst vor den sowjetischen Truppen und es kam vor, dass sie aus deren Stationierungsgebieten flohen. Eine ernsthafte Lage entstand im Oktober 1947 in Trzebiatów. Ein Vertreter des Polnischen Westvereins schrieb in seinem Bericht, von den dortigen 6.000 Einwohnern seien nur 2.000 geblieben. Er betonte, die Stadtbewohner zeigten ihre „harte Pionierhaltung des Ausharrens in Trzebiatów“, obwohl sie unter „ständiger Angst leben” (28), die auf die Willkür der sowjetischen Truppen zurückzuführen sei.

Es gab auch Angst vor der Rückkehr der Deutschen und vor dem Ausbruch eines dritten Weltkrieges. Unter solchen Bedingungen hofften die Ansiedler auf eine starke Staatsmacht, die ihnen Sicherheit garantierte. In einer Beschwerde lesen wir: „Als Repatriant ... wurde ich angesiedelt ... zusammen mit meiner Familie, die aus deutschland (sic!) zurückkehrte und sich selbst ansiedelte.” (29) Die Menschen erwarteten Hilfe unter tatsächlich dramatischen Umständen. Ein Ansiedler schrieb: „Ich lebe unter schwierigen Bedingungen, da meine eigene Landwirtschaft (...) außerhalb der Staatsgrenzen liegt und ich nicht dahin gelangen kann.” (30)

Es fiel also leicht, die staatliche Politik in diesen Gebieten durchzusetzen. Die Herrschenden nutzten das für ihre Propaganda und hantierten mit dem „deutschen Schreckgespenst” (31). Zitieren wir noch einmal Ryszard Kapuściński: „Ein Mensch, der durch eine Schicksalsfügung in einem neuen und unbekannten Ort landet, fühlt sich für gewöhnlich eine lange Zeit unsicher und fremd. Es braucht viele Jahre, um sich dort einzuleben. Oft stellt sich diese Symbiose niemals ein, und das Gefühl von Fremdheit oder gar Feindschaft bleibt vorherrschend und dauerhaft.” (32) Zur Bestätigung dieser Worte kann man die Äußerung des stellvertretenden Stadtpräsidenten von Stargard in den 1990er Jahren heranziehen. 1945 war er als zweijähriges Kind zusammen mit seinen Eltern nach der Flucht aus Zbaraż in Stargard angelangt. Jahrzehnte später schrieb er im Vorwort der Dokumentation der Konferenzmaterialien „Das alte Stargard. Die Stadt und seine Einwohner” folgendes: „Ich weiß, dass die Ansiedlung in dieser Stadt im Bewusstsein der Generation meiner Eltern durch Vorläufigkeit, Ängste und Unruhe geprägt war. Sie fühlten sich eine sehr lange Zeit, manchmal sogar bis zum Ende ihrer Tage, nicht zuhause. Das Trauma der Vertreibung ist langandauernd. Daher konnten auch die Deutschen, die die Stadt verlassen hatten, diesen Stand der Dinge nicht akzeptieren und kultivierten lange die Vorstellung der Rückkehr. Diesen Teufelskreis durchbrachen erst die nachfolgenden Generationen von Deutschen und Polen. Langsam reifte die Erinnerung an die verlorenen Orte und die Achtung für die Erinnerung jener, die hier ansässig waren. Bewusst wurde die Notwendigkeit, die historische Wahrheit zu bewahren und sich vor den Fallen des Nationalismus zu hüten. Solche Gedanken verdrängten auf eine natürliche Weise die fest eingefahrenen Phobien, Vorurteile, Abneigungen oder gar den Hass.” (33)

Erste Veränderungen

Der Krieg ging vor 62 Jahren zu Ende. Die Aussiedlung der deutschen und die Ansiedlung der polnischen Bevölkerung dauerte bei unterschiedlicher Intensität fast bis zum Ende der 1950er Jahre. 1958 kam es zur zweiten Phase der Repatriierung von rund 400.000 Menschen aus den polnischen Ostgebieten. Es kam auch noch zu Ausreisen von Deutschen, u.a. im Rahmen der Familienzusammenführung. Unterdessen verstärkten sich die Bindungen der neuen Einwohner an das neue Land, und auch die gesellschaftlichen Bande wurden enger. Im Zuge der „Erneuerung nach dem Oktober 1956“ wurden nach und nach regionale Kulturvereinigungen eingerichtet, die allerdings restlos der zentralen Führung, meistens mit Sitz in Warschau, unterstanden. Die regionale Bewegung intensivierte sich, in den West- und Nordgebieten bestand ihr Ziel darin, die historischen und gegenwärtigen Bindungen des Landes an Polen zu betonen. Der Prozess ihrer Repolonisierung war im Gange.

Aus offensichtlich objektiven Gründen war es notwendig, sich um das materielle Kulturerbe (ohne es so zu bezeichnen) zu kümmern. Manche Objekte (z.B. das Schloss in Stettin) mussten wiederaufgebaut, Dokumente, Bibliotheken, Musealbestände gesichert werden. Es gab Versuche, Kunstwerke und Archivalien zurück zu bekommen, die nach dem Krieg – manchmal auch in die Sowjetunion (34) – weggebracht worden waren. Aus dem öffentlichen Raum wurden nach wie vor die erkennbaren Spuren deutscher Kultur entfernt: Es galt, die deutschen In- und Aufschriften abzuschlagen bzw. mit Putz zu verdecken, die Grabsteine zu zerstören. Allmählich wandelte sich aber das Verhältnis der Bewohner zum vorgefundenen Erbe. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre etablierte sich nach und nach eine neue Bezeichnung des Stettiner Schlosses, das nicht mehr „Piasten-Schloss”, sondern Schloss der westpommerschen Fürsten genannt wurde. (35) Eine neue Literatur entstand, die man als Heimatliteratur bezeichnen könnte, in der sentimentale Beziehungen zu den neuen Gebieten aufgegriffen wurden. Deutsche Themen tauchten nun nicht mehr ausschließlich im Kontext des Kampfes gegen die Deutschen auf, so zum Beispiel im Roman Ryszard Liskowackis Gewissenserforschung, in dem die Figur eines verwaisten und im ruinierten Stettin lebenden deutschen Jungen vorkommt, oder in den Gedichten von Joanna Kulmowa.

In den 1970er Jahren erschienen in Westpommern zahlreiche Publikationen über die Geschichte der Region, wobei die Geschichte bis 1945 immer noch ziemlich vernachlässigt und die spätere Zeit viel ausführlicher behandelt wurde. Es entstand eine polnische Geschichte der West- und Nordgebiete. Die Ereignisse vom Dezember 1970 in Stettin und an der Küste wurden für die Integration und die gesellschaftliche Identität zu einem Wendepunkt.

Nach 1945 integrierten sich die Ansiedler zunächst im Rahmen ihrer landsmannschaftlichen Bezüge, insbesondere in den Orten, in denen ganze Dörfer aus dem Osten bzw. Einwohner einer Stadt (wie die Lemberger in Breslau) angesiedelt worden waren. Die Auflösung dieser traditionellen und ihre Ersetzung durch neue Bindungen geschah infolge umbruchartiger Generationsereignisse. Anfänglich war es die Staatsmacht, die derartige Ereignisse, wie z.B. das Stettiner Treffen „Wir halten Wache an der Oder” (1947) oder die späteren „patriotischen Manifestationen” zu organisieren versuchte. Aber es kam auch zu spontanen gesellschaftlichen Demonstrationen, wie zum Beispiel zur Unterstützung von Mikołajczyk während des genannten Treffens von 1947, zu antisowjetischen Unruhen 1951 und dann zu den Revolten der Jahre 1956, 1968, 1970 usw. Schließlich entstanden auch Voraussetzungen für eine Diskussion über Heimat, über die „kleinen Vaterländer“, über die „privaten Vaterländer” und auch über ihr Verhältnis zu dem großen, „ideologischen Vaterland“ (36) bzw. dem öffentlichen, ideologisierten und propagandistisch geprägten Vaterland (Jerzy Bartmiński) (37).

Die Aneignung: Heimat oder mała ojczyzna

Wenn man heute in Polen über mała ojczyzna spricht, wird das dem deutschen Begriff Heimat (38) gleichgesetzt. Anders gesagt bedeutet Heimat dasselbe wie mała ojczyzna, so z.B. bei Leszek Szenborn aus dem niederschlesischen Ziębice (früher Münsterberg) in seinem Beitrag Wozu brauchen wir Kenntnisse über die Geschichte der Stadt? Der Autor schreibt: „In der deutschen Sprache gibt es zwei Begriffe, die das polnische ojczyzna wiedergeben: das Vaterland (Land der Väter) und die Heimat als Geburtsort und vor allem als Ort der Kindheit, in dem wir zuhause sind.” (39) „In unserer Heimat sollten wir zu verstehen versuchen, wie das Vergangene unsere Gegenwart geformt hat. Die heutigen Probleme unserer Region kann man ohne gutes und wohlwollendes Geschichtswissen nicht wirklich verstehen. Wir sollten uns bemühen zu verstehen, was unsere Stadt für all diejenigen war und ist, die hier ihre Heimat hatten. Die Wahrheit über unsere Stadt und das Verständnis von der Vielfalt der Kulturen sind unentbehrlich, um sie in die Geschichte Schlesiens und auch Polens einordnen zu können, insbesondere im Hinblick auf den sich vollziehenden Prozess der europäischen Integration.“ (40)

Das Museum in Stargard Szczeciński (früher Stargard) veröffentlichte 1999 einen deutsch-polnischen Katalog zur Ausstellung alter Ansichtskarten, der mit dem folgenden Titel versehen war: Mała Ojczyzna – Wczoraj i dziś. Kleine (sic!) Heimat – Gestern und heute. Im Vorwort schrieb der damalige Stadtpräsident Kazimierz Nowicki, dass das Projekt „einen wirklichen Beitrag zu dem natürlichen nachbarschaftlichen Integrationsprozess von Polen und Deutschen leistet, die mit Pommern historisch und nicht selten persönlich, durch die Schicksale ihrer Familien, verbunden sind. Es ist die Aufgabe unserer Generation wie auch der nächsten Generationen von Menschen, die heute auf beiden Seiten der Oder leben, in zwei verschiedenen Ländern, aber aus einer und derselben historischen und geografischen Landschaft stammen, ein neues gemeinsames ‘pommersches’ Bewusstsein zu entwickeln und die Stereotype und Vorurteile zu überwinden.“ (41) Der Autor ist offensichtlich davon überzeugt, dass das Verhältnis zur Heimat, Deutsche und Polen, damalige und heutige Einwohner von Stargard verbindet. Die einen wie die anderen betrachten Stargard als ihren eigenen Ort.

Die Begriffe Heimat und mała ojczyzna werden nicht nur in Hinsicht auf die West- und Nordgebiete gleichgesetzt. Jolanta Wewiurska, die ihr Projekt „Die Gegend um Sanok – meine Heimat“ vorstellt, schreibt: „Unseren Begriffen ojczyzna ideologiczna (ideologisches Vaterland) und ojczyzna prywatna (privates Vaterland) entsprechen in der deutschen Sprache die Begriffe Vaterland und Heimat.“ (42) Ähnliches sagte Marek S. Szczepański, Soziologe an der Schlesischen Universität, auf dem Weltkongress der Tschenstochauer 2003: „Am Rande soll daran erinnert werden, dass die von Stanisław Ossowski entwickelten Begriffe ojczyzna prywatna (privates, kleines Vaterland) und ojczyzna ideologiczna (ideologisches, großes Vaterland) ihren Ursprung im Deutschen haben. Gerade in dieser Sprache gibt es das terminologische Duo Heimat – Vaterland, das präzise das Wesen des Unterschieds wiedergibt. (...) Der Begriff Heimat stammt höchstwahrscheinlich vom altgermanischen heimskepija, das den ursprünglichen Zusammenhang zwischen Heim und Kosmos, d.h. der planetarischen Zivilisation bedeutet.“ (43)

„Meine Heimat ist meine Stadt, mein Dorf. Es sind sowohl die auf wissenschaftlicher Forschung basierende Geschichte des Ortes, als auch die von Generation zu Generation überlieferten Gebräuche, Geschichten und Legenden”, schreibt Małgorzata Wietecha in ihrem Buch Legenden und Überlieferungen in der Entwicklung der Heimatbindung, das sich an Vorschullehrer und Lehrer der Grundstufe im Oppelner Schlesien richtet. (44) Die Autorin unterscheidet hier bezeichnenderweise zwischen kleinem und großem Vaterland: „Ich habe ein schönes, großes Vaterland / Und mein eigenes kleines Vaterland; // Das erste ist mein Land, / das zweite – meine Stadt. // Die Weichsel durchquert das erste / und die Tatra gibt ihm die Krone // Im zweiten fließt stolz die Oder / und die Stadt rühmt sich ihrer Denkmäler.” (45)

Diese Verbrüderung zwischen der polnischen mała ojczyzna und der deutschen Heimat führt zu Protesten der konservativen und rechten Publizisten und Aktivisten. Sie meinen, in der polnischen Tradition sei die Kategorie der Nation primär, die sich mit der Idee der Freiheit und der nationalen Solidarität verbindet. So schrieb Zdzisław Krasnodębski in seinem Essay Über die postpatriotischen Zeiten (46): „Patriotismus ist die Liebe zum Vaterland. Aber was ist das Vaterland, die Patria? Das Territorium? Das hat sich im Falle Polens allzu oft geändert. Die Gesamtheit der Einwohner des Landes, in dem ich geboren wurde? Auch nicht. Es fällt schwer, patriotische Gefühle gegenüber einer Bevölkerung zu entwickeln. Ist es also der Staat in der gegebenen Form? Erst recht nicht, dann hätte man ja tatsächlich einst für Volkspolen arbeiten und sich zum Patriotismus eines Mieczysław Rakowski oder anderer derartiger Ideologen bekennen müssen. Einige sind der Meinung, es solle das kleine Vaterland sein und nicht das große, ideologische. Je enger also, desto besser? Warum? Ich teile die Begeisterung polnischer Intellektueller für das schöne deutsche Wort Heimat nicht. Mir reicht völlig der Begriff strony rodzinne (die Gegend aus der meine Familie stammt). Darin liegt ein seltenes Stück polnischer Überlegenheit über Deutschland: das Fehlen der sentimentalen und engen Heimatideologie.” (47)

Zitieren wir eine extreme Äußerung des nationalkatholischen Publizisten Krzysztof Janiewicz: „In der polnischen Publizistik ist immer öfter zu beobachten, wie die polnischen Medien die begriffliche Figur ‘kleines Vaterland’, ‘privates Vaterland’ o. Ä. lancieren. Das sind keinerlei Begriffe des polnischen nationalen Denkens. Ich bin ihnen unlängst begegnet: mit besonderer Vorliebe werden sie von den Europaenthusiasten und Globalisten verschiedener Couleur benutzt. Der Begriff der ‘kleinen Vaterländer’ ist eine Übersetzung (...) eines der deutschen Sprache und der deutschen Philosophie entnommenen Begriffs, dem das Wort Heimat entspricht. Aus historischen Gründen haben gerade die Deutschen diese zwei Begriffe: Heimat und Vaterland. Das polnische Wort ojczyzna hat eine völlig andere Bedeutung und Gewichtung als der deutsche Begriff Heimat und ist dem deutschen Wort Vaterland näher. (...) Dem deutschen Wort Heimat entsprechen in der polnischen Sprache die Stadt, das Dorf oder die Gegend, aus der meine Familie stammt (...). Das ist ein Ort in meinem Vaterland, in dem ich geboren wurde, mit dem ich mich emotional besonders verbunden fühle. Er ist für mich nicht irgendein kleines Vaterland, wie es die Europaenthusiasten haben wollen. Ich wurde in Krakau geboren und hier wuchs ich auf, Krakau ist meine heimische Stadt, aber nicht mein Vaterland. Das Symbol meines Vaterlandes ist der weiße Adler und nicht das Stadtwappen von Krakau. Werde ich in der Fremde gefragt, wer ich bin, dann antworte ich nicht: ich bin Krakauer, sondern: ich bin Pole. Wenn ich den Begriff Vaterland in territorialer Hinsicht benutze, denke ich nicht an die Krakauer Gegend, sondern an die polnischen Gebiete, an ganz Polen und nicht nur an einen seiner Teile – nämlich Krakau.” (48)

Heimat – Freiheit

Der Begriff mała ojczyzna macht in Polen Karriere. Dazu trugen die politischen Umwälzungen nach 1989 bei: die Entwicklung der lokalen Selbstverwaltung, die Tätigkeit der Thorner Stiftung der kleinen Vaterländer, die Suche nach der lokalen Identität. In den West- und Nordgebieten spielten zudem die vielen Jahre der Nachkriegsintegration sowie die neuen deutsch-polnischen Kontakte nach 1990 eine wichtige Rolle, darunter auch die mit den Organisationen der ehemaligen deutschen Bewohner. Nicht zuletzt ist dies auch eine Reaktion auf die Globalisierungsprozesse.

Die demokratische Transformation in Polen nach 1990 fiel mit den Anfängen der gesellschaftlichen Aktivitäten derjenigen zusammen, die bereits in den neuen Gebieten geboren worden waren. Bartłomiej Sochański, Stadtpräsident von Stettin in den Jahren 1994-1998, betonte mit Genugtuung, er sei der erste polnische Stadtpräsident von Stettin, der dort geboren wurde und deshalb sagen kann: „Das ist meine Heimatstadt.” Sochański betonte, dies habe ihm die Gespräche mit den deutschen Vertriebenen erleichtert.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre erschienen in der Stettiner Presse zum ersten Mal Bilder des deutschen Stettin. Zu einer richtigen Mode wurden derartige Publikationen nach 1989. Überall begann man die deutsche Geschichte dieser Gebiete zu entdecken, die im gesamtpolnischen Zusammenhang ein Zeichen ihrer Andersartigkeit ist. Aber auch die polnische Geschichte, darunter die der Ansiedlung, wird in den letzten Jahren zunehmend dokumentiert. Ein gutes Beispiel ist der Zentralfriedhof in Stettin, auf dem die erhaltenen deutschen Grabstätten renoviert werden, sich aber auch zahlreiche Denkmäler befinden: für die Opfer von Katyń, für die nach Sibirien Verbannten, für die Heimatarmee, für die polnischen und sowjetischen Soldaten, die während der Berlinoffensive zu Ende des Zweiten Weltkrieges gefallen sind, für die Häftlinge der Konzentrationslager. Es gibt Orte, wo sich alle treffen können, wie die Kirche in Chojna oder die in Danowo (Jakobsdorf) bei Goleniów (Gollnow), die Joanna Kulmowa und Jan Kulma beschreiben: „Es können hier immer andere Menschen leben, aber bestimmte Plätze müssen bleiben.“ (49)

Die polnischen „Heimaten“ gewinnen immer mehr eigene Identität, wie zum Beispiel Witnica (ehemals Vietz) im Lebuser Land; diesem Ort wurde sogar eine Dissertation gewidmet. (50) In Polen dauert die intensive Suche nach der Bedeutung der „Heimaten“ an. Bisher hing dies hauptsächlich mit dem Entdecken ihrer Geschichte zusammen. Da die konservativnationalen Parteien in der letzten Zeit in Polen an Bedeutung gewonnen haben, wird nun die gesellschaftliche Heimatbewegung in politische Zusammenhänge gedrängt.

In der Einleitung zum Sammelband Was ist Heimat?, der vor einem Jahr erschien, lesen wir: „Das ist nicht mehr allein die ‘ortsbezogenste Umwelt des Menschen’, wie Stanisław Ossowski feststellte. Heute ist Heimat vor allem eine Quelle und eine Aufgabe für die Zivilgesellschaft, die auf solchen Werten wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Selbstverwaltung, Gemeinwohl und Dialog gründet; daraus resultieren Aktivitäten, die auf Bewahrung und Entwicklung dessen zielen, was die Menschen am meisten zu schätzen wissen.” (51)

18./19.11.2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Aus dem Polnischen Ewa Czerwiakowski


(1) Stanisław Ossowski schrieb, die Region habe mit dem kleinen, dem privaten Vaterland nichts zu tun, weil sie eine Art „ideologisches Vaterland” sei. Vgl.: S. Ossowski, Zagadnienie więzi regionalnej i więzi narodowej na Śląsku Opolskim [Die regionalen und nationalen Bande im Oppelner Schlesien], in: O ojczyźnie i narodzie [Über Vaterland und Nation], Warszawa 1984. S, 74.

(2) Vgl.: Grzegorz Odoj, Lokalność jako ojczyzna – w kręgu pojęć podstawowych [Das Lokale als Heimat – Grundbegriffe], in: Dziedzictwo kulturowe Ziemi Suskiej i Podbabiogórza. Materiały z konferencji: Ochrona lokalnej i regionalnej tożsamości kulturowej a edukacja regionalna [Das Kulturerbe im Suser Land und der Gegend von Babia Góra. Dokumentation der Konferenz zur Bewahrung lokaler und regionaler kultureller Identität und die Regionalpädagogik], hrsg. R. Lisowski, M. Peć, A. Peć, Kraków 2005.

(3) Das Buch wurde 1946 vom Organisationskomitee der gesamtpolnischen Manifestation Wir halten Wache an der Oder verlegt. Helsztyński hielt sich nur einige Monate in Stettin auf und arbeitete später

(4) In das Jahr 2007 fällt der 60. Jahrestag der Aktion Weichsel, im Rahmen derer rund 150.000 Ukrainer, polnische Staatsbürger, aus der Bieszczady-Gegend im Südosten Polens zwangsausgesiedelt und im Nordwesten Polens, in den nach dem Zweiten Weltkrieg angegliederten Gebieten angesiedelt wurden. Die offizielle Begründung dieser Deportationen war die These, man müsse dem ukrainischen Untergrund, d.h. der Ukrainischen Aufständischen Armee, deren Ziel eine unabhängige Ukraine war, ihre Basis entziehen und sie zerschlagen. 1947 fand in der Bieszczady-Gegend ein regelrechter polnisch-ukrainischer Krieg statt, eigentlich ein Bürgerkrieg zwischen Staatsbürgern desselben Staates.

(5) Renata Korek, O czym marzą Ukraińcy w Trzebiatowie [Wovon träumen die Ukrainer in Trzebiatów], in: Trzebiatów – spotkania pomorskie [Trzebiatów – pommersche Begegnungen], hrsg. Janina Kochanowska, Wołczkowo 2006, S. 119. In Żdynia (Zdynia), einem Dorf im Kreis Gorlice (Ostbeskiden), werden jährlich Treffen der Lemken organisiert, der ruthenischen Bevölkerung, die den Ukrainern nahe steht.

(6) A.a.O.

(7) Instrukcja ramowa o osadnictwie i Ruchu Spółdzielczo-Parcelacyjnym [Rahmenrichtlinien zur Ansiedlung, zur Genossenschaftsbewegung und der Aufteilung von Grund und Boden]., Poznań 1946, S. 11 (vervielfältigtes Manuskript).

(8) APSz. SPSz 82, Manuskript, o.J.

(9) Osadnik Wojskowy [Der Militäransiedler] 1945, Nr. 3, APSz, SPCh 28.

(10) Piotr Zaremba, Dziennik 1945 [Tagebuch 1945], Szczecin 1996, S. 64.

(11) APSz, SPSz, Sign 81, Manuskript, 28.08.1945.

(12) APSz, SPCh 93, p. 227.

(13) APSz SPCh 89, p. 305.

(14) Vollständige Dokumentation: AP Sz SPCh 89, p. 305-337.

(15) Pfarrer Stanisław Kozierowski (1874-1949), Professor an der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen, Historiker, Sprachwissenschaftler, spezialisiert in der Onomastik, Verfasser des unvollendeten Atlas nazw geograficznych Słowiańszczyzny Zachodniej [Atlas der geografischen Namen des westlichen Slawentums]; der Band zu Westpommern und Rugien erschien 1934, zweite Auflage 1945, und diente als Grundlage der neuen Namensgebung der Orte nach dem Zweiten Weltkrieg. Pfarrer Kozierowski war Hauptfigur des Ersten Onomatologie-Kongresses in Stettin (11.-13.9.1945), auf dem die Regeln der sogenannten Repolonisierung der Ortsnamen festgelegt wurden. In Stettin wurde eine Straße nach ihm benannt.

(16) Andrzej Chludziński, Nazwy ulic Trzebiatowa [Die Straßennamen in Trzebiatów], in: Trzebiatów – spotkania pomorskie [Trzebiatów – pommersche Begegnungen] 2005, hrsg. Janina Kochanowska, Wołczkowo 2006, S. 60.

(17) APSz GWŻ 5, bns.

(18) APSz, UWS 835, S. 57.

(19) APSz UWWS 835, S. 105. Die deutschen Inschriften und Grabsteine wurden von den Friedhöfen nie vollständig entfernt, obwohl es später noch viele solche Aktionen gab. Heute entstehen auf den ehemaligen deutschen Friedhöfen Lapidarien. Die erhalten gebliebenen Friedhöfe werden in Ordnung gebracht. Oft sind das spontane Initiativen von unten.

(20) APSz GWŻ 5.

(21) Das krasseste Beispiel war die Eintragung in den Personalausweisen der Ostpolen, sie seien in der UdSSR geboren worden.

(22) Ryszard Kapuściński, Skąd pochodzimy? Kim jesteśmy? Do kogo możemy się odwołać? [Woher kommen wir? Wer sind wir? Auf wen können wir zurückgreifen?] in: Spotkania Wrocławskie [Breslauer Begegnungen] 2002, Nr 1.

(23) Feliks Fornalczyk, Szansa Polski Zachodniej, [Die Chance Westpolens], in: Tygodnik Zachodni, 1960, Nr 4., S. 3.

(24) APSz PO PUR Białogard 1, npg, Brief vom 26. Februar 1946.

(25) APSz UWS 3376 p. 434, Brief vom 5, Mai 1949.

(26) APSz GRN Moryń 6 npg, Manuskript.

(27) Brief vom 29. Juli 1946. APSz PO PUR Gryfice 7 bns.

(28) APSz PZZ 21. Die Menschen baten, in Orten angesiedelt zu werden, in denen sie von den sowjetischen Truppen unbehelligt bleiben konnten. (PO PUR Gryfice 7).

(29) APSz UWS 3373, Brief vom 10. Oktober 1947.

(30) Brief vom 27. Dezember 1946; ASPSz SPSz 86 bns.

(31) Als es z.B. in Stettin zu den sog. antistaatlichen und antisozialistischen Ausschreitungen kam (1956, 1968, 1970, 1976), bedienten sich die Machthaber der angeblichen deutschen Gefahr, um die Stimmung zu beruhigen. Man sprach von den Revisionisten, den Landsmannschaften, den revisionistischen Tendenzen in Westdeutschland. Im Fernsehen wurden Kriegsfilme oder die „Kreuzritter” nach dem gleichnamigen Roman von Henryk Sienkiewicz ausgestrahlt. So war es grundsätzlich bis zum Ende der 1980er Jahre. Die angebliche deutsche Gefahr wird übrigens auch heute von manchen politischen Gruppierungen beschworen.

(32) Ryszard Kapuściński, a.a.O.

(33) Jan Szut, Szanowni Państwo [Sehr geehrte Damen und Herren], in: Dawny Stargard i jego mieszkańcy [Das alte Stargard und die Einwohner der Stadt], Stargard 2000, S. 5.

(34) 1956 übergab die UdSSR Polen u.a. wertvolle mittelalterliche Skulpturen und die aus der Stettiner grafischen Sammlung stammenden Zeichnungen berühmter italienischer Künstler, der Brüder Tiepolo. Die Skulpturen und die Zeichnungen befinden sich heute im Stettiner Nationalmuseum.

(35) Die Bezeichnungen westpommersche Fürsten und das Fürstentum Westpommern sind keine historischen Namen. Sie wurden in der polnischen Nachkriegsgeschichtsschreibung verbreitet, weil man den gemeinsamen Ursprung von ganz Pommern betonen wollte.

(36) Die Begriffe: privates, persönliches und ideologisches Vaterland schlug Stanisław Ossowski in seiner klassischen Arbeit O ojczyźnie i narodzie [Über Vaterland und Nation] vor, Warszawa 1984.

(37) Jerzy Bartmiński: Polskie rozumienie Ojczyzny i jego warianty [Zum polnischen Verständnis des Vaterlandes und dessen Varianten], in: Pojęcie ojczyzny we współczesnych językach europejskich [Der Begriff des Vaterlandes in modernen europäischen Sprachen], hrsg. J. Bartmiński, Lublin 1993.

(38) Das heutige Verständnis dieser Begriffe und den Stand der entsprechenden Diskussion stellt Andrzej Denek dar in seinem Essay Synteza naczelnych wartości [Die Synthese der Hauptwerte], in: Regionalizm pomorski. Społeczny ruch regionalny wobec wartości narodowych [Pommerscher Regionalismus. Die gesellschaftliche Regionalbewegung und die nationalen Werte], Bd. 2, hrsg. Alicja Derbisz u. andere, Szczecin 2000.

(39) Vgl: www.ziebiceszenborn.republika.pl/historiamiasta.html

(40) A.a.O.

(41) Kazimierz Nowicki, Szanowni Goście [Verehrte Gäste], in: Mała Ojczyzna – Wczoraj i dziś. Kleine Heimat – Gestern und heute, hrsg. Jolanta Aniszewska, Sławomir Preiss, Museum in Stargard Szczeciński 1999, S. V.

(42) Jolanta Wewiurska, Prezentacja programu Ziemia Sanocka – moja mała ojczyzna, in: www.pcen.rzeszow.pl/gallery/albums/userpics/10002/Edukacja%20regionalna-referat.rtf

(43) Marek Szczepański, Powroty do mniejszego nieba. Mała Ojczyzna w oglądzie socjologicznym [Rückkehr zum kleineren Himmel. Heimat in soziologischer Wahrnehmung], in.: www.polonia,czestochowa.um.gov.pl

(44) Małgorzata Wietecha, Legendy i podania w kształtowaniu więzi z małą ojczyzną [Legenden und Überlieferungen in der Entwicklung der Heimatbindung], Opole 2006.

(45) A.a.O., S. 57.

(46) Ośrodek Myśli Politycznej, vgl.: www.omp.org.pl/index.php

(47) Zdzisław Krasnodębski, O czasach postpatriotycznych [Von postpatriotischen Zeiten], in: www.omp.org.pl/index.php

(48) Krzysztof Janiewicz, Małe Ojczyzny, www.naszawitryna.pl/europa_34

(49) Nach: Urszula Chęcińska, Z Wielgoszyc do Danowa. Literackie stacje i leśne tropy Joanny Kulmowej [Aus Wielgoszyce nach Danowo], in: Dzieje wsi pomorskiej. I Międzynarodowa Konferencja Naukowa [Geschichte der Dörfer in Pommern. Erste internationale wissenschaftliche Konferenz], Dygowo-Szczecin 2006.

(50) Maciej Dudziak, Mała ojczyzna w euroregionie: tożsamość kulturowa mieszkańców pogranicza polsko-niemieckiego (na przykładzie gminy Witnica) [Mała ojczyzna in der Euroregion: die kulturelle Identität der Bewohner des deutsch-polnischen Grenzgebietes am Beispiel der Gemeinde Witnica], Poznań 2003.

(51) Mała Ojczyzna. Kultura, edukacja, rozwój lokalny [Heimat. Kultur, Bildung, lokale Entwicklung], hrsg. Wiesław Theiss, 2005.

Wie lebt ein Pole in der ehemaligen Neumark?

Ich halte mich für einen Praktiker der Sozialpädagogik, der sich mit angewandter Geschichte befasst und die Aktivitäten eines kleinen, jedoch einflussreichen Milieus von Menschen verfolgt, die nach ihrem – im „Hier und Damals“ verankerten - „Hier und Jetzt“ suchen: Menschen, die wir als „Regionalisten“ bezeichnen. Ganz besonders interessiere ich mich für das immer allgemeiner werdende Bedürfnis der Verankerung am Wohnort und für den Einfluss dieses Ortes auf die Einstellungen gegenüber der Welt der Werte, insbesondere jener, die das Verständnis von Patriotismus verändern. Deshalb habe ich mir erlaubt, die im Thema meines Vortrags gestellte Frage ein wenig zu modifizieren und ihr den etwas egozentrisch anmutenden Wortlaut zu geben: „Wie lebt der Geschichtslehrer Zbigniew Czarnuch in der ehemaligen deutschen Neumark, heute Teil des polnischen Lebuser Landes.“

Und diese Frage kann ich sofort beantworten: es lebt sich hier hervorragend. Obwohl diese Region vor über einem halben Jahrhundert zusammen mit anderen Gebieten West- und Nordpolens einen Platz an der zivilisatorischen Spitze des Landes einnahm, und heute in den Landesstatistiken gewöhnlich einen Platz unter dem Durchschnitt belegt. Und obwohl meine Existenz als berenteter Lehrer in einer Kleinstadt nicht immer erfreulich ist, und ich im heutigen Neusprech für einen „Postkommunisten“, für einen Angehörigen des „gebildeten Packs“ und für einen Vertreter der „Lügeneliten“ gehalten werde. Trotz alledem lebe ich hervorragend und – wie der Dichter sagt „bringt mir jeder Tag ein reicheres Geschenk“.

Warum? Weil ich in einem Gebiet lebe, das trotz seines früheren eher schlechten Rufes - märkischer Sand, Sümpfe und Wälder – so reich an Wandlungen der Geschichte ist. Im frühen Mittelalter waren es die Kämpfe des slawischen Elements gegen das Erbe der germanischen Stämme, und Jahrhunderte später der Kampf des Deutschen gegen das Slawische und Polnische. In noch nicht so lange vergangenen Zeiten ging es dann um die Polonisierung dieser Gebiete nach dem Krieg, um die Aneignung der Landschaft und auch um das Verwischen und Verschweigen der deutschen Vergangenheit. Heute entdecken die Generationen der hier geborenen und auch der von weiterher gekommenen Lebuser diese komplizierte Geschichte auf eine Art, die an einen Drahtseilakt erinnert. Manchmal führt das zu deutschen Vorwürfen, die uns Diebstahl ihres Kulturerbes anlasten, und auf der polnischen Seite zu Ängsten vor dem Verlust der nationalen Identität.

Wenn man hier seine Wurzeln schlagen und seine kulturelle Identität finden will, kann man sich nicht auf den Begriff des nationalen Erbes berufen, wie es von den Zentren in Thorn oder Warschau lanciert wird. Diese Kategorie knirscht dissonant und klingt nach intellektueller Fälschung. Ähnlich geht es der Suche nach einer einheitlichen, regionalen, kulturellen Identität des Lebusers. Die kulturellen Wurzeln eines Bewohners der Neumark und des Sternberger Landes unterscheiden sich doch erheblich von denjenigen der Einwohner der ehemals nicht zur Neumark gehörigen Gebiete, also Crossen (Krosno), Guben (Gubin), Zielenzig (Sulęcin) oder Schwiebus (Świebodzin). Noch anders sieht die Sache aus, wenn es um die Einwohner von Grünberg (Zielona Góra) oder Neusalz (Nowa Sól) geht, für die Niederschlesien ein wichtiger Bezugspunkt war. Noch eine andere Frage ist das Verhältnis der Einwohner von Meseritz (Międzyrzecz) und Schwerin a.d. Warthe (Skwierzyna) zu Großpolen. Es geht um das, was die alten Römer als genius loci bezeichneten. Mir wurde einmal folgende Geschichte erzählt. Eines Tages sei ein alter Graf, der ehemalige Gutsbesitzer, in ein staatliches Landwirtschaftsgut (PGR) in Pommern gekommen und gastfreundlich vom Genossen PGR-Direktor empfangen worden. Irgendwann habe dann der Graf gefragt: „Und wie gestalten sich Ihre Beziehungen zu den Einwohnern des Nachbardorfes?“. „Schlecht“, antwortete der Direktor. Darauf der Graf: „Ja klar, die waren schon immer so.“

Trotz Bevölkerungsaustausch sind die existenziellen Probleme, vor die der Alltag die Menschen stellt, die unter denselben Natur- und Landschaftsbedingungen leben und arbeiten, immer noch ähnlich. Sowohl die ehemaligen als auch die heutigen Einwohner dieses Gebiets hatten und haben dieselben Schwierigkeiten mit dem Klima, mit der Qualität des Bodens, dem Überfluss oder Mangel an Wasser und der Entfernung oder Nähe zu lokalen Handels- und Verwaltungszentren. Dieses Bewusstsein verschiebt die Akzente weg von dem, was trennt, hin zu dem, was verbindet. Die Schicksale der Menschen, die versuchen, die Natur zu zähmen, um ihre Häuser, ihre Bauernhöfe zu bauen, ihren Boden zu bestellen, ihre Werkstätten aufzubauen oder in Kooperation mit anderen Objekte zu schaffen, die dem Allgemeinwohl dienen, gleichen sich.

Der genius loci dieses Gebiets zeigt sich auch darin, dass wir, die heutigen Einwohner, unser „Hier und Jetzt“ durch das „Hier und Damals“ betrachten, ja den in uns selbst stattfindenden Prozess sozusagen unter Laborbedingungen beobachten können. Es vollzieht sich eine Wandlung des traditionellen Verständnisses vom Vaterland (ojczyzna). In diesem Prozess entstehen Bedingungen, die es ermöglichen, die Mauern einzureißen, die uns von den Fremden trennen.

Das Bürgerengagement der hiesigen lokalen Gemeinschaften hat uns unterschiedliche Aspekte der Vergangenheit aufgezeigt. Dauerhaft ist die Sorge um das Haus, den Hof, das Dorf, die Stadt, die Kirche, die Schule, die Straße und den Damm, der vor Hochwasser schützt. Und das ist die Sorge um dasselbe Haus oder dieselbe Schule, die von Deutschen gebaut wurden und heute von Polen benutzt werden. Einfacher menschlicher Anstand erfordert, diejenigen, die diese Objekte gebaut haben, zu achten. Die Frage nach deren Nationalität, nach ihren politischen Ansichten, nach der Glaubens- oder Gruppenzugehörigkeit bzw. dem Privatleben werden auf lange Sicht weniger wichtig. Das so bedeutende Wendejahr 1945, mit seiner nationalen Symbolik, dem Bevölkerungsaustausch und damit einhergehend dem Austausch der deutschen gegen die polnische Kultur, verliert für das Leben des Einzelnen an Bedeutung – es symbolisiert dramatische Ereignisse aus der Vergangenheit, die für Jahrestagsfeiern wichtig sind. Die romantische Heldenhaftigkeit der Soldaten, die um diese Gebiete gekämpft haben und sich später in ihnen ansiedelten, ist es wert, erinnert zu werden, doch auf lange Dauer sind ihre konkreten Leistungen für das gesellschaftliche Wohlergehen in den Friedensjahren wichtiger. Es zählt vor allem die dankbare Erinnerung an die Erbauer von Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden, Parkanlagen und ausgehobenen Kanälen, die den aufeinander folgenden Generationen dienen.

Im polnischen Gorzów (Landsberg) pflegt man die Erinnerung an deutsche Baumeister und Stifter wie Bahr oder Paucksch, in Kostrzyń (Küstrin) die Erinnerung an die Regierungszeit des Hans von Küstrin aus dem Hause Hohenzollern, in Słońsk (Sonnenburg) an die Brandenburger Johanniter und in Dębno (Neudamm) an den Verleger Neumann, der diese Stadt vor 1945 berühmt machte. Für die Pioniere dieser Idee war es nicht einfach, diese Deutschen in die Reihe der Menschen aufzunehmen, auf die polnische Einwohner dieser Städte ebenso stolz sein können, wie auf ihre Landsleute. Die Gegner warnten und warnen weiterhin, man dürfe ethnische Grenzen nicht überschreiten, weil dann die nationale Identität verloren zu gehen drohe!

Der genius loci, lässt es nicht zu, dass ein Pole, Lebuser und Einwohner der (ehemaligen) Neumark, die Kategorie des Vaterlandes (ojczyzna) als des Landes seiner Vorfahren im traditionellen nationalen Verständnis übernimmt. Hier bedeutet der Ort „der nationalen Erinnerung“ und der „nationalen Identität“ etwas anderes als in Masowien oder Kleinpolen. In der Beschreibung des komplizierten Prozesses der Einwurzelung eines Polen in der Neumark erweisen sich die Kategorien des „ideologischen Vaterlandes“ (ojczyzna ideologiczna) sowie der „Heimat“ (ojczyzna mała, wörtlich: kleines Vaterland) als hilfreich, insbesondere für die Diskussion über Patriotismus. Das hilft zu verstehen, warum miteinander zerstrittene Anhänger der „ideologischen Vaterländer“ auf beiden Seiten der Oder nicht imstande sind zu begreifen, dass hier, in der Heimat, polnische und deutsche Vertriebene herzlich miteinander befreundet sein und sich um das Wohl dieses gemeinsamen Stückchens Europa kümmern können.

Und gerade der Geschichtsreichtum dieses Gebietes bewirkt, dass sich ein Geschichtslehrer hier, auch wenn er bereits berentet ist, wie ein Fisch im Wasser fühlt. Er hat hier sein kleines Feld zu bestellen. Insbesondere, wenn er im Zeitalter des sich vereinigenden Europa angefangen hat, an die Wirksamkeit des eigenen Handelns als Mitglied der Zivilgesellschaft zu glauben.

Zum Begriff „Vaterland“ als Problem der Sozialpädagogik

Polen vor den Teilungen, das heißt das Königreich Polen oder anders gesagt die Republik Beider Nationen (Polens und Litauens), bestand aus zahlreichen Gebieten, die von verschiedenen ethnischen Gruppen unterschiedlicher Konfessionen bewohnt waren. Damals war es etwas Natürliches, seine Andersartigkeit zu betonen. Adam Mickiewicz beginnt seine für die Kultur der Polen so wichtige Dichtung Pan Tadeusz mit den Worten: „Litauen! Du mein Vaterland!“. Wie man sieht, bezog sich der Begriff Vaterland damals nicht auf das Königreich, sondern auf einen seiner Teile, auf das Land, aus dem man stammte. Die Macht des Königs vereinigte verschiedene Länder – Vaterländer – zu einem Staat. Während der Zeit der Teilungen betrachtete man die Betonung der lokalen oder regionalen Andersartigkeit und deren Bezeichnung als Vaterland als schädlich für die Einigung aller Kräfte im Kampf um die Unabhängigkeit Polens. Die Demonstration von Lokalpatriotismus wurde misstrauisch beäugt, als eine Form von Schwächung der nationalen Einheit betrachtet. Als Ergebnis dieser Entwicklung bezogen sich die Begriffe Vaterland und Patriotismus im 20. Jahrhundert im Bewusstsein eines durchschnittlichen Polen nur noch auf das ehemalige Königreich, die Republik, auf Polen als Ganzes, als Staat, und nicht auf seine Einzelteile, das heißt Länder oder Landschaften. Sogar „väterliches Land“ (kraj ojczysty) oder „väterliche Erde“ (ziemia ojczysta) bezogen sich nicht mehr auf einen Teil, sondern auf die Gesamtheit des verlorenen Staates.

Gleich nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahre 1918, als das Wort „Vaterland“ mit dem wieder errichteten Staat identisch und heimisch wurde, unternahm man den Versuch, die Kategorie des Vaterlandes in der kleineren Dimension von Ländern und Landschaften zu rehabilitieren, und griff den Begriff „Region“ auf. Von der Regionalisierungspolitik, die das Spezifische des jeweiligen Gebiets unterstrich, erwartete man, eine Identifizierung mit dem Wohnort und ein Gefühl der Verantwortlichkeit. Polen sollte in dieser Vorstellung eine ethnisch differenzierte Republik sein. Man erwartete, dass dies zur Anerkennung der Verfassungsrechte ethnischer Minderheiten beitragen werde. Der Begriff „Region“ gehört jedoch zu den beschreibenden Kategorien, ohne die emotionale Färbung des Begriffs „Vaterland“. Er war nicht vergleichbar mit dem, was für Mickiewicz sein Vaterland – Litauen – war. Außerdem waren die internationale Situation und die äußeren Bedrohungen in den zwei Jahrzehnten zwischen den beiden Weltkriegen einer Politik der Regionalisierung nicht förderlich. Deshalb gerieten auch die begrifflichen Grenzen zwischen Patriotismus, Nationalismus und sogar Chauvinismus ins Schwimmen. Im Bewusstsein vieler Polen wurde der Patriotismus an der Stärke negativer Emotionen gegenüber unterschiedlich definierten Feinden gemessen. Sein Land zu lieben war gleichbedeutend damit, seine Feinde zu hassen.

Man darf dabei nicht vergessen, dass es die Epoche des triumphierenden Nationalismus in Europa war. Die von Adolf Hitler in Deutschland lancierten Vorbilder nationalistischer Haltungen trafen in Polen auf fruchtbaren Boden. Nicht nur in den Kreisen der zahlreichen deutschen Minderheit, sondern auch unter Jugendlichen mit einer landadlig-katholischen Abstammung stießen sie auf lebhaftes Echo und Zustimmung.

Die Grenzverschiebung nach 1945, die zu bewältigende Bewirtschaftung der Polen zugeteilten Gebiete, der große Bevölkerungstransfer und die forcierte Ideologie des Kommunismus – all das war einer Rehabilitierung der Kategorie Vaterland als „Heimat“ im engeren Sinne nicht dienlich. Vergeblich berief man sich auf Regionen und kreierte sogar eine Region, die es in der Geschichte nie gegeben hatte, wie das heutige Lebuser Land. Doch im gesellschaftlichen Bewusstsein der Polen bezog sich das allseits beliebte Wort „Vaterland“ auf das Land als Ganzes, und nicht auf seine einzelnen Bestandteile. Noch in den siebziger Jahren propagierte Edward Gierek leidenschaftlich die Idee der moralisch-politischen Einheit der Nation, und die zur Zeit regierenden Entscheidungsträger folgen seiner Spur.

Erst die Systemveränderungen des politischen Umbruchs von 1989/90 ermöglichten eine Rückkehr zur doppelten Bedeutung der Kategorie „Vaterland“ aus der Zeit vor den polnischen Teilungen. In der Publizistik und in der Alltagssprache tauchte der Begriff „kleines Vaterland“ (Heimat) als Teil des „großen Vaterlandes“ auf.

Diesen Durchbruch im Verständnis des Begriffes „Vaterland“ bewirkte der Sozialwissenschaftler Stanisław Ossowski in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Er erkannte die Rolle der „Vaterlandsliebe“ als eine der Ursachen beider Weltkriege und analysierte das Bedeutungsfeld dieses Begriffes. Er unterschied zwei Ebenen der emotionalen Identifikation der Menschen mit ihrem Wohnort und ihrem Land, ihrer Kultur und Tradition. Die erste ist die allgemeine nationale Ebene, identisch mit dem Staat, für die Ossowski den Begriff „ideologisches Vaterland“ erfand. Die zweite Ebene, die er als „privates Vaterland“ bezeichnete, bezog sich auf die Umgebung und das allernächste Umfeld, in dem der Mensch seine Kindheit und Jugend verbringt; mit diesem Raum, verbinden ihn besonders intensive Gefühle. In beiden Fällen geht es um das emotionale Verhältnis des Einzelnen zum nächsten sowie zum weiter entfernten Umfeld; sie unterscheiden sich aber durch ihre Intensität und die Dauerhaftigkeit dieser Emotionen.

Ein Warschauer Dichter des 20. Jahrhunderts schrieb: „Wenn ich an mein Vaterland denke,/ denk ich an die Alleen, an die Abfahrt Powiśle./ Nicht Wald, nicht Wiese, nicht Getreidefeld,/ sondern Mokotowska, Krucza, Hoża“. Das „private Vaterland“ des Dichters war nicht die Dorflandschaft mit dem Storchennest auf dem strohgedeckten Dach eines Bauernhauses, das Bild, das bei den polnischen Bauern, die ihr Heimatdorf verlassen hatten, so beliebt war, sondern eine Stadtlandschaft. Nicht das Land, wie Litauen bei Mickiewicz, sondern einige Straßen im Zentrum von Warschau. Die so begriffene Heimat kann für die einen ein alleinstehender Bauernhof sein, für die anderen ein Dorf, ein Stadtteil, ein Städtchen oder die Gemeinde, für noch andere ein Landkreis oder eine Kulturregion.

Patriotismus in der Dimension des ideologischen Vaterlandes, des Staates, entsteht durch die Übertragung der emotionalen Beziehung zum privaten Vaterland auf Nation und Staat. Am natürlichsten ist aber das für das private Vaterland empfundene Gefühl. Ossowski schreibt, die Ansicht sei absurd, dass jemand, der in den Tiefebenen der Masuren bei Płock an der Weichsel geboren wurde, eine natürliche, angeborene Bindung an das hügelige Vorkarpatenland empfinde. Wenn es eine solche Bindung gäbe, sei sie der Ideologie der Nation und deren Transmission auf das Gebiet der privaten Vaterländer zu verdanken. Ein halbes Jahrhundert später wurde der Begriff des „privaten Vaterlandes“ durch den zutreffenderen Begriff des „kleinen Vaterlandes“ (also Heimat), ersetzt.

Wenn wir nun dem von Ossowski abgesteckten Pfad folgen, können wir – um neuere Erfahrungen und Reflexionen reifer – es wagen, nach weiteren Unterscheidungsmerkmalen der beiden Begriffe zu suchen. Vielleicht wird uns das helfen bei der Suche nach der Lösung unseres neumärkischen Problems mit dem geistigen und materiellen deutschen Erbe? Das könnte auch nachhaltig der in Polen auftretenden Tendenz entgegenwirken, dass politische Demagogen den Patriotismus in Nationalismus verwandeln. Das geschieht immer dann, wenn man sich auf ethnische, religiöse oder andere Vorurteile beruft, und damit den Mangel an Toleranz und Respekt für das, was nicht eigen, was fremd ist, erneut bemüht.

Von manchen Eigenschaften ideologischer Vaterländer

Wenn wir heute auf nationale Vorurteile treffen, stellen wir fest, dass wir es hierbei in der Regel mit dem ideologischen Vaterland zu tun bekommen. Hier trifft die Problemwelt der Politiker auf die emotionale Bindung der Einwohner an Landschaft und Kultur ihrer Heimat. Diese Politiker verspüren ein starkes Bedürfnis, über Andere zu dominieren und ihnen ihre parteiische Definitionen der Welt aufzuzwingen. An dieser Berührungsstelle zwischen Politikern und Einwohnern nimmt das edle Gefühl der Vaterlandsliebe, das wir als Patriotismus bezeichnen, oft eine feindliche Färbung an. Um die Ehre der Nation zu retten, werden Vergeltung und Rache nicht nur rechtmäßig, sondern sogar unabdingbar.

Dieser Mechanismus trat deutlich in der Zeit des Ersten Weltkriegs zutage – auf allen Seiten der zahlreichen Fronten konnte man ein emotionales Engagement von Millionen von Menschen auf der Seite ihrer jeweiligen Politiker beobachten. Hinter den blutigen Gemetzeln verbarg sich eine Manipulation des Gefühls der Vaterlandsliebe von Deutschen, Franzosen oder Russen, und ihre Bereitschaft, ihr Leben für Ruhm und Größe ihrer Staaten zu opfern. Was sonst könnte die fanatische Verteidigung des verbrecherischen Hitlerstaates bis zum letzten Moment durch Millionen seiner Soldaten erklären, wenn nicht die Liebe zum eigenen Volk und dessen Staat sowie der Wille, zu seiner Größe beizutragen?

Der polnische Philosoph Tadeusz Kotarbiński zog, nachdem er über die Natur dieser monströsen Morde, begangen von Menschen, die von der Liebe zu ihrem Vaterland durchdrungen waren, nachgedacht hatte, einen pessimistischen Schluss: „Das Vaterland verbietet es jedem, sich um das Wohl des Menschen im Auftrag der Menschheit zu sorgen“. Der Belgrader Intellektuelle Ivan Colović brachte nach den vor kurzem stattgefundenen Gemetzeln und ethnischen Säuberungen auf dem Balkan dieselbe Ansicht etwas kräftiger zum Ausdruck: „Wenn ihr aus irgendeinem Grund Patriotismus züchten wollt, dann füttert ihn nicht mit Menschenrechten, denn er ernährt sich ausschließlich von Menschenfleisch“. Und unter Friedensbedingungen rät der Soziologe Janusz A. Majcherek nach unseren neuesten polnischen Erfahrungen, man solle „mit dem Patriotismus vorsichtig umgehen, denn in letzter Zeit ist er nämlich zur Zufluchtsstätte von Schurken geworden“. Bei alldem geht es um die ideologischen Vaterländer. Das trifft auch auf die polnisch-deutschen und deutsch-polnischen Irritationen zu, die im Rhythmus der wechselnden inneren politischen Konjunkturen und Krisen auftreten.

Bei alldem neige ich trotzdem eher dazu, die Bedrohung durch Nationalismus und Chauvinismus als ein Relikt der Vergangenheit zu betrachten. Auch entgegen aktueller Anzeichen des politischen Lebens, die uns in der internationalen Arena kompromittieren und den Erziehungsprozess der polnischen Gesellschaft im Geiste des Pluralismus und des Dialogs verlangsamen.

Humanismus der Heimat

Mit den Veränderungen des politischen Systems ist in der polnischen Sprache der bisher in der Alltagssprache unbekannte Begriff mała ojczyzna (kleines Vaterland, Heimat) aufgetaucht. Er ähnelt dem Vaterland im Verständnis von Mickiewicz, ist jedoch nicht mit ihm identisch. Heimat wird in Kategorien der sozialen Umwelt definiert, in der die Einwohner ihre besondere kulturelle, geografische oder administrative Andersartigkeit spüren und sich emotional mit ihr identifizieren. Es ist ein Raum, für den sich der Einzelne besonders verantwortlich fühlt und im Rahmen dessen er das Gefühl hat, selbst etwas bewirken u können. Dank der durchgeführten Reform der kommunalen Selbstverwaltung decken sich die Grenzen der Heimat meist mit dem Gebiet der Gemeinde. Die Reform hat das Bedürfnis nach einer Art ideellem Überbau geschaffen, nach einem Selbstbewusstsein der Besonderheit, der kulturellen Identität der lokalen Gemeinschaft, die sie von anderen unterscheidet, und das wird auch zum wesentlichen Argument in der Öffentlichkeitsarbeit, die ein wichtiger Bestandteil der Strategie der wirtschaftlichen Entwicklung ist.

Im Wesen des mit dem Staat identischen ideologischen Vaterlandes steckt also die Neigung, die Welt in „Wir“ und „die Fremden“ aufzuteilen. In der zeitgenössischen „Heimat“, deren Grenzen unscharf sind, stützt sich das Leben eher auf gute Nachbarschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe. Daraus folgt, die Würde der anderen Mitglieder der Gemeinschaft zu respektieren und ihnen keinen Schaden zuzufügen. Die Pflege dieser Tugenden ist eine Garantie für die alltägliche Sicherheit der eigenen Familie und die Gewissheit, dass unser Nachbar uns bei einem Schicksalsschlag das zurückzahlen wird, womit wir ihn selbst beschenkt haben. Im Mikromaßstab der Heimat zählt nicht das Opfer des Lebens für das Wohl der gemeinsamen Sache, sondern das Opfer des Schweißes für ein konkretes gemeinsames Gut, das an dem Werk von Generationen gemessen wird. Der Bewohner der Heimat wird in seinem Umfeld weniger nach seiner Abstammung und Lebensgeschichte beurteilt, als nach messbaren Leistungen im „Hier und Jetzt“.

Natürlich tritt das Böse, der Fremdenhass auch in diesem Mikroraum auf, doch hierbei handelt es sich eher um schlechte Charaktereigenschaften Einzelner. Hier wird das gesellschaftliche Böse erst dann gefährlich, wenn aus den Zentren des politischen Lebens Agitatoren kommen, die den politischen Gegner dämonisieren und ihn als Feind definieren.

Diese Gesetzmäßigkeit wird von der Geschichte vieler Grenzdörfer während der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert bestätigt, einem Ort der Begegnungen von Kulturen, wo Jahrhunderte lang Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Abstammung im Frieden miteinander lebten, und in deren Bräuchen es Platz für Respekt für die andere Sprache, Glauben und Lebensstil gab. So war es bis zu jener Zeit als politische Schönredner, Lehrer und Priester das Bewusstsein des ideologischen Vaterlandes mit seiner Feindseligkeit gegenüber allem Fremden predigten.

Im Raum der Heimat werden der Deutsche, der Russe und der Pole im Alltag zu Menschen, die ihr individuelles Recht auf Würde haben. Auf dieser Ebene – um mit Kotarbiński zu sprechen – erlaubt das (kleine) Vaterland, sich um das Wohl des Menschen im Auftrag der Menschheit zu sorgen.

Und das erklärt das Phänomen der Zusammenarbeit von Polen und Deutschen, von ehemaligen und heutigen Einwohnern dieser Gebiete. Hier wird die „Landsmannschaft“ durch das Zusammentreffen und die nahe Bekanntschaft mit konkreten Personen entmythologisiert, und erleichtert sprechen die Bürgermeister und Dorfschulzen während der gemeinsamen Treffen die Formel „Willkommen in der gemeinsamen Heimat“. Denn in der psychologischen Dimension ist die Heimat tatsächlich eine gemeinsame. Man kann doch niemandem die Liebe zum Land seiner Kindheit und dem Familienbauernhof wegnehmen. Und in der politischen Dimension ist diese gemeinsame Liebe ein unschätzbares Kapital für die Realisierung des Programms der Suche nach „Wegen zueinander“. Unsere „polnische Staatsräson“ hat bei diesem natürlichen Prozess einen großen Verbündeten. Schade, dass so wenig Politiker imstande sind, das zu verstehen.

In diesem Verständnis der gegenseitigen Beziehungen beider Kategorien, des großen, ideologischen Vaterlandes und der Heimat (des kleinen Vaterlandes) – erscheinen sie uns als zwei Seiten derselben Medaille, der Medaille des Patriotismus. Die Bevorzugung der ideologischen Seite führt zum nationalen Egoismus, die Bevorzugung der Heimat zu regionalem Egoismus oder Provinzlertum. Das Wertesystem der Heimat mit seiner humanistischen Idee der Kultivierung der guten Nachbarschaft wirkt beruhigend auf die Emotionen des ideologischen Vaterlandes mit dessen Hauptkategorie, der Bereitschaft, sich gegenüber Feinden zu verteidigen. Wir tragen die Medaille in uns und es hängt von uns ab, welcher Seite wir wann den Vorrang geben.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska

Von Ostpolen nach Westpolen – von Lublin nach Chojna (Königsberg/Nm)

Genau vor einer Woche fand hier das hervorragende Konzert von Maria Peszek mit dem Titel „Miasto Mania“ (Stadt-Manie) statt. Es hätte sehr gut zu unserer Konferenz gepasst, denn diese in Warschau lebende junge Frau sang mit den folgenden zärtlichen Worten über ihre Heimat, über ihre Stadt: „Ich ficke dich, Stadt, deine blutige Geschichte verblasst, wenn es tagt… Du Stadt-Parasit, ich ficke dich mehr als mein Leben, aber ich sehe auch keine andere Stadt als dich, also ficke ich dich, Stadt, zärtlich, weil du meine Stadt bist… Diese Stadt vergiftet mich, diese Stadt macht mich betrunken, diese Stadt entsetzt mich, diese Stadt entzückt mich, diese Stadt tötet mich und lässt mich auferstehen, und ich ficke dich Stadt…“ Wie man sieht, kann Heimat nicht nur aus Trauerweiden und goldfarbenen Getreidefeldern bestehen, sondern auch aus den Straßen einer Stadt. Seine Heimatgefühle kann man auf unterschiedliche Art zum Ausdruck bringen. Zusammen mit Maria Peszek schrieb Piotr Lachmann die Texte dieser Lieder, eigentlich Peter Lachmann, ein aus Gleiwitz stammender deutscher und heute eigentlich schon deutsch-polnischer Dichter und Regisseur. Ein Deutscher, der über Warschau als seine Stadt schreibt – das passt nicht immer zu den typischen Denkweisen über Heimat.

Wie Maria Peszek bin ich ein Städter, aber nicht Warschau war meine Stadt. Ich bin in Lublin geboren und aufgewachsen – einer Stadt, die früher in Zentralpolen und heute in Ostpolen liegt, obwohl sie von niemandem verschoben wurde. Die Lubliner hatten sowieso Glück im Vergleich zu den Menschen, die während ihres Lebens fünfmal ihre Staatszugehörigkeit wechseln mussten, ohne jemals ihr Zuhause verlassen zu haben. Seit 26 Jahren lebe ich in Chojna, das bis 1945 Königsberg/Neumark hieß und Hauptstadt eines Kreises war, der Kostrzyń/Küstrin, Dębno/Neudamm und weitere 21 Orte westlich der Oder umfasste.

Attraktive Grenze

Im Sommer 1980 zog ich an diese Grenze. Kann eine Grenze überhaupt attraktiv sein? Eigentlich trennt sie doch aus Prinzip. Für manche bedeutet sie das Ende des Heimischen, weil hinter der Grenze das Fremde, sogar Feindliche beginnt, was nicht zu uns gehört. Ich rechne mich zu denen, für die die Grenze nicht nur das Ende, sondern auch ein Anfang ist. Ein Anfang alles dessen, was anders, unbekannt, also interessant ist, deshalb ist für mich die Grenze attraktiv. Außerdem zieht jeder seine Grenze an einer anderen Stelle. Einer gleich an seiner Hausschwelle, da es in der Straße sogar deutsch beschriftete Kanaldeckel gibt. Andere ziehen ihre persönliche Grenze dort, wo sich fremde Friedhöfe mit fremdsprachigen Grabsteinen befinden oder sogar in Kirchen.

Weshalb bin ich nach Chojna gekommen? Ich hatte gerade mein Studium beendet, mein Sohn war sechs Monate alt, und in meiner Heimatstadt gab es weder Arbeit noch Wohnung. Zwei Arbeitsangebote mit Wohnung fand ich: eins in der Nähe von Olsztyn (Allenstein), das andere in Chojna. Chojna siegte, die Nähe der Grenze entschied. Schon damals war sie attraktiv, denn seit 1972 war die Grenze zur DDR offen und man konnte sie einfach mit einem Personalausweis überschreiten. Die DDR war für uns Polen vor allem wegen der viel besseren Ausstattung der Geschäfte interessant. In Polen jagte eine Wirtschaftskrise die andere, die Ladenregale leerten sich, Zucker bekam man ab 1976 nur noch auf Lebensmittelmarken. Also gingen wir zum Einkaufen nach Schwedt. Ich sage „wir gingen“, denn ich hatte kein Auto. So fuhr ich mit dem Bus von Chojna zwölf Kilometer zum Grenzübergang in Krajnik Dolny (Niederkränig), von wo aus ich mit meinem sechs Monate alten Kind im Kinderwagen fünf Kilometer zum Zentrum von Schwedt lief. Dort waren verschiedene Produkte für Kinder die größte Attraktion, also zog mein kleiner Sohn wohl den größten Nutzen aus diesen Expeditionen. Fünf Jahre zuvor war ich noch als Lubliner in der DDR gewesen und konnte mich erinnern, wie lange ich in Lublin in der Bank hatte Schlange stehen müssen, um Złotys gegen Ostmark zu tauschen. Deshalb war ich schockiert, als ich den Geldwechsel in dem sechstausend Einwohner zählenden Chojna ohne anzustehen auf der Post erledigen konnte!

Innerhalb von zwei Monaten war ich dreimal in Schwedt. Ich machte nur kleine Einkäufe und versprach mir, bald wiederzukommen. Das tat ich nicht. Denn im Oktober machte Honecker die Grenze dicht, damit die „polnische Konterrevolution“ nicht in die DDR vordrang. Auf diese Weise endete die erste, kurze Etappe meines grenzüberschreitenden Lebens. Die Solidarność-Aktivitäten nahmen mich jedoch so in Anspruch, dass ich die Grenzschließung nicht als besonders schmerzhaft empfand. Aber am 13. Dezember 1981 führte Jaruzelski das Kriegsrecht ein, und damit begann eine weitere Etappe, die traurigste: Polizeistunde, Unsicherheit, Angst. Keiner von uns wusste damals, was passieren würde. Da kam mir mein Grenzgebiet vor wie das Ende der Welt, vergessen von Gott und Menschen. Und plötzlich erwies sich diese dicht geschlossene Grenze auf eine wunderbare Weise als doch nicht ganz undurchlässig. Allmählich kamen Pakete von unbekannten deutschen Familien an. Nicht aus der DDR, die näher lag und uns besser bekannt war, sondern aus der Bundesrepublik – von den fremden, „bösen“ Deutschen, den Erben Hitlers. Das hatte uns jahrzehntelang die polnische Propaganda einzureden versucht. Ich erinnere mich nicht mehr, wie viele Pakete ich bekommen habe, waren es fünf oder zehn? Sie kamen in den dunkelsten Monaten des Kriegszustands, von einigen mir völlig unbekannten Familien aus Nordrhein-Westfalen. In den Paketen waren manchmal auch Kleider, aber vor allem Lebensmittel. Wie das schmeckte! Und diese bunten, westlichen Verpackungen. In der Wohnung wurde es sofort heller und fröhlicher.

Solche Pakete bekamen damals viele Polen. Ich denke, dass das unser Verhältnis zu den Deutschen aus der Bundesrepublik veränderte. Sie hörten auf, die „Bösen“ zu sein. Das war – vielleicht zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg – eine so deutlich von einfachen Polen verspürte Hilfeleistung und Freundlichkeit seitens der Deutschen. An Stelle unseres Misstrauens trat Sympathie. Denn wie hätte man diejenigen, die uns selbstlos eine freundliche und hilfreiche Hand entgegenstreckten, weiterhin für Polenfresser halten können? Und es blieb ja nicht bei Paketen. Es begann ein Briefaustausch, Weihnachtskartenwechsel. Wir versuchten, uns zu revanchieren, indem wir Geschenke hinschickten, z.B. handgestickte Spitzendeckchen. Bis dahin hatte ich nur zwei Wörter auf Deutsch gekannt: „Hände hoch!“ Oft konnte ich die Aufschriften auf den Lebensmitteln aus den Paketen nicht verstehen. Deshalb bat ich, als meine rheinischen Wohltäter in einem nächsten Brief fragten, was wir bräuchten, um ein deutsch-polnisches Wörterbuch, das bei uns um kein Geld der Welt zu bekommen war. Nach ein paar Wochen schickten sie mir das Wörterbuch, ich habe es bis heute.

Viele Polen emigrierten während des Kriegsrechts und ich will nicht verschweigen, dass ich ebenfalls daran dachte. Auf keinen Fall kam für mich Amerika in Frage, wenn schon, dann eher Kanada, weil ich es mehr als die USA mit Europa in Verbindung brachte. War es damals das erste Mal, dass ich mich so deutlich als Europäer empfand? Jedenfalls wollte ich nach Westeuropa fahren. Und der beste Ort schien mir die Bundesrepublik zu sein. Ich nahm sogar ein Jahr lang Privatstunden, um Deutsch zu lernen. Eine Folge der Pakete aus Nordrhein-Westfalen? Sicherlich auch.

Aus der DDR kamen keine Pakete. Es gab auch keine Kontakte zu den Bewohnern dieses seltsamen Landes, das wir damals nicht mehr als nah und freundlich empfanden. Während des Kriegsrechts bestand mein einziger Kontakt zur DDR in meinen Reisen von Chojna ins … 700 km entfernte Lublin. Dort wohnte mein Freund – ein mit einer Polin verheirateter Deutscher aus der DDR. Er erzählte mir, was damals in der DDR über Polen gesagt wurde, und dass in den Schulen der DDR für die Opfer der Solidarność in Polen gesammelt wurde. Offenbar hielt man mich nicht für solch ein Opfer, da ich kein Paket aus Ostdeutschland bekam.

Als ich in den 1980er Jahren daran dachte, zu emigrieren, kritisierte einer meiner Freunde diese Idee. Weil es doch Polen, Mickiewicz, und die Romantik gäbe… „Mit wem wirst du im Westen über all das reden können?“, fragte er. Und da wurde mir bewusst, dass die einzige Person, mit der ich in den letzten Jahren lange über die polnische Romantik, den Messianismus und Mickiewicz diskutiert hatte, mein deutscher Freund in Lublin war. Von all den vielen Bekannten, die dort an den beiden altehrwürdigen Universitäten studierten oder arbeiteten, hatte nur ein Deutscher Lust, mit mir über Mickiewicz zu reden…

Ich dachte lange daran, das Land zu verlassen. So lange, bis 1989 das politische Tauwetter einsetzte und der Runde Tisch begann. Genauso wie 1980 engagierte ich mich wieder über beide Ohren und vergaß die Emigration sehr schnell. Die Wiedergeburt des freien, demokratischen Polen nahm ich sehr persönlich. Ich fühlte mich, als wären mir Flügel gewachsen und ich ein neues Leben begänne. Ein wichtiger Moment war für mich in jenen Tagen Anfang 1990 ein Aufenthalt in Bonn und Düsseldorf, der von der Friedrich-Ebert-Stiftung ermöglicht worden war. Als Polen lernten wir von den Deutschen lokale Demokratie. Und obwohl dieses Praktikum nur zwei Wochen dauerte, brachte es sehr viel. Einen Monat nach meiner Rückkehr gründete ich gemeinsam mit Freunden eine Zeitung, die ich bis heute leite. Damals lernte ich auch einige wunderbare Deutsche kennen. Manche von ihnen sitzen heute auch in diesem Raum, sogar an diesem Tisch.

Zu jener Zeit war ich stolz darauf, dass die polnische Solidarność einen Impuls für die Revolution in ganz Mittel- und Osteuropa und zum Fall der Berliner Mauer gegeben hatte. Umso schmerzhafter empfanden wir die erneute Schließung der Grenze durch die Einführung der Visumspflicht, dieses Mal durch die Regierung des wiedervereinigten Deutschland. Das geschah am 3. Oktober 1990, also am Tag der deutschen Wiedervereinigung. Damals war ich bereits seit einem halben Jahr Herausgeber der Gazeta Chojeńska. Ich erinnere mich, wie ich auf der ersten Seite schrieb: „Ein Teil der Polen fürchtete die Expansion des mächtigen, wiedervereinigten Deutschlands; stattdessen wenden die uns nun den Rücken zu und schlagen die Küchentür zu. Schon seit fast einem Jahr war klar, dass die gefährlichste aller möglichen Folgen der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten für uns eine solche Form annehmen könnte, und nicht etwa die Form von mehr oder weniger vermeintlichen revisionistischen oder revanchistischen Handlungen. Zum Glück wurde die Visumspflicht einige Monate später wieder abgeschafft. Nicht ganz ohne Einfluss darauf war die starke Lobby der grenznahen Gemeinden auf beiden Seiten der Oder, für die ein großer, bis heute andauernder Handelsboom begann.

Auf deutschen Spuren

Wie reagierte ich in Chojna auf die andersartige architektonische Landschaft? Vor allem mit Interesse und Neugier. Von der Architektur der Gotik war ich schon immer fasziniert, vielleicht weil es in Lublin so wenig davon gibt. Für mich symbolisierte sie das Mittelalter – meine Lieblingsepoche, gerade deshalb, weil man so wenig darüber weiß. Und ich konnte es kaum fassen, als ich erfuhr, dass ganz in der Nähe von Chojna die Tempelritter – Quintessenz aller mittelalterlichen Geheimnisse – ihre Burgen hatten. Vom Lubliner Standpunkt aus gesehen sind die Tempelritter so exotisch wie Indianer: kleine Jungen lasen begeistert solche Bücher; aber dort zu wohnen, wo sie gelebt haben? In Chojna wurde das für mich zur Realität. Die gotischen Kirchen gefielen mir so sehr, dass ich sogar damit rechnete, dank ihrer meine religiösen Gefühle zu vertiefen. Das war zwar naiv, doch die Schwäche für gotische Kirchen ist mir geblieben.

Während meiner zahlreichen Spaziergänge durch Chojna und Umgebung stieß ich auf alte Bäume und überlegte manchmal, was sie in ihrem langen Leben wohl schon alles gesehen haben? Vor 300 oder 500 Jahren lebten in ihrem Schatten Menschen anderer Nationalität, mit einer anderen Sprache und anderen Bräuchen. Ich beneidete diese Bäume, weil auch ich gern wenigstens einen Augenblick lang mit Interesse das betrachtet hätte, was sie Jahrhunderte zuvor gesehen hatten.

Eines hat mich sicherlich enttäuscht. Ich rechnete damit, dass ich Spuren der Geschichte und von Menschen, die hier vor mir gelebt haben, auf den Friedhöfen finden würde. Doch leider fand ich den deutschen Friedhof in Chojna nicht mehr vor, auch nicht den jüdischen. Es stellte sich heraus, dass nicht immer und nicht für alle die Spuren der Geschichte so attraktiv waren, dass sie der Pflege wert gewesen wären. Lange Zeit symbolisierten sie für meine Landsleute das Fremde, das man auslöschen und vergessen musste. Im freien Polen konnte ich die Geschichte des Ortes, an dem ich lebe, dank der Erzählungen von Menschen, die vor mir hier gelebt hatten, endlich kennen lernen. Ich begann, in der Zeitung deutsche Erinnerungen zu veröffentlichen, auch solche aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Und eine der erhellendsten Erfahrungen meiner nun 17 Jahre währenden Arbeit als Redakteur waren die Reaktionen der Leser. Manche meiner Freunde befürchteten, die Reihe der aus dem Deutschen übersetzten Erinnerungen von Anfang 1945 Wie Königsberg zu Chojna wurde könnte negativ aufgenommen werden. Stattdessen lasen die Einwohner von Chojna sie wie eine faszinierende Krimiserie und konnten kaum die nächsten Folgen abwarten.

Die Schlacht bei Cedynia bzw. Zehden

Die Nachkriegseinwohner dieses Teils der Neumark lebten hier ein halbes Jahrhundert lang im Schatten eines Ereignisses aus dem Jahre 972, das jeder Pole von Kind auf als die Schlacht bei Zehden kennt. Man hat uns tief eingeprägt, dass es sich hierbei um eines der Fundamente des polnischen Nationalbewusstseins handele, ähnlich dem der 438 Jahre späteren Schlacht bei Tannenberg. In beiden Fällen ging es darum, dass sich die slawischen Polen dem ewigen teutonischen „Drang nach Osten“ erfolgreich entgegengestellt hatten.

Cedynia liegt nur zwanzig Kilometer von Chojna entfernt, kein Wunder also, dass ich mich für diesen Ort, von dem ich so viel in der Schule gehört hatte, interessierte. Aber ich wusste bereits, wie die kommunistische Propaganda die Geschichte verfälscht hatte. So suchte ich zu erfahren, wie es mit der Schlacht wirklich gewesen war. Die Kruste der Verlogenheit erwies sich als nicht besonders hart, denn sogar in den offiziell in der Volksrepublik Polen erschienenen Büchern (natürlich nicht in den Schulbüchern) fand ich viele Informationen, die das schwarz-weiße Bild der Anfänge der polnischen Staatlichkeit auflösten. Doch, eine solche Schlacht hat tatsächlich stattgefunden, aber vor 1000 Jahren gab es gar keine einheitlichen und gegensätzlichen Elemente des Slawischen und des Germanischen. Beide Seiten (wenn man damals überhaupt von der Existenz solcher Seiten sprechen kann) befanden sich in heftigen inneren Fehden. Im Mittelalter kämpften Polen vielleicht sogar öfter als gegen die Germanen gegen ihre „slawischen Brüder“, mit denen sie wohl noch blutiger um diese Gebiete rivalisierten. Nicht selten kämpften wir gegen Slawen an der Seite der Deutschen, mit denen die ersten polnischen Könige sehr viele Verbindungen eingegangen waren, auch eheliche und familiäre. Noch heute sind die meisten meiner Landsleute davon überzeugt, dass die hier vorhandenen alten slawischen Burgen polnische Burgen gewesen seien. Sehr schwach ist die Tatsache in das allgemeine Bewusstsein eingedrungen, dass wir als Polen diese slawischen (pommerschen) Burgen mit Feuer und Schwert erobert haben.

Dieses Wissen beeinflusste meine Sicht der Gegend, in der ich lebe, und auch meine Identität. Zum wiederholten Male erwies sich, dass „alles viel komplizierter ist als es scheint“.

Das Grenzgebiet heute

Eine ganz neue Etappe des Lebens an der Grenze, die fruchtbarste, die bis heute andauert, begann nach 1989, als schließlich wieder zwei freie Partner über die Oder hinweg nachbarschaftlich miteinander zu verkehren begannen. Seit über fünfzehn Jahren gibt es diese offene Grenze. Polen und Deutsche treffen sich, besuchen sich, reden miteinander, vielleicht noch nicht über alles, obwohl es manchen von uns bereits gelingt, nicht nur vom Hass, sondern auch von der Liebe zu sprechen… Die Realität im Grenzgebiet und die offizielle Realität der zwischenstaatlichen Beziehungen waren wohl noch nie so unterschiedlich wie heute. Mit Freude schauen wir zu, wie immer mehr Deutsche Polnisch lernen. Ich habe selbst Gelegenheit, dies zu erfahren, da ich seit beinahe drei Jahren an einem Tandemsprachkurs teilnehme, gemeinsam mit Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener Berufe. In deutsch-polnischen Paaren und Gruppen bringen wir uns gegenseitig die Sprache bei – sie uns die deutsche, wir ihnen die polnische. Wir tun dies nicht nur, indem wir Grammatik üben, sondern auch während wir am Lagerfeuer sitzen und ein Glas Wein trinken, gemeinsam singen oder Exkursionen unternehmen.

Mir gefällt die Feststellung, die ich kürzlich gelesen habe, dass der Kampf gegen die Ignoranz eine conditio sine qua non des europäischen Friedens sei. Die Polen wissen immer noch viel zu wenig über die Deutschen. Ein Ausdruck dessen ist z.B. die Ansicht, das Zentrum gegen Vertreibungen sei eine Idee, die von allen Deutschen unterstützt werde, oder – auf lokaler Ebene – die sog. „deutsche Seite“ suche nach dem Gedenkstein für Hitler im Tal der Liebe bei Chojna. Ich hoffe, dass die Deutschen sich nicht mit ähnlichen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen revanchieren und nicht der Meinung sein werden, alle Polen würden so denken wie die Gebrüder Kaczyński. Denn es gibt doch Polen, die – wie die Band T. Love, die auf ihrer vor einigen Monaten erschienenen Platte singt: „Den Glaubenswächtern und den Polen mit der Hymne sage ich leidenschaftslos ade“. Mit Sicherheit sind sie keine schlechteren Polen als diejenigen, von denen sie singen. Wenn man allerdings von Ignoranz spricht, muss man hinzufügen, dass die polnische Ignoranz sowieso nur ein flacher See ist im Vergleich zu dem Ozean an Unwissen vieler Deutscher zum Thema Polen und Mittelosteuropa.

Das Grenzland im Westen (Kresy Zachodnie)

Die gotischen Bauten zogen mich schon immer an und ich fühlte mich reicher als jene Polen in der Tiefe des Landes, die nicht jeden Tag sehen konnten, was ich sah. Sogar die Kanal­deckel in meiner Straße mit den Namen deutscher Vorkriegsfirmen waren etwas Besonderes. Mein Stolz beruhte auf dem Gefühl, dass ich jederzeit etwas haben konnte, worüber viele andere Polen nur lesen oder was sie bei einer Exkursion besichtigen können.

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht zu vertrauensvoll und offen reagiere? Oder vielleicht hat es etwas mit meiner Kindheit in Lublin zu tun? Vielleicht mit der Sehnsucht nach der Atmosphäre der Kresy? („Kresy“, Grenzland, eine Bezeichnung für die ehemaligen polnischen Ostgebiete, ein Wort, das keine Entsprechung im Deutschen hat, genauso wie es im Polnischen keine genaue Entsprechung für „Heimat“ gibt). Vielleicht ist das der Grund, weshalb mich die Ladenschilder in russischer Sprache im heutigen Lublin, und insbesondere in Tomaszów, Zamość oder Skierbieszów (wo der derzeitige Bundespräsident geboren wurde) nicht stören, sondern gefallen. Diese Schilder hängen dort aus genau denselben Gründen, aus denen in Chojna deutschsprachige hängen. Sowohl hier als auch dort wurden sie freiwillig von den Polen selbst angebracht.

Der zentrale Ort in Lublin heißt Litauischer Platz und dort steht das Denkmal der Union von Lublin. In diesem Ort meiner Kindheit sind Polen und Litauen 1569 eine Union eingegangen und bildeten für beinahe 230 Jahre einen der mächtigsten Staaten im damaligen Europa. Das Fürstentum Litauen bedeutete damals viel mehr als heute: es umfasste auch die heutige Ukraine und Weißrussland. In diesem Jagiellonenstaat lebten dank der Union von Lublin in den östlichen Kresy Polen, Litauer, Ruthenen (das heißt die heutigen Ukrainer und Weißrussen), Juden, und sogar Tataren und Armenier nebeneinander, verschiedene Völker, Sprachen und Religionen. Es fehlte natürlich nicht an Zerwürfnissen und Dramen, doch ausgerechnet dort finden sich, eben dank dieser Vielfalt, viele herrliche Quellen nicht nur der polnischen Kultur. Es ist klar, dass das Leben im praktisch national-unifizierten Polen ruhiger ist, zugleich aber auch langweiliger und farbloser. Deshalb war mir die Tradition der Jagiellonen immer lieber als die der Piasten. Zwar kennen wir heute eher den Mythos der östlichen Kresy als die Realität. Dieser Mythos aber ist immer noch sehr lebendig. Wird auch eine Kultur der westlichen Kresy mit ihrer ganzen Vielfalt entstehen?

Der Stettiner-Posener Historiker Jan M. Piskorski schrieb vor zwei Jahren: „Welche der Regierungen der EU-Staaten würde es heute fertig bringen, eine Erklärung abzugeben, die dem Bekenntnis des ungarischen Königs Stephan I. des Großen wenigstens in Ton und Inhalt ähneln würde? Er mahnte vor eintausend Jahren, man solle die Ausländer wie einen Schatz behandeln, denn sie bereicherten das Königreich, indem sie ihre Fähigkeiten und Sprachen mitbrächten. Wer würde sich mit ihm einverstanden erklären, dass der Staat umso reicher und widerstandsfähiger gegenüber Erschütterungen ist, je größer die Vielfalt?“

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska

Jüdisches Kulturerbe in Westpolen – niemandes Erbe?

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Meine Heimat. Jüdische Spuren im Gebiet der Mittleren Oder

Im konventionell verstandenen Gebiet der Mittleren Oder (das sich in etwa mit dem Gebiet der heutigen Wojewodschaft Lubuskie deckt) sind ungefähr dreißig jüdische Friedhöfe sowie zehn Synagogen und Gebetshäuser erhalten. Heute gibt es nur noch im Lausitzer Żary [Sorau] eine organisierte jüdische Gemeinde, die ein Gebetshaus und einen Friedhof in einem abgeteilten Teil des Kommunalfriedhofs besitzt. Natürlich stehen die heute in Żary lebenden Juden in keiner Kontinuität mit der Vorkriegsgemeinde, denn sie kam erst nach 1945 dorthin.

Bis heute ist es schwierig genau zu bestimmen, wie viele jüdische Objekte sich im Gebiet der Mittleren Oder vor 1945 befanden. Die meisten jüdischen Friedhöfe erinnern nicht mehr an ihre ursprüngliche Bestimmung. Durch die ehemaligen Friedhöfe verlaufen Straßen (z.B. Międzyrzecz Wielkopolski [Meseritz]), sie sind bebaut (z.B. Sulechów [Züllichau] und Głogów [Glogau]), sie wurden zu Parks oder Grünanlagen umgestaltet (z.B. Nowa Sól [Neusalz]), bestenfalls sind es sich selbst überlassene, verlassene und zerstörte Nekropolen. Warum ist das so, obwohl die Friedhöfe im Unterschied zu den größtenteils während der Reichspogromnacht verwüsteten Synagogen im Grunde genommen ohne größere Zerstörungen den Zweiten Weltkrieg überdauert hatten?

Man muss feststellen, dass der heutige Zustand und die oft physische Liquidierung der jüdischen Friedhöfe aus der Vorkriegszeit die Polen belasten, die nach 1945 hiesige Landesherren wurden. Das Verhältnis zu den Friedhöfen war Teil der Politik der damaligen polnischen Behörden gegenüber dem deutschen Erbe in den nach dem Zweiten Weltkrieg dem polnischen Staat angeschlossenen Gebieten. In den Dokumenten der polnischen Verwaltung wurde meistens der Begriff „ehemals deutsch“ [poniemiecki] verwandt, mit dem alle vor 1945 entstandenen Objekte beschrieben wurden, also auch jene, die den jüdischen Gemeinden gehörten. Die Einstellung zu diesem Erbe gibt ein Dokument des Wojewodschaftsvereins für Kommunal- und Wohnungswirtschaft in Zielona Góra [Grünberg] von 1965 auf sehr gute Weise wieder. Hier ist von 875 geschlossenen und verlassenen Friedhöfen im Gebiet der Wojewodschaft Zielona Góra die Rede. (1) In demselben Dokument wird festgestellt, dass „die Aktion zur Aufräumung der Friedhöfe, abgesehen vom rein wirtschaftlichen Aspekt auch einen politischen hat, da sie der negativen öffentlichen Meinung in Polen und im Ausland entgegenwirkt.“ (2) Das „In Ordnung bringen“ der „ehemals deutschen“ – darunter auch jüdischen – Friedhöfe war meistens gleichbedeutend mit ihrer Liquidierung, die so wirksam war, dass heute fast keine Spuren übrig geblieben sind.

Die Grundlage für die Auflösung der Friedhöfe bildete das neue Gesetz von 1959 „Über Friedhöfe und die Bestattung der Toten“. Zwar stellte das Gesetz fest, dass „die Nutzung des Friedhofsgebiets (…) nicht vor Ablauf von 40 Jahren nach der letzten Totenbestattung auf dem Friedhof erfolgen kann“ (3), trotzdem wurden Ausnahmen genehmigt, wenn sie dem Gemeinwohl, der Staatsverteidigung oder der Notwendigkeit, nationale Wirtschaftspläne umzusetzen dienten.

So begann man mit der Liquidierung der „ehemals deutschen“ evangelischen, katholischen und jüdischen Friedhöfe. Im letzteren Fall wurde der Holocaust überhaupt nicht berücksichtigt, ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Friedhöfe mancher jüdischer Gemeinden in Gebieten lagen, die historisch mit Polen verbunden waren. Vermutlich trugen auch die antisemitische Hetze von 1968 in Polen und der Abbruch diplomatischer Beziehungen zu Israel zur Entstehung eines Klimas bei, das die Einebnung jüdischer Friedhöfe begünstigte. Als erster wurde 1966 der Friedhof der bereits 1280 in den Quellen erwähnten jüdischen Gemeinde in Glogau (Głogów) aufgelöst. (4) Ähnlich nahm man keinerlei Rücksichten auf die Geschichte bei der Entscheidung über die Abschaffung des jüdischen Friedhofs in Międzyrzecz Wielkopolski. Die Juden hatten mindestens 700 Jahre in dieser Stadt gelebt; der liquidierte Friedhof erinnerte noch an die Zeiten, als diese Stadt zur Ersten Polnischen Republik gehört hatte. Międzyrzecz Wielkopolski ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie die Ausnahmen des Gesetzes von 1959 „Über Friedhöfe und die Bestattung der Toten“ in der Praxis funktionierten. Der Friedhofsberg befand sich auf Schichten von Kies und das genügte, um infolge eines Antrags der damaligen Stadtbehörden von Międzyrzecz den Friedhof aufgrund einer Entscheidung des Ministers für Kommunalwirtschaft vom 17. Januar 1970 „zur Realisierung nationaler Wirtschaftspläne“ (5) frei zu geben und seine Einebnung zu genehmigen. Heute gibt es in der königlichen Stadt Międzyrzecz als letztes Andenken an die mehrere Jahrhunderte währende Anwesenheit der Juden nur noch die aus dem 19. Jahrhundert stammende Synagoge, die zu Handelszwecken zur Verfügung gestellt wurde, und eine einzige erhaltene Grabplatte im örtlichen Museum.

Manche Friedhöfe, wie beispielsweise der in Zielona Góra, wurden unter Verletzung der damals geltenden Gesetze aufgelöst, begleitet von verschiedenen kriminellen Affären wie Diebstahl und Verkauf wertvoller Grabplatten, in die nicht selten Vertreter lokaler Behörden verwickelt waren.

Am Beispiel des Friedhofs von Zielona Góra wird auch deutlich, auf welche Weise versucht wurde, die Geschichte einer gar nicht so weit zurückliegenden Zeit zu verfälschen. So kann man auf der Tafel, die von der Stadtverwaltung Zielona Góra im Jahre 2002 vor dem jüdischen Friedhof angebracht wurde, lesen, der Friedhof sei während der Reichspogromnacht von Nazi-Schlägertrupps zerstört worden. Es ist aber bekannt, dass dieser Friedhof, einer der schönsten jüdischen Friedhöfe im Gebiet der Mittleren Oder, bis zum März 1969 in gutem Zustand überdauert hatte. Vielleicht hing es mit dem Diebstahl der wertvollen Grabplatten zusammen, dass heute keinerlei Dokumente über den Grünberger Friedhof erhalten sind.

Zur größten Welle der Liquidierung „ehemals deutscher“, darunter auch jüdischer Friedhöfe kam es paradoxerweise in den 1970er Jahren. Das hing mit der Öffnung der Grenze zur DDR und einem vermehrten Touristenverkehr zusammen, der auch die aufgelassenen und zerstörten Friedhöfe erreichte. In einem Schreiben, das der Wojewodschaftsverein für Kommunal- und Wohnungswirtschaft in Zielona Góra an die untergeordneten Kreisämter schrieb, lesen wir: „Der nicht zufriedenstellende Zustand der Friedhöfe und ihr Aussehen sind eine sehr heikle Angelegenheit und rufen unnötige und negative, obwohl berechtigte Kommentare der Touristen hervor“. (6)

So wurde paradoxerweise das Tauwetter in den deutsch-polnischen Beziehungen, das mit dem historischen Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt und der Öffnung der Grenze zur DDR begonnen hatte, zur Hauptursache einer beschleunigten Zerstörung der Friedhöfe aus der Vorkriegszeit.

Die Öffnung des Grenzübergangs in Frankfurt/Oder – Słubice hatte katastrophale Folgen für das Schicksal der jüdischen Friedhöfe in Słubice [Frankfurt Dammvorstadt] und in Rzepin [Reppen]. Die politischen Entscheidungsträger in Zielona Góra befanden, dass es „im Zusammenhang mit der Öffnung des Grenzübergangs in Słubice und einer erheblichen Erhöhung des Touristenverkehrs im hiesigen Kreis unbedingt notwendig wird, die jüdischen Friedhöfe in Rzepin und Słubice umgehend zu liquidieren, insbesondere weil diese an der touristischen Hauptstraße liegen“. (7) Die Einebnung des jüdischen Friedhofs in Słubice führte zu einem enormen Verlust. Dieser Friedhof, der 1399 zum ersten Mal in den Quellen erwähnt wurde, diente als einziger in diesem Teil Europas die ganze Zeit über bis in die 1940er Jahre als Bestattungsort. Auf dem Friedhof befanden sich Gräber bedeutender Vertreter des jüdischen Volkes wie z.B. das des Rabbiners Teomin. Am 2. Juli 1999, zum 600. Jahrestag der ersten Erwähnung des Friedhofs, stifteten die Einwohner von Słubice und Frankfurt eine Gedenktafel am Ort des ehemaligen Friedhofs.

Die jahrzehntelange Politik der Beseitigung aller jüdischer Spuren in diesem Gebiet hat dazu geführt, dass heute die Juden im Alltagswissen der Einwohner der Mittleren Oder praktisch nicht mehr existent sind. Trotzdem bewirkten die heftigen Veränderungen nach 1989 in dieser Hinsicht noch etwas, denn die Geschichte dieser Region wird nun neu geschrieben. Und in ihr gibt es auch Platz für die ehemaligen jüdischen Mitbürger. Das Interesse für jüdische Kultur in der Region geht meistens von Einzelpersonen aus. Besonders wichtig ist, dass immer öfter Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichste Aktionen einbezogen werden. Vieles hängt dabei von den Lehrern, deren Ansichten und Fähigkeiten ab, die Schüler für die jüdische Problematik zu interessieren. Ein gutes Beispiel dafür ist Skwierzyna [Schwerin/Warthe], wo im Jahre 2002 die Schüler des dortigen Allgemeinbildenden Lyzeums gemeinsam mit Schülern des Mauritius-Gymnasiums in Büren bei Paderborn den größten jüdischen Friedhof in der Wojewodschaft Lubuskie teilweise rekonstruiert haben. (8) Die deutschen und polnischen Schüler arbeiteten nicht nur auf dem Friedhof, sondern besuchten auch gemeinsam das jüdische Viertel in Krakau und das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Am Ende der finanziell von der Ford Foundation unterstützten Arbeiten wurde eine wissenschaftliche Tagung organisiert und eine Publikation über die Juden von Skwierzyna herausgegeben. Seit dem Frühjahr dieses Jahres räumen die Schüler des Lyzeums aus Skwierzyna den in den 1970er Jahren zerstörten Friedhof in Bledzew [Blesen] auf. Bisher wurden 40 Grabsteine aus dem Boden geholt und die Anordnung der Friedhofsquartiere freigelegt. Die Übersetzungen der Epitaphe sind in Arbeit. Als Abschluss der Arbeiten sind eine wissenschaftliche Tagung sowie eine Publikation über den Friedhof vorgesehen.

Interesse für die Geschichte der Juden kann man auch in Zielona Góra finden. Im Januar 1999 organisierte die Wirtschaftsschule in Zielona Góra gemeinsam mit der Handelsschule aus Cottbus die Ausstellung „Juden im Gebiet der Mittleren Oder“. Die Ausstellung wurde in beiden Schulen gezeigt. Die SchülerInnen nahmen später an einer Exkursion nach Prag Teil, wo sie das jüdische Viertel besuchten. Schüler einer anderen Schule aus Zielona Góra (Vereinte ökologische Schulen) arbeiten seit dem Frühjahr 2005 an einer Rekonstruktion des 1969 zerstörten jüdischen Friedhofs. Die Arbeiten werden von einem Lehrer und einem Vertreter der Breslauer jüdischen Gemeinde geleitet. Bisher wurden 21 Epitaphe übersetzt und die geretteten Grabplatten ausgestellt.

Das große Interesse für die jüdische Problematik in Zielona Góra führte zur Gründung der Lebuser Stiftung Judaica. Im Juni des Jahres 2006 organisierte die Stiftung zum ersten Mal Tage der Jüdischen Kultur in Grünberg. Diese Veranstaltung soll jährlich stattfinden und die jüdische Kultur bekannt machen. Eines der Stiftungsziele ist die Erarbeitung eines Reiseführers Jüdische Spuren im Gebiet der Mittleren Oder. Dies ist jedoch keine leichte Aufgabe, denn wir wissen noch zu wenig und die bisher sichergestellten jüdischen Objekte sind noch nicht allzu umfangreich. Aber es ist erfreulich, dass nach Jahren des Stillstands, der Geschichtsfälschung und der Zerstörung noch vorhandener Spuren, jetzt die Hoffnung besteht, die Spuren neu zu lesen und diese Ermittlungen bekannt zu machen. Es liegt auf der Hand, dass die Arbeiten, deren Ziel darin besteht, den Juden ihren Platz in der Geschichte der Region wiederzugeben, auf beiden Seiten der Oder geführt werden müssen. Polen und Deutsche sind das den Juden schuldig, allein schon deswegen, weil hier heute kaum noch Juden leben.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska

 

(1) Diese Wojewodschaft gab es bis 1975. Das Gebiet deckt sich in etwa mit der heutigen Wojewodschaft Lubuskie und dem umgangssprachlichen Begriff „Mittlere Oder“.

(2) Staatsarchiv in Zielona Góra, Abt. für Kommunalwirtschaft, Nr. WZ GKM-VII/19/7/65.

(3) Gesetzbuch Nr. 11, Pos. 62, Art. 6 von 1959.

(4) The Encyclopedia of Jewish Life. Before and During the Holocaust, New York, Jerusalem 2001, Bd. I, S. 434.

(5) Staatsarchiv in Zielona Góra. Präsident des Nationalen Wojewodschaftsrates in Zielona Góra. Abteilung für Kommunalwirtschaft. Verordnung des Ministers für Kommunalwirtschaft Nr. VZ-c/I/3/70.

(6) Staatsarchiv in Zielona Góra. Präsident des Kreisnationalrates in Zielona Góra, Sign. 1317.

(7) Staatsarchiv in Zielona Góra: Präsident des Wojewodschaftsnationalrates. Abteilung für Kommunalwirtschaft. Sign. 3484 und 3486.

(8) Der jüdische Friedhof in Skwierzyna ist das größte Objekt dieser Art in der Wojewodschaft Lubuskie. Nach der Rekonstruktion des Friedhofs, die im Juni 2002 stattgefunden hat, erfasst seine Fläche 2,23 ha mit 247 Grabsteinen. Der älteste stammt aus den Jahr 1736 (siehe Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau).

Heimatbrief Weststernberg - eine Zeitung auf Spurensuche

Kaum hatte Europas wind of change, die kräftige Brise osteuropäischen Wandels, die Oderufer erreicht, da regte sich auch im rasch anwachsenden „Heimatkreis Weststernberg e.V.“ der Wunsch nach einer eigenen Zeitung. Niemand wusste so richtig, wie ein solches Blatt aussehen sollte – nachahmenswerte Vorbilder jedenfalls gab es nicht zu jener Wendezeit im noch schütteren Blätterwald der so genannten „Vertriebenen-Presse“. Nur in einem waren sich Vorstand und Verein schnell – vielleicht zu schnell – einig: HEIMATBRIEF muss sie heißen – die erwünschte, regelmäßig erscheinende Heimatzeitung für die ehemaligen deutschen Bewohner des heute polnischen Landstriches zwischen Czarnów (Schernow) im Norden und Krzesin (Kräsem) im Süden sowie zwischen Świecko (Schwetig) im Westen und Drzewce (Leichholz) im Osten.

Als einzig ernstzunehmenden Ratgeber entdeckte ich damals, im Herbst des Jahres 1995 im „Zentralen Zeitungsarchiv“ im Berliner Westhafen, eine alte Ausgabe der West-Sternberger Zeitung vom 1. Juli 1928. „Heimatzeitungen ...“, hieß es da in einem Artikel aus der Feder des Lehrers und zu jener Zeit anerkannten neumärkischen Heimatforschers Gustav Märker, „... sind auch von großem Wert für das Geistesleben ihrer Leser, ihrer Heimat und sie geben der Heimatforschung eine Stimme.“

Ein gut klingender Ratschlag – auch wenn sich dieser Fingerzeig damals an eine andere Heimatpresse richtete und nicht jenen Heimatblättern galt, die in den Nachkriegsjahren als Sprachrohr der Vertriebenen ihre Stimme erhoben. Dennoch – der Weststernberger HEIMATBRIEF sieht in der Märker-Empfehlung den auch heute gültigen und anspruchsvollen Auftrag, dem Nachfahr die Zeit der Vorfahren lebendig zu machen, das Gestern östlich der Oder für das Morgen – vor allem aber für das Heute – am Westufer zu bewahren.

Das aber kann eine Heimatzeitung authentisch nur mit Zeitzeugen bewältigen – mit Menschen der so genannten Erlebnisgeneration. Je enger der Kontakt der Zeitung zu diesen Weststernbergern wurde, so ergiebiger und informativer gestalteten sich deren Erinnerungsberichte. Sie führten schließlich zu einer neuen Rubrik – zu den Ortsbildern und Ortsplänen als Titelgeschichte des einen oder anderen Heftes. Gründliche Archivstudien liefern die historischen Fakten zur Geschichte der jeweiligen Orte – die persönlichen Erinnerungsberichte dagegen widerspiegeln episodenhaft das soziale und kulturelle Dorfleben zur damaligen Zeit. Natürlich dominiert in diesen persönlichen Erinnerungen – nicht selten auch nostalgisch verklärt – die Heimatliebe, zehrt doch gerade sie in der Fremde von der Erinnerung. Das Erinnern ist jedoch zunächst nur wie ein Blick in den Rückspiegel – zukunftslos. Daher galt es einen zweiten Ratschlag zu beherzigen: diese Heimatliebe durch das Gespräch mit den Heimatfreunden als Motiv für eine fundiertere Überlieferung zu nutzen. Auch sie schöpft aus der Vergangenheit, aber sie hat die Zukunft im Blick, denn ihr Ziel ist Spurensuche und Dokumentation.

Spurensuche – wenn dieser Begriff in der Verbindung mit den Begriffen Heimatkreis und HEIMATBRIEF auftaucht, dann liegt natürlich bei den meisten der logische Schluss nahe: „Aha, die suchen – wie all die anderen Deutschen auch – nach den Spuren jener, die einst in dieser Region bis 1945 zuhause waren!“ Doch dieser Schluss ist gewissermaßen ein Kurzschluss – zumindest was die Spurensuche angeht, die wir seit nunmehr 11 Jahren verfolgen.

Zugegeben – zu Beginn einer jeden Spurensuche ist es wohl verständlich, dass man zunächst ein wenig nervös und ziellos im Gelände herumstochert. Das um so mehr, wenn man sich wirklich nur auf die Wünsche und Absichten – und ich füge hinzu – auf die ja auch durchaus verständlichen Wünsche und Absichten – jener Heimatfreunde beschränkt, die nach Spuren ihrer Kindheit, dem einstigen Elternhaus, der ehemaligen Schule oder nach dem Grabstein der Großeltern suchen.

Unsere Spurensuche ist aber keinesfalls nur ins Gestern gerichtet. Von Anbeginn wollten wir gleichermaßen Bekanntschaft schließen mit all dem Alten, was noch erhalten blieb von den Spuren deutscher Vergangenheit an Ilanka und Pliszka, aber auch mit all dem Neuen, das sich mittlerweile entwickelte zwischen Rzepin und Ośno im einstigen Sternberger Land. Das nicht minder wichtige Anliegen war und ist der Brückenschlag über die Oder, die Kontaktsuche und Gesprächsaufnahme mit jenen Polen, die heute – und das nun bereits seit 60 Jahren – im Sternberger Land ihre neue Heimat fanden.

Aus dieser Absicht ergaben sich zunächst zwei ständige Rubriken in unserem HEIMATBRIEF, die anfangs durchaus nicht nur mit einmütigem Verständnis aufgenommen wurden. Das war einmal die Rubrik HEIMATBRIEF-Interview – in jeder Ausgabe ein Gespräch mit einer polnischen Persönlichkeit (Minister, Landrat, Bürgermeister, Polizist, Förster, Heimatforscher, Lehrer, usw.) aus der Region zwischen Słubice, Gorzów bis nach Zielona Góra. Mittlerweile haben wir 48 polnische Persönlichkeiten vorgestellt. Mit diesen Interviews beabsichtigen wir vor allem, unsere einstigen Weststernberger mit jenen Menschen und auch ihren Problemen bekannt zu machen, die heute – ausgerüstet mit hoher Bildung und fachlicher Sachkompetenz – die Geschicke des einstigen Sternberger Landes lenken und leiten. Diesem Ziel diente auch, dass wir jeden Gesprächspartner persönlich vorstellten mit einem Foto und einem tabellarischen Lebenslauf.

Der zweiten Absicht unserer Spurensuche entsprang die Rubrik Berühmte Ost-Brandenburger – eine Serie, die eigentlich in zwei Richtungen zielt. Viele Gespräche bestätigten mir meine eigene Kindheitserfahrung, dass für die meisten Weststernberger mit der „alten Heimat“ eigentlich nur ihr einstiges Heimatdorf oder die Heimatstadt gemeint war. Wer nutzte in jener Zeit schon seine Ferien zu einem Besuch der Warthestadt Landsberg-Gorzów, um den dortigen Pauckschbrunnen zu bestaunen? Wer fuhr mit seinem Fahrrad – falls er eines besaß – als 10- oder 15-jähriger durch das Schwedter Tor im neumärkischen Königsberg-Chojna? Wer wusste im kleinen Seefeld – das heute Sienno heißt – von der großen Anzahl kulturhistorischer Denkmäler oder den großen Köpfen in Kultur und Wissenschaft im engeren oder weiteren Umkreis seines Heimatortes?

Den meisten waren sie unbekannt – der jüngste Schulmeister aus Klein Rade-Radowek Wilhelm Posselt, der als erster deutscher Missionar der Berliner Missionsgesellschaft im südafrikanischen Natal wirkte, der Nobelpreisträger Prof. Gerhard Domagk aus dem idyllischen Lagow, der als Wegbereiter der modernen Chemotherapie gilt und mit seinen Erfindungen Tausende vor den infektiösen Menschheitsplagen Sepsis, Kindbettfieber, Ruhr und Tuberkulose rettete oder der erste und einzige deutsche Schachweltmeister Emanuel Lasker aus der Neumarkperle Berlinchen-Barlinek. Dankbar wurde sie daher angenommen – unsere ständige Serie Berühmte Ost-Brandenburger und viele Heimatfreunde regte sie dazu an, nun heute die für sie plötzlich größer gewordene alte Heimat neu zu erkunden.

Aber die Frage, wer im kleinen Seefeld, das heute Sienno heißt, von der großen Anzahl kulturhistorischer Denkmäler oder den großen Köpfen in Kultur und Wissenschaft im engeren oder weiteren Umkreis seines Heimatortes wusste – diese Frage lässt sich natürlich auch umkehren in: Wer weiß denn heute im kleinen Sienno von diesen großen Köpfen in Kultur und Wissenschaft aus dem engeren oder weiteren Umkreis seines Heimatortes?

Und hinter dieser Frage verbarg sich Absicht zwei unserer Spurensuche: In aller Bescheidenheit und Zurückhaltung wollten wir mit unseren HEIMATBRIEF-Beiträgen helfen, die heutigen Einwohner mit der Vergangenheit ihrer Heimat bekannt zu machen und ihnen auch das Gefühl vermitteln helfen, dass sie stolz darauf sein können, in einer Region zu leben, aus der kluge Menschen stammen, die sehr viel in Medizin und Wissenschaft und überhaupt zum Fortschritt beitrugen, von dem auch sie heute profitieren.

Dass wir damit einen guten Weg gingen und gehen, bewiesen uns die Zustimmung und Ermunterung, die wir von Geschichtslehrern – übrigens auch Deutschlehrern – aus Rzepin, Górzyca, Ośno und sogar aus Świebodzin und Sulechów erhielten. Vor allem beeindruckten mich die Schüler der Gymnasien in Ośno Lubuskie und in Górzyca mit ihrem völlig vorurteilslosen Interesse für die deutsche Vergangenheit ihrer polnischen Heimat.

Spurensuche führt natürlich immer zu Erkenntnisgewinn – zu erfreulichen aber leider auch zu schmerzlichen Erkenntnissen. Das beweisen sehr anschaulich zwei Gedenksteine. Der eine Stein steht an der Ilanka in Rosiejewo, einst Pulverkrug, in einem Ort, den es heute nicht mehr gibt. Bis 1945 stand an der Eilang in Pulverkrug eine der modernsten Papierfabriken Brandenburgs. Gegründet hatte sie 1539 der Kurfürst, um das an der Viadrina benötigte Schreibpapier zu produzieren. 1939 stellten die Pulverkruger zum 400. Jahrestag des Bestehens dieser Papierfabrik einen Gedenkstein auf, der ab 1945 verschwunden war. Unsere Spurensuche führte uns diesmal nicht nur an, sondern in die Eilang, aus der wir dann tatsächlich diesen 6-Tonnen-Findling mit schwerer Technik bergen konnten.

Mit Unterstützung der Słubicer Stadtverwaltung und dem Kulturamt der Wojewodschaft in Gorzów-Landsberg versahen wir diesen Stein mit einer deutsch-polnischen Schrifttafel, ein deutscher Pfarrer und ein polnischer Priester weihten ihn unter dem Hörnerklang einer Rzepiner Jagdbläsergruppe am 22.September 1997 als Gedenkstätte am Ilanka-Ufer ein. Dieser Stein verkörpert also auch direkt ein Stück Geschichte der heutigen Europa-Universität.

Nur diese heutige Viadrina nahm trotz damaliger Einladung zur Einweihung keinerlei Notiz von dieser kleinen Gedenkstätte, diesem Lesezeichen eigener Universitätsgeschichte – am Ilanka-Ufer. Noch trauriger verhält es sich mit dem Gedenkstein für den Dichter Ewald von Kleist in Kunowice. Nach langer und aufwendiger Spurensuche unter Beteiligung polnischer und deutscher Heimatforscher setzten wir diesen Stein – gemeinsam mit der Stadtverwaltung in Słubice – am 11. September 1999 in unmittelbarer Nähe jener Stelle, an der am 12. August 1759 Ewald von Kleist in der Kunersdorfer Schlacht tödlich verwundet wurde. Auch dieses Ereignis wurde von offizieller deutscher Seite – sowohl vom Kleist-Museum als auch von der Stadt Frankfurt –, obgleich es sie keinen Pfennig gekostet hätte, ignoriert.

Spurensuche kann aber auch schön sein. Im Herbst 1996 entdeckte ich unweit der Kirche in Bobrówka-Biberteich unter dem Herbstlaub versteckt einen arg mitgenommenen Taufstein aus dem Jahre 1733, der 1913 als geschütztes Denkmal der Mark Brandenburg ausgewiesen worden war. Mit Hilfe des Heimatkreises Weststernberg, des polnischen Steinmetzes Marian Zieliński aus Reppen und dem polnischen Pfarrer aus Boczów konnte dieses barocke Kunstwerk liebevoll restauriert werden. Und dann kam der 17. April 1999. Polnische Einwohner von Bobrówka und deutsche Einwohner von Biberteich saßen an diesem Aprilsonntag gemeinsam in einer Kirchenbank, als Pfarrer Józef Pietrzak den alten restaurierten Taufstein an seinem ursprünglichen Platz in der Kirche von Bobrówka in einem ökumenischen Gottesdienst wieder einweihte.

Bei all unserem Anspruch, eine vielseitige und informative Heimatzeitung zu sein, kann aber der HEIMATBRIEF Züge einer Vereinszeitung nicht leugnen. Neben den Heimaterinnerungen, den Dokumentationen, Porträts und auch mehreren Leserbriefseiten veröffentlicht der HEIMATBRIEF in jeder Ausgabe Termine, wirbt für Heimattreffen der einzelnen Ortsgemeinschaften, druckt Familienanzeigen sowie Geburtstagsseiten ab und enthält auch jeweils die recht umfangreiche Liste der Verstorbenen. Und dann sind da noch die Suchmeldungen. Nicht immer folgt ihnen das erwünschte und erhoffte Echo, aber es stimmt immer wieder froh, wenn dann doch getitelt werden kann: „Nach 52 Jahren zwei Schwestern wieder gefunden“ – „Durch den HEIMATBRIEF Freundin wieder gefunden“ – „HEIMATBRIEF bewirkt Wiedersehen“. Eine andere Art Spurensuche?

Unsere Spurensuche – so wie wir sie im Heimatkreis betreiben –, die ja bei allem Bemühen um Objektivität auch emotional gefärbt ist, wird es so wohl nicht mehr lange geben. Denn ich glaube, diese Art der Spurensuche ist gebunden an die sogenannte Erlebnisgeneration. Wenn es die Spurensucher dieser Generation nicht mehr gibt, dann wird die Suche nach Vergangenem einerseits schwieriger werden, weil das Wissen um bestimmte ortsbezogene Ereignisse und Lokalitäten fehlt. Andererseits kann es durchaus sein, dass manches Gefundene durch eigentlich emotional unbeeinflusste Spurensucher nüchterner und sachlicher beurteilt und eingeordnet wird. Und vielleicht – und das wäre natürlich sehr schön – vielleicht werden dann die neuen Spurensucher die heutigen Gymnasiasten aus Rzepin und Ośno sein.

Schließen möchte ich mit einem Brief aus Polen – aus Rzepin: „Der HEIMATBRIEF hilft mir“, schreibt Frau Rosotek aus Rzepin, „die Vergangenheit und Geschichte meiner Heimat im Lebuser Land kennen zu lernen! Besonders spürte ich das auch während zweier Seniorenfahrten, die nach Kloppitz-Kłopot, dem Ort des Storchenmuseums, zum Pleiskehammer-Pliszka, nach Sternberg-Torzym, Görbitsch-Garbicza, Matschdorf-Maczków und zur Steinfahrt-Nowy Młyn führten. Über alle diese Orte haben Sie im HEIMATBRIEF berichtet und ich konnte daher den Senioren viele interessante Dinge über die Geschichte dieser Orte erzählen. Dafür danke ich Ihnen.“

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Was ist Heimat?*

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Spurensuche in der deutsch-polnischen Grenzregion

Grau war der Tag und wolkenverhangen, als ich – gedankenversunken – über die Oderbrücke aus der neuen in die alte Heimat spazierte. Die erste Heimat – so erinnerte ich mich an ein Sprichwort – sei die Mutter, die zweite Heimat dagegen nur die Stiefmutter. Ich habe das nie so empfunden. Schon immer trennte ja der Fluss die Dammvorstadt vom eigentlichen Frankfurt (Oder). Nun aber verband die Brücke das deutsche Grenzland mit dem polnischen Słubice. Und das war ja ganz im Sinne von Siegfried Lenz, der sich in seinem leider vielen einstigen Neumärkern unbekannten Roman „Heimatmuseum“ so sehr wünschte, dass wir Brücken nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Gegenwart – ja, schöner noch – in die Zukunft schlagen. Und das versprach ich mir eigentlich auch von der Konferenz, zu der ich an diesem trüben, aber deshalb noch längst nicht unfreundlichen Novembertag den kurzen Weg von Deutschland nach Polen ging. Das Thema war spannend genug. „Was ist Heimat?“ stand zur Debatte und ich erhoffte mir schon, von all den vielen klugen Leuten dort im Ergebnis ihrer zweitägigen Dispute eine Antwort auf meine ganz subjektive Frage zu finden, ob das auf den Messtischblättern ausradierte kleine Pulverkrug an der Eilang im heutigen polnischen Lebuser Land nun eigentlich einmal meine Heimat war oder möglicherweise sogar noch ist.

Angeregt hatte das spannungsreiche Projekt der Spurensuche in der deutsch-polnischen Grenzregion – dieses tiefgründige Forschen und Fragen nach der alten, neuen oder auch fremden Heimat die „Deutsch-Polnische Gesellschaft Brandenburg“ in Potsdam. Und nach übereinstimmend und anerkennender Aussage der meisten Konferenzteilnehmer hat sie das ganz hervorragend getan – sowohl was die einen lebhaften Diskurs versprechende Besetzung der Rednerliste anging, die verständnisvoll und stets themenbezogene Moderation der Debatten betraf und – last not least – zollt auch das logistische „Drum-Herum“ eines solch mehrtägigen Treffens mit in- und ausländischen Beteiligten uneingeschränkte Anerkennung.

Doch wenn es um das so gefühlsbetonte Thema Heimat – um eine so umstrittene Frage „Was ist Heimat?“ geht – dann teilt sich ein Auditorium, in dem neben den Gutachtern der Geschichte auch Angehörige der sogenannten Erlebnisgeneration oder vom Heimatverlust Betroffene sitzen – dann war immer schon leidenschaftlicher Disput zu erwarten. Und das war auch in Słubice nicht anders. Im Słubicer Collegium Polonicum waren dies vor allem die namhafte Volkskundlerin und Kulturanthropologin Prof. Dr. Ina-Maria Greverus von der Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Historiker und Leiter des Instituts für Geschichte und Biographie in Lüdenscheid, Prof. Dr. Alexander von Plato. Dabei sorgten sie weniger für Widerspruch als vielmehr für Erstaunen und auch Verwirrung über den aus wissenschaftlicher Sicht so kompliziert und vielseitig zu definierenden Begriff „Heimat“. Am Rande der zweitägigen Konferenz und in ihren Pausendebatten jedoch war sich die Überzahl der Teilnehmer darin einig – wobei übrigens niemand einen militanten Heimatanspruch erhob – Heimat ist dort, wo ich meine familiären Wurzeln habe und Heimat ist meine Familie überhaupt!

Natürlich ist das keine wissenschaftliche Heimatdefinition. Aber auch die Wissenschaft – die Anthropologen und die Historiker – sie werden es – wenn nicht respektieren so aber doch zumindest registrieren. Und schmerzlich wird eine derartig beidseitige Toleranz sicher weder für die Gutachter noch die Begutachteten in Sachen Heimat oder Heimatverlust.

Wäre ich nun Philosoph, Völkerkundler, ein Ernst Bloch- oder Sören Kierkegaard-Jünger, oder wäre ich gar selbst wissenschaftlicher Kundschafter auf dem so vielschichtigen Gebiet der menschlichen Verhaltensweisen – ganz sicher fände ich dann auch eine hieb- und stichfeste Definition dafür, warum der heimatverlustige Deutsche kaum – der polnische Heimatverlustige jedoch ausschließlich über das neue Zuhause spricht. Vielleicht liegt es daran, dass dem einen die neue Bleibe eben doch kein echter Heimatersatz ist. Eine ganz wesentliche Ursache jedoch ist wohl darin begründet, dass den vertriebenen Polen das alte Daheim noch immer für eine Spurensuche verschlossen bleibt.

Bei den – leider nur in Vertretung zur Vorlesung gebrachten Gedanken der Posener Professorin Anna Wolff-Powęska aber dachte ich unentwegt an das Heimatmuseum von Siegfried Lenz. Schon die Kernfrage ihres Vortrages „Sieg des Vaterlandes über die Heimat?“ rief mir die Worte eines der Haupthelden des Romans ins Gedächtnis: „Also Weltkunde statt Heimatkunde – Weltkunde, meinen Sie, und uns allen wäre geholfen. Ich weiß nicht“ – so lässt Lenz seinen Martin Witt am Krankenbett des Haupthelden – des Teppichwirkers Zygmunt Rogalla – zweifeln – „wie viel Ihnen Erfahrung bedeutet, aber ich hab’ so manchen erlebt, der seine Hoffnungen auf Weltkunde setzte, und der dann wie von selbst zur Heimatkunde zurückfand. Vielleicht müssen wir darauf gefasst sein, dass Weltkunde immer nur Heimatkunde ist...“

Die Posener Professorin Anna Wolff-Powęska – sie kommt den Nachdenklichkeiten der Hauptfiguren des Lenz-Romans doch recht nahe mit ihren Überlegungen: „Auf die brennenden politischen Probleme der Gegenwart sucht man nun eine Antwort in der Vergangenheit... Für Polen ist der nationale Stolz und der neue Patriotismus ein wichtiges Element des Gleichgewichts geworden. Und es kehren alte Zweifel zurück, ob die Geschichte Lehrerin des Lebens ist, ob sie Schutzschild ist, ob sie eine Kompensationsrolle oder eine kathartische Rolle zu erfüllen hat – ja – prosperiert die Geschichte oder ist sie nur Ausdruck von Eskapismus oder Nostalgie? ... Wir haben es auch mit neuen Formen der Medien zu tun, die uns ein Bild der Vergangenheit vermitteln. Das bietet uns aber nicht nur weite Möglichkeiten des Gedankenaustausches. Es bringt auch Anspannung und ein gewisses Gefühl der Furcht mit sich. Gewaltige Veränderungen im Globalisierungszeitalter bringen auch Angst über die Vergangenheit mit sich und das korrespondiert mit dem Gefühl, Vergangenheit verloren zu haben.“

Vor der eigenen Geschichte könne wohl niemand ein reines Gewissen haben, meint Teppichwirker Zygmunt Rogalla bei Siegfried Lenz und die Vergangenheit – sie gehöre uns allen, man könne sie nicht aufteilen und sich zurecht schleifen. Und auch dass es für keinen von uns eine „vergangene Welt, vergessen und tot, keine abgebuchte Zeit, so einfach nur heruntergepflückt vom Abreißkalender der Geschichte gibt“ – das bewiesen die interessanten und von persönlichem Erleben und Engagement durchsetzten Redebeiträge der sogenannten Regionalvertreter im Słubicer Collegium Polonicum.

Tatsächlich erweisen sich die neuen und die alten Bewohner der einstigen Neumark als findige und fündige Spurensucher im Streben nach einverständlichem Nebeneinander in der deutsch-polnischen Grenzregion. Für die Landsbergerin Christa Greuling ist Gorzów noch immer ihre Heimatstadt und sie tut alles in ihren Kräften und Möglichkeiten stehende, um vor allem den jungen polnischen Bewohnern der alten Warthestadt ihre noch junge Heimat erschließen und sie noch schöner gestalten zu helfen. Der bekannte Pauckschbrunnen und eine Friedensglocke in unmittelbarer Nachbarschaft im Zentrum am Wartheufer sind dafür die sicht- und hörbarsten Beweise.

Aufmerksame Zuhörer fand auch die Spurensuche der Weststernberger. Zielen doch die ständigen Rubriken HEIMATBRIEF-Interview und Berühmte „Ost-Brandenburger“ – die Vorstellung jener polnischen Persönlichkeiten, die gegenwärtig die Geschicke des polnischen Lebuser Landes lenken und die Lebensbilder jener, die es in deutscher Vergangenheit taten darauf ab, den Heimatbegriff in Raum und Zeit gegenständlicher und damit verständlicher darzustellen. Ein Anliegen übrigens, dem sich auch Andrzej Kotula aus Nowe Warpno (Neuwarp) vom Stettiner Haff und Robert Ryss aus Chojna – dem neumärkischen Königsberg in unmittelbarer Grenznähe zu Schwedt an der Oder – verstärkt zuwenden. „Kann denn eine Grenze überhaupt etwas Attraktives sein? Ist sie nicht immer das Ende von ‘mein’ und ‘unser’?“, fragte der Redakteur aus Chojna in das Auditorium und ließ es nicht im unklaren darüber, dass menschliches Wollen und politischer Wille eigentlich jede Barriere überwinden können. „Berlin und Warschau sind weit“, hatte mir unlängst in Sonnenburg / Słońsk ein polnischer Interviewpartner gesagt und vielsagend hinzugefügt: „Entscheidend ist, was wir Polen und Deutsche hier unten auf unserer Ebene der Zusammenarbeit tun.“ Robert Ryss bestätigte in Słubice, dass sich unser gemeinsamer Himmel nicht teilen lässt und eine geteilte Heimat nicht trennen muss.

Und als ich dann zurückging über die Brücke aus der alten in die neue Heimat – da fühlte ich mich nach all diesen Debatten über Globalisierung und Heimat in einem gemeinsamen Europa plötzlich ein wenig heimatlos im Gestrüpp all der Heimat-Theorien. Und ich dachte so bei mir an das vom Philosophen Ernst Bloch beschworene „Prinzip Hoffnung“ und seine Vermutung, das Heimat wohl das sei, wo eigentlich noch niemand war...

*Bericht über die Konferenz „Was ist Heimat?“, in: Heimatbrief, Herausgegeben vom Heimatkreis Weststernberg e.V., März 2007, Nr. 60.

HeimatReisen - Projekt des Instituts für angewandte Geschichte, Frankfurt (Oder)

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Mit einer individuellen Reisebegleitung in die einstige Neumark

Eine Gruppe von Studenten und Absolventen der Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) hat ein Projekt mit dem Namen HeimatReisen entwickelt. Die Idee dieses Projekts ist eine individuelle Reisebegleitung für Leute, die ihre familiären Wurzeln in den ehemaligen deutschen und heutigen polnischen Gebieten suchen. Damit schaffen die Studenten ein alternatives Angebot zu den bereits existierenden Gruppenreisen. Stattdessen fahren sie mit den Leuten individuell für einen oder mehrere Tage in deren alte Heimat.

Der geographische Schwerpunkt der Heimatreisen liegt auf dem Gebiet der einstigen Neumark. Die Studenten unternahmen im Februar 2005 eine Exkursion und trafen sich mit den heutigen Bewohnern von Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe), Witnica (Vietz/Ostbahn), Chojna (Königsberg/Nm) Podmokłe Małe (Klein Posemuckel) oder Krosno (Crossen a.d. O.). Jedoch soll die Ausbildung von Studenten zu Reisebegleitern auch für andere einstige deutsche Gebiete fortgesetzt werden. So hat im Sommer 2005 eine entsprechend konzipierte Sommerakademie über das einstige Ostpreußen in Olsztyn (Allenstein), Giżycko (Lötzen) und Kaliningrad (Königsberg) stattgefunden.

In den letzten Monaten hat es bereits mehrere Anfragen gegeben und die ersten Heimatreisen konnten erfolgreich durchgeführt werden. Damit scheint das Konzept des Instituts für angewandte Geschichte aufzugehen. Nach den ersten Erfahrungen ist es häufig nicht die Erlebnisgeneration selbst, die eine Heimatreise teilnehmen möchte, denn viele von ihnen haben solche Reisen bereits unternommen. Oft sind es die Nachkommen, die ihre eigenen Wurzeln vor Ort zurückverfolgen wollen und die auf Grund von spärlich vorhandenen Erinnerungsstücken sowie fehlenden Polnischkenntnissen eine kompetente und individuelle Reisebegleitung suchen.

Frankfurt (Oder), Dezember 2005

Aktuelle Informationen lassen sich auf der Internetseite des Instituts für angewandte Geschichte finden: www.instytut.net ; Fragen können per Email: info@instytut.net beantwortet werden.

HeimatReisen: Die Erinnerung fährt mit – auf Spurensuche jenseits der Oder

Es gibt viele Gründe zu reisen. Der Wunsch nach Erholung ist einer. Auch die Suche nach Abenteuern, die Neugier auf fremde Kulturen, der Reiz exotischer Landschaften oder eine Einladung von Freunden vermögen den Menschen in die Ferne zu locken. Manchmal aber ist die eigene Biographie Anlass zu einer Reise. In den letzten Jahren sind tausende Deutsche nach Polen aufgebrochen, um die Stätten ihrer Kindheit oder die Heimat ihrer Vorfahren zu besuchen. Auch Familie Beil hätte wohl nie einen Ausflug ins westpolnische Dorf Lemierzyce unternommen, wenn nicht der Großvater vor dem Krieg dort als Oberförster gearbeitet hätte.

Die Vorgeschichte

Mit Mitte sechzig hat Albrecht Beil endlich die Zeit, sich der Geschichte seiner Familie zu widmen. Vieles liegt im Verborgenen. Die Erinnerung reicht bis in die Kindheit in Berlin zurück, dann reißt die Erzählung ab. Der Vater, vom großen Krieg traumatisiert, hat das Vergangene verdrängt. Lediglich Briefe der Mutter an Freunde geben den Hinterbliebenen spärlich Auskunft über das Leben ihrer Eltern. Über die Großeltern ist wenig bekannt, von deren Vorfahren ganz zu schweigen. Ein paar Fotos, Schriftstücke und Anekdoten der Tante, mehr Zeugnis ist nicht geblieben. Oder doch?

Während der Luftangriffe auf Berlin wurde Albrecht Beil häufig mit seinen älteren Geschwistern zu den Großeltern nach Limmritz bei Sonnenburg geschickt. Er war damals keine sechs Jahre alt. Alte Fotos zeigen die Kinder mit Gänsen vor der großen Scheune der Oberförsterei. Als auch Limmritz nicht mehr sicher ist, werden sie nach Süddeutschland verbracht. Die Großeltern fliehen im Winter 1944/45 vor der sich schnell nähernden Front. Seitdem ist niemand aus der Familie wieder dort gewesen. Das Dörfchen am Warthebruch liegt östlich der Oder, die nach dem Krieg zum Grenzfluss wurde. Aus Limmritz wurde Lemierzyce. In die von den Deutschen verlassen Häuser zogen Polen ein.

Steht das Gehöft noch? Gibt es Unterlagen über die Oberförsterei aus der Dienstzeit des Großvaters? Ließe sich womöglich das Grab der im Sommer 1944 verstorbenen Großmutter in Lemierzyce ausmachen? Albrecht Beil wandte sich mit diesen Fragen an die Studenteninitiative HeimatReisen in Frankfurt/Oder, auf die er während seiner Recherchen zu Limmritz und der Neumark gestoßen war. HeimatReisen spürte die alte Oberförsterei in Lemierzyce auf, heute Wohnhaus für vier Familien, und erbat bei den Bewohnern den Besuch der Familie Beil. Erkundungen im Bezirksarchiv und beim Bürgermeister wurden eingeholt und für den Ausflug ein studentischer Reisebegleiter und Übersetzer gestellt.

Die Anreise

Im August 2005 fuhr Albrecht Beil in Begleitung seiner Frau und seiner drei Geschwister nach Lemierzyce. Es wurde eine Reise in die deutsche Geschichte und polnische Gegenwart der Region. In Ośno, auf deutsch Drossen und einst Hauptstadt des Sternberger Landes, sprach ein älterer Herr die flanierenden Touristen an. Ohne jeglichen Vorwurf, fast stolz erzählte er in gebrochenem Deutsch von seiner Zeit als Zwangsarbeiter in der Nähe von Kiel. Auch in Słońsk sind die deutschen Spuren nicht zu übersehen, weder die lichten noch die dunklen. Weithin sichtbar erhebt sich der Glockenturm Schinkels über dem Dach der Johanniterkirche. Am Ortsausgang erinnert eine Gedenkstätte an die Verbrechen im 1933 eingerichteten Konzentrationslager Sonnenburg.

Frühere Kontakte mit Deutschen

In Lemierzyce wurden Beils von den Bewohnern der Oberförsterei freundlich empfangen. Offensichtlich waren sie nicht die ersten Deutschen, die hier nach Spuren ihrer Vorfahren suchten. Schon in den 1970er und 1980er Jahren, so erfuhren die Gäste, habe ein enger Kontakt zwischen einem Bonner Ehepaar und der Familie des polnischen Oberförsters Jandziszak bestanden, der bis heute mit seiner Frau in dem Haus lebt. Die Dame aus Bonn, angeblich ebenfalls Enkelin des deutschen Oberförsters, blieb zunächst ein Rätsel. Bis zu ihrem Tod sei sie fast jährlich zu Besuch gekommen und habe in dieser Zeit sogar polnisch gelernt.

Auch die Nachbarn hatten schon mehrmals deutsche Gäste und hießen Beils willkommen. Zu keiner Zeit mussten etwaige Ängste abgebaut oder Befürchtungen widerlegt werden. Vielmehr verwiesen die Familien stolz auf ihre freundschaftlichen Beziehungen, zeigten Fotos, Einladungen und Briefe von Deutschen, die zum Teil in holprigem Polnisch verfasst waren.

Gastgeschenke

Nach den ersten Aufregungen und der Besichtigung des Anwesens lud Frau Jandziszak zu Kaffee und Kuchen im Freien. Die aus Hessen und Baden-Württemberg angereisten Beils überreichten deutsche Weine an ihre polnischen Gastgeber. Eine Flasche wurde gleich geöffnet. Ein geeignetes Gastgeschenk waren die Aufnahmen von Limmritz aus der Vorkriegszeit. Die mitgebrachten Fotografien erwiesen sich als große Verständigungshilfe bei einzelnen Gesprächen, denn bei fünf deutschen Gästen und sieben Polen konnte der Reisebegleiter nicht überall gleichzeitig dolmetschen. Anhand von Fotos konnte auch das Rätsel der Bonner Dame gelöst werden. Es stellte sich heraus, dass der Großvater der Dame ein Vorgänger von Oberförster Beil gewesen sein musste, also noch vor 1920 in Limmritz gelebt hatte.

Die gemeinsame Erzählung

Unter der Esche im großen Garten gingen die Geschichten in einander über. Kindheitserinnerungen der Beils an die Aufenthalte in Limmritz wechselten sich mit Erzählungen der Jandziszaks ab, die von ihrem langen Weg nach Lemierzyce berichteten. Aus der Gegend um Lemberg kommend, hatte die Familie mit den neuen Grenzziehungen nach dem Krieg Haus und Hof verloren, denn die polnischen Ostgebiete fielen an die Sowjetunion. Die Jandziszaks hatten keine Wahl. Sie strandeten zunächst im zerstörten Gubin. Jahre später fand er die Arbeit in der Oberförsterei. Władysław mochte den Wald lieber als das Gewehr, erklärte seine Frau.

Auch im nächsten Sommer gibt es für Familie Beil wieder einen Grund nach Polen zu reisen. Dann haben die Geschwister eine Einladung von Freunden.

Frankfurt (Oder), Dezember 2005

HeimatReisen: Interview mit Jacqueline Nießer, Institut für angewandte Geschichte in Frankfurt (Oder)


Jacqueline Nießer – geboren in Hecklingen im Bundesland Sachsen-Anhalt – absolvierte nach ihrem Abitur ein Jahr lang einen europäischen Freiwilligendienst im ostfranzösischen Besançon – dem Geburtsort des bekannten französischen Romanciers Victor Hugo. Von 1999 bis 2005 studierte sie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) Kulturwissenschaften und ist seit 2006 Leiterin des Projektes „HeimatReise“ in der Oderstadt. Jacqueline Nießer spricht neben ihrer Muttersprache noch Englisch, Französisch und Polnisch...

Was – Frau Nießer – verbirgt sich hinter „transkultura e.V.“?

Hinter dem Begriff „transkultura“ verbirgt sich seit dem Jahre 2002 ein Verein deutscher und polnischer Studenten sowie auch Absolventen der Europa-Universität Viadrina, deren Anliegen es ist, die europäische Verständigung durch unterschiedliche grenzüberschreitende Projekte in Frankfurt (Oder), in Slubice und auch in der Grenzregion überhaupt zu fördern.

Und für eines dieser Projekte, dem ihr Verein den Namen HeimatReise gab, zeichnen vor allem Sie verantwortlich?

Seit Anfang 2006 – nach Abschluss meines Studiums und nach Bewilligung entsprechender Gelder von der Europäischen Union – begann ich für HeimatReise zu arbeiten und habe zunächst einmal dieses Büro, in dem wir hier unser Gespräch führen, eingerichtet. Nun aber – da die Fördermittel nicht mehr zur Verfügung stehen – führen wir das Projekt HeimatReise ehrenamtlich weiter.

HeimatReise – das lässt einiges ahnen – sagt aber zunächst noch wenig aus über das eigentliche Vorhaben ihres Projektes. Wie kamen sie auf die Idee, ein solches Projekt ins Leben zurufen?

Zunächst einmal glaube ich, dass diese Idee sehr stark mit dem deutsch-polnischen Profil der Viadrina zusammenhängt und der damit verbundenen Notwendigkeit, sich hier an der Europa-Universität mit derartigen Themen zu beschäftigen. Zum anderen liegt ein Grund wohl darin, dass das Vertriebenen-Thema in den letzten Jahren auch junge Menschen stärker als zuvor zu Reaktionen und Antworten auffordert.

Der EU-Beitritt Polens, die Vertriebenenorganisation Preußische Treuhand mit ihren angekündigten Entschädigungsklagen und der Bund der Vertriebenen mit seiner Idee eines Zentrums gegen Vertreibungen führten dazu, dass das Thema Vertreibung noch einmal in eine breitere Öffentlichkeit getragen wurde und sich nun auch jüngere Leute damit intensiver beschäftigen. Und gerade uns hier in Frankfurt (Oder) – denen doch besonders viel an guten deutsch-polnischen Beziehungen gelegen ist – uns hat es sehr betroffen, dass das Zentrum gegen Vertreibungen soviel Unruhe zwischen Deutschland und Polen gestiftet hat. Über lange Zeit hat man das Vertriebenen-Thema in einem Teil Deutschlands stark instrumentalisiert und im anderen Teil tabuisiert. Und so haben wir uns gefragt, wie können wir junge Menschen, die Interesse daran haben, dass sich Deutsche und Polen begegnen – wie können wir mit diesem Vertreibungsthema versöhnlich umgehen. Der konkrete Auslöser war dann ein persönliches Erlebnis, das uns bewog, betreute Heimatreisen anzubieten. Nachdem ein Mitglied unseres Vereins für seine Familie während einer Polenreise übersetzte und für sie zu deren dankbarer Zufriedenheit die sachkundige Reiseführung übernahm, da bekräftigte das nur noch unsere ohnehin schon vorhandene Absicht, solche „geführten“ Reisen auch Leuten anzubieten, die nicht aus der Familie kommen.

Viele unserer HEIMATBRIEF-Leser wird es überraschen, von diesen doch bemerkenswerten Motiven und Überlegungen zu erfahren, die „transkultura e.V.“ zum Projekt HeimatReise bewogen. Glaubte doch bislang so mancher, es seien vor allem kommerzielle Gründe gewesen. Um nun aber doch einen kommerziellen Begriff zu gebrauchen – welche Leistungen bietet denn HeimatReise seinen Kunden?

Wir haben ein kleines Faltblatt vorbereitet, auf dem eigentlich – kurzgefasst – alle unsere wesentlichen Leistungen aufgeführt sind. So heißt es dort u.a.: „Steht das Haus Ihrer Großeltern noch? Welche Geschichten haben die neuen Bewohner zu erzählen und woher kommen diese? Was ist aus der großen Kastanie im Nachbargarten geworden – und aus der alten Mühle, von der man so oft erzählte?

Finden Sie es mit uns heraus! Ob Sie nun nach alten Dokumenten oder nach Grabstätten Ihrer Vorfahren suchen – wir stehen Ihnen vor und während Ihrer Reise zur Seite, übersetzen Gespräche und vermitteln Kontakte.“ Und wir fügen diesem Faltblatt noch das Angebot hinzu: „Auch jenseits familiärer Spurensuche reisen wir mit Ihnen gern nach Polen. Dabei Begegnung, Austausch und Verständigung zu ermöglichen – das ist unser Ziel.“

Nun – das ist ja tatsächlich ein beeindruckend vielfältiges Leistungsangebot. Wieviele Mitarbeiter stehen Ihnen denn da zur Seite?

Also Mitarbeiter im Sinne bezahlter Angestellter gibt es bei uns nicht. Aber „transkultura“ kann sich auf fünfzehn ehrenamtliche Mitarbeiter stützen und das sind natürlich vor allem Viadrina-Studenten.

In ihrem Faltblatt bieten sie ja Reisen in ganz Polen an. Aber ich beschränke mich jetzt nur einmal auf die einstige Neumark und die ist ja auch nicht gerade klein – allein mein ehemaliger Heimatkreis Weststernberg umfasste 64 Dörfer und 3 Städte. Wie bereiten sie denn nun ihre Reisebegleiter auf individuelle Reisewünsche und Reiseziele vor?

Unsere Reisebegleiter kommen aus den „älteren“ Semestern, denn man braucht schon ein gewisses historisches Wissen sowie auch eine interkulturelle Kompetenz und man muss natürlich fließend Polnisch können. Was nun Ihre Frage nach der weiteren Reisevorbereitung angeht – wir bereiten uns in speziellen Seminaren vor. Da Sie die Neumark erwähnten – unser erstes Seminar stand unter dem Thema „Fremde Nähe – Zwischen Neumark und Lebuser Land“. Zunächst haben wir uns theoretisch mit der Geschichte der Region auseinandergesetzt und dann haben wir verschiedene Orte auf einer Studienreise besucht, vor Ort mit Lokalhistorikern gesprochen, uns Denkmäler angeschaut und uns an Ort und Stelle auch im Dolmetschen geübt. In einem weiteren Seminar beschäftigten wir uns auf die gleiche theoretische und praktische Weise mit Ostpreußen und nach ähnlichem Konzept haben wir uns mit Pommern vertraut gemacht. Gegenstand der diesjährigen Vorbereitung ist Niederschlesien und im nächsten Jahr wollen wir uns mit Oberschlesien beschäftigen. Zusammenfassend kann ich wohl mit Fug und Recht sagen, dass unsere jungen Fremdenführer – es sind im übrigen nicht nur deutsche sondern auch polnische Studenten und Absolventen der Kulturwissenschaften – dass sie alle fließend Deutsch und Polnisch – aber auch zum Teil noch andere Sprachen sprechen und dass ihnen Polen nicht nur durch die erwähnten Studienreisen, sondern auch durch darüber hinausgehende Studien- und Arbeitsaufenthalte sowie durch grenzüberschreitende Projektarbeit bekannt ist. Und vielleicht sollte ich in diesem Zusammenhang korrekterweise auch noch erwähnen, dass HeimatReise durchgeführt wird vom „Institut für angewandte Geschichte“ – welches in Zukunft an die Stelle des Vereins „transkultura“ tritt.

Nun wird es wohl aber höchste Zeit, Sie nach den ganz konkreten Schritten zu fragen, die ich einleiten müsste, um eine Reise mit ihrer Unterstützung und Begleitung zu unternehmen?

In einem Gespräch würde ich Sie zunächst über Ihre Reisevorstellungen befragen, um abzusehen, ob es möglicherweise umfangreicherer Recherchen bedarf, wie viele Tage wir etwa für die Reise benötigen – nun ja – um einige solcher Rahmendaten würde ich Sie zunächst bitten. Vom Umfang der eventuell erforderlichen Recherche hängt natürlich die Vorbereitungszeit ab. Sollten sich Ihre Ansprüche jedoch bereits im ersten Gespräch abklären lassen, würde ich Ihnen gleich einen unserer Reisebegleiter vorschlagen, mit dem Sie sich dann über Ihre Reisezeit und Reiseziele persönlich abstimmen können.

Das alles kostet ja nicht nur Zeit, es kostet ja vor allem auch Geld. Was müsste ich denn für Ihre Reiseberatung und Reisebegleitung einplanen?

So ganz exakt auf Euro und Cent lässt sich das nicht sagen, da ja jede Reise einer individuellen Vorbereitung bedarf und – wie bereits angedeutet – ja auch die Ansprüche an jede Reise unterschiedlich sind. Für die Vorbereitung, Beratung und Begleitung Ihrer Reise zahlen Sie für den ersten Tag 165 Euro, ab dem zweiten Tag 135 Euro. Diese Pauschale deckt alle Reisevorbereitungen, alle anfallenden Sachkosten sowie die Dolmetscherleistung ab. Wobei Sie natürlich alle üblichen Reisekosten selbst tragen.

Natürlich ist die finanzielle Seite wichtig – jedoch ernten Sie für Ihr anspruchsvolles Projekt auch Zustimmung und Anerkennung der Reisenden und wie reagiert man denn in Polen auf die HeimatReisen?

Bemerkenswert für uns Reisebegleiter – aber auch für die Reisenden – ist immer die Offenheit, mit denen uns die polnischen Bewohner begegnen. Besonders erstaunt und erfreut sind die deutschen Reisenden über die Gastfreundschaft, mit der man sie stets empfängt. Und das ist uns ein schöner Lohn und spricht doch auch für unsere Reisevorbereitung.

Das Gespräch führte Karl-Heinz Schneider

Heimatbrief, Herausgegeben vom Heimatkreis Weststernberg e.V., März 2007, Nr. 60.

NEUE HEIMAT IN WEST- UND NORDPOLEN

Polen in Westpommern – sechzig Jahre nach dem Krieg. Bogdan Twardochleb
Symbole der nationalen und konfessionellen Minderheiten in der Kulturlandschaft Westpommerns. Janusz Mieczkowski
Über die Friedhöfe der „Anderen“. Robert Ryss
Auf den Spuren der Religionen im Grenzland, Zbigniew Czarnuch

Wie fühlen sich die Polen in Westpommern – sechzig Jahre nach dem Krieg?

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Nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnete man die an Polen angeschlossenen Gebiete als die „neuen“, die „slawischen“, „die piastischen“ (in diesem Zusammenhang die „ehemaligen“), „die wiedergewonnenen“ (oder die „erneut zurückgewonnenen“), „die West- und Nordgebiete“. Wie werden sie heute genannt? Werfen wir einen Blick in den Veranstaltungskalender, der vom Stettiner Komitee für die Feierlichkeiten anlässlich des 60-jährigen Bestehens der polnischen Staatlichkeit in Westpommern veröffentlicht wurde.

Der 60. Jahrestag

In der Kleinstadt Węgorzyno (Wangerin) gab es ganz einfach ein Treffen anlässlich des 60. Jahrestages „der Beendigung der Kriegshandlungen“. In den Städten Dębno (Neudamm), Banie (Bahn) und Cedynia (Zehden) klang das schon anders: dort feierte man den „60. Jahrestag der Befreiung“. Was Szczecin (Stettin) betrifft, die Wojewodschaftshauptstadt, deren staatliche Zugehörigkeit im Jahre 1945 einige Monate lang ungewiss war, verzeichnet der Kalender den 60. Jahrestag der „Einnahme von Stettin“ (26. April), den „Jahrestag der Herstellung der staatlichen Verwaltung“ (5. Juli), den „Namenstag der Stadt“, den „Geburtstag der Stadt“ und ein großes Konzert „Szczecin ist 60 Jahre alt“. Es ist leicht festzustellen, dass lediglich die Bezeichnung „Einnahme von Stettin“ implizit die Information enthält, dass die Stadt auch schon vor 1945 existierte. Die Bezeichnungen der übrigen Veranstaltungen suggerieren, sie sei 1945 entstanden. In den Gemeinden Warnice (Warnitz) und Brojce (Broitz) sowie in Gryfice (Greifenberg) gab es „Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Rückkehr des Polentums nach Westpommern“, in den Gemeinden Boleszkowice (Karlshöhe) und Stare Czarnowo (Neumark) – das „60-jährige Bestehen der polnischen Staatlichkeit“, in Kamień Pomorski (Cammin) den „60. Jahrestag der Rückkehr des Landes von Kamień Pomorski zum Mutterland“, in der Grundschule des Dorfes Marcinkowice (Märzdorf) den Jahrestag der „Rückkehr zum Mutterland“. Die Behörden von Świnoujście (Swinemünde) organisierten die Feierlichkeiten „60 Jahre polnisches Świnoujście“, und die Behörden von Maszewo (Groß Massow) feierten „60 Jahre polnische Präsenz in Westpommern“. Diese Bezeichnungen enthalten offensichtlich einen Hinweis auf eine frühere, nicht-polnische Geschichte beider Städte. Was Nowogard (Naugard) betrifft, so verzeichnet der Kalender hier sowohl eine „Veranstaltung aus gegebenem Anlass“ mit Kranzniederlegung am Denkmal der Kombattanten der Republik Polen, als auch eine Ausstellung „anlässlich der Befreiung von Nowogard und des 60. Jahrestages der Rückkehr des Polentums nach Westpommern“. Auffällig ist hier die Hervorhebung des Unterschieds zwischen „Befreiung“ und „Rückkehr des Polentums“. Noch anders war es in Myślibórz (Soldin), wo gleichzeitig der „60. Jahrestag der Rückkehr des Polentums nach Westpommern“ und der 735. Jahrestag der „Verleihung des Stadtrechts an Soldin“ gefeiert wurden. Zu Zeiten Volkspolens wäre diese „Vermählung“ von Wasser und Feuer, also die Verbindung von polnischer und deutscher Tradition der Stadt unmöglich gewesen. Am Schluss dieses kurzen Überblicks sollte man als Kuriosum noch die Kleinstadt Resko (Regenwalde) erwähnen, in der eine Fotoausstellung über die Geschichte der Stadt bis 1945 unter dem Titel: „Resko vor der Rückkehr zum Mutterland“ organisiert wurde.

Ausstellungen im Stargarder städtischen Museum

Das Museum in Stargard Szczecinski (Stargard), eine städtische Einrichtung, bereitete eine Ausstellung über die polnische Besiedlung der Stadt unter dem Titel „Unser Weg nach Stargard … Schicksale von Siedlern 1945-1950“ vor (Ausstellungskuratorin: Jolanta Aniszewska). Die erste Hälfte des Titels entstammt den Erinnerungen von Bożena Żybułtowska-Gołaszewska, die nach dem Warschauer Aufstand in ein Stargarder Kriegsgefangenenlager kam und nach dem Krieg zwei Jahre in der Stadt lebte. Die Vorbereitung der Ausstellung nahm mehrere Monate in Anspruch. Der Appell an die Einwohner, persönliche Erinnerungsstücke zur Verfügung zu stellen, fand am Anfang nur wenig Widerhall. Erst als dieser Aufruf in den Kirchen bekannt gegeben wurde, änderte sich die Situation. Die Erinnerungsstücke trafen bis zum letzten Tag vor der Eröffnung und auch noch während der Ausstellung ein. Exponate wurden auch vom Staatsarchiv, der Post und aus Schulen und Kirchengemeinden ausgeliehen.

Stargard war nach dem Krieg eine stark zerstörte, entvölkerte und von Epidemien bedrohte Stadt. Bis heute ist nicht genau bekannt, in welchem Ausmaß die Stadt durch Kampfhandlungen oder aber infolge von Bränden zerstört wurde, die sowjetische Truppen nach ihrer Einnahme gelegt hatten. Im Mai 1945 gab es in Stargard nur einige hundert Polen. In der Ausstellung wurden die ersten Nachkriegsdokumente gezeigt (April-Juni 1945), die in der Regel in polnisch und russisch abgefasst waren, nicht selten auf der Rückseite früherer deutscher Dokumente. Es handelt sich um die verschiedensten Anordnungen, Bescheinigungen und Bekanntmachungen. Aus jenen Tagen gibt es nur sehr wenige Fotos und sehr wenige Gegenstände des täglichen Gebrauchs.

Anhand der von Stargarder Einwohnern zur Verfügung gestellten privaten Erinnerungsstücke, war es leicht festzustellen, von woher jemand nach Stargard gekommen war. Deutsche Arbeitsbücher und Identitätsdokumente kamen hauptsächlich von früheren Zwangsarbeitern, die während des Krieges nach Deutschland verschleppt worden waren. Erinnerungsstücke aus ihrer Heimat hatten sie nicht. Ähnlich ging es den Bewohnern der früheren polnischen Ostgebiete, die nach Sibirien und Kasachstan verschleppt worden waren und überlebt hatten. Persönliche Erinnerungsstücke brachten dagegen vor allem Siedler aus Zentralpolen, Nachkriegsumsiedler aus den polnischen Ostgebieten sowie Reemigranten, denn nur diese hatten irgendwelches privates Hab und Gut nach Stargard mitgebracht.

In der Ausstellung gab es nur wenige ethnografische Exponate zu sehen, Dinge, die nach Stargard mitgebracht oder in der Stadt gefunden worden waren. Nur eine Person hatte Volkstrachten aus der Nähe von Lwów (Lemberg) zur Verfügung gestellt, es gab keinerlei Haushaltsgegenstände. Über solche Exponate verfügt auch das Museum von Stargard nicht, dessen ethnografische Sammlungen sehr bescheiden sind. Jolanta Aniszewska führte das auf die nach dem Krieg einsetzenden Assimilationsprozesse und die soziale Integration zurück. Die Menschen aus den verschiedenen Regionen Polens, die nach dem Krieg in Stargard lebten, hätten sehr schnell zu einer Gemeinschaft verschmelzen müssen und ihre früheren regionalen Unterschiede nicht kultiviert. Die Politik des Staates, die auf eine rasche Polonisierung der neu gewonnenen Gebiete ausgerichtet war, führte zu einer rigorosen Integration. Ein spektakuläres Beispiel dafür war die insbesondere in den Schulen erfolgende Bekämpfung von Mundarten und Dialekten, die offiziell als „falsches Polnisch“ bezeichnet wurden. In den „neuen Gebieten“ sollte eine einheitliche polnische Kultur entstehen. Aus dem Alltagsleben, insbesondere dem öffentlichen Raum, wurden rasch alle Kennzeichen deutscher Kultur beseitigt. Das entsprach den Anordnungen der Behörden, aber auch der nach dem Krieg herrschenden feindlichen Gesinnung der Polen gegenüber allem, was deutsch war. Spuren des Deutschtums waren in den Augen der Polen wertlos. Die Behörden führten spezielle Aktionen durch, um wenigstens Kunstwerke zu retten.

Seit dem Sommer 1945 funktionierten in Stargard polnische Behörden. Sie stellten Identitätsdokumente aus, Dokumente für in Betrieb genommene Firmen, bescheinigten Entscheidungen über Einquartierungen und Anmeldungen und nach der Gründung der Staatlichen Liquidationskommission erstellten sie auch Belege über den Erwerb des von den Deutschen zurückgelassenen Hab und Guts. Solche Dokumente wurden ebenfalls in der Stargarder Ausstellung gezeigt. Es gab auch Gegenstände, die das in Stargard schon im Mai 1945 organisierte kulturelle Leben dokumentierten.

Sehr interessant war eine Karte des Polnischen Eisenbahnnetzes, die im Sommer 1945 von Posener Eisenbahnern angefertigt worden war. Auf dieser Karte war die Westgrenze Polens gar bis nach Eberswalde verschoben, und die westlich der Oder liegenden Orte hatten bereits polnische Namen erhalten, so u.a. Schwedt – Świec, Prenzlau – Przemysław, Pasewalk – Pozdawilk, Löcknitz – Łęknica, Angermünde – Węgrzynów. Das entsprach insbesondere der Auffassung der Posener Nationalen. Diese waren der Meinung, wenn Polen nach dem Krieg „in die alten slawischen Gebiete zurückkehren“ solle, so bedeute das auch eine Rückkehr in das alte slawische Siedlungsgebiet jenseits der Oder: nach Rügen, in das heutige Vorpommern, nach Ostbrandenburg und in die Lausitz (auf die übrigens auch die Tschechoslowakei Anspruch erhob). Die polnischen Eisenbahner, die der Front unmittelbar nachfolgten, besetzten also auch Stationen westlich der Oder und Stettins. Sie zogen sich dann schnell wieder zurück, aber ähnliche Karten erschienen in Polen noch bis 1947.

Nur sehr wenige Erinnerungsstücke (ein Medaillon, ein altes Telefon und eine Tasse) waren aus der Zeit zu sehen, als Stargard eine deutsche Stadt war, obgleich deutsche Spuren die ersten polnischen Einwohner in den Häusern und auf den Straßen auf Schritt und Tritt begleitet hatten. Es wurden auch keine Dokumente gezeigt, die die Aussiedlung der Deutschen zum Thema gehabt hätten. Auf Nachfragen bemängelte Jolanta Aniszewska einerseits das Fehlen deutscher Erinnerungsstücke: wie Fotos, Schriftstücke, Tagebücher usw. und fügte hinzu, auch in dem 2003 von den ehemaligen deutschen Stargardern eingerichteten kleinen Heimatmuseum in Elmshorn (Niedersachsen), gebe es nur wenige Objekte. Die Museen in Stargard und Elmshorn unterhielten aber gute Kontakte zueinander und beide Städte hätten einen Partnerschaftsvertrag abgeschlossen. Andererseits hob sie hervor, dass in der Ausstellung die ersten Jahre der polnischen Ansiedlung in Stargard gezeigt werden sollten. Außerdem finde die Ausstellung aus Anlass des 60. Jahrestags der Beendigung des Zweiten Weltkrieges statt, so dass Erinnerungsstücke aus der deutschen Zeit in diesem Zusammenhang von den jetzigen Einwohnern falsch hätten verstanden werden können. Es habe schon einmal eine Ausstellung gegeben, die den Neuansiedlern nach dem Krieg gewidmet gewesen sei, allerdings vor vierzig Jahren. Nach einer so langen Pause bei der Beschäftigung mit der neueren Geschichte der Stadt hätte nicht gleich alles gezeigt werden können. Das solle nicht bedeuten, dass es Tabuthemen gebe, aber die Menschen müssten allmählich und systematisch an solche Ausstellungen gewöhnt werden. Die Arbeit des Museums sei sehr stark von den geringen Geschichtskenntnissen der meisten Stargarder bestimmt.

Stargard ist eine alte Hansestadt mit einer reichen Geschichte. Vom Reichtum seiner früheren Bewohner zeugen noch die gewaltigen gotischen Kirchen, St. Johannes und die Marienkirche. Nach dem Dreißigjährigen Krieg und der Teilung des Fürstentums Pommern zwischen Schweden und Brandenburg war Stargard fast achtzig Jahre lang Hauptstadt des brandenburgischen Pommern. Es gab sogar die Absicht, dort eine Universität zu gründen. Im Vergleich zur Geschichte fällt die Geschichtsschreibung Stargards ärmlich aus. Noch immer gibt es keine Monografie der Stadt und das wird wohl auch noch für eine lange Zeit so bleiben. Die einzige Einrichtung, die sich – und das auch erst seit ein paar Jahren – systematisch mit Stargards Geschichte befasst, ist das kleine Museum, das einige junge Historiker und Archäologen beschäftigt. „Wir gewöhnen die Einwohner allmählich an Ausstellungen über die Geschichte Stargards, denn es ist wert, sie kennen zu lernen. Vor ein paar Jahren zeigten wir alte Ansichtskarten der Stadt. Für viele Menschen war das ein Schock. Zum ersten Mal sahen sie, wie anders die Stadt einst ausgesehen hatte, und was für eine tragische Geschichte sie also gehabt haben musste. Das Geschichtsbewusstsein der Bevölkerung in Stargard hat sich inzwischen sehr verändert, wozu nicht zuletzt lokale und regionale Medien beigetragen haben, aber man muss auch bedenken, dass wir alle vor noch nicht allzu langer Zeit bei Null, mit keinerlei Kenntnissen, angefangen haben“, sagte Jolanta Aniszewska.

Nach Besuchen von Schulklassen führten die Museumsmitarbeiter Unterrichtsstunden für Schülerinnen und Schüler durch, deren Wissen über die Vergangenheit der Stadt sich als minimal erwies. Es fehlt an Lehrbüchern zur Geschichte der Region, und Westpommern wird in den polnischen Schulbüchern nur am Rande erwähnt. Die Ausstellung war von einer Vielzahl von Kindern aufgezeichneter Stammbäume Stargarder Familien begleitet. Man hatte sie aufgefordert, auf zu schreiben, woher ihre Großeltern stammten. Die meisten Kinder wussten darüber nichts weiter, nur dass sie nicht von hier sind, sondern von irgendwoher gekommen waren. Sie wussten auch nicht, wie zerstört und entvölkert ihre Stadt nach dem Krieg gewesen war, wie wenig Polen es hier damals gegeben hat.

Jolanta Aniszewska arbeitet seit 1997 im Stargarder Museum. Sie hat mehrere der Stadt gewidmete große Ausstellungen vorbereitet und ausführliche Kataloge verfasst. Die erste Ausstellung im Jahre 1999 stand unter dem Titel „Heimat gestern und heute“. Darin wurden frühere und heutige Ansichten derselben Plätze in Stargard gezeigt. Ein Jahr später, anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Museums bereiteten Jolanta Aniszewska und Marcin Majewski die Ausstellung „Das alte Stargard. Die Stadt und ihre Bewohner“ vor, die mit der Urgeschichte begann und die Zeit bis 1960 umfasste. Sie war dank Leihgaben von Museen, Archiven und Bibliotheken aus Kiel (Stiftung Pommern), Stralsund, Greifswald, Elmshorn, Stettin, Warschau, Wejherowo, Słupsk (Stolp), Gorzów (Landsberg), Posen und Myślibórz (Soldin) möglich. Als Begleitveranstaltung gab es eine polnisch-deutsche wissenschaftliche Konferenz, auf der auch der Sohn des Direktors des früheren deutschen Stargarder Stadtmuseums ein Referat hielt. Während der Ausstellungsvorbereitungen wurden Suchaktionen in ganz Polen durchgeführt. Viele wertvolle alte Bücher und Zeugnisse der Vergangenheit aus Stargard wurden in anderen Städten gefunden, wohin sie nach dem Zweiten Weltkrieg gebracht worden waren – sei es infolge von Plünderungen oder im Rahmen von Rettungsaktionen. Die Ausstellung „Das alte Stargard. Die Stadt und seine Bewohner“ haben viele Menschen besucht, auch Deutsche aus dem „Heimatkreis Stargard“. Von polnischer Seite wurden Vorwürfe laut, die deutsche Vergangenheit der Stadt werde zu stark betont, von deutscher Seite hieß es, die Ausstellung verfälsche die Geschichte, weil die Aussiedlungen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht thematisiert worden waren. Die dritte Ausstellung von Jolanta Aniszewska trug den Titel „Bilder von Stargards Straßen“. Fotografien, Ansichtskarten, Schilder und Reklametafeln aus den Jahren 1872-1926 wurden gezeigt. Die vierte Ausstellung erinnerte an den Kreis Stargard auf alten Ansichtskarten, und die fünfte an die Stargarder „Solidarność“. Welches wird die nächste sein? „Ich möchte gern eine Ausstellung über die Einwohner von Stargard im 20. Jahrhundert machen: über Deutsche, Polen, Ukrainer, Juden, Zigeuner, Litauer, Russen, Franzosen“, sagt Jolanta Aniszewska.

Das Stargarder Museum hat gute Kontakte zu anderen Museen u.a. in Greifswald, Elmshorn, Stralsund, Wolgast und gibt ein umfassendes wissenschaftliches Jahrbuch Stargardia heraus. Ein Mitarbeiter des Museums, Marcin Majewski, Archäologe und Autor einer grundlegenden Arbeit über Die Glockengießerei in Stargard und Pommern im 14.-17. Jahrhundert, beschäftigt sich systematisch mit der Geschichte der Stadt und hat viele historische Zeugnisse gefunden. Er arbeitet an einem Biografischen Wörterbuch der Stargarder Einwohner. Die Gesellschaft der Freunde von Stargard und die Stadtverwaltung planen ein Buch unter dem Titel Erinnerungen polnischer und deutscher Stargarder Bürger an die Umbruchzeiten des Jahres 1945.

Die aktuelle Ausstellung von Stargard und die Feierlichkeiten des Jahres 2005 zeigen, wie verworren das gesellschaftliche Nachdenken über Identität und Nachkriegsgeschichte und über die polnisch-deutschen Beziehungen in Westpommern noch ist. Es gibt viele gute Absichten, wunderbare Initiativen, aber gleichzeitig immer noch Ängste und Befürchtungen. Die unterschiedlichsten Ansichten sind anzutreffen, sie reichen vom Polonozentrismus der Endecja bis zu europäisch geprägter Offenheit.

Wie sicher fühlen sich die Polen im seit 60 Jahren polnischen Westpommern? Verstehen sie das Spezifische ihrer Region? Identifizieren sie sich mit ihr? Es scheint, als ob es heute immer noch schwer fällt, auf diese Frage eine Antwort zu geben.

Stettin, Februar 2006

Aus dem Polnischen Dagmar Kriebel

Symbole der nationalen und konfessionellen Minderheiten in der Kulturlandschaft Westpommerns

Die politische Wende von 1989 hatte Auswirkungen auf die polnische Politik im Umgang mit nationalen und ethnischen Minderheiten. Das Schlagwort von der Schaffung einer Zivilgesellschaft und die Wertschätzung nationaler Minderheiten im gesellschaftlichen Leben standen am Anfang dieser Neuorientierung. Nach offiziellen Aussagen der Regierung, sollte diese Politik „den Vertretern nationaler Minderheiten die ihnen zustehenden Rechte sichern” und „zur Stärkung des Geistes von Toleranz und interkulturellem Dialog mit dem Ziel gegenseitiger Achtung, Verständigung und Zusammenarbeit“ beitragen (1). Kritiker dieser Politik bewerteten sie jedoch als inkonsequent und wiesen hauptsächlich darauf hin, dass eine rechtliche Definition der nationalen Minderheit fehle sowie dass trotz verschiedener Anläufe kein Minderheitengesetz verabschiedet wurde.

Wichtig in der neuen gesellschaftlich-politischen Wirklichkeit wurde die Frage nach einer größeren Präsenz der Minderheit in der symbolischen Sphäre. Pluralismus und Meinungsfreiheit vergrößerten die Chancen, der eigenen Überzeugung und dem eigenen Selbstverständnis Ausdruck zu verleihen. Das betraf auch die Sphäre der Symbole. Orte, Menschen und Ereignisse, die für die Minderheitengruppen von besonderer Bedeutung waren, sollten erneut hervorgehoben, gekennzeichnet und in das gesellschaftliche Gedächtnis aufgenommen werden. Einige solcher Initiativen stießen teils bei der Mehrheit, teils bei anderen Minderheitengruppen auf Widerspruch. Im folgenden wird untersucht, welche Symbole nationaler und konfessioneller Minderheiten sich in Westpommern etablieren konnten. Dabei werden sowohl der historische Kontext als auch die zeitgenössische Relevanz dieser Erscheinungen beleuchtet.

Geschichte und Symbole der Minderheiten in Westpommern von 1945-1989

Das Land im Westen und Norden wurde nach dem Zweiten Weltkrieg polnisches Staatsgebiet. Diese Landschaft war für lange Jahre durch die deutschen kulturellen Hinterlassenschaften geprägt, sichtbar an der Bebauung und ihrer Struktur, wie auch am Aussehen einzelner Häuser oder einzelner Elemente des täglichen Lebens (deutsche Brunnen oder Kanaldeckel, deutsche Inschriften auf den Gleisanlagen, an Gebäuden usw.).

Während des ersten Jahrzehnts dominierten die Anstrengungen zur Entfernung deutscher Spuren. So konnte man beispielsweise in Stettiner Zeitungen lesen: „Deutsche Inschriften und Müll müssen aus den Strassen Szczecins verschwinden” (2) oder „In Polen ist kein Platz für euch” (3). Die Literatur zu diesem Thema zeigt, dass das deutsche Kulturerbe von den polnischen Bewohnern Westpommerns abgelehnt wurde, zumeist mit dem selbstverständlichen Gefühl, alles Deutsche sei feindlich. Als Konsequenz dieser Einstellung kam es zur Zerstörung aller materiellen Zeichen, die mit den ehemaligen Bewohnern dieser Landesteile verbunden waren. Historische Inschriften an Baudenkmälern wurden übermalt, deutsche Friedhöfe zerstört (4), Gedenktafeln und Denkmäler vernichtet (5). Im gesellschaftlichen Bewusstsein herrschte eine „magische Rachsucht an allen ehemals deutschen Gegenständen – Möbeln, Holzverkleidungen, Beschlägen, Tapeten” (6). Mit der Vernichtung der deutschen Spuren waren sowohl die Regierenden, als auch die Mehrheit der Gesellschaft einverstanden, die römisch-katholische Kirche eingeschlossen. In einer Untersuchung des Schicksals sakraler Denkmäler zeigt Pfarrer Roman Kostynowicz wie radikal protestantische Gotteshäuser in römisch-katholische Kirchen umgestaltet wurden: „Es war (...) eine Zeit der allgemeinen Zerstörung von Kultusgegenständen, die den beweglichen Denkmälern viel Schaden zugefügt hat. Teile der ehemals protestantischen Innenausstattung wurden abgerissen, weggebracht oder verändert und dadurch entwertet oder zerstört. Bei dieser Gelegenheit wurden auch mittelalterliche Objekte, wie Altäre, Skulpturen, Malereien zerstört”.

Untersuchungen zeigen, dass die Ablehnung des vorgefundenen Kulturerbes und dessen Schutz vor allem von zwei Faktoren abhing: vom Umfang dieser kulturellen Hinterlassenschaften und von den politischen Umständen. Naturgegebenheiten und gesellschaftlich-wirtschaftliche Bedingungen spielten eine untergeordnete Rolle. Im Polen der Nachkriegszeit herrschte generell eine antideutsche Politik. Im Rahmen der intensiven Angleichung der Region Westpommern an die übrigen Landesteilen wurde häufig die Vergangenheit verdrängt oder ignoriert.

Der für die Mehrzahl der neuen Bewohner fremde Kulturraum sollte durch die Symbolik der Mehrheit geprägt werden. Nach Bogdan Twardochleb spielte hierbei die offizielle, eindeutig antideutsche Propaganda eine bedeutende Rolle: „Im westlichen Grenzgebiet schuf sie einen Verteidigungsmythos ähnlich dem in den polnischen Ostgebieten, außerdem unterstützte sie alle Handlungen, die das neue Territorium sakralisierten.” (7) Zum Allgemeingut sollten Parolen werden wie die folgenden: „Wir waren, wir sind, wir werden sein”, „Die Kirche kehrte hierher zurück, denn Polen war zurückgekehrt” (8), oder Denkmäler, wie das in Szczecin: „Die Errungenschaft der Polen“ mit seinen drei Adlern. Die polnische Kultur wurde zur dominierenden, zum „grundlegenden kulturellen Muster”, zur einzig rechtmäßigen Kultur in diesen Gebieten. (9)

Dieser Unifizierungsprozess der neuen Gebiete dauerte bis in die 1960er Jahre, danach – so hieß es: „war der Prozess der Vereinigung der wiedergewonnenen Gebiete mit dem Mutterland beendet. Die Grundlagen für ein einheitliches Wirtschaftsystem, in dem die einzelnen Landesteile ein harmonisches Ganzes bildeten, waren gelegt. In politischer Hinsicht war der Unterschied zwischen den ‚alten’ und den ‚neuen’ Ländern vollständig verschwunden”.

Die offizielle Stellung der nationalen Minderheiten in der Nachkriegsrealität Pommerns wurde durch die Regierungspolitik bestimmt. Andrzej Chodubski betont, dass die Ziele der Nationalitätenpolitik in Westpommern vollständig der Strategie zur Integration dieser Region in das restliche Staatsgebiet untergeordnet waren. Dadurch sollte eine vereinheitlichte Gesellschaft geschaffen und die Entstehung eines „Volksgruppenmosaiks” verhindert werden, dessen Elemente sich in Lebensstil, Traditionen, Grundsätzen und gesellschaftlichem, wie sozialem Verhalten unterschieden hätte. Ähnlich Andrzej Sakson. Seiner Meinung nach wurde die Nationalitätenpolitik an Staats- und Parteidirektiven ausgerichtet, die eine schnelle nationale und kulturelle Vereinheitlichung der neuen Gebiete vorsahen. Hauptziel dieser Politik war beschleunigte Assimilation und Polonisierung. Die von den Regierenden instrumentalisierten Minderheitengruppen leisteten entweder passiven Widerstand oder brachten ihre Assimilation an die gesellschaftspolitische Realität zum Ausdruck.

In der Praxis bedeutete diese Unifizierungspolitik für die Minderheiten die Aufgabe ihrer bisherigen Art und Existenz und das Untergehen in der Kultur der dominierenden Mehrheit. Wissenschaftler, die diesen Prozess beschrieben, nannten ihn einen „Zusammenstoß der Kulturen“ und verstanden darunter eine Konfrontation mit den ihres symbolischen Inhalts wegen nicht akzeptierten, abgelehnten kulturellen Elementen. Anfänglich betraf das Elemente der öffentlichen Kultur, später auch verdecktere Bereiche (wie z.B. in der Familie gelebte Bräuche).

Kazimierz Pudło schrieb über das Schicksal der ukrainischen Minderheit: „Durch die weitgehende Zerstreuung der Ansiedler konnten sich die kulturellen Traditionen nicht entwickeln, ja nicht einmal die meisten ihrer Elemente konnten erhalten bleiben. Einige erwiesen sich als dysfunktional in der sich neu gestaltenden Kultur lokaler Gesellschaften. Anderen hingegen fehlte die Kraft sich gegen die regionale polnische Kultur durchzusetzen, vor allem in den ersten Monaten ihrer Koexistenz. (…) Die Ansiedler eliminierten zunächst jene Elemente aus ihrer Kultur, durch die sie als primitive oder zurückgebliebene Menschen negativ abgestempelt wurden (Kleidung, bestimmte Werkzeuge und Hauswirtschaftsgeräte, Verhaltensweisen, u.ä.). Am längsten – zum Teil bis heute – hielten sich jene kulturellen Elemente, die durch die eigenen vier Wände geschützt waren und dort von der alten oder mittleren Generation kultiviert wurden (Verhaltensweisen, Festbräuche, Lieder, Sprichwörter, alltägliche und den Feiertagen vorbehaltene traditionelle Gerichte)”.

Von der Berücksichtigung der öffentlichen Symbolik der Minderheiten konnte also keine Rede sein. Auch Zbigniew Jasiewicz bestätigt in seinen langjährigen Forschungen zum kulturellen Mosaik in den neuen Gebieten, dass in dieser Region die Familie, und nicht die lokale (regionale) Gemeinschaft Hauptträger der kulturellen Unterschiede war.

Symbole der Minderheiten in der Kulturlandschaft Westpommerns nach 1989

Für die Zeit nach 1989 ist ein größeres Verständnis für die unterschiedlichen kulturellen Traditionen in Pommern charakteristisch. Der grundlegende Unterschied zwischen Zentralpolen und Westpommern liegt, so scheint es, im Bezug zur eigenen Region – während man dort seit Jahrzehnten zusammenlebte, waren in Pommern sowohl die einen (die Mehrheit) als auch die anderen (die Minderheit) Neuankömmlinge, die diese Region erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges besiedelten.

Das vergangene Jahrzehnt offenbarte nach und nach die offensichtliche Wahrheit über die übernationale Identität der Orte. Hingewiesen wurde auf den multikulturellen Charakter Westpommerns als Gebiet in dem im Laufe der Jahrhunderte viele Kulturen (slawische, polnische, deutsche und skandinavische) aufeinander trafen. Diese multikulturelle Vergangenheit wurde immer mehr zum Vorzug der Region. In einem der ersten Handbücher zur regionalen Erziehung heißt es: „Westpommern ist eine außergewöhnliche Region, in der sich im Laufe der Zeit zahlreiche Einflüsse und Interessen begegneten (…) Das alles führt dazu, dass das Kulturerbe Westpommerns durch viele, hier über Jahrhunderte lebende Nationen geschaffen wurde.” Diese mit der multikulturellen Erziehung verbundene Ansicht fand auch in der Lehrerschaft ihre Anhänger. Eine Stettiner Spezialistin für Methodik des Geschichtsunterrichts schrieb: „Die in der Vergangenheit der Region begründete nationale und ethnische Vielfalt der westpommerschen Gesellschaft stellt für den Lehrer eine Herausforderung und ein didaktisches Problem dar, beinhaltet aber zugleich eine Chance zur Herausbildung einer regionalen Identität, die sich auf Offenheit, Liberalität, Toleranz, Pluralismus der Kulturen und ihres Verständnisses untereinander gründet.”

Pommern wurde in den 1980er und 1990er Jahren im gesellschaftlichen Bewusstsein immer mehr zur „Heimat Vieler”. Man wurde sich dessen bewusst, dass das polnische Leben in Nord- und Westpolen in eine „ehemals deutsche Infrastruktur materieller Zivilisation” eingebettet ist. In Diskussionen über das kulturelle Erbe der Region wurde deutlich, wie das „Alte” (Deutsche) in Pommern neu entdeckt wurde. Artur Daniel Liskowackis Buch „Eine Kleine”, in dem das Schicksal deutscher Bewohner Stettins in der ersten Nachkriegszeit beschrieben wird, erzielte einen triumphalen Erfolg. Zugleich wurden Schicksalsgemeinschaften zwischen den früheren und heutigen Bewohnern dieser Gebiete entdeckt. Die Ethnologin Iwona Karwowska schrieb: „Westpommern wurde im 20. Jahrhundert zu einem besonderen Ort, zur Heimat derer, die gezwungen waren, sie nur noch im Herzen zu behalten und zur Heimat auch derjenigen, die lernten sie so zu nennen. Alle, ganz gleich welcher Nation, verbindet das Schicksal der Umsiedler, Menschen die ihrer Lebensgrundlagen und der Erde ihrer Vorfahren beraubt wurden”.

Möglich wurden diese Veränderungen durch den Wandel in der Einstellung der polnischen Bewohner, je länger diese dort lebten und wohnten und je mehr sie sich zuhause fühlten. Wesentlich für diese neue Sichtweise war die Betonung der zivilisatorischen Kontinuität in der polnisch-deutschen Grenzregion und die Aneignung ihres Kulturerbes. Es erschienen zahlreiche Alben mit Ansichten westpommerscher Städte, Gedenktafeln für herausragende, mit der Region verbundene Persönlichkeiten wurden errichtet (10), noch vorhandene Spuren deutsch-pommerschen Kulturgutes gesichert. Der Stettiner Historiker Włodzimierz Stępiński beschrieb diese Veränderungen mit den Worten: „Einst fühlten wir uns als Eroberer, jetzt als Verwalter. In einiger Zeit werden wir uns als Erben fühlen, aber das bedeutet, dass die existierenden Kulturdenkmale in die Gestaltung eines polnischen Regionalbewusstseins integriert werden müssen. Sie werden Teil unseres Gefühls und wir zu Erben auch der deutschen Zivilisation.” Auch dem deutschen Historiker Norbert Buske lässt sich nicht widersprechen, wenn er feststellt, dass „die Kulturlandschaft von den neuen Bewohnern erst dann dankbar übernommen und als Heimat geschützt wird, wenn sie die Geschichte ihrer neuen Heimat verstehen und wenn sie den kulturellen Reichtum der Region – sicher nicht selten aus einem anderen Blickwinkel betrachtet – nutzen und aufrechterhalten.”

In der polnischen Fachliteratur zeichnet sich die Auffassung ab, dass die Aneignung der Kulturlandschaft der Beginn eines langen Prozesses zur Schaffung eines neuen Kulturerbes ist, das sich sowohl aus vorgefundenen, oder mitgebrachten als auch aus neuen zivilisatorischen und kulturellen Elementen der Nachkriegszeit zusammensetzt. Der Prozess der gegenseitigen Durchdringung all dieser Elemente charakterisiert das Phänomen der Westprovinzen. Es ist dies ein mühseliger und durchaus nicht unproblematischer Prozess. Scheinbar unwichtige Kleinigkeiten können sich als weitreichende Fragen herausstellen. Das zeigte sich z.B. bei der Fassadenrestaurierung des Nationalmuseums in Stettin, als man dort deutsche Straßennamen entdeckte und entschieden werden musste, wie man damit verfahren sollte (11). Ähnliche Probleme ergeben sich, wenn es um das eventuelle Wiederaufstellen einzelner Denkmäler geht.


Gewöhnung der „Mehrheit“ an die „Minderheiten“

Die erste Etappe ist die „Gewöhnung” der Mehrheit an die Minderheiten, an ihre Existenz, ihre Symbole und ihre Aktivitäten. Dieser Prozess entwickelte sich nicht konfliktfrei. Besonders Anfang der 1990er Jahre konnte man häufig Wandparolen xenophoben Inhalts finden. (12) Symbole der Minderheiten erlebten verschiedenste Angriffe, der Gedenkstein auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof in Szczecin wurde beschmiert, ebenso das Vereinsschild bei der Fassadenrenovierung des Hauses der jüdischen Gemeinde. Die Etappe der „Gewöhnung” der Mehrheit an die Minderheiten ist eigentlich noch nicht abgeschlossen. Dieser Prozess vollzieht sich einerseits im Schatten des polnisch-deutschen Dialoges aber er betrifft auch die ukrainische oder die jüdische Gemeinschaft. Von kleineren Minderheitengruppen, die ebenfalls in Westpommern leben, wird überhaupt nicht gesprochen. Es scheint so, als ginge man aufgrund ihrer geringen Anzahl, ihrer Versprengtheit, oder auch ihrer Altersstruktur (es handelt sich vor allem um ältere Personen) sowieso von ihrer Assimilation oder ihrem Aussterben aus.

Als zweite Etappe könnte man die „Aneignung” der Kulturlandschaft durch die Minderheiten bezeichnen. Ohne die gesellschaftliche Akzeptanz der Mehrheit wäre das natürlich nicht möglich gewesen. Eine solche „Aneignung” der Landschaft zeigte sich in der Entstehung neuer oder Anpassung alter Objekte, die sich auf den ethnischen (konfessionellen) Hintergrund der verschiedenen Minderheitengruppen beziehen. Ebenso entstanden eine Reihe von Gedenkstätten, die den früheren Bewohnern der Region, bedeutenden Ereignissen und charakteristischen Figuren oder Institutionen ihrer Geschichte gewidmet waren.

Symbole der Minderheiten in Pommern

Ein solches Symbol ist z.B. die Vereinte Taras-Szewczenko-Schule in Biały Bór, an der in ukrainischer Sprache unterrichtet wird. Ihre Anfänge reichen in das Jahr 1958 zurück, als in Biały Bór eine ukrainische Grundschule eingerichtet wurde. 1961 erhielt sie den Namen des ukrainischen Dichters Taras Szewczenko. 1979 wurde diese Schule aufgrund ihres schlechten technischen Zustandes geschlossen und der Unterricht zunächst in die Grundschule Nr. 1, später in die Vereinte Wirtschafts- und Landwirtschaftsschule verlegt. Nach der aus technischen Gründen erfolgten Schließung des Internats im Jahre 1982 bildete sich ein gesellschaftliches Komitee zum Bau eines neuen Internats. 1983 war die Sanierung der Schule und 1989 die des Internats abgeschlossen. 1990 wurde das I. Allgemeinbildende Lyzeum eröffnet und 1999 entstand dann im Rahmen der Schulreform die Vereinte Taras Szewczenko Schule mit ukrainischer Unterrichtssprache (6-jährige Grundschule, 3-jähriges Gymnasium [Mittelschule] und 3-jähriges Lyzeum [Gymnasium]). Als andere derartige Beispiele wären folgende neue Einrichtungen in Stettin zu erwähnen: das Ukrainische Kulturzentrum (1994), das Französische Haus (1995), und das Internationale-Dietrich-Bonhoeffer-Studien- und Begegnungszentrum (2003).

1989 entstand das Litauische Museum in Pszczelnik bei Myślibórz. Es entwickelte sich aus einer aus dem Museum für Volksbaukunst im litauischen Rumszyszkach stammenden Kate. In zwei Räumen wurden Gegenstände ausgestellt, die an den tragischen Tod der litauischen Piloten Stepas Darius und Statys Girenas erinnern.

Auch verschiedene sakrale Neubauten sind als Symbole im Kulturraum zu deuten. Die bekannteste unter ihnen ist die griechisch-katholische Kirche zur Geburt der Allerheiligsten Gottesmutter in Biały Bór, die in den Jahren 1992-1997 nach dem Entwurf von Jerzy Nowosielski und dem Architekten Bogdan Kotar entstand. Dieses Gotteshaus besticht durch seine moderne Form, die an frühchristliche Kirchen anknüpft und durch die charakteristische Farbgebung, die für das Werk Jerzy Nowosielskis typisch ist. Neue Kirchen entstanden auch in Koszalin (griechisch-katholisch) und Szczecin (orthodox). In Szczecin wurde ein ehemaliges sowjetisches Krankenhaus für die Zwecke der byzantinisch-ukrainischen Gemeinde umgebaut. Die grundlegendste Veränderung bestand im Anbau einer Apsis für das in der östlichen Liturgie charakteristische Presbyterium.

Nach 1989 entstanden in vielen westpommerschen Ortschaften Orte der Erinnerung an die alten Bewohner dieser Region: 1998 – Lapidarium alter Grabsteine aus dem Landkreis Randow in Police; Denkmal für die Sportler der Jahre 1862-1997 in Gryfice; 1999 – Gedenkstein für die jüdische Gemeinde zur deutschen Zeit; 2001 – Lapidarium in Erinnerung an den jüdischen Friedhof in Kołobrzeg.

Zum Gedenken an die Ereignisse der „Aktion Weichsel”, also der Zwangsumsiedlung der ukrainischen Bevölkerung aus dem Südosten Polens in die Westgebiete im Jahre 1947, entstand in Trzebiatów 1997 vor dem Sitz des Verbandes der Ukrainer ein Denkmal zur Erinnerung an diese tragischen Ereignisse, ebenso wie in Kołobrzeg, wo ein Gedenkkreuz mit einer Inschrift vor der griechisch-katholischen Kirche errichtet wurde.

Auch an Institutionen der Minderheiten wurde erinnert. Beispielsweise wurde in Szczecin 1999 eine Gedenktafel enthüllt, die auf die 1873-1938 an diesem Ort stehende Synagoge hinweist. 2001 wurde ein Kreuz auf dem Grundstück des durch Dietrich Bonhoeffer geleiteten Predigerseminars errichtet. Seit 2003 erinnert eine Tafel an die jüdische Izhok-Lejb-Perez-Schule (1946-1969). 2004 wurde in Dziwnów eine Gedenktafel enthüllt, die an das geheime Militärkrankenhaus erinnert, das in den 1940er Jahren dort für im Bürgerkrieg verletzte griechische Partisanen eingerichtet worden war.

Die Erinnerung schließt auch herausragende Persönlichkeiten aus der Geschichte nationaler Gruppen ein. So wurde in Biały Bór 1991 ein Denkmal für den ukrainischen Dichter Taras Szewczenko errichtet. In Szczecin erinnert seit 2005 eine Tafel an den Wohnort Eliasz Rajzmans, des letzten Dichters, der im Nachkriegspolen noch in jiddischer Sprache schrieb.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die beschriebene Tendenz der „Aneignung” der Kulturlandschaft durch die in ihr lebenden gesellschaftlichen Gruppen fortsetzt, so dass ein Pommern als „Heimat Vieler” möglich wird und sich alle seine Bewohner hier zuhause fühlen können.

Aus dem Polnischen Mathias Enger

 

 

(1) Bericht an den Generalsekretär des Europarates über die Realisierung der Bemühungen zur Einhaltung des Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten des Europarates durch die Republik Polen, zitiert nach dem polnischen Original: Raport dla Sekretarza Generalnego Rady Europy z realizacji przez Rzeczpospolitą Polską postanowień Konwencji Ramowej Rady Europy o ochronie mniejszości narodowych, Warszawa 2002, S. 72.

(2) Kurier Szczeciński vom 3.4.1946.

(3) Kurier Szczeciński vom 28-29.4.1946. Weiter unten im Text heisst es: „der ausgesprochen hunanitäre Charakter der derzeitigen Repatriierung der Deutschen führte bereits mehrfach zu Aufbegehren und Unzufriedenheit unter der polnischen Bevölkerung, die Gelegenheit hatte, die Repatriierung in unterschiedlichen Stadien zu erleben. (...) aber internationale Aufgaben darf man nicht im Geiste des Hasses erledigen. Wir suchen keine Rache. Es reicht uns, wenn wir so schnell wie möglich keine Deutschen mehr sehen müssen (...).”

(4) Noch in den 1980er Jahren wurden in der Wohnsiedlung Słoneczne in Szczecin alte deusche Grabsteine zum Bau eines Sandkastens verwandt; siehe: D. Jachno, Dziecięce zabawy wśród poniemieckich nagrobków, in: Głos Szczeciński vom 15.05.1997.

(5) Über deutsche Denkmäler in Szczecin siehe: M. Kamola-Cieślik, Niemieckie pomniki Szczecina, in: Acta Politica 2001 Nr. 14, S. 181-191.

(6) S. Chwin, „Literatura pogranicza” a dylematy Europy Środkowej, in: Transodra 1997 Nr. 17, S. 7.

(7) B. Twardochleb, Polskie Pomorze Zachodnie: od regionu osadników do prywatnej ojczyzny, in: Transodra 1995 Nr. 10/11, S. 59, deutsche Übersetzung S. 64

(8) Nach Jahren sagte ein deutscher Forscher zu diesen Losungen: „Die Kirchen, die nach 1945 von der katholischen Kirche übernommen wurden, sind Gebäude mit jahrhundertelanger Tradition. Bekannt sind Äusserungen von Vertretern der polnischen katholischen Kirche, in denen sie ihrer Genugtuung darüber Ausdruck verleihen, dass die Region Pommern endlich erneut christlich wurde. Äusserungen dieser Art, die an die Polemik der Gegenreformation erinnern, sind ein Stich ins Herz derer, die sich vor 1945 für die Erhaltung dieser Heiligtümer engagierten. (...) Pommern war vor 1945 kein heidnisches Land, es war vielmehr nicht katholisch”. – N. Buske, Wprowadzenie, (in: ) Protestanci i katolicy pomorscy wobec hitleryzmu i stalinizmu, Hg. N. Buske, K. Kozłowski, Szczecin, S. 19.

(9) Auch die Meinung Janusz Muchas scheint hier erwähnenswert, der annimmt, dass eine dominierende Gruppe, die sich auf dem Gipfel der ethnischen Hirarchie befindet und den grösst möglichen Zugang zur politischen und wirtschaftlichen Macht einer Gesellschaft hat, ihre Werte der Minderheit vorschreibt. Dieser Forscher merkt an: „Die kulturelle Dominanz wird in einer solchen Situation durch das Recht und den Apparat erzwungen, wird aber nach einiger Zeit als selbstverständliche Leitkultur für alle interkulturellen Beziehungen betrachtet”; siehe J. Mucha, Dominacja kulturowa i reakcje na nią, (in: ) Kultura dominująca jako kultura obca, Hg. J. Mucha, Warszawa 1999, S. 31.

(10) Zum Beispiel: Der Komponist Carl Loewe, der Schriftsteller Alfred Döblin, der Historiker Hugo Lemcke, oder einer der Erfinder des Fernsehens Paul G. Nipkow.

(11) Der Direktor des Museums aus gegebenem Anlass: „Szczecin ist eine polnische Stadt auf deren Gebiet polnische Namen verpflichtend sind. Die Achtung vor der Vergangenheit darf nicht die Achtung vor der Gegenwart überschatten, umsomehr, als der ideologische Streit um den historischen Sinn und die Konsequenzen der Migrationen der Jahre 1944/45 noch nicht verebbt ist. Das Museum hat nicht die Absicht durch eine nachhaltige Einflussnahme im öffentlichen Raum eine bestimmte Interpretation der Vergangenheit aufzudrängen, ohne eine klare Stellungnahme der rechtlichen Vertreter der Bürgerschaft in dieser Frage.” Zit. nach: W. Stępiński, E. Włodarczyk, Szanując historię, ale…, in: Kurier Szczeciński vom 17.10.2003.

(12) Vgl. Gazeta na Pomorzu: „(…) In Szczecin-Podjuche in der ul. Granitowa gibt es seit fast einem halben Jahr ein Hakenkreuz und antijüdische Inschriften. Ebenso im Stadtteil Słoneczy und vielen anderen Teilen Stettins.”- M. Witkowski, Mówią mury, in: Gazeta na Pomorzu, 23.08.1991. Recht laut wurde es um die antiukrainischen Parolen an der griechisch-orthodoxen Kirche in Trzebiatów – L. Wójcik, Pewnego razu w Trzebiatowie, in: Gazeta na Pomorzu, 21.02.1992.

Über die Friedhöfe der „Anderen“

1980 ließ ich mich in Chojna, dem ehemaligen Königsberg in der Neumark nieder. Mit der Architektur der Renaissance und des Barock war ich vertraut, da ich im Lubliner Land aufgewachsen war, um aber Bauwerke der Gotik bewundern zu können, hätte ich nach Krakau oder Thorn fahren müssen, oder besser noch in die Westgebiete Polens. Die monumentalen mittelalterlichen Ziegelbauten hatten immer einen starken Eindruck auf mich gemacht, sie schienen mir voller Geheimnisse und Rätsel zu sein – vor allem die berühmte Legende von dem verborgenen Schatz der Templer. Deshalb brachte der Umzug in das alte neumärkische Königsberg mir die Freude des täglichen Umgangs mit den Spuren der Ordensritter.

Beim Eindringen in die Umgebung gewann ich jedoch bald den Eindruck, dass es eine Leerstelle, ein schwarzes Loch in dieser malerischen Landschaft gibt. Mir wurde klar, dass mir die alten Friedhöfe fehlten. Es war paradox: Bauten mit fast tausendjähriger Vergangenheit hatten die Zeiten überdauert, dagegen waren keine Spuren aus der Zeit von vor hundert oder selbst vierzig Jahren vorhanden. Ich empfand diese Leerstelle umso deutlicher, als ich mich an die Lubliner Nekropolen gewöhnt hatte: neben dem ältesten, mit riesigen Bäumen bewachsenen und mitten in der Stadt gelegenen schönen römisch-katholischen Friedhof befindet sich ein alter evangelischer Friedhof, und gleich daneben – ein orthodoxer. Aus dem 19. Jahrhundert stammende Datierungen auf den Grabsteinen sind dort keine Seltenheit. Nahe der Altstadt hingegen, neben dem früheren jüdischen Viertel mit der Hauptstrasse, der Lubartowska, ist ein alter jüdischer Friedhof erhalten geblieben. Natürlich verwilderte er im Laufe der Zeit, aber in einem schlechten Zustand befanden sich auch katholische und andere nicht-katholische Gräber.

In Chojna begann ich die Leute nach dem Schicksal des örtlichen jüdischen Friedhofs auszufragen. Er hatte an der Stadtausfahrt in Richtung Szczecin gelegen, gegenüber dem heutigen Fußballstadion. Im ersten Moment war ich davon überzeugt, dass der jüdische Friedhof den Zweiten Weltkrieg in Lublin deshalb überstanden hatte, weil Lublin im Generalgouvernement lag und nicht im Reich. Rasch, ohne das in historischen Quellen zu überprüfen, legte ich mir so eine Arbeitshypothese zurecht, dass hier, im ehemaligen Nazideutschland, fast im Herzen des Reichs (von Chojna nach Berlin sind es gerade mal einige Dutzend Kilometer), jüdische Friedhöfe keine Chance hatten und schon vor Kriegsende dem wahnsinnigen, verbrecherischen Apparat des Hitlerstaates zum Opfer gefallen waren.

Ich erinnere mich an die Verblüffung, ja geradezu an den Schock, als sich herausstellte, dass der jüdische Friedhof von Chojna den Krieg in aller Ruhe überstanden hatte und erst viel später durch uns Polen zerstört und letztlich dem Erdboden gleichgemacht wurde. Wie ist das möglich, fragte ich mich, dass diejenigen, die Millionen Juden umgebracht, diese Gräber in Ruhe gelassen haben, während Polen, selbst Opfer der braunen Ideologie, sie nicht achteten? Diese Frage bewegt mich bis heute.

In Chojna wurden auch die deutschen Friedhöfe zerstört, und ich nehme an, dass es ohne Bedeutung war, ob es sich um protestantische oder katholische Friedhöfe handelte. Entscheidend war, dass sie fremd waren, „nicht unsere“, die Grabsteine trugen nicht nur keine polnischen Inschriften, sondern sie waren auch noch in irgendwelchen „teutonischen“, jedenfalls kaum zu entziffernden Buchstaben verfasst. Lediglich in der ausgebrannten und zur Hälfte gesprengten Marienkirche konnte man noch verblasste Fragmente alter Fresken mit deutscher Beschriftung finden.

Die Geschicke der nichtpolnischen Friedhöfe in Chojna und Umgebung gehören zu den Tabuthemen, an denen es in unserem Land nicht fehlt, trotz Beseitigung der amtlichen Zensur. Man hat mir zum Beispiel geraten, nach dem Schicksal des jüdischen Friedhofs lieber nicht allzu viel herumzufragen, auch nicht danach, warum und wie die Grabsteine in den umliegenden Bauernhöfen verwendet wurden. Zu den Tabuthemen gehören auch die ersten Jahre nach 1945. Erst kürzlich erfuhr ich aus deutschen Zeitzeugenberichten, dass Chojna zwei Jahre lang eine Art Durchgangslager war, in dem die auszusiedelnden Deutschen aus den umliegenden Orten vor ihrem endgültigen Abtransport über die Oder konzentriert wurden. Im Jahre 2000 veröffentlichten wir in der Gazeta Chojenska über mehrere Monate die Erinnerungen eines 15-jährigen Zeugen der damaligen Ereignisse, eines Aussiedlers aus Arnswalde (heute Choszczno). Was hat das mit den Friedhöfen zu tun? Eine Menge, wenn auch in einem etwas anderen Kontext.

„Es vergingen weitere Wochen, bis der Herbst 1945 herannahte“, schreibt K. S., der Autor der Erinnerungen, der seine Anonymität wahren möchte. „Eine Typhusepidemie forderte viele Opfer – nicht nur die von Hunger ausgemergelten und entkräfteten Deutschen. Es traf gleichermaßen auch die Polen. Die ersten Todesopfer des Typhus (wie auch die anderen, die schon davor gestorben waren), wurden von den Familien oder Nachbarn in den Gärten oder hinter der Stadtmauer begraben. Es gab keinerlei ärztliche Betreuung oder Medikamente. Irgendwelche Behörden oder Ordnungskräfte waren uns nicht bekannt. Wie schon früher erwähnt, hatten wir lediglich zu bewaffneten Polen mit weiß-roten Armbinden Kontakt. (…) Die noch arbeitsfähigen Männer wurden als Totengräber eingesetzt. Dazu wurden vor allem die Deutschen, die in der Nähe der Bahnhofstraße (heute Jagiellońska) und der Kaiserstraße (heute Kościuszki) wohnten, herangezogen. Erst durch sie erfuhren wir damals, dass sich in dieser Region der Sitz der polnischen und – gleich daneben – der russischen Kommandantur befand.

Das zur Bekämpfung der Seuche bestimmte Krankenhaus wurde von einem älteren Polen und seinem Sohn geleitet. Beide sprachen gut deutsch. Meine erste Arbeit an dieser Stelle, die ich zusammen mit meinem Freund Günter Reddemann ausführte, bestand darin, die aufgeschichteten Leichen zu sortieren und auszuziehen. Das bedeutete, dass die Deutschen, nachdem ihnen die Krankenhaushemden ausgezogen worden waren, einfach nackt beerdigt wurden. Diese unwürdige Behandlung erklärten die Polen mit der Notwendigkeit, dass die Sachen sofort verbrannt werden müssten, nachdem sie in das Krankenhaus gekommen waren. Die toten Polen haben wir aber angezogen beerdigt.

Besonders bewegt hat mich (und das ist mir bis heute in Erinnerung geblieben) der Tod einer Mutter mit ihren zwei Kindern. Sie starben nacheinander, einen Tag nach dem anderen, und wir hielten dies für einen Trost, weil es das Schicksal offensichtlich so wollte. Wir hatten schon vorausgesehen, dass sie alle sterben würden, wir beerdigten ihre Leichen in einem gemeinsamen Grab. Die Kinder waren ungefähr 4-6 Jahre alt. Wir ließen der Mutter das Hemd an und brachten sie alle zu einem Sammelgrab. Zusammen mit Günter versuchte ich später noch die Körper mit den Spaten so zu schieben, dass die Kinder in der Nähe der Mutter zu liegen kamen.

Die Tiefe der Gräber war genau festgelegt und um den direkten Kontakt mit den Leichen zu vermeiden, war angeordnet worden, die Körper von den Bahren herab zu werfen, auf denen wir sie mit einem Pferdefuhrwerk transportierten. Beim Beerdigen der polnischen Toten galten die gleichen Grundsätze. Da jede Totengräbergruppe nur aus zwei Personen bestand, war es ziemlich schwer, die Körper herunterzuwerfen. Bei zwei polnischen Begräbnissen waren Geistliche dabei, und einmal erhielten wir von einer Familie Banknoten, mit denen wir lange nichts anzufangen wussten. Ich erinnere mich noch gut an das Begräbnis eines deutschen Schneiders namens Baumann, weil in dem Fall besondere Privilegien angeordnet worden waren. Wir mussten den Toten waschen, anziehen und im Sarg beisetzen! (der übrigens für ihn zu klein war). Niemand von uns kannte diesen Mann. Ich erinnere mich auch noch gut an Frau Lucht. Sie wohnte mit ihren Eltern oder Schwiegereltern in einem Häuschen an der Stadtmauer, ungefähr 150 Meter südlich vom Kloster. Diese Frau Lucht, die 26-30 Jahre alt war, habe ich auch begraben. Beim Transport der Toten fragten wir die Leute aus Arnswalde, ob sie sie nicht kennen, aber ohne Erfolg. Deshalb vermute ich, dass sie eine gebürtige Königsbergerin gewesen sein kann.

Die ersten Beisetzungen fanden auf dem alten Friedhof am Schwedter Tor statt. Hier waren die Stellen gekennzeichnet, wo wir die Gräber ausheben sollten. Es waren meistens alte Grabstätten von Königsberger Einwohnern. Meine Landsleute sind auch auf dem neuen Friedhof beigesetzt worden, und auch an anderen freien Stellen. Ich kann heute aber die Stellen nicht mehr benennen. Die Familien der Toten wurden nie benachrichtigt und nahmen erst recht nicht an den Begräbnissen teil. Das war bestimmt so, weil es keine entsprechenden Verwaltungs- oder Ordnungsstrukturen gab. Mir ist auch nicht bekannt, ob irgendein Totenverzeichnis geführt wurde. Einige Familien pflegten ihre Kranken selbst, und organisierten die Beerdigung danach auf eigene Faust, um ein anonymes Massenbegräbnis zu vermeiden“, erinnert sich der Umsiedler oder – wie er sich selbst nennt – Vertriebene.

Der junge Deutsche beschreibt Örtlichkeiten, die mir gut bekannt sind. Schließlich wohne ich seit über zwanzig Jahren innerhalb der Altstadt, wenige Meter von der Stadtmauer entfernt. Dem Bericht nach wurden genau hier in namenlosen Massengräbern Dutzende, vielleicht sogar Hunderte Leichen begraben. Also ist es sehr wahrscheinlich, dass ich tagtäglich über Gräber laufe …

Ich möchte unnötiges Pathos vermeiden und nicht zu sehr dramatisieren, obwohl wir über die größten menschlichen Dramen sprechen. Der Zweite Weltkrieg brachte unvorstellbares Leid über die Menschen. Aufgewachsen in der Volksrepublik Polen habe ich unzählige Berichte über die Vernichtungsstätten in mich aufgenommen, einige habe ich als Kind mit eigenen Augen gesehen (schließlich wohnte ich in der Nähe von Majdanek, und die Familienbesichtigungen des Lagers waren in Lublin seinerzeit ein festes Ritual). Doch in Chojna stieß ich auf etwas sehr Konkretes, das nicht nur meine Stadt betraf, sondern meinen Hof, sogar mein Haus. Kann es sein, dass es mich nichts angehen soll, was in der Nähe meines Hauses vor Jahrzehnten passiert ist, und dass es vielleicht auf menschlichen Gebeinen errichtet wurde? Besonders bewegt war ich, dass ich erst ein halbes Jahrhundert nach den damaligen Ereignissen, und erst über zwanzig Jahre nachdem ich hier mein Zuhause fand, davon erfahren habe. Ich fühlte mich, als hätte ich mein persönliches Jedwabne entdeckt (natürlich mit klarem Bewusstsein für die Unterschiede und Proportionen). Wie viele solche Entdeckungen stehen mir noch bevor? – dachte ich.

Vor zwei Jahren schrieb ich in der Einführung zu den Erinnerungen des ehemaligen Einwohners von Arnswalde in der Gazeta Chojenska: „Die Vergangenheit kennen zu lernen ist für jeden wichtig, aber für uns, die wir in Gebieten leben, die erst seit ein paar Jahrzehnten zu Polen gehören, ist es wohl von besonderer Bedeutung. Es ist schwer, ohne Zukunft zu leben, aber vielleicht noch schwerer ohne Vergangenheit. Aber so haben wir hier in dem letzten halben Jahrhundert gelebt – ohne Wurzeln, ohne Wissen über das Land und die Häuser, in denen wir wohnen. Viele von uns haben sogar freiwillig auf diese Vergangenheit verzichtet, so als hätte die Geschichte dieser Gebiete erst nach 1945 begonnen. Im Endeffekt fühlten wir uns hier scheinbar zuhause, aber die ganze Zeit über fremd. Wer vor der Vergangenheit seines Hauses und seines Landes wegläuft (jetzt schon seines eigenen Landes), der verkrüppelt geistig. Und es stellt sich heraus, dass in der neueren Geschichte, die Zahl der noch zu entdeckenden weißen Flecken nicht kleiner wird, sondern eher umgekehrt.“

Aus dem Polnischen Dagmar Kriebel

Auf den Spuren der Religionen im Grenzland

Am Horizont zeichnet sich die Silhouette einer Kirche ab, an der Weggabelung steht ein Kreuz, in der Ferne nimmt man einen alten Friedhof wahr. Wenn man durch Ziemia Lubuska (Lebuser Land) wandert, trifft man überall auf Spuren des religiösen Lebens dieser Region, also ihrer deutschen und polnischen Geschichte. Gottfried Benn, der aus dieser Gegend stammt, schrieb: „Die Geschichte! Der Westen vergöttert sie und leitet von ihr die meisten seiner Ideologien ab.“ Aber die wiederentdeckte Geschichte kann auch der Anfang eines Dialogs sein.

Wandernde Kathedralen

Der Ausgangspunkt unserer Wanderung ist das kleine Lebus (auf polnisch: Lubusz) an der Oder in Brandenburg, unweit von Frankfurt. Von diesem Ort hat das Gebiet östlich der Oder seinen zeitgenössischen polnischen Namen: Ziemia Lubuska. Auch der alte deutsche Name des Gebietes westlich der Oder – Lebuser Land – verdankt sich der kleinen Ortschaft. Vom 10. bis ins 13. Jahrhundert, zu jener Zeit also, als stammesübergreifende Staaten gebildet wurden, war Lebus die wichtigste Festung der slawischen Leubuzzi. Mieszko I., der Gründer des polnischen Staates, war es, der ihre Gebiete dem Polanenstaat einverleibte, und der polnische König Bolesław Krzywousty gründete hier 1124 oder 1125 ein Bistum. Sein Ziel war sowohl die endgültige Christianisierung der slawischen Bevölkerung als auch die Sicherung des polnischen Besitzes. Denn dieses Territorium war strategisch wichtig mit seinem weitläufigen Brückenkopf hinter der Oder und der Burg, die am sogenannten „Lebuser Tor“ platziert war, also unmittelbar an der Hauptheeresstraße von West nach Ost im mittleren Oderland.

Nach 1945, als die polnische Grenze nach Westen verschoben wurde, griffen die polnischen Historiker die Geschichte der mittelalterlichen Kastellanei und des Lebuser Bistums auf, um die neue Namensgebung zu begründen. So bekam das alte Bistumsgebiet östlich der Oder, vergrößert um Teile Niederschlesiens, Großpolens und Pommerns, den Namen Ziemia Lubuska. Als 1993 die Euroregion Pro Europa Viadrina entstand, beriefen sich deren Gründer ebenfalls auf die Geschichte der Lebuser Diözese als Kern der kulturellen Identität dieser Region, die heute von Deutschen und Polen bewohnt wird.

Lebus, einst Bischofssitz, war ein Ort, an dem verschiedene Interessen aufeinander prallten: polnische Staatsinteressen, die der brandenburgischen Markgrafen sowie die Interessen und Ansprüche der kirchlichen Verwaltung. Nach den Plänen der Päpste und Kaiser sollte Magdeburg das „Rom des Nordens“ werden, also die kirchliche Metropole der slawischen Bistümer. Die Magdeburger Bischöfe standen daher der Gründung des polnischen Erzbistums in Gnesen im Jahre 1000 und später der des Lebuser Bistums, das der Metropole von Gnesen unterstand kritisch gegenüber. Spuren der einstigen Magdeburger Aspirationen überdauerten in der deutschen Bezeichnung „Sternberger Land“: Dieser Name bezieht sich auf die Stadt Sternberg, einer Gründung des Magdeburger Erzbischofs Sternberg. Übrigens heißt dieses heute polnische Gebiet Ziemia Torzymska, nach dem Städtchen Torzym (ehemals Sternberg), dessen Name wiederum ironisch auf die Ambitionen des Bischofs Sternberg anspielt: „To Rzym“ heißt „das ist Rom“.

Nach den Bruderkriegen der Piasten Mitte des 13. Jahrhunderts verzichtete der Herzog von Liegnitz, Bolesław Rogatka, auf das Lebuser Land. Die eine Hälfte des Gebietes verblieb beim Bistum, die andere Hälfte gehörte fortan den brandenburgischen Markgrafen, die sich im Laufe der Zeit der ganzen Region bemächtigten. Deutsche Neuerwerbungen westlich der Oder wurden weiterhin Lebuser Land genannt und aus den östlichen Gebieten, die von der Warthe durchschnitten werden, wurde im Norden die Neumark und im Süden das Sternberger Land, das später auch zur Neumark gehören sollte.

Die Abneigung der Erzbischöfe und brandenburgischen Markgrafen gegen das Lebuser Bistum drückte sich in allerlei Restriktionen aus. So wurde der Bischofssitz aus Lebus auf die andere Oderseite verlagert, nach Göritz, wo eine neue Kathedrale erbaut wurde. 1326 überfielen die Bürger Frankfurts den Bischofssitz, weil sie sich für einen Raubüberfall des polnischen Königs Władysław Łokietek auf Brandenburg rächen wollten und dem Göritzer Bischof vorwarfen, er stünde auf der Seite des polnischen Herrschers. Sie brannten die Kathedrale nieder und bei der Gelegenheit auch gleich noch die sich rasch entwickelnde, konkurrenzfähige Stadt. Der Bischof und seine Pröpste wurden festgenommen und in die Verbannung geschickt. Eine Zeitlang irrten sie durch ihre polnischen Gutshöfe, bis sie Asyl in Fürstenwalde fanden. Dort wurde der nächste Sitz des Bistums gegründet und eine neue Kathedrale erbaut, die bis zur Reformationszeit überdauerte. Eine Waffe der Bischöfe im Kampf um ihre Existenz und Rechte war das Anathema, das sie wegen des Überfalls auf Göritz über die Markgrafen und die Frankfurter Bürger verhängten.

Pilger und Ritterorden

Die Schicksale der Lebuser Bischöfe und ihrer „wandernden“ Kathedralen zeigen, dass das Christentum im Mittelalter ein Machtinstrument in den Händen von weltlichen und geistlichen Herren war, die sich seiner bedienten, um ihre politischen und materiellen Ziele durchzusetzen. Aber auf unser Wanderung finden wir auch Spuren eines anderen religiösen Lebens, das sich damals unter anderem in Pilgerfahrten ausdrückte. Die Gläubigen der Lebuser Diözese und der benachbarten Bistümer pilgerten vor allem nach Göritz, wo sich um ein wunderumwobenes Bild der Marienkult entwickelte. Ein ähnliches, aber bei weitem nicht so berühmtes Sanktuarium gab es in Strausberg in der brandenburgischen Diözese. Die Lebuser pilgerten außerdem auch nach Vierzehnheiligen.

In Ośno Lubuskie (Drossen) steht bis heute eine imposante St.-Jakob-Kirche. In jenen Zeiten, als Menschenmengen durch ganz Europa nach Santiago de Compostela in Spanien wanderten, wo sich das Sanktuarium des Apostels Jakob befindet, war gerade auch diese Kirche eine Station der Pilger. In Küstrin gab es eine St.-Jakob-Bruderschaft, die Pilgerfahrten nach Spanien organisierte. In Müncheberg, Fürstenwalde und Frankfurt an der Oder waren Bruderschaften tätig, die sich der Pilger, wandernden Gesellen, Bettler und anderer fahrender Leute annahmen. In der St.-Jakob-Kirche in Drossen suchten ganze Gruppen von Pilgern geistliche Unterstützung: Kreuzfahrer, weltliche Ritter aus Schlesien (darunter auch Piasten), aus Tschechien, Sachsen und anderen Ländern Westeuropas. Sie alle folgten dem Ruf des Deutschen Ordens und zogen von einer Sammelstelle in Crossen aus über Küstrin, Quartschen und weiter auf der Via Marchionis Richtung Marienburg. Sie eilten dorthin, um dem Deutschen Orden bei seinen Eroberungsritten in die heidnischen Gebiete der Pruzzen, Jatwingen, Schmuden und Litauer beizustehen. Diese Stämme verteidigten ihre Unabhängigkeit und den Glauben ihrer Ahnen.

Unter den Kreuzfahrern gab es viele Abenteurer, die nur Ruhm in Ritterspielen, auch auf dem Küstriner Schloss, suchten. Andere aber glaubten zutiefst an ihre Mission, Gott zu dienen und durch die Unterwerfung der Ungläubigen die Grenzen des Gottesstaates auf Erden zu erweitern. Der irdische Lohn für sie war die Teilnahme an Ehrenfesten, die zu den exklusiven, päpstlich anerkannten Privilegien des Deutschen Ordens gehörten. Der mittelalterliche Mystizismus ist heute noch in der gotischen Architektur zu spüren: in Klöstern, Kirchen und Kapellen in Chojna (Königsberg in der Neumark), Frankfurt an der Oder, Fürstenwalde, Gorzów (Landsberg an der Warthe), Strzelce Krajeńskie (Friedeberg), Międzyrzecz (Meseritz), Chwarszczany (Quartschen) oder Słońsk (Sonnenburg).

Fast zu derselben Zeit, als Herzog Konrad von Masowien 1226 die Ritter des Deutschen Ordens an die Weichsel holte, kamen die Templer, die dem Ruf des schlesischen Herzogs Henryk Brodaty gefolgt waren, im Land an Oder und Warthe an. Später nahmen die Johanniter ihren Platz ein. Beide Orden wurden im Heiligen Land gegründet und haben die Kulturlandschaft des Oderlandes wesentlich geprägt. Verschiedene ihrer Bauten sind erhalten geblieben: die Kapelle der Templer (die später den Johannitern gehörte) in Chwarszczany (Quartschen) bei Dębno (Neudamm), die Kirche der Johanniter in Słońsk (Sonnenburg), das Johanniterschloss in Łagów (Lagow) und das berühmte von Santok (Zantoch), das sehr malerisch an der Mündung der Netze in die Warthe gelegen ist und Jahrhunderte lang von Pommern, Großpolen, schlesischen Herzögen und brandenburgischen Markgrafen umkämpft war.

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts tauchten auch die Ritter des Deutschen Ordens an der Warthe auf. Durch Kauf erwarben sie Ländereien in der Neumark und siedelten sich dort an. Zu dieser Zeit erstreckte sich das Territorium des Ordensstaates von der Memel bis an die Oder. Das Schloss in Zantoch wurde zum Streitobjekt des Deutschen Ordens und der Johanniter, wobei letztere im polnischen Konflikt mit den Kreuzrittern die Polen unterstützten. Damals entstanden die Ordensburgen in Küstrin und Landsberg. Die in Landsberg wurde von den Bürgern der Stadt sofort abgerissen, nachdem der Orden das Warthegebiet verlassen und die Provinz an die Hohenzollern verkauft hatte.

Wandert man in die Vergangenheit, muss man an die mittelalterliche Raubritterplage zurückdenken. Schutz vor diesen Räubern boten die bewaffneten Truppen der Johanniter aus Lagow, die von den Trecks der Kaufleute angemietet wurden.

Auf den Spuren der Reformation

Die Spuren des deutschen religiösen Lebens in seiner protestantischen Version führen uns zu der Ruine der Marienkirche in der Altstadt von Küstrin, die nach den Kämpfen 1945 zu existieren aufgehört hat; nur das Straßenpflaster ist geblieben. In dieser Kirche nahm 1538 Johann von Hohenzollern, Herrscher über die Neumark, zum ersten Mal die Kommunion in Form von Brot und Wein ein, was symbolisch bedeutete, den Katholizismus und die hervorragende Position der Geistlichen abzulehnen. Dass im Protestantismus die Bedeutung der kirchlichen Hierarchie wesentlich verringert wurde und man den nicht-geistlichen Gemeindemitgliedern ermöglichte, das Schicksal der Gemeinde mitzubestimmen, war sehr bedeutsam für die Bildung eines spezifisch deutschen Gemeindebewusstseins. Abgesehen vom deutschen Recht war dies einer der wichtigsten kulturellen und sittlichen Faktoren. Eine besondere Rolle für Bildung und Zusammenhalt der lokalen Gemeinden fiel den Pastoren zu, die ihre Gläubigen umsorgten. In diesem Zusammenhang ist ein weiteres deutsches Phänomen zu erwähnen: die Bedeutung der Pastorensöhne. Im Dorf Sellin in der Neumark ist Gottfried Benn als Sohn des dortigen Pastors aufgewachsen. Er war es, der behauptete, mehr als die Hälfte der herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Geschichte, Kultur und Wissenschaft seien Pastorensöhne gewesen. Benn selbst nahm den Glauben seines Vaters nicht an und über jene, die Unterstützung bei Gott suchen, schrieb er: „Ich verachte Menschen, die mit sich selbst alleine nicht zurecht kommen und eine andere Instanz um Hilfe bitten.“

Der Übertritt zum protestantischen Glauben führte nicht selten zur Entfernung der üppigen katholischen Innenausstattung der Kirchen. Zur Reformationszeit wurden Orte des Marienkultes in Göritz und Strausberg zerstört, zum Teil auch die Innenausstattung der Kirchen in Fürstenwalde und Drossen. Spuren dieses Bildersturms sind insofern bis heute sichtbar, als viele protestantische Kirchen in Brandenburg ihre typisch karge Innenausstattung behalten haben. Damals entsprach diese Bilderfeindlichkeit aber keinesfalls der allgemeinen Norm. Ein Beispiel für einen toleranten Umgang mit Bildern und Skulpturen bietet die ungewöhnlich schöne Kirche in Klępsko (Klemzig) bei Sulechów (Züllichau) im einstigen brandenburgisch-polnischen Grenzgebiet. Dieses Gotteshaus wurde im 16. Jahrhundert von Protestanten übernommen und mehrere Generationen lang von den Adelsgeschlechtern der von Kalkreut und von Unrug gepflegt, die ihre Patrone waren. Es erhielt wunderschöne Wandmalereien, die bis heute überdauert haben und vor kurzem sorgfältig restauriert wurden.

Eine andere Geschichte über den protestantischen Kampf um die Kargheit der Gotteshäuser überliefert die Kirche in Słońsk (Sonnenburg), die einst der Tempel der brandenburgischen Ballei der Johanniter war. Hier fanden die Zeremonien für die Aufnahme der neuen Ordensmitglieder statt und hierher gelangte der Alabaster-Altar aus der Schlosskapelle in Berlin. Als Kurfürst Johann Sigismund 1613 zum Kalvinismus übergetreten war, wollte er seine neue Konfession der ganzen Mark Brandenburg aufzwingen und begann damit, in den Berliner Kirchen aufzuräumen, was oft heftige Straßenunruhen der Gläubigen hervorrief. Die Berliner Schlosskapelle allerdings wurde tatsächlich den kalvinistischen Vorstellungen entsprechend von allem Schmuck befreit und ihr Altar nach Sonnenburg verbracht. Daher kann heute Słońsk auf dieses Werk italienischer Meister stolz sein, das vor einigen Jahren mit Unterstützung der Johanniter restauriert wurde.

Dieser Orden hat als Laienorden überdauert. Nach seiner Auflösung in der napoleonischen Zeit bald wieder neugegründet, vereint er heute einen elitären Kreis von Protestanten, ähnlich wie der Malteserorden eine katholische Elite versammelt. Heute, angesichts des sich vereinigenden Europa, sind die Johanniter wichtige Propagandisten der deutsch-polnischen Annäherung und Versöhnung. Sie haben mehrere Restaurationsarbeiten in Słońsk unterstützt und ökumenische Treffen in dem einstigen Ordenstempel inspiriert.

Barock – Emotionen

Um dem Intellektualismus der Reformation entgegenzutreten, stärkte die katholische Kirche die emotionale Sphäre, baute prachtvolle Barockkirchen und entwickelte die kirchlichen Rituale weiter. In Neuzelle bei Eisenhüttenstadt, also im deutschen Lebuser Land, steht bis heute ein Klosterensemble der Zisterzienser; ein ähnliches kann man auch in Paradyż (Paradies) bei Międzyrzecz (Meseritz) bewundern. Nachdem der Besitz der Zisterzienser durch die preußischen Behörden säkularisiert worden war, gründete man im 19. Jahrhundert im Kloster von Paradies eine Lehranstalt für Lehrer. Als Paradies polnisch wurde, erhielt die katholische Kirche das Objekt zurück und richtete dort eine Priesterschule ein.

Überraschenderweise hat dieser Ort auch in der neuesten Zeit eine wichtige Rolle gespielt. Die neue Wojewodschaft Lubuskie hat de facto zwei Hauptstädte: Gorzów (Landsberg an der Warthe) und Zielona Góra (Grünberg), die seit Jahren um den ersten Rang kämpfen. Eben in Paradyż, das auf halbem Wege zwischen den beiden Städten liegt, schlossen die lokalen Politiker mit Vermittlung der Kirche das Paradyżer Abkommen, das der zwischenstädtischen Konkurrenz eine Grenze setzt. Fügen wir noch hinzu, dass nach 1945 Gorzów lange die Hauptstadt des neuen polnischen Bistums war, seit kurzem ist Zielona Góra sein Hauptsitz.

Im Barock erhielten auch die Begräbniszeremonien eine besondere Pracht. Im Museum von Międzyrzecz (Meseritz) gibt es eine wertvolle Sammlung von Sargporträts aus dieser Epoche. Diese Sammlung dokumentiert eine originäre Zeitperiode der polnischen Adelskultur: den Sarmatismus, der auch auf die deutschen Adelsgeschlechter im Grenzgebiet ausstrahlte.

Protestantische Objekte der Funeralkunst kann man in Dąbroszyn (Tamsel) bei Küstrin besichtigen. In der dortigen Kirche gibt es prachtvolle Barockgrabmäler aus dem Familienmausoleum des Marschalls Hans von Schöning und in der kirchlichen Krypta einen aus Buntmetallen angefertigten Sarkophag des Marschalls sowie eine Sammlung von Sargschmuck und Inskriptionstafeln seiner Ahnen. Der Marschall spielte übrigens eine wichtige Rolle in der Geschichte von Sachsen: Als Mitglied einer Kommission, die dieses Land im Geiste des Absolutismus reformieren sollte, nutzte er dort seine brandenburgischen Erfahrungen.

Tamsel in der Neumark erwähnt Theodor Fontane als einziges Schloss in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg. In diesem Werk kann man auch die Geschichte von Küstrin nachlesen sowie jene dramatische Episode im Leben des Kronprinzen und späteren Königs Friedrich des Großen, der von seinem Vater als Strafe für einen gescheiterten Fluchtversuch in die Küstriner Festung gesteckt wurde. Friedrichs Freund und Page, von Katte, wurde zum Tode verurteilt und in Küstrin enthauptet. Fontane hielt das für diese Epoche typische Zeremoniell fest, mit dem ein zum Tode Geweihter Abschied von der irdischen Welt nahm.

Ein geschichtlicher Kontrapunkt führt uns in das Dorf Chełm Dolny (Wartenberg) bei Dębno (Neudamm), wo sich der Familienfriedhof der früheren Gutsbesitzer von Tresckow befindet. General Henning von Tresckow, Freund und enger Mitarbeiter des Widerstandskämpfers Oberst Graf Schenck von Stauffenberg, war an der Ostfront, als ihn die Nachricht vom gescheiterten Anschlag auf Hitler erreichte. Daraufhin ging er in den Kampf und ließ sich töten: ein Selbstmord, der anfänglich für einen Heldentod gehalten wurde. Kurz vor seinem Tod soll er gesagt haben: „Einst versprach Gott Abraham, Sodom zu verschonen, wenn man zehn Gerechte in der Stadt finde. Ich hoffe, in Anbetracht unser wird er Deutschland nicht vernichten.“ Der Sarg mit seinem Leichnam wurde in sein Heimatdorf gebracht. Eine Beschreibung der Beisetzung finden wir in den Erinnerungen seines Neffen, Christoph von Tresckow, dem ein Gleichaltriger, ein Pole, der damals zusammen mit seinen Eltern als Zwangsarbeiter auf dem Hof lebte, Jahre später davon erzählte. Christoph von Tresckow zitiert den Bericht des Mieczysław Grześkowiak: „An der Beerdigung nahmen alle Dorfbewohner und Leute aus der Gegend teil. Pastor Reck hielt eine Abschiedsrede. Aus Küstrin kam ein Trupp Wehrmachtssoldaten, die eine Ehrensalve abfeuerten. Das Grab bedeckten zahlreiche Kränze, nicht nur von Verwandten, sondern auch von Kreisbehörden und der Partei, verziert mit roten Bändern mit Hakenkreuz. Dein Vater rief meinen Vater abends zu sich, ließ ihn diese roten Bänder in der Nacht entfernen und sagte: ‚Sie gebühren meinem Bruder nicht.’ Mein Vater führte diese Anweisung aus.“ Als während der Ermittlungen herauskam, dass von Tresckow in die Verschwörung verwickelt war, fuhr eines Tages an der Friedhofsmauer in Wartenberg ein Lastwagen mit Männern in SS-Uniformen vor. Sie hoben den Sarg aus und brachten ihn nach Sachsenhausen, um ihn dort zu vernichten.

Mosaik der Konfessionen

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und auch später war Brandenburg ein Land, in dem von der katholischen Kirche verfolgte Vertreter protestantischer Gemeinden Schutz fanden. Aus Frankreich kamen Hugenotten. Im brandenburgisch-polnischen Grenzgebiet in Bobelwitz bei Meseritz und Königswalde, Kreis Zielenzig, fanden die aus Polen vertriebenen Arianer, genannt Polnische Brüder, Schutz; sie waren für ihre radikalen sozialen Forderungen sowie ihre hervorragenden Schulen berühmt. Inmitten der Warthewiesen liegt das Dorf Neu Dresden, heute Krępiny, einst ein Zentrum jener eifrigen protestantischen Glaubensgemeinschaft, deren Mitglieder Böhmische Brüder oder Herrnhuter genannt wurden. Das religiöse Zentrum dieser Bewegung war Herrnhut in der Lausitz, wo einige durch die katholischen Habsburger verfolgte Protestanten Asyl gefunden hatten. Die Herrnhuter an der Warthe pflegten enge Kontakte zu den Böhmischen Brüdern in Lissa, deren Führer der berühmte Pädagoge Amos Komenský war. Da es in Neu Dresden oft zu Überschwemmungen kam, hörten sich die Dorfbewohner gerne die Herrnhuter Lehre an und schöpften Hoffnung aus der stark betonten Brüderlichkeit der Gemeindemitglieder. Die Herrnhuter hatten in der Gegend einige Gemeindehäuser. Eines von ihnen steht bis heute im Dorf Nowiny Wielkie (Döllensradung) an der Warthe und beherbergt nun eine Kindertagesstätte. Ähnlich wie die Böhmischen Brüder gehörten die Herrnhuter der protestantischen Splittergruppe der Anabaptisten (Wiedertäufer) an, die auch die niederländischen Mennoniten umfasste. Die unterstanden dem Rechtsschutz des toleranten Staates Friedrichs II. und ließen sich u.a. an der Netze unweit von Driesen nieder. Die Mitglieder all dieser Glaubensgemeinden verweigerten den Militärdienst, bekleideten keine Staatsämter, pflegten die Erwachsenentaufe und lebten ein einfaches, ja strenges Leben nach evangelischen Prinzipien. In Küstrin und im nahen Schernow existierte darüber hinaus seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Baptistengemeinde.

In Gorzów (Landsberg) steht bis heute die Kirche, in der einer der großen protestantischen Theologen des 19. Jahrhunderts, Friedrich E.D. Schleiermacher, seine ersten priesterlichen Erfahrungen sammelte, ein Befürworter der Einheit verschiedener protestantischer Splittergruppen. Man suchte damals nach einer gemeinsamen Doktrin, was aber auf Widerstand der Traditionalisten stieß. König Friedrich Wilhelm II., der an der Idee interessiert war, begann 1817, anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Reformation, theologische Entscheidungen auf rechtlich-administrativem Wege durchzusetzen: Er ließ die Geistlichen der altlutherischen Kirche festnehmen, ihre Gläubigen belegte er mit hohen Geldstrafen und befahl dem Militär, die Gemeindemitglieder, die ihre Kirche bewachten, mit Gewalt auseinander zu treiben. Infolge dieser Praktiken gingen einige Gemeinden ins Exil. So die Gläubigen aus Klemzig, die ihre Kirchenglocke mitnahmen und samt ihrem Pastor 1838 nach Australien auswanderten, wo sie in der Nähe von Adelaide ein gleichnamiges Dorf gründeten. Ihrem Beispiel folgten andere Altlutheraner aus der Gegend von Meseritz und Bomst.

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich unter den Adeligen in Pommern und der Neumark eine andere protestantische Neuerungsbewegung. Der Niedergang des Zweiten Reiches, das Exil des Kaisers und die Entstehung der Weimarer Republik bewirkten, dass die Welt der preußischen Junker zusammenbrach. Sie suchten daher nach einer geistlichen Unterstützung. Bei Neudamm entstand z.B. der Berneuchener Kreis, dessen Mitglieder das Alltagsleben mit religiösen Inhalten zu füllen suchten und ein modernisiertes Klosterleben propagierten. Ein Kloster dieser Bewegung existiert bis heute in einem der alten Bundesländer der BRD. Der Berneuchener Kreis pflegte Kontakte zu Dietrich Bonhoeffer, gehörte also zur religiösen Opposition gegen Hitler.

Zu dem Mosaik geistlicher und religiöser Bewegungen gehören auch die Freimaurer: In Frankfurt an der Oder, Gorzów und anderen Städten kann man noch heute prachtvolle Häuser der einstigen Freimaurerlogen finden.

Kulturkampf, orthodoxe Kirchen, Synagogen und „Säle des Königreichs“

Die mittelalterliche Pilgerbewegung fand während der Renaissance und der Reformation ihr Ende. Einhundert Jahre nach der Liquidierung des Sanktuariums in Göritz übernahm Rokitno (Rokitten) die Rolle eines geistigen Zentrums der Katholiken, ein Dorf an der Grenze zu Großpolen, unweit von Schwerin. Das durch seine Wunder berühmt gewordene Bild der Gottesmutter tauchte 1669 in dem Ort auf, es war ein Geschenk des Abtes des nahen Zisterzienserklosters. Zur Zeit der Gegenreformation blühte der Bilderkult erneut auf, ebenso äußerte sich der Glaube auch wieder in Form von Pilgerfahrten. Der Kult um das Bild in Rokitno nahm bis zur Teilung Polens immer weiter zu, bis das Dorf zu Preußen kam und seine Bevölkerung religiös und national diskriminiert wurde. Besonders trug der Kulturkampf von Bismarck dazu bei. Er war es, der die Deutschen in den polnischen Gebieten aufrief: „Schlagt die Polen, dass ihnen die Lebenslust vergeht. Ich persönlich habe Mitleid mit ihrer Lage, aber wenn wir weiter existieren wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als sie auszurotten.“ Die preußische Regierung säkularisierte den Zisterzienserorden, unter dessen Obhut auch die Kirche in Rokitten stand. Doch der Kult um die Gottesmutter von Rokitno, die auch „Die Geduldig Zuhörende“ genannt wurde, verschwand nicht. Den Polen, die nach der Teilung keinen eigenen Staat mehr hatten, blieb nur ihre Religion und der Glaube an die Gottesmutter, die Königin der Polnischen Krone. Auch auf dem Bild der Madonna von Rokitno ist das polnische Staatswappen zu sehen: der weiße Adler mit der Krone.

Zur Landschaft des polnischen Lebuser Landes gehören unzählige, mit bunten Bändern und Blumen geschmückte Kreuze und Bildstöcke am Rande der Wege. Die ältesten von ihnen stammen aus den 1940er Jahren. Es sind eigenartige Zeugnisse der ersten Jahre polnischer Ansiedlung in diesen kulturell fremden Gebieten, als die Kirche neben dem Staat versuchte, sie heimisch zu machen.

In Gorzów überrascht eine in dieser Landschaft exotisch wirkende Kirche mit charakteristischen Zwiebeltürmchen. Es ist eine orthodoxe Kirche, die vor ein paar Jahren erbaut wurde. Die Orthodoxen kamen aus dem ehemaligen polnischen Osten ins polnische Lebuser Land. In Gorzów und einigen anderen Orten gibt es außerdem Gotteshäuser der griechisch-katholischen Kirche, einer Abspaltung der orthodoxen Kirche, die den alten Ritus beibehalten, sich jedoch Rom untergeordnet hatte. Unter den Gläubigen dieser beiden Konfessionen gibt es u.a. Lemken, die 1947 in der Aktion „Weichsel“ aus der Gebirgskette Bieszczady in den Karpaten vertrieben wurden. Alle Bewohner dieses Gebietes wurden von den polnischen Behörden zwangsumgesiedelt, entweder in die Ukraine oder in die neuen polnischen Westgebiete, es war ihnen verboten, in ihre Heimat zurückzukehren. Die griechisch-katholischen Gläubigen hatten anfangs sogar Schwierigkeiten, ihre Toten auf den katholischen Friedhöfen zu bestatten.

In Witnica (Vietz), Kostrzyn (Küstrin) und anderen Orten finden wir die „Säle des Königreiches“, also Gemeindehäuser der Zeugen Jehovas. Auf unserem Weg können wir auch Pilgern in schwarzen Mänteln und Hüten begegnen. Von Zeit zu Zeit kommen sie nach Słubice zum alten jüdischen Friedhof, auf dem die sterblichen Reste eines berühmten Talmudisten, des Rabbiners Josef Teomin, ruhen. Jüdische Spuren finden wir auch in Gorzów. Die gebürtige Landsbergerin Christa Wolf hat in ihrem Buch Kindheitsmuster das Vorspiel zum Holocaust festgehalten: die „Reichskristallnacht“ mit den brennenden Synagogen. Ebenfalls in Landsberg kam als Sohn des dortigen Rabbiners Victor Klemperer zur Welt, der Verfasser der berühmten Studie LTI. Lingua Tertii Imperii über die Propagandasprache des Dritten Reiches. In seinen Erinnerungen berichtet er aber auch über die „goldene Zeit“ der deutschen Toleranz gegenüber den Juden, die seine Familie eben in Landsberg erlebte. Von den besseren Zeiten im Leben der jüdischen Gemeinden zeugen Reste der Friedhöfe in Gorzów oder in Skwierzyna (Schwerin). Der letztere gehört zu den besterhaltenen jüdischen Friedhöfen in der Region und wurde kürzlich von einer Gruppe deutscher und polnischer Jugendlicher in Ordnung gebracht, was allerdings bald eine andere Gruppe Jugendlicher aus der Stadt wieder zunichte machte. Von besseren Zeiten im 19. Jahrhundert zeugt auch die Synagoge in Międzyrzecz (Meseritz), die allerdings restaurierungsbedürftig ist.

Die Wanderungen durch das Lebuser Land auf den Spuren der Religionen fördern viele Aspekte der regionalen Geschichte zutage, sie lassen die Vergangenheit lebendig werden und erkennen, wie unterschiedlich die einstigen Bewohner ihre Identität definierten. Heute, zur Zeit der fortschreitenden Globalisierung, sucht Europa nach einer neuen kulturellen Identität, denkt über ihre Bestandteile nach, diskutiert über ihre Schwerpunkte. Ein wichtiger Aspekt dieser Suche ist das Aufspüren der religiösen Vergangenheit der Regionen, dieser kleinen Vaterländer, die zur Grundlage einer wirklichen europäischen Einheit werden könnten.

SŁOWO / DAS WORT 62/2004

Aus dem Polnischen Ewa Czerwiakowski

UMSIEDLUNG, ANSIEDLUNG, ZWANGSDEPORTATION

Nostalgie und Wirklichkeit. Schicksale der aus den früheren Ostgebieten ausgesiedelten Polen. Jerzy Kochanowski
Zur polnischen Besiedlung der ehemals deutschen Gebiete nach dem Zweiten Weltkrieg. Lebuser Land und Kreis Gubin. Czesław Osękowski
Aktion „Weichsel“ – Deportation der ukrainischen Bevölkerung in die Nord- und Westgebiete Polens., Roman Drozd
Zur Aufnahme und Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Eberswalde 1945 - 1948, Mario Wenzel

Nostalgie und Wirklichkeit. Schicksale der aus den früheren Ostgebieten ausgesiedelten Polen

Schätzungen zufolge wohnten im Jahre 1939 in den Ostgebieten der Zweiten Polnischen Republik, die 1944 der UdSSR angeschlossen wurden, ca. 11.600.000 polnische Staatsbürger, davon wohl über

vier Millionen Polen und über eine Million Juden. Im Laufe der nächsten fünf Jahre sank diese Zahl infolge von Verhaftungen, Aussiedlungen, Einberufung zur Armee, von Terror, Holocaust und Kampfhandlungen um die Hälfte auf ca. 2,5 Millionen. Diejenigen, die überlebt hatten und geblieben waren, befanden sich nach den Absprachen der „Großen Drei“ in Teheran im Herbst 1943 außerhalb ihrer Heimat. Noch bevor dies in Jalta und Potsdam offiziell bestätigt worden war, hatte die UdSSR mit dem Polnischen Komitee zur Nationalen Befreiung eine Vereinbarung über die polnisch-sowjetische Staatsgrenze abgeschlossen. Dem mussten Entscheidungen hinsichtlich der dort auf beiden Seiten der neuen Grenze lebenden Bevölkerung, nicht nur der polnischen, sondern auch der weißrussischen, ukrainischen und litauischen, folgen. Während sich das Polnische Komitee zur Nationalen Befreiung und die von den Westmächten bis Juni 1945 anerkannte Exilregierung in London in ihren Ansichten über den Verlauf der neuen Ostgrenze unterschieden, stimmten sie doch dahingehend überein, dass das Nachkriegspolen im Prinzip ein national homogener Staat sein sollte. Die Umsiedlungen der Bevölkerung standen damit in einem inneren Zusammenhang, sowohl die Zwangsaussiedlung der Deutschen als auch die „freiwillige Umsiedlung“ der Polen, Weißrussen und Ukrainer. Die Verträge über die gegenseitige freiwillige „Evakuierung der Bevölkerung“ schloss das Polnische Komitee zur Nationalen Befreiung im September 1944 mit der sowjetischen Ukraine, Weißrussland und Litauen ab.

Den Umsiedlern wurde das Recht zugesichert, den Ort der Ansiedlung selbst zu bestimmen und eine Entschädigung für das zurückgelassene Hab und Gut (Boden, Immobilien) zu erhalten. Sie konnten bis zu zwei Tonnen Gepäck pro Familie mitnehmen – Bekleidung, Schuhe, Lebensmittel, Haushalts- und Wirtschaftsgeräte, Vieh und Zuchttiere. Man schätzte, dass die ganze Operation bis Februar-April 1945 dauern würde. Diese Termine waren unrealistisch und die Vereinbarungen mussten noch mehrmals verlängert werden.

Die Umsiedlungen der Deutschen und der Polen waren insofern voneinander abhängig, als erstere den zweiten Platz machen mussten. Und so war die erste Welle der organisierten Umsiedlungen der Polen von Ende 1944 und Anfang 1945 relativ klein. Die Ursache dafür waren nicht die organisatorischen und Transportprobleme, sondern vor allem die geringe „Aufnahmefähigkeit“ der zerstörten „alten polnischen“ Gebiete. Die Umsiedlung aus den Ostgebieten nahm im Frühjahr 1945 an Tempo zu und verstärkte sich im Sommer und Herbst weiter, als sowohl die Witterungsverhältnisse als auch bessere Bedingungen für die Ansiedlungsaktion in den „wiedergewonnenen Gebieten“ das ermöglichten. Dies wiederum beschleunigte die Aussiedlung der Deutschen. Insgesamt wurden in den Jahren 1944-1946 aus dem ehemaligen polnischen Osten offiziell anderthalb Millionen Personen umgesiedelt. Hinzurechnen muss man die „wilden“ Aussiedler: Soldaten der Heimatarmee (AK) und Flüchtlinge vor dem ukrainischen Terror (den die ukrainischen Behörden unterstützten) – wohl an die 200.000 Personen.

Sowohl Polen als auch Deutsche mussten die von ihnen seit vielen Jahrhunderten bewohnten Gebiete, mit denen sie durch starke emotionale, traditionelle und historische Bande verbunden waren, verlassen. Sowohl an der Oder wie auch am Bug waren sowohl die Tendenzen zur sofortigen Flucht als auch der keineswegs geringere Wunsch zu bleiben, der stärker war als die Furcht vor dem „Neuen“, sichtbar. Man glaubte nicht daran, dass die neuen Grenzen von Dauer sein würden, hoffte auf politische Veränderungen (die man um jeden Preis abwarten müsse), und blieb mit der Heimat verbunden. Wahrscheinlich hatte aber die polnische Gesellschaft nach den Erfahrungen aus den Jahren 1918-1920 und 1939-1944 erheblich weniger Illusionen als die Deutschen in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten. Das kann man zum Beispiel anhand der Korrespondenz schon aus dem Herbst 1944 erkennen, d.h. gleich nach der Unterzeichnung der Verträge, in denen die „Evakuierung“ geregelt war. Jemand schrieb: „Heute habe ich die Zeitung zur Hand genommen und über die Umsiedlung der Polen und Ukrainer gelesen. Wenn Du zur Registrierung aufgerufen wirst, überleg’ nicht lange, melde dich sofort zur Ausreise nach Polen.“ In der ersten Zeit der Umsiedlungen gab es aber auch Entscheidungen, dort zu bleiben, einerseits in der Hoffnung auf positive Ergebnisse einer Friedenskonferenz, darauf, dass sich „Lublin mit London“ einigen werde, andererseits – besonders unter der Inteligentsija – mit dem Wunsch, den nationalen Charakter der Ostgebiete zu erhalten. Ab Mitte 1945 überwog dann wohl die Option für eine schnellstmögliche Ausreise.

Die Hauptgründe für die Ausreiseentscheidung waren – neben dem Gefühl der nationalen Bindungen und dem Wunsch, in Polen zu leben, wenn auch nicht in den angestammten Gebieten – die Angst und der herrschende Zwang. Der Zwang hatte viele Formen – Terror, Verhaftungen, Verschleppungen in die Tiefe der UdSSR, zwangsweise Ukrainisierung oder Litauisierung, Diskriminierung der Polen in der Berufswelt und im Bildungswesen. Bei dem Entschluss zur Ausreise half das Bewusstsein, dass es viel besser sei, in ein ungewisses Schicksal nach Westen auszureisen als in ein gewisses – nach Osten.

Anfang September 1945 wurde klar, dass, wenn die Ostpolen etwas davon abhält, sich für die Ausreise nach Polen registrieren zu lassen, dann nicht so sehr die Hoffnung auf eine Änderung der Grenzen als vielmehr die „Unsicherheit des Schicksals, das die Umsiedler in Polen erwartet sowie die furchtbaren Transportbedingungen.“ Tatsächlich war das Los der „freiwillig umsiedelnden“ Polen dem Los der vertriebenen Deutschen außergewöhnlich ähnlich. Aufgrund des Chaos bei Organisation und Transport kampierten sie nicht selten viele Wochen auf den Bahnhöfen. Viele Wochen dauerte auch die Fahrt selbst, oft im Winter, in offenen Eisenbahnwaggons. Daher war es kein Wunder, dass die Fahrten, besonders in den Herbst- und Wintermonaten oft tragisch endeten. In den kältesten Monaten – von Oktober 1945 bis März 1946 – wurden 346.033 Personen umgesiedelt. Die Zahl der Todesopfer ist bis heute nicht bekannt.

Das Ende der Fahrt bedeutete jedoch nicht das Ende der Schwierigkeiten, manchmal war es sogar erst ihr Anfang. Die Leute von jenseits des Bug wurden meistens einfach auf irgendeiner Station (oder einem Feld) ausgeladen, wo sie erneut – manchmal viele Wochen lang – auf die Zuteilung einer Wohnung oder eines Bauernhofes warteten. Die Berichte der Beamten, die solche Lager besuchten, sind entsetzlich. Im Juli 1945 wurde z.B. aus Schlesien berichtet: „Die Umsiedlerlager bieten ein einziges Bild des Elends und der Verzweiflung. Neben dem empfindlichen Mangel an Lebensmitteln werden die Umsiedler durch Krankheiten dezimiert.“

Die polnischen Umsiedler durften vertragsgemäß zwei Tonnen Gepäck pro Familie mitnehmen. Das war tatsächlich nicht zu vergleichen mit dem, was ein durchschnittlicher Deutscher mitnehmen durfte. Offiziellen Angaben zufolge brachten alle Umsiedler in den Jahren 1944-1948 nach Polen: 71.213 Pferde, 139.272 Rinder, 34.991 Schweine, 50.586 Schafe und 168.960 landwirtschaftliche Geräte. Aber viele Sachen konnten sie auch nicht mitnehmen, ein Teil des Viehs wurde unterwegs oftmals wegen der fatalen Versorgung geschlachtet. Während der Durchreise durch die Ukraine, Weißrussland, Litauen und Polen (insbesondere durch die „wiedergewonnenen Gebiete“) waren die Umsiedler ständig Raubüberfällen seitens der Roten Armee oder gewöhnlicher Banditen ausgesetzt. Manchmal verloren sie nicht nur ihre gesamte Habe, sondern auch ihr Leben. Äußerst schwierig war es manchmal auch, vor Ort eine angemessene Entschädigung für das zurückgelassene Vermögen zu bekommen. Die Eigentumsfragen in Bezug auf das Hab und Gut, das die Umsiedler zugeteilt bekamen, sind bis heute [Dezember 2001] nicht geregelt.

Eine gemeinsame Erfahrung jedes Umsiedlers ist die Angst vor dem neuen Ort, der neuen, völlig fremden Umwelt. Sowohl die Deutschen als auch die Polen mussten damit rechnen, dass sie Fremde sein und in Konkurrenz zur einheimischen Bevölkerung stehen werden. Die Briefe, die aus dem besetzten Deutschland in den „wiedergewonnenen Gebieten“ ankamen, oder diejenigen von polnischen Soldaten, die sich in den „uralten polnischen Gebieten“ aufhielten und Briefe in die Ostgebiete schickten, glichen sich sehr, sie waren voller Bitterkeit und bestätigten Gefühle von Fremdheit und Ablehnung. Ein polnischer Soldat schrieb Ende 1944 an seine Frau: „Frauchen! …die Leute hier sind sehr seltsam, geizig, sie halten uns Wolhynier nicht für Polen“. Ein anderer schrieb: „Die Leute sind nicht gerade höflich, sie trauen uns nicht, sie halten uns für Rote“. Die Leute aus den Ostgebieten waren auch für die Behörden „verdächtige“ Elemente, besonders in den Gegenden entlang der neuen Ostgrenze. Die Politik der Zentrale stimmte weitgehend mit den Absichten der lokalen Eliten überein, insbesondere mit denen der Polnischen Arbeiterpartei (PPR), in deren Augen die Umsiedler nicht nur die politische Ruhe störten, sondern auch das gerade erst errichtete Klientelsystem in Unordnung brachten. Die Umsiedler waren eine starke Konkurrenz im Hinblick auf frühere deutsche oder ukrainische Bauernhöfe bzw. Immobilien, mit deren Übernahme die „Einheimischen“ gerechnet hatten. Es wurden Losungen populär wie „Großpolen den Großpolen“ oder „Pommern den Pommern“. In der angespannten Situation kam es sogar zu Morden an Umsiedlern.

In den „wiedergewonnenen Gebieten“ hätte es theoretisch anders sein sollen, wo die sogenannte Aufnahmefähigkeit von Siedlern gegeben war. Die Hauptschwierigkeiten bei der Ansiedlung in diesen Gebieten resultierten aus dem dort gerade erst im Entstehen begriffenen neuen Verwaltungs-, Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, und vor allem – aus der instabilen Sicherheitslage. Doch auch hier bemühten sich die lokalen Behörden, eine selbständige Politik gegenüber den Umsiedlern zu betreiben.

Bis Ende 1947 ließen sich in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten fast eine Million Menschen von jenseits des Bug nieder, darunter 121.846 aus Litauen, 247.936 aus Weißrussland und 612.405 aus der Ukraine. Der Transfer folgte den Breitengraden – von der Ukraine ging es nach Schlesien, von Weißrussland und Litauen nach Ostpreußen und Pommern.

Hier ließen sie sich nieder, aber für ihre Generation wurden Breslau, Stettin oder Köslin noch nicht zur zweiten neuen Heimat. Im Jahre 1991 erschien die Kurzgeschichte Zwei Städte von Adam Zagajewski. Diese zwei Städte sind Lemberg, wo der Autor 1945 geboren wurde, und Gleiwitz, wo er bald darauf mit den Eltern wohnte. Die Mutter des Schriftstellers betrachtete die verrauchte schlesische Stadt jedoch wie ihr heimatliches Lemberg, das sie hatte verlassen müssen: den Park, in den sie den kleinen Adam führt, nennt sie genauso wie den Park in Lemberg, die umgebenden Straßen tragen die Namen von Straßen aus der Nachbarschaft ihres Hauses in Lemberg. In der Wohnung, die sie von einer deutschen Kleinbürgerfamilie „erbten“, sind die kleinen Dinge, die sie aus der Heimatstadt mitgebracht hatten, am allerwichtigsten. Dieses Verhalten ist ganz sicher typisch für einen entwurzelten Menschen, ja einen Vertriebenen.

Plötzlich waren die Ostgebiete verloren. Im neuen Polen herrschte eine ganz andere Ordnung und es gab neue Bündnispartner, die verhinderten, dass man offen über die verlorenen Gebiete sprach oder an sie erinnerte. Deshalb nahm die Erinnerung auch zwei verschiedene Formen an, je nachdem, wohin es den Bürger aus Lemberg oder Wilna infolge der Kriegswirren verschlagen hatte. In der Emigration, in der sich einige hunderttausend Leute aus dem Gebiet jenseits des Bug landeten, nahm die Erinnerung an die Ostgebiete Formen an, die sich von denen deutscher Landsmannschaften nicht sehr unterschieden.

Eine andere Situation herrschte im kommunistischen Polen. Unmittelbar nach dem Krieg, während des Umsiedlungsprozesses, waren Worte wie Ostgebiete, Wilna, Lemberg noch nicht anstößig. So wurde zum Beispiel Anfang 1946 in Zakopane eine Pension „Lwowianka“ (Lembergerin) für höhere Beamte des Ministeriums für Öffentliche Verwaltung eröffnet. Zwei oder drei Jahre später wäre das schon nicht mehr möglich gewesen. Die Zensur reagierte allergisch auf jede Erwähnung der Ostgebiete, was manchmal zu grotesken Situationen führte: in Jan Brzechwas Gedicht für Kinder wurde zum Beispiel „eine Kusine aus der Nähe von Mołodeczno [im Osten]“ in „eine Kusine aus der Nähe von Piaseczno [bei Warschau]“ umbenannt. Ein vollständiger Gedächtnisverlust konnte jedoch nicht eintreten. Die Pflege der Erinnerung an die Ostgebiete und die Herkunft von dort verlief kompliziert und vielschichtig. In den Großstädten, wo sich die Familien der Intelligentsija niederließen, war das Herkunftsbewusstsein lebendig, die familiären und patriotischen Traditionen wurden sorgfältig gepflegt. Nach

Breslau war das intellektuelle Lemberg einschließlich der akademischen Kreise (zusammen mit den Hausmeistern von der Universität) und den Straßenbahnfahrern (was immer hervorgehoben wird) „umgezogen“. Auch ein großer Teil der Ossolineum-Sammlungen (zusammen mit dem Verlag) und sogar das Denkmal von Aleksander Fredro sowie das Bild Panorama von Racławice wurden nach Breslau mitgenommen. Aber Breslau ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme.

Anders verlief dieser Prozess im Falle der früheren Bewohner der Gebiete von Wilna, Hrodna, Polesien, Wolhynien – die weitgehend verstreut von Allenstein bis nach Stettin angesiedelt wurden und deshalb keine so homogenen Zentren wie das „Lemberger“ Breslau herausbildeten.

Anders verliefen diese Prozesse unter der Landbevölkerung. Ihr früheres Anderssein hielt sich zum Teil deshalb, weil sie von der neuen Umwelt: einerseits den „Autochthonen“, andererseits den Umsiedlern aus Zentralpolen, abgelehnt wurden. Die Aufrechterhaltung des Bewusstseins darüber, dass sie aus dem Gebiet jenseits des Bug kamen, hing in nicht geringem Umfang zum Beispiel auch vom örtlichen Pfarrer ab. Von den ca. 660 Pfarrern, die sich bis 1950 in den „wiedergewonnenen Gebieten“ niedergelassen hatten, kamen ca. drei Viertel aus den Gebieten jenseits des Bug (und nur ca. 40 Prozent der Gesamtbevölkerung). Dazu kann ich auch etwas aus der Familie beisteuern: Fast der gesamte Ort Wlodzimierzec Wołyński war in die Gegend von Miłkowo bei Karpacz umgezogen, wo sich ihr früherer Pfarrer Pater Dominik Wawrzynowicz niedergelassen hatte. So lange er lebte (er starb Ende der 1960er Jahre), lebte auch die alte Gemeinschaft weiter.

Anders begann die Generation die Ostgebiete zu betrachten, die schon im „neuen Polen“ geboren worden war, sowohl die mit Wurzeln im Osten als auch die ohne eine derartige Tradition. Die Tatsache, dass an den Lagerfeuern die Schönheit der Ostgebiete besungen wurde, war keineswegs gleichbedeutend mit dem tatsächlichen Wunsch, diese Gebiete zurück haben zu wollen. Es war allerdings ein Ausdruck des Widerstandes gegenüber der Staatsmacht. „Zu Zeiten der Volksrepublik Polen war schon die Herkunft aus den Ostgebieten fast gleichbedeutend mit Gegnerschaft gegen das System“, erinnert sich ein Journalist der Gazeta Wyborcza. „Denn wer mit Stolz sagte, ich bin aus Lemberg, der hatte gewissermaßen die kommunistischen Machthaber herausgefordert. (…) Die Ostgebiete funktionierten im gesellschaftlichen Bewusstsein nahezu als Mutterland des authentischen Polentums, frei von kommunistischer Verderbtheit (…). Die Ostpolen waren, ähnlich wie die Angehörigen der Heimatarmee, ein wichtiger Bezugspunkt. Für die Art und Weise, wie man zum Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) stand, war nicht ohne Bedeutung, dass Jacek Kuroń aus Lemberg stammte und Jan Józef Lipski Soldat der Heimatarmee gewesen war.“

Doch die Wende des Jahres 1989 veränderte auch die Sichtweise auf die Ostgebiete. Für den „Durchschnitts“-Polen sind sie nun nicht mehr das Synonym für Widerstand, nicht das Symbol für das alte, freie und unabhängige Polen, das sie ja jetzt tagtäglich haben – zusammen mit all seinen neuen Problemen. Die junge Generation der Polen interessiert sich für die Ostgebiete, jedoch so ähnlich wie sich die meisten jungen Deutschen für Niederschlesien oder Stettin interessieren. Der Teil, der seine Wurzeln in den Ostgebieten hat, betont dies. Diese Erinnerung beeinflusst jedoch nicht ihre Lebensentscheidungen.

Der Grund dafür ist einfach und verständlich: man kann seine eigene emotionale Erinnerung nicht auf andere übertragen, sie mit der tiefen, wahrhaftigen Nostalgie nicht anstecken. Das ist das Recht nur jener, die ihre Heimat wirklich verloren haben, das Recht der Generation der Eltern und Großeltern (und immer häufiger – der Urgroßeltern). „Ich bin taub für die Poetik und Mythologie der Ostgebiete“, schrieb kürzlich der Journalist Wojciech Maziarski (Gazeta Wyborcza), Jahrgang 1960: „Die Świdnicka-Straße in Breslau ist mir näher als die Ostrobramska-Straße in Wilna, weil in der Ostrobramska nichts passiert ist, was in meinem Leben von Bedeutung gewesen wäre, aber in der Świdnicka habe ich zusammen mit Freunden an Happenings der Orangenen Alternative teilgenommen. Ja, sogar der Wenzelsplatz in Prag ist mir näher als die Ostrobramska.“ Für eine Gesellschaft, deren Mehrheit die polnischen Ostgebiete für die Zeitform der vollendeten Vergangenheit hält, ist es zwar ein sentimentaler und rührender Mythos, der aber schon auf dem Friedhof der Geschichte liegt.

Aus dem Polnischen von Dagmar Kriebel

Zur polnischen Besiedlung der ehemals deutschen Gebiete nach dem Zweiten Weltkrieg. Lebuser Land und Kreis Gubin

Die ehemals deutschen Gebiete, die auf der Potsdamer Konferenz Polen übergeben wurden, stellten ein Drittel des neuen polnischen Staatsterritoriums dar. Für Polen hatten sie eine große Bedeutung in ökonomischer, aber auch in politischer, militärischer und gesellschaftlicher Hinsicht. Zugleich waren sie eine Art Ausgleich des Verlustes von 46 Prozent des Vorkriegsgebietes, das der polnische Staat zugunsten der Sowjetunion eingebüßt hatte.

Vor dem Krieg hatten in den Gebieten, die in Potsdam Polen zugesprochen wurden, 8,5 Mio. Bewohner gelebt. Als die Front näherrückte, verließ die Hälfte von ihnen ihre Wohnorte und zog Richtung Westen. Dies war eine Folge der von den deutschen Behörden angeordneten Zwangsevakuierung sowie der panischen Flucht der Bewohner vor der Roten Armee. Nach Beendigung der Kriegshandlungen blieben noch etwa 2,5 Mio. Deutsche in Schlesien, 1 Mio. in Pommern, 550.000 in Ostpreußen, 350.000 im Lebuser Land und 200.000 auf dem Gebiet der ehemaligen Freistadt Danzig.

Im Lebuser Land blieben etwa 30 Prozent der Deutschen in ihren Wohnstätten zurück. Meistens waren es Frauen, Kinder und Alte. Die Städte und Dörfer des Lebuser Landes waren stärker entvölkert als die Ortschaften in Ostpreußen, Schlesien oder Pommern. Die Zahl der gebliebenen Deutschen war aber in einzelnen Kreisen unterschiedlich. Die größte Entvölkerung war im Kreis Crossen / Krosno zu verzeichnen: Hier blieben nur acht Prozent der Bevölkerung. Im Kreis Glogau / Głogów waren es etwa neun Prozent, im Kreis Sorau / Żary zehn Prozent, im Kreis Frankfurt Oder siebzehn Prozent, im Kreis Sprottau / Szprotawa und im Kreis Sagan / Żagań fünfzehn bis zwanzig Prozent. Im östlich der Lausitzer Neiße gelegenen Teil des Kreises Guben / Gubin blieben etwa zwölf Prozent der deutschen Bevölkerung.

Nach Durchzug der Front kehrte ein Teil der Bewohner in ihre früheren Wohnorte zurück. Daher stieg die Zahl der Deutschen in einzelnen Städten und Dörfern am rechten Ufer von Oder und Neiße erneut an, wenngleich sie auch nicht annähernd den Vorkriegsstand wieder erreichte. Beispielsweise wohnten Anfang Juni 1945 im Kreis Sorau / Żary noch 51 Prozent der deutschen Vorkriegsbevölkerung, im Kreis Landsberg an der Warthe / Gorzów waren es 40 Prozent, im Kreis Meseritz / Międzyrzecz 25 Prozent, im Kreis Sprottau / Szprotawa und Sagan / Żagań 38 Prozent und im Kreis Frankfurt (Oder) 40 Prozent. Im Kreis Guben / Gubin lebten zu diesem Zeitpunkt noch 30 Prozent und im Stadtteil am rechten Neißeufer nur noch fünf Prozent der deutschen Vorkriegsbevölkerung.

Ein Teil der deutschen Staatsbürger in den Gebieten östlich von Oder und Neiße, die weder evakuiert worden noch vor der Front geflüchtet waren, waren Menschen polnischer Herkunft (sogenannte Autochthone). Polnische Behörden schätzten ihre Zahl auf ca. 1,2 Mio. (jeweils einige Hunderttausend in Oberschlesien, Ermland und Masuren). Im Lebuser Land sollen laut dieser Schätzungen etwa 20.000 Personen polnischer Herkunft gelebt haben. Insgesamt waren diese Zahlen jedoch wesentlich überhöht, obwohl gerade sie zu einem der Hauptargumente wurden, nach dem Krieg eine breitangelegte Verifikation der nationalen Zugehörigkeit durchzuführen. Es ging darum, diejenigen, die als einheimische polnische Bevölkerung galten, von den Deutschen zu trennen. Die einheimische Bevölkerung sollte repolonisiert und die Deutschen sollten aus Polen ausgesiedelt werden.

Die Verifikation der nationalen Zugehörigkeit war kein einfaches Unterfangen. Die einheimische, von den polnischen Behörden als polnisch anerkannte Bevölkerung, hatte Jahrhunderte lang im deutschen Staat gelebt. Allein diese Tatsache förderte die Assimilation und führte zur mehr oder weniger bewussten Übernahme der Muster deutschen Lebens und Wirtschaftens. Daher fiel es schwer, eindeutig und ohne Zweifel festzustellen, wer deutsch und wer polnisch war, zumal sich die Mehrheit der einheimischen Bevölkerung als deutsch und mit der deutschen Kultur verbunden verstand. Diese Menschen, die sich oft durch Charakterzüge und Werte (Sprache, Gebräuche, Glaube, Schriftzeugnisse, Namen) von ihren deutschen Nachbarn unterschieden, optierten in ihrer Mehrheit für die Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Bei der Verifikation spielte das jedoch kaum eine Rolle: Mehr als einer Million Autochthonen, die bis 1945 die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen (die meisten aus Oberschlesien, Ermland und Masuren), wurde die polnische Staatsbürgerschaft zugesprochen. Im Lebuser Land wurden bis Ende 1950 14.569 Personen als polnische Staatsbürger anerkannt, die früher die deutsche Staatsbürgerschaft besessen hatten; die meisten lebten im Kreis Züllichau / Sulechów (3.249), Sagan / Żagań (1.342), Grünberg / Zielona Góra (1.113), Zielenzig / Sulęcin (957), Freystadt / Kożuchów (955) und Schwiebus /Świebodzin (784). Im Kreis Guben / Gubin wurde die polnische Staatsbürgerschaft an 487 Autochthone verliehen.

Mit der Lösung der Bevölkerungsfrage im Nachkriegspolen ging die Aussiedlung der Deutschen einher. Sie verlief in einigen Etappen. In der ersten Phase, noch vor der Potsdamer Konferenz, wurden ca. 500.000 Deutsche hauptsächlich aus den grenznahen Gebieten vertrieben. Die Aktion führte das polnische Militär im Juni und Juli 1945 durch. Zunächst wurden Listen von Deutschen angefertigt, dann war man bestrebt, sie möglichst schnell auf das westliche Ufer von Oder und Neiße abzuschieben, wo sie sich selbst überlassen blieben. Die Vertreibung wurde von den polnischen Behörden im Einvernehmen mit den sowjetischen Militärbehörden beschlossen. Diese Vertreibungsphase entsprach keinerlei völkerrechtlichen Bestimmungen und erfolgte chaotisch, hektisch und unter Gewaltanwendung. Der deutschen Bevölkerung war es nicht erlaubt, ihr Hab und Gut oder zumindest größeres Handgepäck mitzunehmen. Unterwegs wurden alle Deutschen durchsucht und sogar der unbedeutendsten Gegenstände beraubt.

Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung im Sommer 1945 hing mit Plänen zusammen, die aus dem Kriegsdienst entlassenen polnischen Soldaten samt ihrer Angehörigen in den grenznahen Gebieten anzusiedeln. Sie sollten Schutz vor einer eventuellen erneuten deutschen Bedrohung bieten. Im Juni 1945 wurden zwölf grenznahe Kreise als Militäransiedlungsgebiete festgelegt: Cammin / Kamień Pomorski – Wollin / Wolin, Greifenhagen / Gryfino, Königsberg Nm. / Chojna, Zielenzig / Sulęcin, Reppen / Rzepin, Crossen an der Oder / Krosno Odrzańskie, Guben / Gubin, Sorau / Żary, Sagan / Żagań, Görlitz / Zgorzelec, Lauban / Lubań und Löwenberg / Lwówek Śląski. 1948 betrug die Zahl der aus dem Kriegsdienst entlassenen Soldaten und ihrer Angehörigen in diesen Kreisen mehr als 30 Prozent der gesamten neuangesiedelten polnischen Bevölkerung. Ein derart hoher Prozentsatz von Militäransiedlern in diesen Kreisen wirkte sich auf die lokalen gesellschaftlichen Verhältnisse aus. Einige Orte im deutsch-polnischen Grenzgebiet behielten viele Jahre lang einen halb militärischen Charakter (z.B. Göhren / Górzyn im Kreis Crossen an der Oder / Krosno Odrzańskie, Mednitz / Miodnica im Kreis Sorau / Żary, Gleißen / Glisno im Kreis Zielenzig / Sulęcin, Lindenhain (Niemaschkleba) / Chlebowo im Kreis Guben / Gubin).

Die demobilisierten Militärs siedelten sich nicht nur in den zwölf genannten grenznahen Kreisen, sondern auch in den übrigen Kreisen der ehemals deutschen Gebiete an. Bis Ende 1949 ließen sich in den gesamten sogenannten wiedergewonnenen Gebieten ca. 170.000 Militärangehörige, d.h. mehr als 530.000 Personen nieder, die rund 12 Prozent aller polnischen Ansiedler ausmachten. Im Lebuser Land siedelten sich bis Dezember 1948 über 40.000 demobilisierte Militärs an, ca. zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Kreis Guben lebten zu dieser Zeit etwa 2.000 solcher Familien, insgesamt ca. 6.000 Menschen.

Vom August bis Ende Dezember 1945 wurden 530.000 Deutsche aus den ehemals deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße ausgesiedelt. 1946 betrug die Zahl der aus Polen ausgesiedelten Deutschen 1.668.000 und 1947 kamen weitere 502.000 hinzu. 140.000 Deutsche wurden von 1948 bis 1950 ausgesiedelt. Insgesamt wurden in den Jahren 1945 bis 1950 rund 3.200.000 Deutsche ausgesiedelt.

Die Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus dem Lebuser Land verlief ähnlich wie in den übrigen ehemals deutschen Gebieten. Bemerkenswert war nur das beschleunigte Tempo der Aussiedlungen im Vergleich zu Schlesien, Ermland, Masuren oder Pommern. Anfang März 1946 hielten sich im Lebuser Land nur noch 59.000 Deutsche auf, was nicht einmal sieben Prozent der Bevölkerungszahl vor 1939 ausmachte. Insgesamt wurden vom September 1945 bis Ende 1950 rund 120.000 Deutsche aus dem Lebuser Land ausgesiedelt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten im Kreis Guben ca. 46.000 Einwohner, darunter knapp über 30.000 in der Stadt selbst. Nach dem Krieg wurde die Stadt vom Kreis getrennt. In den Dörfern des Kreises Guben, die auf der polnischen Seite lagen, hielten sich Ende Mai 1945 ca. 6.500 und im polnischen Teil von Guben / Gubin 1.500 Deutsche auf. Die meisten Bewohner des Kreises Guben / Gubin wurden im Juni und Juli 1945 von ihren Höfen auf das westliche Neißeufer vertrieben. So war es beispielsweise in den Dörfern Stargardt / Stargard Gubiński, Starzeddel / Starosiedle, Lindenhain (Niemaschkleba) / Chlebowo, Schernewitz / Czarnowice, Reichersdorf / Grabice, Wallwitz / Wałowice und in Guben selbst. Nach der Potsdamer Konferenz stieg die Einwohnerzahl von Guben / Gubin unbedeutend an. Die hier ankommenden Deutschen versuchten, auf eigene Faust in eine der deutschen Besatzungszonen zu gelangen. Sie waren sich dessen bewusst, dass die bisherigen Gebiete östlich von Oder und Neiße zugunsten von Polen verloren waren. Vom August bis zum Dezember 1945 wurden weitere 2.000 Deutsche aus dem Kreis Guben / Gubin ausgesiedelt bzw. flüchteten.

Seit Februar 1946 wurden die noch in Polen verbliebenen Deutschen in die sowjetische und britische Besatzungszone ausgesiedelt. Das betraf auch die Bewohner des Kreises Guben / Gubin, die über die Sammelstelle in Grünberg / Zielona Góra und dann über Kohlfurt / Węgliniec und Teuplitz / Tuplice ausgesiedelt wurden. Die Zahl der Deutschen im Kreis Guben / Gubin ging rapide zurück, viel schneller als in den anderen Kreisen des Lebuser Landes. Mitte 1946 lebten im Kreis Guben / Gubin nur noch 600 Deutsche. Die Gubiner Behörden erteilten 38 deutschen Familien (120 Personen) keine Ausreisegenehmigung. Ihre Angehörigen waren Spezialisten und daher unerlässlich bei der Inbetriebnahme von Fabriken in der Stadt und Umgebung. Darüber hinaus wurden 150 Deutsche von den sowjetischen Militärbehörden in ihren Ämtern, Unternehmen und in der Landwirtschaft in Guben / Gubin und im Kreis Guben / Gubin beschäftigt. In den folgenden Jahren reisten schließlich auch sie in die deutschen Besatzungszonen aus. Laut Schätzungen der polnischen Behörden lebten 1952 im Kreis Guben / Gubin lediglich 24 Deutsche.

Noch während der Kriegshandlungen wurden verschiedene Konzeptionen polnischer Besiedlung der ehemals deutschen Gebiete an Oder, Neiße und der Ostsee in Betracht gezogen. Man hatte nicht vor, eine endgültige internationale Lösung der Frage der Deutschen und deren Territorien abzuwarten. Im Gegenteil: Die polnischen Ansiedler in den ehemals deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße sollten als Argument benutzt werden, diese Territorien dem polnischen Staat anzuschließen.

Laut Schätzungen des Ministeriums für öffentliche Verwaltung vom Mai 1945 konnten in den ehemals deutschen Gebieten sofort rund 6 Mio. Menschen und nach der Aussiedlung der Deutschen weitere 2 Mio. angesiedelt werden. Parallel zur Ansiedlung sollte die Verifikation der nationalen Zugehörigkeit sowie die Aussiedlung der Deutschen in die sowjetische und britische Besatzungszone durchgeführt werden. All diese Maßnahmen hingen eng zusammen und wurden am intensivsten in den Jahren 1945 bis 1947 umgesetzt.

Die wesentlichen Aufgaben, die mit der Besiedlung der sogenannten wiedergewonnenen Gebiete zusammenhingen, fielen dem Staatlichen Repatriierungsamt zu. Diese Einrichtung wurde am 7. Oktober 1944 ins Leben gerufen und befasste sich anfangs mit der Organisation der Umsiedlung und Repatriierung polnischer Bürger aus den Gebieten anderer Länder, hauptsächlich aus der Sowjetunion, nach Polen. Im Frühjahr 1945 wurde das Repatriierungsamt verpflichtet, Büros in den ehemals deutschen Gebieten einzurichten.

Die erste Phase der Besiedlung sollte von Um- und Besiedlungskomitees auf zentraler, sowie auf lokaler Ebene der Wojewodschaften und Kreise, die ab Ende April 1945 nach und nach errichtet wurden, praktisch umgesetzt werden. In den Komitees, denen Wojewoden und Stadträte vorstanden, waren politische Parteien, gesellschaftliche Vereine und Berufsorganisationen, Staatliches Repatriierungsamt, Behörden und Ämter vertreten. Zu ihren Aufgaben gehörten: Planung der An- und Umsiedlungsaktionen, Hilfeleistungen an das Repatriierungsamt und dessen lokale Büros bei den Umsiedlungen, Beschaffung von Transportmitteln, Verpflegung und Finanzen, Ansiedlung, Aktivierung und Einbeziehung der lokalen Bevölkerung in Hilfeleistungen an die Ansiedlungsbehörden.

Am 13. November 1945 wurde das Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete ins Leben gerufen, das für die Organisation der polnischen Ansiedlung in den ehemals deutschen Gebieten besonders wichtig war. Zu seinen Aufgaben gehörte die Erarbeitung von Richtlinien für die Staatspolitik in den übernommenen Gebieten, die Planung ihrer Bewirtschaftung, die Führung einer planmäßigen Ansiedlungsaktion, die Verwaltung der neuen Gebiete und die Koordinierung der Tätigkeiten anderer Ministerien auf diesen Gebieten. Das Wirkungsfeld des Ministeriums für die Wiedergewonnenen Gebiete war relativ ausgedehnt und umfasste praktisch alle Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Das Ministerium wurde zum wichtigsten Instrument des Staates, um Tempo und Ausmaß der Migration in die ehemals deutschen Gebieten zu regulieren.

Die ersten polnischen Ansiedler gelangten bereits im Februar und März 1945, unmittelbar nach Durchzug der Front, in die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete. Das war die spontane Phase der Ansiedlung. Sie kam den Maßnahmen der Behörden zuvor und war gesetzlich nicht geregelt. Die Ansiedler kamen vorwiegend aus den grenznahen Gebieten und besetzten die ehemals deutschen Höfe. Noch früher tauchten hier Gruppen von Menschen auf, die aus Kriegsgefangenschaft und Arbeitslagern in Deutschland zurückkehrten. Direkt hinter der Front folgte keine geringe Zahl von Plünderern, die die große Unordnung und Entvölkerung ausnutzten, um ehemaliges deutsches Eigentum zu rauben. Der Raub von Eigentum war in den ehemals deutschen Gebieten allgegenwärtig und trug wesentlich zur Zerstreuung und Zerstörung der hier befindlichen Güter bei. Nach der Durchforstung des Gebietes transportierten die Plünderer die geraubten Güter in ihre Wohnorte, meistens nach Zentralpolen, ab.

Noch größere Verwüstung verursachten die sowjetischen Truppen. In den ersten Monaten nach der Eroberung der deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße betrieben die sowjetischen Truppen einen unkontrollierten Raub der Güter. Ganze Fabriken wurden demontiert und in die Sowjetunion verfrachtet, bewegliche Güter, Rohstoffe, Bodenerzeugnisse und Kunstwerke wurden geraubt. Deutsche Güter wurden zum großen Teil sinnlos und unwiderruflich zerstört.

Die polnische Ansiedlung in den ehemals deutschen Gebieten kann nach ihrem Verlauf in Städten und Dörfern differenziert werden. Man kann sie auch unter dem Aspekt der Herkunftsorte der Ansiedler erforschen: So wird etwa die Ansiedlung der Ankömmlinge aus der Sowjetunion untersucht, dann die Ansiedlung derjenigen aus den ehemals polnischen Ostgebieten, die Ansiedlung der Repatriierten, d.h. derjenigen polnischen Staatsbürger, die während des Krieges in andere Länder deportiert worden waren und nach Polen zurückkehrten, oder die Ansiedlung von Reemigranten, d.h. derjenigen, die vor Kriegsbeginn außerhalb von Polen gelebt hatten. Die entschieden größte Gruppe der Ansiedler in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten waren Menschen aus Zentralpolen und Umsiedler sowie Repatrianten aus der Sowjetunion.

Die Ansiedlung der Bevölkerung aus Zentralpolen in den ehemals deutschen Gebieten nahm nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 zu. Ansiedler aus den entfernter gelegenen Wojewodschaften (u.a. aus der Wojewodschaft Rzeszów, Krakau, Kielce) kamen mit eingesetzten Pendelzügen. Diejenigen, die aus den grenznahen Vorkriegsgebieten kamen, benutzten Lastwagen, Pferdewagen oder wanderten sogar zu Fuß. Bis Ende 1945 gelangten 1.630.838 Menschen aus Zentralpolen, die meisten aus der Wojewodschaft Warschau (369.067), Krakau (256.192) und Lodz (228.680) in die ehemals deutschen Gebiete.

Seit Frühling 1945 kamen auch Transporte mit polnischen Ansiedlern aus den der Sowjetunion einverleibten Territorien in die ehemals deutschen Gebiete. Die ersten Umsiedler und Repatrianten von jenseits des Bug siedelten sich im März und April im Oppelner Schlesien an. Ab Mai wurden sie auch nach Pommern, Ermland, Masuren und ins Lebuser Land geleitet. Bis Ende 1945 wurden in den ehemals deutschen Gebieten insgesamt 400.138 Umsiedler aus dem ehemaligen polnischen Osten angesiedelt. Die meisten ließen sich auf dem Land nieder und übernahmen die dortigen Höfe.

Im Lebuser Land tauchten die ersten polnischen Ansiedler bereits im Februar und Anfang März 1945 auf und ließen sich hauptsächlich in den Kreisen Grünberg / Zielona Góra, Landsberg / Gorzów, Schwiebus / Świebodzin und Meseritz / Międzyrzecz nieder. Vom 25. bis zum 30. Mai 1945 gelangten beispielsweise 3.700 Repatriierte nach Landsberg an der Warthe / Gorzów Wielkopolski. Sie kamen vorwiegend aus den Wojewodschaften Wilna, Nowogrodek, Polesien, Lemberg, Tarnopol und Stanislaw. In den nächsten Monaten nahm die Ansiedlung noch stärker zu. Bis Ende 1945 gingen 162.057 Menschen durch die Sammelstellen des Repatriierungsamtes in alle Kreise des Lebuser Landes, darunter die größte Zahl im Kreis Sorau / Żary (24.887), dann in Schwiebus / Świebodzin (16.028), Glogau / Głogów (15.891) und Landsberg / Gorzów (13.140). Die Ansiedler bekamen notwendige medizinische Hilfe und Verpflegung und wurden in Transporten zu den Ansiedlungsorten in einzelnen Dörfern und Kleinstädten weitergeleitet.

Bis Ende 1945 wurden im Lebuser Land insgesamt 227.061 polnische Ankömmlinge angesiedelt, 145.958 von ihnen auf dem Lande und 81.103 in den Städten. 110.338 kamen aus den Wojewodschaften, die nach dem Krieg der Sowjetunion einverleibt worden waren, die übrigen stammten aus den alten polnischen Gebieten, hauptsächlich aus den Wojewodschaften Posen, Rzeszów, Krakau, Kielce, Lodz und Warschau.

Die Ansiedlung im Kreis Gubin verlief wesentlich langsamer als in anderen Kreisen des Lebuser Landes, die weiter entfernt von der deutsch-polnischen Grenze lagen. Dies resultierte hauptsächlich aus den Ängsten, sich in der unmittelbaren Nähe der Grenze zu Deutschland anzusiedeln. Einer der weiteren Gründe war die große Zerstörung der Stadt Guben / Gubin, die außerdem vermint war. Darüber hinaus wurde der Kreis Guben / Gubin für die Ansiedlung von Militärangehörigen bestimmt, die Anmeldebestimmungen waren verschärft, die Bewegungsfreiheit im grenznahen Gebiet war eingeschränkt und die Sicherheitsbedingungen waren schlechter als in anderen Kreisen. Verhältnismäßig spät, erst im September 1945, wurde in Guben / Gubin ein Büro des Repatriierungsamtes eingerichtet.

Ende 1945 war der Kreis Guben / Gubin eines der am schwächsten besiedelten Gebiete in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten. Im gesamten Kreis wohnten zu dieser Zeit 3.398 Menschen, 1.151 auf dem Land und 2.240 in Guben / Gubin. Das entsprach lediglich sieben Prozent der Kreisbevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg. In Guben / Gubin selbst waren die Ansiedlungsbedingungen schwierig. Die Stadt war zerstört, in allen Gärten, auf den Plätzen, in den Häusern und öffentlichen Gebäuden lagen Minen. Noch im April 1946 waren etwa 20 Prozent des Stadtgebiets von Guben / Gubin vermint.

Die polnischen Ansiedler betonten die allgemein guten Lebensbedingungen – trotz der Kriegszerstörungen – in den ehemals deutschen Gebieten. Fast jeder konnte ein Haus und ausreichend Boden zugewiesen bekommen, andere erhielten Wohnungen in der Stadt und Arbeit in der Industrie. Allgemein wies man auf die besseren Lebensbedingungen im Vergleich zu den früheren Wohnorten hin, auch wenn die Ankömmlinge aus dem ehemaligen Osten Polens sich nach ihrer Heimat sehnten und daran glaubten, dorthin zurückkehren zu können.

Die Zahl der polnischen Bevölkerung in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten stieg seit Februar 1946 nach der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung an. Die Ansiedler besetzten die von den Deutschen verlassenen Höfe und die städtischen Wohnungen. Es war an der Tagesordnung, die Deutschen unter Gewaltanwendung aus ihren Häusern und Wohnungen zu vertreiben. Oft wurden sogar mehrere deutsche Familien in einem Wohnraum zusammengepfercht. Die Ansiedler übernahmen das Hab und Gut der Deutschen. Ende 1946 riss die massenhafte Welle der polnischen Ansiedler ab. Die Ansiedlungsmöglichkeiten schrumpften zusammen. Die besten Höfe sowie Wohnungen in den Städten waren bereits besetzt. Frei blieben nur stark zerstörte Bestände, in denen sich anfangs die Ankömmlinge nicht hatten niederlassen wollen, da sie andere Wahlmöglichkeiten hatten.

Ende 1946 gab es in vielen Gegenden der ehemals deutschen Gebiete nur noch geringe Ansiedlungsmöglichkeiten. Das betraf vor allem das Oppelner Schlesien, wo es gar keine freien Höfe mehr gab. Zur Ansiedlung waren nur noch große Ländereien von mehr als 100 ha Boden vorgesehen, die zuvor geteilt werden sollten. Ähnliche Umstände herrschten in der Wojewodschaft Breslau, in der nur noch zerstörte Höfe und große Ländereien leer standen. Auch im Lebuser Land waren Ende 1946 die Ansiedlungsmöglichkeiten ausgeschöpft, abgesehen von den grenznahen Kreisen, die für die Militäransiedlung vorgesehen waren. Nicht wenig freie Höfe und städtische Wohnungen gab es dagegen zu dieser Zeit noch in Pommern, Ermland und Masuren. Insgesamt waren die von Polen übernommenen Gebiete jedoch nach wie vor unterbevölkert.

In den Jahren 1946 und 1947 hat sich die nationale Bevölkerungsstruktur in den ehemals deutschen Gebieten, die von Polen übernommen worden waren, vollständig verändert. Die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung, die Verifikation der nationalen Zugehörigkeit, die Anerkennung einer Million ehemaliger deutscher Staatsbürger als Polen und die Ankunft der polnischen Ansiedler führte dazu, dass Mitte 1947 in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten 5.238.000 Menschen lebten, davon 4.985.000 polnischer Herkunft.

Bis 1947 war die Zahl der polnischen Ansiedler im Lebuser Land kontinuierlich und wesentlich angestiegen. Ende dieses Jahres lebten hier insgesamt 473.744 polnische Ansiedler, 293.143 von ihnen auf dem Lande. Im Kreis Guben / Gubin lebten im Dezember 1947 11.555 polnische Ansiedler, darunter 7.734 auf dem Lande und 3.821 in der Stadt. Knapp 6.000 unter den damaligen Kreisbewohnern waren Polen von jenseits des Bug.

Eine ziemlich große Gruppe unter den Umsiedlern und Repatriierten aus der Sowjetunion, die sich in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten niederließen, stellten Juden dar. Zahlenmäßig waren sie am stärksten in Niederschlesien und Pommern vertreten. Die meisten von ihnen blieben nur kurz in den neuen Wohnorten und entschlossen sich relativ schnell, weiter zu ziehen, meistens ins Ausland. Mitte 1946 gab es in Niederschlesien etwa 80.000 und in Pommern etwa 30.000 Juden. Nach einem Jahr gingen diese Zahlen bis auf die Hälfte zurück. In den nächsten Jahren sank die Zahl der Juden in Polen, auch in den ehemals deutschen Gebieten, kontinuierlich weiter.

Auch im Lebuser Land war die Zahl der hier nach 1945 lebenden jüdischen Bevölkerung nicht konstant. In den drei Nachkriegsjahren gingen etwa 16.000 Menschen jüdischer Herkunft durch das Lebuser Land. Ihr größtes Zentrum war Sorau / Żary, wo zeitweilig insgesamt mehr als 3.500 Juden lebten. Vorübergehend wohnten auch einige Dutzend bis ein paar Hundert Juden in Grünberg / Zielona Góra, Neusalz / Nowa Sól und Landsberg / Gorzów. Auch in Gubin gab es vorläufig eine Anzahl von Juden, die jedoch niemals mehr als 20 Personen betrug.

1947 wurden im Rahmen der Aktion „Weichsel” nahezu 150.000 Menschen ukrainischer Herkunft in die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete zwangsumgesiedelt. Bis dahin hatten sie im polnischen Südosten, in den Wojewodschaften Rzeszów, Lublin und Krakau, gelebt. Eine verhältnismäßig große Gruppe von ihnen gelangte ins Lebuser Land. Insgesamt wurden hierher 11.768 Menschen ukrainischer Herkunft umgesiedelt, u.a. kamen sie in den Kreisen Strehlitz / Strzelce (1.500), Freystadt / Kożuchów (1.534), Meseritz / Międzyrzecz (830), Schwerin / Skwierzyna (750), Landsberg / Gorzów (650), Zielenzig / Sulęcin (620) an. Die Zahl der ukrainischen Bevölkerung, die im Kreis Guben / Gubin angesiedelt wurde, war relativ gering. Für die Aktion „Weichsel” galt, dass Ukrainer nicht näher als in einer Entfernung von 50 km von der Staatsgrenze angesiedelt werden durften. In der Praxis sah das allerdings oft anders aus. Im Kreis Guben / Gubin wurden im Juli 1947 32 Familien ukrainischer Herkunft (98 Personen) angesiedelt. Weitere 125 Ukrainer wurden im Januar und Februar 1948 in das Kreisgebiet Guben / Gubin aus anderen Kreisen des Lebuser Landes umgesiedelt.

In den Jahren 1948 und 1949 entschied sich nur noch eine geringe Anzahl polnischer Ansiedler in die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete zu ziehen. Innerhalb dieser zwei Jahre kamen hierher insgesamt knapp 400.000 Menschen polnischer Herkunft.

Am 3. Dezember 1950 fand in Polen bereits die zweite Volkszählung nach dem Krieg statt. Laut Ergebnis dieser Volkszählung lebten in den ehemals deutschen Gebieten 5.967.000 Menschen, darunter 3.093.700 auf dem Lande und 2.874.300 in den Städten. Knapp 2,5 Mio. der neuen Bewohnern in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten stammten aus den alten Gebieten (vorwiegend aus den Wojewodschaften Warschau, Lodz, Rzeszów, Posen, Kielce und Krakau) und 1.332.000 kamen aus dem ehemaligen polnischen Osten. Insgesamt blieben die ehemals deutschen Gebiete aber im Vergleich zur Vorkriegszeit unterbevölkert. Es lebten hier rund 2,5 Mio. Menschen weniger als zu deutschen Zeiten. Die Ursachen der Unterbevölkerung waren komplex. Einerseits fehlte es an Menschen, die man in diesen Gebieten hätte ansiedeln können, andererseits verweigerten die sowjetischen Behörden einigen Millionen Polen die Rückkehr nach Polen. Darüber hinaus wollten viele Polen, die nach dem Krieg im Westen geblieben waren, nicht nach Polen zurückkehren, was hauptsächlich mit dem neuen politischen System zusammenhing.

1950 lebten im Lebuser Land 560.613 Personen, 352.689 auf dem Lande und 207.924 in den Städten. Das waren 61,4 Prozent der Bevölkerungszahl des Jahres 1939. 52,3 Prozent der Bewohner des Lebuser Landes waren Umsiedler aus den alten polnischen Gebieten, 41,1 Prozent waren Repatriierte und 2,8 Prozent waren Reemigranten.

1950 betrug die Zahl der Bewohner des Kreises Gubin 13.322, auf dem Lande lebten 8.973 und in der Stadt 4.329 Personen. Das waren knapp 35 Prozent der Bevölkerungszahl aus der Vorkriegszeit. Der Kreis Gubin war also eindeutig unterbevölkert, insbesondere aber die Stadt Gubin, in der die Einwohnerzahl um 85 Prozent niedriger war als im Jahre 1939.

Aus dem Polnischen Ewa Czerwiakowski


Literatur:

S. Banasiak , Przesiedlenie Niemców z Polski w latach1945-1950 [Umsiedlung der Deutschen aus Polen in den Jahren 1945-1950], Łódź 1968

H. Dominiczak, Proces zasiedlania województwa zielonogórskiego w latach 1945-1950 [Der Ansiedlungsprozess in der Wojewodschaft Grünberg in den Jahren 1945-1950], Zielona Góra 1975

P. Dziurzyński, Osadnictwo rolne na Ziemiach Odzyskanych [Die Landwirtschaftsansiedlung in den Wiedergewonnenen Gebieten], Warszawa 1983

S. Łach,Osadnictwo wiejskie na ziemiach zachodnich i północnych Polski w latach 1945-1950 [Die Ansiedlung auf dem Lande in den polnischen West- und Nordgebieten in den Jahren 1945-1950], Słupsk 1983

C. Osękowski, Społeczeństwo Polski zachodniej i północnej w latach 1945-1956. Procesy integracji i dezintegracji, [Die Gesellschaft der polnischen West- und Nordgebieten in den Jahren 1945-1956. Integrations- und Desintegrationsprozesse], Zielona Góra 1994

Die Aktion „Weichsel“ – Deportation der ukrainischen Bevölkerung in die Nord- und Westgebiete Polens im Jahre 1947

Als die Kommunisten in Polen die Macht übernahmen, verfolgten sie anfänglich keine klare Nationalitätenpolitik. Ihrer Vorstellung nach sollte sich das Problem durch die Festlegung der neuen territorialen Gestalt Polens sowie der Bevölkerungsumsiedlungen von selbst lösen, denn Polen würde so zu einem Land ohne nationale Minderheiten. Im Jahre 1943 erklärte Alfred Lampe, Mitautor des politischen Programms der polnischen Kommunisten in der UdSSR – des Verbands Polnischer Patrioten – in seinem Artikel in der Zeitschrift Wolna Polska (Freies Polen) mit dem Titel Polens Platz in Europa, dass das künftige Polen ein Nationalstaat sein werde. Zur Erreichung dieses Ziels war es seiner Meinung nach notwendig, die polnischen Gebiete von den ethnisch-ukrainischen, -weißrussischen und -litauischen abzugrenzen. (1) Diese Art der Argumentation war vor allem für die sich in der UdSSR aufhaltenden Kommunisten charakteristisch. Zurückhaltender äußerten sich die Kommunisten, die in Polen lebten und mit der Polnischen Arbeiterpartei (PPR) verbunden waren. Ohne von einem national einheitlichen Staat zu sprechen kündigten sie an, Polen werde ein Land der Gleichheit und des brüderlichen Zusammenlebens aller Völker sein, die es bewohnen. Sie ließen also die Möglichkeit zu, dass es im polnischen Staat nationale Minderheiten gäbe, deren Rechte wurden jedoch nicht präzisiert. (2) Aus leicht nachvollziehbaren Gründen wurde die Nationalitätenpolitik so realisiert, wie es der Sowjetunion passte. Deshalb wurden in der polnischen Nachkriegspolitik die Konzeptionen verwirklicht, die von den früher in der Sowjetunion lebenden Kommunisten vertreten worden waren. Die Behörden versuchten das Volk davon zu überzeugen, dass sich das neue Polen infolge der Grenzverschiebung seiner nationalen Minderheiten und der damit verbundenen Schwierigkeiten entledigt habe. Das national einheitliche Nachkriegspolen sollte im Gegensatz zum Multinationalismus der Zweiten Polnischen Republik stehen. Die Tatsache, dass sich im Jahre 1945 innerhalb der Staatsgrenzen etwa vier Millionen nicht-polnische Einwohner aufhielten, wurde als Übergangszustand betrachtet, denn sie sollten Polen verlassen. Die Bemühungen der Behörden konzentrierten sich hauptsächlich darauf, diesen Prozess möglichst bald zu beenden. Gleichzeitig stimmte dieses Vorgehen mit den Erwartungen großer Teile der polnischen Gesellschaft überein, die aufgrund der Kriegsereignisse keine Möglichkeit sahen, gutnachbarschaftliche Beziehungen zu den Minderheiten zu entfalten. (3)

Innerhalb der polnischen Nachkriegsgrenzen waren etwa 650-700.000 Ukrainer geblieben. Auf Initiative der sowjetischen Behörden beschlossen das Polnische Komitee zur Nationalen Befreiung und die Regierung der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik am 9. September 1945 einen Vertrag über den Bevölkerungsaustausch. Er umfasste Polen und Juden, ehemalige polnische Staatsbürger, die jetzt in der Ukraine ansässig waren, sowie die Ukrainer in Polen. Laut Vertrag sollte der Bevölkerungsaustausch freiwilligen Charakter haben, (4) in der Praxis jedoch wollten beide Seiten das ungewollte Volk aus dem eigenen Gebiet loswerden. Am 15. Oktober begann die Umsiedlung der ukrainischen Bevölkerung aus Polen. Anfänglich verließen Ukrainer Polen, die ihre Angehörigen und ihren Besitz infolge der polnisch-ukrainischen Kämpfe und der durchziehenden Front verloren hatten. Doch die entschiedene Mehrheit der Ukrainer wollte, trotz ursprünglich anderer Erklärungen, im bisherigen Gebiet bleiben. Sie betrachtete ihre Wohnorte nämlich als ihren ukrainischen Heimatboden, den sie nicht verlassen wollte, zumal die Ukraine kein unabhängiger Staat war. Man muss hinzufügen, dass die Ukrainische Aufständische Armee UPA (die hauptsächlich in den Westgebieten der sowjetischen Ukraine aktiv war) die Bevölkerung zum Verbleib am bisherigen Aufenthaltsort aufforderte, da sie es sich zum Ziel gesetzt hatte, einen unabhängigen ukrainischen Staat zu gründen. Darauf hin entschlossen sich die Behörden, die Ukrainer zum Verlassen Polens zu zwingen.

Nach anfänglicher Ermutigung der Ukrainer zur Ausreise, bei der alle Schulden sowie laufende Leistungen in natura, Steuern und Versicherungsbeiträge (5) erlassen werden sollten, gingen die Behörden dazu über, die Ukrainer zur Ausreise zu zwingen, zunächst mit verwaltungstechnischen und wirtschaftlichen Methoden. Als dies nicht zum erwarteten Ergebnis führte, wurden am 3. September 1945 die 3., 8. und 9. Infanteriedivision der Polnischen Armee in das süd-östliche Polen geschickt mit der Aufgabe, die Ukrainer auszusiedeln. Die Armee siedelte ganze Dörfer aus, wobei sie den Bewohnern etwa zwei Stunden zur Vorbereitung der Ausreise ließ. Oft ging die Armee bei diesen Aktionen mit aller Brutalität vor, und rechtfertigte dies dann anschließend mit dem Kampf gegen die UPA. Insgesamt wurden in den Jahren 1944-1946 etwa 500.000 Ukrainer aus Polen ausgesiedelt.

Das Engagement der Armee bei der Umsiedlungsaktion führte jedoch nicht zur Aussiedlung aller Ukrainer. Nach heutigen Schätzungen hielten sich Ende 1946 noch etwa 150-200.000 Ukrainer im süd-östlichen Gebiet Polens auf. Die Existenz einer ukrainischen nationalen Minderheit passte den Behörden jedoch nicht, die Polen in einen national einheitlichen Staat verwandeln wollten. Darauf hin entschloss man sich, die verbliebene ukrainische Bevölkerung in die West- und Nordgebiete Polens zu deportieren. Im Lichte der erhaltenen Dokumente verfolgte man mit diesem Vorhaben zwei Ziele. Das erste Ziel, die Liquidierung der UPA-Einheiten durch Aussiedlung der Bevölkerung, war sofort realisierbar. Das zweite Ziel, die endgültige Lösung der ukrainischen Frage durch die Assimilierung der Ukrainer am neuen Wohnort, war nur längerfristig zu verwirklichen.

Die organisatorisch-technischen Vorbereitungen zur Deportation der ukrainischen Bevölkerung in die West- und Nordgebiete Polens begannen im Januar 1947. Der Generalstab der Polnischen Armee erteilte den im südöstlichen Polen stationierten Abteilungen den Befehl, alle in diesem Gebiet weiterhin lebenden ukrainischen Familien zu registrieren. (6) Im Februar 1947 stellte Brigadegeneral S. Mossor in einem Rechenschaftsbericht nach der Inspektion der Wojewodschaftskomitees für Sicherheit in Kattowitz, Krakau und Lublin fest, „es erscheint notwendig, im Frühjahr eine energische Umsiedlungsaktion dieser Menschen in einzelnen Familien durchzuführen und sie in alle Wiedergewonnenen Gebieten zu zerstreuen, wo sie sich schnell assimilieren werden“. (7) Die Zahl der Ukrainer wurde in diesem Bericht auf 4.876 Familien geschätzt, die 20.306 Personen umfassten. Das war eine falsche Zahl, denn im Gebiet des südöstlichen Polen befanden sich etwa 200.000 Ukrainer. (8) Am 27. März forderte die Operative Sektion der III. Abteilung des Generalstabs der Polnischen Armee „die energische Umsiedlung dieser Menschen in einzelnen Familien durchzuführen und sie in den Wiedergewonnenen Gebieten zu zerstreuen, wo sie sich schnell assimilieren werden.“ (9) Einen Tag später kam in einem Hinterhalt bei Jabłonka der stellvertretende Minister für Nationale Verteidigung, General Karol Świerczewski, unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben. Die Behörden bezichtigten die UPA, ihn ermordet zu haben. Sein Tod wurde als Vorwand benutzt, um das geplante inhumane Vorgehen gegen die ukrainische Bevölkerung zu rechtfertigen. Von diesem Moment an wurde die antiukrainische Propaganda massiv entfesselt. Die Ukrainer wurden als die Hauptfeinde der Polen und Polens dargestellt. In entsprechend inszenierten Filmen und Fotos wurden verhaftete angebliche Mitglieder der UPA oder ihre Sympathisanten dargestellt. (10) Entgegen der Tatsachen wurde behauptet, ukrainische Formationen hätten an der Niederschlagung des Warschauer Aufstands teilgenommen. (11)

Am 29. März 1947 beschloss das Politbüro des Zentralkomitees der Polnischen Arbeiterpartei folgendes:

„1. Schnell die Ukrainer und gemischte Familien in die Wiedergewonnenen Gebiete umsiedeln (vor allem nach Ostpreußen), ohne dabei geschlossene Gruppen zu bilden, und in einer Mindestentfernung von 100 km von der Grenze entfernt. 2. Die Umsiedlungsaktion mit der Regierung der Sowjetunion und der Tschechoslowakei absprechen. 3. Die Zusammenstellung aller Daten über die ukrainische Bevölkerung in Polen sowie die Ausarbeitung des Umsiedlungsprojekts sollen die Genossen Spychalski und Radkiewicz innerhalb einer Woche erledigen.“ (12)

Am nächsten Tag erarbeitete der Stab der 9. Infanteriedivision Vorschläge zur Effektivierung des weiteren Kampfs gegen die UPA-Einheiten. Man verlangte nicht noch mehr Soldaten, sondern die Aussiedlung der ukrainischen Bevölkerung, der gemischt polnisch-ukrainischen Familien sowie von Polen, die der UPA Hilfe leisteten; danach sollten diese in den West- und Nordgebieten zerstreut angesiedelt, und dabei geschlossene Ansiedlergruppen verhindert werden. Man beantragte auch die Schaffung von „Konzentrationslagern“ für Ukrainer, die der Zusammenarbeit mit der UPA verdächtigt wurden und die Bildung von Standgerichten. Der Staat sollte den ganzen ukrainischen Besitz übernehmen und Polen in den ehemals ukrainischen Bauernhöfen ansiedeln. (13) Diese Vorschläge, erweitert um die Forderung, die Anzahl der Armeeeinheiten zur Bekämpfung der UPA-Abteilungen zu vergrößern, wurden später vom Wojewodschaftskomitee für Sicherheit in Rzeszów angenommen und an die Staatliche Sicherheitskommission weitergeleitet. (14)

Am 17. April 1947 gab letztere eine Anweisung an die Operative Gruppe „Weichsel“ heraus. Darin wurde angeordnet, die UPA-Abteilungen zu vernichten, weiterhin unter Teilnahme des Staatlichen Repatriierungsamtes die Ukrainer sowie „alle Schattierungen der ukrainischen Nationalität“ umzusiedeln, „auch jene gemischt polnisch-ukrainischen Familien, die mit der UPA zusammengearbeitet haben“. Dabei sollte das Gebiet südöstlich von Baligrod vollständig ausgesiedelt werden. (15) Am nächsten Tag erteilte der Minister für Nationale Verteidigung M. Żymierski einen Organisationsbefehl an die Operative Gruppe „Weichsel“, in der er Gen. S. Mossor zum Befehlshaber ernannte, und Oberst G. Korczyński, Oberstleutnant B. Sidziński und Oberstleutnant J. Hubner zu dessen Stellvertretern. Stabschef wurde Oberst Michał Chiliński. Dem Kommando der Operativen Gruppe „Weichsel“ wurden auch Vertreter des Ministeriums für Verwaltung, des Verkehrsministeriums, des Staatlichen Repatriierungsamtes sowie der Hauptkommandantur der Miliz zugeteilt. (16) Zum Bevollmächtigten des Verwaltungsministeriums für Fragen der Umsiedlung der ukrainischen Bevölkerung wurde Józef Bednarz ernannt. (17)

Es wurden Anweisungen erarbeitet, die Arbeitsbereich und Kompetenzen der einzelnen Einheiten des Aussiedlungsapparats detailliert bestimmten. (18) In einer Anweisung an den Kommandanten des Regimentssammelpunktes, empfahl man eine Kategorisierung der ukrainischen Bevölkerung. Zur Kategorie „A“ wurden Personen gezählt, die in den Listen des Amtes für Öffentliche Sicherheit verzeichnet waren, zur Kategorie „B“ diejenigen, die in den Armeelisten standen und zur Kategorie „C“ praktisch alle übrigen Familien. (19) Diese Kategorisierung sollte die Zerstreuung der ukrainischen Familien in den neuen Siedlungsgebieten erleichtern und ihre Assimilation beschleunigen. In einer Anweisung des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit wurde das detailliert präzisiert. Darin wurde empfohlen, die ukrainischen Familien so zu zerstreuen, dass sie keine geschlossenen Gruppen bilden können und nicht mehr als 10 Prozent der Einwohner eines Dorfes ausmachen. Die ukrainischen Familien sollten mindestens 50 km von den Landgrenzen, 30 km von den Seegrenzen und Wojewodschaftstädten sowie 10 km von der Westgrenze Polens aus dem Jahre 1939 entfernt untergebracht werden. Das Ministerium für Öffentliche Sicherheit befahl, in einem Dorf nur eine zur „A“ oder „B“-Gruppe zählende Familie und nur bis zu 5 Familien der Kategorie „C“ unterzubringen. Genau dieselben Richtlinien galten bei der Unterbringung der Ukrainer in staatlichen und parzellierten Landgütern. (20)

Am 24. März 1947 fasste das Präsidium des Ministerrates den Beschluss zur Aktion „Weichsel“. Kraft dieses Beschlusses wurde General S. Mossor, der zugleich Befehlshaber der Operativen Gruppe „Weichsel“ war, vom Verteidigungsminister M. Żymierski, zum Regierungsbevollmächtigten für die Aktion der Umsiedlung der ukrainischen Bevölkerung und für den Kampf gegen die UPA ernannt. Am selben Tag erteilte General S. Mossor den ihm unterstehenden Kommandeuren der Einheiten den Befehl, gemeinsam mit Funktionären des Staatssicherheitsamtes am 24. und 25. April Verhaftungen nach zuvor erstellten Listen innerhalb der ukrainischen Bevölkerung durchzuführen. (21) Gleichzeitig erhielten alle Armeeeinheiten der Operativen Gruppe „Weichsel“ Anweisungen zur Organisation der Aussiedlung der Bevölkerung. Auf deren Grundlage gaben die Befehlshaber der einzelnen Divisionen den ihnen unterstehenden Armeeabteilungen Aussiedlungsbefehle . (22)

Am 28. April 1947 begann die Operationsgruppe „Weichsel“ im Rahmen der Aktion „Weichsel“ mit der Deportation der Ukrainer in die West- und Nordgebiete Polens. In der Praxis wurde mehr Wert auf die Aussiedlung der Bevölkerung gelegt als auf die Liquidierung der UPA-Einheiten. An dieser Situation änderte nicht einmal eine Intervention von Minister Żymierski etwas, der in der Richtlinie Nr. 7 General S. Mossor anwies, „die Aussiedlung der Bevölkerung soll nicht an vorderster Stelle stehen“. (23) Von der Aussiedlung wurden alle Ukrainer und gemischt polnisch-ukrainischen Familien ungeachtet ihres Loyalitätsgrades gegenüber dem polnischen Staat erfasst. Das betraf auch ehemalige Partisanen und antifaschistische Widerstandskämpfer, demobilisierte Soldaten der Roten und der Polnischen Armee. Auch Mitglieder des Machtapparats Volkspolens und der Polnischen Arbeiterpartei sowie Bewohner von Dörfern, in denen die UPA-Einheiten niemals aufgetaucht waren, wurden ausgesiedelt. Das Wojewodschaftskomitee der Polnischen Arbeiterpartei in Lublin verlangte sogar eine Umsiedlung derjenigen Funktionäre des Kreissicherheitsamtes, die ukrainischer Nationalität waren. (24)

Zu einem Symbol der Repression seitens der polnischen Behörden in der Aktion „Weichsel“ wurde das Zentrale Arbeitslager in Jaworzno, gegründet auf der Basis des während des Krieges existierenden Nazi-Konzentrationslagers Dachsgrube, eines Außenlagers von Auschwitz. Dort wurden Deutsche und Polen sowie, kraft einer Entscheidung des Politbüros des Zentralkomitees der Polnischen Arbeiterpartei vom 23. April 1947 (25), auch Ukrainer, die verdächtigt wurden, mit der UPA zusammenzuarbeiten, und Vertreter der ukrainischen Intelligenz und Geistlichkeit gefangen gehalten. Insgesamt kamen 3.873 Personen ins Lager, darunter 700 Frauen und Kinder sowie 22 griechisch-katholische und 5 orthodoxe Priester. (26) Die festgehaltenen Personen wurden raffinierter psychischer und physischer Folter ausgesetzt. In deren Folge sowie in Folge von Unterernährung und Krankheiten verloren mindestens 161 Personen ihr Leben. (27) Diejenigen, denen eine Zusammenarbeit mit der UPA nachgewiesen wurde, wurden dem Militärgericht der Operationsgruppe „Weichsel“ übergeben, das während seiner Arbeit 173 Personen zum Tode, 58 zu lebenslanger Haft, 40 zu einer Haftstrafe von 15 Jahren, 38 zu einer Haftstrafe bis zu 15 Jahren verurteilte und 5 Personen freisprach. (28) Bei diesen Prozessen handelte es sich um öffentlich besonders bekannt gemachte Schauprozesse. (29)

Die Armeeeinheiten befolgten die meisten Aussiedlungsanweisungen nicht. Der Verlauf der Aussiedlungen hing jeweils von den Entscheidungen der Befehlshaber der Abteilungen ab. Im Morgengrauen umstellte die Armee das Dorf und befahl den Einwohnern, ihre Abreise vorzubereiten. Sie gab ihnen etwa zwei Stunden zum Packen und Mitnehmen der notwendigsten Sachen und des Inventars. Es kam vor, dass die Aussiedlungsabteilung die Zeit bis zur Abfahrt auf 20 Minuten einschränkte. (30) Eine so kurze Packzeit bewirkte, dass die Menschen nicht einmal die allernötigsten Dinge mitnehmen konnten. Hinzu kam ein spürbarer Mangel an Transportmitteln. Daher gab es für zwei bis drei Familien nur ein Fuhrwerk. Es kam vor, dass die Ausgesiedelten ihr Hab und Gut auf dem Rücken tragen mussten oder die Armee die Menge des Gepäcks auf 25 kg pro Person beschränkte. (31) Nachdem eine Kolonne gebildet worden war, brachte man die Aussiedler unter Armeeaufsicht zum Sammelpunkt. Dort wurden die Einwohner mehrer Orte versammelt und warteten auf einen Transport zur Verladestation. Die Sammelpunkte waren meist überfüllt. Das nutzten diejenigen, die sich ihren Familien illegal anschließen wollten, oder diejenigen, die zu ihrem Bauernhof zurück wollten, um das dort zurückgelassene Hab und Gut zu holen. Es kam auch vor, dass Polen zu den Sammelpunkten kamen, um Inventar zu requirieren. (32) An diesen Sammelpunkten wurde, abgesehen von der ständigen Überwachung der Bevölkerung, auch die Einteilung in die Kategorien „A“, „B“ und „C“ vorgenommen.

Von den Sammelpunkten wurde die Bevölkerung zur Verladestation gebracht. Dort fand die Verladung der Menschen und des Inventars in Waggons statt, nach Listen, auf denen sich Familien aus mehreren, oft sogar mehr als einem Dutzend Dörfer befanden. Bekannt ist das Beispiel der Einwohner des Dorfes Florynka, die in einem Gebiet von 30 Dörfern in 6 Kreisen angesiedelt wurden. (33) Laut Anordnung sollten in einem Waggon 2 Familien untergebracht werden. In der Praxis sah das jedoch sehr unterschiedlich aus. Als eines der drastischsten Beispiele kann der Bahnhof in Sanok dienen, wo in 31 Waggons 897 Personen, 24 Pferde, 120 Kühe, 45 Ziegen, 7 Kälber und 2 Fohlen untergebracht wurden. In diesem Transport sollten in 13 Waggons 787 Personen Platz finden, also durchschnittlich 60 Personen pro Waggon. In die anderen Waggons wurden die übrigen Personen zusammen mit dem Inventar verladen. Bevor der Transport sich in Bewegung setzte, waren zwei Kinder verstorben. (34) Von den Verladestationen hat man die Transporte zunächst an sogenannte Richtpunkte in Kattowitz (Auschwitz) und Lublin geschickt. Von dort leitete man sie unter Militäraufsicht, an die Verteilungspunkte weiter. Für diese Strecke wurden durchschnittlich 7 Tage gebraucht. In der Anfangszeit der Aktion „Weichsel“ gab es solche Verteilungspunkte in Szczecinek (Neustettin) für die Wojewodschaft Stettin und Danzig und in Allenstein für die Wojewodschaft Allenstein, Białystok und Danzig. Am 23. Mai 1947 wurden zwei weitere Verteilungspunkte in Posen für die Wojewodschaft Lubuskie und Kattowitz später Oleśnica (Oels) für die Wojewodschaft Breslau bestimmt. Die Behörden des Polnischen Repatriierungsamtes waren darum bemüht, die Züge mit der ukrainischen Bevölkerung innerhalb weniger Stunden nach der Ankunft des Transports am Verteilungspunkt in die entsprechenden Kreise weiter zu leiten. Es kam aber vor, dass die Züge sogar mehr als zehn Tage dort stehen blieben. Ein Transport, der am 11. September nach Allenstein kam, wartete 19 Tage darauf, in den Kreis Susz (Rosenberg i. Westpr.) weitergeleitet zu werden. (35) Von den Verteilungspunkten wurden die Züge an die Entladestationen geleitet. Die dortige Entladung der Transporte dauerte meist mehrere Stunden, war jedoch vom Stand der Vorbereitungen zur Aufnahme der Umsiedler abhängig. Es kam vor, dass manche Einrichtungen gar nichts von den ankommenden Transporten wussten. Am 22. Mai 1947, während der Aktion „Weichsel“, wandte sich die Kreisabteilung des Staatlichen Repatriierungsamtes in Elbing an die Inspektionsabteilung des Ministeriums für die Wiedergewonnenen Gebiete mit der Anfrage, was mit der nach Elbing gekommenen ukrainischen Bevölkerung zu tun sei. (36) Wie lange die Verteilung dauerte, hing stark von der Einstellung der örtlichen Verwaltungsbehörden zur Aktion der Ansiedlung der ukrainischen Bevölkerung ab. Nicht alle Institutionen erfüllten die ihnen anvertrauten Aufgaben. Im Kreis Lidzbark hatten nicht alle Gemeinden Verbindungsleute bestimmt, deren Aufgabe es sein sollte, die Umgesiedelten vom Bahnhof abzuholen. So irrten die an der Bahnstation losgeschickten ukrainischen Familien durch die unbekannte Gegend auf der Suche nach leer stehenden Bauernhöfen. (37) Die Überladung der Waggons mit Menschen und Inventar, die lange Reise unter militärischer Aufsicht und unter skandalösen sanitären Bedingungen sowie der Stress, den die Menschen dabei erlebten, bewirkten, dass während der Reise mindest 27 Personen verstarben. (38)

Transporte der ukrainischen Bevölkerung kamen bis zum 15. August 1947 systematisch in den West- und Nordgebieten Polens an. Bis zu diesem Tag hatte man insgesamt 33.154 Familien angesiedelt, also 140.662 Personen. Die meisten kamen in die Wojewodschaft Allenstein (55.089 Personen), dann in die Wojewodschaft Stettin (48.465 Personen), Breslau (21.237 Personen), Posen (8.042), Danzig (6.838) und Białystok (991 Personen). (39) Nach dem 15. August kamen weiterhin, aber unregelmäßig, Transporte mit deportierter ukrainischer Bevölkerung an. Es ist bekannt, dass im September und Oktober aus den Kreisen Hrubieszów und Tomaszów Lubelski vier Transporte, die 919 Personen zählten, geschickt worden waren. (40) Zwangsumsiedlungen der Ukrainer gab es auch noch in den nachfolgenden Jahren. Wenn man dies sowie die Anzahl der in Jaworzno festgehaltenen Personen berücksichtigt, kann man annehmen, dass im Rahmen der Aktion „Weichsel“ etwa 150.000 Personen in die West- und Nordgebiete Polens deportiert wurden.

Die Deportation traf auch die ukrainischen Geistlichen. Am Vorabend der Aktion „Weichsel“ gab es in Polen 114 griechisch-katholische Priester. Ihr Schicksal war unterschiedlich. 62 Priester wurden zusammen mit den Gläubigen in die West- und Nordgebiete deportiert. Von ihnen stammten 31 aus der Diözese Przemyśl, 20 aus dem Lemkenland und 11 aus anderen Diözesen. Sieben Priester wurden verhaftet und der sowjetischen Seite übergeben, 22 im Lager Jaworzno gefangen gehalten. Sieben wurden zu einer Gefängnisstrafe und einer zum Tode verurteilt. Mindestens drei entgingen der Aussiedlung; die übrigen verließen Polen, kamen während militärischer Aktionen ums Leben, konvertierten zum römisch-katholischen Glauben oder verließen den Priesterstand. (41) Obwohl wir nicht über umfassende konkrete, sondern nur über bruchstückhafte Informationen verfügen, kann man feststellen, dass die russisch-orthodoxen Priester ein ähnliches Schicksal ereilte. Die meisten von ihnen wurden gemeinsam mit den Gläubigen deportiert, einige verhaftet und gefangen gehalten, andere blieben an Ort und Stelle, fünf sperrte man in Jaworzno ein. Die Deportation der Bevölkerung und der Geistlichkeit bewirkte das endgültige Ende der griechisch-katholischen Diözese von Przemyśl und der Apostolischen Verwaltung des Lemkenlandes.

Die deportierten Ukrainer wurden von den Behörden vor allem auf dem Lande angesiedelt. Aufgrund der wenigen erhaltenen Daten kann man annehmen, dass etwa 10 Prozent der ukrainischen Bevölkerung in Städten angesiedelt wurden. Daraus folgt, dass etwa 90 Prozent aufs Land kamen, davon nach Schätzungsangaben über 80 Prozent auf individuelle Bauernhöfe, etwa 10 Prozent als Landarbeiter auf staatliche Landgüter und etwa 5 Prozent auf parzellierte Landgüter, die übrigen wurden Waldarbeiter u. ä. Zu Beginn der Aktion „Weichsel“ wurden der ukrainischen Bevölkerung vor allem individuelle Bauernhöfe zugeteilt; später als es bereits an solchen mangelte, wurde sie in parzellierten Landgütern bei den Staatlichen Landimmobilien untergebracht.

Nach der Ansiedlung der ukrainischen Bevölkerung bemerkten die Zentralbehörden, dass die zuvor erarbeiteten Anordnungen des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit zur Verteilung der Ukrainer nicht befolgt worden waren. Die Provinzbehörden hatten sich bei der Ansiedlung in den Kreisen vor allem nach der Aufnahmefähigkeit der einzelnen Gemeinden gerichtet. In den meisten Fällen hatte man den einzelnen Dorfschulzen eine entsprechende Anzahl von ukrainischen Familien zugewiesen, die diese nach eigenem Gutdünken ansiedeln sollten, wobei sie freie Hand hatten eine Verlegung von einem Dorf zum anderen vorzunehmen (42) In der Wojewodschaft Stettin war das Hauptkriterium bei der Verteilung der ukrainischen Familien der Besitz von Vieh. Familien, die Vieh besaßen, wurden auf individuelle Bauernhöfe geschickt, und diejenigen, die keines hatten, auf die Landgüter der Staatlichen Landimmobilien. Diese Art der Ansiedlung führte in der Konsequenz dazu, dass gegen die übrigen Verteilungsrichtlinien verstoßen wurde. Kein Wunder also, dass sich in einem Dorf Familien wiederfanden, die zur „A“, „B“ und „C“ – Gruppe gerechnet wurden. Auch das Verbot der Ansiedlung ukrainischer Familien in einem Mindestabstand von 50 km zur Landgrenze, 30 km zur Seegrenze und Wojewodschaftsstädten sowie 10 km zur Westgrenze Polens aus dem Jahre 1939 wurde nicht eingehalten. (43)

In manchen Kreisen wurde der Anteil von 10 Prozent Ukrainern im Verhältnis zur Gesamtzahl der Einwohner überschritten: in der Wojewodschaft Allenstein insgesamt 11,6 Prozent, in den Kreisen Iława (Deutsch-Eylau) 41,2 Prozent, Braniewo (Braunsberg) 35,2 Prozent, Węgorzewo (Angerburg) 35,1 Prozent, Pasłęk (Preussisch Holland) 25,7 Prozent, Bartoszyce (Bartenstein) 20,6 Prozent, Kętrzyn (Rastenburg) 18,2, Giżycko (Lötzen) 12,4 Prozent, Morąg (Mohrungen) (12,1 Prozent) und Lidzbark (Heilsberg) 11,2 Prozent. In der Wojewodschaft Stettin betrug dieser Prozentsatz in den Kreisen Człuchów (Schlochau) 20,8 Prozent, Miastko (Rummelsburg) 13,6 Prozent und Bytów (Bütow) 10,3 Prozent; in der Wojewodschaft Breslau in den Kreisen Lubin (Lüben) 14,1 Prozent und Środa (Neumarkt i. Schles.) 10,1. Manche Gemeinden zeichneten sich durch einen besonders hohen Prozentsatz von Ukrainern aus. Zum Beispiel betrug er im Kreis Węgorzewo in den Gemeinden Banie Mazurskie 71 Prozent, Kuty 64 Prozent, Budry (Buddern) 50 Prozent und Węgorzewo 45 Prozent. Von 92 Dörfern in diesem Landkreis überschritten 57 einen Anteil von 40 Prozent Ukrainern im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, und manche Dörfer wurden gänzlich mit Ukrainern besiedelt. (44) Ähnlich sah es auch in anderen Gebieten aus. (45)

Die Überschreitung der Ansiedlungslimits bewirkte eine Intervention des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit. Am 31. Juli 1947 befahl das Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete allen betroffenen Wojewodschaftsämtern die Anpassung der Verteilung an die Forderungen des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit. Doch in den meisten Kreisen wurde diese Aufforderung nicht befolgt. Grund dafür war vor allem der Mangel an freien Bauernhöfen. Aus diesem Grunde modifizierten die Behörden am 10. November 1947 die Richtlinien der Verteilung der Ukrainer. Man verbot, sie in folgenden Zonen anzusiedeln: in einem Streifen von 30 km zur Landgrenze, von 10 km zur Seegrenze und von 20 km im Umkreis der Wojewodschaftstädte. Zugleich wurde die Anzahl der Ukrainer, die in einem Dorf angesiedelt werden durften, auf 40 Prozent aller Einwohner angehoben. Im gesamten Landkreis sollte der Prozentsatz von 10 Prozent Ukrainern jedoch nicht überschritten werden. (46) Dies machte die erneute Umsiedlung von mehreren Tausend Familien nötig. In der Wojewodschaft Allenstein entschied man aufgrund der großen Anzahl ukrainischer Familien Umsiedlungen durchzuführen, wenn die Anzahl der Ukrainer in der jeweiligen Gemeinde 40 Prozent überschritt, oder wenn sie in einer 15 km – Zone um Allenstein angesiedelt worden waren. Gleichzeitig wurde von den Landratsämtern gefordert, den Überschuss an ukrainischer Bevölkerung in den Gemeinden des Landkreises zu verteilen. (47) Die Aktion dieser „Verschiebung“ der ukrainischen Bevölkerung wurde im Jahre 1948 durchgeführt; jedoch wurden nicht alle geplanten Familien davon erfasst. Haupthindernis war vor allem das Fehlen freier Bauernhöfe. Trotzdem stieg die Anzahl der Landkreise, in denen Ukrainer angesiedelt wurden, von 66 auf mindestens 74. (48)

Die Zentralbehörden sprachen den Zweck ihres Umgangs mit der ukrainischen Bevölkerung offen an. In derselben Anordnung wurde direkt festgestellt: „Das Hauptziel der Umsiedlung der ‚W’-Siedler ist ihre Assimilierung im neuen polnischen Milieu, und man sollte keine Mühe sparen, um dieses Ziel zu erreichen. Man sollte ihnen gegenüber nicht die Bezeichnung ‚Ukrainer’ gebrauchen. Falls das Element der Intelligentsia gemeinsam mit den Siedlern in die Wiedergewonnenen Gebiete gelangt sein sollte, muss man sie rücksichtslos einzeln und weit entfernt von den Gemeinden, in denen Siedler aus der Aktion ‚Weichsel’ wohnen, unterbringen“. (49)

Das Verbot, seinen Wohnort zu wechseln sowie die Verbesserung der Existenzbedingungen sollten die Rückkehr der Ukrainer in ihre alten Wohnorte verhindern. Denn die ukrainischen Familien waren in eine schwierige Lage geraten, sowohl was die Lebensmittelversorgung als auch was die Wohnbedingungen betraf. Art und Zeitpunkt der Umsiedlung bewirkten, dass sie ohne Lebensmittelvorräte dastanden. Außerdem hatte man ihnen ruinierte Bauernhöfe zugeteilt, da diejenigen mit noch gut erhaltenen Wirtschaftsgebäuden von den früher angekommenen polnischen Siedlern besetzt worden waren. Von den in Westpommern etwa 9.800 neu besetzten Bauernhöfen waren 75 Prozent (7.345) zerstört, davon erforderten 45 Prozent (4.386) eine ernstzunehmende Instandsetzung, und 30 Prozent (2.959) – mussten wieder aufgebaut werden. (50) In dieser Situation waren die Behörden gezwungen, den ukrainischen Familien weitgehende Hilfe zu leisten. Diese bekamen Beihilfen und Kredite, Lebensmittelmarken, Lebensmittel, Getreide usw. Die Gebäude wurden renoviert. Aber diese Hilfe war nicht ausreichend. So wurden zum Beispiel in der Wojewodschaft Allenstein bis zum 15. November 1947 von 10.000 Gebäuden nur 2.427 renoviert, in der Wojewodschaft Stettin wiederum bis Dezember 1947 nur 717 Gehöfte (51) Dies war nicht nur eine Folge der Nachlässigkeit der Beamten, sondern auch der begrenzten Möglichkeiten des Staates. Daher waren die ukrainischen Umsiedler dazu gezwungen, ihre Lebensbedingungen durch eigene Arbeit bei polnischen Siedlern, oft nur gegen Verpflegung, zu verbessern. Am 27. August 1949 enteignete der Ministerrat durch ein Dekret die ukrainische Bevölkerung und entzog ihr das Eigentumsrecht auf die Bauernhöfe, aus denen sie ausgesiedelt worden waren, sowie auf jeglichen dort zurückgelassenen Besitz. (52)

Die ukrainische Bevölkerung wurde sogar noch nach der Ansiedlung in den West- und Nordgebieten Polens vom Amt für Sicherheit, der Bürgermiliz und den Freiwilligen Milizeinheiten (ORMO) genauestens kontrolliert. Es kam vor, dass Funktionäre des Amtes für Sicherheit lange Zeiten in den Häusern ukrainischer Siedler verbrachten, und es wurden sogar Familien von Milizionären in der Nähe angesiedelt. (53) Außerdem standen sie unter ständiger Beobachtung, wurden in gewissen Abständen unter der Beschuldigung, der OUN oder der UPA angehört oder mit ihnen zusammengearbeitet zu haben, verhaftet. Für die Ukrainer galt Versammlungsverbot, und es war ihnen sogar verboten, nachts die Fenster zu verhängen. (54) Es kam auch vor, dass sie für allergeringste Vergehen bestraft wurden.

Im Prozess der Polonisierung der Ukrainer sollte jedes organisierte nationale Leben und die Tätigkeit der griechisch-katholischen Kirche verhindert werden. Die Behörden versuchten das durch die Isolierung der sowieso zahlenmäßig kleinen Schicht der Intelligentsia vom Rest der Bevölkerung, durch die Verhinderung jeder Selbstorganisation und durch die Verfolgung der griechisch-katholischen Geistlichen, denen die seelsorgerischer Tätigkeit in ihrem Ritus verboten war. Zunächst fanden die staatlichen Behörden in der römisch-katholischen Geistlichkeit Verbündete, die versuchten, die Gläubigen der griechisch-katholischen Kirche zu übernehmen. Die Hierarchie der römisch-katholischen Kirche erlaubte es allerdings der unierten Geistlichkeit, beide Riten nebeneinander zu praktizieren, um dann nach dem Erlernen des Lateinischen zum römisch-katholischen Ritus zu wechseln. Die griechisch-katholischen Geistlichen hatten deshalb eine gesicherte Existenz. Im Laufe der Zeit wurde es ihnen möglich, sich um den Wiederaufbau der griechisch-katholischen Kirche in Polen zu bemühen. Viel sanfter gingen die Behörden mit der russisch-orthodoxen Kirche um. Man war der Meinung, sie sei nicht Träger des ukrainischen Nationalbewusstseins und identifizierte sie nicht mit den Ukrainern, wie im Fall der griechisch-katholischen Kirche. Aus diesem Grunde entstanden, trotz anfänglichen Verbots, ab 1948 russisch-orthodoxe Gemeinden der ukrainischen Bevölkerung aus der Aktion „Weichsel“. (55) Bis Ende 1949 gab es im Gebiet der Wojewodschaft Allenstein neun von ihnen. Auch in Niederschlesien und in der Wojewodschaft Stettin wurden russisch-orthodoxe Zentren ins Leben gerufen. (56)

Kein Wunder also, dass das erwähnte Vorgehen der Behörden sowohl von der polnischen Bevölkerung als auch von den Lokalbehörden übernommen wurde. Doch die Haltung vieler Menschen hing eher von individuellen Einstellungen als von den Anordnungen der Zentralregierung ab. Außer wohlwollender oder gleichgültiger Haltungen gab es auch feindliche. Die Abneigung gegen die Ukrainer äußerte sich im Alltagsleben. Ausgelacht wurde die Art, wie sie sprachen, wie sie sich kleideten und ernährten, sowie – was am schlimmsten war – auch ihr Glaube. Es kam vor, dass Gruppen betrunkener polnischer Siedler gemeinsam mit Vertretern der Lokalbehörden ukrainische Familien überfielen. Die Ukrainer wurden nicht zu Tanzabenden eingelassen, und versuchten sie es dennoch, wurden sie oft zusammengeschlagen. Bei verschiedenen Gelegenheiten wurden sie schlecht behandelt, angeschwärzt oder man verlangte, sie sollten in die Ukraine gehen. Die Abneigung gegenüber den Ukrainern kam auch in verächtlichen und vulgären Schimpfwörtern zum Ausdruck. Allgemein wurden sie als „Schlächter“, „Banditen“, UPA-Leute“, „Bandera-Leute“ usw. beschimpft. (57)

Leider war auch die Mehrheit der Ukrainer negativ gegenüber der polnischen Bevölkerung eingestellt. Allgemein wurde dieser vorgeworfen, sie ermorde die Ukrainer. Diese Ansicht bestätigten die Ukrainer, die selbst Leid durch Polen erlitten hatten. Den Polen wurde vorgeworfen, sie hätten damit angefangen, die Ukrainer zu ermorden, und wollten jetzt die ganze Schuld auf die UPA abwälzen. Diese wiederum wurde in den Berichten der Ukrainer in den Rang einer Beschützerin ihres Lebens erhoben. Die Berichte der polnischen Seite über ukrainische Morde wurden generell abgelehnt. Es kam zu zwei vollkommen unterschiedlichen Interpretationen des polnisch-ukrainischen Konflikts, indem die Schuld für dessen blutigen Verlauf jeweils immer der anderen Seite vorgeworfen wurde. Außerdem funktionierte im Bewusstsein der ukrainischen Bevölkerung ein Stereotyp von Polen, die man als „Diebe“, „Säufer“ und „Faulenzer“ bezeichnete.

Die gegenseitige, negative Einstellung der Polen und Ukrainer zueinander trug zur gesellschaftlichen Isolierung der Ukrainer bei. Auf die Feindseligkeit und den Unwillen der polnischen Bevölkerung antworteten sie genauso. Angesiedelt unter vollkommen anderen Milieubedingungen als zuvor fühlten sie sich unwohl und unsicher. Die ganze Zeit träumten sie von der Rückkehr in ihre Heimat. Dieses Gefühl war so stark, dass anfänglich große Teile der Ukrainer die Gebäude nicht renovierten, den Boden nicht bestellten und keine Viehzucht betrieben. Auf Schritt und Tritt spürten sie ihre Fremdheit. Aus diesen Gründen unterhielten sie vor allem untereinander Kontakt . (58) Diese gesellschaftliche Isolierung der Ukrainer führte zu ihrer inneren Integration. Sie unterstützten sich bei verschiedenen Arbeiten, begingen gemeinsam die Feiertage und luden sich gegenseitig zu verschiedenen Familienfesten ein. Sie kultivierten, so weit das möglich war, die eigenen nationalen und religiösen Traditionen. Sie sprachen und beteten auf Ukrainisch und feierten ihre Feiertage nach dem Julianischen Kalender. Verschiedene Feiern, z.B. Hochzeiten, verliefen nach eigenen Bräuchen. Dieses Verhalten der Ukrainer vertiefte wiederum den polnisch-ukrainischen Antagonismus.

Doch als der ukrainischen Bevölkerung klar wurde, dass ihr Aufenthalt am neuen Ort doch länger dauern würde, begann sie, eine Verbesserung ihrer materiellen und geistigen Bedingungen anzustreben. Die staatliche Hilfe, die sie erhielt, und insbesondere die eigene Arbeit, führte zu einer Erhöhung des Lebensstandards. So mussten sie sich nicht mehr bei polnischen Siedlern gegen Verpflegung verdingen und konnten günstigere Arbeitsverträge mit ihnen abschließen. Außerdem gelang es manchen Familien, die von Polen verlassenen besseren Gehöfte zu besetzen; ein Teil der Familien, die in den staatlichen Landgütern verteilt waren, beantragte bei den Behörden eine Umzugserlaubnis und die Zuteilung eines Gehöfts. Sie zeigten immer größeres Interesse am Ackerbau und erlernten schnell neue Methoden der Landwirtschaft. (59) Mit der Verbesserung ihrer materiellen Lebensbedingungen begannen sie auch ihr kulturelles und religiöses Leben zu organisieren. Zu diesem Zweck wurden verschiedene Treffen und Feiern genutzt, die innerhalb der eigenen Nationalgruppe stattfanden. Zu einer Belebung kam es auch in den Städten, wo die lernenden und studierenden ukrainischen Jugendlichen in den Vordergrund rückten. Es entwickelte sich eine eigenartige „national-kulturelle Untergrundbewegung“. (60) Außerdem stellte man schriftliche Anträge an die Behörden, um Gotteshäuser zu erhalten sowie die Erlaubnis, offiziell im eigenen Ritus beten zu dürfen. Und wenn die Erlaubnis nicht erteilt wurde, versammelte man sich in Privatwohnungen zu Gebeten. (61) Doch erst ab 1952 kam es zu einer Lockerung in der Politik der Behörden gegenüber den Ukrainern. Man erlaubte ihnen eine begrenzte kulturelle und Bildungsaktivität, verzichtete jedoch nicht auf ihre Assimilierung. (62) Im Laufe der Zeit verbesserten sich auch die Beziehungen zwischen den Nachbarn, und mit dem gegenseitigen Kennenlernen wurden auch die vorhandenen Vorurteile schwächer.

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska



(1) P. Eberhard, Polska granica wschodnia 1939-1945 (Die polnische Ostgrenze 1939-1945), Warszawa 1995, S. 144-145.

(2) Wizje Polski. Programy polityczne lat wojny i okupacji 1939-1944. Dokumenty. (Visionen von Polen. Politische Programme aus der Kriegs- und Besatzungszeit 1939-1945. Dokumente). Hrsg. von K. Przybysz, Warszawa 1992, Dok. 62. Programmerklärung der Polnischen Arbeiterpartei „Worum kämpfen wir?“ vom November 1943, S. 268.

(3) E. Mironowicz, Polityka narodowościowa PRL (Die Nationalitätenpolitik der Volksrepublik Polen), Białystok 2000, S. 31-32.

(4) Archiv für Neue Akten (AAN), Hauptvertreter der Regierung für die Evakuierung der Ukrainischen Bevölkerung (GPRd/s ELU), Sign. 397/1. Vertrag zwischen dem Polnischen Komitee für Nationale Befreiung und der Regierung der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik über die Evakuierung polnischer Staatsbürger aus dem Gebiet der UdSSR und der ukrainischen Bevölkerung aus dem Gebiet Polens vom 9. September 1944.

(5) Archiv des Ministeriums für Inneres und Verwaltung (AMSWiA), PKWN, Sign. 6. Schreiben des Hauptvertreters des Polnischen Komitees zur Nationalen Befreiung an die Ressortleiter in der öffentlichen Verwaltung, der Nationalwirtschaft und Finanzen, des Bevollmächtigten des PKWN an das Ressort für kriegsbedingte Leistungen zur Frage von Erleichterungen für umsiedelnde Ukrainer vom 7. November 1944.

(6) Akcja „Wisła“. Dokumenty (Aktion „Weichsel“. Dokumente). Hrsg. E. Misiło. Warszawa 1993, Dok. 3, S. 42-43.

(7) Ebda, Dok. 8, S. 53-54.

(8) Es werden auch andere Zahlen angegeben. K. Podlaski (B. Skaradziński), Białorusini, Litwini, Ukraińcy (Weißrussen, Litauer, Ukrainer), Białystok 1990, auf den Seiten 77-78 ist von 170.000 Ukrainern die Rede. M.Truchan, Akcja „Wisła“ (Aktion „Weichsel“), in: Widnowa 1985, Nr. 2, S. 60, schätzt die Zahl der Ukrainer auf 200-250.000 Personen.

(9) CAW (Zentrales Militärarchiv), Generalstab der PA, Sign. IV.111.471. Charakterisierung des Sicherheitszustands des Landes in der Zeit vom 1. bis zum 25. März 1947, erarbeitet von der Operativen Sektion der III. Abteilung des Generalstabs der PA vom 27. März 1947.

(10) L. Wołosiuk, Historia jednej fotografii (Die Geschichte eines Fotos), in: Problemy Ukraińców w Polsce po wysiedleńczej akcji „Wisła” 1947 (Probleme der Ukrainer in Polen nach der Aussiedlungsaktion „Weichsel” 1947), Hrsg. W. Mokry. Kraków 1997, S. 403-414; ders. Przebieg i skutki akcji „Wisła“ (Verlauf und Folgen der Aktion „Wisła“), in: Problemy Ukraińców…, S. 24-25.

(11) Życie Warszawy Nr. 30, vom 29. März 1947.

(12) Archiv für Neue Akten (AAN), KC PPR, Sign. 295/V-3. Protokoll Nr. 3 von der Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees der Polnischen Arbeiterpartei vom 29. März 1947.

(13) CAW, Generalstab der PA, Sign. IV.111.471. Schlussfolgerungen des Stabs der 9. Infanteriedivision hinsichtlich des Kampfs gegen die Untergrundbewegung im Gebiet der Wojewodschaft Rzeszów vom 30. März 1947.

(14) Ebda, Bericht Nr. 22 von der Sitzung des Wojewodschaftssicherheitskomitees für die Operative Gruppe „Weichsel“ vom 17. April 1947.

(15) CAW, Generalstab der PA, Sign. IV.111.511. Anordnung der Staatlichen Sicherheitskommission für die Operative Gruppe „Weichsel“ vom 17. April 1974.

(16) Ebda. Organisationsbefehl für die Operative Gruppe „Weichsel“ vom 18. April 1947.

(17) Aktion „Weichsel“…, Dok. 45, S. 103-104.

(18) Diese Instruktionen wurden publiziert in: Aktion „Weichsel“…, S. 117-168.

(19) Aktion „Weichsel“…, Dok. 73, S. 163-164.

(20) Staatsarchiv Wrocław (APW), UW, Sign. IX/270. Anweisung des Ministeriums für die Wiedergewonnenen Gebiete zu den Verteilungsrichtlinien für die Siedler aus der Aktion „Weichsel“ vom 31. Juli 1947; R. Drozd, Zasady rozmieszczania ludności ukraińskiej na Ziemiach Odzyskanych w ramach Akcji „Wisła” (Verteilungsrichtlinien für die ukrainische Bevölkerung in den Wiedergewonnenen Gebieten im Rahmen der Aktion „Weichsel”, „Słupskie Studia Historyczne“, 1993, Nr. 3, S. 104-106.

(21) Aktion „Weichsel“…, Dok. 79, S. 171.

(22) Ebda, Dok. 91, S. 184-186.

(23) CAW, Generalstab der PA, Sign. IV.111.512, Richtlinie Nr. 7 des Marschalls von Polen M.Żymierski für den Befehlshaber der Operationsgruppe „Weichsel“, General S. Mossor, vom 5. Mai 1947.

(24) Staatsarchiv Lublin (APL), KW PPR, Sign. 1/V/35. Bericht des Wojewodschaftskomitees der Polnischen Arbeiterpartei in Lublin für das Zentralkomitee der Polnischen Arbeiterpartei für die Zeit vom 15. Mai bis zum 15. Juni 1947 [ohne Datum]

(25) AAN, KC PPR, Sign. 295/V-3. Protokoll Nr. 7 von der Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees der Polnischen Arbeiterpartei vom 23. April 1947.

(26) Aktion „Weichsel“…, S. 30 (Einleitung); Pater Mitrat S. Dziubyna, I stwerdy dilo ruk naschich. Spohady. Warszawa 1995, S. 94; K. Urban, Prześladowania duchowieństwa prawosławnego w Polsce po 1945 roku (przyczynek do losu uwięzionych w Centralnym Obozie Pracy w Jaworznie) (Verfolgung der orthodoxen Geistlichkeit in Polen nach 1945. Beitrag zum Schicksal der Gefangenen des Zentralen Arbeitslagers in Jaworzno), in: Cerkownyj Wjestnik 1992, Nr. 4, S. 28-42.

(27) M.Truchan, Aktion „Weichsel“, in: Ukraina i Polscha misch mynulym i majbutnim, Lwiw 1991, S. 59-60.

(28) Siehe: Litopys UPA, T. 22 UPA w switli polśkych dokumentiw. Knyha persa: Wijśkowyj Sud Operatywnoji Hrupy „Wisła”, Upor. E. Misiło, Toronto-Lwiw 1992.

(29) Aktion „Weichsel“…, S. 31.

(30) M. Tyliszczak, 9 Drezdeńska Dywizja Piechoty w walce z ukraińskim podziemiem zbrojnym (czerwiec 1945 – październik 1947) (Die 9. Dresdener Infanteriedivision im Kampf gegen den ukrainischen Untergrund (Juni 1945 – Oktober 1947), in: W walce ze zbrojnym podziemiem (Im Kampf gegen den bewaffneten Untergrund 1945-1947, Warszawa 1972, S. 193-194.

(31) I. Hrywna, Ukraińcy w województwie olsztyńskim (Ukrainer in der Wojewodschaft Olsztyn), in: Inicjatywy Warmińskie 1989, Nr. 4, S. 37.

(32) Siehe: R. Drozd, Droga na zachód. Osadnictwo ludności ukraińskiej na ziemiach zachodnich i północnych Polski w ramach akcji „Wisła” (Der Weg in den Westen. Die Ansiedlung der ukrainischen Bevölkerung in den West- und Nordgebieten Polens im Rahmen der Aktion „Weichsel”), Warszawa 1997, S. 63-65.

(33) I. Hrywna, Powojenne losy Ukraińców w Polsce (Das Nachkriegsschicksal der Ukrainer in Polen), in: Dziś 1992, Nr. 8, S. 38-39; Siehe: A, Kwilecki, Liczebność i rozmieszczenie grup mniejszości narodowych na Ziemiach Zachodnich (Anzahl und Verteilung nationaler Minderheitengruppen in den Westgebieten), in: Przegląd Zachodni 1964, Nr. 4.

(34) Aktion „Weichsel“…, S. 227-228.

(35) AAN, Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete, Sign. 784. Telefonogramm Nr. 590, gesendet vom UWO an die Ansiedlungsabteilung des Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete vom 30.09.1947.

(36) AAN, Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete, Sign. 785. Schreiben der Kreisabteilung des Staatlichen Repatriierungsamtes in Elbing an die Inspektionsabteilung des Ministeriums für die Wiedergewonnenen Gebiete vom 22.05.1947.

(37) APO, Staatliches Reptariierungsamt (PUR), Sign. 56. Beschreibender Bericht über die Entladung des Transports der Aktion „Weichsel“ Nr. R-76/79 auf der Bahnstation Lidzbark Warmiński vom 16.5.1947.

(38) G. Motyka, Od Wołynia do akcji „Wisła“ (Von Wolhynien bis zur Aktion „Weichsel“), in: Więź 1998, Nr. 3, S. 130-131.

(39) Siehe: AAN, Zentralverwaltung des Staatlichen Reptariierungsamtes , Sign. XII/119; Staatsarchiv in Stettin (APS), Wojewodschaftsabteilung des Staatlichen Reptariierungsamtes (WO PUR), Sign. 410; Staatsarchiv in Allenstein (APO), Sign. 56-57; Staatsarchiv in Danzig (APG), WO PUR, Sign. 1167/751; R. Drozd, Rosmishctschennja ukrajinciw na zachidnych i piwnicznych zemlach Polschstschi u 1947 r., in: Ukrajinśkyj Almanach 1997, Warszawa 1997, S. 84-89.

(40) APL, WO PUR, Sign. 176. Auflistung der Transporte in der Aktion „Weichsel“ für September und Oktober 1947, (ohne Datum)

(41) E. Misiło, Hreko-katolyćka Cerkwa u Polszczi (1944-1947) (Die griechisch-katholische Kirche in Polen), in: Ukrajina i Polszcza miż mynułym i majbutnym, Lwiw 1991, S. 108-109.

(42) AAN (Archiv für Neue Akten), Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete Sign. 784. Kontrollbericht der Inspektionsabteilung des Ministeriums für die Wiedergewonnenen Gebiete vom Verlauf der Aktion „Weichsel“ in den Gebieten der Wojewodschaften Breslau, Posen, Stettin und Danzig vom 21. Oktober 1947.

(43) R. Drozd, Droga na zachód… (Der Weg in den Westen…), S. 116-117.

(44) I. Hrywna, Powojenne losy Ukraińców… (Das Nachkriegsschicksal der Ukrainer…), S. 39.

(45) R. Drozd, Droga na zachód… (Der Weg in den Westen…), S. 91, 96, 108 und 118.

(46) AAN, Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete, Anweisung des Ministeriums bezüglich der Richtlinien der Verteilung von Siedlern aus der Aktion „Weichsel“ vom 20. November 1947.

(47) AAN , Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete, Sign. 784, Anweisung des Ministeriums für die Wiedergewonnenen Gebiete zu den Richtlinien der Verteilung der Siedler aus der Aktion „Weichsel“ vom 10. November 1947.

(48) Staatsarchiv in Olsztyn (APO), UW, Sign. 90. Bericht des Wojewodschaftsamtes in Olsztyn von der Aktion „Weichsel“ für den Monat Februar 1948.

(49) R. Drozd, Droga na zachód… (Der Weg in den Westen…), S. 121-129.

(50) AAN, Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete, Sign. 787. Zusammenstellung der zerstörten Einzelbauernhöfe, besetzt von den Ukrainern in der Wojewodschaft Stettin, Stand am 25. September 1947.

(51) Siehe: R. Drozd, Droga na zachód… (Der Weg in den Westen…), S. 151.

(52) Dekret vom 27.07.1949 über die Übernahme der nicht mehr im faktischen Besitz ihrer Eigentümer befindlichen Landesimmobilien, die in manchen Kreisen der Wojewodschaften Białystok, Lublin, Rzeszów und Krakau liegen, in den Besitz des Staates (Gesetzblatt 1949, Nr. 46).

(53) Interview Nr. 16 mit Anna S. aus dem Dorf Rydzewo, Kreis Susz; Interview Nr. 14 mit Symen M. aus dem Dorf Wałdowo Kreis Miastko (in der Sammlung des Autors).

(54) S. Zabrowarny, Ukraińcy na Pomorzu Zachodnim w latach 1947-1956 (Die Ukrainer in Westpommern in den Jahren 1947-1956), in: Ukraińcy w Polsce. Poszukiwania i odkrycia (Die Ukrainer in Polen. Suche und Entdeckungen.), Koszalin-Poznań 1992, S. 29-30.

(55) APO, UWO, Sign. 303. Bericht des UWO über die Tätigkeit der Kirchen in der Wojewodschaft Olsztyn im Jahre 1948

(56) K. Urban, Kościół prawosławny w Polsce 1945-1970 (Die russisch-orthodoxe Kirche in Polen in den Jahren 1945-1970), Kraków 1996, S. 161-171.

(57) Drozd, Droga na zachód… (Der Weg in den Westen…), S. 136-138.

(58) A. Kwilecki, Zagadnienie stabilizacji Łemków na Ziemiach Zachodnich (Zur Stabilisierung der Lage der Lemken in den Westgebieten), in: Przegląd Zachodni, 1966, Nr. 6, S. 310.

(59) J. Burkszta. Kategorie ludności i ich typ kulturowy (Bevölkerungskategorien und ihr Kulturtyp), in: Przemiany społeczne na Ziemiach Zachodnich (Gesellschaftliche Veränderungen in den Westgebieten), Poznań 1967, S. 161; A. Kwilecki, Zagadnienie stabilizacji Łemków na Ziemiach Zachodnich (Zur Stabilisierung der Lage der Lemken in den Westgebieten), in: Przegląd Zachodni, 1966, Nr. 6, S. 31, A. Sakson, Stosunki narodowościowe na Warmii i Mazurach 1945-1997 (Nationalitätenverhältnis in Ermland und Masuren 1945-1997), Poznań 1998, S. 180.

(60) I. Hałagida, Ukraińcy w województwie gdańskim 1947-1956 (Die Ukrainer in der Wojewodschaft Danzig 1947-1956), in: Między Odrą a Dnieprem. Wyznania i narody (Zwischen Oder und Dnjepr. Konfessionen und Nationen), Hrsg. .T. Stegner, Gdańsk 1997, S. 178-179.

(61) AP Koszalin, PWRN, Sign. 4625. Schreiben der Sozial- und Verwaltungsabteilung des Staatlichen Wojewodschaftsnationalrates in Koszalin an das Zentralkomitee der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei zu Händen des Genossen Zawadzki bezüglich der ukrainischen Bevölkerung, vom 12.02.1952.

(62) R. Drozd. Polityka władz wobec ludności ukraińskiej w Polsce w latach 1944-1989 (Politik der Behörden gegenüber der ukrainischen Bevölkerung in Polen in den Jahren 1944-1989), Warszawa 2001.

Zur Aufnahme und Integration der Vertriebenen in Eberswalde 1945 - 1948

Die Situation nach dem Krieg in der Provinz Brandenburg

Die preußische Provinz Brandenburg wurde in den letzten Kriegswochen besonders in Mitleidenschaft gezogen: der Widerstand an der Oder, die Kämpfe um die Seelower Höhen und die Bildung des Rings um Berlin kosteten zehntausenden Soldaten und Zivilisten das Leben, verwandelten Städte wie Frankfurt (Oder) und Forst in Trümmerwüsten. Unter den Ländern der sowjetischen Besatzungszone nahm Brandenburg beim prozentualen Anteil an zerstörtem und unbenutzbarem Wohnraum den zweiten Platz ein. Verschärft wurde die Wohnungsnot durch die vor allem aus Berlin stammenden Evakuierten und den seit dem Frühjahr 1945 aus dem Osten eintreffenden Flüchtlingstrecks. Brandenburg glich bei Kriegsende einem Durchgangsbahnhof von Ost nach West, und von West nach Ost: An der Oder stauten sich die Menschenmassen der nach Westen oder wieder in ihre Heimat strebenden Deutschen, gleichzeitig wollten aber auch die polnischen, ukrainischen und sowjetischen Frauen und Männer in ihre Heimat, die für die deutsche Rüstungswirtschaft Zwangsarbeit hatten leisten müssen. Von Mai bis Oktober 1945 wurden in Brandenburg ca. 600.000 Flüchtlinge und Vertriebene sowie 26.000 Bombenevakuierte gezählt. Schätzungen gingen von weiteren 600.000 „von ihrer Heimat losgelöste und in der Mark Brandenburg vagabundierende Personen“ aus. (1)

Noch vor der Potsdamer Konferenz Ende Juli, Anfang August 1945 begannen die polnischen Behörden, die verbliebenen Deutschen aus den Territorien östlich von Oder und Neiße auszuweisen. Da aber bis Juli 1945 die Provinzialbehörden keine koordinierten Maßnahmen bei der Verteilung und Unterbringung der Ankommenden trafen, waren die lokalen und regionalen Verwaltungen bei der Bewältigung der damit verbundenen Probleme auf sich gestellt. Der massenhafte Zustrom der Vertriebenen seit Mai 1945 zwang diese, in kürzester Zeit und häufig improvisiert, Auffang-, Durchgangs- und Verpflegungsstellen einzurichten. Weiterhin wurden Notunterkünfte in Schulen, Turnhallen, Gaststätten und Fabrikhallen geschaffen oder ehemalige Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager dafür genutzt. Nicht selten beanspruchten die sowjetischen Truppen die bereits eingerichteten Unterkünfte, so dass diese wieder geräumt werden mussten.

Um die Arbeit der lokalen Behörden zu koordinieren und übergreifende Fragen, wie zum Beispiel Bevölkerungsbewegung, Lebensmittel- und Brennstoffversorgung, zu steuern, wurde am 5. Juli 1945 die Provinzialverwaltung Brandenburg eingerichtet. Analog wurden auf der mittleren Verwaltungsebene Bezirksverwaltungen eingesetzt.

Für die Betreuung der Flüchtlinge und Vertriebenen gab es zunächst keine eigenständige Verwaltungsabteilung: erst am 1. Oktober 1945 wurde auf Weisung der sowjetischen Militärverwaltung eine Abteilung „Umsiedler“ im Amt für Arbeit und Sozialwesen eingerichtet. (2)

Die mit der „Umsiedlerbetreuung“ befassten Behörden sahen neben der Errichtung und Instandhaltung von Aufnahmelagern die medizinisch-hygienische Betreuung, die Versorgung der Heimatvertriebenen mit Lebensmitteln und Bekleidung sowie die Beschaffung von Wohnraum als ihre wichtigsten Aufgaben an.

Durch die Einweisung in ein Lager sollten die erschöpften Vertriebenen in einer mindestens zweiwöchigen Quarantäne auf ansteckende Krankheiten untersucht und die bereits auf dem Transport erkrankten Personen behandelt werden, um eine Ausbreitung von Seuchen zu verhindern. Bis zum 18. September 1945 entstanden vier solcher Lager: in Brandenburg für 5-8.000 Personen, in Krahnsdorf (Kreis Luckau) für 8.000 Personen, in Jamlitz (Kreis Lübben) für 15.000 Personen und Bad Wilsnack für 500 Personen.

Bis zum März 1946 entstanden in Brandenburg 84 Auffang- und Quarantänelager mit einer Aufnahmefähigkeit von 128.000 Personen. Von den Auffanglagern an der Oder gelangte die Mehrheit der Vertriebenen in die Quarantänelager der Provinz oder wurde bei gutem Gesundheitszustand in Lager der anderen Länder und Provinzen weitergeleitet. Allein bis zum März waren 103 Transportzüge mit über 200.000 Menschen nach Mecklenburg, Sachsen und Thüringen geleitet worden. Hinzu kamen 40 Züge für über 40.000 Westevakuierte und Flüchtlinge mit Zuzugsgenehmigung für die Westzonen. Der Mangel an Transportmöglichkeiten und der schlechte Zustand der Wege führten nicht selten dazu, dass die Menschen tagelang auf den Bahnhöfen lebten, auf den nächsten Zug warteten und nun zusätzlich von den Städten versorgt werden mussten. (3)

Neben der notdürftigen Ausstattung der Lager erschwerte der extreme Mangel an Decken, Bekleidung und Betten die ärztliche Betreuung der Heimatvertriebenen. Da die Herstellung neuer Kleidung wegen fehlender Rohstoffe und finanzieller Mittel kaum möglich war, erlangten Organisationen wie die „Märkische Volkssolidarität“ große Bedeutung, deren Mitarbeiter sowohl Geld- und Sachspendensammlungen als auch Sammlungen von Altmaterial und Altstoffen durchführten. Diese wurden in den Nähstuben der Lager verarbeitet, wo die Vertriebenen die Möglichkeit hatten, aus verschlissenen Sachen etwas zum Anziehen für sich und ihre Angehörigen zu nähen bzw. ihre Wäsche auszubessern.

Die Ernährungssituation war in den ersten Nachkriegsjahren katastrophal. Da die Lebensmittelkarten nicht ausreichten und die Vertriebenen bei der Rationierung der Waren oft unberücksichtigt blieben, mussten sie sich selbst helfen, indem sie mitgebrachte Sachgegenstände eintauschten, Felddiebstähle begingen oder bettelnd von Haus zu Haus zogen. Viele verdingten sich auch als Landarbeiter in den Dörfern.

Die Beschaffung von Wohnraum für die Vertriebenen, damit verbunden auch die Bereitstellung von Einrichtungsgegenständen, gestaltete sich ebenfalls schwierig. Der vorhandene Wohnraum musste durch die Behörden erfasst und umverteilt werden. Die Vertriebenen wurden als Untermieter bei den Einheimischen eingewiesen und nicht selten konnte die Abgabe von Wohnraum nur mit Hilfe der Polizei nach den Bestimmungen des Kontrollratsgesetzes Nr. 18 erzwungen werden. Das führte oft zu großen Gegensätzen zwischen den Vertriebenen und den Einheimischen und war Ausgangspunkt fortwährender Streitigkeiten. Sie wurden als Eindringlinge und Belastung empfunden, denn bei kleineren Wohnungen konnten keine getrennten Wohneinheiten geschaffen werden, wodurch Toilette, Küche, Kochstelle und Waschküche gemeinsam benutzt werden mussten. Schwierigkeiten gab es auch, weil die meisten Vertriebenen kaum Mobiliar und Hausrat besaßen und gezwungen waren, die Gegenstände der Wohnungsinhaber zu nutzen, die wiederum oftmals nicht gewillt waren, die Gebrauchsgegenstände in den Räumen zu belassen oder den Aufgenommenen zur Verfügung zu stellen. Die Spannungen entluden sich oft in Beschimpfungen der Vertriebenen als „Polacken“, „Pack“, „Gesindel“ oder „Bande“; konnten aber auch zu tätlichen Angriffen mit Körperverletzung führen. Trotz aller Schwierigkeiten und der häufig miserablen Wohnbedingungen konnten die meisten Vertriebenen bis 1947 untergebracht werden.

Die behördlichen Maßnahmen in Eberswalde

Erste Informationen über das Flüchtlingsproblem in Eberswalde finden sich in den Berichten von den Sitzungen der Bezirksbürgermeister vom Juli 1945. Demnach müssen sich bereits Flüchtlinge im Stadtgebiet aufgehalten haben, denn der sowjetische Stadtkommandant hatte angeordnet, dass wegen eventueller Seuchengefahr sämtliche Flüchtlinge aus dem östlichen Odergebiet nicht mehr in Privathaushaltungen untergebracht werden dürften. Als Dezernent für das Gesundheitswesen wurde Herr Dr. Seele beauftragt, für die Flüchtlinge Auffang- und Übernachtungsstellen einzurichten, wo auch eine warme Mahlzeit am Tage ausgegeben werden sollte. Als Unterkunftsstellen wurden die „Harmonie“ und „Neumanns Festsäle“ in Aussicht genommen. Dr. Seele berichtete, dass bereits in der Nacht vom 5. zum 6. Juli in der „Harmonie“ ca. 60 Personen untergebracht worden seien. Der Saal der „Harmonie“ habe etwa 100 Personen, der Nebenraum noch einmal 40 Personen Platz geboten. Die Flüchtlinge sollten zuerst zur „Harmonie“ geschickt und von dort aus durch eine Helferin in die Hindenburg-Oberrealschule weitergeleitet werden. Die Verpflegung erfolgte im evangelischen Gemeindehaus. Die Unterkunft sollte nur für eine Nacht gewährt werden, jedoch sollten Kranke für eine längere Zeit beherbergt werden. Die städtische Verwaltung sollte für das Flüchtlingslager Waschmittel, Schrubber und Besen zur Verfügung stellen und für Arbeitskräfte sorgen, die dort zur Reinigung eingesetzt werden konnten. (4) Über die Zustände in der „Harmonie“ berichtete Herr A.: „Die Flüchtlinge wurden damals in der Harmonie untergebracht. […] Das war damals der einzige große Saal, der noch einigermaßen brauchbar war. Zwar waren gerade rüber noch Neumanns Festsäle, aber die waren zum Teil zerstört. Da konnte man keine reinbringen. Deshalb wurden die Flüchtlinge in der Harmonie untergebracht. Aber da gab’s ’n Drama, weil nämlich für die vielen Flüchtlinge, die in dem riesigen Saal schliefen und in den ganzen Nebenräumen: auf der Bühne, neben der Bühne, in der Garderobe, oben in den Räumen und überall, die hygienischen Verhältnisse nicht in Ordnung waren. Denn die paar Toiletten, die vorhanden waren, reichten nicht aus […].“ (5) Ähnlich war die Situation im evangelischen Gemeindehaus in der Eisenbahnstraße. Nach Aussage des Pfarrers Schuppan „waren alle Räume, der Hof, die Treppen gefüllt mit Flüchtlingen“. (6)

In einer der folgenden Sitzungen der Bezirksbürgermeister berichtete Dr. Seele über die anhaltenden Schwierigkeiten bei der Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge. Die Zahl der in den Notquartieren untergebrachten Flüchtlinge steige ständig. Beim Eintreffen der Flüchtlinge erfolge zunächst eine gründliche ärztliche Untersuchung und alle Kranken, besonders Infektionskranke würden sofort ausgesondert. Der Zubereitung der Verpflegung und Verteilung der Lebensmittel habe sich das Gemeindehaus unter Leitung von Herrn Pastor Schuppan angenommen. Allgemein fehle es an Brot, das von der Stadt nicht in größeren Mengen zur Verfügung gestellt werden könne. Sorge bereite ihm das Verhalten der Flüchtlinge, die auf den Plätzen um die Quartiere herum kochten und als Brennholz alles verwendeten, was ihnen irgendwie in die Hand komme. Außerdem herrsche große Unsauberkeit in den Quartieren, wodurch die Seuchenbekämpfung erschwert werde. (7)

Sorgen bereitete den Stadtvätern auch die Situation rings um den Bahnhof. Ein Vertreter des Bahnhofsvorstandes berichtete im Juli 1945: „[…] Da nicht alle Flüchtlinge in den städtischen Notquartieren untergebracht werden können, viele Flüchtlinge sich auch gar nicht dorthin wenden, hat die Reichsbahn erhebliche Schwierigkeiten und Sorgen durch diese Flüchtlinge, die auf dem Bahnhof und Bahnhofsvorplätzen herum liegen und sich dort oft tagelang aufhalten. Unter diesen Flüchtlingen befinden sich viele Kranke, insbesondere Darmkranke, die keiner ärztlichen Betreuung unterstehen und eine große Gefahr für die Allgemeinheit bilden. Da die Bedürfnisanstalten unter diesen Verhältnissen nicht ausreichen, ist der ganze Bahnhofsvorplatz verschmutzt und bildet somit einen weiteren Seuchenherd. Die vorgesehenen Züge verkehren nicht regelmäßig, bzw. sind zum Teil überhaupt noch nicht gefahren, wodurch die Stauung der Flüchtlinge immer mehr zunimmt. Auch am Bahnhof wird abgekocht und Brennholz gestohlen. Da hierzu in großem Umfange auch die den Bahnhof und das Bahnhofsgelände einsäumenden Zäune abgerissen worden sind, ist eine Kontrolle des Bahnhofsgeländes nicht mehr möglich. Herr V. schlägt deshalb vor, einen Sammelplatz für diese am Bahnhof lagernden Flüchtlinge zu schaffen, wo diese hingeschafft werden sollen, damit der Bahnhof selbst frei wird, und von wo ein beschleunigter Abruf möglich ist. Der Fahrdienstleitung ist die Ankunft eines Zuges etwa eine Stunde vorher bekannt, so dass eine rechtzeitige Benachrichtigung möglich wäre, wenn hierauf bei der Auswahl des Platzes entsprechend Rücksicht genommen wird. Eine nicht unerhebliche Schwierigkeit bietet auch die täglich unter den Flüchtlingen am Bahnhof vorkommenden Todes- und Krankheitsfälle. Die Aussprache ergab leider keine befriedigende Lösung darüber, wo und wie diese am Bahnhof lagernden Flüchtlinge noch unterzubringen sind.“ (8) Auch hier engagierte sich Pfarrer Schuppan. Er berichtete: „In dieser Zeit [Sommer 1945 – Anm. M.W.] habe ich mit Hilfe vieler Frauen und Männer die Bahnhofsmission eingerichtet, die zunächst sogar Übernachtungsräume besaß […]. Viele Flüchtlinge sind dort in Empfang genommen und mit den notwendigsten Nahrungsmitteln versorgt worden. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir mit Helfern und Helferinnen nach Berlin gefahren sind und dort versucht haben, Lebensmittel und Kleidung zu organisieren. Aus den USA sind damals sogenannte Care-Pakete geschickt worden, die im wesentlichen über die Kirche verteilt wurden.“ (9)

Diese Beispiele zeigen, wie in den ersten Wochen und Monaten die lokalen Behörden und Institutionen mit dem Flüchtlingsstrom konfrontiert waren und bei der Bewältigung der damit verbundenen Probleme der Unterbringung, medizinischen Betreuung und Verpflegung auf sich gestellt blieben. Das sollte sich auch bis zum Herbst 1945 nicht ändern.

Auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 wurde von den Alliierten der sog. „human transfer“ der Deutschen aus den nun unter polnischer Verwaltung stehenden Gebieten östlich der Oder beschlossen. Zu diesem Zweck wurden entlang der Oder Auffanglager und in den Städten der Provinz Brandenburg Quarantänelager errichtet, in denen die Vertriebenen zunächst erfasst und medizinisch betreut werden sollten, um dann auf die einzelnen Städte und Gemeinden aufgeteilt zu werden. Im Oktober 1945 wurde in Eberswalde ein so genannter Ortsumsiedlerausschuss aus Vertretern der Verwaltung, der Parteien und Gewerkschaften gebildet, dessen Aufgabe die Auswahl und Errichtung geeigneter Lager für die durchzuschleusenden „Umsiedler“ war. In Betracht kamen mehrere Barackenlager an verschiedenen Plätzen im Stadtgebiet: „Harmonie“ in der Weinbergstraße mit Platz für 500 Leute, „Neumanns Festsäle“ ebenfalls in der Weinbergstraße für 250 Personen, das Evangelische Gemeindehaus in der Eisenbahnstraße, einige Baracken in der Rudolf-Breitscheid-Straße mit einem Fassungsvermögen von 2.000 Menschen, die Westend-Schule in der Triftstraße für 1500 Personen, die Bürgerschule III, in der Breitestraße für 1.200 Menschen, das Gymnasium in der Eisenbahnstraße für 500 Vertriebene, die Berufs- und Handelsschule in der Düppelstraße mit einer Aufnahmefähigkeit von 1.500 Personen, die Drenitz-Baracken in Finow-Ost für 4.000 Personen, die KZ-Baracken, Finow-Ost für 3.000 Menschen („eigenmächtig von russischen Truppen belegt, Freigabe durch Kommandantur“), Baracken am Gasometer, Finow-Ost für 1.000 Personen („eigenmächtig von Zivilrussen bewohnt, Freigabe durch Kommandantur“), das RAW-Verwaltungsgebäude in der Eisenbahnstraße für 1.000 sowie die Reichsbahn-Baracken für ebenfalls 1.000 Personen („in sehr schlechtem Zustand, Einrichtung nicht zu empfehlen“). Man entschloss sich, die Baracken in der Rudolf-Breitscheid-Straße als Quarantänelager für den Stadtkreis Eberswalde zu nutzen. In dem dazugehörigen Wohnhaus der ehemaligen Reichsfeuerwehrschule wurden die Küche, die Wirtschaftsräume und Wohnung des Lagerleiters sowie Räume für die ärztliche Betreuung und das Pflegepersonal eingerichtet. An den vorhandenen Baracken fehlten zunächst Fenster, Türen und Schlösser, Lichtanlagen sowie neue Kochgelegenheiten mussten beschafft und aufgestellt werden. Die notwendigen Einrichtungsgegenstände sollten aus den öffentlichen städtischen Gebäuden (Bürgerschule III, Luftschutzkeller Rathaus, Gymnasium und Pestalozzi-Waisenhaus) besorgt werden. Für die medizinische Betreuung ständen zwei Entlausungsanlagen im Krankenhaus Kurmark, eine im städtischen Krankenhaus und eine in der Oderberger Straße zur Verfügung. In seiner Arbeit werde Dr. Seele von drei Sanitätern und dreizehn Rote-Kreuz-Helferinnen unterstützt. (10)

Das Lager in der Breitscheid-Straße existierte bis zum 31. Januar 1947, danach sollte es Verwendung finden zur Schaffung zusätzlichen Wohnraumes sowie zur Schaffung von Werkstätten für Umsiedler. Für die Verwendung des Inventars behielt sich die Provinzialregierung die weitere Entscheidung vor; es sollte aber bevorzugt für den Bedarf der verbleibenden Lager in der Provinz Mark Brandenburg sowie der im Stadtkreis Eberswalde eingewiesenen Umsiedler Verwendung finden. Bereits am 8. Februar seien umfangreiche Bestände an Sanitätsmittel nach Potsdam gebracht worden. Nach dem Tätigkeitsbericht der Unterabteilung Sanitätswesen bei der Provinzialregierung für die Zeit vom 15. April bis 14. Mai 1947 wurden Medikamente, Arznei- und Verbandsmittel aus dem aufgelösten Lager in Eberswalde an das Umsiedlerlager Saalow abgegeben. (11)

Die Räume der „Harmonie“ wurden bis spätestens Frühjahr 1946 zur Unterbringung von Vertriebenen genutzt, denn in einem Schreiben an den Stadtkommandanten vom 10. Mai 1946 teilte der Oberbürgermeister mit, dass die „Harmonie“ als Eberswalder Volkshaus eingeweiht werden solle. (12)

Nach der Errichtung des Quarantänelagers stand die Ernährung der Vertriebenen, deren Versorgung mit Kleidungsstücken und die Beschaffung von Wohnraum im Mittelpunkt der Tätigkeit des Ortsumsiedlerausschusses. Dieser arbeitete eng mit dem städtischen Wohnungsamt, Arbeitsamt, Amt für Handel und Versorgung sowie dem Sozialamt zusammen.

Die Beschaffung des Wohnraums gehörte sicherlich zu den größten Schwierigkeiten der Stadtverwaltung. Zum einen war die Stadt durch den Fliegerangriff Ende April 1945 stark zerstört worden (25 Prozent des Wohnraums war nicht mehr nutzbar), zum anderen wurde ein Großteil der Wohnungen von der Roten Armee für die Unterbringung ihrer Angehörigen in Anspruch genommen. Aufgrund des enormen Materialmangels, aber auch der Rationierung der Baumaterialien war an Wiederaufbau, geschweige denn an einen Neubau von Wohnungen, kaum zu denken. Nach dem Krieg stieg die Zahl der Einwohner in sehr kurzer Zeit an, denn viele der vor der Front geflohenen Eberswalder kehrten zurück. Sie mussten sich nun häufig eine neue Bleibe suchen. Ende April 1945 lebten in Eberswalde etwa 9.000 Menschen, am 2. Mai wurden bereits 17.500 Einwohner gezählt und Ende Juni habe die Einwohnerzahl mehr als 21.000 betragen. (13)

Also war es notwendig den vorhandenen Wohnraum zu erfassen und ihn neu zu verteilen, indem größere Wohnungen geteilt wurden. So gelang es der Verwaltung bis Ende 1947 allen eingemeindeten Vertriebenen einen festen Wohnsitz zu verschaffen, zumeist als Untermieter bei Alteingesessenen. Dass sich diese Wohnungen nicht immer im gewünschten Zustand befanden, zeigen die zahlreichen Berichte, die im Rahmen einer Kontrolle von 250 Wohnungen von Mitarbeitern des Ortsumsiedlerausschusses erstellt worden waren.

Die erwähnten Berichte gaben auch Auskunft über den großen Mangel an Kleidungsstücken und Haushaltsgegenständen. Wichtig für die Versorgung der Vertriebenen mit Kleidung wurden die Sachspendensammlungen der „Märkischen Volkssolidarität“, da viele Vertriebenen nur mit dem Hab und Gut ankamen, das sie tragen konnten, und nur die Kleidung besaßen, die sie auf dem Leib trugen. Doch die Not der Vertriebenen konnten diese Aktionen kaum lindern. Selbst solche propagandistisch vorbereiteten Aktionen wie die „Umsiedlerwoche“ Ende Oktober 1947 blieben hinter den Erwartungen und dem zuvor erfassten Bedarf an Gegenständen für die Hilfsbedürftigen weit zurück. Erst mit der Verteilung von Gegenständen, die die Provinzialregierung zur Verfügung stellte, konnte im folgenden Jahr der nötigste Bedarf gedeckt werden.


(1) Vgl. Petra Pape, Flüchtlinge und Vertriebene in der Provinz Brandenburg, in: Manfred Wille u. a. (Hrsg.), Sie hatten alles verloren. Flüchtlinge und Vertriebene in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Wiesbaden, S. 110f., Zitat S. 110.

(2) Vgl. ebd., S. 111f.

(3) Vgl. ebd., S. 112, 114f.

(4) Kreisarchiv Eberswalde (KA E), Akte EA 2665, Bl. 84ff.

(5) Zit. n. Kathrin Schwarz, Die Eingliederung der Flüchtlinge und Umsiedler in die sowjetische Besatzungszone und die DDR. Lebensberichte – Am Beispiel der Stadt Eberswalde, Land Brandenburg, Dresden 1993, Anhang, S. 71f. (unveröffentlichte Abschlussarbeit).

(6) Ebd., Anhang, S. 17

(7) Vgl. KA E, Akte EA 2665, Bl.89ff.

(8) Ebd., Bl. 91f.

(9) Zit. n. Schwarz, Eingliederung, Anhang, S. 17.

(10) KA E, EA 2113, Bl. 99; Akte C II 933.

(11) Vgl. Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BrLHA), Rep. 203, MdI, Nr. 1190, Bl. 352; Rep. 211, MfG, Nr. 1072, Bl. 36, 46.

(12) Vgl. KA E, Akte C II 1072.

(13) Zahlen nach: Geschichte des VEB Kranbau Eberswalde. Chronik, Teil I: Von den Anfängen der Besiedlung des Territoriums Eberswalde-Finow bis zum V. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands Juli 1958, S. 20; KA E, Akte EA 2665, Bl. 3f., Bl. 63f.

ZUM UMGANG MIT JÜDISCHEN SPUREN IN DER DEUTSCH-POLNISCHEN GRENZREGION

Jüdisches Kulturerbe in Westpolen – niemandes Erbe?

Jüdische Spuren in Międyrzecz (Meseritz). Andrzej Kirmiel
Zur Geschichte der Juden in Pommern. Janusz Mieczkowski
Die Jüdische Gemeinde in Stettin. Mikołaj Rozen
Jüdische Friedhöfe in Pommern. Erhaltungszustand, denkmalpflegerische Probleme. Mirosław Opęchowski
Dziedzictwo niczyje (Niemandes Erbe). Robert Ryss, Gazeta Chojeńska
Erste Sabbatfeier nach 75 Jahren in Zielona Góra (Grünberg). Dietrich Schröder, MOZ
Ein wiedergefundenes Stück Thora. Dietrich Schröder, MOZ

Erinnerung an die Juden in der brandenburgischen Grenzregion zu Polen

Zwischen Vergessen und Erinnerung. Sven Sachenbacher
Juden in Wriezen. Brigitte Heidenhain
Zum Umgang mit jüdischen Spuren im Oderbruch (Barnim-Lebus). Reinhard Schmook
Kurze Geschichte des jüdischen Friedhofs Frankfurt (Oder) – heute im polnischen Slubice gelegen. Eckard Reiß
Jiddisch und Jiddische Literatur an der Europauniversität Viadrina. Ingedore Rüdlin
Zum Umgang mit jüdischen Mitbürgern in den Heimatblättern der Vertriebenen (am Beispiel Crossen). Wilfried Reinicke

Gemeinsame Erinnerung?

Jüdischem Leben an der Oder auf der Spur. Reinhard Schmook, MOZ
Aus Synagoge wurde Wohnhaus. Uwe Stiehler, MOZ
Jüdische Spuren im deutsch-polnischen Grenzgebiet. Ewa Czerwiakowski, Słowo
Spurensuche an der Oder. Jüdisches im deutsch-polnischen Grenzgebiet. Hartmut Bomhoff, Jüdische Zeitung

Jüdische Spuren in Międyrzecz (Meseritz)

Meseritz, eine der wichtigsten Städte im westlichen Grenzgebiet der Ersten Polnischen Republik, hat eine lange und faszinierende Geschichte. Nicht nur wegen der politischen Bedeutung der Stadt, sondern auch – oder vielleicht gerade – wegen der ethnischen und religiösen Vielfalt seiner Einwohner. Ähnlich wie im benachbarten Schwerin an der Warthe (Skwierzyna) wohnten hier Deutsche, Juden und Polen nebeneinander. Neben katholischen Kirchen und Friedhöfen gab es evangelische Kirchen und Friedhöfe, und in bestimmten Bezirken beider Städte jüdische Viertel.

Heute kann man sich die Art des damaligen Funktionierens der Stadt nur noch auf der Grundlage historischen Wissens und mit erheblicher Fantasie vorstellen. In Meseritz dominierte das deutsche Element in der Regel evangelischer Konfession, wodurch die Stadt eine eindeutig deutsche Färbung hatte. Die Polen, die entschieden in der Minderheit waren, spielten jedoch eine wesentliche Rolle, denn sie repräsentierten die königliche Verwaltung, zum Beispiel durch das Amt des Starosten. Die Polen waren meistens katholisch. Ergänzt wurde das Bild der Stadt von der jüdischen Bevölkerung, die in Opposition zur christlichen Welt stand, feindselig von dieser behandelt und höchstens toleriert wurde, denn das verlangten die Interessen der königlichen Staatskasse. Dieser multikulturelle Charakter dominierte die Stadt mindestens 500 Jahre lang, obwohl sich die christlich-jüdischen Beziehungen im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderten. (1) Das änderte sich endgültig in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Meseritz zu einer polnischen, in nationaler und religiöser Hinsicht homogenen Stadt, die durch nichts mehr an das alte multikulturelle Zentrum erinnert.

Wenn die Rekonstruktion deutscher Geschichte heute kaum noch Emotionen weckt und in der Forschung auf keine ernstzunehmenden Hindernisse stößt, so sieht die Situation hinsichtlich der Erforschung jüdischer Spuren vollkommen anders aus. Der vorliegende Vortrag ist der Versuch, die übrig gebliebenen Spuren der Geschichte der Juden in Meseritz, der Friedhöfe, der Synagoge und der Archivalien, zu beschreiben und zusammenzufassen.

[Hier wurde nur das Kapitel über die Friedhöfe übersetzt; der ganze Text ist in der polnischen Fassung auf der Seite http://judaika-lubuskie.webpark.pl/ zu lesen, d. Red.]

Der jüdische Friedhof

Es wird angenommen, dass die Juden bereits in der Mitte des 14. Jahrhunderts nach Meseritz, ähnlich wie nach Schwerin an der Warthe, kamen. (2) Neben den gesetzlich fixierten Rechten war der Friedhof für jede in Entstehung begriffene jüdische Gemeinde das Allerwichtigste. Entgegen der gängigen Meinung war dieser viel wichtiger als beispielsweise die Synagoge. Beten kann man im Prinzip überall, aber der Bestattungsort und die Art seines Funktionierens sind durch rituelle Vorschriften genau festgelegt. Man kann also davon ausgehen, dass die Entstehung des jüdischen Friedhofs eng mit der Entstehung der Meseritzer jüdischen Gemeinde verbunden ist. In der jüdischen Religion ist der Bestattungsort unantastbar, also musste man unter den Bedingungen der Diaspora nach Orten suchen, die dessen ewige Dauer garantierten.

Meist wurden die Friedhöfe außerhalb der Stadt angelegt, möglichst an den Hängen eines sandigen Hügels, weil es in einem lockeren Untergrund leichter ist, zu jeder Jahreszeit Gräber zu graben. Eine solche Lage hatte viele Vorteile: es war trocken, der Boden war billig und einfach zu erwerben, die Gefahr enteignet zu werden, um den Boden für andere Zwecke zu nutzen, gering. Die Bestattung an einem Berghang erinnerte auch an den ältesten jüdischen Friedhof am Hang des Ölbergs in Jerusalem. (3) Wie wir schon wissen, erfüllte der Friedhof von Meseritz alle diese Voraussetzungen. Das verschonte ihn jedoch nicht vor der völligen Liquidierung, die umso schmerzlicher war, weil sie nach dem Holocaust stattfand.

Der Friedhof der jüdischen Gemeinde wurde auf dem sog. Judenberg (4) an der Straße nach Schwerin etwa zwei km nördlich vom Stadtzentrum angelegt (Abb. 01). Der Hügel gehörte zum Dorf St. Adalbert (Święty Wojciech), das im Mittelalter Teil der Landgüter von Betsche (Pszczew) war. Dort wurde die Pachtgebühr entrichtet, die nach Zachert eine Unze Safran und ein Pfund Pfeffer betrug. (5) Vermutlich kamen noch Bestattungsgebühren für jede Bestattung hinzu. (6) Als die Gemeinde unter die Rechtsprechung des Starosten fiel und – wahrscheinlich – die Gebühren zugunsten der Stiftung von Betsche nicht mehr bezahlte, führte dies zu einem ernsthaften Konflikt mit dem Eigentümer von Betsche, Andrzej Boczkowski, der 1682 auf dem Friedhof einen Galgen aufstellen ließ und damit den Bestattungsort entweihte. Erst als sich die Gemeinde der Obhut des Posener Wojewoden Wojciech Breza unterstellte (1696), kam es zu der gewünschten Änderung. (7) Man weiß auch, dass auf dem Meseritzer Friedhof der aus Schneidemühl (Piła) stammende Rabbiner Meir ben Elisakim Goetz begraben wurde. Er starb auf der Flucht vor einem Pogrom, den die Truppen von Hetman Stefan Czarniecki in Meseritz im Jahre 1656 anzettelten. (8)

Abb. 1Heute ist nur noch schwer feststellbar, welches Gelände der Meseritzer Friedhof genau einnahm. Vermutlich sah er ähnlich aus wie der 16 km weiter nördlich liegende jüdische Friedhof in Schwerin an der Warthe. (9) Die Meseritzer Gemeinde wurde mit der etwas größeren Schweriner Gemeinde verglichen, also muss der Friedhof von Meseritz, ähnlich wie der von Schwerin, eine Fläche von etwa 2,5-3 ha gehabt haben. Friedhöfe dieses Typus wurden meist chronologisch belegt, eine Reihe nach der anderen, angefangen auf dem Gipfel des Hügels; die Grabsteine wurden in östlicher Richtung (Jerusalem) aufgestellt. Nachdem der Hügel und dessen östlicher, nördlicher und westlicher Hang voll waren, wurden die Bestattungsorte weiter nach unten verlegt, in Richtung der Straße Meseritz–Schwerin (Abb. 01).

Nach rituellen Vorschriften muss ein jüdischer Friedhof eingezäunt sein. Meist wurde auf dem Friedhofsgelände auch ein Gebäude für rituelle Waschungen (hebräisch: tahara), errichtet. So war es auch im Falle des Meseritzer Friedhofs. Große Teile des Metallzauns sowie das zerstörte Tahara-Haus, das auf der erwähnten Karte aus dem Jahre 1944 (vgl. Anmerkung 4) eingezeichnet ist, waren noch 1946 zu sehen. (10) Bis heute ist an der Nordseite des Friedhofs zum Teil ein Erdwall erhalten, der wahrscheinlich das Fundament für den Metallzaun bildete.

Abb. 2Da es an zugänglichen Quellen fehlt, ist es schwer festzustellen, ob und welche Zerstörungen es in der Nazizeit gegeben hat. Zwei dem Autor bekannte Berichte von Juden, die vor dem Krieg in Meseritz lebten, erwähnen keine Zerstörungen. (11) Vielsagend ist auch die Tatsache, dass andere jüdische Friedhöfe aus dieser Gegend, z.B., in Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe), Skwierzyna (Schwerin an der Warte), Trzciel (Tirschtiegel), Trzemeszno Lubuskie (Schermeisel) und Brójce (Braudazendorf), in der Zeit vor und während des Krieges keinen Schaden genommen hatten. Natürlich sagt das nichts über das Schicksal des Friedhofs von Meseritz aus, wenn man berücksichtigt, dass auf der bereits erwähnten Karte von 1944 am Hang des Judenberges neben dem Tahara-Haus ein Tagebaubergwerk eingezeichnet ist (Abb. 02). Laut Ryszard Patorski vom Museum Międzyrzecz könnte das bedeuten, dass die Deutschen am Ende des Krieges entweder mit der Kiesförderung anfingen oder mit den Vorbereitungen dafür, da der Judenberg zu 90 Prozent aus Kies bestand. Interessant ist, dass Stanisław Cyraniak, der sich den jüdischen Friedhof im Jahre 1946 angeschaut hatte, keine Abbaustelle gesehen hat und außer der allgemeinen Unordnung (ein Teil der Grabsteine war umgeworfen worden, das Tahara-Haus zerstört, das ganze Gelände mit Unkraut und Efeu bewachsen) nichts seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Jedenfalls begannen die Zerstörung und die fortschreitende Auflassung des Friedhofs erst richtig im Jahre 1947, als man mit dem Umbau der Landstraße von Meseritz nach Schwerin angefangen hatte. Florian Wiśniewski, der bei den Bauarbeiten beschäftigt war, gab an, dass für den Umbau der Strecke zwischen Meseritz und dem Tiefen See Grabsteine und Kies vom Friedhof benutzt worden seien. Die Steine wurden als Schotter benutzt – als Unterlage für den auf die Straße gegossenen Asphalt. (12)

Die nächste Etappe der Liquidierung des Friedhofs fiel in die Jahre 1955-1956, als eine Badestelle am Tiefen See eingerichtet wurde. „Der private Fuhrunternehmer Firlej, entnahm im freiwilligen Arbeitseinsatz Kies vom Judenberg und brachte ihn zum Strand am Tiefen See. Im Kies gab es hin und wieder Knochen, die aufgesammelt und weggebracht wurden“. (13) Ende der 1960er Jahre befand sich auf dem teilweise abgebauten Judenberg ein Schießstand, der unter anderem von Schülern des örtlichen Gymnasiums benutzt wurde. Auf dem ganzen Gelände des liquidierten Friedhofs lagen menschliche Knochenreste herum, um die sich niemand kümmerte. (14)

Abb. 3Ähnlich wie auf anderen Friedhöfen gab es in diesen Gebieten bis Ende der 1940er Jahre individuellen und organisierten Raub von Grabplatten aus Granit und Marmor. Die Diebe waren nicht an Grabsteinen aus Sandstein interessiert, denn bei diesen lohnte sich eine erneute Bearbeitung nicht. Daher konnte man jüdische Grabsteine aus Sandstein noch Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre sehen (Abb. 03).

Abgesehen vom moralischen Aspekt war dieses Vorgehen sogar im Lichte des zu jener Zeit geltenden Rechts illegal. Bis 1959 galt in der Volksrepublik Polen noch das Vorkriegsrecht, das deutlich besagte, dass „die Nutzung eines Friedhofsgeländes nach Schließung des Friedhofs zu anderen Zwecken nicht vor Ablauf einer Frist von 50 Jahren seit der letzten Bestattung eines Leichnams auf dem Friedhof erfolgen kann“. Zwar ließ das Gesetz „in dringenden Fällen“ eine frühere Schließung des Friedhofs zu, doch musste dies auf dem Wege einer Einigung mit den Friedhofseignern stattfinden und die sterblichen Überreste auf Kosten des Käufers auf einen anderen Friedhof gebracht werden. (15) Nach damaligem Recht ebenfalls unzulässig war es, die Grabplatten zu anderen Zwecken zu benutzen. Das von Minister Edward Osóbka-Morawski unterzeichnete Rundschreiben schrieb sogar vor, „Grabplatten, die von jüdischen Friedhöfen stammen und als Material bei verschiedenen öffentlichen Arbeiten benutzt wurden“ auf Kosten des Staates zurückzugeben. (16)

1959 erfolgte eine neue gesetzliche Regelung über Bestattungen und Friedhöfe. (17) In der uns interessierenden Frage stellte das Gesetz zwar fest, dass „die Nutzung eines Friedhofsgeländes (…) nicht vor dem Ablauf einer Frist von 40 Jahren seit der letzten Totenbestattung auf dem Friedhof“ (18) stattfinden könne, doch Rücksichten bezüglich des Gemeinwohls, der Verteidigung des Staates oder das Bedürfnis, nationale Wirtschaftspläne zu erfüllen, eine Ausnahme ermöglichten. Es ist schwer, eindeutig festzustellen, wann auf dem Friedhof von Meseritz die letzte Bestattung stattgefunden hatte. Nach einem Schreiben des Präsidiums des Wojewodschaftsnationalrates in Grünberg (Zielona Góra) vom 23. Dezember 1969 soll sie im Jahre 1935 stattgefunden haben (19). Es ist jedoch bekannt, dass die letzten Juden – etwa 15 Familien – bis März 1940 in Meseritz lebten, als sie verhaftet und in das Übergangslager Bürgergarten bei Schneidemühl gebracht wurden und von dort in Ghettos und Lager im Gebiet des besetzten Polen. (20) Jedenfalls hätte die Schließung des Friedhofs im Lichte des Gesetzes nicht vor 1975 erfolgen können.

Warum ist man also in Meseritz anders vorgegangen? Eine Schlüsselfrage ist das Verhältnis der damaligen polnischen Behörden zum deutschen Erbe in den dem polnischen Staat nach dem Zweiten Weltkrieg angeschlossenen Gebieten. In den Dokumenten der polnischen Verwaltung wird oft der Begriff „ehemals deutsch“ („poniemiecki“) verwendet; so beschrieb man die meisten vor 1945 entstandenen Objekte, also auch diejenigen, die den jüdischen Gemeinden gehörten. Paradoxerweise wurden so die Henker mit ihren Hauptopfern gleichgesetzt und gleichbehandelt. Vom Verhältnis zu diesem Erbe ist unter anderem in einem Dokument des Wojewodschaftsverbands für Kommunal- und Wohnungswirtschaft in Grünberg (Zielona Góra) aus dem Jahre 1965 die Rede. (21) Darin wird von 875 stillgelegten und verlassenen Friedhöfen gesprochen, die sich auf dem Gebiet der Wojewodschaft Grünberg befinden. (22) In dem Dokument wird u.a. angeordnet, diese Friedhöfe in Ordnung zu bringen und zwar unter wirtschaftlichem, ästhetischem und dem „politischen Aspekt, da das der negativen öffentlichen Meinung im In- und Ausland entgegenwirke“. (23) Das in Ordnung bringen „ehemals deutscher“ – darunter auch jüdischer – Friedhöfe bedeutete allerdings meist deren Liquidierung, die so wirksam war, dass heute fast keine Spur mehr von ihnen übrig ist. Ausgangspunkt für die jetzt bereits offizielle Beseitigung des Friedhofs in Meseritz war ein Antrag des Präsidiums des Kreisnationalrates auf eine vorgezogene Liquidierung des Friedhofs. In einem an das Präsidium des Wojewodschaftsnationalrates in Grünberg gerichteten Schreiben vom 20. November 1969 wird beantragt, den Friedhof „für den Abbau von Kies“ zu bestimmen. (24) Die Entscheidung des Wojewodschaftsnationalrats vom 23. Dezember 1969 entsprach den Erwartungen der Stadtväter von Meseritz. In der Begründung hieß es u.a.: „Auf diesem Gelände wurden bedeutende Kiesvorkommen entdeckt, daher wird das ehemalige Friedhofsgelände zum Abbau von Kies bestimmt, wonach man es rekultivieren und begrünen wird“. (25) Die Entscheidung über die vorzeitige Schließung stützte sich auf den Art. 6 des bereits erwähnten Gesetzes aus dem Jahre 1959. Im Falle des Friedhofs von Meseritz wurde seine Abschaffung damit begründet, dass man nationale Wirtschaftspläne erfüllen müsse, die offenbar auf die bereits teilweise abgebauten Kiesvorkommen auf dem Judenberg angewiesen waren. Die offizielle Verordnung trat am 17. Januar 1970 in Kraft, nachdem sie vom Minister für Kommunalwirtschaft bestätigt worden war. (26) Auf diese Weise wurde der Friedhof der jüdischen Gemeinde von Meseritz, die etwa 700 Jahre lang in der Stadt gelebt hatte, mit rechtlichen Mitteln abgeschafft. Wie man sieht, war der kleine Kiesberg wichtiger als eine mittelalterliche Nekropole, die noch in Zeiten zurückreichte, als Meseritz zur Ersten Polnischen Republik gehörte. Weder der Holocaust noch die jüdischen Religionsvorschriften wurden dabei berücksichtigt. (27) Vermutlich trugen auch der Abbruch diplomatischer Beziehungen mit Israel (1967) und die antisemitische Hetze des Jahres 1968 dazu bei, ein entsprechendes Klima für die Abschaffung jüdischer Friedhöfe zu schaffen. (28)

Die entscheidende Phase der Liquidierung des Friedhofs in Meseritz fällt in die 1970er Jahre. Der Abbau des Friedhofsberges erfolgte durch die Firma PUBR. Aus den Erzählungen der Mitarbeiter des Betonwerks geht hervor, dass es in dem Kies, der vom Judenberg gebracht wurde, hin und wieder Knochen gab. Nachdem der Kies abgebaut worden war, wurde der Ort des nicht mehr existierenden Hügels zu einer Betonschrotthalde bestimmt und schließlich als Mülldeponie genutzt. Dieser Zustand hielt sich bis Anfang der 1990er Jahre. Edward Klusek, der das Friedhofsgelände zu jener Zeit besuchte, schreibt: „Zwischen Bergen von Abfall, alten Lappen, in einer surrealistischen Landschaft, zwischen verkümmerten Bäumen, entdeckte ich einen Friedhof. (…) Ich begann zu suchen und fand merkwürdige Überreste von Grabsteinen, die zwischen Autoreifen und glimmenden Lappen lagen. Ich zählte damals etwa 6, und sah Bruchstücke sehr schöner Grabsteine aus Marmor und einige kleine, bescheidene aus nichtbehauenem Stein.“ (29)

Abb. 5Abb. 4Die endgültige „Rekultivierung“ dieses Geländes geschah Anfang der 1990erJahre. Das Gelände wurde mit Hilfe von Baggern eingeebnet und einige Zeit später für den Bau der städtischen Umgehungsstraße bestimmt, die heute mitten durch den nicht mehr existierenden Friedhofshügel verläuft (Abb. 04). Aus jener Zeit stammen auch die wenigen Friedhofsfunde.Insgesamt sind sieben Grabsteine erhalten geblieben. Einer von ihnen befindet sich auf dem Gelände des Museums von Meseritz (Abb. 05), fünf wurden entsprechend gesichert und auf eine interessante Weise bei JerzyDąbrowski in Obrzyce (Obrawalde) präsentiert (Abb. 06Abb. 6, 07, 08, 09, 10), einer befindet sich auf dem Gelände des Grundstücks von Stefan Murawski an der Moniuszki-Straße in Meseritz (Abb.11).Erhalten ist auch ein Foto aus den 1960er Jahren, auf dem das Friedhofsgelände und die Grabsteine der Eheleute Schwarz abgebildet sind (Abb. 03).Das Foto ist deutlich genug, um darauf die Epitaphe lesen zu können, die sich auf den Grabsteinen befinden.Bis heute sind im Ostteil desFriedhofsgeländes, in Richtung der ehemaligen Landstraße Meseritz-Schwerin einige wenige Steine und Metallelemente der Grabmale erhalten geblieben, auch Bruchstücke von Grabsteinen mit noch lesbaren Inschriften (Abb. 12).Abb. 8Abb. 7

Indirekter Nachbarschaft des heute nicht mehr existierenden jüdischen Friedhofs befindet sich ein mit Pietät gepflegter sowjetischer Soldatenfriedhof. Er entstand in etwa zur gleichen Zeit, als die Liquidierung des jüdischen Friedhofs bereits vonstatten ging.Abstrahierend von der damaligen politischen Situation bleibt diese Tatsache doch erstaunlich: Respekt für die einen Toten und vollkommene Verachtung der anderen.Abgesehen vom rein menschlichen Aspekt hatten sich sowohl die einen als auch die anderen – obwohl auf unterschiedliche Weise – um Meseritz verdient gemacht. Die heutigen Einwohner von Meseritz, die die Geschichte der Stadt sozusagen als Depositum erhalten haben und nun zusätzlich um ihre Nachkriegsgeschichte reicher sind, sollten dessen auf besondere Weise gedenken.Abb. 10Abb. 9

Im Gebiet von Meseritz gibt es noch einen weiteren jüdischen Friedhof. Es handelt sich um ein abgetrenntes Bestattungsquartier auf dem Gelände des Krankenhausfriedhofs der Nervenklinik Meseritz-Obrawalde. Auf dem Grundriss des Krankenhauses aus den 1930er Jahren findet man das jüdische Friedhofsquartier nördlich vom evangelischen und katholischen Teil (Abb. 13). Hier wurden Patienten jüdischen Glaubens bestattet, und noch in den 1960er Jahren konnte man hier einzelne Grabsteine finden. (30)Abb. 12Abb. 11

Bis zur Nazizeit hatten in einem der Räume des Verwaltungsgebäudes jüdische Gottesdienste stattgefunden. Im November 2004 wurde auf dem Friedhofsgelände ein Denkmal für die ermordeten Patienten des Krankenhauses aufgestellt. (31) Die Symbolik des Denkmals nimmt auch auf das Judentum Bezug und soll auf diese Weise an die Opfer jüdischer Abstammung erinnern, die in Obrawalde während des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden (Abb. 14).Abb. 14Abb. 13

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska


(1) Im Jahre 1828 zählte die Stadt 4.110 Einwohner, darunter 2.462 Protestanten, 744 Katholiken und 804 Juden, siehe: P. Becker, Geschichte der Stadt Meseritz, Meseritz 1930, S. 267. Im 19. Jahrhundert erhielten die Juden alle Bürgerrechte.

(2) A. Heppner, J. Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Bromberg 1909, S. 622.

(3) Jeder fromme Jude träumte davon, dort wenigstens bestattet zu werden, und viele fuhren deswegen im Alter ins Heilige Land.

(4) Dieser lag etwa 65 m über dem Meeresspiegel. Quelle: deutsche Generalstabskarte im Maßstab 1:25.000 aus dem Jahre 1944, Kopie in der Sammlung des Autors.

(5) Zacherts Chronik der Stadt Meseritz, Posen 1883, S. 36.

(6) E. Reiß, Der jüdische Friedhof im Frankfurter Stadtteil Dammvorstadt, heute Słubice, in: Mitteilungen, H. 1, Frankfurt/Oder, 1995, S. 9.

(7) Zachert, ebda, S. 36.

(8) A. Heppner, J. Herzberg, ebda, S. 624.

(9) Der jüdische Friedhof in Skwierzyna ist das größte Objekt dieser Art in der Wojewodschaft Lubuskie. Nach einer Rekonstruktion des Friedhofs im Juni 2002 nimmt er eine Fläche von 2,23 ha ein und es gibt 247 Grabsteine. Der älteste stammt aus dem Jahre 1736 (siehe Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau).

(10) Bericht des Augenzeugen Stanisław Cyraniak, eines Einwohners von Międzyrzecz. Gespräch mit dem Autor im Januar 2007.

(11) Inge Murell, Simon Dach.

(12) Bericht von Florian Wiśniewski gegenüber Stanisław Cyraniak.

(13) Stanisław Cyraniak, Bericht vom Januar 2007.

(14) Jerzy Dąbrowski, Einwohner von Międzyrzecz, Bericht vom Januar 2007.

(15) Gesetz vom 17. März 1932 über die Bestattung von Toten und die Feststellung der Todesursache, Art. 9 Punkt 1 und 3.

(16) Amtsblatt des Ministeriums für öffentliche Verwaltung, Rundschreiben Nr. 44 vom 29. Mai 1948, Abs. 153. Das Rundschreiben bezog sich hauptsächlich auf die Zeit der nationalsozialistischen Besatzung.

(17) Gesetz vom 31. Januar 1959 über Friedhöfe und Totenbestattungen.

(18) Gesetz vom 31. Januar 1959 über Friedhöfe und Totenbestattungen. Amtsblatt Nr. 11, Abs.. 62, Art. 6

(19) Staatsarchiv in Zielona Góra (APZG): Präsidium des Wojewodschaftsnationalrats in Zielona Góra, Abt. Kommunalwirtschaft.

(20) The Encyclopedia of Jewish Life. Before and During the Holocaust, New York, Bd. 2, Jerusalem 2001, S. 812.

(21) APZG, Abteilung für Kommunalwirtschaft, Nr. WZ GKM – VII/19/7/65.

(22) Die Wojewodschaft gab es in den Jahren 1950-1975. Ihr Gebiet entspricht in etwa dem der heutigen Wojewodschaft Lubuskie.

(23) APZG, Abteilung für Kommunalwirtschaft, Nr. WZ GKM – VII/19/7/65.

(24) APZG, Präsidium des Wojewodschaftsnationalrats in Zielona Góra, Abt. für Kommunalwirtschaft.

(25) Ebda.

(26) APZG, Präsidium des Wojewodschaftsnationalrats in Zielona Góra, Abt. für Kommunalwirtschaft, Schreiben Nr. ZU-c/1/3/70 vom 17. Januar 1970 § 1: Hiermit wird die Erlaubnis erteilt, den Friedhof jüdischer Konfession in Międzyrzecz, der durch die Entscheidung des Ministers für Kommunalwirtschaft vom 10. März 1961, Nr. ZU – c/14/6/59 geschlossen wurde, für die Realisierung nationaler Wirtschaftspläne zu gebrauchen.

(27) Die damaligen Entscheidungsträger kümmerten die jüdischen Religionsvorschriften nicht, in denen der Friedhof als Ort ewiger Ruhe betrachtet wird und prinzipiell keinerlei Eingriffe zulässt, die die Ruhe der Toten stören könnten.

(28) Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre wurden auf dem Gebiet der Wojewodschaft Zielona Góra mittelalterliche jüdische Friedhöfe in Głogów (Glogau) und Słubice (Frankfurt/Oder – Dammvorstadt) liquidiert, und auch jüngere, u.a. in Zielona Góra (Grünberg), Kożuchów (Freystadt), Lubsko (Sommerfeld), Żagań (Sagan), Rzepin (Reppen), Nowa Sól (Neusalz), Sulechów (Zullichau), Świebodzin (Schwiebus), Wschowa (Fraustadt) und Kostrzyń (Küstrin).

(29) E. Klusek, Zamordowany cmentarz (Der ermordete Friedhof), in: Kurier Międzyrzecki, Nr. 5, Juli 1991, S.11.

(30) Jerzy Dąbrowski, Bericht an den Autor vom Januar 2007.

(31) Infolge des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms wurden in Obrawalde mehr als 10.000 psychisch kranke Menschen ermordet.

Zur Geschichte der Juden in Pommern

Anfänge des jüdischen Lebens in Pommern

Die Juden gehörten Jahrhunderte lang zur gesellschaftlichen Landschaft Pommerns mit Stettin als Hauptzentrum. Die ersten Juden in den pommerschen Gebieten bleiben im Dunkel der Geschichte. Vielleicht waren es jüdische Kaufleute im 10. Jahrhundert? Sicher aber ist, dass im Jahre 1261 der pommersche Herzog Barnim I. nach dem Vorbild Magdeburgs in seinem Staat gleiche Rechte für die Juden einführte, und diese auch Ämter bekleiden durften. Die jüdische Bevölkerung war nicht zahlreich, gehörte jedoch in der Regel zu den reichen Bürgern. Das Privileg Barnims I. wurde von den Herzögen Otto I. im Jahre 1308 sowie Kasimir IV. und Swantibor im Jahre 1371 bestätigt. Es gab aber auch Beschränkungen für die jüdischen Siedler – beispielsweise in Grypswold (Greifswald). Dennoch siedelten sich die Juden im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts nach und nach auf der Grundlage persönlicher Erlaubnisse in den pommerschen Städten an, z.B. erteilten die Herzöge Otto I. und Barnim III. im Jahre 1325 dem Juden Jordan und seiner Familie das Wohnrecht für Stettin. Seit dem 15. Jahrhundert wurde den Juden zunehmend der Aufenthalt in bestimmten Stadtteilen der pommerschen Städte vorgeschrieben. Im Jahre 1481 ordnete Herzog Bogislaw X. an, dass die jüdische Bevölkerung sich nur in einigen ausgewählten Orten und höchstens für einige Jahre aufhalten durfte, da er deren Zustrom einschränken wollte. Aus dieser Zeit haben sich Hinweise auf Judenverfolgungen erhalten, die dazu beitrugen, den Zustrom der Juden nach Pommern zu bremsen.

Die Situation änderte sich nach dem Dreißigjährigen Krieg und der Verwüstung, die dieser in Pommern hinterlassen hatte. Die Behörden, die die Ansiedlung der vermögenden jüdischen Bevölkerung in Preußen im 18. Jahrhundert unterstützt hatten, verboten ihr nun, sich in Festungsstädten (auch in Stettin) niederzulassen. Laut einer Verordnung von 1683 hatte nur ein einziger Jude das Recht, in Stettin zu wohnen. Er beaufsichtigte im Namen des Berliner Rabbinats den Handel mit koscherem Wein. In den Jahren 1772-1774 erwähnen die Stadtbücher drei Personen jüdischen Glaubens. Andere Juden durften sich nur mit einem Passierschein und nur bis zur Abenddämmerung in der Stadt aufhalten.

Im Jahre 1777 führte Friedrich II. besondere Konzessionen für Juden ein, die nur ausgewählten Personen erlaubten, sich in Preußen niederzulassen. Im 18. Jahrhundert diskutierte man über den Platz der Juden in der preußischen Gesellschaft. Dank Christian Wilhelm Dohm und seiner Arbeit Über die bürgerliche Verbesserung der Juden, dem ersten radikalen Entwurf für die staatsbürgerliche Emanzipation der Juden, gewann die Frage der Verleihung staatsbürgerlicher Rechte an die Juden an Bedeutung (übrigens wurde dieses Buch in Berlin und Stettin herausgegeben).

Das Edikt von 1812

Friedrich Wilhelm III. verlieh im Edikt von 1812 der jüdischen Bevölkerung gleiche Rechte. Alle Beschränkungen der Juden in Preußen wurden abgeschafft. Sie wurden zu Staatsbürgern und durften nicht als Fremde behandelt werden; formell waren sie den anderen Staatsbürgern gleichgestellt und bildeten eine der zahlreichen Glaubensgemeinschaften. Darüber hinaus erhielten sie Niederlassungsfreiheit, Freiheit der Berufswahl und das Recht zum Kauf und Besitz von Immobilien.

Kein Wunder also, dass das 19. Jahrhundert eine verstärkte jüdische Ansiedlung in Pommern mit sich brachte. Es gab keinen größeren Ort ohne jüdische Bevölkerung. In manchen haben jüdische Spuren trotz Zerstörungen bis heute überdauert. Im 19. Jahrhundert entstand in Stettin das hauptsächliche Ansiedlungszentrum der jüdischen Bevölkerung. Jüdische Ansiedler kamen in den Jahren 1814-1816 in die Stadt. 1816 entstand der Jüdische Kirchenverein (mit anfänglich 18 Mitgliedern), der Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Namen in Jüdische Gemeinde änderte. Die Gemeinde hatte im Verlauf der Jahre (bis zum Zweiten Weltkrieg) viele Rabbiner, u.a.: Wolf Aloys Meisel, Abraham Treuenfels, Heinemann Vogelstein, Moses Worms, Max Wiener, Dagobert Nellhaus, Max Elk und Karl Richter. Die Gemeinde entwickelte sich, und es entstanden immer mehr jüdische Einrichtungen: die Begräbnisbruderschaft (1822), das Waisenhaus (1854) und das Altenheim (1889). Im Jahre 1816 wurde Land für den Friedhof und die Synagoge gekauft. In den Jahren 1834-1835 baute man eine Synagoge aus Holz in der Bahnhofstraße, am damaligen Stadtrand. Ziemlich bald war es für die sich schnell entwickelnde Gemeinde zu klein und wurde mehrfach ausgebaut. Im Jahre 1873 begann man aufgrund der Petition von 900 Männern und 750 Frauen jüdischen Glaubens mit dem Bau einer neuen Synagoge an der Stelle der alten. Sie wurde im maurischen Stil errichtet, nach dem Vorbild der Wiener Synagoge, die nach einem Entwurf von Ludwig von Förster aus dem Jahre 1853 gebaut worden war. Das Stettiner Projekt hatte Baumeister Konrad Kruhl entworfen. Der Grundstein wurde am 29. April 1873 gelegt, der fertige Bau am 3. Mai 1875 eingeweiht. Seine Höhe betrug ca. 20 Meter. Die Anordnung des Gebäudes wurde dem Straßenverlauf angepasst. Die Synagoge konnte etwa 1.700 Gläubige fassen. Die weiteren Jahre brachten einige Änderungen in der Ausstattung: Im Jahre 1887 wurde eine Zentralheizung eingebaut, die 1914 modernisiert wurde. Zu jener Zeit baute man auch die Orgelempore, und 1887 wurde elektrisches Licht eingeführt. Die Synagoge existierte bis 1938.

Im 19. Jahrhundert wurde Stettin zum Verlagszentrum für jüdische Bücher. 1856 wurden hier u.a. die Konkordanzen von Buxtorf und 1863 das Schulchan Aruch (Kodex jüdischer religiöser Gebote und Verbote für den täglichen Gebrauch) herausgegeben.

Begünstigt durch das preußische Judengesetz über die Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit von 1847 stieg die Zahl der Juden in der Stadt seit dem Anfang des Jahrhunderts ständig an. 1840 gab es in Stettin 381 Juden, 1849 waren es 726, 1871 schon 1.823 und 1880 bereits 2.388 Personen. In den nächsten Jahren stieg ihre Zahl weiter an, doch nicht mehr so dynamisch. Mitte des 19. Jahrhunderts lebte der vermögendste Teil der jüdischen Bevölkerung im Stadtviertel an der Oder, zwischen der heutigen Wyszyńskistraße (Breite Straße), Farnastraße (Große Domstraße) und Wyszakstraße (Klosterhof) sowie im westlichen und süd-westlichen Teil der Stadt: um das Hafentor in der Neustadt und im Oberwiek. Im Jahre 1910 gab es 2.757 Juden in der Stadt. In späterer Zeit sank diese Zahl geringfügig und betrug 1932 etwa 2.630 Personen.

Zu jener Zeit funktionierten in Stettin verschiedene jüdische Organisationen: der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, der Verband nationaldeutscher Juden, die Stettiner Zionistische Vereinigung, der Israelitische Frauenverein, der Ruderklub „Viadrina“ und der Tennisklub „1924“. Das jüdische Kulturleben blühte. Aus Stettin stammte u.a. Alfred Döblin, der Autor von Berlin Alexanderplatz. Hier lebte und arbeitete der Maler Julo Levin (der später von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde).

Die Zeit der Verfolgung und Vernichtung

Mit dem Jahr 1933 begann die tragischste Zeit in der Geschichte der Stettiner Juden. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kam es immer häufiger zu antisemitischen Ausschreitungen. Demonstrationen gegen die jüdische Bevölkerung wurden organisiert und jüdische Geschäfte boykottiert – anfänglich in Stettin, später auch in den anderen pommerschen Städten. Die jüdischen Organisationen und einzelne Personen wurden ständig schikaniert und kontrolliert, ihre Treffen von der Polizei überwacht.

Im Jahre 1935 wurden die Nürnberger Rassengesetze („Reichsbürgergesetz“ und „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“) beschlossen. Diese Gesetze beraubten die jüdische Bevölkerung jeglicher staatsbürgerlicher Rechte. Zu jener Zeit lebten in Stettin 2.322 Personen jüdischen Glaubens. Wer es sich leisten konnte, emigrierte. Im Jahre 1938 wurde die „Arisierung“ jüdischen Eigentums verschärft, nach November 1938 gingen die nationalsozialistischen Machthaber zur „Zwangsarisierung“ (gesetzlich erzwungene Übertragung des gewerblichen und privaten jüdischen Eigentums an „Arier“ oder den Staat) über. In der Reichspogromnacht („Reichskristallnacht“) vom 9. auf den 10. November 1938 ging die Stettiner Synagoge in Flammen auf: Sie wurde von den Nazis in Brand gesetzt und zerstört. Wie Ilse Gulden Lüddeke, eine damalige Schülerin des nahegelegenen Gymnasiums, dem Autor erzählte, ließ man die Feuerwehr nicht an die Brandstätte heran, erlaubte auch nicht, die sakrale Ausstattung zu retten. Die Brandstätte glomm noch drei Tage weiter. Die Überreste wurden 1940 auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgerissen. Durch Feuer zerstört wurden auch die Friedhofskapelle sowie Einrichtungen jüdischer Sportklubs und eine Reihe von Geschäften. Es kam zu Massenverhaftungen, u.a. des Vorstands der jüdischen Gemeinde. Die Verhafteten wurden nach Sachsenhausen deportiert. Zwischen Dezember 1938 und März 1939 emigrierten 520 Personen.

Pläne, die Juden aus Pommern zu vertreiben, stellte Heydrich Ende Januar 1940 während einer Konferenz der höheren Polizei- und SS-Führer vor. In der Nacht vom 11. auf den 12. Februar 1940 wurden die Stettiner Juden nach Lublin und Umgebung deportiert und dort in Lagern untergebracht. Jener „Todestransport“, so genannt wegen der entsetzlichen Bedingungen, unter denen er stattfand, kam am 17. Februar 1940 in Lublin an. Er umfasste etwa 1.500 pommersche Juden, die dann auf die Lager in Lublin, Bełżec, Piaski und Głusk verteilt wurden. Im Oktober 1942 wurden sie alle in Bełżec ermordet. In Stettin blieben einige Dutzend Menschen (Alte und Kinder), die bald nach Berlin und Hamburg abtransportiert wurden. Das war die Liquidierung der deutsch-jüdischen Bevölkerung im deutschen Stettin.

Stettin als Schleuse

Das jüdische Leben in Stettin ist damit jedoch nicht für immer erloschen. Nach dem Krieg siedelten sich neue polnische Einwohner an, unter ihnen auch Juden. Gleich nach dem Krieg ließ sich in Stettin eine der drei Agenturen von Bricha nieder, eine zionistische Fluchthelferorganisation, die half, Juden über die grüne Grenze zu schmuggeln. Die Wahl des Ortes war kein Zufall. Die ungeklärte Grenzsituation sowie zahlreiche Kontakte zu Schmugglern boten größere Erfolgschancen als an anderen Orten. Auch Aussiedlungs-Transporte der deutschen Bevölkerung wurden genutzt, um polnische Juden mit gefälschten Papieren überlebender deutscher Juden über die Grenze zu schleusen.

Der Stettiner Wojewode Leonard Borkowicz schätzte im September 1946, dass „etwa 80 Prozent, also 24.000 Personen [jüdischer Nationalität] das Gebiet Westpommerns bereits verlassen hatten (…), die meisten (…) gingen in die Umgebung von München, wo sie sich nun in den von der UNRRA organisierten Camps aufhalten und auf die Möglichkeit warten, nach Palästina zu gehen“.

Ein interessantes Licht auf die damalige Tätigkeit der Bricha in Stettin wirft der Bericht einer Deutschen, die sich im Herbst 1945 in der Stadt aufhielt. Sie arbeitete in einem Lebensmittelgeschäft, das von neu angekommenen Ansiedlern geleitet wurde. Sie erinnert sich: „Diese Polen waren Juden und führten in ihrer Wohnung oben lebhafte Geschäfte mit polnischen, aus Russland gekommenen Juden, die illegal, meist mit russischen Postautos weiter über die Grenze geleitet wurden, um später in den Westen oder nach Israel zu gehen. Auch Russen müssen daran teilgenommen haben. Bezahlt wurde mit Rubel, Lederwaren oder Schmuck. Fast jede Nacht schliefen da Juden auf dem Fußboden, die auf den Transport warteten.“ Sie selbst nutzte im März 1946 ebenfalls die Hilfe jener Stettiner Juden für ihre eigene illegale Überschreitung der Grenze.

Neben der illegalen gab es auch eine legale Emigration, obwohl kleineren Ausmaßes. Das Jüdische Komitee hatte eine Emigrationsabteilung. Im Nachlass von Szymon Zachariasz im Archiv für Neue Akten in Warschau kann man einen Bericht darüber finden, wie im November 1948 mit Feiern und Paraden 615 Juden verabschiedet wurden, die mit dem Schiff „Beniowski“ den Stettiner Hafen in Richtung Israel verließen. Insgesamt reisten in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre legal oder illegal mehrere zehntausend Juden über Stettin aus.

Stettin als Ort des Neuanfangs

Neben denjenigen, die Stettin nur als eine Etappe ihrer Reise betrachteten, kamen auch andere in die Stadt und deren Umgebung, die hier für mehrere Monate, Jahre und manchmal ihr ganzes Leben lang blieben. In der ersten Hälfte 1946 stieg die Zahl der Juden in der Stadt stark an. Dazu trugen hauptsächlich die Transporte von Umsiedlern (damals sagte man: Repatrianten) aus den Gebieten der damaligen UdSSR bei. Im April und Mai 1946 kamen insgesamt 39 Transporte aus der Sowjetunion nach Westpommern und brachten 25.321 Personen jüdischer Nationalität mit.

Tabelle

Anzahl der registrierten Juden beim Wojewodschaftskomitee polnischer Juden in Stettin im Jahre 1946

Monat

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Personenan-zahl

-

-

500

1.180

1.8131

30.951

Monat

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Personenan-zahl

13.192

14.418

15.044

15.530

15.722

15.849

Quelle: Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau, Zentralkomitee der Juden in Polen, Abt. für Erfassung und Statistik, Sign. 502 (Diese Angaben betreffen den Anfang des jeweiligen Monats)

Es gab keine Koordination zwischen den Zentral- und Regionalbehörden, den polnischen Verwaltungsbehörden und dem Zentralkomitee der Juden in Polen. Das zeigte sich vor allem bei der Festlegung der Ansiedlungspläne. Die Zentralbehörden waren gegen die Schaffung größerer Zentren jüdischer Bevölkerung, insbesondere in den Städten, die Vertreter der jüdischen Bevölkerung widersprachen dem und forderten aus Sicherheitsgründen eine eben solche Konzentration, wobei sie sich auf die Traditionen des jüdischen Lebens in städtischen Zentren beriefen. Die Lokalbehörden (insbesondere die Ansiedlungsabteilung des Stettiner Wojewodschaftsamtes) favorisierten die Ansiedlung kleiner Gruppen in Kleinstädten und schlugen vor, Gutshöfe und ganze Landgemeinden zu nutzen (wegen des propagandistischen Nutzens eines solchen Vorgehens).

Die jüdische Ansiedlung in Westpommern wurde also von unterschiedlichen Optionen beeinflusst, aber auch durch Zufälle und Chaos. Das großstädtische Stettin, zugleich Endstation im Eisenbahnnetz und (was vielleicht am wichtigsten war) an der Grenze gelegen, wurde zum Hauptzentrum der Juden in Westpommern. Versuche, Juden auf dem Lande anzusiedeln, wurden in den Kreisen Stargard, Choszczno (Arnswalde) und Stettin unternommen. In Trzebież (Ziegenort) bemühte man sich, in den Jahren 1946-1947 eine Fischereigenossenschaft zu gründen.

Die Register der jüdischen Komitees aus den Jahren 1946-1948 informieren auch über jüdische Zentren in Słupsk (Stolp) (1946 – 113 Personen, 1947 – 23, 1948 – 22 Personen) sowie in Koszalin (Köslin) (1946 – 42 Personen, 1947 – 56 Personen, 1948 – 56 Personen). Der Stettiner Wojewode nannte im März 1947 folgende Zahlen: 10.843 Juden in Stettin, 207 im Kreis Choszczno, 100 im Kreis Słupsk, 20 im Kreis Koszalin, 41 im Kreis Stargard, 32 im Kreis Świnoujście (Swinemünde), 12 im Kreis Gryfice (Greifenberg) sowie vereinzelte Personen in sechs weiteren Kreisen.

Die Angaben über die Anzahl der jüdischen Bevölkerung in Westpommern differieren. In meinen Forschungen stütze ich mich auf die Angaben der Abteilung für Erfassung und Statistik des Zentralkomitees der Juden in Polen. Diese Daten beruhen auf Informationen des Wojewodschaftskomitees der Stettiner Juden. Die Angaben der regionalen Verwaltungsbehörden fallen in der Regel etwas höher aus. Das hatte mehrere Ursachen: die lokale Migration der jüdischen Bevölkerung, den Unwillen gewisser jüdischer Aktivisten, das Ausmaß der Emigration preiszugeben und schließlich gab es Schätzungen, die sich auf kein Register oder andere Erfassungsformen stützten. Im Juni 1946 wurde die höchste Zahl jüdischer Bevölkerung in Stettin vermerkt: 30.951 Personen. Ab Juli desselben Jahres sank diese Zahl rapide (nach dem Pogrom in Kielce am 4. Juli 1946). Die Ausreisebewegung hielt mit unterschiedlicher Intensität die ganzen 1940er Jahre an. Im Herbst 1946 wurden nur noch etwa 15.000 jüdische Einwohner in Westpommern registriert. Anfang 1947 kam es zu einem kleinen Anstieg – in März wurden 16.062 Juden notiert. Einen Monat später sank diese Zahl erneut rapide auf ca. 6.000 Personen. Ab der zweiten Hälfte 1947 bis Anfang 1950 blieb sie einigermaßen stabil. Trotz einiger Schwankungen überschritt sie jedoch bis 1949 nicht die Zahl von 7.000 Personen.

In den 1940er Jahren konnte man in Westpommern zwei Emigrationswellen beobachten. Die erste, die eigentlich 1945 begann und sich nach dem Pogrom in Kielce immens verstärkte, dauerte bis zum Frühjahr 1947. Die zweite fällt in die Jahre 1949/50 (dazu später). Die nächsten Jahre brachten eine gewisse Stabilisierung, die bis zur Wende 1949/50 andauerte.

In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre konzentrierte sich das gesellschaftlich-politische Leben der Stettiner Juden im Umkreis des Wojewodschaftskomitees polnischer Juden. Es wurde im Februar 1946 gegründet und funktionierte bis November 1950. Es nannte sich Wojewodschaftskomitee, obwohl sich seine Aktivitäten in der Praxis auf Stettin und Umgebung konzentrierten, wo sich die meisten Juden aufhielten. Das jüdische Komitee sollte die ganze jüdische Bevölkerung repräsentieren, doch seine Zusammensetzung erfolgte nach Parteischlüssel. Die im Wojewodschaftskomitee vertretenen Parteien waren die Polnische Arbeiterpartei (PAP), der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund (Bund), Poale Zion [Arbeiter Zions] („die Linke“) sowie Poale Zion (C.S. „sog. Rechte“) und Ichud [Vereinigung Zionistischer Demokraten]. Nach einer gewissen Zeit kamen noch HaShomer HaCair [Der junge Wächter, sozialistisch-zionistische Jugendorganisation], und Hitachdut [Zionistisch-sozialistische Partei der Arbeit] dazu. Ende der 1940er Jahre fand sich auch Mizrachi [Partei der religiösen Zionisten] im Umkreis des Komitees. Erster Vorsitzender des Komitees war der parteilose Dr. Albert Wasserstein, seine Nachfolger Leon Borensztajn und Szymon Hamburger kamen bereits von der PAP. Die stärksten Gruppierungen unter der Stettiner jüdischen Bevölkerung waren die PAP und Poale Zion (380 Mitglieder im Jahr nach ihrer Vereinigung).

Die ersten Jahre der Arbeit des Komitees waren durch politische Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Parteien gekennzeichnet. Der jüdische Aktivist Izrael Białostocki, damals Mitglied der PAP, schrieb Jahre später: „Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Parteien im Wojewodschaftskomitee polnischer Juden war unterschiedlich, oft verlief sie mit Hitachdut und Ichud besser als mit der vereinigten Poale Zion oder HaShomer HaCair“. Die zionistischen Parteien arbeiteten mit Keren Hajesod und Keren Kajemet zusammen, beides Stiftungen für die Ansiedlung in Palästina. Die Zionisten leiteten auch acht bis zehn Kibbuzim, die oft als Sammelorte für die künftige Emigration nach Palästina dienten. Cukierman, der stellvertretende Vorsitzende des Stettiner Wojewodschaftskomitees polnischer Juden, stellte in einem Presseinterview im Juli 1946 fest: „die Produktivierungszentren solcher Organisationen wie Poale Zion (C.S.), Ichud, Hitachdut, HaShomer HaCair, Gordonia, Poale Zion (Linke) u.a. versammelten um die 5.000 junge Menschen in Kibbuzim, sichern ihnen Wohnung, Arbeit und Lebensunterhalt. In den Kibbuzim haben sie verschiedene Werkstätten für Maler, Schuster, Schneider u.a.“

In den Jahren 1948-1950 spielten die Mitglieder der PAP/PVAP eine immer größere Rolle und wurden manchmal als „das Rückgrat der jüdischen Komitees“ bezeichnet. Nach und nach übernahmen sie das Machtmonopol im Komitee. Bei einer „Neuorganisation“ der Arbeit des Komitees sprach man sich gegen den Parteischlüssel und für die Vertretung jüdischer Institutionen aus (in denen selbst bereits die Mitglieder der PAP/PVAP die Mehrheit hatten). Im Jahre 1949 stammten von den sieben Präsidiumsmitgliedern des Wojewodschaftskomitees fünf aus der PVAP.

In den 1940er Jahren gab es noch eine zweite bedeutende Organisation, die Glaubensgemeinschaft. Die ganze Zeit über rivalisierten diese beiden Organisationen miteinander um ihren jeweiligen Einfluss innerhalb der jüdischen Bevölkerungsgruppe. Die Behörden ließen eine Registrierung der Glaubensgemeinschaft nicht zu. Daher konstituierte sich im Juni 1946 der Vorstand der Jüdischen religiösen Vereinigung. Die Gebetshäuser befanden sich in der Słowackistraße 14, der Bogusławstraße 51/13 sowie der Niemcewiczstraße. Der erste Rabbiner war Lew Rubinstein (1946-1947), ihm folgte der Rabbiner Dawid Izrael Tszarf (1947-1950). In der Stadt gab es jüdische religiöse Schulen, sowohl für die Grundausbildung als auch eine Jeschiwa (eine von zwei jüdischen Hochschulen in Polen zur damaligen Zeit). Die Gläubigen nutzten auch eine koschere Küche, die Dienstleistungen von Schächtern und das Ritualbad. Der Obhut der Jüdischen religiösen Vereinigung wurde der jüdische Friedhof aus der Vorkriegszeit übergeben. Die Bestattungen übernahm die Begräbnisbruderschaft „Letzter Dienst“.

In den ersten Nachkriegsjahren wurde unter der jüdischen Bevölkerung die Produktivierung propagiert. Seitens der staatlichen Behörden koordinierte in den Jahren 1946-1947 die Wojewodschaftskommissarin für Produktivierung der jüdischen Bevölkerung, Irena Szydłowska diese Fragen. Zu jener Zeit gab es eine staatliche Kasse, die Produktivkredite für Entwicklung unterschiedlicher wirtschaftlicher Unternehmen anbot. Eine besondere Rolle beim Wiederaufbau des Wirtschaftslebens in Westpommern spielten die jüdischen Genossenschaften, die 81 Prozent aller westpommerschen Genossenschaften darstellten. In den meisten Fällen waren das Schneider-, Bau- und Schusterbetriebe. Es gab aber auch Maler-, Transport-, Bäcker-, Friseur-, Bau-, Uhrmacher- und Landwirtschaftsgenossenschaften sowie eine Fischereigenossenschaft. Ab 1948 wurden sie in Staatsbetriebe umgewandelt. Juden gründeten und leiteten auch verschiedene Firmen. Mit der Berufsvorbereitung beschäftigte sich die Organisation „ORT“ [Verein für Handwerkerfürsorge], deren Stettiner Abteilung im August 1946 gegründet worden war und Berufsausbildungskurse, u.a. für Buchhalter, Schlosser, Dreher, Uhrmacher, Schweißer und Elektrotechniker organisierte.

Ein wichtiges Element des gesellschaftlichen Lebens war die Betreuung von Kindern und Jugendlichen. In Stettin funktionierten Bildungs- und Betreuungseinrichtungen – zwei Kinderkrippen, fünf Kindergärten und eine Schule mit Jiddisch als Unterrichtssprache (Perez-Schule in der damaligen Rooseveltstraße 60/61, heute Wyzwoleniastraße). Ihre ersten Leiter waren Jakub Grinberg und Szejna Lew. Die Schule hatte Filialen in Stołczyn (Stettin-Stolzenhagen) und Żelechowo (Stettin-Züllchow). Im Jahre 1949 wurde sie verstaatlicht und existierte dann als Izchak-Perez-Grundschule Nr. 28 mit Jiddisch als Unterrichtssprache. Darüber hinaus gab es drei Schulen, die mit den zionistischen Parteien verbunden waren. Die größte von ihnen befand sich in der Podgórnastraße; im Juli 1946 waren dort 800 Kinder (später etwa 100) eingeschrieben. Zionistische Schulen gab es auch in der Krasińskistraße 7 und Lenartowiczstraße 1. Ihr Schirmherr war das Wojewodschaftsbetreuungskomitee für Hebräische Schulen. Das zionistische Schulwesen wurde von den Schulbehörden im Jahre 1949 abgeschafft.

Charakteristisch für das Stettiner jüdische Milieu der zweiten Hälfte der 1940er Jahre war auch ein hochentwickeltes Kulturleben, das u.a. vom Jüdischen Kulturverein organisiert wurde, der etwa 700 Mitglieder zählte. In den Jahren 1946-1947 gab er die Zeitschrift Tygodnik Informacyjny heraus, es wurden auch Radiosendungen ausgestrahlt (zweiwöchentlich ab November 1946). Es gab auch den Plan, ein jüdisches Theater zu gründen (in Stettin waren zu jener Zeit 19 Schauspieler und 30 Musiker registriert). Außerdem war der Jüdische Sportklub aktiv.

Allmählicher Untergang des jüdischen Lebens

1949/1950 kam es zu einer Kursänderung der Politik der Behörden gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Nach Auflösung der meisten jüdischen Organisationen informierte das Ministerium für Öffentliche Verwaltung über die Möglichkeit der Emigration nach Israel für Aktivisten und Anhänger zionistischer Parteien. Zu diesem Zweck sollte man sich registrieren lassen und einem Qualifizierungsverfahren unterziehen. Die Behörden führten eine sog. Aufklärungskampagne durch (d.h. eine, die den Ausreisewilligen die Ausreise verleiden sollte). Nicht alle, die sich um eine Ausreise bemühten, erhielten entsprechende Genehmigungen. Es wurde geschätzt, dass in Stettin und Umgebung etwa 4.000 Juden geblieben waren.

Die nächste Emigrationswelle hing mit den politischen Ereignissen des polnischen Oktober 1956 („Tauwetter“) zusammen. Von Januar 1955 bis Januar 1956 beantragten 1.438 Personen aus der Wojewodschaft Stettin die Ausreise nach Israel. Der Emigrationshöhepunkt fiel in die Zeit vom August 1956 bis Oktober 1957, als 1.764 Personen Ausreiseanträge nach Israel stellten. Die Mitarbeiter des Innenministeriums, die Gespräche mit den Antragstellern durchführten, beschrieben drei Kategorien von Ausreisemotiven:

  • erstens: „aufgrund unterschiedlicher und weit verbreiteter Versionen der sog. ‚Nationalitätenregelung’ und der Zunahme antisemitischer Stimmungen und Vorfälle“

  • zweitens: „wegen Verlust der Arbeitsstelle infolge von Stellenreduzierungen oder anderer Ursachen und Schwierigkeiten bei der Stellensuche wegen jüdischer Abstammung“

  • drittens: „wegen Fällen der Verfolgung von Kindern und Angst vor ihrer weiteren Verfolgung wegen der Nichtteilnahme am Religionsunterricht“.

Ab 1957 kamen jüdische Umsiedler aus der Sowjetunion nach Stettin. Insgesamt waren es in den Jahren 1957-1961 1.477 Personen. Oft betrachteten die Ankömmlinge Stettin nur als eine Zwischenstation auf dem Weg nach Israel. Laut Innenministerium „stellen sie unmittelbar nach der Ankunft innerhalb einer Frist von 5-12 Tagen einen Ausreiseantrag nach Israel und begründen das mit dem Wunsch der Zusammenführung mit ihrer sich in Israel aufhaltenden Familie oder auch damit, dass ihre sich in Polen aufhaltenden Verwandten nach Israel emigrieren, und sie sich nicht von ihnen trennen wollen“. Gegen Ende der 1950er Jahre wurde die Emigrationswelle von den Behörden verwaltungstechnisch gebremst. Das bedeutete natürlich nicht, dass jegliche Ausreisen aufgehört hätten, doch handelte es sich jetzt um Einzelfälle. Mitte der 1960er Jahre schätzten die Behörden die jüdische Bevölkerung in der Wojewodschaft Stettin auf etwa 3.530 Personen.

Unter der jüdischen Bevölkerung waren in diesen Jahren zwei Organisationen aktiv: Die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden und die Religiöse Vereinigung Jüdischen Glaubens. Die Stettiner Sozial-Kulturelle Gesellschaft wurde am 26. November 1950 gegründet. Die bisherigen Strukturen des Wojewodschaftskomitees polnischer Juden und der Sozial-Kulturellen Gesellschaft wurden vereinigt. Sitz der Sozial-Kulturellen Gesellschaft wurde das Gebäude an der Słowackistraße 2. Anfänglich erfreute sie sich keines großen Vertrauens. Das Programm war abstoßend und die Verbitterung über die Abschaffung der Ausreisemöglichkeiten nach dem Dezember 1950 groß. Aktivisten der Sozial-Kulturellen Gesellschaft schrieben im Februar 1952: „Wie war die Stimmung in den jüdischen Kreisen? Man muss sagen, nicht besonders gut. Viele Stettiner Juden schickten Bittbriefe an den Staatsrat – um Ausreisegenehmigungen zu bekommen“. Andererseits waren die Sozial-Kulturelle Gesellschaft und die Religiöse Vereinigung die einzigen Zentren jüdischen Lebens nach der Auflösung der bisherigen zahlreichen jüdischen Organisationen Ende der 1940er Jahre. Im Jahre 1951 wurde die Mitgliederanzahl der Gesellschaft auf 400 geschätzt. 1954 gehörten ihr 680 Personen an. In den folgenden Jahren fiel diese Zahl, 1959 waren es noch ca. 350. In den 1960er Jahren schwankte die Mitgliederanzahl zwischen fünfhundertfünfzig und dreihundertfünfzig.

Tabelle

Mitglieder der Stettiner Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in den Jahren 1951-1968

Jahr

1951

1954

1959

1961

1962

1966

1967

1968

Mitgliederzahl

ca. 400

680

ca. 350

561

493

460

460

350

Quelle: APS, PWRN, Sign. 13658, 13659.

Die Sozial-Kulturelle Gesellschaft stützte sich auf die Arbeit von Ausschüssen. Ihre Anzahl und Arbeitsbereiche veränderten sich im Laufe der Jahre. Im Oktober 1957 wurde der gemeinsame Ausschuss für Sozialhilfe gegründet, deren Mitglieder sowohl aus Vertretern der Sozial-Kulturellen Gesellschaft als auch der Jüdischen religiösen Vereinigung bestanden. Der Ausschuss kümmerte sich um Hilfe für die Repatrianten, Schulverpflegung für die Kinder, materielle Hilfe für Invaliden und ärztliche Hilfe für ältere Personen. Der Ausschuss wurde unterstützt vom American Jewish Joint Distribution Committee. Im Jahre 1957 wurde erneut der Ausschuss für berufliche Ausbildung der jüdischen Bevölkerung ins Leben gerufen. Er beschäftigte sich mit der Organisation beruflicher Bildung sowie mit Hilfeleistungen für die Handwerksbetriebe und die Genossenschaft „Dobrobyt“ („Wohlstand“), die unter der Schirmherrschaft der Sozial-Kulturellen Gesellschaft Anfang der 1960er Jahre entstanden war.

Die Sozial-Kulturelle Gesellschaft arbeitete mit der Izchak-Perez-Grundschule Nr. 28 zusammen und unterstützte sie in ihren Aktivitäten zur Erhaltung der jiddischen Sprache. Die Organisation war Hauptinitiator kultureller Veranstaltungen im jüdischen Milieu. Es gab künstlerische Amateurensembles (ein Theater- und Tanzensemble sowie einen Chor), in den 1960er Jahren entstand sogar die Rockband „Następcy Tronu“ (Thronfolger) – die übrigens große Befremdung bei den Älteren hervorrief. In Stettin lebten die Dichter Hadasa Rubin und Eliasz Rajzman. Letzterer lebte von 1947 bis zu seinem Tod 1975 in Pommern. Im Kreise der bildenden Künstler waren Emanuel Messer und Mejer Apfelbaum aktiv, unter den Komponisten Paweł Gruenspan.

Die zweite Organisation neben der Sozial-Kulturellen Gesellschaft war die Religiöse Vereinigung Jüdischen Glaubens. Bis in die 1960er Jahre unterhielt die Glaubensgemeinschaft die Talmud-Tora-Schule, Tiere wurden rituell geschlachtet und im Jahre 1956 öffnete man eine koschere Kantine. Anfang der 1960er Jahre wurde der jüdische Friedhof in der Gorki- und der Jacek-Soplica-Straße geschlossen. Er war 1821 gegründet worden und hatte seine Fläche im Laufe der Jahrzehnte vergrößert. Im Jahre 1938 setzten die Nazis das Tahara-Haus in Brand und schändeten die Grabsteine. Der Friedhof selbst blieb jedoch erhalten. 1946 hatten die Behörden den Friedhof in die Obhut der Glaubensgemeinschaft gegeben, jedoch verboten, dort Tote zu bestatten. Begräbnisse fanden aber weiterhin statt. Leider wurde der jüdische Friedhof 1961 offiziell und unwiderruflich geschlossen. Für die Juden wurde ein Quartier auf dem Zentralfriedhof bestimmt, aber es durfte nicht eingezäunt und auch kein eigenes Tahara-Haus erbaut werden. 1982 wurde der Friedhof liquidiert, die Grabsteine wurden zum Teil verkauft, zum Teil zu einem Lagerplatz an der Harcerzystraße gebracht. Im Jahre 1988 wurde aus mehreren Grabsteinen ein Denkmal errichtet, dass an den ehemaligen Friedhof erinnert.

Der Exodus von 1968

Die 1968 von der PVAP veranstaltete antisemitische Hetze, die auch in Stettin zu spüren war, verursachte einen erneuten Anstieg der Ausreisewilligen. Bisher waren antisemitische Losungen nicht offiziell verkündet worden, sondern bei Massenversammlungen aufgetaucht, doch jetzt wurde Antisemitismus von den Machthabern selbst entfacht und instrumentalisiert. Manche zählen die Stettiner Zeitungen zu den antisemitischsten jener Zeit. Die Emigrationswelle erfasste einen Großteil des jüdischen Milieus, die Aktivisten der Sozial-Kulturellen Gesellschaft nicht ausgeschlossen. Izrael Białostocki, damaliger Sekretär der Sozial-Kulturellen Gesellschaft, schrieb im Juni 1969: „Ich habe die Frage meiner Kündigung in der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden zur Sprache gebracht. Es geht darum, dass diese Arbeit heute überhaupt keine Befriedigung bringt, weder moralisch, noch materiell, und hinzu kommt, dass ich mich seit März wie ein geschlagener Hund fühle (nach der Hetze in der Stettiner Presse)“. Nach seiner Ankunft in Israel wurde er Mitarbeiter des Yad-Vashem-Instituts in Jerusalem, wo er sich mit dem Holocaust und dem Wiederaufbau jüdischen Lebens in Polen nach dem Krieg beschäftigte.

Für eine Ausreise entschieden sich auch assimilierte Personen, die oft aus der Intelligentsia stammten. Nach den Angaben des Innenministeriums wurden allein von Anfang 1968 bis August 1969 in der Wojewodschaft Stettin 699 Ausreiseanträge nach Israel gestellt. Etwa 30 Prozent der Ausreisewilligen waren Hochschulabsolventen und wissenschaftliche Mitarbeiter an den Hochschulen (Jerzy Gelber von der Pommerschen Medizinischen Akademie, Samuel Rotenberg von der Landwirtschaftlichen Hochschule, Dr. Zenon Joffe und Dr. Józef Korjan von der Technischen Universität Stettin, Sima Wołyńska-Bochner von der Pommerschen Medizinischen Akademie), Künstler (der Maler Majer Apelbaum, der Musiker Henryk Bieler, Edmund Szymaszkiewicz, Direktor und künstlerischer Leiter des Staatlichen Musiktheaters, Zona Siemiaszkiewicz, Sängerin dieses Theaters), Verwaltungsangestellte (Majer Blass, Abteilungsleiter der Direktion Städtische Investitionen, Michał Boiman, stellvertretender Direktor der Reparaturbetriebe für Landwirtschaftsgeräte in Goleniów, Jakub Kark, Chefingenieur der Direktion Städtische Investitionen, Ignacy Wolski, Direktor der Gruppe Generalausführungen in Police (Pölitz), Borys Wajser, Vorsitzender der Genossenschaft „Ferrum“).

Nach diesem Exodus des Jahres 1968 zerfiel das jüdische Leben. Die jüdischen Organisationen hörten auf zu existieren, die Schule mit Jiddisch als Unterrichtssprache wurde geschlossen, die Ausreisen der Jahre 1968-1970 dezimierten die jüdische Bevölkerung. Das Amt für Innere Angelegenheiten schätzte im Jahre 1972, dass in der Wojewodschaft etwa 1.500 Personen jüdischer Nationalität geblieben waren. In den darauffolgenden Jahren emigrierten einzelne Personen. Häufiger emigrierten die jungen Menschen, die Älteren blieben. Die Stettiner Sozial-Kulturelle Gesellschaft organisierte seit der zweiten Hälfte 1969 bis Ende 1970 keinerlei Treffen oder Versammlungen. Nach Intervention der Warschauer Zentrale und dem Besuch von Eliasz Rajzman beim Hauptvorstand der Sozial-Kulturellen Gesellschaft wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Im Januar 1971 wurde der neue Sitz im Gebäude in der Niemcewiczstraße 2 eröffnet. Die Stettiner Aktivisten schrieben über diese Zeit: „Die Arbeit war sehr schwierig, weil das Milieu, in dem wir aktiv sind, verunsichert ist und wir große Schwierigkeiten bei der Beseitigung von objektiven und subjektiven Ursachen haben, die unsere Arbeit hemmen oder gar stören.“ Auf der anderen Seite gab es keine Zweifel, dass die Arbeit unter den neuen Bedingungen sinnvoll war. „Werden wir überhaupt gebraucht und wenn ja von wem? Wir behaupten, dass wir gebraucht werden. Vor allem von denen, die ihr Leben im jüdischen Milieu verbringen wollen. Wir werden von jenen gebraucht, die in unseren Klub kommen, um ein Buch zu lesen, um ihre Bekannten zu treffen, die an unseren Veranstaltungen teilnehmen und einige Stunden auf kultivierte Weise verbringen wollen.“

Tabelle

Mitgliederzahl der Stettiner Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in den Jahren 1971-1989

Jahre

1971

1973

1979

1980

1981

1984

1985

1989

Mitgliederzahl

47 (120)

96

61

52

75

133

134

118

Quelle : APS, PWRN, Sign. 13659; Materialien der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in Stettin.

Interessant ist der Anstieg der Mitglieder ab Anfang der 1980er Jahre. Das hatte mehrere Ursachen, nicht ohne Bedeutung war die Vergabe materieller Beihilfen.

Tabelle

Mitgliederzahl der Stettiner Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in den Jahren 1990-2002

Jahre

1990

1991

1992

1993

1994

1995

1998

2002

Mitgliederzahl

112

112

105

107

100

100

92

74

Quelle: Materialien der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in Stettin.

Ab Mitte der 1980er Jahre zeichnet sich ein erneuter Rückgang der Mitgliederzahlen ab. Die Gesellschaft versammelte hauptsächlich ältere Menschen, die jedes Jahr weniger wurden.

Nach der Wende 1989

Durch die veränderte Nationalitätenpolitik nach 1989 entstanden neue Organisationsmöglichkeiten für die jüdische Bevölkerung. Die Sozial-Kulturelle Gesellschaft ist nicht mehr die einzige Organisation an der „Jüdischen Straße“, daneben gibt es die Jüdische Gemeinde und den Verein der im Zweiten Weltkrieg geschädigten Juden. Róża Król, die Vorsitzende der Stettiner Sozial-Kulturellen Gesellschaft formuliert es so: „Die Generation der Juden, die die jüdische Sprache, Kultur und Tradition kennen, verlässt uns. Eine Generation, die vielleicht die jüdische Religion nicht sehr eifrig praktiziert, doch von zu Hause die Glaubensgrundsätze mitbekommen hat und beten konnte. Die Generation der Pioniere von Stettin, die meistens von Anfang an aktiv am Leben der jüdischen Bevölkerung dieser Stadt teilgenommen hat.“ Jetzt erreicht die Gemeinde nicht mehr immer das Quorum von 10 Personen (den Minjan), die man für das Schabbatgebet braucht. Die Altersstruktur wirkt sich auf das Profil der heutigen Aktivitäten der Sozial-Kulturellen Gesellschaft aus – im Jahre 2000 wurde im Klub ein Tagesaufenthaltsraum mit Geräten für Krankengymnastik für ältere Personen eingerichtet. Der Klub ist immer noch ein Ort, wo Vorträge, künstlerische Veranstaltungen und gesellige Treffen stattfinden. Häufige Gäste des Klubs sind Schüler und Studenten, die zu Treffen mit sowohl historischer als auch zeitgenössischer jüdischer Thematik kommen. Die Gesellschaft informiert über das Leben der jüdischen Bevölkerung in Pommern und in Polen. Sie nahm teil an den aufeinander folgenden Editionen des Wettbewerbs „Geschichte und Kultur der Juden in Polen“, der von der Stiftung „Shalom“ und dem Bildungsministerium organisiert wird. Sie organisierte ein Bildungsseminar „In den Buch fun Gedank“, das der Kultur und der Geschichte der Juden in Westpommern gewidmet war. Hauptadressaten des Seminars waren Lehrer und Schüler Stettiner Schulen. Es gab Vorträge von Wissenschaftlern aus dem Jüdischen Historischen Institut, dem Nationalmuseum, dem Staatsarchiv und der Stettiner Universität und Ausstellungen über die Wandlungen des jüdischen Lebens in Westpommern nach dem Zweiten Weltkrieg. Es wurden Gedenktafeln am Ort der Synagoge, der Jüdischen Schule und zu Ehren des Dichters Eliasz Rajzman errichtet.

Seit über zehn Jahren besuchen ehemalige jüdische Einwohner und deren Nachfahren die Stadt. Eine solche Reise hat u.a. der israelische Journalist und Schriftsteller Ruvik Rosenthal auf der Suche nach seinen Stettiner Wurzeln unternommen. Vor 1938 war ein Großvater des Schriftstellers hier Beamter und Kantor der Synagoge, der zweite arbeitete als Kreisarzt. Die Familie Rosenthal war nach der Machtübernahme der Nazis im Jahre 1933 emigriert. Er selbst wurde bereits in Israel geboren. Nun arbeitet er an einem Buch über die deutschen Juden von Stettin. Im Klub erzählte Rosenthal vom Schicksal seiner Familie und über das heutige Israel. Nachdem in der Zeitung Słowo Żydowskie eine Information über Feierlichkeiten, die der jüdischen Schule und ihrer jahrelangen Leiterin Szejna Lew gewidmet waren, erschien, kam ein halbes Jahr später die Tochter der Schuldirektorin nach Stettin, Estera Camonis (Kamionkowska), die seit 1957 in Paris lebt. Während ihres Besuchs erzählte sie, dass ihre Reise einen sehr persönlichen Charakter habe, weshalb ihr Sohn und ihre Enkeltochter sie begleiteten. Sie war gerührt, als sie in Słowo Żydowskie den ihrer Mutter zu deren 25. Todestag gewidmeten Artikel las. Das Bewusstsein, dass die Schüler sie im Gedächtnis behalten hatten, brachte sie dazu, Stettin zu besuchen.

Diese Besuche spornten die Aktivisten des Klubs dazu an, ein in der Nachkriegsgeschichte der jüdischen Bevölkerung in Polen präzedenzloses Ereignis zu organisieren. Ende Juni, Anfang Juli 2003 kam es zu dem Treffen „Mini Reunion ’68“, einer Zusammenkunft ehemaliger jüdischer Einwohner Stettins, insbesondere jener, die infolge der antisemitischen Hetze 1968 emigriert waren. Ein weiteres solches Treffen wurde im Juli 2007 veranstaltet. [Vgl.: Helga Hirsch, Sie glaubten, sie seien ein Teil Polens, in: FAZ vom 1.8.2007, www.uni-salzburg.at/pls/portal/docs/1/545539.PDF ]

Ob von den Juden in Westpommern nur Erinnerungen bleiben werden? Heute ist das jüdische Milieu sehr klein. Am zahlreichsten ist die Gruppe der Fünfzigjährigen, obwohl auch jüngere auftauchen. Manche meinen, das Stettiner Zentrum werde infolge von Assimilation und Überalterung eingehen. Doch das muss vielleicht nicht so kommen. Zeichen der Belebung des jüdischen Lebens in Polen und die Rückkehr assimilierter Enkel zur Religion ihrer Großväter sind auch Zeichen für eine Überlebenschance. Ob das auch in Pommern so sein wird, werden wir erst in einigen Jahren wissen.

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska

Die Jüdische Gemeinde in Stettin

Ich spreche zu Ihnen als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Stettin. Vielen Dank an die Organisatoren, dass Sie mich zum hier versammelten geschätzten Historikerkreis eingeladen haben. Ich beschäftige mich weder professionell noch als Laie mit der Geschichte. Nur so viel, wie mich mein Leben eben dazu zwingt.

Mit meinen eigenen Worten möchte über das heutige, alltägliche Leben der Gemeinde sprechen. In die Geschichte werde ich mich nicht vertiefen, denn dazu gibt es entsprechende Publikationen des schon nicht mehr lebenden Dr. Kołodziejek und des zum Glück noch lebenden und hier anwesenden Dr. Mieczkowski, ein junger Mensch, der sich mit diesem Thema beschäftigt und mit dem wir als Organisation, als Gemeinde und als Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in engem Kontakt stehen. Wir arbeiten gewissermaßen täglich zusammen und wenn es uns möglich ist, stellen wir auch Materialien zur Verfügung.

Die Stettiner Jüdische Gemeinde hält sich an ihre Satzung, die der geltenden Verfassung, dem Gesetz über das Verhältnis zwischen Staat und Jüdischen Gemeinden und der internen Satzung des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in Polen entspricht. Die Gemeinde zählt heute etwa 62 Mitglieder, alle werden als Mitglieder behandelt, obwohl einige von ihnen nicht im eigentlichen Sinne jüdisch sind, sondern z.B. Witwen von jüdischen Ehemännern. Sie haben satzungsgemäß weder aktives noch passives Wahlrecht, aber ansonsten werden sie wie Mitglieder behandelt. Wir halten uns an die Tradition, denn früher sind sie in die Gemeinde aufgenommen worden. Die gegenwärtige Satzung legt fest, dass nur Personen jüdischer Herkunft Mitglieder sein können, die keiner anderen Religion angehören. Also wir verlangen nicht unbedingt, dass es sich um gläubige Personen handelt. Die Witwen wurden aufgrund früherer Satzungen als Mitglieder betrachtet, deshalb wäre es unzumutbar, sie heute hinauszuwerfen.

Die Gemeinde wählt alle vier Jahre einen fünfköpfigen Vorstand. Die Satzung spricht von drei bis fünf Personen, die unter sich den Vorsitzenden auswählen. Zuerst war ein anderer Kollege Vorsitzender, dann gab es einen zweiten aber nur für einen kurzen Moment, na und dann wollte es keiner machen, weil sie keine Zeit hätten. Also wurde ich dazu gedrängt. Laut Satzung sind aber zwei Personen notwendig, wenn es um offizielle Erklärungen der Gemeinde geht, der Vorsitzende und ein weiteres Vorstandsmitglied. Deshalb sind meine heutigen Ausführungen gänzlich privat. Ich habe sie nicht mit dem Vorstand abgesprochen.

Wir haben keinen Rabbiner, unser religiöses Leben beschränkt sich darauf, die Traditionen früherer Generationen fortzuführen. Am Samstag früh halten wir die Schabbatgebete und sonst die Gebete an traditionellen jüdischen Feiertagen ab, wie zu Rosch Haschana, Jom Kippur, Pessach und Sukkot, dazu bereiten wir feiertägliche Mittag- und Abendessen vor. Wenn es notwendig ist, organisieren wir auch Bestattungen auf dem jüdischen Friedhofsquartier. Um den Friedhof an sich kümmern wir uns ebenfalls. Zum religiösen Leben würde ich auch die koschere Küche zählen. Koscheres Fleisch bekommen wir über den Verband der Jüdischen Gemeinden in Warschau, der es aus Białystok holt. Wir kochen für 30-35 Personen, die Mehrzahl der Essen tragen wir aus. Viele Mitglieder der Gemeinde sind schon alt, gehen nur selten oder gar nicht mehr aus dem Haus, ihnen werden die Mahlzeiten nach Hause gebracht. Einen Teil der weiteren Produkte (außer Fleisch) kaufen wir vor Ort, ein anderer Teil wird regelmäßig aus Warschau geliefert. Wir haben die Liste der Waren, die wir kaufen können, natürlich vom Rabbiner, und daran halten wir uns. Die Küche arbeitet die ganze Woche von Montag bis Freitag und bereitet auch die Mahlzeiten zum Schabbatgebet und den traditionellen Kidusz vor. Wir bedienen uns selbst.

Der Mittagstisch wird vom American Jewish Joint Distribution Committee finanziert, das ist eine karitative Organisation, die Spenden – vor allem amerikanischer Juden – in der ganzen Welt verteilt, in Israel und in der Diaspora. Die Tätigkeit unserer Gemeinde wird zur Zeit hauptsächlich vom Verband der Jüdischen Gemeinden in Warschau unterstützt und zusätzlich haben wir noch minimale eigene Einnahmen.

Darüber hinaus entfalten wir eine verhältnismäßig breite eigene karitative Arbeit, wir kümmern uns um alte und kranke Personen. Damit beschäftigt sich unser Sozialarbeiter, der bei der Gemeinde angestellt ist, aber vom Verband der Jüdischen Gemeinden in Warschau bezahlt wird. Er arbeitet mit allen jüdischen Organisationen und Kreisen zusammen, die in unserer Gegend existieren. Er ist professioneller Koordinator für die Betreuung der Bedürftigen und die Vermittlung von Sozialhilfe. Zwei Mal im Jahr führt er Gespräche und Recherchen durch, um angemessen auf Veränderungen reagieren zu können. Wenn es notwendig ist, wendet er sich an den Vorstand. Er verfügt natürlich über Möglichkeiten im Rahmen des Warschauer Sozialfürsorgeausschusses, aber wenn eine Angelegenheit dort nicht geregelt werden kann, und die Gemeinde in der Lage ist zu helfen, wendet er sich an die Gemeinde und wir unterstützen die betreffende Person mit kleinen finanziellen Zuwendungen. Keine Probleme gibt es bei der Unterstützung von Überlebenden des Holocaust, sie bekommen eine ziemlich umfangreiche und vielseitige Hilfe. Hier gibt es keinerlei Einschränkungen. Schlechter steht es um die Personen, die nach dem Krieg geboren wurden. Die heutige wirtschaftliche Entwicklung führt zu Arbeitslosigkeit, aber die Arbeitslosen müssen ihre Kinder versorgen. Und es gibt auch junge Leute, die studieren und ihren Unterhalt nicht aufbringen können. Das ist ein neues Problem und harrt noch der Lösung.

Viel Mühe und Arbeit steckt das Gemeindebüro in Restitutionsangelegenheiten, dabei geht es um die Rückerstattung des Eigentums der Jüdischen Gemeinden der Vorkriegszeit. Die ganze Prozedur vollzieht sich in Übereinstimmung mit dem Restitutionsgesetz. Die Büroleiterin, die eine halbe Stelle hat, beschäftigt sich vor allem mit diesen Dingen. Unsere Gemeinde hat fast 200 Anträge auf Rückübertragung von Friedhöfen, Synagogen, Grund und Boden, auf dem früher Synagogen standen und Gemeindegebäuden gestellt. Es gibt zur Zeit zwei Regulierungskommissionen und Experten schätzen, dass dort die Arbeit für 19 Jahre gesichert ist. Das geht alles sehr langsam. Wie man weiß, wollen die einen etwas haben, und die anderen nichts geben. Das zieht sich hin.

Das Restitutionsgesetz betrifft ausschließlich das Eigentum der früheren Gemeinden und man muss nachweisen, dass die Objekte, um die es geht, für religiöse Zwecke genutzt wurden. Obwohl z.B. ein Waisenhaus oder Altersheim der Jüdischen Gemeinde gehörte, muss man nachweisen, dass es religiös genutzt wurde. Geschieht das nicht, kann die Kommission die Forderung nicht anerkennen. Aber das ist schwer nachzuweisen, denn oft gibt es keine Dokumente mehr. Übrigens hatten wir in Stettin an der Kaschubskastraße so einen Fall. Niemand stellte in Frage, dass das ganze Haus Eigentum der Jüdischen Gemeinde war, trotzdem sollten wir nachweisen, dass es für religiöse Zwecke genutzt wurde. Das konnten wir nicht und haben die ganze Sache verloren. Meiner Meinung nach ist diese Restitutionsangelegenheit ein „trojanisches Pferd“, denn es gibt nur sehr wenige Jüdische Gemeinden in Polen. Allein das notwendige Procedere verlangt so große Anstrengungen, dass uns für etwas Anderes nicht viel Kraft bleibt. Meiner Meinung führt das in eine Sackgasse.

In Polen gibt es sieben Gemeinden und zwei Niederlassungen des Verbandes der Jüdischen Gemeinden. Die einzelnen Gemeinden sollten auf ihrem Gebiet die Rückübertragungsanträge stellen. Das ganze Land wurde in Territorien aufgeteilt und die Gebiete, die zu keiner Gemeinde gehören, sollte der Verband der Gemeinden übernehmen. In dessen Namen tritt die Stiftung zum Schutz des Jüdischen Kulturerbes auf. Die „Territorien“ decken sich übrigens nicht mit der jetzigen Verwaltungsstruktur. Unsere Gemeinde befindet sich in der Wojewodschaft Westpommern, aber Restitutionsanträge sollten wir für die Gebiete der alten Wojewodschaften Stettin, Gorzów (Landsberg a.d. Warthe) und Piła (Schneidemühl) stellen. Später entfiel Gorzów, aber die Anträge hatten wir gestellt. Auf die schnelle Tour stellten wir diese 200 Anträgen. Aber sie enthalten oft keinerlei Dokumente außer der Angabe des Ortes. Jetzt muss also noch alles gesammelt werden, dokumentiert usw.

Im Rahmen dieser Zuständigkeit fiel uns auch Słubice zu, wir stellten also einen Antrag auf Rückübertragung des Friedhofs. Formal fällt diese Gegend heute nicht mehr in unsere Zuständigkeit. Słubice hätten wir übrigens nach dem Restitutionsgesetz nicht bekommen können. Aber Rabbiner Polatsek in New York folgt der Maxime „steter Tropfen höhlt den Stein“. Er bringt es fertig bei allen anzurufen, beim Słubicer Bürgermeister, beim Wojewoden der Wojewodschaft Lubuskie, beim Ministerpräsidenten, dem Sejmmarschall und in allen Ministerien, beim polnischen Staatspräsidenten und in den Vereinigten Staaten angeblich auch noch bei Kongressabgeordneten und beim Präsidenten. Er hat Himmel und Erde in Bewegung gesetzt. Und – um endlich Ruhe zu haben – wurde der Friedhof schließlich der Stettiner Gemeinde zugesprochen. Gleich am folgenden Tag hieß es, dort sei ein Gebäude einsturzgefährdet. Vorher hatte es ein paar lange Jahre dort gestanden und war offensichtlich nicht gefährdet. Aber in dem Moment, als es der Gemeinde zugesprochen worden war, gab es Beschwerden: das Gebäude einsturzgefährdet, der Friedhof verdreckt usw. Und es kam eine Aufforderung von der Bauaufsicht, in kürzester Zeit müsse das alles dort liquidiert werden. Außerdem wurden ständig Teile des Zauns entwendet, die Polizei schickte Vorladungen, verlangte Aussagen ... Probleme gab es ohne Ende. Übrigens nicht nur mit diesem Friedhof. Die Behörden hätten uns am liebsten alle Friedhöfe auf einmal zurückgegeben – und damit ihr Problem erledigt. Den Słubicer Friedhof haben wir jetzt der Stiftung zum Schutz des Jüdischen Kulturerbes übertragen. Vor einigen Tagen habe ich zusammen mit einem weiteren Vorstandsmitglied die entsprechenden Regelungen bei einem Notar unterschrieben – das ist also nicht mehr unser Problem.

Wie ich schon sagte, haben wir in Stettin keinen Rabbiner, keinen geistlichen Führer. Das bereitet uns viele Probleme. Kaum noch jemand kann jiddisch oder Gebete sprechen. Meiner Meinung nach stirbt das alles langsam aus. Das ist meine Meinung, ich habe keine Angst davor, mir den Mund zu verbrennen, und kann sagen was ich denke. Also: Alles hat zwei Seiten. Nimmt man junge Leute jüdischer Herkunft und hilft ihnen, ihr Wissen und ihre kulturellen Kenntnisse zu erweitern, vertieft das ihr jüdisches Selbstgefühl – und das garantiert dann, dass diese jungen Leute zu 99 Prozent Polen verlassen. Ich weiß das persönlich noch aus den 1970er Jahren, als ich als junger Mensch um die dreißig junge Leute bei der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden zusammengebracht habe – alle sind weggefahren. Es ist schwer hier tätig zu sein, je mehr man von sich selbst einbringt, desto schneller fahren sie weg. So ist die Realität.

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

Jüdische Friedhöfe in Westpommern. Erhaltungszustand, denkmalpflegerische Probleme (1)

„Jede Form von Erinnerung und Gedenken ist erwünscht, Hauptsache, man lässt keine Gleichgültigkeit zu.“ Stanisław Vincenz, Erinnerung an die Juden von Kolomea.

Friedhöfe (2)

Begräbnisstätten sind materielle Beweise für die Anwesenheit gesellschaftlicher Gruppen in einem Gebiet. In der Wojewodschaft Westpommern ist es bisher gelungen, 68 jüdische Friedhöfe zu identifizieren.

Der Friedhof wird im Hebräischen als Bet-ha–Kevarot (Haus der Gräber) Bet-ha–Hayim (Haus des Lebens) oder Bet-ha-Olam (Haus der Ewigkeit) bezeichnet. Diese Bezeichnungen spiegeln den Glauben an ewiges Leben wieder, an die Rückkehr zu den Vätern und zu Gott. In mittelalterlichem Deutsch tauchen Namen wie Judensand oder Sandhof auf, Judenkirchhof hat bis in unsere Zeit überdauert. Im Polnischen wurden die Termini kirkut (kierkut, kierkow, kirchan) und okopisko benutzt.

Nach ihrem religiösen Gebot bestatten die Juden ihre Toten seit ewigen Zeiten, indem sie ihnen Grabsteine aufstellen (im Polnischen: macewa, abgeleitet vom Hebräischen nacaw, was „aufgestellt sein, stehen“ bedeutet), die in der Septuaginta als stele, litos, snopos und in der Vulgata als titulus, lapis, statua bezeichnet werden, und im Polnischen übersetzt als Grabmal, Säule, Stele, Stein.

Sowohl die vertikal aufgestellte Platten (die charakteristisch für die Friedhöfe askenasischer Juden ist) als auch die horizontal aufgestellten (Milieu der sephardischen Juden) werden als Grabsteine (macewa) bezeichnet. Der Grabstein kennzeichnet einen unreinen Ort und ist für die Priester ein Zeichen, dass sie sich ihm aufgrund des Gebots der Bewahrung ritueller Reinheit nicht nähern sollen. Der Grabstein hat die Funktion die Ruhestätte des Toten zu sichern und das Grab zu kennzeichnen. Er ist ein Zeichen des Respekts für den Toten und ein Gedächtniszeichen für die Nachkommen. Aufgestellt wird er spätestens ein Jahr nach dem Tod, und zwar in der Ost-West-Achse (Richtung Jerusalem). Die Bestattung übernehmen Beerdigungsbruderschaften (Chewra Kaddischa).

Gemäß der jüdischen Religion und Tradition gilt die Ruhestätte der Toten als heilig und ewig unantastbar. Dies bedeutet für die Friedhöfe, dass jegliche Störungen, ihre Liquidierung oder die Umwidmung von Friedhöfen zu anderen Zwecken nicht erlaubt ist. Auf dem Friedhof sind die in der Erde ruhenden menschlichen Überreste das Wichtigste. Die materiellen Grabzeichen haben dagegen keine größere Bedeutung. Falls der Friedhof bereits vollständig belegt war, wurde er deshalb um benachbarte Liegenschaften erweitert (Friedhof in Stettin) oder auf dem existierenden Bestattungsfeld eine 1,5 m dicke Erdschicht aufgeschüttet (Friedhof in Widuchowa / Fiddichow).

Da die jüdische Religion den Bestattungsort als sacrum anerkennt, hat sie keinen Begriff für die Auflassung eines Friedhofs. Sie lässt keine andere Nutzung des einmal für Friedhofszwecke bestimmten Geländes zu. Aus den Geboten der Religion folgt die Pflicht, Friedhöfe zu respektieren. Man darf die dort befindliche Erde und den Rasen nicht nutzen. Der Friedhof wurde gewöhnlich in einer Entfernung von 50 Ellen (25 m) vom äußersten Haus der Siedlung angelegt.

Neben der Synagoge, dem Ritualbad (Mikwa) und der Religionsschule gehört der Friedhof zu den Hauptelementen der Existenz und des Funktionierens einer jüdischen Gemeinde. Es kam vor, dass die lokale Gemeinschaft über längere Zeit hinweg Friedhöfe in anderen Orten nutzte. So war es z.B. mit der 1816 gegründeten Stettiner Gemeinde, die anfänglich ihre Toten auf dem Friedhof in Gryfino (Greifenhagen) bestattete. Auf dem Gelände der Friedhöfe wurden Tahara-Häuser (Hebr.: Beth Tahara – Haus der Reinigung) erbaut, die in Moryń (Mohrin) und Szczecinek (Neustettin) noch erhalten sind. In Stettin ist dagegen das Gebäude für die Versorgung des Friedhofs erhalten (Verwaltung, Gärtnerhaus).

Recht (3)

Das Problem, jüdischen Friedhöfen rechtlichen Schutz zu sichern, existierte nicht, so lange sie Eigentum der sie betreuenden und in der Nachbarschaft lebenden Glaubensgemeinden blieben. Die Situation änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Der größte Teil der Immobilien jüdischer Gemeinden wurde zum sog. verlassenen und aufgegebenen Besitz, der vom Staat übernommen wurde (Gesetz vom 6. Mai 1945 über verlassenen und aufgegebenen Besitz). Im Jahre 1991 wurde die Novelle zum Gesetz vom 31. Januar 1959 über Friedhöfe und Totenbestattung zu einem Schutzinstrument auch für die jüdischen Friedhöfe (Art. 6 Abs. 2: „Die Entscheidung über die Nutzung eines Friedhofsgeländes, das zuvor ein konfessioneller Friedhof der katholischen Kirche oder einer anderen Kirche oder einer Glaubensgemeinschaft gewesen ist, zu einem anderen Zweck, wird nach Einholung der Meinung der eigentlichen Entscheidungsträger dieser Kirche oder Glaubensgemeinschaft, über die Art der Kennzeichnung und des Gedenkens des ehemaligen Friedhofsgeländes getroffen“). Das Gesetz vom 20. Februar 1997 über das Verhältnis des Staates zu den jüdischen Gemeinden in der Republik Polen ermöglicht die Rückgabe von Immobilien, die Eigentum jüdischer Gemeinden waren, auch in den Gebieten West- und Nordpolens. Wenn man die zahlenmäßig geringe jüdische Bevölkerung der Republik Polen berücksichtigt, werden die meisten verlassenen Friedhöfe in Polen, darunter auch die in Westpommern, vermutlich nicht rückübertragen.

Die wertvollsten Friedhöfe sind ins Register der Baudenkmäler eingetragen (das betrifft die ältesten Objekte mit erhaltenen Grabsteinen und einer erkennbaren, nicht geänderten räumlichen Anordnung) auf der Grundlage des Gesetzes vom 23. Juli 2003 über Denkmalpflege und Denkmalschutz. In Übereinstimmung mit Art. 6 Abs. 1 Buchstabe f: „unterliegen Friedhöfe der Pflege und dem Schutz ohne Rücksicht auf ihren Erhaltungszustand“. Zur Zeit sind im Gebiet der Wojewodschaft Westpommern acht Friedhöfe ins Denkmalregister eingetragen: in Banie (Bahn), Cedynia (Zehden), Człopa (Schloppe), Mirosławiec (Märkisch Friedland), Rusko, Świdwin (Schivelbein) und Tuczno (Tütz). Weitere für den Eintrag ins Denkmalregister qualifizierte Objekte sind die Friedhöfe in Boleszkowice (Fürstenfelde Neumark), Józefin, Moryń (Mohrin), Pełczyce (Bernstein), Stettin und Widuchowa.

Im Falle von jüdischen Friedhöfen, die nicht im Denkmalregister eingetragen werden, ist es notwendig, ihnen Schutz durch Eintragungen in die örtliche Raumplanung und Raumbewirtschaftung zu sichern (Gesetz vom 27. März 2003 über die Raumplanung und -bewirtschaftung). Es kann eine Eintragung folgenden Inhalts sein: „Gelände des nicht mehr benutzten jüdischen Friedhofs, Bauverbot, Notwendigkeit, das Gebiet in Ordnung zu bringen, zu umzäunen und zu kennzeichnen.“ Im Falle eines Geländes, auf dem dauerhafte Investitionen getätigt wurden (Bebauung, Straßen etc.) ist es nur noch möglich, den Ort mit einer Informationstafel über seine ursprüngliche Bestimmung zu kennzeichnen.

Denkmalpflegerische Problematik
Inventarisierung (4)

Bis heute konnten in der Wojewodschaft Westpommern 68 jüdische Friedhöfe identifiziert werden. In den Archiven der Denkmalpfleger und des Landeszentrums für Erforschung und Dokumentation von Denkmälern in Warschau befinden sich Friedhofskarteikarten, die nach einem einheitlichen Muster erarbeitet werden. Sie enthalten folgende Daten: Adresse, Lage, Name, Datum der Friedhofsgründung, Fläche, Angaben zu den ältesten und wertvollsten Grabsteinen, eine eventuelle Bibliographie, Grundrisse usw., eine Charakteristik der einzelnen Friedhofselemente (Umzäunung, Gebäude, Grabsteine, Gräber, Baumbestand, Grundriss), Erhaltungszustand, Schlussfolgerungen sowie Anmerkungen der Denkmalpfleger. Integrale Bestandteile der Karteikarte sind eine Skizze des Friedhofs, Landkarten und eine Fotodokumentation.

Für einen bedeutenden Teil der westpommerschen jüdischen Friedhöfe sind solche Beschreibungen verfügbar. Unbedingt nötig wäre eine Aktualisierung eines Teils der älteren Karteikarten. Die neuesten Friedhofskarten, die in den 1990er Jahren entstanden sind, enthalten hebräische Inschriften samt ihrer polnischen Übersetzung. Die jüdischen Friedhöfe stellen ein reichhaltiges Forschungsmaterial für Historiker, Philologen (Epigraphen) und Kunsthistoriker dar. Sie sind Zeugnis der Jahrhunderte langen Existenz des jüdischen Volkes in diesem Fleckchen Europas.

Im Archiv des Wojewodschaftamtes für Denkmalschutz in Stettin befindet sich eine sehr wertvolle Arbeit von Jerzy Baranowski: Cmentarze żydowskie w województwie szczecińskim (Jüdische Friedhöfe in der Wojewodschaft Stettin), mps, PKZ Warszawa 1963. Diese einzigartige Fotodokumentation von vor 40 Jahren registriert den damaligen Erhaltungszustand von über einem Dutzend Friedhöfen. Die zahlreichen Grabsteine, die sich damals noch auf den Friedhöfen befanden sind heute nicht mehr vorhanden bzw. die Friedhöfe vollkommen zerstört oder bebaut (Chojna/Königsberg Nm., Gryfice/Greifenberg, Myślibórz/Soldin, Resko/Regenwalde, Trzebiatów/Treptow an der Rega, Węgorzyno/Wangerin). Notwendig wäre eine Erarbeitung von Karten für die ältesten und wertvollsten beweglichen Denkmäler (optimalerweise für alle erhaltenen), die folgende Angaben enthalten müssten: Ausmaße, Material, Charakteristik des Erhaltungszustands, Charakteristik der Formen und Symbolik, Inhalt der Inschriften in Hebräisch und in polnischer Übersetzung sowie Fotos. Solche Bearbeitungen bieten ein Material, das uns erlaubt, den künstlerischen und historischen Wert der sepulkralen Objekte zu ermitteln.

Konservatorische Empfehlungen (5)

Um die Empfehlungen des Denkmalschutzes zu präzisieren, müssen die Objekte in drei Gruppen unterteilt werden:

  1. Friedhöfe, auf denen Grabsteine erhalten sind:

  • in situ,

  • mit neu aufgestellten Grabsteinen (z.B. Friedhof in Stettin oder Kolberg, sog. Lapidarien);

  1. Friedhöfe, auf denen keine Grabsteine erhalten sind, deren Bestimmung aber nicht geändert wurde;

  2. Bebaute Friedhöfe, auf denen dauerhafte Investitionen getätigt wurden.

Die denkmalpflegerischen Empfehlungen hinsichtlich der Objekte der III. Gruppe wären: Anfertigung einer Dokumentation und Kennzeichnung des Geländes, für Gruppe II – abgesehen von den genannten, zusätzlich eine Umzäunung, in Ordnung bringen des Geländes sowie Pflege des eingebrachten Grüns, für die I. Gruppe dieselben Empfehlungen wie für II. sowie Aufstellen, Säubern und Konservieren der Grabsteine.

Zusammenfassung

Angesichts der enormen Verluste, die die jüdische Kultur in Polen und Europa erlitten hat, gehören die erhaltenen Friedhöfe zu den wenigen authentischen Spuren der Existenz jüdischer Gemeinden. Es war nicht Aufgabe des vorliegenden Vortrags die naheliegende Frage, warum viele der Synagogen und Friedhöfe, die aus der düsteren nationalsozialistischen Zeit erhalten geblieben waren, zugebaut, vernichtet und zerstört wurden, aufzuwerfen und zu beantworten. Man wird sicherlich viele Antworten bei Historikern, Soziologen oder Psychologen finden. Aber keine von ihnen kann das Geschehene entschuldigen, keine kann die Wunden in der Seele und in der Landschaft heilen.

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska


(1) Dieser Text ist eine gekürzte Version des Vortrags, der bei der internationalen Konferenz „Juden in Westpommern im 19. und 20. Jahrhundert und ihre Nachbarn. Preußisch-deutscher Patriotismus. Holocaust. Platz in der sozialistischen Gesellschaft“ in Słupsk am 8.-9- Mai 2006 gehalten wurde. Sie wurde vom Muzeum Pomorza Środkowego in Słupsk und dem Institut für Geschichte und Internationale Beziehungen der Stettiner Universität organisiert. Die Konferenzmaterialien wurden 2007 vom DiG-Verlag in Warschau herausgegeben.

(2) M. Krajewska, Cmentarze żydowskie w Polsce, Studia z dziejów Żydów w Polsce. (Jüdische Friedhöfe in Polen, Studien zur Geschichte der Juden in Polen, Bd. 1), T. 1, Żydowski Instytut Historyczny, Warszawa 1995; F. M. Rosiński, Stosunek Izraela do zmarłych według Starego Testamentu (Das Verhältnis Israels zu den Toten nach dem Alten Testament), in: Studia z dziejów kultury żydowskiej w Polsce, t. 2. Cmentarze żydowskie (Studien zur Geschichte der Juden in Polen, Bd. 2, Jüdische Friedhöfe), Wrocław 1995; A. Trzciński, Symbole i obrazy. Treści symboliczne przedstawień na nagrobkach żydowskich w Polsce (Symbole und Bilder. Symbolische Inhalte der Darstellungen auf jüdischen Grabsteinen in Polen), Lublin 1997.

(3) E. Bergman, Wybrane problemy zarządzania dziedzictwem kultury żydowskiej w Polsce (Ausgewählte Probleme der Verwaltung des jüdischen Kulturerbes in Polen), in: Problemy zarządzania dziedzictwem kulturowym (Probleme der Verwaltung des Kulturerbes), Hrsg. K. Gutowska, Warszawa 2000.

(4) In der Publikation der Materialien von der Konferenz in Słupsk gibt es eine tabellarische Aufstellung der Friedhöfe, mit Bestimmung ihres Werts, Erhaltungszustands und konservatorischen Empfehlungen. Diese Aufstellung wird die erste dieser Art sein, verlangt also auch Ergänzungen und Verifizierung. Siehe auch: R. Korek, Szkice o trzebiatowskich Żydach, (Skizzen über die Juden von Treptow), in: Żydzi szczecińscy (Stettiner Juden), op. cit.; J. Mieczkowski, Historia żydowskiego cmentarza w Szczecinie (Geschichte des jüdischen Friedhofs in Stettin), in: Wędrowiec Zachodniopomorski, nr 6/2002. Siehe auch: P. Burchard, Pamiątki i zabytki kultury żydowskiej w Polsce (Andenken und Denkmäler jüdischer Kultur in Polen), Warszawa 1990; Z. Czajkowski, Żydzi w dziejach Świdwina (Die Juden in der Geschichte von Schivelbein), in: Nekropolie, Kirkuty. Cmentarze. (Nekropole, Jüdische Friedhöfe), Konferenzmaterialien, Szczecin 2002; J. Gajowniczak, Historia cmentarzy dolickich (Die Geschichte der Friedhöfe von Dölitz), ebda; K. Kontowski, Cmentarze sławieńskie (Schlawer Friedhöfe), ebda; A. Szutowicz, G. Sopiński, M. Twardowski, G. Górecki, Żydzi w Pełczycach (Die Juden in Bernstein), in: Wędrowiec Zachodniopomorski, Nr 19/2006; J. Leszczełowski, Czas pogardy w Złocieńcu. O złocienieckich Żydach (Zeit der Verachtung in Falkenburg. Über die Juden von Falkenburg), in: Wędrowiec Zachodniopomorski, Nr 20/2006.

Dziedzictwo niczyje (Niemandes Erbe)

„Każda forma pamięci i czci jest pożądana, byle tylko nie dać przystępu zobojętnieniu” – tak pisał polski pisarz Stanisław Vincenz na temat pamięci o Żydach z Kołomyi. Zacytował je 17 czerwca Mirosław Opęchowski z Wojewódzkiego Urzędu Ochrony Zabytków w Szczecinie podczas konferencji "Żydzi na polsko-niemieckim pograniczu". W nadodrzańskiej wsi Gross Neuendorf zorganizowało ją Towarzystwo Polsko-Niemieckie Brandenburgii w ramach projektu „Po śladach. Stara, nowa, obca mała ojczyzna”, wspieranego przez pełnomocnika rządu Brandenburgii ds. integracji.

Słowa Vincenza są bardzo aktualne w wielu miejscowościach naszego pogranicza, gdzie zobojętnienie na ślady żydowskiego dziedzictwa doprowadziło do zniszczenia kirkutów albo posunęło się nawet do wykorzystywania płyt nagrobnych przy budowie ogrodzeń i piaskownic, czego wyraźne ślady widoczne są do dziś np. w Szczecinie. Mieszkało tu do czerwca 1946 roku aż 31 tysięcy Żydów. Mieścił się tu jeden z dwóch punktów, do którego przyjeżdżali wracający z ZSRR Żydzi polscy. Jak mówił na konferencji dr Janusz Mieczkowski, zaraz po pogromie kieleckim w lipcu 1946 roku ich liczba w Szczecinie gwałtownie spadła: przerażeni okrutnym mordem wyjechali na Zachód albo do Palestyny. Dziś w całym województwie gmina żydowska liczy zaledwie ok. 70 osób.

Na Pomorzu Zachodnim udało się zidentyfikować 68 cmentarzy żydowskich. Osiem wpisano do rejestru zabytków, w tym kirkuty w Baniach i Cedyni, a na wpis czekają jeszcze Boleszkowice i Widuchowa. Nic nie pozostało z cmentarza w Chojnie. Stoi na nim tylko tablica informacyjna, a raczej dezinformacyjna. Mówi ona, że cmentarz został w latach 1958-1960 uporządkowany przez władze miejskie. Tymczasem – o czym pisaliśmy w ub. roku – do lat siedemdziesiątych był on zaniedbany, ale istniał wraz z marmurowymi i granitowymi nagrobkami. Ok. roku 1973 lub 1974 pracownicy gminy usunęli wszystkie nagrobki, buldożerem wyrwano ich pozostałości, rozrzucając przy okazji po całym terenie trumny i kości. W następnych latach pasły się tam świnie i krowy. W 1979 roku władze zburzyły mur odgradzający cmentarz od ulicy Wojska Polskiego. Teraz jest tam pusta łąka, na której do niedawna dzieci grały w piłkę.

W Cedyni cmentarz żydowski również przetrwał hitlerowskie piekło i również został zniszczony dopiero po wojnie przez Polaków. Na szczęście dzięki zmarłemu niedawno Marcelemu Szablewskiemu wydobyto siedem ukrytych w ziemi macew. W 2003 roku ustawiono je z powrotem na dawnym kirkucie. Podobnie uczyniono rok temu w Moryniu.

Podczas konferencji dramatyczny przykład dewastacji kirkutu podał Andrzej Kirmiel z Zielonej Góry. Otóż w Międzyrzeczu na niedawnym cmentarzu wybierano żwir i zwożono na pobliską plażę, na której wskutek tego walały się ludzkie kości. Zrabowano granitowe i marmurowe nagrobki. Ostatecznie kirkut zlikwidowano na wniosek Powiatowej Rady Narodowej z 1969 roku. Zrobiono to niezgodnie z prawem - nawet tym obowiązującym w PRL. – Decydowało to, że był to cmentarz "poniemiecki" – mówił Kirmiel. Zrównano więc dziedzictwo ofiar i sprawców. Zlikwidowano cmentarz istniejący 700 lat. Nie miał znaczenia Holokaust ani wymogi religii żydowskiej. Dziś przez środek biegnie obwodnica.

Wnioski wypływające z konferencji nie są optymistyczne. Żydowski Instytut Historyczny w Warszawie zajmuje się tylko Żydami polskimi, a z kolei Niemcy skupiają się na obiektach zlokalizowanych po zachodniej stronie Odry. Okazuje się więc, że dziedzictwo żydowskie na polskich Ziemiach Zachodnich to dziedzictwo niczyje.

Gazeta Chojeńska, nr 27, 3.7.2007

Erste Sabbat-Feier nach 75 Jahren

Ein polnischer Lehrer erforscht im früher deutschen Grünberg die jüdische Vergangenheit der Stadt

„Hier ist es." An der Ausfallstraße nach Breslau zeigt Andrzej Kirmiel auf ein graues Gebäude hinter einem zerfallenen Zaun. „Das war die jüdische Leichenhalle", erläutert der 49-Jährige. Bis vor kurzem sei darin noch eine Autowerkstatt gewesen. Auf dem Gelände ringsherum wuchern dünne Bäume.

Im Inneren der Halle sind zwei Dutzend Grabsteine aufgereiht. Sie tragen deutsche und hebräische Inschriften. Die Steine habe er mit Schülern seines Gymnasiums gesichert, berichtet der Geschichtslehrer. Sie lagen auf dem verlassenen Friedhof wild verstreut. „Es waren nur noch Sandsteine da, die sind weniger wertvoll", fügt er hinzu.

In einem Archiv fand Kirmiel den Beweis für eine Episode, die ihm ein alter Steinmetz erzählt hatte. „Grabsteine aus rotem Granit und Carrara-Marmor sind zu sichern", steht in einer Polizei-Anweisung aus dem Oktober 1967. Damals wurden in den Westgebieten Polens, die bis 1945 zu Deutschland gehört hatten, die alten deutschen Friedhöfe eingeebnet. „Man machte keinen Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Friedhöfen", erläutert Kirmiel. Die wertvollen Grabplatten wurden an Funktionäre verteilt, die das Material für private Bauzwecke verwandten.

Damit setzte sich eine Bereicherung an früherem jüdischem Eigentum fort, die es schon während und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hatte. Etwa eine Million Polen leben heute in Häusern, die früher Juden gehörten, schätzt Kirmiel. Viele versuchten, das Thema zu verdrängen, weil sie Entschädigungsforderungen fürchten. Oder man tut das Problem mit dem Hinweis ab, dass die Vertreibung und Ermordung der Juden das Werk der deutschen Besatzer gewesen sei. Tatsächlich gab es während des Kriegs in keinem europäischen Land so viele Menschen, die Juden retteten, wie in Polen.

Doch als Andrzej Kirmiel in den 1980er Jahren in Krakau Geschichte studierte, wurde der Holocaust nie erwähnt. „Und das, obwohl Auschwitz nur 50 Kilometer von Krakau entfernt ist." Erst nach 1989 wurde die Frage, wie sich Polen während der Kriegszeit verhalten haben, zögerlich diskutiert. Das Buch „Nachbarn" von Jan Tomasz Gross, in dem die Beteiligung der polnischen Bewohner eines Dorfes am Judenmord beschrieben wurde, löste heftigste Gegenreaktionen aus. Denn es brachte die weit verbreitete Auffassung, dass Polen nur die Opfer der Besatzer gewesen seien, ins Wanken.

In den früher zu Deutschland gehörenden Gebieten spielte das Thema jedoch weiter kaum eine Rolle. „Dabei gibt es allein auf dem Territorium der Wojewodschaft Lebuser Land um die 30 alte jüdische Friedhöfe und zehn Synagogen", berichtet Kirmiel. Eines der am besten erhaltensten Gotteshäuser sei das in Meseritz (Miedzyrzecz), in dem sich ein Supermarkt befindet.

Im ehemaligen Grünberg, das ein Zentrum der Textilproduktion war, hatten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr Juden angesiedelt. 1814 wurde der Begräbnisplatz an der Breslauer Straße als erstes Grundstück der Stadt an die jüdische Gemeinde verkauft. „Einige Jahrzehnte später hatten schon so viele jüdische Kaufleute und Fabrikanten ihre Häuser am Markt errichtet, dass diese Gegend auch als Klein-Jerusalem bezeichnet wurde", fand Kirmiel heraus.

Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 folgten die gleichen aggressiven Maßnahmen wie in ganz Deutschland. Die Juden mussten einen Stern tragen und wurden enteignet. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde auch die Grünberger Synagoge angezündet. „Sie stand an der Stelle, wo heute die Philharmonie ihren neuen Saal hat, in dem auch häufig deutsche Künstler auftreten", erläutert Kirmiel. Doch eine Erinnerungstafel sucht man vergeblich.

In der Grünberger Wollfabrik, die während des Krieges Uniformen herstellte, mussten hunderte jüdische Frauen aus Polen als Zwangsarbeiterinnen schuften. In einem Todesmarsch im Frühjahr 1945 kamen viele um.

Trotz der großen Tragödie während und nach dem Krieg – gleich 1946 kam es in Polen zu einzelnen Pogromen und 1968 wurden in einer antizionistischen Kampagne Zehntausende Menschen zur Ausreise nach Israel gezwungen – leben auch heute noch einige Juden in der Region. Eine von ihnen ist Alicja Skowronska. Ihre Biographie macht die ganze Tragik der polnischen Juden deutlich. „Als Polen 1939 von den Deutschen und Russen besetzt wurde, lebten meine Eltern auf der russischen Seite der Trennlinie. Im Februar 1940 wurden sie nach Sibirien abtransportiert." 1942 wurde Alicja in einem Dorf im Ural geboren. Hätten die Eltern nur wenige Kilometer weiter westlich in Polen gelebt, wären sie von den Deutschen vermutlich in einem Konzentrationslager ermordet worden.

Nach dem Krieg kam die Familie in jene Gebieten östlich von Oder und Neiße, aus denen die deutsche Bevölkerung vertrieben worden war. Alicja heiratete einen Katholiken und wechselte ihren Glauben. „In meinem Inneren habe ich die jüdischen Empfindungen aber immer bewahrt", sagt sie.

„In Polen leben heute etwa vier- bis fünftausend Menschen jüdischen Glaubens", berichtet Andrzej Kirmiel. In Großstädten wie Warschau, Breslau oder Stettin gibt es wieder funktionierende Gemeinden. Für die Wojewodschaft Lebuser Land gründete der Lehrer 2006 mit Gleichgesinnten die Stiftung „Lubuska Fundacja Judaica". Sie will jüdische Spuren sichtbar machen. Doch damit nicht genug. Am 2. März soll in Zielona Góra die erste Sabbat-Feier seit 75 Jahren stattfinden, als die Vertreibung der Grünberger Juden begann. Bart Schumann, ein Rabbiner aus Kalifornien, wird dabei aus der Thora lesen.

Märkische Oderzeitung, 6.2.2007

Die wiedergefundene Thora

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Von den Nazis ermordet, von Polen aus dem Land getrieben – ein Verein erforscht Spuren der Juden östlich der Oder

In der früheren Neumark lebten bis zur Nazizeit zahlreiche deutsche Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Doch auch für die polnischen Juden, die nach 1945 hier angesiedelt wurden, gab es östlich der Oder keine Zukunft.

Die Synagoge von Meseritz – dem heutigen Miedzyrzecz, 80 Kilometer östlich von Frankfurt – können nur noch Fachleute als einstiges jüdisches Gotteshaus identifizieren. Im Innern des 1824 erbauten Gebäudes erinnert lediglich der Aron Hakodesz – ein steinernes Regal zur Aufbewahrung liturgischer Bücher – an die frühere Bedeutung. Ein Privatmann lässt das Gebäude, das lange als Lager genutzt wurde, gerade zum Geschäftshaus sanieren. In der Gemeinde Bomst (Babimost) ist eine Bibliothek in dem einstigen jüdischen Gotteshaus untergebracht. Und in Tirschtiegel (Trzciel) nutzte die Freiwillige Feuerwehr das vormals religiöse Gebäude bis vor kurzem als Geräteschuppen.

Andrzej Kirmiel zeigt eine Karte der Wojewodschaft Lebuser Land: Kleine Davidsterne und Grabsteine symbolisieren darauf die 38 jüdischen Friedhöfe und neun Synagogen, von denen sich bis heute Spuren erhalten haben. Nachdem der preußische König im Jahre 1812 den Juden die Bürgerrechte zuerkannt hatte, waren zahlreiche Angehörige dieser Religion vor allem aus östlicheren Gebieten zugewandert. Den heutigen Bewohnern der Region sei dieser Teil der Geschichte aber kaum bekannt, fügt der 50-Jährige hinzu.

Der Geschichtslehrer Kirmiel sieht in dem geringen Wissen seiner Landsleute über die Juden ein großes Problem. Mehr noch: In Polen sei der Antisemitismus bis heute verbreitet. „Nach 1945 wurden in den neuen Westgebieten Polens zahlreiche Juden angesiedelt, die die Konzentrationslager überlebt hatten oder aus Russland zurückgekehrt waren“, erläutert Kirmiel, „Die Neugründung religiöser Gemeinden war ihnen jedoch untersagt, lediglich sozio-kulturelle Gemeinschaften durften gebildet werden. Die größte in der Region gab es in Żary (Sorau). Sie zählte 1958 um die 3500 Mitglieder.“

In einer antizionistischen Kampagne, die 1968 von Moskau aus angezettelt wurde, trieb dann die kommunistische Regierung die meisten der noch in Polen lebenden Juden aus dem Lande. „Damals wurden auch die noch aus der deutschen Zeit stammenden jüdischen Friedhöfe vernichtet“, erklärt Kirmiel. Dennoch behaupte bis heute einer der führenden Germanistik-Professoren der Universität Zielona Góra, dass dies das Werk der Deutschen war. Um gegen dieses Gemisch aus Unkenntnis, Vorurteilen und sogar Lügen anzugehen, hat Kirmiel mit Gleichgesinnten die „Lebuser Stiftung Judaica“ gegründet. Bereits zweimal fanden „Tage der jüdischen Kultur“ in Zielona Góra statt. Im Museum wurde bis vor kurzem eine Fotoausstellung gezeigt, in der Aufnahmen von den jüdischen Friedhöfen der Region zu sehen waren.

Die Reaktionen sind erstaunlich. „Manchmal kommen Leute und sagen: Herr Kirmiel, mein Vater war auch ein Jude, aber das habe ich außer Ihnen bisher niemandem erzählt.“ Der Lehrer schätzt, dass derzeit etwa ein Dutzend Menschen in Zielona Góra leben, die sich zu ihren jüdischen Wurzeln bekennen. Sein Traum wäre, dass irgendwann wieder eine Gemeinde entsteht, zu der man nach altem Gesetz aber mindestens zehn jüdische Männer braucht. Ein besonderer Glücksmoment für den Lehrer war es deshalb, als ihm kürzlich ein Mann aus Zielona Góra ein Teil einer Thora-Rolle brachte. „Er hatte das alte Pergament auf dem Dachboden seines Hauses gefunden. Gleichzeitig bat er mich inständig, niemanden seinen Namen zu nennen." Kirmiel stellte mit Hilfe eines der hebräischen Sprache Kundigen fest, dass es sich um das 4. Buch Mose handelt. Er vermutet, dass das Pergament in der Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben wurde und zu der einstigen Grünberger Synagoge gehörte, die in der Pogromnacht vom 9. November 1938 zerstört wurde. „Die handbeschriebene Rolle hat einen großen Wert“, erläutert Kirmiel. Schließlich handele es sich um die Übertragung der Worte Gottes. Laut Ritual müsste die unvollständige Thora eigentlich auf einem Friedhof bestattet werden.

Inzwischen hat der Lehrer auch Kontakt nach Deutschland gefunden. Die Berlinerin Ines Guske hat ihm eine Karaffe mit der Aufschrift „Synagoge Grünberg“ überlassen, mit der es ebenfalls eine besondere Bewandtnis auf sich hat. Die Ostberlinerin berichtet, dass sie selbst auch erst nach der Wende von ihren Eltern erfahren habe, dass einer ihrer Großväter jüdischer Abstammung war und in einem kleinen Ort bei Posen gelebt hatte. Bei einem Besuch dort stellte sie fest, „dass sich in der ehemaligen Synagoge ein Kino befindet und dass die frühere Leichenhalle des Friedhofs von einer Familie als Garage genutzt wird". Die Karaffe aus Grünberg habe sie bei einer Ebay-Auktion zwischen Feldflaschen und anderen Militaria aus dem Ersten Weltkrieg entdeckt und ersteigert. Mit Hilfe der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Brandenburg hat Kirmiel auch Kontakt zu dem Verein „Fremde Heimat Eberswalde“ geknüpft, der ebenfalls die jüdische Vergangenheit dieser Stadt erforscht. Bald wollen sich junge Leute aus beiden Kommunen besuchen.

Für dieses Jahr hat sich Kirmiel noch ein besonderes Ziel gestellt. Genau an der Stelle, wo bis 1938 die Synagoge von Grünberg stand, wurde die neue Philharmonie von Zielona Góra errichtet. Am 9. November jährt sich die Pogromnacht zum 70. Mal. „Zu diesem Anlass sollte ein deutsches Orchester spielen“, stellt sich Kirmiel vor. Dafür sucht er noch Unterstützung.

Märkische Oderzeitung, 22.2.2008

Zwischen Vergessen und Erinnerung

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Spuren jüdischen Lebens im Oderbruch (Groß Neuendorf)

Zum Mythos Oderbruch gehören Schlagworte wie religiöse Toleranz und Asyl für Glaubensverfolgte aus fernen Regionen. In erster Linie betrifft dies Siedler, die religiösen Minderheiten angehörten und im Zuge der Kolonisierung des Oderbruchs ins Land gekommen waren. Vernachlässigt werden dabei in der Regel die jüdischen Bewohner des Bruchs. Möglicherweise erscheint die Beschäftigung mit dem jüdischen Leben im Oderbruch auf den ersten Blick ungewöhnlich. Denn erstens findet heute kein aktives jüdisches Leben in der Region mehr statt und zweitens werden jüdische Spuren in der Regel nur bei genauerem Hinschauen sichtbar. Außerdem vermutet die Öffentlichkeit jüdisches Leben eher in Städten, weniger in ländlichen Räumen. Bekannt sind die bedeutsamen jüdischen Gemeinden in Potsdam und natürlich in Berlin, wo die prachtvolle Neue Synagoge, der große jüdische Friedhof in Weißensee und das Scheunenviertel zum allgemeinen Touristenprogramm gehören. Trotzdem erscheint ein Blick ins Oderbruch lohnenswert. Schließlich wissen wir, warum in den 1930er und 1940er Jahren das jüdische Leben im Oderbruch erloschen ist, und welche Verantwortung und Verpflichtung uns daraus erwachsen ist. Darüber hinaus spielten Juden im Oderbruch durchaus eine wichtige Rolle. Carsten Liesenberg hat auf dem Territorium des heutigen Bundeslandes Brandenburg 40 Orte gezählt, in denen es vor 1938 Synagogen oder Betsäle gegeben hat. (1) Blickt man nun ins Oderbruch, sind als Synagogenstandorte Wriezen, Bad Freienwalde, Seelow, Groß Neuendorf und Oderberg sowie in der weiteren Umgebung noch Strausberg, Müncheberg und Eberswalde bekannt. Dies ist eine durchaus bemerkenswerte Konzentration. Außerdem muss man in Erinnerung rufen, dass es in Wriezen im 19. Jahrhundert eine der größeren jüdischen Gemeinden in Brandenburg gab (2) und dass natürlich das Oderland in erheblichen Maße durch die Stadt Frankfurt (Oder) mit ihrer bedeutsamen jüdischen Gemeinde geprägt wurde. Es gibt also mehrere Gründe, die dafür sprechen, einen Blick auf das jüdische Leben im Oderbruch zu werfen.

Kurzer Überblick zur jüdischen Geschichte Brandenburg-Preußens

Da die Quellensituation für die mittelalterlichen Zeiten sehr problematisch ist, muss der Blick auf die brandenburgisch-preußische Geschichte gerichtet werden, um etwas über die Bedingungen zu erfahren, unter denen Juden in der Region lebten. Wir wissen nicht viel über jüdisches Leben in der Frühzeit der Mark. Da hilft auch der in der Forschung häufig zitierte Satz von Adler: „Seit es einen deutschen Staat gibt, seit dem Reich Karls des Großen, haben immer Juden unter Deutschen gelebt“ (3) nur wenig weiter, da das zu untersuchende Territorium erst relativ spät von Deutschen besiedelt wurde. Überliefert ist, dass es am Ende des 10. Jahrhunderts jüdische Händler in Magdeburg gab. So kann man durchaus davon ausgehen, dass damals „in einzelnen Teilen der späteren Mark, beispielsweise der Neumark, im Land Lebus, im Barnim und in der Lausitz Juden sesshaft geworden sein“ (4) können. Mit der planmäßigen Kolonisierung, der Errichtung des Städtenetzes und der Anlage von Handelswegen in der Regierungszeit der Askanier wurden die Voraussetzungen für die Ansiedlung von Juden geschaffen. So stammen auch die ersten Quellen, die uns von Juden in Brandenburg berichten, aus dem 13. Jahrhundert. Erwähnt werden beispielsweise Stendal (vor 1267), Frankfurt/Oder und Spandau (1294) sowie Berlin (1295) (5). Sehr früh, 1247, taucht der Bericht vom sogenannten „Beelitzer Wunderblut“ auf (6). Auch wenn man diese Überlieferung mit Vorsicht behandeln muss, ist es doch bezeichnend, dass Juden in erster Linie im Zusammenhang mit Beschuldigungen und Verfolgungen genannt werden. Die folgenden Jahrhunderte waren für Juden eine sehr wechselvolle Geschichte zwischen Ansiedlung, Privilegierung, Verfolgung und Vertreibung.

Zu schweren Übergriffen, Exzessen und Vertreibungen kam es, nachdem im 14. Jahrhundert in Europa die Pest wütete. Damals beschuldigte man die Juden als Brunnenvergifter. Trotzdem lebten weiterhin Juden in Brandenburg, so zum Beispiel in Prenzlau, obwohl der Magistrat ausdrücklich aufgefordert worden war, die Juden auszuweisen. (7) Neuaufnahmen von Juden waren in der Regel für einen begrenzten Zeitraum gegen die Zahlung eines Schutzgeldes möglich. In der Forschung wird deshalb von den sogenannten Schutzjuden gesprochen. Schutzjude war die Bezeichnung für Juden, die ein landesherrliches Privileg besaßen, welches ihnen gegen Zahlung von Abgaben Wohnsitz gewährte und berufliche Betätigung erlaubte (8). Dabei handelte es sich in erster Linie um Kauf- und Handelstätigkeiten: Pfandleihgeschäfte, Klein-, Haustier-, Fleisch- und Viehhandel, sowie Geldhandel beziehungsweise Geldleihgeschäfte (9). Mit dem gesteigerten Kreditbedürfnis der Gesellschaft wuchs die Rolle von Juden als Gläubiger. Gleichzeitig wurden sie jedoch als religiöse Widersacher bekämpft (10). Während vor allem die Stände die Judenverfolgung energisch betrieben, war der Kurfürst materiell an ihnen interessiert. Sie waren für ihn eine Geldquelle und ihr Handel belebte die Wirtschaft. Außerdem brachten sie viele der am Hof begehrten ausländischen Luxusgüter ins Land. Trotzdem boten die Schutzbriefe nur eine sehr begrenzte Sicherheit und es kam wiederholt zu Verfolgungen und Vertreibungen. So zum Beispiel 1510 als unter den Beschuldigungen, Hostienfrevel und Ritualmorde an Kindern begangen zu haben, 38 Juden in Berlin hingerichtet wurden und beschlossen wurde, sämtliche Juden aus der Mark zu vertreiben (11). Trotzdem wurden seitens der Kurfürsten erneut Privilegien vergeben. So durften beispielsweise 1539 polnische Juden in der Mark Handel treiben. Frankfurt (Oder) war damals ein bedeutender Marktort und Umschlagplatz im Ost-West-Handel (12).

In jenen Zeiten kam es zum Aufstieg von sogenannten Hoffaktoren oder Hofjuden. Das waren „jüdische Unternehmer, zu deren Funktionen die Kreditvermittlung, die Warenbeschaffung, aber auch politische und diplomatische Dienste an Fürsten- und Königshöfen gehörten. Sie besaßen auf Grund ihrer Tätigkeiten das Vertrauen der Fürsten und Könige, waren jedoch in gleichem Maße von jenen abhängig“ (13). In der Mark erlangten beispielsweise Michael von Derenburg und der Münzmeister Lippold großen Einfluss (14). Als Kurfürst Joachim II. 1571 unter rätselhaften Umständen starb, wurde Lippold der Vergiftung und Zauberei beschuldigt und hingerichtet. Gleichzeitig wurden die Juden erneut aus der Mark vertrieben (15). Dies war eine große Zäsur in der jüdischen Geschichte Brandenburgs, denn fast 100 Jahre lang gab es kein offizielles jüdisches Leben in der Mark mehr. Trotzdem gab es auch in der damaligen Zeit einige Juden in der Mark. So hatten 1620 polnische Juden ein Privilegium zum Handel in der Neumark und in Frankfurt (Oder) inne. Frankfurt war damals eine wichtige Messestadt, wobei die Juden am Messegeschehen „auch in den Jahren des Dreißigjährigen Krieges einen positiven Anteil hatten“ (16). Die Frankfurter Messe förderte die brandenburgische Wirtschaft und war eine wichtige Finanzquelle für den Fiskus.

Im Jahre 1671 gewährte Kurfürst Friedrich Wilhelm, genannt der Große Kurfürst, 50 jüdischen Familien aus Wien Asyl in Brandenburg. Dieses Datum gilt als Beginn der modernen jüdischen Geschichte in Brandenburg und darauf bezieht man sich üblicher Weise, wenn von preußischer Toleranz die Rede ist. Gemeint ist damit die Trennung von staatlicher und konfessioneller Politik. Brandenburg-Preußen gilt auch deshalb als Musterland religiöser Freiheit. Da drängt sich die Frage auf, ob die brandenburgischen Herrscher nach 100 Jahren nun judenfreundlich gesinnt waren? Das kann man wohl verneinen. Wie auch bei der späteren Kolonisierung des Oderbruchs ging es um gezielte Bevölkerungsvermehrung und auch fiskalische Interessen spielten eine wichtige Rolle. Julius H. Schoeps schrieb zur Frage von Glaubensfreiheit und Toleranz: „Es war nicht nur der Geist religiöser Duldsamkeit, der Brandenburg zum Asyl der Religionsverfolgten machte, sondern die Politik der Staatsklugheit, der handfesten Interessen, die diese Einwanderungspolitik bestimmte“ (17). In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, nach dem Dreißigjährigen Krieg, war die Mark verwüstet und entvölkert. Friedrich Wilhelm I. modernisierte als Merkantilist den Staat. Für ihn waren Juden in ihrer Eigenschaft als Kaufleute, Unternehmer und Finanzleute nützlich. So überrascht es dann auch nicht, dass die 50 Familien aus Wien alle wohlhabend waren. Sie erhielten aber keine weitergehenden Rechte, durften beispielsweise keine Synagogen bauen. Die Judenpolitik des Großen Kurfürsten und seiner Nachfolger orientierte sich „an den steuer- und wirtschaftspolitischen Notwendigkeiten des sich herausbildenden merkantilistischen Industriestaates“ (18) und nicht an Toleranzideen oder christlicher Nächstenliebe.

Doch zurück zu den 50 Familien. Wir besitzen kein lückenloses Verzeichnis der Orte, in denen sich die Familien niederließen. Erwähnt werden zum Beispiel Beelitz, Brandenburg/Havel, Friesack und Nauen (19). Neben Berlin war aber auch Frankfurt einer der Hauptorte, denn alleine 10 Familien kamen an die Oder (20). Dies verdeutlicht noch einmal die Bedeutung der Stadt für die gewerbliche Entwicklung des kurbrandenburgischen Staates und die Rolle, die Juden dabei spielten. Sie sollten den Handel und das Manufakturwesen fördern und waren gleichzeitig eine von den Ständen unabhängige finanzielle Einnahmequelle. Die Aufnahmebestimmungen waren zunächst relativ unpräzise und wurden mehrfach verändert: z.B. die Höhe der zu zahlenden Schutzgelder, Geburtenregelungen, Vermögensnachweise und zahlenmäßige Beschränkungen der jüdischen Familien pro Gemeinde. Im Jahr 1750, während der Regierungszeit Friedrichs II., erfolgte eine Einteilung der im Lande lebenden Juden in 6 Klassen, je nach ihrer gesellschaftlichen Stellung (21). Insgesamt war das Leben von Juden durch ein außergewöhnlich hohes Maß von Reglementierung und Beschränkungen geprägt. Zu Veränderungen kam es erst im Zeitalter der Aufklärung, als sich allmählich Toleranzideen durchsetzen konnten (22).

Ein wichtiger Schritt in Richtung Emanzipation erfolgte nach dem Umbruch in Preußen, nach der Niederlage gegen das napoleonische Frankreich, als 1812 unter der Regierung Hardenbergs das preußische Emanzipationsedikt verabschiedet wurde. Juden konnten dadurch preußische Staatsbürger werden. Während der Phase der Restauration gab es zwar weiterhin zahlreiche Einschränkungen, aber es herrschte zumindest formale Gleichberechtigung. Zu beachten ist aber, dass es in unterschiedlichen Landesteilen Preußens uneinheitliche Regelungen gab. Diese reichten von unduldsamer Ausschließung bis zu unbeschränkter politischer Gleichstellung nach französischer Gesetzgebung. In Preußen gab es 1815 etwa 30 verschiedene Judenbezirke. Es folgten weitere Emanzipationsschritte, so wurden 1847 die ökonomischen Beschränkungen aufgehoben und in der Verfassung von 1848 war die formale Gleichberechtigung vorgesehen (23). Gleichberechtigung vor dem Gesetz erlangten die Juden in Preußen, beziehungsweise in den Staaten des Norddeutschen Bundes 1869 und nach der Reichseinigung 1872 im Kaiserreich (24). Dies bedeutete einen grundlegenden Wandel hinsichtlich der sozialen, ökonomischen und rechtlichen Stellung der Juden. In dieser Zeit entstand aber auch neue Feindschaft, der Begriff des Antisemitismus wurde geprägt. Wir wissen, dass dies in der Katastrophe des Holocaust endete. Der Vernichtungsfeldzug gegen die europäischen Juden führte auch zum Ende des jüdischen Lebens im Oderbruch. Es sind aber Spuren geblieben, denen im Folgenden nachgegangen werden soll.

Groß Neuendorf – Ort im Oderbruch mit interessanter jüdischer Vergangenheit

Unter den schon angesprochenen Orten im Oderland, in denen sich Zeugnisse und Spuren eines ehemals reichhaltigen jüdischen Lebens erhalten haben, nimmt das Oderbruchdorf Groß Neuendorf in gewissem Sinne eine Sonderstellung ein. Dort findet man heute den einzigen erhaltenen Dorfsynagogenbau der Region und einen außergewöhnlich gut erhaltenen und besonders idyllisch wirkenden kleinen jüdischen Friedhof. Obwohl die Zeit, in der die eigenständige jüdische Gemeinde von Groß Neuendorf existierte, von relativ kurzer Dauer war, war sie in ihrer Blütezeit von erheblicher Bedeutung für die Entwicklung des kleinen Oderbruchortes und ist untrennbar mit dessen Geschichte verbunden.

Die frühe Siedlungsgeschichte Groß Neuendorfs bleibt im Dunkeln, da keine schriftlichen Überlieferungen vorliegen. Die erste gesicherte urkundliche Erwähnung des Ortes datiert aus dem Jahr 1450, wo ein Nvyendorff erwähnt wird. Später, 1460, wird es Nuwendorff wff deme Bruche genannt. Der Namenszusatz, später auch „uffm Oderbrugk“ (1624) oder „im Bruche“ (1711) diente fortan zur Unterscheidung von den zahlreichen anderen Neuendorfs (25). Ungeklärt bleibt, ob es sich bei dem bereits 1349 erwähnten Ort Cruschik um Groß Neuendorf handelt (26). Der Flurname Kruschke in der unmittelbaren Umgebung hat sich jedenfalls bis heute erhalten (27).

Bei Groß Neuendorf handelt es sich um eine Altsiedlung und nicht um eines der zahlreichen Kolonistendörfer des Oderbruchs. Groß Neuendorf war ein kleines Fischerdorf. Dies wandelte sich nach der Trockenlegung des Oderbruchs. Aus den Fischern wurden allmählich Bauern und Händler, Handwerker und Gewerbetreibende siedelten sich an. Der Ort nahm wie die gesamte Region einen wirtschaftlichen Aufschwung und die Einwohnerzahlen wuchsen stetig. Bereits im Jahr 1799 wurde durch 21 Häusler aus Neuendorf das Dorf Klein Neuendorf gegründet. Von da an war auch der Namenszusatz „Groß“ für das ursprüngliche Neuendorf gebräuchlich (28). Dies und die Tatsache, dass im Jahr 1861 über 2.000 Einwohner in Groß Neuendorf lebten (29), zeugt von einer relativen wirtschaftlichen Prosperität des Ortes, der im Vergleich zu vielen alten und neuen Dörfern im Oderbruch einen wichtigen Standortvorteil zu bieten hatte. Durch die direkte Lage am schiffbaren Oderstrom und seinen Hafen war Groß Neuendorf mit den Großstädten Stettin im Norden und Breslau im Süden verbunden. Auch Berlin war über Kanäle und Handelswege erreichbar (30). Dies war wohl der entscheidende Grund dafür, dass sich in Groß Neuendorf der aus Berlin stammende jüdische Getreidegroßhändler Michael Sperling ansiedelte. Sperlings Unternehmen florierte und er beschäftigte eine Reihe von jüdischen Arbeitern. So wurde 1847 die jüdische Gemeinde von Groß Neuendorf und Letschin gegründet, die ihren Sitz zunächst in Letschin hatte, bis dieser 1864 nach Groß Neuendorf verlegt wurde. Der Synagogenverband, dessen Stifter Michael Sperling war, umfasste die Orte Groß und Klein Neuendorf, Kienitz, Ortwig, Letschin, Sophiental und Gerickensberg. Bis 1897, als auf behördliche Anweisung die Synagogenbezirke von Groß Neuendorf und Seelow zusammengelegt wurden, existierte die eigenständige jüdische Gemeinde (31). Im Jahr 1882 zählte die Gemeinde 14 Mitglieder (32), zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 soll es noch zwei jüdische Einwohner in Groß Neuendorf gegeben haben (33).

In Groß Neuendorf hatte die jüdische Gemeinde bereits 1855 ein Grundstück erworben, um dort einen Friedhof anzulegen. Auf diesem fanden bis 1911 Bestattungen statt (34). Unter den 29 erhaltenen Grabsteinen findet man auch jenen von Michael Sperling. Insgesamt zeigt sich der Friedhof heute in einem sehr gepflegten Zustand. Das war nicht immer so. Der Friedhof war in seiner Geschichte offensichtlich mehrfach geschändet worden. Noch in den 1970er Jahren sollen Grabsteine entwendet worden sein. Laut Reinhard Schmook bot der Friedhof 1985 ein Bild der Verwahrlosung. Von 15 vorhandenen Grabsteinen waren einige zerschlagen und das Areal insgesamt dicht mit Bäumen, Efeu und Gestrüpp bewachsen (35). Auch die kleine, den Friedhof umgebene Feldsteinmauer, war nicht mehr intakt. Trotzdem gelang es, den jüdischen Friedhof von Groß Neuendorf mit viel Engagement als einen wichtigen Teil der regionalen Geschichte und als kostbares Kulturgut zu erhalten. Zwischen 1992 und 1994 wurde er wieder hergerichtet. An der Wiederherstellung waren neben Fachleuten vor allem Jugendgruppen des CVJM, des CJD, des Bundes der Antifaschisten Frankfurt/O., sowie eine Gruppe von äthiopischen Asylbewerbern beteiligt (36).

Eine Synagoge war 1865 an die Rückseite eines von Arbeitern der Firma Sperling genutzten Wohnhauses angebaut worden (37). Als sakraler Raum wurde das Gebäude bis 1910 genutzt. Heute dient es als Wohnhaus, wobei die zugemauerten neogotischen Spitzbogenfenster (38) noch immer an die ehemalige religiöse Funktion des Baus erinnern. Im Dorf befand sich außerdem eine Schule, in der auch der Lehrer wohnte. Das Fachwerkhaus existiert leider nicht mehr (39). Ebenso das repräsentative Wohnhaus der Familie Sperling, die sogenannte Villa Sperling. Das Gebäude hatte zwar den Krieg überstanden und diente später mehreren Familien als Wohnhaus, wurde aber 1982 durch einen Brand zerstört. Das Ortsbild und die wirtschaftliche Entwicklung Groß Neuendorfs wurde durch die Familie Sperling und ihr Unternehmen geprägt.

In den letzten Jahren hat man sich vor Ort sehr um den Erhalt und die Pflege des jüdischen Erbes gekümmert. Hinweisschilder machen auf die ehemalige Synagoge sowie den Friedhof und die damit verbundene Geschichte aufmerksam. Ergänzt wurde dies durch die Namensgebung Michael-Sperling-Platz an zentraler Stelle im Ort.

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion


(1) Vgl. Carsten Liesenberg, Synagogen in der Mark Brandenburg – Überlegungen zur Einordnung eines Bauwerktyps, in: Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Hrsg. Irene Diekmann u. Julius H. Schoeps, Berlin 1995, S. 263.

(2) Vgl. Jörg H. Fehrs, Die Erziehung jüdischer Kinder in der Provinz Brandenburg, in: Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Hrsg. Irene Diekmann u. Julius H. Schoeps, Berlin 1995, S. 363.

(3) H.G. Adler, Die Juden in Deutschland. Von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus, München, Zürich 1987 (Serie Piper, Bd. 766.), S. 13.

(4) Kurzer Überblick über die Geschichte der Juden in Brandenburg von den Anfängen bis zur Gegenwart, in: Jüdisches Leben in Brandenburg, Begleitheft zur Diareihe 106003, Potsdam 1996, S. 21.

(5) Vgl. Irene Diekmann, Julius H. Schoeps, Vorwort, in: Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Hrsg. Irene Diekmann u. Julius H. Schoeps, Berlin 1995, S. 8.

(6) Vgl. Rosemarie Schuder, Rudolf Hirsch, Der gelbe Fleck. Wurzeln und Wirkungen des Judenhasses in der deutschen Geschichte. Essays, Berlin 1987, S. 120-121.

(7) Vgl. Gerhard Kegel: Prenzlau, in: Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Hrsg. Irene Diekmann u. Julius H. Schoeps, Berlin 1995, S. 198.

(8) Vgl. Heinrich Simon, Glossar, in: Zeugnisse Jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Berlin 1992, S. 295.

(9) Vgl. Kurzer Überblick über die Geschichte der Juden in Brandenburg von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1996, S. 23.

(10) Vgl. ebenda, S. 24.

(11) Vgl. Rosemarie Schuder, Rudolf Hirsch, 1987, S. 429-432.

(12) Erika Herzfeld, Juden in Frankfurt an der Oder während des Schwedisch-Brandenburgischen Krieges im Jahr 1675, in: Erika Herzfeld, Juden in Brandenburg-Preußen. Beiträge zu ihrer Geschichte im 17. Und 18. Jahrhundert, Hrsg. Irene Diekmann u. Hermann Simon, Teetz 2001, S. 18.

(13) Glossar, in: Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, 1995, S. 474.

(14) Vgl. Rosemarie Schuder, Rudolf Hirsch, 1987, S. 437-438.

(15) Vgl. ebenda, S. 437-441.

(16) Erika Herzfeld, 2001, S. 19.

(17) Julius H. Schoeps, Auf dem Weg zur Glaubensfreiheit. Die Herausbildung des Toleranzbegriffes in Brandenburg-Preußen im Zeitalter Moses Mendelssohns, in: Jüdisches Leben in Brandenburg, Begleitheft zur Diareihe 106003, Potsdam 1996, S. 8-9.

(18) Ebenda, S. 9.

(19) Vgl. Kurzer Überblick über die Geschichte der Juden in Brandenburg von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1996, S. 26.

(20) Vgl. Erika Herzfeld, 2001, S. 20.

(21) Vgl. Kurzer Überblick über die Geschichte der Juden in Brandenburg von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1996, S. 26-27.

(22) Vgl. Julius H. Schoeps; 1996, S. 10-13.

(23) Vgl. Kurzer Überblick über die Geschichte der Juden in Brandenburg von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1996, S. 27.

(24) Vgl. H.G. Adler: 1988, S. 89.

(25) Vgl. Brandenburgisches Namenbuch. Teil 8 Die Ortsnamen des Landes Lebus, von Cornelia Willich, Weimar 1994 (Berliner Beiträge zur Namenforschung, Bd. 9.), S. 113-114.

(26) Vgl. Groß Neuendorf/Oder gestern und heute. Geschichte und Informationen, Bd. 1, Groß Neuendorf 2003, S. 7-8.

(27) Vgl. Brandenburgisches Namenbuch, 1994, S. 218.

(28) Vgl. ebenda, S. 114.

(29) Vgl. Groß Neuendorf/Oder, 2003, S. 10.

(30) Vgl. Gerhard Köster, Die Verkehrsentwicklung des Oderbruchs, in: Das Oderbruch, Hrsg. Peter Fritz Mengel, Bd. 2., Eberswalde 1934 (Reprint Berlin 2003), S. 287-289.

(31) Vgl. Reinhard Schmook, Groß Neuendorf, in: Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Berlin 1992, S. 95.

(32) Vgl. ebenda.

(33) Vgl. Michael Brocke, Eckehart Ruthenberg, Kai Uwe Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), Berlin 1994 (Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum; Bd. 22.), S. 384-385.

(34) Vgl. Wolfgang Weißleder, Der Gute Ort. Jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg, Hrsg. Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V., Potsdam 2002, S. 65.

(35) Vgl. Reinhard Schmook, Jüdische Reminiszenzen im Oderland, in: Nachrichtenblatt des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der Deutschen Demokratischen Republik, 9 1985, S. 9.

(36) Vgl. Etliche alte Grabsteine haben Jugendliche schon freigelegt, in: Oder-Journal. Amtsblatt der Stadt Seelow, 15.4.1992, S. 9., Jüdischer Friedhof soll ein würdiges Aussehen erhalten, in: Märkische Oderzeitung (MOZ) (Seelow), 17.1.1992., Erhalt seltener Spuren der Vergangenheit befürwortet, in: MOZ (Seelow), 18.4.1992.

(37) Vgl. Reinhard Schmook, 1992, S. 95.

(38) Vgl. Carsten Liesenberg, Synagogen in der Mark Brandenburg – Überlegungen zur Einordnung eines Bauwerktyps, in: Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Hrsg. Irene Diekmann u. Julius H. Schoeps, Berlin 1995, S. 268-269.

(39) Vgl. Reinhard Schmook, 1992, S. 95.

Juden in Wriezen

In Wriezen an der Oder haben seit 1677 Juden gelebt. Während des ganzen 18. Jahrhunderts war es jedoch stets nur eine kleine Gemeinschaft, da es das erklärte Ziel der preußisch-brandenburgischen Politik war, die Zahl der Juden in den kleinen Städten gering zu halten. Der enorme Verwaltungsaufwand, der zur Reglementierung jüdischen Lebens betrieben wurde, hat sich in Bergen von behördlichen Akten niedergeschlagen, von denen viele noch heute erhalten sind. Für das kleine Häuflein Wriezener Juden sind das mehrere Tausend Seiten. Sie lassen die Auswirkungen der preußischen Judenpolitik im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft lebendig vor uns erstehen. Jede einzelne Familie befand sich in ständiger Auseinandersetzung mit immer neuen Regelungen. Um den Status jedes Haushaltsmitglieds, des Haushaltsvorstandes, der Frauen, Witwen, Kinder, Schwiegerkinder und Bediensteten musste ständig gekämpft werden. Dazu kamen Einschränkungen der Gewerbefreiheit und immer neue Abgabeverpflichtungen, die zur Verarmung vieler Wriezener jüdischer Familien geführt haben.

Weitsichtige Beamte des preußischen Königs erkannten die Widersprüchlichkeit der Judenpolitik durchaus. So legte der Generalfiskal D’Asnières dem König im Jahr 1765 eine lange Abhandlung vor, in der er zu dem Schluss kommt: „Es wäre aber wunderlich, ihnen (den Juden) vorzuwerfen, daß sie unnütze Leute sind, wenn man sie zu gleicher Zeit daran hindert, nützlich (als Steuerzahler) zu werden.“ Die Antwort des Königs war ein „ungnädiger Bescheid auf seine Ausführungen“.

Auch der Wriezener Magistrat beklagte unsinnige Verordnungen, durch die er sich belästigt fühlte. Als wieder einmal die Kaufleute befragt werden sollten, ob sie damit einverstanden wären, wenn jüdische Tuchhändler in die Stadt kämen, brachte der Magistrat die Sache auf den Punkt:

„Sollte es mal genug sein (die Kaufleute zu befragen). Der Protest der Kaufleute ist natürlich und dies würde auch einen großen Verlust in ihrem Handel bereiten, wenn denen Juden der Tuch Handel gelassen werden sollte. Freilich würde es für die Tuchmacher und Wollfabrikanten sehr vorteilhaft sein, wenn die Juden die Erlaubnis zum Tuchhandel erhielten. Durch die Konkurrenz bei den Käufern wäre auch eine Absenkung der Preise natürlich ... und die Tuchmacher besonders würden es wünschen.“

Die klamme wirtschaftliche Lage der Wriezener Juden wurde zeigte sich auch jedes Mal, wenn ein neuer Schulmeister gesucht wurde. Am liebsten entschied man sich für nachgeborene Kinder von Schutzjuden, die von ihrem Vater unterhalten werden konnten. Eine andere Lösung waren Schulmeister aus Polen. So fragte im Jahr 1789 die Regierung an „warum man Bediente aus Polen nimmt und nicht Einheimische?“ Die Antwort war: „Die polnischen Schulmeister können auch schächten und nehmen mit weniger Lohn vorlieb.“

Einen interessanten Einblick in die friderizianische Wirtschaftspolitik, die die Anlage von Fabriken stark förderte, geben die Akten zur Gründung der Wriezener Schnallen- und Hakenfabrik durch Berliner jüdische „Entrepreneurs“ im Jahr 1773. Trotz der staatlichen Unterstützung prosperierte die Fabrik jedoch nur kurzfristig und wurde 1812 wieder geschlossen. Ihr erster Leiter war Gerson Jacob, der Großvater von Gerson Bleichröder, der später zum wichtigsten Bankier und vertrauten Berater Bismarcks wurde.

Im 19. Jahrhundert brachte die durch das Emanzipationsedikt von 1812 neu gewonnene Niederlassungs- und Gewerbefreiheit eine Vergrößerung der Wriezener jüdischen Gemeinde mit sich. Die meisten der Zuwanderer kamen aus dem Großherzogtum Posen. Für die religiöse Ausrichtung der Gemeinde waren diese Zuwanderer ein konservatives Element. So wird 1821 berichtet: „Einige ältere Mitglieder der Gemeinde haben gewünscht, die deutsche Sprache bei ihrem Gottesdienst einzuführen, sind aber von den übrigen, insonderheit von den seit 1815 aus dem Großherzogthum Posen hierher gezogenen Mitgliedern überstimmt worden.“

Seit 1812 war der Unterricht der jüdischen Kinder der staatlichen Schulaufsicht unterstellt. Die Kinder besuchten die öffentlichen Schulen. Die Gemeinde musste nur noch einen Religionslehrer stellen, dessen Qualifikation staatlich kontrolliert wurde. Der Lehrer übernahm auch die Funktionen des Schächters und Vorbeters. Da die wirtschaftliche Lage der Gemeindemitglieder in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer noch eher bescheiden war, war man bestrebt, die Kosten für den Lehrer gering zu halten. Im Jahr 1820 hatte man mal wieder einem Lehrer gekündigt, um einen billigeren zu finden. Man begründete seine Wahl so:

„Wir brauchen keinen Schullehrer, da unsere Kinder an der hier eingerichteten Elementar und Bürgerlichen Schule mit antheil nehmen. Der so genannte Schulmeister führt nur den Namen, wir brauchen ihn aber nur zum Schächten der Rinder. Der Unterricht, den er den Kindern giebt, bestehet im Hebräisch lesen, da die Übersetzung der täglichen Gebete schon von dem Sel. Herrn Mendelssohn und mehreren Gelehrten unserer Zeit geschehen ist. Unsere Gemeinde bestehet aus 12 Hausvätern und ist eine solche nicht imstande, einen solchen Mann zu salarieren, der die Fähigkeit besitzt, sich dem Exam unterwerfen zu können. Daher wollen wir unterthänigst bitten, uns zu erlauben, einen Koller nehmen zu dürfen, der bloß ein Attest des Vice Ober Land Rabbiners beibringen kann und nicht die Exam und höhere Wissenschaften unterworfen sein soll.“

Auch im 19. Jahrhundert waren die Wriezener Juden immer noch als Kaufleute tätig. Ausnahmen waren nur: ein Kürschnermeister, ein Glasermeister und ein praktischer Arzt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert gab es viele Veränderungen in der Mitgliedschaft der Gemeinde, d.h. es gab offensichtlich viele Weg- und Zuzüge. Die Gesamtzahl der jüdischen Einwohner blieb ziemlich konstant bei 100 – 120 Personen.

Über das schnelle und vollständige Ende jüdischen Lebens in Wriezen nach 1938 gibt es kaum schriftliche Informationen. Die wichtigste Quelle ist die Datenbank der Gedenkstätte Jad-wa-Schem in Jerusalem. In ihr wird die Erinnerung an 56 namentlich bekannte ermordete Personen aufgeführt, die entweder in Wriezen geboren wurden oder unmittelbar vor der Verschleppung dort gewohnt haben.

Die Geschichte der Wriezener Juden wird ausführlich beschrieben in dem kürzlich erschienenen Buch: „Juden in Wriezen – ihr Leben in der Stadt von 1677 bis 1940 und ihr Friedhof“ (Universitätsverlag Potsdam, ISBN 978-3-939469-39-1).

Der Friedhof der Wriezener Juden, der seit 1730 existierte, ist heute einer der best erhaltenen jüdischen Friedhöfe in Brandenburg. 131 Grabsteine sind erhalten; der älteste stammt von 1773, die letzte Beisetzung fand 1940 statt. Die vollständige Dokumentation des Friedhofs ist in einer Datenbank erfasst, die unter www.uni-potsdam.de/juedische-friedhoefe/wriezen im Internet eingesehen werden kann. Sie enthält, neben den persönlichen Daten der Verstorbenen, Fotografien der Grabsteine und Abschriften aller Inschriften mit Übersetzungen und Erläuterungen. Nach allen Inhalten kann gesucht werden. Diese Datenbank ist der erste Stein zu einem Projekt, das in Absprache mit dem Landesverband Jüdischer Gemeinden in Brandenburg vom Institut für jüdische Studien an der Universität Potsdam initiiert wurde und zum Ziel hat, alle jüdischen Friedhöfe in Brandenburg zu dokumentieren und in die genannte Datenbank aufzunehmen.

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

Zum Umgang mit jüdischen Spuren im Oderbruch (Barnim-Lebus)

Das Oderbruch beginnt etwa bei der Stadt Lebus, erstreckt sich von Südosten nach Nordwesten ca. 56 km lang und endet etwas unterhalb des alten Fischer- und Schifferstädtchens Oderberg. In den Städten am Rande des Bruchs gab es wie anderswo auch seit dem 17. Jahrhundert jüdische Mitbürger, deren Präsenz, deren kulturelle wie religiöse Eigenheiten und deren Geschäftstätigkeit bis in die 1930er Jahre als untrennbare Bestandteile zum kleinstädtisch geprägten Leben gehörten. Jüdische Gemeinden gab es in Oderberg, Bad Freienwalde, Wriezen, Seelow und Küstrin (Kostrzyn). Im 19. Jahrhundert konnte sich außerdem in Groß Neuendorf, mitten im Oderbruch, auf eine private Initiative hin eine selbstständige jüdische Gemeinde mit eigener Synagoge und eigenem Friedhof bilden, die aber keinen langen Bestand hatte.

Bad Freienwalde (Oder)

Als Kurfürst Friedrich Wilhelm durch das berühmte Privileg vom 21. Mai 1671 nach etwa 100 Jahren Vertreibung erneut Juden in die Mark Brandenburg kommen ließ, dauerte es nicht lange, bis sie auch in der späteren Kur- und Badestadt Freienwalde ansässig wurden. Der erste nachweisbare Schutzjude hieß Isaac Levy, dem 1674 und 1677 ein Schutzbrief für Freienwalde einschließlich der Konzession zum Wollhandel ausgestellt wurde. Die Freienwalder Schutzjuden erwarben noch im 17. Jahrhundert ein Stück Land „bei den weißen Sandgruben“ am Fuße des Galgenbergs zur Anlage ihres Begräbnisplatzes, heute das einzige noch sichtbare Zeugnis einstigen jüdischen Lebens in Bad Freienwalde. Das an einem Hang liegende Friedhofsareal ist von einer niedrigen Feldsteinmauer umgeben, an der man Spuren mehrfacher Erweiterung erkennen kann. Bei seiner Auflassung gab es hier 120 Grabstätten, von denen viele die Naziherrschaft überdauert hatten.

Erst nach 1945 begann die Zerstörung des Friedhofs. Zwischen 1948 und 1950 ließ die Stadtverwaltung das Gelände abräumen und einebnen. Am oberen Ende der terrassenförmigen Anlage steht seitdem ein umfunktionierter Grabstein mit der Inschrift "Gewidmet den jüdischen Bürgern der Kreisstadt Bad Freienwalde/Oder“. Bei Arbeiten an der Mühlenfließaue wurde 1996 der bisher einzige Grabstein von diesem „Guten Ort“ wieder gefunden. Er diente zur Uferbefestigung des Mühlenfließes und stand einst auf dem Grab des 1836 geborenen und 1857 gestorbenen Isaak, Sohn des Ascher Halevi. Dieser Stein steht seit 1998 wieder auf dem Freienwalder jüdischen Friedhof, wenn auch nicht an seinem ursprünglichen Platz.

Kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1932 gab es in Bad Freienwalde noch 13 jüdische Familien. Im Jahre 1933 kam es in der alten Kur- und Badestadt zu ersten Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte, deren Ausmaß sich aber noch in Grenzen hielt. Am Morgen des 10. November 1938 steckten SA-Leute die Bad Freienwalder Synagoge in Brand. Das Gebäude in der Fischerstraße neben der Judentreppe brannte aber nur teilweise aus. Nach der Wiederherrichtung wurde es zunächst von einer nichtjüdischen Familie bewohnt, die im Hause einen kleinen Handwerksbetrieb unterhielt. Dann stand es einige Zeit leer und wurde 1969 abgerissen. Oberhalb der Judentreppe, die zur Synagoge hinunterführte, steht seit 1998 ein Gedenkstein zur Erinnerung an das zerstörte Gotteshaus. Hier hält die Evangelische Kirchengemeinde jährlich am 9. November eine Gedenkfeier mit anschließender Andacht in der Nikolaikirche ab.

Zu den Ereignissen in der so genannten Reichskristallnacht und zur anschließenden massiven Judenverfolgung haben die meisten Bad Freienwalde geschwiegen, auch wenn so manchem leise Skrupel gekommen sein mögen. Andere spürten Angst und blankes Entsetzen, doch die meisten verharrten in Gleichgültigkeit, bewusstem Wegsehen, Unwissenheit oder empfanden ein gewisses Einverständnis für den Umgang der Nazis mit ihren jüdischen Mitbürgern.

Wriezen

Der erste Jude in Wriezen, der in den Akten erwähnt wird, war Moses Levin, dem 1677 für sich und seine Familie in Wesel am Niederrhein ein Geleit- und Schutzbrief ausgestellt wurde. Die Wriezener Juden hielten sich zunächst nach Freienwalde, wo sie gemeinsam mit den dortigen Glaubensgenossen „ihre Begräbnisse aldort zusammen haben“. Als aber 1725 der Wriezener Jude Samuel Jacob gestorben war und in Freienwalde beerdigt werden sollte, verlangte der Kriegs- und Domänenrat Wittich für die entsprechende Erlaubnis zwei Reichstaler Gebühr.

Daraufhin erwarben die Wriezener Juden „in der bürgerlichen Freiheit, neben der Alten Schinder Kute“ für 9 Taler ein Stück Land zur Anlage eines eigenen Begräbnisplatzes. Um 1840 und 1879 war jeweils eine Erweiterung des Friedhofs erforderlich geworden. Mit 133 teilweise kunstvoll gearbeiteten Grabsteinen aus dem 18. bis 20. Jahrhundert und weiteren 17 Grabstellen ohne Steine gehört er heute zu den besterhaltenen und größten jüdischen Friedhöfen im Oderland. Schon in den 1950er Jahren wurde einiges für die Anlage getan, die sich heute als gepflegt darbietet. Am Portal ist eine Gedenktafel eingelassen, auf der die Worte „Gedenkstätte Jüdischer Friedhof. Schützt die Anlage“ zu lesen sind. Dieser „Gute Ort“ hat ein Todesdatum. Es ist der 27. April 1940, an dem der Kaufmann Leopold Bilski (1870-1940) als letzter beigesetzt wurde.

Die Nazis ließen den Friedhof weitgehend in Ruhe. Seine schlimmste Schändung erlebte er im Jahre 1993, als zwei minderjährige Wriezener Jugendliche mehrere Steine umwarfen, einige dabei schwer beschädigten und auf Mauer und Steine rechtsradikale Sprüche sprühten. Sie haben die Tat aus Langeweile, dumpfem Unwissen und allgemeiner Orientierungslosigkeit, die für nazistisches Gedankengut ein guter Nährboden ist, begangen. Nach den Untersuchungen folgten Reue und eine angemessene Strafe, die vorwiegend aus Hilfeleistungen bei der Beseitigung der Schäden bestand. Einige Spuren dieser Schändung werden auf immer bleiben.

1819 kaufte die jüdische Gemeinde das in der Mauerstraße gelegene Wohnhaus Nr. 316 des Hechtreißers Schüler und baute auf dem Hof dieses Hauses die erste Wriezener Synagoge. Deren Einweihung wurde am 29. Dezember 1820 gefeiert. Wegen des zunehmend schlechten Bauzustands dieser Synagoge wurde in den Jahren 1884 bis 1886 der Bau einer neuen geplant und in die Tat umgesetzt. Der neue Synagogenbau samt Gemeindehaus und Lehrerwohnung trug repräsentativen Charakter. Man betrat die Synagoge von der Gartenstraße aus durch ein von Säulen flankiertes Portal, über dem auf der Dachbrüstung die Moseschen Gesetzestafeln thronten.

Am frühen Morgen des 10. November 1938 liefen drei bekannte Wriezener SA-Männer mit Benzinkanistern über den Markt in Richtung Tempel, wie die Wriezener die Synagoge zu nennen pflegten. Wenig später loderten von dort hohe Flammen. Die Feuerwehr wartete mit dem Schlauch in der Hand und hatte Order, nicht eher einzugreifen, bis das Gebäude heruntergebrannt war. Die Ruine wurde später auf Abbruch verkauft und die letzten Reste bei der Enttrümmerung der schwer kriegszerstörten Stadt gegen Ende der 1940er Jahre beseitigt. Seit 1988 erinnert eine Gedenktafel an den einstigen Standort der Synagoge.

Oderberg

Auch in Oderberg ließen sich im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts die ersten Juden nieder. Der Chronist Fischbach berichtete 1786 über die Oderberger Juden: „Von der Judenschaft hierselbst lässt sich nichts weiter sagen, als daß sie Anno 1785 mit Ausschluß des Schulmeisters 45 Seelen stark ist und aus 6 Familien bestehet. Sie haben auch ihre eigene Schule oder Bethaus, und einen besonderen Begräbnisplatz außerhalb der Stadt.“

1824 wurde in der Rittergasse eine Synagoge errichtet. Sie war ein rechteckiger Fachwerkbau aus Eichenholz mit Backsteinausfachung. Im Westen war dem Gebäude ein schmaler Vorraum vorgelagert, während sich der Eingang an der Nordseite befand. Am Südende des Vorraumes lag der Aufgang zur Frauenempore, die von runden hölzernen Säulen getragen wurde. Die Synagoge in der Rittergasse hatte nur etwas mehr als 100 Jahre Bestand, denn 1926 wurde sie wegen Baufälligkeit abgerissen. Zu jener Zeit bestand auch keine reguläre jüdische Gemeinde mehr in Oderberg. Die wenigen noch hier lebenden jüdischen Familien hielten sich bis zum Schluss zur Gemeinde in Angermünde.

Der jüdische Friedhof Oderberg wurde weit außerhalb der Stadt angelegt und hat um 1700 schon bestanden. Möglicherweise reicht er bis ins 17. Jahrhundert zurück. Das Friedhofsareal liegt auf dem „Mönkefeld“, von alten Eichen umgeben, am Südhang der zur Oder steil abfallenden uckermärkischen Höhen. Das etwa 35 Meter im Quadrat messende Gelände schließt eine prähistorische Steinsetzung vermutlich aus der Steinzeit ein, den so genannten Oderberger Steinkreis. Über diesen ist so gut wie nichts bekannt.

Auf der denkmalgeschützten Anlage sind insgesamt noch 43 Grabstellen erhalten, denen aber teilweise die Grabsteine fehlen. Die älteste erhaltene Grabstelle ist die des Israel Gutherz (1809-1848), während die letzte Bestattung 1933 stattfand. Während der Nazizeit wurde der Oderberger jüdische Friedhof geschändet und die Grabsteine auf einen Haufen geworfen. 1944 erfolgte dann noch der Zwangsverkauf für 100,- RM an die Stadt. Schon bald nach dem Krieg begannen Oderberger Bürger mit Aufräumungsarbeiten und führten die Grabsteine wieder an ihre ursprünglichen Standorte zurück.

In den folgenden Jahrzehnten war dieser jüdische Friedhof einer der am besten gepflegten weit und breit. 1993 und 1995 ermöglichten einige großzügige Spenden die Instandsetzung der Gräber und den Bau einer neuen Umzäunung.

Seelow

Die ältesten Nachrichten über jüdische Mitbürger in Seelow finden sich erst 1737 in den Seelower Schöppenbüchern, in denen der Schutzjude Wolff Levin verzeichnet ist. 1801 lebten 20 jüdische Bewohner in der Stadt, die erst 1830 eine feste Gemeinde bildeten, zu der sich auch die jüdischen Kaufleute in den umliegenden Ortschaften hielten.

Schon um das Jahr 1800 hatten sie ein Stück Land am Ende der Hinterstraße erworben, um hier einen Friedhof anzulegen. 1866 kaufte die jüdische Gemeinde vom Ackerbürger Weinberg das alte Küsterhaus, das hinter dem heutigen Gebäude des CVJM zwischen Kirchstraße und Breiter Straße stand. In diesem Gebäude befand sich bis 1930 die Synagoge.

1878 lebten in Seelow 18 jüdische Familien mit etwa 60 Angehörigen. Die Gemeinde vergrößerte sich im Jahre 1897 erheblich, als der Groß Neuendorfer Synagogenbezirk gegen dessen Willen auf staatliche Anordnung mit dem Seelower vereinigt wurde. Im 20. Jahrhundert nahm die Zahl der Gemeindeglieder stetig ab, bis um 1930 im ganzen Synagogenbezirk nur noch 17 Personen jüdischen Glaubens lebten.

Als Zeichen des Niedergangs der jüdischen Gemeinde muss man den Verkauf des Friedhofsareals an die Stadt werten. 1910 gab es nur noch sechs jüdische Einwohner in Seelow. Das traurige Schicksal des jüdischen Begräbnisplatzes, auf dem zwischen 1800 und 1876 immerhin 80 Bestattungen stattfanden, nahm in der berüchtigten Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 mit ersten Zerstörungen seinen Anfang. Damals sollen hier noch 20 Grabsteine gestanden oder gelegen haben, die wohl in den ersten Nachkriegsjahren unter Einebnung der Gräber abgeräumt wurden.

Aufgrund einer privaten Initiative legte das Stadtbauamt 1949 einen Plan zur Umgestaltung des Judenfriedhofes in eine Gedenkstätte vor, der aber nie verwirklicht wurde. Ende der 1950er Jahre baute man die Brennerei des ehemaligen Seelower Domänengutes um. Bei dieser Gelegenheit wurden die letzten Reste des Friedhofs beseitigt, dessen Areal seitdem als Parkplatz dient.

Groß Neuendorf

Mitte des 19. Jahrhunderts gründete der Berliner Getreidegroßhändler Michael Sperling, dessen Familie bereits zuvor ein ansehnliches Sommerhaus im Ort besaß, in Groß Neuendorf eine Filiale seines Unternehmens. Die günstige Verkehrsanbindung an die Oder scheint den Ausschlag dafür gegeben zu haben. Sie verband das Oderland mit den Großstädten Breslau und Stettin, während Berlin und andere Orte über Kanäle erreicht werden konnten. Als Sperlings Betrieb expandierte, holte er als Arbeiter auch Glaubensbrüder ins Oderbruch, die er in Groß Neuendorf ansiedelte.

1847 wurde eine jüdische Gemeinde in Groß Neuendorf und Letschin mit Sitz in Letschin gegründet. Stifter des Synagogenverbandes war der Kaufmann Michael Sperling (1803-1866), der auch den Friedhof in Groß Neuendorf anlegen ließ und hier begraben liegt. Auf seinem Grabstein ist noch heute zu lesen: „Stifter des hiesigen Synagogenverbandes sowie der Gründer dieses Friedhofes.“ Allerdings ist er nicht der erste, der hier bestattet wurde. Ungeklärt ist, was es mit den Kindergräbern im linken hinteren Friedhofsteil auf sich hat. Sie sind recht zahlreich und offensichtlich auch älter als bisher angenommen. 1865 kam es zum Bau einer Synagoge. Sie wurde nach hinten an ein niedriges Haus angebaut, in dem damals Arbeiter der Firma Sperling wohnten. Man muss heute genau hinsehen, um in dem Anbau das einstige Gotteshaus zu erkennen. Die neugotischen Spitzbögen der Fenster sind zugemauert, aber man kann ihre Form noch erkennen. Das Gewölbe ist unter einer Zwischendecke verborgen. Am Vorderhaus weist eine Tafel auf das Gebetshaus hin. Hier wurden bis 1910 Gottesdienste gehalten.

Von 1992 bis 1994 wurde der verwahrloste jüdische Friedhof unter Beteiligung von Jugendlichen des CVJM wiederhergerichtet und weitgehend restauriert. Die Ummauerung ist seitdem auch wieder komplett. Hinter dem schlichten schmiedeeisernen Eingangstor, verziert mit der Menora, sind 29 teilweise wieder aufgestellte Grabsteine zu sehen. Die großen Steine zeugen vom Wohlstand der Groß Neuendorfer Juden in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Auf ihnen stehen zumeist die Namen Sperling, Hartwich, Cohn und Baumgarten.

Küstrin/Kostrzyn

Seit 1945 ist Küstrin eine geteilte Stadt, ähnlich wie Guben/Gubin oder Frankfurt (Oder)/Słubice. Der deutsche Teil heißt Küstrin-Kietz, der polnische Kostrzyn, die Grenze aber zwischen Deutschland und Polen zieht sich mitten durch die Altstadt von Küstrin. Die ehemalige preußische Festung, vielmehr was der Zweite Weltkrieg davon übrig ließ, liegt auf der polnischen Oderseite.

Bis 1812 durften sich in der Festungsstadt Küstrin keine Juden ansiedeln. Erst ab 1814, als die französische Besatzung die Festung übergab, scheinen die ersten Familien ansässig geworden zu sein, ausgestattet mit bürgerlichen Rechten, die man ihnen auf Grund der preußischen Reformen nunmehr gewährte. Über die jüdischen Mitbürger der Stadt Küstrin ist bisher nur wenig bekannt.

Der jüdische Friedhof befindet sich in der Neustadt in unmittelbarer Nähe des Güterbahnhofs. Das dreieckige, von einer Backsteinmauer eingefriedete Gelände an der ul. Mickiewicza ist heute völlig abgeräumt. Nur bei genauerem Hinsehen finden sich einige wenige Bruchstücke zerschlagener Grabsteine. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich die jüdische Gemeinde ganz in der Nähe ihres Begräbnisplatzes in der Stülpnagel-Straße, heute ul. Kościuszki, nochmals eine neue Synagoge erbaut. In der sog. Reichskristallnacht brandschatzten die Nazis dieses Gotteshaus.

Die schweren Zerstörungen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs haben alle bis dahin noch sichtbaren Spuren jüdischen Lebens in dieser Stadt getilgt. Im Boden des am Güterbahnhof gelegenen, heute grabsteinlosen jüdischen Friedhofes ruhen die Gebeine der jüdischen Küstriner, die das Alltagsleben in der alten Festungsstadt Küstrin über 200 Jahre lang mitgeprägt haben.

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

 

 

Literatur

Rudolf Schmidt, Zur Geschichte unserer heimischen jüdischen Gemeinden. Nach einem am 25. November 1928 im Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Eberswalde gehaltenen Vortrag, Eberswalde 1929

Reinhard Schmook, Jüdische Reminiszenzen im Oderland, in: Nachrichtenblatt des Vorstandes der Jüdischen Gemeinden in der Deutschen Demokratischen Republik, September 1985, S. 8 ff.

Michael Brocke, Eckehart Ruthenberg, Kai Uwe Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/ DDR und Berlin), Berlin 1994

Wolfgang Weißleder, Der Gute Ort – jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg, Potsdam 2002

Hans Keilson, Das Leben geht weiter. Eine Jugend in der Zwischenkriegszeit, Berlin 1933

Rudolf Schmidt, Bad Freienwalde (Oder). Geschichte der Stadt in Einzeldarstellungen. Band 1, Bad Freienwalde (Oder) 1934 ( = Oberbarnimer Heimatbücher, 13. Band), S. 149 f.

J. Hellmut Freund, Vor dem Zitronenbaum. Autobiographische Abschweifungen eines Zurückgekehrten, Frankfurt a. M. 2005

Rudolf Schmidt, Wriezen. Geschichte der Stadt in Einzeldarstellungen. 1. Band, Bad Freienwalde (Oder) 1931 (Oberbarnimer Heimatbücher, 11. Band), S. 235 ff.

Brigitte Heidenhain, Juden in Wriezen. Ihr Leben in der Stadt von 1677 bis 1940 und ihr Friedhof. Potsdam 2007 (Pri ha-Pardes Band 1)

Horst Fleischer, Chronik von Oderberg, Oderberg 2005

A. F. Karstedt, Beiträge zu einer Chronik der Stadt Seelow, Seelow 1878, S. 130 ff.

Groß Neuendorf a/Oder gestern und heute. Geschichte und Informationen, Band 1.

Groß Neuendorf 2003, S. 30 ff.

Wilhelm Grunow, Die 725jährige Oder- und Warthestadt Küstrin. 1232-1957, Berlin 1957, S. 26

Frank Lammers, Küstrin. Stadtgeschichte und Stadtverkehr, Berlin 2005, S. 180

Kurze Geschichte des jüdischen Friedhofs Frankfurt (Oder), heute im polnischen Słubice gelegen

Der Friedhof der Frankfurter Juden wurde erstmalig 1399 urkundlich erwähnt. Aus dem Text dieser Verkaufsurkunde geht hervor, dass der Begräbnisort sich dort schon längere Zeit befunden hat. Man geht von gut 100 Jahren aus, so dass seine Einrichtung um 1280-90 stattgefunden haben könnte. Schon vor der Gründung der Stadt Frankfurt (Oder) im Jahre 1253 siedelten sich hier Juden an, die damals aus Westeuropa vertrieben worden waren. Es ist nicht auszuschließen, dass hier Juden begraben sind, die die Stadtgründung miterlebt haben. Der Friedhof liegt an der Gabelung der Straßen nach Reppen und Crossen (Rzepin / Krosno Odrzańskie)

Dieser erste Bestattungsabschnitt, der in der Verkaufsurkunde als auf dem Judenberg liegend beschrieben wird, hat die Form eines unregelmäßigen Fünfecks und war bis 1965 mit einer etwa 70 cm hohen Feldsteinmauer umgeben. Die Judenberge erheben sich links vom ehemaligen Forsthaus Grundschäferei (ul. Transportowa 6). In der Nähe befand sich der 1901 errichtete und 14,5 m hohe Bismarckturm. Das ehemalige Forsthaus gehört heute der Forstverwaltung Rzepin. Der Höhenzug endet im Norden am ehemaligen Forsthaus Hängebusch (ul. Sportowa 38). Hier befindet sich auch die höchste Erhebung der Judenberge, nämlich 60 m, hier wurde 1892 der Kleistturm errichtet.

Der erste Friedhofsteil ist im Verhältnis zur Gesamtgröße und Zeitspanne relativ klein. Die Ursache ist in den mehrmaligen Judenvertreibungen aus der Stadt zu suchen, während derer der Friedhof nicht genutzt wurde. In einem erhaltenen Sterberegister aus der Zeit von 1677-1866 werden rund 1.100 Bestattungen beurkundet. Die ältesten nachgewiesenen Grabsteine stammen aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, sie waren aus Sandstein mit ausschließlich hebräischer Inschrift und sahen relativ gleich aus. Es konnten bis jetzt auf diesem ersten Abschnitt neun Rabbinergrabstellen nachgewiesen werden, wobei Rabbi Joseph, Sohn von Meir Theomim als der Bedeutendste gilt. Als der Verfasser von Kommentaren zu den jüdischen Speisevorschriften unter dem Namen Pri’megadim, d.h. Gute Früchte, erwarb er sich auf Dauer hohes Ansehen. In der jüdischen Welt wird er nur nach diesem Werk „der Pri’megadim“ genannt. Die Erstausgabe seines Werkes wurde 1785 von Prof. Dr. Grillo in Frankfurt (Oder) gedruckt. Frankfurt an der Oder war als Universitäts- und Messestadt ein bedeutender hebräischer Buchdruck- und Buchhandelsstandort.

1865 erfolgte die erste Erweiterung des Friedhofs. Die inzwischen mehrheitlich liberale Synagogengemeinde umbaute den neuen Bestattungsabschnitt mit einer etwa 2,5 Meter hohen Mauer. Auf diesem zweiten Beerdigungsbereich konnte man den unterschiedlichen Wohlstand der Verstorbenen an den Grabsteinen erkennen. In der Grabgestaltung erfolgte eine starke Annäherung an die hiesige Friedhofskultur. Vom schmuckvollen Familienbegräbnis bis zur Einzelgrabstelle war alles vorzufinden. Hier bestanden die Grabsteine aus härteren Materialien wie Marmor, Granit oder Zementguß.

Nach 1867 wurde eine Leichenhalle errichtet, eine Neuerung vom Anfang des 19. Jahrhunderts, die bis dahin auf jüdischen Friedhöfen nicht üblich war. Das Bauwerk im neuromanischen Stil mit einer Grundfläche von 65,94 m² war mit gelben Klinkern verkleidet. Die Kuppel mit einem Durchmesser von 8,12 m hatte eine Kupfereindeckung. Bei Sonnenschein leuchtete in 13 m Höhe weithin sichtbar der vergoldete Davidstern. Für Reisende aus Richtung Crossen war das der erste Eindruck von Frankfurt (Oder).

Das erste Leichenhaus war auf dem jüdischen Friedhof in Weimar errichtet worden, worüber in der Allgemeinen Zeitung der Juden im Jahre 1837 berichtet wird.

Für eine neuerliche Erweiterung wurde schon Anfang des 20. Jahrhunderts eine Fläche neben dem zur Zeit genutzten Bereich erworben, die vom Friedhofsgärtner Otto Billerbeck als Park gestaltet und ab 1940 als dritter Beerdigungsabschnitt genutzt wurde. Noch im Jahre 1937 errichteten die Frankfurter Juden auf diesem dritten Bestattungsabschnitt ein Kriegerdenkmal zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen 17 jüdischen Soldaten Frankfurts. Das vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten gestiftete Denkmal wurde in Anwesenheit der Judenheit von Frankfurt und Umgebung unter den Augen der Gestapo vom Landsberger Rechtsanwalt Kann eingeweiht.

Die nationalsozialistische Regierung hatte angeordnet, dass die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland alle Friedhöfe den Gemeinden und Städten, in denen sie lagen, zum Kauf anbieten mussten. Am 29. Dezember 1942 wurde dieses Angebot dann auch dem Frankfurter Oberbürgermeister gemacht. Der Schriftwechsel zog sich bis 1944 hin. Am 2. Dezember 1944 erfolgte der Zwangsverkauf des jüdischen Friedhofs mit seiner Fläche von 20.737 m² an die Stadt. Praktische Folgen hatte das nicht, denn die Grundbuchänderung sollte erst nach dem Kriegsende erfolgen. Der am 11. Dezember 1944 verstorbene Frankfurter Arzt und Internist Dr. Hermann Marcus, Wilhelmsplatz 20, wurde als letzter Jude auf dem Beerdigungsabschnitt Drei beigesetzt. Er erhielt als einer der Wenigen in diesem Bereich einen Grabstein.

Im Gegensatz zur Frankfurter Synagogengemeinde hatte der Friedhof laut Billerbeck die NS-Zeit und den Krieg relativ unbeschadet überstanden. Er lag nun auf polnischem Staatsgebiet. Von Mai bis September 1945 wurden mindestens 82 gefundene deutsche Soldaten und Volkssturmleute, direkt auf dem Hauptweg, der zur Leichenhalle führte, begraben. Die Kriegsgräber, die bis 1975 erkennbar waren, sind in einer ausführlichen Kriegsgräberliste dokumentiert.

Am Totensonntag 1956 besuchte erst- und letztmalig nach dem Krieg eine Frankfurter Gruppe, u.a. auch Billerbeck, den Damm- sowie den jüdischen Friedhof in Słubice und gedachte der Toten, was dann danach nicht mehr möglich war. Neun Jahre später, 1965, betrat ich zum ersten Mal den jüdischen Friedhof. Die Natur hatte schon begonnen, den Ort zurück zu erobern. Dennoch war es ein beeindruckender Ort.

1975, nach weiteren zehn Jahren, wurde die jahrhundertealte Begräbnisstätte der Frankfurter Juden mit der Umnutzung zum großen Teil topographisch zerstört und der Rest verwüstet. Die Grabsteine des zweiten Abschnitts wurden entwendet während die Sandsteine des ältesten Beerdigungsabschnitts als wertlos betrachtet, zerschlagen und in die erste Słubicer Müllkippe an der ul. Powstańców Wielkopolskich (Schwetiger Weg) verbracht wurden. Auf der planierten Fläche wurde ein Hotel mit Gaststättenbetrieb errichtet, wobei der polnische Volksmund sarkastisch vom „Gasthaus auf der Leiche“ sprach. Die Feststellung der Gazeta Lubuska vom 5. Juni 2007, dieser jüdische Friedhof sei während des Zweiten Weltkrieges von den Deutschen zerstört worden, entspricht nicht der historischen Wahrheit.

Der Friedhof schien nach seiner Zerstörung in Vergessenheit zu geraten, bis im Frühjahr 1999 eine Gruppe amerikanischer und israelischer Rabbiner in Frankfurt (Oder) auftauchte, um auf dem Friedhof die Grabstelle des Pri’megadim aufzusuchen. Ihnen war zu dieser Zeit nicht bekannt, dass der Friedhof jetzt in Polen lag. Als Folge wurde das amerikanische „Komitee zur Restaurierung des jüdischen Friedhofs in Słubice“ unter der Präsidentschaft von Rabbi Berel Polatsek gegründet. Neben der ehemaligen Leichenhalle wurde im Sommer 1999 von den Städten Słubice und Frankfurt anläßlich der 600. Wiederkehr der Ersterwähnung des Jüdischen Friedhofs ein Gedenkstein errichtet. Die Inschrift: Angelegt im XIV Jh.” ist daher falsch.

Durch Lageplan- und Luftbildauswertung, sowie Überlieferungen vom Friedhofsgärtner Billerbeck konnte in dem topographisch völlig veränderten Gelände die Grabstelle des berühmten Rabbis annähernd eingegrenzt werden. Dieser Platz wurde dann durch rabbinische Akklamation zur endgültigen Grabstelle erklärt. Nach Beginn der Bauarbeiten für die Grabstelle wurde vor der ehemaligen Friedhofsmauer ein alter Weg freigelegt, der im Bereich der Akklamationsstelle eine Aufweitung hatte. Der seit 1866 nicht mehr genutzte Friedhofsteil war auch von Billerbeck nicht mehr gepflegt worden, weil es niemanden gab, der dort noch Gräber besuchte. Bis auf eine Ausnahme, der „Pri Megadim“. An seinem Todestag im jüdischen Monat Ijar, das ist April/Mai nach unserem Kalender, kamen bis zu 300 Pilger an sein Grab. Es ist anzunehmen, dass der gefundene Weg mit seiner Aufweitung in diesem Zusammenhang zu sehen ist.

Die neue Grabstelle wurde mit einer feierlichen Zeremonie am 4. Mai 2004 in Anwesenheit von Herrn Konsul Gerald C. Anderson von der Amerikanischen Botschaft in Warschau, Herrn Marek Lewandowski als Vertreter des Wojwoden des Lebuser Landes, Herrn Ryszard Bodziacki, Bürgermeister von Słubice und Frau Katja Wolle, Bürgermeisterin von Frankfurt (Oder), von Rabbi Polatsek geweiht.

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

Juden in Frankfurt (Oder)

Mandel, Werner: Das Bild der Juden im Antichristfenster der St. Marienkirche zu Frankfurt (Oder)
1. Allgemeines zum Judenhass

Die Feindschaft gegen Juden entwickelte sich schon in der Antike. Vielfach kam es zu Ausschreitungen gegenüber Juden, zu Pogromen. Juden wurden oft als Sündenböcke abgestempelt.

Der Judenhass gipfelte jedoch in der systematischen Ausrottung von sechs Millionen europäischer Juden durch das nationalsozialistische Deutschland, im Genozid am jüdischen Volk. Wir sprechen von „Holocaust“ und „Shoah“. Die gesamte jüdische Rasse sollte ausgerottet werden. (1)

Wie war das in Frankfurt an der Oder, im Mittelalter, in der Neuzeit, in der Zeit des Nationalsozialismus und was passiert heute in Frankfurt (Oder)? Gibt es heute Juden in Frankfurt an der Oder? Wie gedenken wir in unserer Stadt der jüdischen Bürger, die durch Antisemitismus und Holocaust vertrieben und getötet worden sind? Sehr vieles wurde schon zu diesem Thema geschrieben. Das nun folgende möchte lediglich Themen und Schwerpunkte im Zusammenhang mit Frankfurt (Oder) verständlich machen.

2. Antisemitismus durch die Jahrhunderte

Die christliche Judenfeindschaft ist ein Begleitphänomen christlichen Glaubens, christlicher Kultur und Praxis, das mehr oder minder seit der Spätantike präsent war und zu je verschiedenen Ausprägungen geführt hat. (2)

2.1. Thesen zur christlichen Judenfeindschaft (3)

In der Antike war es der Glaube der Juden an einen einzigen Gott, der es ihnen untersagte, den römischen Kaiser als Gott zu verehren. Deshalb wurden sie verfolgt. Dann entwickelte sich ein theologisch geprägter Antijudaismus. Er geht zurück bis zur Kritik Jesu an der Veräußerlichung jüdischer Gesetzmäßigkeit, seiner Kritik an den Pharisäern. Im Mittelalter wurde den Juden die Schuld an der Kreuzigung Jesu gegeben. (4) Es entwickelte sich ein vulgärer Judenhass. Die Juden zählten zu den sozial Verachteten und mussten oft in Ghettos wohnen. Sie wurden zu Sündenböcken gemacht, wenn es darum ging, Schuldige für Pestepidemien, Naturkatastrophen und andere Unglücksfälle zu suchen. Die rechtliche Gleichstellung der Juden, die seit dem Zeitalter der Aufklärung immer wieder gefordert und im 19. Jahrhundert verwirklicht wurde, rief jedoch im 19. und 20. Jahrhundert als Gegenbewegung einen neuen, besonders rassisch begründeten Antisemitismus hervor.

2.2. Systematische Ausrottung der Juden durch den Nationalsozialismus

Dieser Rassenantisemitismus und Judenhass wurde von der nationalsozialistischen Ideologie instrumentalisiert und dazu benutzt, die Juden total auszurotten. Er führte im nationalsozialistischen Deutschland zur Ausbürgerung der deutschen Juden durch die Nürnberger Rassengesetze (1935), zu den Ausschreitungen der Reichspogromnacht (1938) und schließlich zur planmäßigen Ermordung und fabrikmäßig durchgeführten Ausrottung von Millionen Juden in den Konzentrationslagern. (5) Mit den Nürnbergern Rassengesetzen erhielt die nationalsozialistische Ideologie eine juristische Grundlage. Das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbot Eheschließungen und außereheliche Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. Den Juden wurde die deutsche Staatsbürgerschaft abgesprochen.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in ganz Deutschland Hunderte Synagogen zerstört, Juden wurden angegriffen und totgeschlagen. Auslöser war eine Rede von Nazi-Propagandachef Joseph Goebbels.

Nach der Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden vom 1. September 1941, § 1 und 2 wurde es allen Juden, die das sechste Lebensjahr vollendet hatten verboten, sich in der Öffentlichkeit ohne einen Judenstern zu zeigen. (6) Sie durften den Bereich ihrer Wohngemeinde nicht ohne schriftliche Erlaubnis der Ortspolizeibehörde verlassen. Orden, Ehrenzeichen und sonstige Abzeichen durften sie nicht tragen. (7) Gelang es den Juden nicht rechtzeitig in das nicht von Hitler besetzte Ausland zu fliehen oder sich irgendwo zu verstecken, wurden sie systematisch in die Konzentrationslager abtransportiert und dort gezielt umgebracht. Es war der „Holocaust“ (griechisch: „Ganzopfer“, „Brandopfer“) und die „Shoah“ (hebräisch „Verwüstung“, „Katastrophe“). Die gesamte jüdische Rasse sollte ausgerottet werden. (8) Am Vermögen der Juden bereicherten sich viele NSDAP-Mitglieder, aber auch etliche einfache Bürger.

3. Juden in Frankfurt an der Oder

Dabei ist die Geschichte der Juden in Frankfurt an der Oder vielschichtig und differenziert zu betrachten.

3.1. Im Mittelalter bis 1933

Schon Ende des 13. Jahrhunderts gab es in der jungen Stadt Frankfurt eine große jüdische Gemeinde. (9) Doch während es in anderen Teilen der Mark Ausschreitungen gegen Juden gab, scheint es in Frankfurt lange ein störungsfreies Zusammenleben der christlichen und jüdischen Einwohner gegeben zu haben. Sie hatten Anteil an der schnellen Entwicklung Frankfurts zur Hansestadt. (10) Diese positive Stellung der Frankfurter Juden bleibt dokumentiert in den Darstellungen des Antichristfensters der St. Marienkirche. Auf den sechs Scheiben des Fensters finden wir 19mal Juden mit ihren gelben Hüten dargestellt. Nur drei von ihnen tragen entgegen der damals herrschenden öffentlichen Meinung das „T“, das Zeichen des Antichristen, der als Inkarnation des Bösen, als Anti- oder Pseudomessias galt. Frühe Kirchenlehrer schrieben ihm eine jüdische Herkunft zu. (11) Ebenso zeugt es von gutem Einvernehmen zwischen den Kaufleuten der Stadt und den jüdischen Bürgern, dass die jüdische Gemeinde von der einflussreichen Kaufmannsfamilie Hokemann ein Grundstück erhielt, welches sie als Begräbnisstätte nutzten. (12)

Als eine der ersten deutschen Universitäten öffnete die Viadrina jüdischen Studenten ihre Pforten. Am 1. Juni 1678 wurden die ersten beiden jüdischen Studenten immatrikuliert, denen bis zur Aufhebung der Viadrina noch mindestens 142 weitere folgten. Sie studierten hier überwiegend an der medizinischen Fakultät. 1721 erfolgte die erste Promotion eines Juden an der Viadrina. (13)

Wichtig waren die jüdischen Druckereien. Hier in Frankfurt an der Oder entstand 1697 erstmals in Deutschland der vollständige Druck des babylonischen Talmud. Die Drucke fanden als wichtige Handelswaren der Frankfurter Messen weite Verbreitung in Polen. Nach Frankfurt kamen viele ostjüdische Händler, aber auch Rabbiner, die zu Meßgerichten zusammentraten und sich oft mit allgemeinen jüdischen Angelegenheiten befassten. Frankfurt wurde zu einem jüdischen Kommunikationszentrum. (14) Die jüdische Gemeinde vergrößerte sich stetig. 1823 konnte eine neue Synagoge eingeweiht werden. Bald gab es zwei jüdische Gemeinden in der Stadt.

Am 13. Mai 1838 konnte der auf Vorschlag von Professor Spieker mit dem Ehrendoktorat der Universität Leipzig ausgezeichnete Frankfurter Rabbiner Samuel Holdheim in der Rosenstraße 36 ein jüdisches Hospital und Krankenhaus eröffnen. (15)

Nach der Gleichstellung durch die preußische Verfassung 1850 belebte sich die jüdische Gemeinde weiter. Sie wurde 1853 vom preußischen Staatsministerium als öffentlich-rechtliche Synagogengemeinde zugelassen. 1894 wurde der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur“ gegründet. (16)

Selbst als der Antisemitismus während des ersten Weltkrieges und in der Weimarer Republik wieder aufflammte, wird berichtet, dass in Frankfurt judenfeindliche Aktionen nicht vorkamen. (17) Etliche Juden zogen in dieser Zeit aus den polnisch gewordenen Gebieten nach Frankfurt, weil sie „für das Deutschtum votierten.“ (18)

3.2. 1933 bis 1943

In der Zeit des Nationalsozialismus änderten sich diese Verhältnisse in der Stadt grundlegend.

Schon seit Ende Dezember 1927 gab es in Frankfurt eine Ortsgruppe der NSDAP. 1929 kam sie bereits auf 2.453 Stimmen und zog mit 3 Abgeordneten in die Stadtverordnetenversammlung ein. Ständig stieg ihr Anteil, bis sie bei der Landtagswahl 1932 erstmals 49,8 Prozent der Stimmen erhielt. Diese Entwicklung war begleitet von Terror gegenüber den demokratischen Kräften. Wolfgang Wüstefeld berichtet von durch die Stadt ziehenden Gruppen, die sangen: „Einst war’n wir Kommunisten, Stahlhelm und SPD, jetzt Nationalsozialisten, Kämpfer der NSDAP.“ (19)

Seit dem 25. April 1934 gab es keine Stadtverordnetenversammlung mehr. Die neuen Ratsherren wurden nicht mehr gewählt, sondern vom Regierungspräsidenten berufen. Über Frankfurt wehte die Fahne mit dem Hakenkreuz. (20) Frankfurt wollte „das Märkische Nürnberg“ (21) werden, so hieß es anlässlich des Gauparteitages 1934 in der Frankfurter Oderzeitung.

1933 lebten in Frankfurt noch ca. 800 Juden, davon waren 7 Ärzte, 2 Zahnärzte, 5 Apotheker, 8 Juristen, 4 Fabrikbesitzer, 9 Handwerker, 77 Kaufleute, 8 Angestellte und 4 Banker. Die Frankfurter Juden zählten schon seit dem 19. Jahrhundert zu den gut etablierten bürgerlichen Familien, die Kultur und Bildung in der Stadt nachhaltig prägten. Neben der Frankfurter Buchdruckerfamilie Baswitz gehörten zu jenen bürgerlichen Familie die Nehab, Neumark, Hirschberg, Gumpert, Aronheim, Glass, Naftaniel, Baruch, Wollmann, die Heilborn und viele andere. Große jüdische Geschäfte der Stadt, das Kaufhaus Max Hirsch, Kaufhaus Guttfeld, Einbinder, Leo Meyerheim, Georg Meyer und zahlreiche andere in der Regierungsstraße, Richt- und Großen Scharrnstraße mussten schließen. (22) Der alte Herr Emil Hirsch wurde am Morgen nach der Pogromnacht im Nachthemd und mit einem Schild um den Hals durch die Stadt getrieben, auf dem stand: „Ich bin ein Judenschwein“. Der heute noch in Frankfurt lebende Wolfgang Wüstefeld sah das auf seinem Schulweg und berichtet, dass er darüber total erschüttert war. Er ging an diesem Morgen nicht zur Schule, sondern kehrte um, ging wieder nach Hause.

Aus den Adressbüchern der Stadt Frankfurt ergeben sich folgende Informationen: schon 1937/38 gehörte das Textil-Kaufhaus in der Regierungsstraße 2/3 Wilhelm und Richard Hähnel. 1937/38 wohnte Emil Hirsch noch in der Gubener Straße 16, aber 1940/41 ist dort die Wehrmachtsfürsorge und das Versorgungsamt untergebracht.

Erschütternd berichtet Ada Brodski von ihren Kindheitserlebnissen in Frankfurt. (23) Auch Margit Schleuder erinnert sich, dass sie auf dem Anger nicht mit jüdischen Kindern spielen durfte. „Ja, bei uns zu Hause, aber auch auf dem Anger und dem Ziegenwerder war viel los. Der Anger war für uns Kinder das Spielparadies. Wir fuhren dort unsere Puppen spazieren, spielten Ball und viele andere schöne Spiele. […] Aber eine traurige Erinnerung verbindet mich mit dem Anger. Während wir Kinder zusammen fröhlich auf dem Anger spielten, saß dort immer Frau Vater, eine Jüdin, auf einer Bank alleine mit ihren Kindern. Sie wohnten bei uns in der Nähe in der Lindenstraße. Frau Vater trug einen Hut und einen Mantel, auf dem ein Judenstern war. Margot, das Mädchen, hatte die gleiche „Hahnenkamm“-Frisur wie ich. Sie spielte immer nur mit ihrem Bruder. Margot war auch so alt wie ich und saß bei uns in der Schule immer hinten in der letzten Reihe. Kein Kind durfte mit der Margot sprechen, reden oder spielen, aber zur Schule musste sie gehen. Dieses Bild habe ich immer noch vor mir, wenn ich heute am Anger bin. Es war nicht möglich, mit ihnen in Kontakt zu kommen. In der Schule passten die Lehrer auf, draußen gab es die Polizei und man wusste nie, wer einen von vorübergehenden Passanten anschwärzen würde. Der Herr Vater war nach 1945 Stadtverordneter, aber dann habe ich nichts mehr von der Familie gehört.“ (24) Am 22. Juni 1943 meldet die Frankfurter Oder-Zeitung: „Der Regierungsbezirk ist judenfrei!“ (25)

3.3. Nach 1945

So gab es nach 1945 keine Juden mehr in Frankfurt, vielleicht waren es nur noch einige wenige alte Leute, die bald starben. Es gab keine jüdische Gemeinde mehr.

Seit 1988 mahnt ein Gedenkstein an das Schicksal der jüdischen Bürger der Stadt während der NS-Herrschaft in Frankfurt. Der letzte Rabbiner Frankfurts Curt Cassel kam 1988 aus Großbritannien nach Frankfurt, um an der Einweihung des Gedenksteins teilzunehmen. Er sollte an die Synagoge in der Richtstraße erinnern und wurde am 09.11.1988 neben dem damaligen Hotel „Stadt Frankfurt“ platziert. Wegen Abriss des Hotels und Neubau des Einkaufszentrums Lenné-Passagen wurde der Stein auf die andere Straßenseite verlegt.

Seit 1998, 63 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge, gibt es wieder jüdisches Leben in Frankfurt. In der Halben Stadt befindet sich das Haus der jüdischen Gemeinde. „Für uns ist es wichtig, dass wir in der Stadt angenommen und akzeptiert werden als Bürger dieser Stadt. Wir wollen nicht als Außenseiter betrachtet werden.“ (26) Das sagte der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde 1998. Es leben nun wieder jüdische Bürger in Frankfurt, die zumeist als Flüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind. Sie sprechen nicht gut Deutsch und sind oft arbeitslos. Ist ihre Integration gelungen?

4. Antisemitismus heute in Frankfurt (Oder)?

Wie jüngste Fälle zeigen, ist der Antisemitismus in Deutschland trotz seines hohen Alters hoch aktuell. Da verbrennen Jugendliche im sachsen-anhaltinischen Pretzien Ende Juni 2006 bei einer öffentlichen „Sonnenwendfeier" ein Exemplar der Tagebücher der Anne Frank. Mitte Oktober 2006 wird ein 16-Jähriger in Parey, ebenfalls in Sachsen-Anhalt, von Mitschülern gezwungen, mit einem Schild: „Ich bin am Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden ein“ über den Schulhof zu laufen.

Am 9. November 2006 werden in Frankfurt (Oder) Kerzen und Kränze, zuvor niedergelegt an einem Gedenkstein am Ort der ehemaligen Synagoge zum Gedenken an den Novemberpogrom von 1938, auf die Straße geworfen und die Polizei mit „Sieg Heil“-Rufen begrüßt. (27)

Bedenklich ist es, wenn vor allem hierzulande Israel oder „die Juden“ selbst für den Antisemitismus verantwortlich gemacht werden, wenn sich dieser im Mantel der Israel- oder Zionismus-Kritik versteckt, wenn Aktionen des Staates Israel mit den Untaten des Naziregimes verglichen oder entsprechende Andeutungen gemacht werden (z.B. Israel betreibe die „Endlösung der Palästinafrage“). Denn diese Vergleiche zielen tendenziell oder eindeutig fast immer darauf, die Opfer von einst zu den Tätern von heute zu machen.

Meinungsforscher fragten Deutsche, ob sie gern einen Nachbarn jüdischen Glaubens haben möchten. Solche Umfragen ergaben, dass etwa 13 Prozent der deutschen Bevölkerung antisemitische Vorbehalte haben. (28)

Die Neonazis bemühen sich seit zwei Jahren hier in der Grenzstadt Frankfurt (Oder), einen Ortsverband aufzubauen. Asylbewerber und Zuwanderer werden immer wieder Opfer rechter Gewalt. Am 27.01.2006 fand ein Aufmarsch der Neonazis statt. Doch dagegen stand die antifaschistische Kundgebung am Alten Kino, an dem sich viele Frankfurter beteiligten. (29)

Schüler des Friedrichsgymnasiums haben seit Jahren gute Kontakte nach Israel, auf der Internetseite des Friedrichsgymnasiums lesen wir: „Plötzlich wird Vergangenheit lebendig... (30) Die Ausmaße des Zweiten Weltkrieges kann unsere Generation nur noch sehr gering nachvollziehen und einige lässt es sogar kalt. Vielleicht begegnen die Wenigen diesem Thema nur so gleichgültig, weil sie es als Pflicht ansehen, den jeweiligen Unterrichtsstoff stupide zu erlernen. Wird es aber nicht interessanter, faszinierender und anschaulicher, wenn man ein ‚Stück lebende Geschichte’ vor sich in greifbarer Nähe zu sitzen hat, es betrachten und befragen kann? Plötzlich wird die Vergangenheit lebendig und das menschliche Schicksal, welches wir nur aus Büchern kennen, wirkt persönlicher. Hier in unserer Schule haben wir die Gelegenheit dazu: Hermann Arndt, auch bekannt als Zvi Aharoni, ehemaliger Schüler des Friedrichsgymnasiums stellte sich interessierten Schüler. […]

Hermann Arndt wurde am 6.2.1921 in Frankfurt (Oder) geboren und besuchte das Friedrichs­gym­na­sium. Doch die letzten Jahre in der Schule waren für ihn alles andere als angenehm. Hermann Arndt war einer von den zwei jüdischen Schülern in seiner Klasse. Sie wurden ständig schikaniert, beleidigt und gedemütigt. 1935 zog die Familie nach Berlin um und Hermann verließ die Schule mit einem schlechten Eindruck und schrecklichen Erfahrungen. Im Mai 1937 starb der Vater. Ein Jahr darauf verließ die Familie Berlin und damit begann die Flucht. Die Reise ging über Holland, England, Frankreich, Italien und das Ziel war Palästina (Ankunft: 19.9.1938), wo sich sein älterer Bruder aufhielt. […] Im Jahre 1947 nahm er ein Architekturstudium auf. Wenige Wochen danach trat er in die israelische Armee ein und 1960 in den israelischen Geheimdienst Mossad, der sich auf die Jagd nach ehemaligen Nazis spezialisiert hatte. Einsatzort für Aharoni war unter anderem Buenos Aires in Argentinien. Am 11. Mai 1960 entführten er und eine Gruppe von Agenten den „Endlöser der Judenfrage“ und Schreibtischmörder Adolf Eichmann. Eichmann wurde gekidnappt und nach Israel überführt, wo er 1961 zum Tode verurteilt wurde. Aharoni führte aufgrund seiner Deutschkenntnisse die Verhöre mit Eichmann durch. Diese Festnahme Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst ermöglichte es, dass die systematische Ermordung der Juden mit allen Details, in allen Phasen und aus allen Perspektiven zum ersten Mal vor einem israelischen Gerichtshof verhandelt wurde. (31)

Obwohl die heutige jüdische Gemeinde keinen Bezug zu den deutschen Juden in Frankfurt hat, eröffnete sie im Herbst 2006 in ihrem Gemeindehaus eine informationsreiche Ausstellung über das jüdische Leben in Frankfurt (Oder).

Auch in Frankfurt gibt es die „Aktion Stolpersteine“, d.h. an verschiedenen Orten in der Stadt sind auf den Bürgersteigen kleine kupferne Gedenksteine an jüdische Bürger zu finden.

Im Sommer 2007 wird das Antichristfenster in der Marienkirche eingebaut und lädt alle Besucher ein, über die Bilder des Fensters, deren Aussagekraft, aber auch über die Komplexität der jüdischen Geschichte gerade an diesem Ort nachzudenken.

Helga Grune schickte uns ihren Artikel im Anschluss an den Workshop „Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion“ am 17.6.2007 in Groß Neuendorf.

 

 

(1) Vgl. Jasper, Willi, Holocaust, in: Neues Lexikon des Judentums, Hg. Julies H. Schoeps. Gütersloh 2000, S.358 f.

(2) Vgl. Kampling, Rainer, Thesen zur christlichen Judenfeindschaft, in: Das spätgotische Antichristfenster eine biblische Botschaft im Zusammenspiel von Glas, Farbe und Licht. Katalog zur Ausstellung Museum Junge Kunst, Rathaushalle Frankfurt (Oder) 2007, S. 25.

(3) Vgl. ebd.

(4) Vgl. Lotter, Friedrich: Antijudaismus, in: Neues Lexikon des Judentums, Hg. Julius H. Schoeps. Gütersloh 2000, S. 58.

(5) http://www.shoa.de/component/option,com_rd_glossary/Itemid,539/

(6) vgl. Reichsgesetzblatt 1941 I, S. 547, zitiert unter http://www.shoa.de/content/view/137/46/

(7) vgl. Reichsgesetzblatt 1941 I, S. 547.

(8) Vgl. Jasper, Willi, Holocaust, in: Neues Lexikon des Judentums, Hg. Julies H. Schoeps. Gütersloh 2000, S.358 f.

(9) Vgl. Mandel, Werner, Das Bild der Juden im Antichristfenster der St. Marienkirche zu Frankfurt (Oder), in: Das spätgotische Antichristfenster eine biblische Botschaft im Zusammenspiel von Glas, Farbe und Licht. Katalog zur Ausstellung Museum Junge Kunst, Rathaushalle Frankfurt (Oder) 2007, S. 26.

(10) Vgl. Targiel, Ralf-Rüdiger, Frankfurt (Oder) – so wie es war, Düsseldorf 1994, S. 10.

(11) Vgl. Vogt, Bernhard, Antichrist, in: Neues Lexikon des Judentums, Hg. Julius H. Schoeps. Gütersloh 2000, S. 57.

(12) Vgl. Mandel, S. 26.

(13) Vgl. Targiel, S. 17.

(14) Vgl. ebd.

(15) Vgl. ebd., S. 27.

(16) Vgl. Aldendorff-Hübinger, Rita; Hübinger, Gangolf, Frankfurt an der Oder von der 1848er Revolution bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, in: Frankfurt an der Oder 1253-2003, Hg. Ulrich Knefelkamp und Siegfreid Griesa. Berlin 2003, S. 162.

(17) Vgl. Kittsteiner, H. D.; Tschäpe, K.K., Der braune Beobachter. Die Jahre 1933-1945 im Spiegel der Frankfurter Oderzeitung, in: Frankfurt an der Oder 1253-2003, Hg. Ulrich Knefelkamp und Siegfreid Griesa. Berlin 2003, S. 230.

(18) Kittsteiner, H. D.; Tschäpe, K.K., Der braune Beobachter. Die Jahre 1933-1945 im Spiegel der Frankfurter Oderzeitung, in: Frankfurt an der Oder 1253-2003, Hg. Ulrich Knefelkamp und Siegfreid Griesa. Berlin 2003, S. 230.

(19) Wüstefeld, Wolfgang, Manchmal schlimm, immer schön. Lebensbericht eines Brückenbauers. Jacobsdorf 2000, S. 42.

(20) Vgl. Targiel, S. 61.

(21) Titel in: Frankfurter Oderzeitung vom 22.02.1934, Stadtausgabe, Zweites Blatt.

(22) Vgl. Meier, Brigitte, Frankfurt, in: Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Hg. Irene Dieckmann und Julius H. Schoeps, S. 141.

(23) Brodski, Ada, Nach Hause vertrieben. Frankfurter Kunstverein 1995.

(24) Ausschnitt aus dem Interviews mit Frau Margit Schleuder am 01. und 02.03. 2006, durchgeführt vom Verein „my life – erzählte Zeitgeschichte“ e. V.

(25) Zitiert in: Schneider, Hans-Georg, Als die Synagoge brannte, in: Märkische Oderzeitung, Frankfurter Stadtbote, vom 7.11.2003.

(26) Perelman, Mark, „Wir wollen keine Außenseiter sein“. Mark Perelman, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde: Im Gespräch vorbehalte abbauen, in: Märkische Oderzeitung, Frankfurter Stadtbote vom 29.10.1998, S. 13.

(27) Vgl. unter http://www.bpb.de/themen/MY3WZ8,0,0,Antisemitismus_heute.html

(28) Vgl. unter http://www.bpb.de/themen/MY3WZ8,2,0,Antisemitismus_heute.html

(29) Vgl. unter http://www.ostblog.de/2007/01/hart_an_der_grenze_frankfurt_o.php.

(30) http://www.ff.shuttle.de/ff/friedrichsgym/deutsch/index.htm

(31) http://www.shoa.de/component/option,com_rd_glossary/task,showpart/part,E/Itemid,539/

 

Bildnachweis: Mandel, Werner: Das Bild der Juden im Antichristfenster der St. Marienkirche zu Frankfurt (Oder), in: Das spätgotische Antichristfenster eine biblische Botschaft im Zusammenspiel von Glas, Farbe und Licht. Katalog zur Ausstellung Museum Junge Kunst, Rathaushalle Frankfurt (Oder) 2007, S. 30.

Frankfurter Brücken nach Israel

Die Schändung des Gedenksteins für die Synagoge durch Jugendliche hat den Ruf von Frankfurt (Oder) beschädigt. Doch Frankfurt ist auch anders. Seit Jahren gibt es eine Partnerschaft des Friedrichsgymnasiums mit israelischen und palästinensischen Schülern und Lehrern. Jetzt wird erneut Besuch aus Israel erwartet.

Frankfurt (Oder) (MOZ) Building Bridges (Brücken bauen) heißt das Projekt, das es inzwischen seit mehreren Jahren am Friedrichsgymnasium gibt. 1999 hatten Lehrer und Schüler erste Kontakte zur Hope Flowers School in Bethlehem und zur Democratic-School in Hadera aufgenommen. Seitdem gab es jedes Jahr Begegnungen zwischen deutschen, israelischen und palästinensischen Jugendlichen. Seit einiger Zeit sind zudem polnische Partner mit dabei. Trotz mancher Ängste, vor allem bei den Eltern der Schüler, reisten Frankfurter immer wieder nach Israel. Und trotz aller Konflikte waren inzwischen auch mehrfach israelische und palästinensische Schüler und Lehrer gemeinsam in Frankfurt.

Brücken bauen sie alle dabei in mehrfacher Hinsicht – von Land zu Land, von Weltanschauung zu Weltanschauung, vom Heute ins Gestern, von Generation zu Generation. Und sie überbrücken dabei vielfältige Konflikte.

„Trotz aller Missverständnisse habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Dorf trotzdem funktioniert. Nach einer hitzigen Diskussion trinkt der Araber wieder in Ruhe Kaffee mit dem Juden und der eine denkt vielleicht über die Position des anderen nach. Vielleicht auch nicht, aber immerhin haben sie geredet", umreißt Daniel Felscher seine Erfahrung. Der junge Mann hat die Schule inzwischen längst verlassen und hat sich wie inzwischen mehrere junge Frankfurter aufgrund der Mitarbeit im Projekt entschlossen, für längere Zeit in Israel zu leben und zu arbeiten. Daniel war neun Monate in einem jüdisch-arabischen Friedensdorf in der so genannten Oase des Friedens Neve Shalom/Wahat al Salam. „Das Schöne an der Idee dieses Dorfes ist, dass jeder seine Identität und seine Meinung behalten darf, ja, dass dies sogar Voraussetzung dafür ist, dass man zusammenleben kann. Man muss die Konflikte nur aussprechen und nicht ignorieren, auch, wenn es zu Konfrontationen kommt", erklärt Daniel.

Für ein Jahr ist Emily Kuck nach Israel gegangen. Sie lebt in Haifa und berichtet von ihren alltäglichen Erfahrungen: „Ich hätte nie gedacht, dass mich der Anblick eines 19-jährigen Mädchens mit Maschinengewehr irgendwann mal nicht mehr erschrecken würde. Auch das Wegzucken, wenn einen im Zug mal kurz aus Versehen der Gewehrkolben streift, ist schon fast vorbei." Und sie hat auch erleben müssen, von anderen Jugendlichen gefragt zu werden, ob sie in der SS gewesen sei.

Immer wieder haben Frankfurter Gymnasiasten, die mit dem Projekt in Israel waren, auch so etwas erlebt. Nicht überall begegnete man ihnen freundlich. Auch damit mussten sie klarkommen. Projektleiter Peter Staffa und Lehrer wie Sabine Donszick, Dorota Rutka (Polen) oder Mara Avner List (Israel) halfen ihnen dabei. Zum Beispiel in den verschiedenen Workshops. Beim jüngsten Besuch in Israel Ende des vergangenen Jahres setzten sich alle gemeinsam zum Beispiel mit der Schändung des Synagogengedenksteins in Frankfurt auseinander. Sie überlegten dabei auch, wie man mit den Tätern umgehen sollte. Dabei entstand auch die Idee, sie mitzunehmen nach Israel, um ihnen die Begegnung mit Zeitzeugen zu ermöglichen.

Wer mit Menschen gesprochen hat, die den Holocaust erlebten, wer einmal in der Gedenkstätte Yad Vashem war, wer Frauen oder Männer mit dem Zeichen von Auschwitz auf dem Arm gesehen hat, der kann die Ereignisse von damals nicht ignorieren oder gar leugnen, meinen alle, die mitgefahren sind. Gerade jetzt beschäftigen sie sich sehr intensiv mit der Geschichte. Denn im aktuellen Projekt erarbeiten sie Biografien von früheren Frankfurtern, Mitgliedern der damaligen jüdischen Gemeinde, Schülern des Friedrichsgymnasiums. In England haben sie dazu vor einigen Monaten ein Interview mit Hermann Arndt alias Zvi Aharoni geführt, dem Fänger des SS-Verbrechers Adolf Eichmann. In Israel trafen sie Angehörige von Schuschu Simon und Franz Gumpert, Mitschüler von Arndt. „Verantwortung leben – wann wird ein Mensch aktiv?" lautet der Projekttitel. Eine Foto-Text-Ausstellung über diese Zeitzeugen soll für alle beteiligten Länder entstehen, aber auch Gedanken der beteiligten Schüler werden dokumentiert. Die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Arbeit werden sie ab kommendem Donnerstag in der Europa-Universität in Frankfurt zeigen.

An ein Ende des Projektes denken die Schüler und Lehrer noch lange nicht. Sie haben schon für das kommende Schuljahr geplant. Dann wollen sie ein Haus der Gemeinden bauen – ein aus umklappbaren Wänden gestaltetes Modell. Vier Wohnungen (polnisch, deutsch, arabisch und jüdisch) sollen darin sein, durch die Besucher wie durch ein Labyrinth geführt werden und so die Lebensgewohnheiten und Kulturen kennen lernen. Klar werden soll dabei auch, so Peter Staffa, „dass wir alle gar nicht so verschieden leben". Bei der Stiftung „Erinnerung und Zukunft" läuft ein Projektantrag.

Doch eins ist nach wie vor nicht klar: Wo und von wem soll es künftig geführt werden? Denn die Schule, an der es in den vergangenen Jahren getragen wurde, das mehr als 300 Jahre alte Friedrichsgymnasium, ist Opfer der sinkenden Schülerzahlen und wird 2008 schließen. Zwar haben jetzt schon Vertreter anderer Gymnasien im Projekt mitgemacht, doch wo es konkret angesiedelt wird und vor allem, wo die dafür engagierten Lehrer eingesetzt werden, steht nicht fest.

MOZ vom 23.03.2007

Jiddisch und jiddische Literatur an der Viadrina

Bevor ich zu meinem eigentlichen Thema, Jiddisch und jiddische Literatur an der Viadrina komme, möchte ich zunächst kurz auf die Entwicklung der jiddischen Sprache und Literatur eingehen.

Kurzer Abriss über die Entwicklung der jiddischen Sprache und Literatur

Die jiddische Sprache entstand im Mittelalter zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert im süddeutschen Sprachraum. Es ist eine Mischsprache, die zum größten Teil aus einer germanischen Komponente besteht; darum wird Jiddisch auch meistens zu den germanischen Sprachen gezählt. Dazu kommt eine hebräisch-aramäische Komponente und später noch eine slawische sowie die anderer Sprachen, die allerdings so geringfügig sind, dass sie hier vernachlässigt werden können. Wie alle jüdischen Sprachen wird Jiddisch mit hebräischen Buchstaben geschrieben, ist also trotz sprachlicher Nähe für des Deutschen Kundige nicht unbedingt leicht zu lesen.

Jiddisch war in der Vergangenheit die Sprache des Alltags im Gegensatz zum Hebräischen, der Sprache des Tanach (1) und der Gelehrsamkeit. Dies spiegelt sich auch in der Literatur wider. D.h. die frühen jiddischen Texte sind „Gebrauchsliteratur“, z.B. Glossen für Lehrer, während die Kommentare zu Talmud und Tanach, also die hochgeschätzten Schriften, auf Hebräisch verfasst wurden.

Generell wird zwischen West- und Ostjiddisch unterschieden. Westjiddisch besitzt eigentlich keine Slawismen und war bis ins 18. und 19. Jahrhundert hinein im westlichen Europa weit verbreitet. Im Zuge der Aufklärung verschwand es immer mehr zu Gunsten des Deutschen. Ostjiddisch entwickelte sich aus dem Jiddisch, das die im 11. Jahrhundert im Zusammenhang mit den Kreuzzügen aus dem deutschsprachigen Raum vertriebenen Juden nach Osteuropa „mitbrachten“, zusätzlich der slawischen Komponente. Es war bis zur Vernichtung des osteuropäischen Judentums durch die Shoah die Sprache der Juden sowohl in Osteuropa als auch dort, wohin osteuropäische Juden ausgewandert sind, Nordamerika etc.

Nach der Shoah existieren nur noch versprengte Inseln des Jiddischen, z.B. unter den Frommen (2) in Israel und den USA sowie bei den wenigen sog. Jiddischisten.

Seit dem 19. Jahrhundert kann man von so etwas wie Weltliteratur auf Jiddisch, also Ostjiddisch, sprechen. Es gibt eine Vielzahl von SchriftstellerInnen, von denen leider einige völlig dem Vergessen anheim gefallen sind. Da Jiddisch auch im 20. Jahrhundert vor allem Alltagssprache war, gibt es sehr viele Zeugnisse des täglichen Lebens bzw. Überlebens von Juden in Europa auf Jiddisch.

Jiddisch und jiddische Literatur an der Viadrina - Zu den Veranstaltungen

Nun zu meinem eigentlichen Thema, den Veranstaltungen zur jiddischen Sprache an der Viadrina.

Seit dem Sommersemester 2003 werden relativ regelmäßig Kurse zu Jiddisch angeboten und zwar innerhalb der Kulturwissenschaften als unbezahlter Lehrauftrag am Lehrstuhl für die Geschichte Osteuropas. Die Veranstaltung findet als Block jeweils vier Mal im Semester an einem Sonnabend von 11 bis 17 Uhr statt. Da ich in Hamburg lebe und arbeite, ist es für mich zeitlich nicht anders einzurichten. Ich bin also nicht an der Viadrina angestellt, über den Lehrauftrag sozusagen als Hobby aus und bin darum kaum in die Universität in Frankfurt eingebunden, was durchaus von Nachteil ist.

Bisher habe ich drei verschiedene Veranstaltungstypen zu Ostjiddisch, also der Sprache, die bis zur Shoah von Juden im historischen Polen und später auch in der UdSSR gesprochen und gelesen wurde, angeboten.

Zunächst ist da die „Einführung in die jiddische Sprache und Kultur“, ein Seminar, das vor allem dem Spracherwerb, d.h. der Fähigkeit jiddischsprachige Texte zu lesen und zu verstehen, dient. In der ersten Sitzung werden alle 22 Buchstaben in drei Blöcken so eingeführt, dass schon gleich Wörter gebildet werden können, um die erworbenen Kenntnisse zu üben und zu vertiefen. Dabei arbeite ich mit dem Wiedererkennungseffekt von Worten, die dem Deutschen oder dem Polnischen ähnlich sind. Außerdem wird ein Einblick in die Entwicklung der jiddischen Sprache und Literatur gegeben. Dazu lernen wir die Umschrift, die sich am ehesten in wissenschaftlichen Kreisen weltweit durchgesetzt hat, die YIVO-Umschrift. Das Ganze wird von verschiedenen Tonbeispielen aus dem jiddischen Liedgut unterbrochen. Am Ende des Semesters steht eine Klausur, in der Leseverständnis sowie das richtige Anwenden der Umschrift geprüft werden. Ziel der Veranstaltung ist, dass die TeilnehmerInnen selber weiter Jiddisch betreiben können, in welcher Form auch immer, sei es als Historiker, Literaturwissenschaftler etc.

Im Fortsetzungskurs „Jiddisch 2“geht es um die Vertiefung der bisher erworbenen Kenntnisse, d.h. um Grammatik und die Lektüre jiddischsprachiger Texte. Meistens richte ich mich bei der Konkretisierung des Programms nach den thematischen Interessen der TeilnehmerInnen. Im Sommersemester 2007 haben wir z.B. folgende Gebiete behandelt: Grammatik (Zeiten, Modi, periphrastische Verben), J. L. Peretz (einer der Klassiker der jiddischen Literatur), die Literatur der Ghettos (Warschau, Wilna), Frauenliteratur und Literatur von Frauen, das Shtetl in der jiddischen Literatur, Birobidzhan (jüdische autonome Provinz) und Jiddisch in Israel. Die Studierenden sollen sich in ein Thema näher einarbeiten und entweder eine Hausarbeit dazu schreiben oder eine Unterrichtseinheit mit praktischem Teil übernehmen.

Auf Nachfrage hin habe ich einmal auch eine „Einführung in die jiddische Literatur“ angeboten, in der in einem Rundumschlag Kostproben aus der alten und neueren Literatur bearbeitet wurden, also nicht der Spracherwerb im Mittelpunkt stand, sondern Literatur in Übersetzung gelesen wurde.

Der Zulauf zu den Veranstaltungen ist immens. Zu meiner ersten Einführung kamen zwischen 20 und 25 Studenten, was als beachtliche Zahl an der eher kleinen Viadrina galt. Die anderen Einführungsveranstaltungen umfassten um die 50 Studierende. Eine so große Runde erleichtert den Erwerb einer Sprache nicht gerade, eigentlich sollte doch jeder die Möglichkeit haben zumindest ein Mal „dranzukommen“. Leider ist es mir mit meiner losen Verbindung zur Viadrina nicht möglich, zusätzlich Tutorien anzubieten, was eigentlich äußerst sinnvoll wäre.

In den Fortsetzungskursen sind es meist zwischen 15 und 20 TeilnehmerInnen, auch das noch eine stattliche Zahl. Bei der literarischen Einführung waren es sogar über 50 Studenten. Aus diesen Zahlen kann geschlossen werden, dass durchaus ein großes Interesse am Erlernen und Kennenlernen der jiddischen Sprache und Literatur besteht.

Zu den TeilnehmerInnen

Nun zu den Studierenden selbst und ihrer Motivation: Es sind sehr viele Polen, die vor allem an den Einführungsveranstaltungen teilnehmen, meistens mehr als zwei Drittel. Das freut mich natürlich, da meiner Meinung nach Jiddisch sehr viel mit der polnischen Geschichte zu tun hat und in Polen nur an wenigen Universitäten Jiddisch angeboten wird. Im Folgekurs sind es dann meistens mehr Deutsche, erstaunlicherweise fast mehr Männer als Frauen. An anderen Universitäten erlebe ich, dass die exotischen Sprachen, wozu sich Jiddisch zweifelsohne zählen kann, fast nur von Frauen gelernt werden. Dazu kommen relativ viele Studenten aus den Erasmus-Programm, also Franzosen, Ungarn, Litauer etc. Relativ viele TeilnehmerInnen kommen aus Berlin und zwar nicht nur die Studierenden der Viadrina, die es vorziehen in der Hauptstadt zu wohnen, sondern auch Studenten der Berliner Universitäten, an denen Jiddisch nicht angeboten wird. Die Meisten studieren Kulturwissenschaften, aber auch Wirtschaftwissenschaftler besuchen die Veranstaltungen.

Was ist die Motivation der Studierenden? Ich habe sie meistens am Endes des Semesters danach befragt. Oft ist das Interesse an jüdischer Geschichte und Kultur, besonders an den Festen, ein Grund für die Wahl des Kurses. Viele haben in irgendeiner Form einen jüdischen familiären Hintergrund, sei es, dass sie aus Russland oder Israel stammen oder dass ein Teil der Familie, z.B. die Großeltern, Jiddisch noch gesprochen haben. Eine polnische Studentin erzählte, ihr Vater hätte jiddische Bücher geerbt, sie wolle sie lesen können, auch das kann also ein Grund sein. Wieder andere sind an den hebräischen Buchstaben interessiert oder wollen gern eine fremde Schrift lernen. Vielen ist Jiddisch durch die Klezmermusik und die jiddischen Lieder ein Begriff und dann auch Anlass die Sprache zu lernen. Einige, besonders Linguisten und Soziolinguisten lernen gern exotische Sprachen und möchten die Palette durch das Jiddische bereichern. Eine sagte sogar, sie lerne Jiddisch als Einstieg für modernes Hebräisch, was meiner Meinung nach nicht klappen wird, denn Ivrith ist eine komplett andere Sprache.

Generell ist der Bereich an der Viadrina sicherlich ausbaufähig. Ich habe auch schon eine Bachelor-Arbeit betreut und bin wiederholt als Prüferin gefragt worden. (3)

Es handelt sich bei diesen Veranstaltungen also um eine Spurensuche anderer Art als wenn man z.B. der Geschichte eines bestimmten Ortes nachgeht. Mit dem Erwerb der jiddischen Sprache wird ein Werkzeug an die Hand gegeben, mit dem das ehemalige alltägliche Leben von Juden in Polen erforscht werden kann, von dem in einer Vielzahl verschiedener jiddischsprachiger Quellen berichtet wird.

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

 


(1) Hebräische Bibel.

(2) Chassidim.

(3) Schon erstaunlich, dass ein unbezahlter Lehrauftrag zu einer Stütze der universitären Lehre werden kann.

Zum Umgang mit jüdischen Mitbürgern in Heimatblättern der Vertriebenen am Beispiel Crossen

Als ich mein Gedicht mit dem Titel „Meine jüdischen Erinnerungen“ (1) dem Redakteur der Crossener Heimatgrüße (im folgenden CH) Hanns-Ulrich Wein im Jahr 1985 zur Veröffentlichung anbot, bekam ich folgende Antwort: „Ich bin der Meinung, dass ich in den ‚Heimatgrüßen’ das Unrecht, das unseren Crossener jüdischen Mitbürgern angetan wurde, nicht totgeschwiegen habe. So erfolgte der Hinweis, dass die Crossener Juden schon lange vor 1945 von ihren eigenen deutschen Landsleuten ‚vertrieben’ worden sind, im Rahmen der Veröffentlichung des Lebensbildes des inzwischen verstorbenen Herrn Salinger (San Francisco). [CH 2/75 , S. 3 ]. Das führte damals zu einem ziemlichen Wirbel. Herr Rudolf Zeidler [Herausgeber des Crossener Tageblatts bis 1945 ] schrieb einen empörten „Gegenartikel“, den er schließlich nur als Leserbrief veröffentlicht wissen wollte, den ich aber – das einzige Mal, dass ich die Veröffentlichung eines Leserbriefes ablehnte – nicht brachte. Daraufhin wurde dieser Text mit Hilfe unseres Heimatkreisbetreuers bei mindestens einem Treffen als Umdruck verteilt und entsprechend gegen mich polemisiert. Nun, das ist mittlerweile auch schon ‚Geschichte’.“ Salinger (2) ging noch rechtzeitig nach Schanghai und von dort 1945 nach San Francisco.

Im Mai 1989 entschloss sich Hanns-Ulrich Wein, das Gedicht doch abzudrucken: „Ihr Gedicht sehe ich zur Veröffentlichung vor zusammen mit einem Artikel über die Geschichte der Juden in Crossen. Für einen solchen Aufsatz habe ich schon einigen Stoff gesammelt. Ihr Gedicht passt thematisch gut dazu. Natürlich gibt es unter den Kreis-Crossenern auch unverbesserliche ‚Nazis’. Trotzdem hatte und habe ich keine Bedenken, das Thema in Tendenz-Übereinstimmung mit Ihnen anzufassen.“

Wein gab dem Gedicht eine andere Überschrift: „Es geschah in unserer Oderstadt“. Es stand jetzt am Ende eines Artikels [CH 1/90, S. 3-5 ], der eine Haupt- und zwei Nebenüberschriften hatte: Das Leben und Leiden der jüdischen Mitbürger / Landsleute, schon vom NS-Regime heimatvertrieben und teilweise in Gaskammern ermordet / Pogrome in Crossen bereits 1349 und 1573 – Zuwanderung von Osten und Berufserfolge ab 1840. H.-U. Wein und Richard Schulz (Pseudonym „d.z.“) waren die Autoren. Durch den historischen Schwerpunkt des Aufsatzes wurden die Schicksale und die konkreten Namen von Menschen hier verdrängt.

Ich kann nur exemplarisch über die Heimatblätter der Vertriebenen von Crossen/Oder berichten: Das betrifft die Crossener Heimatgrüße (1949 bis 1968: Redakteur Karl Wein; 1969 bis 1995: Redakteur Hanns-Ulrich Wein) und das Crossener Heimatblatt (seit 1996: Redakteur Fritz Paschke). In den beiden Heimatblättern ist natürlich noch öfter etwas über die Juden in Crossen erschienen. So schrieb Rudolf Zeidler in den CH 11/58, S. 3-4: „ … von unseren jüdischen Mitbürgern“. Da ist von „Fellchen-Bernhardt“ die Rede, der mit einem klapprigen Handwagen Felle zu kaufen suchte – der vielleicht Ärmste. Einen Antisemitismus gab es – nach Zeidler – vor der Nazizeit nicht, „Jude“ sei zunächst kein Schimpfwort gewesen. Viele jüdische Söhne hätten zu Zeidlers Schulfreunden gezählt, darunter H. Salinger. In den CH 6/54, S. 4 berichtet Zeidler, dass die Juden in Crossen „so ziemlich den gesamten Textil- und Getreidehandel in Händen hatten, während Handwerk ihrer Rasse nicht lag“. Die Verwendung des Begriffs der jüdischen „Rasse“ und die Aussage über ihre Stellung zum Handwerk – zeigen, wie hier und an anderer Stelle die Nazi-Propaganda in der Sprache und Aussage weiterwirkt. Zeidler selbst spricht nämlich davon, die Zweckpropaganda gegen die Juden sei nach 1933 „unter Druck“ auch im Crossener Tageblatt und im Crossener Kreiskalender üblich gewesen; beide Zeitungen hatte er selbst herausgegeben. Und Karl Wein war an beiden Produkten als Redakteur oder Schriftleiter beteiligt. Bei den Trümmern des zerstörten Coventry sei der Name zum Begriff geworden, schreibt Wein 1942 zu entsprechenden Bildern. Später sei Crossen ausradiert worden, heißt es in einem Bild-Text [Crossen-Broschüre, 1959 ]. 1941 schreibt Wein im Crossener Kreiskalender „Von den Juden in Crossen“ – ein ausgesprochen übler Text!, auf Druck geschrieben?

Zeidler und Salinger schreiben Erinnerungsartikel und erwähnen zahlreiche Namen jüdischer Bürger, deren Spuren verfolgt werden können: CH 6/54, S. 3-5, 4/74, S. 1-3. Es ist jedoch ein Verdienst Hanns-Ulrich Weins, dass er den Spuren des in Crossen tätigen Gymnasiallehrers Moses Calvary (1874-1944) nachgegangen ist, der als aktiver Zionist in der jüdischen Jugendbewegung prägend tätig war. 1922 war er mit seiner Familie nach Palästina ausgewandert und starb dort nach fruchtbarem Wirken als „Israels Pestalozzi“ [CH 4/95, S. 15-16 ]. Karl Wein hatte 1941 in dem schon erwähnten Aufsatz geschrieben: „Ja, es kam so weit, dass am Crossener Progymnasium längere Jahre hindurch ein jüdischer Studienrat unterrichtete“. Für mich ist hingegen das Zeugnis Klabunds, seines Schülers, wichtig: „Calvary war der einzige, mit dem sich standesgemäß verkehren ließ“ (1911). Frau Anneliese Lommatzsch schreibt [CH 6/95, S. 43]: „Moses Calvary übte mit uns auf dem Schlosshof [in Crossen] Volkstänze für das Sonnenwendfest 1912 auf den Rusdorfer Höhen. Ich war dabei.“

Die Mitarbeit der Leser kann sehr fruchtbar werden, wenn sie sich im Sinne der Zeitzeugen erinnern. Hans Gaertig (* 1924) schreibt im Crossener Heimatblatt 3/2002: „Mit meiner Mutter kam ich auf dem Weg von der Bismarckstraße zur Stadt an den noch rauchenden Trümmern der Synagoge vorbei. Wir wurden von einem älteren, entfernt verwandten Fräulein angehalten. Sie wohnte im Gohrschen Hause, war schwerhörig und kleinwüchsig. ‚Mariechen’ sagte sie erregt, ‚das ist ein großes Unrecht! Gott wird sich das nicht gefallen lassen, dass man sein auserwähltes Volk so behandelt! Das wird sich noch in Zukunft zeigen!’ Ich war damals 14 Jahre alt und lächelte innerlich über die ‚verschrobene Alte’. Vom Lachen darüber wurde ich spätestens sieben Jahre später restlos geheilt. Wie recht hatte Tante Erna mit ihrer Prophezeiung! Übrigens sahen wir Dr. Köhler, den praktischen Arzt, er war Jude, aus der Dammstraße, im Gespräch mit den Feuerwehrleuten. Wie es sich herausstellte, wollte er den Leichenwagen der jüdischen Kultusgemeinde aus der Remise retten; diese war an der Ostseite der Synagoge angebaut. Wir sahen die Feuerwehrleute die Köpfe schütteln. Nein, es musste alles verbrennen! Man wollte nur die angrenzenden Gebäude schützen vor übergreifendem Feuer. Ich stimme übrigens Helmut Reinicke zu, dass die Synagoge am 10. November brannte.“

Ein wichtiger Mitarbeiter von Hanns-Ulrich Wein war Richard Schulz (1917-1990). Er war als Schwerverwundeter (Beinamputation) am 6. Februar 1945 in seine noch unzerstörte Heimat zurück gekommen. Sein Elternhaus hatte bis 1938 Wand an Wand mit der Synagoge gestanden. In der DDR war er Lehrer u.a. in Fürstenwalde und Brandenburg an der Havel (Ruhestand). Er hat wie kein anderer über Crossen/Oder und die Jüdische Gemeinde gearbeitet, so auch für die Crossener Heimatgrüße. Kürzlich habe ich im Archiv des Centrum Judaicum zu Berlin seine Arbeiten über die 32 jüdischen Familien Crossens gesehen.

Eine davon ist die kinderreiche Familie Traugott [CH 2/89, S.5; 4/89, S.18; 5/90, S.13]. Der jüdische Reise- oder Handelsvertreter war eigentlich Altwarenhändler und ernährte seine kinderreiche Familie mühselig. Im Ersten Weltkrieg hatte Vater Traugott das Eiserne Kreuz 1. Klasse erhalten. Im August des Jahres 1936 rettete der Feldwebel Dagobert Winter das etwa 15jährige Mädchen Lotte Traugott aus der Oder, wo es zu ertrinken drohte. Winter erfuhr, dass er die Tochter des jüdischen Trödlers Traugott gerettet habe. Sein Kommandeur Major von Geyso schlug ihn für die Rettungsmedaille vor, die schon Bismarck erhalten hatte. Bedenken wegen des jüdischen Mädchens wies er scharf zurück. So kam es dazu, dass Adolf Hitler eine auf den 20. April 1937 datierte Urkunde über die ehrenvolle Rettung eines jüdischen Mädchens unterschrieb. Dagobert Winter fragte sich 1989 allerdings, ob er dem Mädchen damit einen Gefallen getan habe: bis auf einen Sohn – so hörte Winter – sei die Familie Traugott Opfer der Vernichtungsaktionen geworden.

Hildegard Richter geb. Henke ist vom 6. bis zum 16. Lebensjahr im Haus der jüdischen Familie Baschinski groß geworden. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie in den CH 3/90, S. 19-20, unbefangener als andere davon berichten kann, wie es jüdischen Mitbürgern ergangen ist. Im Israelitischen Altersheim in Berlin traf sie 1946 die fast 90jährige Frau Baschinski wieder. Sie hatte in Auschwitz dreimal vor der Tür zur Gaskammer gestanden. Als Kind hatte Hildegard Henke die vielen Goldzähne von Frau Baschinski bewundert: in Auschwitz gab sie einen Zahn nach dem anderen am Lagerzaun für trockenes Brot weg. Nach dem Krieg, als sie von den Russen befreit worden war, hatte sie noch zwei Zähne.

Nicht mehr behandelt werden in dieser Zusammenstellung die jüdischen Umschulungslager Schniebinchen und Jessen [CH 3/95, S. 30 und 4/95, S. 30] , die Familie Hugo Lesser und Werner Pinkus [CH 3/84, S. 17]. Die Sonderausgabe „1000 Jahre Crossen“ vom Crossener Heimatblatt enthält auf S. 22-23 einen Aufsatz „Die Juden beförderten Handel und Wandel“ (eigentlich: „Von den Juden in Crossen“).

Im Laufe der Jahre hat sich das Geschichtsloch zwischen 1933 und 1945 etwas gefüllt. Mein Wunsch wäre, dass sich die „Erlebnisgeneration“ zur „Erkenntnisgeneration“ wandelt. Ich schließe mit einem Gedicht (3).

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion


Anmerkungen

(1) Meine jüdischen Erinnerungen, Wilfried C. Reinicke: Der Mutter half 1936 bei meiner Geburt / nicht Dr. Schlesinger, früherer Hausarzt. / Er war schon heimatvertrieben, / ehe es Heimatvertriebene gab. / Kam er gut davon? / Deutscher wie andere Mitbürger auch? / Mein Geburtshelfer hieß Dr. Otto. / Zweieinhalb Jahr bin ich, / sehe am Tag die Feuerwehr löschen, / die ältren Geschwister eilen von der Schule herbei: / „Sichdichfür“ heißt die Straße, / Vorsicht des Hochwassers wegen. / Doch sind die Flammen gelegt, / es kommt nicht von selbst, / was das Eckhaus zerstört. / Später das Stück grüner Rasen, / wo Synagoge, Gotteshaus war. Arisiert wurde der Markt, / wo Kollegen des Vaters / den Handel betrieben. / „Jude“ – erst wischen sie’s ab: / Grüntal, Treuherz, Cassirer. / Dann hieß es, die hätten die Steuer / geprellt und seien ins Ausland geflohn. / Habt ihr es vergessen? Erinnert euch! Sie mussten flüchten ums Leben; / Eure Flucht kommt später, / alles der Reihe nach! / Haben sie euch gefehlt, / hab ihr gedacht an sie manchmal? / Wer hat ihre Gräber gepflegt? / Ich weiß, wo der Friedhof lag. Lange war es umstritten, / ob Crossen sich recht schreibt mit C oder K. / Die Entscheidung fiel dann für K, / und „Krosno“ heißt diese Stadt jetzt. / Ich verließ sie in Kälte und Schnee. / Weiß war nicht die Unschuld.

(2) H. Salinger erinnert sich an die Bürger jüdischen Glaubens. Mit 89 Jahren Rentner in San Francisco – über Schanghai in die USA. Ein treuer Leser der Heimatgrüße ist Landsmann Hermann Salinger, 185, 24th Avenue. San Francisco, Californien. 94121. Die Zeitumstände führten dazu, dass er nur noch mit wenigen Crossenern Kontakt hat. Er erzählt aber gern von der unbeschwerten Jugendzeit, was insbesondere in dem von ihm verfassten Artikel „Pennäler und Pauker um die Jahrhundertwende" in der Nr. 4/1974 zum Ausdruck kam. Der Redakteur hat Landsmann Salinger gebeten in der Serie ‚Kreis-Crossener im fremden Land’ einmal die Gedanken eines Crossener Bürgers jüdischen Glaubens darzustellen. Er meint, dass die Heimatgemeinschaft eine solche Stimme hören, beachten und sich zu Herzen gehen lassen sollte.

„Bis zum Beginn des 1000-jährigen Reiches haben alle Bürger Crossens, gleich welcher Religion, in Harmonie gelebt und sind ihren verschiedenen Berufen friedlich nachgegangen. Durch das Hitler-Regime wurde es schlagartig anders. Viele Crossener wandelten sich und zeigten ein fremdes Gesicht, nur um der sogenannten Führung zu gefallen. Sie wurden Nazis, und gerade die kleinen Nazis zeigten, was sie konnten. Die völlig unschuldigen Bürger jüdischen Glaubens wurden ihrer Berufe beraubt, durften nur zu bestimmten Zeiten einkaufen, wurden drangsaliert, denunziert und verhaftet, ohne jeden Grund, nur wegen des Glaubens. Ich – ein Crossener Kind – bin einer der letzten meiner Generation. Einige jüngere Crossener jüdischen Glaubens leben noch zerstreut in fremden Ländern. Meine Jugendfreunde sind umgekommen. Die jüdische Gemeinde in Crossen – wohl etwa 150 Seelen – war eine ruhige, anständige Gemeinschaft, die keinerlei Ursache zu missliebigen Ereignissen gab. Die Synagoge am Sichdichfür war das Bethaus. Die alte Generation hat noch die überkommen Gebräuche innegehalten, später wurde freidenkender gehandelt, doch das Judentum blieb gewahrt. Weit vor der Zeit des Nationalsozialismus, als wir noch sorgenlos lebten, fühlten wir jüdischen Schüler allerdings dann und wann schon antisemitische Aversionen, die sich auch auf manche Lehrer übertrugen. Die jüdischen Familien in Crossen traten jedoch als Gemeinschaft niemals in den Vordergrund. Die Simons, Holdes, Krohns, Rosenbaums, Salinger und alle anderen waren anständige Menschen, die sich bemühten, zum Fortschritt und zum Wohlstand der Stadt ihren Anteil beizutragen. Dennoch gab es viele Leute, die mit Verachtung vom „Juden Just“ oder „Juden Holde“ sprachen. Das Nationalbewusstsein der jüdischen Bürger Crossens war von dem der andersgläubigen Einwohner der Stadt nicht zu unterscheiden. Bei allen Festlichkeiten wurden die Nationalfarben gezeigt und mit Stolz wurde von den nationalen Ereignissen der Vergangenheit erzählt. Die 52er waren auch unser Stolz. Im ersten Weltkrieg standen die jüdischen Bürger im Felde, ließen ihr Leben und wurden verwundet wie alle anderen; es gab da keinen Unterschied in unserem Städtchen. Als das Hitler-Regime kam, wurde es anders. Nur wenigen jüngeren jüdischen Crossenern gelang es, die Heimat zu verlassen. Die meisten mussten unschuldig ihr Leben lassen. Es besteht also ein Unterschied zwischen den ehemaligen jüdischen Einwohnern und den Vertriebenen. Die Crossener Juden wurden von eigenen Landsleuten im Frieden aus der Heimat verjagt. Die anderen Crossener verloren ihre Heimstätten durch die Kriegshandlungen und ihre Folgen. Die jüdischen Vertriebenen hatten es viel schwerer, sich den Sitten und Gebräuchen der fremden Länder anzupassen. So landete ich mit meiner Frau – wir hatten je zehn Mark in der Tasche – in Shanghai. Um uns sprach man Chinesisch, wovon wir kein Wort verstanden. Wir mussten alle vorhandene Willenskraft und viel Fleiß aufwenden, um uns durchzusetzen. Nach Kriegsende kamen wir in die USA. Zunächst lebten wir neun Jahre in Cleveland (Staat Ohio). 1957 zogen wir nach San Francisco. Bis zu meinem 75. Lebensjahr habe ich als Fahrstuhlführer gearbeitet. Meine liebe Frau – in Neumarkt (Schlesien) geboren – begleitete mich durch dick und dünn. Leider ist sie im September 1973 gestorben, für mich ein unersetzlicher Verlust! Als 89jähriger Rentner genieße ich nun das schöne San Francisco und seine Umgebung, zum Beispiel den Lake Tahoe, das Spielerparadies Las Vegas und den Yosemite-Nationalpark, wo Bären in freier Wildbahn herumlaufen. September, Oktober und November sind hier die schönsten Monate. Mit wenigen Crossenern habe ich Kontakt. Zerstreut leben sie im Staate New York, in Wisconsin und in Toronto/Canada. Auch meine drei Brüder leben nicht mehr. Doch das Andenken bleibt, ich habe meine Heimatstadt Crossen nicht vergessen.“ (Crossener Heimatgrüße Nr. 2, 1975)

(3) Post mortem, Wilfried C. Reinicke: Meine Mutter fuhr oft nach Lodz / in jenen Jahren, / als es Litzmannstadt hieß / und im Reichsgau Wartheland lag. / Sie fuhr in Geschäften, / den Textilien des Vaters. / Wohl brachte sie ihren Kindern was mit, / doch keine Kunde vom Ghetto. / Gefunden in einer / berüchtigten Büchse in Auschwitz unter Asche und Knochen der Schreiber, / erreichen mich jetzt erst / ihre jiddisch geschriebenen Briefe aus Litzmannstadt. / 14.7.1984

Jüdischem Leben an der Oder auf der Spur

Workshop vereinte Polen und Deutsche in Groß Neuendorf

Groß Neuendorf. Am Sonntag fand im Landfrauencafé Groß Neuendorf ein Workshop statt, der sich den Spuren jüdischen Lebens links und rechts der Oder widmete. Eingeladen hatte die Deutsch-Polnische Gesellschaft im Rahmen des Projekts „Spurensuche alte, neue, fremde Heimat in der deutsch-polnischen Grenzregion“. Es ist eingebettet in das überregionale Projekt \"Zivile Brücken – Mosty spoleczne“ der Integrationsbeauftragten des Landes Brandenburg, Karin Weiss, die dieses Projekt in Groß Neuendorf vorstellte.

Den Auftakt bildeten drei sehr interessante Kurzvorträge über die Geschichte der Juden in Brandenburg und Pommern, wobei die Städte Wriezen, Gorzów Wlkp. (Landsberg a.W.) und Szczecin (Stettin) als exemplarische Beispiele besonders beleuchtet wurden. Der Historiker Robert Piotrowski berichtete u.a., dass die repräsentative Synagoge in Landsberg an der Warthe (Gorzów) aus dem Jahre 1854 als ausgebrannte Ruine noch Ende der 50-er Jahre gestanden hätte.
In allen drei Vorträgen erfuhren die Zuhörer viele neue Fakten zum jüdischen Alltagsleben und zu den Lebensspuren der jüdischen Minderheit. In Stettin existiert noch heute eine kleine jüdische Gemeinde, deren Aktivitäten jedoch immer geringer werden, weil sie an Überalterung leidet. Dagegen gibt es in Frankfurt (Oder) und in Bernau vor etwa zehn Jahren neu gegründete jüdische Gemeinden, die einen völlig anderen Charakter tragen und deren Mitglieder in erster Linie russische Einwanderer jüdischen Glaubens sind.

In der Wojewodschaft Westpommern haben Mitarbeiter des Stettiner Denkmalamtes 68 Orte erfasst, an denen sich mehr oder weniger gut erhaltene jüdische Friedhöfe befinden. Wenn sie die Nazizeit überdauert haben, wurden sie nach 1945 zerstört. Wo noch Grabsteine erhalten sind, will man sie wieder aufstellen und die Friedhöfe als Kulturdenkmal kennzeichnen. Eine umfassende Registrierung und Kartierung soll dazu dienen, diese Friedhöfe künftig besser zu schützen.
Auch in der ehemaligen DDR ging man nicht mit jedem jüdischen Friedhof wie mit einem Kulturdenkmal um. Während die jüdischen Friedhöfe von Wriezen und Oderberg immer gepflegt wurden, ließ man die Begräbnisplätze von Seelow, Groß Neuendorf und Bad Freienwalde verfallen. In Seelow und Bad Freienwalde wurden sie gänzlich abgeräumt. In Groß Neuendorf ist es zwischen 1992 und 1994 mit der Hilfe vieler Jugendlicher gelungen, den jüdischen Friedhof hervorragend zu restaurieren. Nach nun schon wieder 15 Jahren präsentiert sich dieser historische Ort, auf dem 1911 die letzte Beerdigung stattfand, in einem sehr guten Zustand. Davon konnten sich die Teilnehmer des Workshops persönlich überzeugen, als sie von den anwesenden Spezialisten über den Friedhof geführt wurden.

Auf großes Interesse stieß ein Schülerprojekt, das Tomasz Watros aus Skwierzyna (Schwerin an der Warthe) vorstellte. Dort gibt es den wohl größten erhaltenen jüdischen Friedhof im ganzen Oder- und Wartheland mit immerhin noch 250 Grabsteinen. Zusammen mit einer Partnerschule in Büren bei Paderborn haben Schüler in Skwierzyna gemeinsam an einem Projekt mit dem schönen Namen „Die Vergangenheit wieder finden – nur noch Steine sprechen hebräisch“ gearbeitet.
Sie spürten Grabsteine auf, die in den 60-er und 70-er Jahren zur Uferbefestigung von Meliorationsgräben missbraucht wurden und brachten sie auf den jüdischen Friedhof zurück. Finanziell wurden sie dabei von der Ford-Stiftung unterstützt, haben selbst weitere Sponsoren gesucht, einen Multimediaführer erarbeitet und Nachkommen der in Schwerin Begrabenen in der ganzen Welt aufgespürt.

Zu all diesen Aktivitäten gab es unter den mehr als 50 Teilnehmern des Workshops lebhafte Diskussionen. Dabei kamen manche Unterschiede im Umgang mit den jüdischen Hinterlassenschaften dies- und jenseits der Oder zum Vorschein. Alle waren sich aber dahin gehend einig, dass es in den heute polnischen Westgebieten um Relikte der deutschen Vergangenheit geht, die in der historischen Betrachtung auch so behandelt werden müssen.
Fazit dieser sehr anregenden und interessanten Veranstaltung: Die jüdische Geschichte ist als lebendige Geschichte aufzufassen. Sie ist ein untrennbarer Bestandteil sowohl der polnischen als auch der deutschen Vergangenheit und lebt weiter fort. Am Ende des Tages wurde festgestellt, dass auf beiden Seiten der Oder vieles zur Wiederentdeckung der Spuren einstigen jüdischen Lebens getan wird. Es gebe aber zu wenig gemeinsame Projekte. Es sei nicht gut, wenn der eine etwas unternimmt und den anderen lediglich zum Mittun animiert. Gemeinsame Projekte müssten auch gemeinsam vorbereitet und mit geeigneten Kooperationspartnern durchgeführt werden. Dazu wurden aus Schwedt, Eberswalde, Skwierzyna und Zielona Góra interessante Vorschläge gemacht. Eine Frage bewegte alle Beteiligten gleichermaßen: Wie können Jugendliche ermuntert werden, sich mit politischen und kulturhistorischen Themen zu befassen und was brauchen sie dazu? Hier sind Lehrer, Eltern, Fachleute und auch die regionale Politik gefordert, die den Erkenntnisprozess bei den Jugendlichen ohne Zwang befördern und begleiten müssen.

Unser Autor Dr. Reinhard Schmook ist Leiter des Oderlandmuseums Bad Freienwalde und war als Referent Mitgestalter des Workshops.

Märkische Oderzeitung, 19.6.2007, Lokalausgabe Seelow

Aus Synagoge wurde Wohnhaus

Jüdische Bürger waren einst auch in den Dörfern im Oderbruch zuhause. Doch die Zeugnisse, die an sie erinnern, sind fast überall verschwunden. Außer in Groß Neuendorf. Dort steht die letzte Dorfsynagoge im Oderbruch, um dessen Erhalt sich Eigentümer Jens Jesse sehr bemüht.

Seit 1847 gibt es eine jüdische Gemeinde in Groß Neuendorf, die zunächst von Letschin aus verwaltet wurde. Ihre einflussreichsten Mitglieder kamen aus der Familie des jüdischen Kaufmanns Michael Sperling, für die Groß Neuendorf ein zentraler Stützpunkt ihres Getreidehandels war. Das mag eine Rolle gespielt haben, als der Gemeindevorstand 1864 beschloss, den Sitz der Gemeinde nach Groß Neuendorf zu verlegen. Stifter des Synagogenverbandes, zu dem Klein und Groß Neuendorf, Kienitz, Ortwig, Sophienthal und Gerickensberg gehörten, waren natürlich die Sperlings. Die Gemeinde bekam 1865 eine eigene Synagoge, die an ein Wohnhaus angebaut wurde, das Michael Sperling für seine Arbeiter hatte errichten lassen.

Die Synagoge hat die Zeit bis heute überdauert, auch wenn sie längst nicht mehr als das genutzt wird, wofür sie einst gebaut wurde. Nach dem Krieg wurde sie zu einem Mietshaus und soll auch als Hühnerstall gedient haben. 1987 begann ein großer Umbau. Aus dem Gottes- wurde ein Wohnhaus. Sabine Grocholski, die später hier einzog und in der alten Synagoge ihre Kinder großzog, erinnert sich, dass während der Sanierung Leute vom Denkmalschutz kamen und die blaue Decke mit den goldenen Sternen, die einst die Synagoge zierte, fotografierten. Heute ist davon nichts mehr sichtbar. Das wurde damals alles zugebaut, sagt Jens Jesse, der seit eineinhalb Jahren Eigentümer der Immobilie ist.

Er hatte die Synagoge samt dem Wohnhaus, an das sie angebaut ist, Ende 2005 erworben und hat seit dem gemeinsam mit seinem Vater viel Arbeit investiert, um das Gebäude zu erhalten. Denn der Zustand des Hauses war, als Jesses es übernahmen, bedenklich. Der Außenputz war stark angegriffen und Innenwände in der Synagoge schimmelten. Grund seien Baufehler gewesen, die auf die Arbeiten Ende der 80er Jahre zurückgehen, sagt Ernst Jesse.

Er und sein Sohn Jens haben die Synagoge innerhalb von drei Monaten trocken bekommen. Und dann wurden sie vom Denkmalschutz mit der Nachricht überrascht, dass ihre Synagoge, die die letzte Dorfsynagoge im Oderbruch ist, wegen ihrer religions-, orts-, regional- und baugeschichtlichen Bedeutung in die Denkmalliste des Landes Brandenburg aufgenommen wurde. Die Jesses fühlten sich überfahren, weil sie beim Ortstermin der Denkmalschützer nicht dabei sein konnten, denn die hatten ihnen einen falschen Termin genannt.

Inzwischen, sagt Ernst Jesse, sei das Verhältnis zum Denkmalschutz ein sehr gutes. "Wir wissen um die Bedeutung dieses Hauses und wollen dem natürlich auch gerecht werden", sagt er. Und er weiß, dass die letzte Dorfsynagoge im Oderbruch natürlich auch ein Anziehungspunkt für Touristen ist. Allerdings wünscht er sich von denen, dass sie Rücksicht darauf nehmen, dass in diesem Haus Leute wohnen. Wenn sich jemand mit dem Fahrrad mitten ins Erdbeerbeet stellt, um Fotos von dem Haus mit den markanten Spitzbögen zu machen, sei die Grenze des Zumutbaren überschritten, sagt er.

An die Stelle, wo einst das Hinweisschild auf die Synagoge an der Hauswand hing, hat Jens Jesse nun ein Baustellenschild geschraubt, um die Besucher darauf aufmerksam zu machen, dass sie zu ihrer eigenen Sicherheit nicht überall auf dem Privatgrundstück herumlaufen können. Das Synagogenschild übergab er an die Gemeindeverwaltung Letschin, die es nun auf öffentlichem Grund wieder aufstellen will.

Märkische Oderzeitung, 18.07.2007, Lokalausgabe Seelow

Jüdische Spuren im deutsch-polnischen Grenzgebiet

Jüdische Geschichte im heutigen deutsch-polnischen Grenzgebiet ist eine geteilte Geschichte und vielleicht deswegen nicht genug erforscht, auf beiden Seiten der Grenze. Dennoch gibt es sowohl in Polen als auch in Deutschland eine nicht geringe Zahl von Initiativen, die sich dem schwierigen Thema widmen: akademische Forschungsprojekte, Schülergruppen, Lokalhistoriker. Einige von ihnen kamen Mitte Juni nach Groß Neuendorf an der Oder, um an einem Workshop teilzunehmen, der von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Brandenburg im Rahmen des Projektes „Spurensuche“ organisiert wurde.

Das Antlitz des kleinen Ortes im Oderbruch trägt bis heute Spuren seiner jüdischen Vergangenheit. Mitte des 19. Jahrhunderts gründete der jüdische Getreidegroßhändler Michael Sperling aus Berlin hier eine Filiale seines Betriebes. Das Unternehmen muss erfolgreich gewesen sein, davon zeugen zwei Verladetürme des nicht mehr existenten Hafens am Oderufer, die vor einigen Jahren renoviert wurden und heute als Hotel und Café genutzt werden. Michael Sperling war es zu verdanken, dass in dem Ort eine jüdische Gemeinde entstand. Ein Grundstück für einen Friedhof wurde erworben und eine bescheidene Synagoge erbaut. Sowohl der kleine Friedhof als auch das Gebäude der ehemaligen Synagoge sind erhalten geblieben. Die Synagoge, in der bis 1910 Gottesdienste abgehalten worden sind, wurde zur DDR-Zeit zu einem Wohnhaus umgebaut, nur die charakteristischen Bögen an den Fenstern lassen seine frühere Bestimmung erkennen. Der alte Friedhof am Rande des Ortes überdauerte vergessen und vernachlässigt den Krieg und die Nachkriegszeit und wurde Anfang der 1990er Jahre pietätvoll restauriert. Heute kann man die 29 übriggebliebenen Grabsteine besichtigen, darunter auch den von Michael Sperling. Die Gemeinde Groß Neuendorf bemüht sich, die Geschichte ihrer jüdischen Bewohner anhand dieser wenigen Spuren zu pflegen und weiter zu vermitteln. Es gibt eine Broschüre mit den wichtigsten Informationen, eine Tafel informiert auf Deutsch und Polnisch über die Vergangenheit der jüdischen Gemeinde. Über das Schicksal ihrer letzten Mitglieder weiß man allerdings kaum etwas.

Groß Neuendorf ist ein gutes Beispiel, wie man mit der vergessenen Geschichte umgehen kann, daher war der Ort besonders geeignet für den Workshop zu jüdischen Spuren. Reinhard Schmook aus Bad Freienwalde nannte einige andere Orte im Oderbruch, in denen man sich mit der Geschichte der Juden befasst, so Oderberg, Seelow, Küstrin und nicht zuletzt Wriezen, in dem sich der wahrscheinlich besterhaltene jüdische Friedhof ganz Brandenburgs befindet. Über diesen Friedhof berichtete Brigitte Heidenhain, die an einer detaillierten Dokumentation über 150 aus drei Jahrhunderten stammende Grabsteine arbeitet. Beide Referenten lieferten auch allgemeine Informationen zur Geschichte der Juden in Brandenburg, die allerdings noch lange nicht in die Geschichte der Region integriert zu sein scheint. Das Interesse der deutschen Forscher endet übrigens an der deutsch-polnischen Grenze. In den Blättern der deutschen Vertriebenen erscheint das Thema sporadisch und nicht ohne Widerstände, worüber Wilfried Reinicke am Beispiel seiner Veröffentlichungen in den Crossener Heimatgrüßen berichtete.

Die jüdischen Spuren auf dem heute polnischen Gebiet der ehemaligen Neumark und im polnischen Pommern haben sich in zwei Schichten abgelagert. Die tiefere umfasst die Geschichte der deutschen Juden bis 1945, die zweite, jüngere Schicht betrifft die polnisch-jüdischen Überlebenden, die nach 1945 in bestimmten Orten dieser Gebiete angesiedelt wurden. Anscheinend gibt es hier keine Berührungspunkte. Robert Piotrowski aus Gorzów Wielkopolski (ehemals Landsberg an der Warthe), der sich mit der Geschichte der (überwiegend deutschen) Juden in der Stadt und in der Neumark befasst, sagte zutreffend: „Es ist eine Niemandsgeschichte ohne Erben.“ Das scheint jedenfalls die Internetseite der polnischen Stiftung zur Bewahrung des jüdischen Erbes zu bestätigen, die u.a. schulische Projekte unter der Parole „Bringen wir die Erinnerung zurück“ in ganz Polen initiiert, fördert und für sie eine Kommunikationsplattform schafft. Auf der Karte Polens sind unzählige Projekte markiert, aber kaum welche im polnischen Westen.

Es gibt aber auch gegenteilige Tendenzen. Andrzej Kirmiel aus Zielona Góra (Grünberg) und Tomasz Watros aus Skwierzyna (Schwerin an der Warthe), beide ausgesprochene Experten in jüdischen Themen, berichteten eindrucksvoll von ihren Aktivitäten im Rahmen von schulischen und außerschulischen Projekten. Jugendliche, die von ihnen inspiriert und angeleitet werden, begeben sich nicht nur gemeinsam auf eine intensive Spurensuche, sondern schaffen auch einen Raum, in dem sie eigenständig den Bezug zu ihrem Lebensort und damit ihre eigene Identität sowie politisch-geschichtliche Kompetenzen und Handlungsweisen erarbeiten und entwickeln können. Sie haben etliche Erfolge zu verzeichnen: Sie gewinnen ein fundiertes historisches Wissen über ihre Orte und deren Umgebung, lernen mit den Behörden zu verhandeln (wenn es beispielsweise um die Aufstellung von Gedenktafeln geht), wissen sich mit den tradierten antisemitischen (und antideutschen) Vorurteilen auseinander zu setzen und entwickeln nicht zuletzt Neugier auf das Fremde oder nur Unbekannte. So werden sie stellvertretend zu Erben der jüdischen und der deutschen Geschichte ihrer Region.

Trotzdem bleibt die Geschichte der deutschen Juden auf der polnischen Seite des Grenzgebietes eher ein Betätigungsfeld von wenigen Außenseitern wie Kirmiel oder Watros. Die wichtigste zentrale Einrichtung zur Erforschung des polnischen Judentums, das Jüdische Historische Institut in Warschau, interessiert sich nur am Rande oder überhaupt nicht für die Entdeckungen und Funde der Forscher im Grenzgebiet. Berechtigt scheint also die Frage: Wem gehört diese Geschichte? Es war der polnische Staat, der nach 1945 die jüdischen (und auch die deutschen) Spuren in diesen Gebieten endgültig auszulöschen bestrebt war. Erst heute werden einige Rudimente wieder entdeckt und, wenn es möglich ist, rekonstruiert, dokumentiert und bewahrt. Mirosław Opęchowski aus Stargard Szczeciński (Stargard) berichtete von 68 jüdischen Friedhöfen, die allein in der Wojewodschaft Westpommern geortet wurden. Doch nur auf wenigen, etwa dem von Cedynia (Zedden), findet man noch ein paar Grabsteine.

Was mit diesen Ruhestätten passiert ist, schilderte Andrzej Kirmiel am Beispiel der Stadt Międzyrzecz (früher Meseritz). Seit Ende der 1940er Jahre wurde ungehindert individueller und organisierter Raub der jüdischen (und deutschen) Grabsteine betrieben, die später als Baumaterial dienten. In Stettin ist in diesen Tagen eine beeindruckende Ausstellung zu sehen: Fotos, die eine junge Künstlerin an verschiedenen Stellen der Stadt aufgenommen hat, wo sie in kleinen Mauern um die Parkanlagen oder an Sandkästen sonderbare Bausteine entdeckt hat: alte Grabsteine mit hebräischen und deutschen Inschriften. Solcherart Raub war eine allgemeine, vom Staat geduldete Praxis. Bis heute könnte man gewiss auf nicht nur einem Bauernhof einen mit alten Grabsteinen gepflasterten Weg finden. In den 1970er Jahren kam die staatliche Verordnung, die nicht mehr genutzten (jüdischen und deutschen) Friedhöfe (865 allein in der Wojewodschaft Zielona Góra) endgültig „in Ordnung“ zu bringen. Das bedeutete, sie zu beseitigen. Viele Spuren sind also unwiederbringlich verloren, andere warten darauf, freigelegt zu werden. Es sind nicht nur Gebüsch und Erde, die sie verdecken, sondern auch eine dicke Schicht von Desinteresse und Gleichgültigkeit. Eine deutsch-polnische Zusammenarbeit scheint hier geradezu unentbehrlich.

Eines der Themen des Workshops war das jüdische Leben in der Region heute. Mit der Nachkriegsgeschichte der Juden in Stettin befasste sich Janusz Mieczkowski, der die einzelnen Entwicklungsphasen der jüdischen Ansiedlung darstellte. Nach dem Ende des Krieges kamen etwa 30.000 jüdische Überlebende in das polnische Stettin, die meisten aus der Sowjetunion. Rund 86 Prozent von ihnen verließen aber früher oder später das Land. In den Jahren 1945-1946 wurde Stettin zu einer regelrechten Drehscheibe für jüdische Flüchtlinge. Hier war die zionistische Organisation Brichah tätig, die versuchte, den Ausreisewilligen zu helfen und schleuste sie u.a. in die Transporte der deutschen (nichtjüdischen) Vertriebenen ein. Diese paradoxe Flucht ins Land der Täter hatte viele Gründe. Nicht zuletzt war auch der nach dem Krieg in Polen nach wie vor vorhandene Antisemitismus daran schuld. Dennoch etablierte sich in Stettin eine jüdische Gemeinde, die ihre eigenen Einrichtungen, Genossenschaften, Verlage und eine Schule mit Jiddisch hatte. Dieses dynamische Leben fand 1968 ein Ende. Heute zählt die jüdische Gemeinde in Stettin 62 Mitglieder, hauptsächlich alte Menschen, wie ihr Vorsitzender Mikołaj Rozen berichtete. Trotzdem kann die Gemeinde Restitutionsansprüche stellen, um jüdische Friedhöfe, ehemalige Synagogen und andere Bauten zurück zu erhalten. Schon wieder ein Paradox: Es geht doch um die Überreste des deutschen Judentums, wie zum Beispiel den Friedhof in Słubice. Dass eine so schwache Gemeinde diese Objekte weder erhalten noch pflegen kann, ist offensichtlich. Man müsste andere Lösungen finden wie Patenschaften von interessierten Vereinen oder eine Unterstützung durch den Staat.

Die jüdische Gemeinde in Frankfurt an der Oder ist verhältnismäßig groß und zählt mehr als 200 Mitglieder, überwiegend russische Juden, die in den 1990er Jahren eingewandert sind. Obwohl die Geschichte der Stadt für sie fremd ist, versuchen sie sich in ihr einzuleben. Sie unterhalten übrigens gute Kontakte zu der polnischen Gruppe um Andrzej Kirmiel, deren Mitgliedern es aus sprachlichen Gründen leichter fällt, sich mit den russischsprachigen Ankömmlingen zu verständigen. Noch ein Paradox.

Gehört der Unterricht des Jiddischen zum heutigen jüdischen Leben oder dient er eher einer Art Spurensuche? Die Sprachlehrerin Ingedore Rüdlin meint, dass das Interesse, an der Europauniversität Viadrina Jiddisch zu lernen, relativ groß ist. Sie vermittelt ihren Studenten dabei ein Stück der untergegangenen Geschichte des östlichen Judentums und ermöglicht eigene Forschungen. Das unwiederruflich Verschwundene lässt sich allerdings nicht heraufbeschwören. Nichtsdestotrotz muss man immer wieder daran denken, was Walter Benjamin einmal zum Ausdruck brachte: „Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muss sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Das bestimmt den Ton, die Haltung echter Erinnerung. Sie dürfen sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen, ihn auszustreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen wie man Erdreich umwühlt.“

SŁOWO / DAS WORT, Nr. 75, 2007

Spurensuche an der Oder – Jüdisches im deutsch-polnischen Grenzgebiet

Am 17. Juni lud die Deutsch-polnische Gesellschaft Brandenburg im Rahmen des Projektes «Spurensuche alte, neue, fremde Heimat – in der deutsch-polnischen Grenzregion» zu einem Tagesseminar nach Groß-Neuendorf an der Oder und stieß mit dieser Veranstaltung auf erstaunlich große Resonanz: über 60 Lokalhistoriker, Pädagogen und Journalisten befassten sich mit der Geschichte der Juden in den Provinzen Brandenburg und Pommern und mit dem Umgang mit historischen Zeugnissen links und rechts der Oder. Unter den Teilnehmern war auch die Integrationsbeauftragte in Brandenburg, Professorin Karin Weiss, die diese Veranstaltung im Zuge der Projektdurchführung «Zivile Brücken – Mosty spoleczne» mit unterstützte.

In einer Reihe von Kurzvorträgen wurde die Geschichte der Juden in Brandenburg, in der Neumark sowie in Pommern nachgezeichnet; danach stand die Frage nach dem heutigen Umgang mit den jüdischen Spuren am Beispiel vom polnischen Westpommern, im Lebuser Land, in Barnim und Lebus auf dem Programm. Der mit 131 Grabsteinen wohl am besten erhaltene und dokumentierte jüdische Friedhof der Region befindet sich in Wriezen; Brigitte Heidenhain hat in ihrem Buch «Juden in Wriezen» das jüdische Leben in diesem Städtchen nachgezeichnet, das um 1677 einsetzte und 1940 mit der Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bürger endete. Die Autorin, die auch mit an einer Datenbank zu Jüdischen Friedhöfen in Brandenburg arbeitet, vermittelt dabei anhand zahlreicher Quellentexte des 18. und 19. Jahrhunderts anschaulich die Auswirkungen der preußischen Judenpolitik in Leben des Einzelnen und der Gemeinde. Im 18. Jahrhundert war die Existenz der Wriezener Juden vom Kampf und ihr Aufenthaltsrecht und gegen die drohende Verarmung geprägt; im 19. Jahrhundert brachte die neu gewonnene Niederlassungsfreiheit eine Vergrößerung der jüdischen Gemeinde und schließlich auch eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage mit sich. Über das Ende der jüdischen Lebens in Wriezen gibt es kaum schriftliche Informationen; in der Datenbank von Yad Vashem in Jerusalem liegen aber die Namen von 56 ermordeten Wriezener Juden vor. Unter den Projekten zur Aufspürung, Rettung und Dokumentation jüdischen Kulturerbes in einzelnen Orten, die an diesem Sonntag vorgestellt wurden, waren der Jüdische Friedhof in der Frankfurter Dammvorstadt, dem heutigen Słubice, sowie die Friedhöfe von Skwierzyna/Schwerin an der Warthe und Bledzew/Blesen. Besonders interessant: ein Referat zu Erinnerungen an jüdische Mitbürger in den Heimatblättern der Vertriebenen.

Auf einem Spaziergang zum jüdischen Friedhof und zur ehemaligen Synagoge von Groß Neuendorf ließ sich die jüdische Geschichte vor Ort vergegenwärtigen: eine Geschichte, die wesentlich vom jüdischen Getreidegroßhändler Michael Sperling aus Berlin geprägt wurde. Mitte des 19. jahrhundert gründete Sperling, dessen Familie bereits ein ansehnliches Sommerhaus in Groß Neuendorf besaß, hier wegen der günstigen Verkehrsverbindungen eine Filiale seines Betriebes. Er holte dazu jüdische Arbeiter ins Dorf, gründete 1847 die Jüdische Gemeinde in Groß Neuendorf und Letschin und erwarb 1855 ein Grundstück für einen jüdischen Friedhof am Rande von Groß Neuendorf. 1865 wurde eine Synagoge errichtet und ein jüdischer Lehrer angestellt. Die jüdische Gemeinde zählte 1882 jedoch nur noch 14 erwachsene männliche Mitglieder und wurde 1895 mit dem Synagogenbezirk Seelow zusammengelegt. Der letzte Gottesdienst in Groß Neuendorf fand 1910 statt; das Gebäude – ein Anbau eines Wohnhauses – ist erhalten und fällt heute wegen seiner neogotischen Fensterbögen auf; die jetzigen Bewohner haben aber offenkundig kein besonderes Interesse daran, dieses jüdische Erbe zu pflegen.

Ganz anders in Zielona Góra, dem früheren Grünberg. Dort erforscht der polnische Lehrer Andrzej Kirmiel mit Akribie und Enthusiasmus die jüdische Vergangenheit der Stadt. Schüler seines Gymnasiums haben alte Grabsteine gesichert, und zusammen mit Gleichgesinnten hat Kirmiel 2006 die Stiftung «Lubuska Fundacja Judaica» errichtet, um jüdische Spuren wieder sichtbar zu machen. Und wundersamerweise deutet sich auch wieder jüdisches Leben an: im März leitete der liberale Warschauer Rabbiner Burt Schumann für die wenigen Juden und Jüdinnen der Gegend den ersten Schabbatgottesdienst in Zielona Góra seit der Vertreibung der Grünberger Juden vor 75 Jahren. Die nächsten Synagogengemeinden der Grenzregion befinden sich in Frankfurt / Oder und in Stettin, und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Szczecin, Mikołaj Rozen, berichtete über das jüdische Leben, seine Probleme und Perspektiven dort.

Es blieb bei diesem Tagesseminar aber nicht bei der reinen Bestandaufnahme jüdischer Zeugnisse. Zur Sprache kamen auch die aktuellen Unterrichtsangebote in Jiddisch und jiddischer Literatur an der Frankfurter, und nach der Diskussion über mögliche gemeinsame Schul- und außerschulische Projekte wurde eine Vielzahl von Fragen laut: Wie beginnt man mit der Spurensuche? Was gibt es an Quellen und Literatur? Wie lassen sich die Ergebnisse vermitteln? Als Darstellungsformen lassen sich beispielsweise Ausstellungen und Publikationen, Reiseführer, Wanderrouten, Einzelveranstaltungen, Gedenktafeln oder Unterrichtseinheiten denken, und als mögliche Kooperationspartner kommen etwa Lehrer und Schüler, Deutsche und Polen, Wissenschaftler und Laien, ehemalige deutsche und heutige polnische Ortsbewohner in Frage – und allein schon dank dieser unterschiedlichen Ansprechpartner kann in künftigen Projekten noch detaillierter untersucht werden, welche Unterschiede es im Umgang mit den jüdischen Hinterlassenschaften dies- und jenseits der Oder gibt und was die Beweggründe dafür sind. Auch der sich verändernde Umgang mit dem Kulturerbe deutscher Juden im heutigen Westpolen gibt Auskunft über das Selbstverständnis in dieser Grenzregion. Am Beispiel von Schwedt lässt sich zeigen, dass die Spurensuche von Schülern als Verbindung von Unterricht und Freizeit auch einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus heute leisten kann; andernorts hat man über die Lokalgeschichte hinweg Brücken auch nach Israel gebaut, etwa in Form des Schüleraustauschs des Frankfurter Friedrichsgymnasiums. Kurzum, dieser Workshop auf Initiative der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Brandenburg e.V. unter der Leitung von Ruth Henning hat wertvolle Informationen und Anregungen vermittelt und kann Modell für weitere Veranstaltungen auch in anderen Regionen sein

Jüdische Zeitung, 17.06.2007

ORTE UND MENSCHEN

ORTE UND MENSCHEN

750 Jahre Landsberg an der Warthe – Gorzów Wielkopolski
Einweihung der Friedensglocke:
Pokój – Pax – Frieden / 1257-2007 / Landsberg an der Warthe – Gorzów Wielkopolski

Ansprache des Stadtpräsidenten von Gorzów
Tadeusz Jędrzejczak

Ansprache der Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg
Ursula Hasse-Dresing

Tag der Erinnerung und Versöhnung.
Gorzów ehrt verstorbene Landsberger.
Dariusz Barański, Gazeta Wyborcza

 

Eberswalde

Aktivitäten zur Stärkung demokratischer Alltagskultur
Kai Jahns, Koordinator „Lokaler Aktionsplan Barnim”

Gedenkbuch für die jüdischen Bürger Eberswaldes.
Ellen Behring

Im „Exil” in Eberswalde.
Ewa Czerwiakowski, Slowo

 

Waldfrieden (Zacisze)

Ein Vermächtnis von Hans Paasche.
Kämpfer für Frieden und Völkerverständigung ... 1920 „auf der Flucht” erschossen.
Werner Lange, Berlin

 

Witnica (Vietz)

Zuerst Mensch dann Pole – Zbigniew Czarnuch.
Dietrich Schröder, MOZ

Ein Stück Heimat – Ferdinand Pfeiffer und Zbigniew Czarnuch.
Thomas Gerlach, Słowo

 

Czelin (Zellin)

Geschichten über ein Paradies an der Oder.
Bogdan Twardochleb, Kurier Szczeciński

Geschichte(n) aus Czelin (Zellin)
Dietrich Schröder, MOZ

 

Mieszkowice (Bärwalde)

Eine Liebe überbrückt 50 Jahre.
Elvira Profé und Fortunat Mackiewicz.
Dietrich Schröder, MOZ

Menschen und Geschichten.
Reportagen von Remigiusz Rzepczak

Ursula, Urszula
Remigiusz Rzepczak

Przybyliśmy tylko na chwilę
Remigiusz Rzepczak

Człowiek wobec historii, czyli…
Remigiusz Rzepczak

Lopatko - Zycie po Oswiecimiu
Remigiusz Rzepczak

 

Myślibórz (Soldin)

Heimat an der Mietzel.
Marek Karolczak


Skwierzyna (Schwerin an der Warthe)

Jüdische Gemeinde und jüdischer Friedhof in Schwerin a.d. Warthe
Andrzej Kirmiel

Schülerprojekte zum Schutz des jüdischen Kulturerbes in Skwierzyna
Tomasz Watros

Skwierzyna: Die Gemeinde kümmert sich um den jüdischen Friedhof
Beata Igielska

 

Angermünde / Chojna (Königsberg Nm.) / Gartz / Bielin / Schwedt / Stolzenhagen ...

Filmvorführungen mit anschließender Diskussion

Spojrzenie przez rzekę, spojrzenie na siebie.
Robert Ryss, Gazeta Chojeńska

Ludzkie losy od dołu (Filme von Ute Badura: Schlesiens Wilder Westen und Wir sind etwas besonderes)
Robert Ryss, Gazeta Chojeńska

Milczały 60 lat (Film von Michael Majerski, Meimer Mutter Land)
Robert Ryss, Gazeta Chojeńska

Ludzie wśród Ludzie (Interview mit Michael Majerski)
Robert Ryss, Gazeta Chojeńska

Schüler und Senioren diesseits und jenseits der Oder
Ewa Czerwiakowski, Słowo

 

Nowe Warpno (Neuwarp am Stettiner Haff)

Von Neuwarp nach Nowe Warpno.
Vier Pfingsttreffen und eine gemeinsame Fotoausstellung der ehemaligen und heutigen Bewohner.
Andrzej Kotula / Jürgen Dittmann

Schandmal der Vertreibung.
Piotr Jasina, Głos Szczeciński


Deutsch-Polnische Studienreisen nach West- und Nordpolen im Rahmen des Projekts Spurensuche

I – Neumark 2004: Bielin/Bellin, Słońsk/Sonnenburg, Kostrzyn/Küstrin, Witnica/Vietz, Dąbroszyn/Tamsel, Chwarszczany/Quarttschen (Programm)
Berichte: Robert Ryss, „Mały ojczyzny“ (Heimaten), Gazeta Chojeńska;
Ewa Czerwiakowski, „Begegnung von Grenzgängern”, Słowo

II – Stettiner Haff, Stettin und Umgebung 2005: Nowe Warpno/Neuwarp, Police/Pölitz, Marianowo/Marienfließ, Stargard (Szczeciński), Stolec/Stolzenburg (Programm)
Bericht: Robert Ryss „Ślady zakryte i odkryte”, Gazeta Chojeńska
Marianowo / Marienfließ: Edward Leszczyński. Bogdan Twardochleb

III – Pommern 2005: Dobra Nowogardzka / Dober, Łobez/Labes, Czaplinek/Tempelburg, Borne Sulinowo, Biały Bór, Drawsko (Programm)
Berichte: Robert Ryss, „Po śladach starej i nowej ojczyzny”, Gazeta Chojeńska
Bogdan Twardochleb , Czaplinek / Tempelburg – die Identität eines Ortes

IV – Chojna/Königsberg und Umgebung 2006: Widuchowa/Fiddichow, Chojna/Königsberg, Cedynia/Zehden, Moryń/Mohrin, Osinów Dolny/Niederwutzen, Siekierki/Zäckerik, Gozdowice/Güstebieser Loose, Mieszkowice/Bärwalde, Witnica/Vietnitz, Chełm Dolny/Wartenberg, Letnin/Lettnin, Pyrzyce (Programm)
Berichte: Robert Ryss, „Współczesność i historia”
Ewa Czerwiakowski, „Eine Reise an die Peripherie von Geschichte und Gegenwart”

750 Jahre Landsberg an der Warthe – Gorzów Wielkopolskie

Kopfbereich: 
Einweihung der Friedensglocke: Pokój – Pax – Frieden / 1257-2007 / Landsberg an der Warthe – Gorzów Wielkopolskie

Die Feierlichkeiten begannen mit einem ökumenischen Gottesdienst in der prall gefüllten Marienkirche im Zentrum der Stadt. Anschließend gingen alle gemeinsam zum Grunwaldzki-Platz, wo die von der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg gestiftete Friedensglocke (mit der Aufschrift: Pokój – Pax – Frieden / 1257 - 2007 Landsberg an der Warthe - Gorzów Wielkopolski) werden sollte. Den Glockenturm auf dem Grunwaldzkiplatz hatte die Stadtverwaltung errichtet. Die Bundes­arbeits­gemein­schaft Landsberg (BAG) hatte uns eingeladen, an dieser Feierlichkeit teilzunehmen. Wir waren von dem freundschaftlichen und offenen Klima, von den gut überlegten Reden, von der in jeder Einzelheit abgesprochenen Vorgehensweise und Professionalität, von rührenden Augenblicken der gegen­seitigen freundschaftlichen und respektvollen Behandlung der Vorsitzenden der BAG Ursula Hasse-Dresing und des Stadtpräsidenten Tadeusz Jędrzejczak sehr beeindruckt. Schon früher während der Arbeit an unserem Projekt Spurensuche in der deutsch-polnischen Grenzregion alte, neue, fremde Heimat war uns der gute, partnerschaftliche, respektvolle und offene Umgang miteinander in Gorzów (Landsberg) aufgefallen. Wir möchten Ihnen die beiden Ansprachen hiermit bekannt machen, damit Ihnen dieses in unseren Augen große Ereignis in einer Stadt der deutsch-polnischen Grenzregion, die sich der Vergangenheit geöffnet hat, um in der Zukunft besser und friedlicher leben zu können, nicht entgeht.

Ansprache des Stadtpräsidenten von Gorzów

Sehr geehrte Damen und Herren, gleich werden wir Zeugen eines jener Ereignisse, die in der Geschichte unserer Stadt eine Zäsur und den Anfang einer neuen Etappe in ihrer Entwicklung dar­stellen. Der 2. September, den wir für die feierliche Eröffnung des 750. Jubiläums der Stadt gewählt haben, ist im doppelten Sinne ein besonderer Tag. Von heute an begehen wir den 750. Jahrestag der Gründung der Stadt Landsberg, die ursprünglich den Namen Landisberch Nova trug; die Feier­lich­keiten werden das ganze künftige Jahr dauern und zum Anfang Juli 2007 ihren Höhepunkt erreichen. Heute wird auch zum ersten Mal die Friedensglocke läuten, die von der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg Warthe (Stadt und Land) gestiftet wurde und besonders im Kontext des gestrigen Jahrestages, des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, zu einem Symbol wird.

Auf diesem Platz stehen Menschen nebeneinander, die von der Geschichte auf verschiedene Weise geprüft wurden. Es sind Polen, darunter auch Pioniere der Stadt, die nach dem Trauma der deutschen Besatzungszeit immer noch genug Kraft finden konnten, um die polnische Geschichte der Stadt von Anfang an zu gestalten; es sind Deutsche – ehemalige Einwohner von Landsberg, die 1945, auf Grund der Grenzverschiebung das Drama der Umsiedlungen erlebten und unwiederbringlich ihre Heimat verloren; es sind auch Aussiedler aus den ehemaligen ostpolnischen Gebieten, die weit von zu Hause vor der Herausforderung standen, den neuen, fremden Raum zu erschließen; am zahl­reichsten sind aber jene Gorzower vertreten, die schon nach dem Krieg geboren wurden und mit den negativen Kriegserfahrungen nicht belastet sind, Menschen, für die vor allem die Zukunft zählt.

Ich bin mir bewusst, dass es für uns alle schwierig ist, eine gemeinsame Sprache zu finden, mit der wir über die Geschichte und ihre gemeinsame Interpretation sprechen könnten, da dies einer radikalen Revision unseres Urteils über die Vergangenheit bedürfen würde. Es wäre notwendig, diese objektiv zu betrachten, indem man in das eigene moralische System Erfahrungen der anderen Seite einschließt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste der deutsch-polnische Dialog eigentlich von Grund auf neu aufgenommen und durch nacheinander folgende Abkommen und Verträge gefestigt werden. Die wichtigsten waren das Abkommen von Görlitz vom Jahre 1950 und die Verträge über die Grundlagen der Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen von 1970, über die Bestätigung der bestehenden Grenzen von 1990 sowie der ein Jahr später unterzeichnete Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Die zwei letzten Verträge waren darüber hinaus wichtige Schritte auf dem Weg Polens zur Mitgliedschaft in der NATO und in der Europäischen Union, auf dem uns Deutschland konsequent unterstützte, was zum wichtigsten Element der deutsch-polnischen Zusammenarbeit wurde.

Solche Initiativen, wie die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, die Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“ oder die Stiftung Kreisau sind deutliche Zeichen der Annäherung beider Staaten und des Willens, den Dialog aufzunehmen.

Zweifellos hatten dafür auch folgende Ereignisse eine fundamentale Bedeutung: der durch die „Solidarność“ eingeleitete demokratische Durchbruch in Polen im Jahre 1989, der Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands – Ereignisse von historischem Ausmaß, die eine neue Etappe in der deutsch-polnischen Versöhnung und Verständigung eröffneten.

Wir erinnern uns auch an Ereignisse und Gesten, die zum Symbol geworden sind – den vor 41 Jahren vom Polnischen Episkopat an die deutschen Bischöfe gerichteten Brief mit den historischen Worten über das gemeinsame Vergeben, die historische Geste des Bundeskanzlers Willy Brandt, der während seines Besuches in Polen im Jahre 1970 vor dem Denkmal der Opfer des Warschauer Ghettos kniete, um den Ermordeten Ehre zu erweisen, den „Versöhnungsgottesdienst“ in Kreisau unter Teilnahme von Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl im Jahre 1989, der auch einen Kranz vor der Todeswand in Auschwitz niederlegte.

Dank all dieser Tatsachen konnte ein Meilenschritt im Streben nach der vollen deutsch-polnischen Versöhnung getan werden; es bedarf aber weiterer angestrengter Arbeit, damit wir – ohne das eigene Leiden und das Leiden unserer Nächsten, der Opfer von tragischen Verkettungen der Geschichte zu vergessen – einander begegnen können und den Versuch unternehmen, uns von der Last der Kriegs- und Nachkriegserlebnisse, Traumata und Vorurteile zu befreien. Wir sollen den Respekt für die historische Wahrheit fordern, aber gleichzeitig das Recht auf Vergebung und gemeinsame Akzeptanz anerkennen. Die Friedensglocke und unsere Anwesenheit hier, heute, sind ein weiterer Schritt in diese Richtung.

Dank des zuerst informellen, ab 1995 aber offiziellen deutsch-polnischen Dialogs, der auch im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen Gorzów und den ehemaligen Einwohnern von Landsberg geführt wurde, konnte man endlich über die deutsche Vergangenheit der Stadt offen sprechen und den von der Nachkriegspropaganda geprägten Begriff „Wiedergewonnene Gebiete“ Lügen strafen. Durch den neuen Blick auf die Geschichte der Region fühlten sich auch ihre Bewohner dazu ermutigt, die Tatsachen in einem breiteren, objektiven Kontext zu sehen.

Auch wenn die persönlichen Geschichten von Polen und Deutschen der Generation des Zweiten Weltkriegs für immer von der Erinnerung an den 1. und 17. September 1939, an den 30. Januar 1945 belastet werden, können wir doch versuchen, die gemeinsame Zukunft auf der europäischen Ebene im Namen der Verständigung und der gegenseitigen Anerkennung zu gestalten.

Das heutige Ereignis ist auch deswegen so wichtig, weil ihm nicht nur eine selbstverständliche politische Bedeutung zugeschrieben werden kann, sondern weil es auch vom gesellschaftlichen Kontext bestimmt wird. Der Frieden und die Versöhnung werden doch von uns verwirklicht, uns – den Mitgliedern konkreter Gesellschaften, der polnischen und der deutschen, der Gorzower und der Landsberger.

An dieser Stelle möchte ich mich an Sie wenden, unsere sehr verehrten Gäste, ehemalige Einwohner von Landsberg, die an der heutigen Eröffnung der Feierlichkeiten zum 750. Jubiläum der Stadt teil­nehmen. Dass diese Stadtfeier von der Einweihung der von der Bundesarbeitsgemeinschaft gestifteten Friedensglocke begleitet wird, verstehen wir, die Gorzower, als eine wichtige Geste, die zum guten Klima unserer gemeinsamen Projekte beiträgt. So sehen nämlich die „gemeinsamen Angelegenheiten“ aus, die uns allen, den Polen und den Deutschen helfen, das Gefühl der gemeinsamen Zugehörigkeit zum gleichen Ort zu entwickeln.

Eine erfolgreiche Suche nach der lokalen Identität, die von den einzelnen Generationen der Stadt­ein­wohner nach 1945 vorgenommen wurde, scheint unmöglich, ohne dass die kulturellen Wurzeln und die Vergangenheit berücksichtigt werden. Wir dürfen keine Angst vor der Feststellung haben, dass die 60-jährige Geschichte des polnischen Gorzów eine Ergänzung und ein Überbau zur fast sieben­hundert Jahre langen deutschen Vergangenheit bleibt. Erst ein schlüssiger und linearer Blick auf die Geschichte des Ortes, an dem wir leben (wir – die Gorzower), lassen eine volle Integration mit ihm zu, lassen uns die volle Verantwortung dafür übernehmen.

Es ist ja bekannt, dass die Anfänge der Stadt bis in das Jahr 1257 reichen, als am 2. Juli Albert de Luge die Gründungsurkunde von Landisberch Nova erhielt. Schon kurz danach wurde es zum wichtigen Kultur- und dank der Anwesenheit von Kaufleuten und Handwerkern, auch Handelszentrum der Region. Zu dieser Zeit wurde im gotischen Stil u.a. die heute uns allen als Kathedrale bekannte, prachtvolle Marienkirche gebaut, die damals als Pfarrkirche diente.

Die Stadt entwickelte sich und wuchs. Ihr Potential wurde auch dank des Flusses Warthe gefestigt, der bis zum 18. Jahrhundert eine bequeme Wasserstrasse war.

Dank des kulturellen Erbes können sich heute die Gorzower über die Architekturdenkmäler freuen. Die gotische Marienkirche, die von den Einwohnern als die Weiße bezeichnete Eintrachtkirche, der Speicher aus dem 18. Jahrhundert oder die Zinshäuser aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Stadtmitte sind nur einige Gebäude, die an die Landsberger Geschichte der Stadt erinnern.

Wenn man über die Vorkriegsgeschichte der Stadt spricht, muss man die Namen ihrer hervor­ragen­den Bürgern nennen, die im Landsberg des 19. Jahrhunderts lebten und arbeiteten, von denen viele prachtvolle Villen hinterließen, in denen heute Gorzower Einrichtungen ihren Sitz haben, u.a. Max Bahr, der den Anstoß zum Bau des Volksbades gab, Gustav Schröder, in dessen Villa heute das Lebuser Jan-Dekert-Museum seinen Sitz hat, Hermann Paucksch, der den Brunnen auf dem Alten Markt stiftete, der Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher, der hervorragende Sprach­wissen­schaftler Victor Klemperer, und nicht zuletzt Künstler: der Komponist Karl Teike oder der Maler Ernst Henseler.

Der Krieg und die von ihm gebrachten Zerstörungen, die Einverleibung der deutschen Ostgebiete in den polnischen Staat, die Ankunft von Ansiedlern und der Bevölkerungsaustausch, die Gründung der polnischen Verwaltung – das alles führte dazu, dass sich die Stadt – schon als Gorzów – eigentlich unter jedem Aspekt veränderte: sozialpolitisch, architektonisch, kulturell, mental und konfessionell. Aus verständlichen Gründen konnten sich die Polen, die Gorzów nach 1945 aufbauten, ohne zuvor damit verbunden zu sein, mit der Stadt nicht identifizieren. Von einer Fortsetzung der städtischen Kultur des alten Landsberg konnte keine Rede sein.

Auch wenn die 60 Jahre der polnischen Geschichte der Stadt im Vergleich mit den fast siebenhundert Jahren der deutschen Kultur und Zivilisation weniger prachtvoll erscheinen, so wurden in ihrem Verlauf Initiativen aufgenommen und realisiert, die uns als Gorzowern das Gefühl der Zufriedenheit verleihen.

Es änderte sich vor allem das Profil der Stadt, die zu einem Industriezentrum wurde. Das erste wichtige Objekt auf ihrer wirtschaftlichen Landkarte waren die Mechanischen Werke „Gorzow“. Dann entstanden weitere große Produktionsbetriebe: Stilon, Silwana, Zremb, Gomad, Stolbud, Przemyslowka und viele andere. Vor über 30 Jahren wurde Gorzów zur Hauptstadt der Gorzower Wojewodschaft, die mit der Verwaltungsreform in die Lebuser Wojewodschaft umgewandelt wurde.

Das Gorzów der Nachkriegszeit vergrößerte seine Fläche wesentlich, es entstanden neue Siedlungen, die Peripherien wurden erschlossen, was einen großen Einfluss auf die demographische Entwicklung der Stadt hatte. In den 60er Jahren zählte sie 50.000 Einwohner, diese Zahl verdoppelte sich in den zwei darauf folgenden Jahrzehnten. Im Jahre 1979 lebten in Gorzów 100.000 Menschen.

Das industrielle Gorzów der letzten Jahre ist ein Ort, der viele Investoren anzieht und einen hohen Platz in den nationalen Ranglisten der Städte nach Zahl und Attraktivität der Investitionen belegt.

In der Stadt gibt es auch eine Unterzone der Kostrzyń-Słubicer Sonderwirtschaftszone, die seit 1997 die Politik der Wirtschaftsförderung mitgestaltet und erfolgreich inländische und ausländische Investoren bedient, die neue Arbeitsplätze in der Industrie und im Dienstleistungsbereich schaffen. In der Zone arbeiten solche Firmen, wie Faurecia, Ekpols, GOMA, Styropex, Auto Galeria und Silwana.

Eine der größten und spektakulärsten städtischen Investitionen, nicht nur in der letzen Dekade, sondern in der ganzen Geschichte, war der Bau des in Polen modernsten Sport- und Reha­bili­tations­zentrums „Słowianka“, das den Einwohnern und den Gästen viele Attraktionen bietet, darunter zwei Schwimmhallen, eine Kegelbahn, einen Fitnesssalon und im Winter eine Schlittschuhbahn.

Die Entwicklung von Gorzow wurde auch vom Ausbau der Verkehrswege geprägt. Sechs Jahre nach dem Kriegsende wurde die völlig zerstörte Gerloff-Brücke wiederaufgebaut und in Betrieb genommen, seit sieben Jahren nutzen wir auch die neue Lebuser Brücke und wenn der Bau der westlichen Umgehungsstrasse abgeschlossen sein wird, werden die beiden Wartheufer mit einer dritten Brücke verbunden.

Die Architektur der Stadt besteht auch aus sakralen Gebäuden. Neben den alten Gotteshäusern Landsbergs wurden in den vergangenen 60 Jahren neue katholische Kirchen errichtet.

Das Netz der Schuleinrichtungen aller Ebenen wurde erweitert. Zu unseren besonderen Erfolgen gehört der Ausbau des Hochschulwesens, auch des nicht staatlichen – die heutigen Absolventen von Oberschulen nehmen das Angebot solcher lokaler Hochschulen wie der Staatlichen Berufs­hoch­schule, der Hochschule für Betriebswirtschaftslehre oder der Berufshochschule für Informatik in Anspruch. Seit 35 Jahren erfreut sich die Filiale der Posener Akademie für Körperkultur einer großen Popularität, immer öfter werden auch die Filialen anderer Stettiner und Posener Hochschulen gewählt.

Das heute über 130.000 Einwohner zählende Gorzów wird weiter ausgebaut und versucht den Erwartungen seiner Bürger gerecht zu werden. Es begibt sich mutig auf die Suche nach seiner Identität, um für die weiteren Generationen ein wichtiger Standort zu bleiben.

Wenn ich jetzt über unsere Stadt spreche, würde ich es gern vermeiden, ihre deutsche und polnische Geschichte auseinander zu halten. Die Vergangenheit kann aber nicht mehr geändert werden, sie kann nicht mehr vermieden werden, das ist die Eigenschaft der Zeit, die stets nach vorne eilt. Das erste Glockengeläut, das wir gleich hören werden, soll daher die stürmische Vergangenheit abschließen, um ein Symbol des Friedens für die ehemaligen, die heutigen und die künftigen Bewohner der Stadt zu werden. Ich wünsche allen Gorzowern, dass sie der Geist dieses Augenblicks bei allen Veranstaltungen zum Stadtjubiläum begleitet, das wir heute feierlich eröffnen.

Ansprache der Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg

„Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute“ – das waren zwei Zeilen, die uns Schülerinnen und Schüler meiner Generation mit Freude und Genugtuung erfüllten. Höchst jugend­lich, denn wir freuten uns einfach, an das Ende dieses sehr langen Gedichts gelangt zu sein, in dem Friedrich von Schiller die Beschreibung eines Glockengusses mit den Entwicklungsstufen eines menschlichen Lebens eng verbindet.

Natürlich denkt man als alt gewordener Mensch weiter. Die Kombination von Freude und Friede am Ende eines langen Gedichts, das viel Nachdenkenswertes enthält, sind als Höhepunkte des Menschenlebens genannt. Und so frage ich mich, hoffentlich nicht allein in diesem Kreis – sind Freude und Frieden Höhepunkte des menschlichen Lebens? Lebst Du im Frieden, einem dauerhaften Frieden? Und empfindest du heute Freude, welche Art von Freude, und ist Freude überhaupt ein erstrebenswertes Lebensziel? Ja, sie ist es! Nicht im Sinne von Spaß, Vergnügen, sondern im Sinne von Befriedigung darüber, auf gutem Wege zu einem erstrebten Ziel zu sein, einem erstrebten Ziel nahe zu sein. Und so ist es eine große Freude, heute hier zu stehen und mit ihnen sprechen zu können an einem wichtigen Punkt gemeinsamer Bemühungen um ein friedliches Miteinander.

Wir – und jetzt muss ich aus dem persönlichen Empfinden herauskommen – wir Deutschen und Polen haben als Teil unserer Völker eine lange gemeinsame Geschichte. Sie war geprägt von Rivalitäten, Besitz- und Machtstreben, Versuchen zu Frieden, fleißiger Arbeit, Missverständnissen, Kriegen, Hass und Not. Versuchen zum Miteinander und ihr Scheitern, Verlust und Neubeginn. Insgesamt war es eine häufig schwierige, unerfreuliche Vergangenheit. Sicher hat es aber auch immer Versuche zu einem friedlichen Mit- und Nebeneinander gegeben.

Wir haben hier in Landsberg/ Gorzów und in den Gemeinden des Kreises versucht, zu einem solchen friedlichen Miteinander zu kommen. Die Ausgangsposition war schwierig, der Zweite Weltkrieg mit all seinem Grauen und all seinen Folgen schien ein nahezu unüberwindliches Hindernis. Wir, die Generation auf polnischer und deutscher Seite, die hier die Monate um das Kriegende erlebte, waren mit unseren eigenen Problemen beschäftigt. Wir Deutschen waren entwurzelt, geflohen, vertrieben, umgesiedelt in ein Gebiet, in dem wir eigentlich nicht leben wollten. Und auch die neuen polnischen Bewohner dieser Gegend kamen aus anderen Teilen dieses Landes, hatten schwere Verluste erlitten und kamen ebenfalls in eine Umgebung, in der sie nie hatten leben wollen, die ihnen zunächst fremd, auf keinen Fall Heimat war.

Heimweh, Neugier, trieb die ersten deutschen Besucher nach einigen Jahren vorsichtig hierher. Es fanden Begegnungen statt, bildeten sich persönliche Freundschaften. Man konnte helfen, es bildeten sich Kristallisationspunkte der Freundschaft. Politisch wurde unsere Beziehung, als es sich nicht mehr ausschließlich um private Freundschaften handelte. Unsere Organisation der ehemaligen Bewohner, die Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg (Warthe) trat zunächst in Person ihres Vorsitzenden Hans Beske hier in Erscheinung, nicht als Fordernder sondern als Verständigung Suchender. Ich denke, dass schon dieser Anfang mit der persönlichen Freundschaft zwischen der Familie Beske und Bischof Pluta etwas Besonderes war. Und was daraus geworden ist an offiziellen Kontakten, an gemeinsamen Projekten und Planungen – ich nenne als größtes gemeinsames Projekt die Wiedererrichtung des Pauckschbrunnens – ist wahrhaft großartig. Hier ist sie, die Freude darüber, dass man miteinander arbeiten kann. Dafür soll hier allen gedankt werden, den Menschen der kleinen Schritte und denjenigen, die große Teile ihres Lebens investieren für das Miteinander, dies auf beiden Seiten.

Dieser sehr kurze Rückblick in unsere schwere, nun aber schon seit Jahren freundschaftliche gemeinsame Vergangenheit zeichnet einen Grund zur Freude. Denn wir stehen hier nicht mehr im Namen der Vergangenheit, sondern im Namen einer friedlichen gemeinsamen Zukunft.

Der Friede in der Welt scheint in den letzten Wochen unsicherer als in den Jahren zuvor. Die Menschen aber wollen Frieden und so scheint es mir ein sinnvoller Versuch, kleine Zellen des Friedens zu bilden, wie wir es hier versuchen, wie ich glaube, mit Erfolg. Von solchen Zellen aus könnte sich der Frieden verbreiten. Ich denke, so ähnlich könnte es auch Schiller gedacht haben, denn das Wort „Freude“ bezieht er ausdrücklich auf „diese Stadt“ , „Friede“ aber ist ohne Ortsangabe gesagt, bezieht sich sicher auf die Menschen in ihrem Miteinander, aber reicht weit über dieses enge Umfeld hinaus.

Ich würde gern Schillers Frieden und Freude noch ein Wort hinzufügen, das Wort „Liebe“ als Quelle von Frieden und Freude. Lassen Sie mich, auf unsere Stadt und den Kreis bezogen, erklären: Wir, die ehemaligen Bewohner lieben diese Stadt, weil in ihr unsere Vergangenheit liegt, eine geliebte, sicher in der Erinnerung verklärte Kindheit und Jugend. Wir suchen ihre Spuren und finden sie noch in der Stadt und ihrem Umfeld. Wir finden aber auch mehr: Neues Leben, Fortschritte, Entwicklungen, Bemühungen um die Gestaltung dieser Stadt. Und diese Tatsache, dass die alte, lebendige, fortschrittliche Stadt Landsberg genau dies geblieben ist, eine von ihren Bewohnern geliebte, lebendige, fortschrittliche Stadt Gorzów, macht es auch uns möglich, sie weiterhin zu lieben. Dass wir dies hier zeigen dürfen, ist ein Grund zur Freude und dafür danken wir Ihnen.

Aus diesen Gründen heraus hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg (Warthe) der Stadt Gorzów und ihren Menschen zum Auftakt der 750-Jahr-Feier unserer gemeinsamen Heimat diese Glocke geschenkt. Sie soll Zeichen einer 750-jährigen Geschichte und unserer Liebe zu dieser Stadt sein und ein Zeichen des Friedens, der hier eine Zelle haben soll, von der aus er sich über diese Welt verbreiten kann. Zu einer solchen Zelle ist jeder Platz auf der Welt geeignet.

Wir demonstrieren hier das Wollen von beiden Seiten, deshalb steht auf der Glocke das Wort „Friede“ in polnischer, lateinischer und deutscher Sprache. Um etwas zu bewegen, braucht es vieler Gedanken, Herzen und Hände. Wir haben hier gemeinsam Großes getan, behaupte ich mit Stolz. Möge diese Stadt sich weiterentwickeln und in Frieden blühen, ihren früheren und heutigen Bewohnern zur Freude. Ich danke Ihnen.

Zum Tag der Erinnerung und Versöhnung

Gorzów ehrt verstorbene Landsberger

Feierlichkeiten zum Tag der Erinnerung und Versöhnung. Im Ossarium auf dem kommunalen Friedhof fanden die verstorbenen ehemaligen Landsberger eine neue Ruhestätte, nachdem ihre Gebeine während der Bauarbeiten an einer neuen Straße durch den Kopernikuspark exhumiert worden waren.

Bereits seit Jahren wird am 30. Januar in Gorzow nicht mehr der „Befreiung” der Stadt gedacht, sondern es geht vor allem um die Erinnerung an die Vergangenheit und um Versöhnung zwischen den ehemaligen und heutigen Stadtbewohnern. In diesem Jahr standen zwei herausragende Persönlichkeiten des alten Landsberg im Zentrum der Feierlichkeiten: der erfolgreiche Industrielle Johann Gottlieb Hermann Paucksch und die in Landsberg geborene Marie Juchacz, die sich für politische Rechte und die Verbesserung der sozialen Lage der Armen, Frauen und Arbeiter eingesetzt hatte. Die Feierlichkeiten begannen im Speicher-Museum mit der Eröffnung einer Ausstellung über Marie Juchacz. Sie war als erste Frau Mitglied des Reichstags sowie Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) – eine Sozialhilfeorganisation, die heute zu den wichtigsten in Deutschland gehört. „Diese Frau war von großer Bedeutung für die Emanzipation der Frauen, für soziale Gerechtigkeit, für Kinder- und Familienhilfe. In letzter Zeit interessiert man sich zunehmend mehr für sie”, sagte der derzeitige AWO-Vorsitzende Wilhelm Schmidt. „Diese Ausstellung wird zum ersten Mal in Polen gezeigt. Um so mehr freue ich mich, dass dies gerade in ihrer Heimatstadt geschieht.“ Das Sozialhilfeheim Nr. 1 in Gorzow wird nun den Namen von Marie Juchacz tragen. Das ist die erste Einrichtung der Stadt, die offiziell nach einer verdienten ehemaligen Landsbergerin benannt wird. Bei einem anderen Landsberger, Johann Gottlieb Hermann Paucksch, ist dies zwar offiziell nicht der Fall, wohl aber in der Alltagssprache. Denn nach ihm benennt man das Wahrzeichen der Stadt, den Brunnen am Altmarkt. Auch an ihn wurde gestern erinnert. In einem von Birken bewachsenen neuen Quartier des Kommunalfriedhofs hatte die Stadtverwaltung ein Ossarium errichtet, eine Ruhestätte für die auf dem alten evangelischen Friedhof (heute Kopernikuspark) bestatteten und exhumierten Verstorbenen. Zwei Gedenksteine erinnern an alle Verstorbenen, die auf dem alten evangelischen Friedhof begraben waren und eben an den Handelsrat Paucksch. Denn nur seine Grabstätte wurde während der Exhumierung vor dem Straßenbau auf dem Parkgelände identifiziert. Für die ehemaligen Landsberger war die Einweihung des Ossariums, in dem jetzt die zweitausendsiebenhundert vor 1945 bestatteten Stadteinwohner ruhen, ein ungemein wichtiges Ereignis. „Wir Lebenden haben versucht, zwischen den früheren und heutigen Einwohnern der Stadt eine enge Verbindung her zu stellen, was meines Erachtens gelungen ist. Durch die Umbettung schaffen wir jetzt eine Verbindung zwischen unseren Toten. Wir haben gemeinsame Wurzeln”, sagte Ursula Hasse-Dresing, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg an der Warthe. Sie erinnerte daran, dass die ehemaligen Landsberger anfangs über die Pläne zum Straßenbau auf dem ehemaligen Friedhof bestürzt gewesen seien. „Bereits der Gedanke schmerzte uns, dass auf den Gebeinen unserer Ahnen Kinder spielen und Leute spazieren gehen. Und nun sollten dort auch noch Autos entlang fahren. Aber wir sind dankbar für das uns entgegengebrachte große Vertrauen, dafür dass wir über die Pläne informiert und auch nach unserer Meinung gefragt wurden. Letztendlich sind wir zu der Auffassung gekommen, dass wir nicht Pläne bekämpfen können, die den Einwohnern und der Entwicklung der Stadt dienen”, so Ursula Hasse-Dresing. Der evangelische Pfarrer Mirosław Wola erinnerte an die Toten: „Hier liegen diejenigen, die Stadtgeschichte geschrieben haben; reiche Menschen wie Paucksch, ein Beispiel für protestantisches Arbeitsethos, und arme Menschen; Erwachsene und Kinder, Einwohner der Stadt, namenlose Opfer beider Kriege, verschiedener Konfessionen und Völker; auch die Nach­kriegs­ein­wohner von Gorzów, die hier bis 1947 und sogar noch später bestattet wurden”. Wolfhart Paucksch, Nachkomme des Ehrenbürgers von Gorzów, konnte endlich einen Kranz auf dem Grab seines Ururgroßvaters niederlegen. Über das Arbeitsethos seines Urahnen sagte er: „Sein Sohn Hermann fragte ihn, worin sein Erfolg begründet liege. Und er antwortete: in meinen zehn gesunden Fingern, im Kapital von drei Mark, in meiner Aufgeschlossenheit und großen Ausdauer.”

(Gazeta Wyborcza, Zielona Gora Nr. 26, 31/01/2007)

Aktivitäten zur Stärkung demokratischer Alltagskultur

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus steht im Zentrum unseres Interesses. Im Rahmen verschiedener Projekte befassen wir uns aber auch immer wieder mit dem Gesamtkomplex der Geschichte von Zuwanderung und der Anwesenheit verschiedener kultureller Minderheiten in Vergangenheit und Gegenwart. Wir leisten vor allem Jugendarbeit, beziehen die Schulen ein und versuchen öffentliches Interesse zu wecken.

In der Nacht vom 24. auf den 25. November 1990 wurde der Angolaner Amadeu Antonio von einem rassistischen Mob junger Eberswalder so schwer verletzt, dass er zwei Wochen später am 6. Dezember verstarb. Seit Mitte der 1990er Jahre ist der Ort des Verbrechens an der Hauptstraße zum Stadtteil Finow mit einer Tafel gekennzeichnet. Jährlich versammelt sich dort eine kleine Gruppe zum Gedenken. Am 6. Dezember 2006 wurde mit der „open space“-Veranstaltung Light me Amadeu ein offener Prozess in Gang gebracht, der viele Bürger/innen, jung und alt, aktiviert, über Vorurteile und Ausgrenzungen nachzudenken, miteinander zu reden und gemeinsam zu handeln. Am 21. September 2007 gab es das nächste Treffen und am 22. September setzte das Konzert Rock me Amadeu ein Zeichen für Vielfalt und gegen die sich für den Kommunalwahlkampf formierenden Rechtsextremen, die sich über die Verbreitung rassistischer und antisemitischer Aussagen hinaus verschiedenster subkultureller Codes bedienen. (Siehe auch: www.amadeu-antonio.de)

Wir zeigten die Ausstellung „Das hat´s bei uns nicht gegeben“ – Antisemitismus in der DDR der Amadeu Antonio Stiftung in Eberswalde, an der wir auch mit Schüler_innen einer 10. Klasse beteiligt waren. Vier Schüler_innen recherchierten Artikel der lokalen Presse aus den 1960er, 1970er und 1980er Jahren. Darüber hinaus eigneten sie sich das nötige Wissen an, um diese Artikel hinsichtlich ihrer antisemitischen Bestandteile bewerten zu können. Als Ergebnis erstellten sie eine Facharbeit, die dann Inhalt ihrer Prüfung im Fach Geschichte war.

Wir beschäftigten uns mit den Spuren jüdischer Geschichte in unserer Stadt und führten einen Stadtrundgang durch. Zuerst besuchten wir die Maria Magdalenen Kirche, in der es eine mittelalterliche Abbildung einer „Judensau“* gibt, dann die zwei jüdischen Friedhöfe und die Gedenktafel am Ort der früheren Synagoge. Bei der Erforschung ehemaligen jüdischen Lebens in Eberswalde kam uns ein motivierender Zufall zu Hilfe. Für Ellen Behring, die nun mit viel Energie Eberswalder/innen für die Arbeit an einem Gedenkbuch für die jüdischen Bewohner der Stadt zusammenbringt, war es die Begegnung mit Lilli Kirsch. Einer über 80jährigen jüdischen Eberswalderin, die 1938 mit ihren Eltern nach Australien floh und heute mit ihrem Mann, der aus Polen stammt und seine gesamte Familie im Holocaust verlor, in Kanada lebt. Lilli Kirsch war auf der Suche nach ihrem ehemaligen Wohnhaus, das heute nicht mehr steht und klingelte aus Versehen an Ellen Behrings Tür. Die beiden brachte also ein Irrtum zusammen. Ellen Behring fing an, für Lilli Kirsch einerseits alte Stadtansichten zu sammeln und andererseits das heutige Eberswalde zu fotografieren. Dann ermittelte sie das Schicksal der Familie Löwenthal, Lilli Kirschs Familie und fand in Israel und in Australien zwei jüdische Schulfreundinnen für Frau Kirsch wieder. Auf diese Weise entstand die Arbeit zu einem Gedenkbuch an die jüdischen Bürger Eberswaldes.

Ein Besuch in Eberswalde lohnt sich. Mit dem Neubau des Kreis-Verwaltungszentrums, dem Paul Wunderlich Haus, ist eine große städtebauliche Lücke geschlossen worden und die Innenstadt hat dadurch eine Aufwertung erfahren. Rund um den Gebäudekomplex lassen sich Orte ehemaligen jüdischen Lebens festmachen, die auch nach und nach gekennzeichnet werden. Die bereits erwähnte Maria Magdalenen Kirche ist einen Steinwurf weit entfernt und um die Ecke befindet sich derzeit eine Tafel mit dem Hinweis auf den Ort, an dem die neue und große Synagoge der Juden von Eberswalde stand. Auf Initiative von Joseph Keil ist eine Bürgerinitiative 9. November entstanden, die die vorhandene Bebauung des Grundstücks, auf dem die Synagoge stand, bis zum 9. November 2008 beseitigen will, um die baulichen Reste der Synagoge freilegen zu können. Dann soll der Ort zur Gedenkstätte werden. Das Projekt hat vielleicht keine schlechten Aussichten, denn Joseph Keil ist Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Barnim. Es wird begleitet von Schüler_innenprojekten zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938, und einer Lehrer_innenfortbildung zum Thema.

Fährt man aus der Innenstadt heraus, kann man das Ensemble der Messingwerksiedlung besuchen. Überragt wird dieses Werk vom Finower Wasserturm, ein frühes Beispiel des Backsteinexpressionismus aus gelbem Ziegelmauerwerk in Deutschland. Die Siedlung ist über drei Jahrhunderte gewachsen. Man findet Wohnbebauung ab dem Jahr 1729. Die Geschichte der Siedlung ist eng mit der jüdischen Familie Hirsch verbunden. Einige Informationen findet man auf der Seite www.wasserturm-finow.de. Dort kann man auch Bilder von einer Sukka (Laubhütte) am alten Hüttenamt sehen. Mit der Geschichte des Messingwerks beschäftigt sich der Lokalhistoriker Arno Kuchenbecker.

Mit Hilfe des Bundesprogramms "Jugend für Vielfalt Toleranz und Demokratie - gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus" soll im Landkreis Barnim durch einen lokalen Aktionsplan umfassend und in Kooperation mit den unterschiedlichsten Akteuren ein tolerantes und demokratisches Zusammenleben gestaltet und der Einfluss rechtsextremer Gruppierungen zurückgedrängt werden. Seit Herbst 2007 versuchen wir mit Einzelprojekten die demokratische Alltagskultur im Landkreis zu stärken und Kräfte, die sich in besonderer Weise um Toleranz und Demokratie bemühen, zu unterstützen. Dabei betrachten wir die Integration von Migrant_innen als Prüfstein für die Fähigkeit, ein friedliches, auf allgemeine Chancengleichheit gegründetes Zusammenleben in einer vielfältigen, offenen Gesellschaft zu schaffen.

 

Aktivitäten 2007 / 2008

21. September 2007: open space-Veranstaltung „Light me Amadeu“

22. September 2007: Konzert „Rock me Amadeu” im Park am Weidendamm

22. September 2007: 5. Internationales Kinder- und Jugendfest im Familiengarten Eberswalde

seit Sommer 2007: Antragsbearbeitung Lokaler Aktionsplan Barnim (LAP), Recherche

ab Herbst 2007: Beratung der Einzelprojekte und Koordinierung: 1. Ausbau und Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements zur Stärkung demokratischer Alltagskultur im Landkreis Barnim, 2. Förderung der Integration von MigrantInnen durch Entwicklung von Selbsthilfestrukturen und Vermittlung von Kompetenzen, 3. politische Bildung zur Förderung von Demokratie und zur Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte (interkulturelles Lernen, Menschenrechtserziehung), 4. Analyse des ländlichen Raumes, Beratung und Entwicklung von Gegenstrategien

6. Dezember 2007: 17. Todestag von Antonio Amadeu

2007 / 2008: Schüler_innenprojekte zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938, Lehrer_innenfortbildung im November 2007

2007 / 2008: Begleitung von Aktivitäten, die sich aus „Light me Amadeu“ entwickeln

2008: Umsetzung und Fortschreibung des Lokalen Aktionsplans Barnim (LAP)

2008: Mitarbeit am Gedenkbuch für die (ehemaligen) jüdischen Bürger Eberswaldes

2008: Jugendliche aus der Uckermark, 1996 und 2008, Fotoprojekt von Angela Fensch, Porträts von Jugendlichen vor dem Hintergrund erlebter gesellschaftlicher Wirklichkeit


* siehe wikipedia „Judensau“ http://de.wikipedia.org/wiki/Judensau

Gedenkbuch für die jüdischen Bürger Eberswaldes

Die jüdische Geschichte Eberswaldes begann im Mittelalter. Bis zur Jahrhundertwende blühte die jüdische Gemeinde auf und trug mit einer vergleichsweise großen Mitgliederanzahl (1930 waren es etwa 80 männliche Personen aus Eberswalde und Finow) zum florierenden Leben der Stadt bei. Die jüdischen Bewohner der Stadt prägten den Handel und das Bild der Innenstadt bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933. In nur wenigen Jahren wurde die jüdische Gemeinde der Stadt ausgelöscht, die Synagoge abgetragen, jüdische Grundstücke verkauft und der neue jüdische Friedhof an der Bad Freienwalder Straße eingeebnet. Nach 1945 gab es keine jüdischen Bewohner mehr in der Stadt. Die meisten Menschen waren der Naziherrschaft zum Opfer gefallen oder geflohen. Die Spuren des jüdischen Lebens verblassten in der Zeit der DDR und drohten in Vergessenheit zu geraten. Erst 1988, fünfzig Jahre nach der Reichspogromnacht von 1938, gab es die ersten Versuche, an das jüdische Leben in der Stadt zu erinnern. So leistete u.a. der Lokalforscher Ludwig Arendt mit seinen Recherchen wertvolle Arbeit und legte den Grundstein für weitere Forschungen. Es ist schwer zu sagen, wie viele Personen jüdischen Glaubens oder Herkunft in den dreißiger Jahren in Eberswalde lebten. Einwohnermeldelisten gibt es nicht mehr und die Erfassung der Personen stützt sich auf unterschiedliche Quellen. Es wird wohl nicht mehr möglich sein, genau zu ermitteln, um wie viele Personen es sich handelt. Das geplante Gedenkbuch wird die Namen derer erfassen, die bis zur Machtübernahme in Eberswalde lebten oder in Eberswalde geboren sind. Inhaltlicher Schwerpunkt ist die Rekonstruktion von Namen, Lebensdaten und -geschichten, der Schicksale einzelner Personen und Familien. Das Gedenkbuch soll so umfassend wie es heute noch möglich ist, den Opfern Namen und Identität zurückgeben und eine Auseinandersetzung der heutigen Bürger der Stadt mit ihrer jüdischen Geschichte ermöglichen.

 

Für das Gedenkbuch ist folgende Gliederung vorgesehen:

1.Teil – Namen/ Schicksale
Nennung aller Personen, die ab 1860 in Eberswalde oder Finow geboren sind, in den dreißiger Jahren in der Stadt lebten oder auch nur vorübergehend in dieser Zeit in Eberswalde wohnten. Das Jahr 1860 wurde deshalb gewählt, weil man davon ausgehen kann, dass Personen, die vor 1860 geboren wurden, die Machtübernahme der Nazis nicht mehr erlebt haben. Im Gedenkbuch werden Name, Geburtsjahr, Geburtsort, Wohnort, Beruf, Schicksal (soweit bekannt) erwähnt. Wenn Fotos der jeweiligen Person bzw. aktuelle oder historische Fotos des Grundstücks oder Hauses, in der sie lebte, vorhanden sind, wird man sie auch auf einer CD anschauen können.

2.Teil - Einzelschicksale
Hier werden drei jüdische Familien aus Eberswalde vorgestellt. Die Einzelheiten stammen aus Interviews und Gesprächen mit jüdischen und nichtjüdischen Eberswaldern (z.B. Frau Kirsh, geb. Löwenthal; Herr Arendt; Herr Schuppan; Frau Snyder, geb. Katschinsky; Frau Miron, geb. Steinhardt). Sie basieren auf privaten Recherchen der Autorin. Diese Erinnerungen sind sehr persönlicher Art. Sie beschreiben den jüdischen Alltag dieser Familien vor und während der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, sowie den Neubeginn im Exil. Die Autorin hat Kontakt zu drei überlebenden Personen aus den Familien Löwenthal, Steinhardt und Katschinsky. Alle drei Personen sind damit einverstanden, dass ihre Familiengeschichte in diesem Gedenkbuch vorgestellt wird.

3. Teil – Jüdische Spuren in und um Eberswalde (personenbezogen)
Synagoge: Hier wird die Geschichte der Synagoge beschrieben und mit Fotos ergänzt. Im Text finden sich auch persönliche Erinnerungen an die Synagoge.
Messingwerk in Finow: Das Messingwerk hat eine eigene jüdische Geschichte. Hier findet sich auch die Lebensgeschichte einer Messingwerkerin.
Friedhöfe: Die jüdischen Friedhöfe der Stadt werden vorgestellt und die Bemühungen verschiedenster Personen beschrieben, diese Friedhöfe freizulegen und wieder zugänglich zu machen.
Polenzwerder
: Die ehemalige Ziegelei Polenzwerder bei Eberswalde war in der Zeit von 1933-1941 Hachscharastätte zur Vorbereitung jüdischer Jugendlicher auf ihre Auswanderung nach Palästina, welche ihnen das Leben rettete. Hier findet sich ein Bericht der ehemaligen Teilnehmerin Betty Steinbock.
Stadtrundgang auf jüdischen Spuren: Mithilfe dieses speziellen Stadtplans soll ein Stadtrundgang / eine Stadtführung auf jüdischen Spuren, z.B. der Friedhöfe, der Gedenktafel für die Synagoge, sowie bekannter Grundstücke und Häuser ermöglicht werden. Dieser Stadtplan liegt dem Gedenkbuch bei.

CD-Rom: Auf der CD-Rom werden sich zusätzliche Materialien befinden, die in das Gedenkbuch keinen Eingang gefunden haben. Dort werden weitere Einzelschicksale dokumentiert und um Fotos von Grundstücken oder Wohnhäusern jüdischer Familien Eberswaldes ergänzt. Weiterhin finden sich auf der CD Texte zur Messingwerksiedlung, zu den Hachscharastätten Polenzwerder und Rüdnitz (die israelische Schriftstellerin Ester Golan berichtet über ihren Hachscharaaufenthalt in Rüdnitz), Lebens- und Familiengeschichten, sowie geschichtliche Hintergrundtexte. Die CD soll Interessierten eine Weiterarbeit am Thema ermöglichen.

Anhang: Nationalsozialistische Judenverfolgung – Gesetzgebung; Glossar; Quellenverzeichnis; Autorenregister

Im „Exil“ in Eberswalde

Eberswalde liegt weniger als einhundert Kilometer nordöstlich von Berlin und weniger als fünfzig Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, also schon im deutsch-polnischen Grenzgebiet. Jedoch ist die Lage der Stadt für einen Grenzgänger nicht besonders günstig – keine Oderbrücke in der Nähe, kein städtisches Zentrum auf dem östlichen Ufer des Flusses, nur ein paar Dörfer, Oderwiesen und Überschwemmungsgebiete. Es ist nicht einfach, Kontakte zum nächsten Nachbarn zu knüpfen. Und doch war am 14. Mai d.J. in Eberswalde die polnische Sprache zu hören. Der Jugendverein „Exil“ organisierte zusammen mit Jugendlichen aus dem polnischen Gryfino (ehemals Greifenhagen) ein gemeinsames Theatertreffen. Beide Gruppen spielten in der eigenen Sprache dasselbe Stück. Zu einem anderen Termin kommt die Vorstellung nach Gryfino.

Dieses Projekt wurde Anlass für eine andere Veranstaltung – die Eröffnung einer zweisprachigen Ausstellung, die bereits seit fünf Jahren durch das deutsch-polnische Grenzgebiet wandert. Sie heißt „I wtedy nas wywieźli – Und dann mussten wir raus“ und erzählt von Vertreibungen der Polen und Deutschen in den Jahren 1939 bis 1949. Man kann sie als einen wichtigen Beitrag zu der emotionsbeladenen Debatte um das Zentrum gegen Vertreibungen auffassen, denn sie hebt kein spezifisch nationales Leid hervor, sondern befasst sich mit menschlichen Schicksalen beider Nationen, ohne sie gegenseitig aufzurechnen.

Gerade deswegen holten Kai Jahns und Mario Wenzel vom Jugendverein „Exil“ diese Ausstellung nach Eberswalde. Denn die Geschichte der Vertreibung, Neuansiedlung und einer neuen Heimat in der Fremde ist in dieser Stadt bis heute präsent. Das veranschaulicht die Broschüre „Fremde Heimat Eberswalde. Zuwanderungen in Vergangenheit und Zukunft“, die als Begleitpublikation zu einer gleichnamigen Ausstellung in diesem Jahr erschienen ist. „Exil“ hat dabei mitgewirkt.

In der Stadt, die über 45.000 Einwohner zählt, leben heute rund 600 Ausländer aus mehr als 60 Ländern (im ganzen Landkreis Barnim sind es insgesamt 4.000). Betrachtet man aber die Herkunft vieler alteingesessener Eberswalder, so erfährt man mehr über die lange Zuwanderungsgeschichte dieser Stadt. Sie begann im 16. Jahrhundert mit der Ankunft der Hugenotten, später kamen Einwanderer aus der Schweiz und Juden. Im 18. Jahrhundert, während der Binnenkolonisation des Landes, siedelten sich dort fremde Handwerker u.a. aus Ruhla und der Pfalz an. Nach 1945 war Eberswalde eine Sammelstelle für Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten. Bis zur Wende lebten hier jeweils für zwei bis drei Jahre ca. 15.000 Sowjetbürger: Armeeangehörige mit ihren Familien. Seit 1992 nahm Kreis Barnim mehr als 2.000 Spätaussiedler auf. Und nicht zuletzt: In den Sechzigerjahren kamen Vertragsarbeiter aus „sozialistischen Brüderländern“, darunter nicht wenige Polen. Heute sind sie in der Stadt kaum zu erkennen und ihre Enkelkinder sprechen kein Polnisch mehr.

Ein anderes Kapitel der Stadtgeschichte bilden die Jahre 1939 bis 1945. In Eberswalde gab es damals unzählige Zwangsarbeiter und einige Hundert KZ-Häftlinge. Mit deren Schicksalen befasst sich „Exil“ in besonderem Maße. Denn der Jugendverein ist in zwei alten Baracken untergekommen, die abseits der Stadt in einem ehemaligen Gewerbegebiet stehen und Überreste eines Außenlagers des KZ Ravensbrück sind. In einer der zwei Baracken haben die Jugendlichen eine Disco eingerichtet, woraufhin der Verein für einen „falschen Umgang mit dem historischen Ort“ gescholten wurde. Dabei versucht dort niemand, die historischen Tatsachen zu verbergen oder sie zu verdrängen. Im Gegenteil: Gleich am Eingang zum Gelände hängt an der Wand eine Gedenktafel, die an das Lager erinnert. Und die zweite Baracke, in der zur Zeit die Ausstellung „Und dann mussten wir raus“ zu sehen ist und in der bereits andere Dokumentationen zur Geschichte des Nationalsozialismus gezeigt worden sind, soll in Zukunft eine Geschichtswerkstatt und eine Dauerausstellung zur Geschichte des Lagers beherbergen. Geplant sind auch Begegnungen mit ehemaligen Häftlingen, von denen viele aus Polen kommen.

Der ganze stadtgeschichtliche Komplex stellt eine Herausforderung dar, zugleich ist es auch eine Chance, sich den Erfahrungen der „Fremden“ zu öffnen, sich auf sie einzulassen, um neue Inhalte für die Gegenwart zu gewinnen. Dessen sind sich die Leute vom Jugendverein „Exil“ völlig bewusst. Sie suchen Zugänge zu den polnischen Nachbarn, die für sie eine Bereicherung sein können. Die geographische Nähe und der historische Kontext sind da.

SŁOWO / DAS WORT 63/2004

Waldfrieden (Zacisze)

Zur Eröffnung einer Gedenkstätte der europäischen Verständigung in der Wojewodschaft Großpolen

Hans Paasche darf stolz und glücklich sein, hier zu ruhen: zwar noch immer einsam im Wald, aber dennoch mitten unter Menschen, die ihn achten und für die Völkerhass nur noch ein Wort aus längst vergangener Zeit ist.

Es ist nicht viel geblieben vom Gut Waldfrieden in der ehemaligen Grenzmark und späteren Provinz Posen-Westpreußen: die Ruine der Wassermühle, die hohe Treppe, die einst zum Gutshaus hinaufführte, Reste der Grundmauern. Überdies ein Grabkreuz, aufgestellt erst in den Achtzigerjahren, auf dem in polnischer Sprache geschrieben steht: „Hans Paasche. Hier ruht ein Kämpfer für Frieden und Völkerverständigung, ermordet im Jahre 1920 als Opfer seiner Gesinnung.” Darunter stehen die deutschen Worte „Ich habe mehr gesät als geschnitten ...”

Wer war dieser Mann, dessen Epitaph verheißt, er habe eine Saat, ein Vermächtnis hinterlassen? Paasche wurde 1881 in Rostock geboren und wuchs in Marburg, Berlin und in Waldfrieden auf. Seine Eltern - der Vater war namhafter Wirtschaftswissenschaftler, Kolonialökonom, Großaktionär und Politiker, die Mutter bezeichnete sich als Schriftstellerin und verfasste sowohl emanzipatorische als auch militaristische und antisemitische Schriften - wünschten, der Sohn solle Wissenschaftler werden. Doch er verfing sich in dem, was er später „das Gestrüpp deutscher Erziehung” nannte, brach den Schulbesuch ab, wurde Seekadett, hernach Offizier und gelangte 1904 in die Kolonie Deutsch-Ostafrika, das heutige Tansania. Als im folgenden Jahr der Maji-Maji-Aufstand den Süden der Kolonie entflammte, wurde Hans Paasche als Militärischer Befehlshaber im Bezirk Rufidschi (Rufiji) eingesetzt, für ein entscheidendes Gefecht hoch dekoriert und dennoch abberufen, weil er eigenmächtige Friedensverhandlungen aufnahm. Zum Missfallen der Vorgesetzten dürfte beigetragen haben, dass er in seinem Hauptquartier nahezu tausend Friedfertige und Flüchtlinge aufnahm und sie verpflegen und medizinisch versorgen ließ.(1)

1909, inzwischen auf seinen Wunsch hin aus dem Militärdienst entlassen und mit der Tochter des Bankiers und ehemaligen Posener Oberbürgermeisters Richard Witting verheiratet, kehrte Paasche mit seiner Frau in die Kolonie zurück. Diesmal als Forschungsreisender mit dem Anliegen, den Afrikanern, insbesondere Opfern des Krieges, Gesichter und Würde zurück zu geben. Eines dieser Gesichter erschien bald in der - von Hans Paasche vorgeblich nur herausgegebenen - Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland, eine kulturkritische Satire auf grenzenlosen Fortschrittsglauben und Überlegenheitsanspruch, die noch heute verlegt wird.(2) Da gehörte Paasche bereits zu den aktiven Mitgliedern der deutschen Friedensbewegung, bekannte sich öffentlich zu pazifistischem Gedankengut. Seine Überzeugung, eine naturferne Lebensweise, die alltägliche Betäubung durch Stress, so genannte Genussgifte und eine lärmende Vergnügungsindustrie würden die Menschen unempfänglich für das Leid anderer machen, trieb ihn dazu, ein führender Vertreter der Lebensreform- und Jugendbewegungen zu werden.

Im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger zur Marine zurückgekehrt - wie nahezu alle seiner Landsleute glaubte er damals, Deutschland führe einen Verteidigungskrieg -, erkannte Paasche bald die wahren Ursachen und wurde wegen Befehlsverweigerung entlassen. Er nahm seine Untergrundaktivitäten auf, verbreitete und vervielfältigte mit Hilfe seiner Frau, seines Sekretärs und einigen der auf dem Gut Waldfrieden tätigen französischen Kriegsgefangenen pazifistische Schriften sowie eigene Flugblätter. Das endete 1917 mit einer Anklage wegen Aufforderung zum Hochverrat und versuchtem Landesverrat, die schließlich zur Schutzhafteinweisung in ein Berliner Sanatorium führte: Ein Mann von Paasches Herkunft konnte nur geisteskrank sein, wenn er den Mächtigen derartigen Widerstand leistete. Nach dreizehn Monaten Haft von aufständischen Matrosen befreit, wurde er in die höchste Machtinstanz der Revolution, den Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte, gewählt. Aber seine Vorhaben, zu denen die Bildung eines Volksgerichts über jene gehörte, die den Krieg verschuldet hatten, scheiterten am Widerstand rechter Sozialdemokraten.

Als die Revolution niedergeschlagen war, kehrte Hans Paasche - dazu auch vom frühen Tod seiner Frau und der Sorge um vier Kinder bewogen - nach Waldfrieden zurück, das überdies eine Zufluchtstätte für Verfolgte geworden war. Er wurde einer der bedeutendsten politischen Publizisten Deutschlands, bewundert und geachtet von Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky, geschätzt von Mitstreitern wie Albert Einstein, Hermann Hesse, Käthe Kollwitz and Heinrich Mann. Themen seiner damals bekanntesten Veröffentlichungen waren die Abkehr von Gewalt, Kritik an Militarismus und Nationalismus, die Aufklärung der Kriegsverbrechen und die Idee der Einrichtung eines Völkerbundes, der nicht auf Europa beschränkt sein sollte und selbstverständlich den Verzicht auf Kolonien einschloss.(3) Und er warnte: „Mache dir das ganz klar, Deutscher: Du bist ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Völker, wenn du nicht endlich Erbitterung zeigst gegen das System, das dich zum Henker deiner Nachbarn machte und dich schließlich selbst zerschunden hat. Du hast dich anstiften lassen, friedliche, glückliche Länder zu überfallen und in eine hoffnungslose Wüste zu verwandeln. Dein feldgrauer, animalischer Gehorsam hat das Elend, die Trauer und Kraftlosigkeit dieser Zeit herbeigebracht. Und du sprichst nur von deutschen Interessen, bevor du einmal die Tränen der Verzweiflung mitgeweint hast, die die ganze Menschheit weinen muss beim Anblick der Landstriche, in denen wir Siegfried- oder Hindenburgstellung spielten. Die Welt steht dir nicht offen, bevor du Mensch wirst. Es war deine historische Bestimmung, die Begriffe Vaterland, Nation bis zur Verrücktheit zu übertreiben; jetzt erkenne deine Verführer (...)“(4)

Am 21. Mai 1920 umzingelten fünf Dutzend Angehörige des Reichswehr- Schutzregiments 4 aus Deutsch-Krone (Walz) das Gut Waldfrieden. Der Hausherr, so lautete die widersprüchliche Begründung, sei ein bekannter Pazifist und verberge wahrscheinlich Waffen für einen Aufstand. Ein Haftbefehl lag nicht vor. Hans Paasche wurde dennoch aus dem Hinterhalt und ohne Anruf „auf der Flucht“ erschossen.

Man beerdigte ihn unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf seinem Gut, Kurt Tucholsky hielt ihm eine Grabrede, die linksgerichtete Presse forderte, den Mord an dem einsamen Mahner - Paasche hatte niemals einer Partei angehört - zu bestrafen, aber der zuständige Staatsanwalt ersann nur Ausflüchte. Es kam die schwärzeste Zeit deutscher Geschichte, und Paasche wurde nahezu vergessen. Lediglich in dem von seiner Tochter Helga zusammengetragenen Privatarchiv und vereinzelten Publikationen wurde sein Vermächtnis bewahrt, nur an zwei Örtlichkeiten in Deutschland wurde an ihn erinnert: auf einem den Opfern der so genannten Fememorde gewidmeten Gedenkstein in Berlin-Friedrichsfelde und in einer Dauerausstellung im Zentrum der deutschen Jugendbewegung auf der Burg Ludwigstein. Mehrere Versuche, Straßen nach Hans Paasche zu benennen, wurden von den Behörden zurückgewiesen. Vermutlich war sein Name in der Schublade mit der Aufschrift „Amtlich anerkannte deutsche Patrioten“ nicht zu finden.

Weshalb wird hier davon berichtet? Nun, die Geschichte ist zum Glück noch nicht zu Ende. Der Autor bemühte sich viele Jahre, in Polen Partner für eine Patenschaft über das Grab zu finden und scheiterte am Misstrauen, das Deutsche und Polen bisweilen noch trennt, wenn von der Vergangenheit die Rede ist. Bis Dr. Jerzy Giergielewicz (Szczecin) 2003 eine Studie über Hans Paasche veröffentlichte und darin schrieb, Paasche verdiene es, in Polen besonders geehrt zu werden, weil er „sein Leben für die allumfassende Idee des Humanismus und der Völkerfreundschaft geopfert“ habe. Er empfahl, Paasches Grab zur Gedenkstätte der europäischen Verständigung zu erheben und das ehemalige Gutsgelände der Aufsicht des für die Wojewodschaft Wielkopolska zuständigen Konservators zu unterstellen.(5) In Polen vertraut man seinem Urteil: Giergielewicz gehörte als Jugendlicher der Heimatarmee an, wurde 1942 in Warschau von der Gestapo verhaftet und war Häftling in den Konzentrationslagern Majdanek, Flossenbürg, Groß-Rosen und Neuengamme. Eben deshalb, sagt er heute, interessiere er sich besonders für Deutsche, die vor Nationalismus, Militarismus und Krieg warnten.

Im Oktober 2004 fand in Krzyż, der Kreisstadt, in deren Verwaltungsbereich das ehemalige Gut Waldfrieden liegt, eine von Giergielewicz angeregte und vom Bürgermeister Zygmunt Jasiewicz geleitete Zusammenkunft statt. Lokalpolitiker, Vertreter der Forstverwaltung, Lehrer und interessierte Bürger der Stadt diskutierten das Vorhaben und gaben uns Gelegenheit, Dokumente vorzulegen und von Hans Paasche zu erzählen. Als dann auch die bange Frage, ob Paasche ein gläubiger Mensch gewesen sei, zufriedenstellend beantwortet war, wurde beschlossen, sein Grab zur Gedenkstätte zu erklären.

Am 21. Mai 2005, Paasches 85. Todestag, luden die polnischen Gastgeber erneut ein. Waldfrieden (Zacisze) hatte sich verändert: am Mühlbach standen zwei große, überdachte Schautafeln, die Hans Paasches Leben und die Geschichte des Gutes schildern, die Gutshaustreppe war von Mitgliedern des Sportclubs „Dynamo“ und der Vereinigung „Naturschutz“ von Moos und Überwuchs befreit, der Zugang zum Grab ausgelichtet worden. Mehr als dreißig Menschen aus Polen, Deutschland und Kanada gingen nun mit Blumengebinden für den ermordeten Pazifisten gemeinsam die Treppe zur Grabstelle hinauf.

Während der Reden, die dort gehalten wurden, ehrten die Gastgeber Hans Paasche als Fürsprecher der europäischen Idee, als Humanisten und Bewahrer der Natur. Gern nähmen sie, so hieß es, die Geschichte ihrer Heimat an und schätzten sie als kulturelles Erbe. Der aus Toronto angereiste Gottlieb Paasche, ein Enkel Hans Paasches, bekundete seine Dankbarkeit und seine Freude darüber, dass das Vermächtnis seines Großvaters mit dieser großartigen und mutigen Geste entgegengenommen werde und sagte auch, er könne sich nicht vorstellen, dass dergleichen in Deutschland möglich sei. Ein deutscher Teilnehmer sagte: „Von allen Wegen, die uns offen stehen, wählte Hans Paasche den ärgsten, den einsamsten: nicht nur dass er immerfort Veränderung der Welt, der Gesellschaft, der Anderen forderte, sondern vor allem sich selbst veränderte er. Er war dabei oft allein mit seiner Gesinnung, seinen Hoffnungen und Zweifeln und mit seinem Glauben an Christus, den Christus der Bergpredigt. Hans Paasche darf stolz und glücklich sein, hier zu ruhen: zwar noch immer einsam im Wald, aber dennoch mitten unter Menschen, die ihn achten und für die Völkerhass nur noch ein Wort aus längst vergangener Zeit ist.“

 

(1) Vgl. Werner Lange, Hans Paasches Forschungsreise ins innerste Deutschland. Eine Biographie, Bremen 1995 (auch: Hans Paasche. Militant Pacifist in Imperial Germany, Victoria BC 2005).

(2) Hans Paasche, Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland. Zuerst erschienen in sechs Briefen 1912-1913 (Jg. 1-2), in: Der Vortrupp, Halbmonatsschrift für das Deutschtum unserer Zeit.

(3) Vgl. z. B. Hans Paasche, Meine Mitschuld am Weltkriege, in: Flugschriften des Bundes Neues Vaterland, Nr. 6, Berlin 1919, sowie Hans Paasche, Das verlorene Afrika, In: Flugschriften des Bundes Neues Vaterland, Nr. 16, Berlin 1919.

(4) Hans Paasche, Das verlorene Afrika, S. 7

(5) Jerzy Giergielewicz, Hans Paasche: fascynująca postać Niemca, w Polsce prawie nie znana, in: Wędrowiec Zachodniopomorski 2(10), Szczecin 2003, S. 18ff.

Siehe auch: http://hanspaaschede.wordpress.com/chronologie-verfasst-durch-werner-lange/


„Zuerst Mensch, dann Pole"

Der 76jährige Heimatforscher Zbigniew Czarnuch wehrt sich gegen unkritischen Patriotismus in seinem Land

Seit dem Regierungswechsel vor einem Jahr hat der Patriotismus in Polen Hochkonjunktur. Kritiker im In- und Ausland warnen jedoch vor dem überzogenen Gebrauch nationaler Gefühle. Zu ihnen gehört der Heimatforscher Zbigniew Czarnuch.

 

Witnica (Vietz) ist eine Kleinstadt auf halber Strecke zwischen Küstrin und Gorzów, dem früheren Landsberg. Kaum jemand kennt sich in dem Ort, der bis 1945 Vietz hieß und an der ehemaligen Reichsstraße 1 und der Ostbahn lag, so gut aus wie der Heimatforscher Zbigniew Czarnuch.

Im Herbst 1945 war er mit seiner Familie in Witnica gelandet. Sein Vater war Bürgermeister des Ortes geworden, dessen deutsche Bewohner damals zum Großteil bereits vertrieben worden waren. Vater und Sohn glaubten an die Ideologie, laut der Polen hier seine uralten Westgebiete „wiedergewonnen" hatte. „Damals bin ich das erste Mal in eine Geschichtsfalle getappt", urteilt der 76-Jährige heute. Sein Vater hatte ihm, dem Anführer der Witnicer Pfadfinderorganisation, den Auftrag gegeben, die Spuren deutscher Geschichte auszumerzen. Mit Farbe und Hammer überpinselte man alte Aufschriften an Häusern oder schlug sie ab. Der junge Zbigniew hatte nicht das Gefühl, Unrecht zu tun. Schließlich hatte seine Familie, die aus der Gegend von Tschenstochau stammte, zuvor sechs Jahre lang vor den deutschen Besatzern Angst haben müssen. Man war Augenzeuge vieler Verbrechen geworden, zum Beispiel des Transports der Juden in die Konzentrationslager.

Ein halbes Jahrhundert später forscht der gleiche Zbigniew Czarnuch intensiv nach den Überresten deutscher Geschichte in Witnica. Auf die Frage nach dem Warum deutet der grauhaarige kleine Mann mit seinen lebendigen Augen zunächst auf die Möbel in seiner Wohnung: „Dieser Tisch hier ist ein deutscher Tisch, auf diesem Stuhl haben Deutsche gesessen, und auch dieses Regal hat einmal einer deutschen Familie gehört." Irgendwann habe er wegen dieser Erkenntnis ein „psychologisches Unbehagen" empfunden, beschreibt er seine Gefühle.

Angeregt wurde sein Nachdenken schon in den 70er Jahren, als frühere Bewohner erstmals an ihren einstigen Wohnungen anklopften – nicht als rachsüchtige Deutsche, wie es in der Propaganda beschrieben wurde, sondern zaghaft und mit der Hoffnung, schmerzhafte Erinnerungen aufarbeiten zu können. Eine Frau bat darum, in den Garten ihres früheren Hauses gehen zu dürfen. Dort hatte sie ihre Mutter notdürftig begraben müssen, die von einem russischen Soldaten erschlagen worden war, dem sie ihre Gänse nicht hatte geben wollen.

Eine andere Frau brachte ihm den Koffer, mit dem sie 1945 über die Oder geflohen war. Dieser Koffer steht heute neben zwei weiteren Gepäckstücken in dem Heimatmuseum, das von Czarnuch betreut wird. Das zweite ist ein reich bemalter Flüchtlingskoffer, mit dem Polen aus dem früheren Osten des Landes zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erst nach Sibirien und später nach Witnica gezogen waren, weil ihre Heimat an die Ukraine gefallen war. Der dritte Gegenstand ist ein deutsch-polnischer Märchenkoffer, der mit Kinderbildern und -geschichten gefüllt ist. „Den haben Kindergartenkinder aus Witnica und Müncheberg gestaltet, nachdem ihnen ihre Erzieherinnen von den anderen Koffern erzählt haben", berichtet Czarnuch. Er selbst hat viel dazu beigetragen, dass die Partnerschaft zwischen den Kommunen zustande gekommen ist, die in etwa gleicher Entfernung zur Grenze liegen – Witnica auf polnischer Seite, Müncheberg in Märkisch-Oderland.

Auch ein Glas eingeweckter Pfifferlinge findet man in dem Heimatmuseum. Diese Pilze, die Deutsche im Krieg als Nahrungsreserve vergraben hatten, wurden viele Jahre später unversehrt von Polen entdeckt. In diesem Sommer war das Glas in der vom „Bund der Vertriebenen" organisierten Ausstellung im Berliner Kronprinzenpalais zu sehen, die in Polen auf viel Kritik gestoßen war. Während alle staatlichen polnischen Einrichtungen von der Warschauer Regierung angewiesen worden waren, ihre Exponate zurückzuziehen, beließ Czarnuch die Pilze in Berlin.

Als ihn polnische Journalisten befragten, warum er dies tue, antwortete er: „Weil ich nicht zum zweiten Mal in eine Geschichtsfalle gehen will." Und dass er „zuerst ein Mensch und erst danach ein Pole" sei. Der 76-Jährige, der auch in der Volksrepublik Polen immer wieder aneckte, obwohl er Lehrer und Mitglied der kommunistischen Partei war, macht keinen Hehl daraus, dass ihm die einseitige Sicht auf die Geschichte zuwider ist. „Warum können einige meiner Landsleute nicht akzeptieren, dass viele Deutsche hier ihre Heimat verloren haben?", fragt er. Auch an die Beurteilung historischer Persönlichkeiten wie Friedrich II. oder Bismarck, die Polen erobert oder unterdrückt haben, geht er differenziert heran. So sei unter dem Preußenkönig die Neumark bewirtschaftet worden, in der heute viele Polen leben. Und Bismarck sei der Erfinder der Sozialversicherung gewesen.

Zahlreiche Zeugnisse der lokalen Geschichte hat Czarnuch mit Gleichgesinnten auch in einem „Park der Wegweiser und der Meilensteine der Zivilisation" zusammengetragen. Unter anderem ist die Maschine eines gewissen Otto Dittner zu sehen, mit der 1897 der erste Strom in Vietz erzeugt wurde. Es werden Gaslaternen gezeigt, die von 1906 bis 1986 in Betrieb waren. Einer der eindrucksvollsten Gegenstände ist ein zerschossener Baum, der mit polnischen, deutschen und russischen Ortsschildern an diejenigen Menschen erinnert, die 1945 Vietz verlassen mussten, wie auch an jene, die im Kampf um Witnica starben, beziehungsweise die weit aus dem Osten hierher kamen.

Immer wieder lehnt sich Czarnuch gegen vereinfachende oder verfälschende Darstellungen auf. So regt es ihn auf, dass das Hakenkreuz, welches anlässlich der Verleihung der Stadtrechte in der Nazizeit ins Wappen aufgenommen worden war, in einer neuen Publikation über diese Geschichtsperiode entfernt wurde. Natürlich sind ihm nicht nur polnische, sondern auch deutsche Verfälschungen der Geschichte ein Dorn im Auge. „Deutsche und Polen werden sich nur dann verstehen können, wenn sie akzeptieren, dass es Unterschiede gibt und sie einen echten Dialog führen", ist er überzeugt. Dass einseitige Darstellungen gefährlich sind, hat er in seinem langen Leben gelernt.

MOZ, 22.12.2006, Seite 3

Ein Stück Heimat

Eigentlich wollte Ferdinand Pfeiffer aus Lebus an der Oder schon im November nach Polen fahren und über seine Kindheit in Schlesien reden, die 1945 zu Ende gegangen war, und über das, was danach kam. Doch dann sagte er ab und holt die Fahrt jetzt nach. Jedenfalls im kleinen, nur nach Witnica – „Vietz, wie wir immer noch sagen" (...), jenseits der Oder in der Neumark, dem östlichen Teil von Brandenburg, 30 Kilometer von Lebus entfernt.

Dort wird er Zbigniew Czarnuch treffen. Als der siebenjährige Pfeiffer aus seinem Dorf vertrieben wurde, hat der fünfzehnjährige Czarnuch das polnisch gewordene Witnica von deutschen Inschriften gereinigt, wie man Fassaden von Geschmiere befreit. Jetzt fahndet Czarnuch nach diesem Geschmiere: Zettel, Emailleschilder, Fotos - alles Deutsche, was er findet, trägt er ins Heimatmuseum. (...)

Ferdinand Pfeiffer, Jahrgang 38, ist ein junger Spund unter den Vertriebenen, gerade noch eingeschult in Lindenkranz bei Neusalz an der Oder in Niederschlesien. Dann war Schluss. Im Mai 45 haben sie Kartoffeln gesteckt, geerntet haben schon andere. „Mein Dorf heißt eigentlich Bielawe", korrigiert Pfeiffer sich selbst. Weil Bielawe slawisch klingt, wurde es mit patriotischem Eifer nach 1933 in Lindenkranz umbenannt. Geholfen hat es nicht, im Sommer 45 wurde aus Lindenkranz wieder Bielawy. In Küstrin geht's auf dem Pflaster der alten Reichsstraße 1 über die Oder, vorbei an den Artilleriekasernen auf der Insel im Strom, wo sich die Russen einquartiert hatten, vor zwölf Jahren sind sie fort.

1958 hat Ferdinand Pfeiffer erstmals wieder sein Dorf besucht. Pfeiffer hat damals als junger Reichsbahner auf dem Küstriner Bahnhof gearbeitet und sein polnischer Kollege Wiktor verschaffte die Einladungen, die damals nötig waren. Auf Motorrädern fuhren Vater und Sohn über Frankfurt und Grünberg nach Bielawe. Der Sohn stand vor dem elterlichen Haus, der Vater sagte: „Ich fahr' amal aufs Land" und brauste weiter. Als er einen Polen seinen Acker hat pflügen sehen, stand er da und schwieg. Keiner weiß, was in ihm vor sich ging. Jedenfalls sind sie von da an öfter gefahren, schickten dem Polen, der mit seiner Familie Haus und Feld bestellte, Sachen, Waschpulver und solche Dinge. Gut zu wissen, dass es in ihrem Haus ordentlich zuging, und der Vater träumte vielleicht vom Pflügen, wenn's „amal" andersrum geht. Es ging aber nicht andersrum. Lindenkranz/Bielawe heißt Bielawy und Vietz heißt Witnica. Witnica hat ein Rathaus, ein Amtsgericht und eine Brauerei. Und seitdem Zbigniew Czarnuch wieder hier wohnt, ein Heimatmuseum. (...)

Czarnuch erzählt, wie er als fünfzehn Jahre alter Pfadfinder deutsche Inschriften ausgelöscht hat, wie sie die Blechbuchstaben der Molkerei herausgerissen haben. Weil noch die Schatten an der Wand zu sehen waren, klopften sie den Putz ab, und weil die Umrisse immer noch zu sehen waren, schlugen sie den ganzen Plunder raus: Es blieb ein Loch. Das war Patriotismus.

„Ein deutscher Zaun", sagt Ferdinand Pfeiffer behaglich. Der vom Rost bröselige Eisenzaun schützt das Haus, in dem Czarnuch zwei Zimmerchen bewohnt, seitdem er als Pensionär wieder in Witnica lebt. Der Zaun ist ein Stück Heimat – ermüdet, aber noch vorhanden. (...) Czarnuch hat mitten in der Stadt, wo früher die Wassermühle stand, eine Gedenklandschaft pflanzen lassen. Vor acht Jahren haben sie begonnen. Bitterkalt fegt der Wind die Straßen, zerrt an Hosen, zwackt an Nasen, schnurstracks läuft Czarnuch auf einen bronzenen Baumstumpf zu, Pfeiffer wie ein Bursche hinterher. Am Stumpf sagt Czarnuch: „Das ist der Wegweiserpark. In Grenzländern waren die Bäume oft zerschossene Stämme, an die nagelte man dann die Wegweiser." Drei Wege führen zum Stamm hin oder weg – je nachdem. Auf dem einen stehen Namen im Pflaster wie Alfeld, Erftstadt, Lauenburg, Herford. „Das sind Orte, wohin Vietzer vertrieben wurden." Auf dem anderen Weg stehen Nieswież, Złoczów, Oszmiana, Kozaki – Orte aus Zentralpolen und dem ehemaligen Ostpolen, aus denen die jetzigen Witnicer teils vertrieben wurden, teils hergezogen sind. Auf dem dritten Weg stehen Ländernamen: USA, Kanada – dorthin sind Polen aus Witnica ausgewandert. „Das ist das erste Denkmal gegen Vertreibung", sagt Czarnuch mit leicht singender Stimme. „Ich kenne kein anderes." Czarnuch wirkt zufrieden. Erika Steinbach vom Bund der Vertriebenen dürfte solch ausgleichende Symbolik wohl nicht genügen.

Über der Straße ist der Park mit allerlei Exponaten aus Eisen, Holz und Beton gefüllt. „Das sind Elemente der Kulturen des Weges." Vietz lag an der sogenannten Ostbahn, die Reichsstraße 1 führte hindurch, und die Warthe fließt vorbei – alles Wege. Czarnuch ließ einen Themenpark anlegen: Erinnerungen an die erste Eisenbahn, das erste Dampfschiff, das erste Flugzeug – alles deutsch. Zwei alte Männer laufen mit tief ins Gesicht gezogenen Mützen wie Detektive zwischen Gusseisen und Steinen herum und können nicht genug sehen. Der eine präsentiert die Funde, der andere würdigt sie. Plötzlich legt sich Pfeiffer trotz Schlips, Bügelfalte und lädiertem Rücken auf einen Anker. „Der ist aus Neusalz", strahlt er, „gleich hinter Bielawe." „1847: Der Anker steht für das erste Dampfschiff auf der Warthe", doziert Czarnuch dazu. Czarnuch könnte nicht abstreiten, gleichermaßen Historiker und Pädagoge zu sein. Mädchen kommen vorbei. „Dzień dobry!" Immerhin, die Kinder grüßen. „Ich bin jetzt hier in diesem Gebiet, man kann sagen, ein Radikaler." Manche hier halten ihn schon für einen Deutschen, dabei stammt Czarnuch aus Wieluń, einem Städtchen zwischen Oppeln und Lodz. Görings Luftwaffe hatte Wieluń 1939 gleich am ersten Kriegstag fast völlig ausradiert.

Im Heimatmuseum werden die Exponate kleiner: ein Bierkasten von Stern-Bräu, wo die Polen anfangs Limonade abfüllten, Fotos vom Brauereibesitzer Handke, ein Koffer von Vertriebenen, Kleiderbügel. Mit jenem Brauereibesitzer begann Czarnuchs Wandlung. Der alte Handke gab 1982 einen Bildband über seine Heimat heraus, Titel „Wege zueinander" – auf deutsch und polnisch. „Das Buch war ein Skandal, weil polnische Autoren beteiligt waren. Man warf ihnen Verrat an der Heimat vor", erinnert sich Czarnuch. Das war Kollaboration mit Revanchisten. „Dann habe ich im Buch geblättert – und keine revanchistischen Texte gefunden." Danach bröckelte das eherne Standbild vom Feind, und Czarnuch fing an, Deutsch zu lernen. (...)

Czarnuch sucht in Papieren. „Das Zentrum gegen Vertreibungen ist für die Psyche der Deutschen unbedingt wichtig", sagt er und (...) legt eine Mappe auf den Tisch: „Bewerbung zur Ansiedlung der europäischen Gemeinschaftseinrichtung Europäisches Zentrum gegen Vertreibungen auf der Oderinsel Küstrin", eine Idee des deutschen Amtes Golzow und der polnischen Stadt Kostrzyn/Küstrin. Das Zentrum gegen Vertreibungen in den Artilleriekasernen, wo zuletzt die Russen waren? „Mit der Artillerie fing doch alles an", sagt Czarnuch. (...) Pfeiffer horcht auf, Küstrin gefällt ihm.

Erika Steinbach hat sich auch schon geäußert, bei Czarnuch liegt ein Brief. Das Zentrum könne nur in Berlin entstehen, beschied sie abschlägig zum Vorschlag Küstrin. Sie hat ZENTRUM GEGEN VERTREIBUNGEN in Majuskeln geschrieben, als wären alle schwach auf den Augen. Zbigniew Czarnuch öffnet eine Flasche Boss-Bier aus Witnica, Gründungsjahr der Brauerei 1848. Damals hieß es Stern-Bräu.

Warum nicht Küstrin? Eine neue Idee, nicht abwegiger als Görlitz, Breslau und Berlin. In Czarnuchs Stube schwingt Lokalpatriotismus, im Keller rattert die Pumpe. Solcher Patriotismus hat bisher doch selten geschadet.

 

Dieser Text ist zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 21. Dezember 2003 erschienen. Mit Genehmigung des Autors drucken wir eine gekürzte Fassung ab. (Die Redaktion)

SŁOWO / DAS WORT, Nr. 63, Frühling 2004

Geschichten über ein Paradies an der Oder

Erstes Treffen in Czelin

Nach den Messdienern kommen der katholische und der protestantische Pfarrer. Der Gottesdienst beginnt. „Das ist ein Tag, den uns der Herr schenkte“, singen die Polen. „Danke für diesen guten Morgen, danke für den neuen Tag …”, singen die Deutschen. Barbara Atroszko, Lehrerin an der Schule in Czelin, liest den Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium vor: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Später, nachdem sich alle in der Schule versammelt haben, wird die Schulleiterin Kazimiera Atroszko sagen: „Es ist gut, dass wir uns in einer Schule treffen. Das ist für alle ein Ort der Kindheit.“

Neben ihr steht lächelnd Raimund Koch, Chef der deutschen Gruppe, und erzählt: „Ich wurde nicht in Zellin geboren. Hier wurde meine Mutter geboren. Sie stammte aus der Familie Barsch, die in diesem Dorf seit Jahrhunderten lebte. Die Geschichte der Familie Barsch und anderer deutscher Familien ging 1945 zu Ende. In demselben Jahr nahm im polnischen Czelin die Geschichte der polnischen Familien ihren Anfang.“

Gib uns Kraft …

Czelin liegt in der Gemeinde Mieszkowice. Gerade hier wurde am 27. Februar 1945 der erste polnische Grenzpfahl an der Oder in die Erde gerammt. Gehauen hat ihn Unteroffizier Adolf Wędrzyński, ein Zimmermann aus Wolhynien. Ein ansehnliches Denkmal soll daran erinnern. Es steht unweit des mächtigen Flusses, am Fuße eines hohen Ufers, das zu einem Amphitheater umgestaltet wurde. Von hier, von den nahen Orten Güstebiese, Zäckerick, Altrüdnitz, brachen am 16. April 1945 die Soldaten zur Oderoffensive auf. Der Zweite Weltkrieg ging zu Ende, der Fluss führte förmlich Blut ... Unteroffizier Wędrzyński kam ums Leben.

Auf dem Hügel liegt hinter Akazien, Fliedergebüsch und Klatschmohn ein großer umgestürzter Betonpfeiler. Überbleibsel jener Zeit. Die Akazien duften ...

In der Kirche von Czelin treffen sich Deutsche, ehemalige Einwohner des deutschen Dorfes Zellin (oft samt ihrer Nachfahren), und Polen, heutige Einwohner von Czelin. Ein ökumenischer Gottesdienst wird abgehalten. Pfarrer Friedrich-Wilhelm Ritter aus Hannover sagt: „Ich wuchs in Bärwalde, dem heutigen Mieszkowice, auf. Hören wir uns den Psalm an, um diesen Gottesdienst gemeinsam zu erleben.“

Er liest vor: „Ihr Völker alle, klatscht in die Hände ... denn der Herr ... ist ein König über die ganze Erde ..., er wählt unser Erbland für uns aus ... Gott wurde König über alle Völker ...“

„Der Herrgott führte uns polnische Katholiken und deutsche Protestanten hierher, jeden von uns mit seiner eigenen Geschichte. Zeige uns, Gott, wie wir uns von deinem Wort leiten lassen sollen. Gib uns Kraft ...“, sagt der Czeliner Pfarrer, Ignacy Stawarz.

Der Geist einer guten Zukunft

Die Polen singen das Te Deum, aber die weniger bekannte Fassung, das sogenannte schlesische Te Deum: „Ciebie Boże chwalimy, Ciebie Stwórcę Wszechmocnego …”. Dann ertönt das Te Deum auf Deutsch: „Großer Gott, wir loben Dich …”. Weswegen wird das schlesische Te Deum im westpommerschen Czelin gesungen, das früher das neumärkische Zellin war? Vielleicht ist es ein Zufall, aber während dieses deutsch-polnischen Gottesdienstes klingt das Lied besonders passend. Denn der Text des deutschen Te Deum, das in Deutschland sowohl die Protestanten als auch die Katholiken singen, ist in Schlesien entstanden. Sein Verfasser war Ignaz Franz (1719-1790), ein katholischer Pfarrer, der in einer Stadt namens Frankenstein (heute Ząbkowice Śląskie) geboren wurde.

Während dieser deutsch-polnischen Feier in Czelin verbinden sich die zwei Lieder, das deutsche und das polnische. Ein Symbol? Ein Zufall? Der Alltag besteht aus Zufällen, die man doch so gerne als Symbole deuten möchte ... „Lobet den Herren, den mächtigen König …”, singen dann die Deutschen, „Möge der Herr mit uns bleiben, halleluja“, singen die Polen. „Der Heilige Geist, der Geist der Einheit und des Friedens, möge uns erfreuen, dass wir uns in einer freundlichen Atmosphäre begegnen können“, hört man auf Deutsch und auf Polnisch. „Wir bitten Dich, dass diejenigen das begreifen, die es nicht begreifen können. Wir bitten dich um den Geist einer guten Zukunft.“ Zum Abschluss: „Ojcze nasz – Vater unser” – die Worte fließen ineinander. Die beiden Pfarrer erteilen den Segen, die Besucher gehen hinaus, machen Bilder vor der Kirche, gehen zur Schule ...

Die Czeliner Kirche ist sieben Jahrhunderte alt. Sie wurde von den Templern aufgebaut, hier war einst die Kanzlei der Kathedrale von Cammin, das Erzdiakonat von Zellin. Die Geschichte sickerte in die Mauer aus Stein und Backstein. So ist es auch jetzt. Ein solches Ereignis findet in dieser Kirche zum ersten Mal statt.

Die Orte haben ihre Geschichten

Auf dem Weg zur Schule kommen alle an einer mächtigen Eiche vorbei. Sie muss hier auch am 18. Februar 1666 gestanden haben, als die 16-jährige Anna von Mörner aus Zellin und der 33-jährige Joachim von Dewiz aus der Gegend von Labes vermählt wurden. Beide stammten aus großen alten Adelsfamilien. Die Mörners waren vom 15. bis zum 17. Jahrhundert Eigentümer von Zellin und Clossow. Sie schrieben sich „von Mörner zu Zellin und Clossow“, hatten Verbindungen zum Herzogtum Pommern (worüber Theodor Fontane, der größte Chronist des Oderlandes, schrieb). Im Dienste schwedischer Könige kamen sie zu Ehren, als erster Otto von Mörner, geboren am 8. Mai 1569 in Zellin. Angeblich war er es, der König Gustav Adolf nach der Niederlage bei Kirchholm, wo Schweden durch polnische Verbände geschlagen wurde, zu trösten suchte. Sein Enkel, Hans Mörner, nahm an dem schwedischen Angriff auf Polen teil, kämpfte bei Krakau und Warschau. Und sein Urenkel gelangte während des Zweiten Nordischen Krieges (1702) nach Pińczów und Warschau. Damals bemühte sich König Karl XII., den polnischen Thron für Stanisław Leszczyński zu sichern. Schließlich fand Leszczyński, der 1711 aus Polen floh, Schutz im damals schwedischen Stettin.

Menschliche Schicksale durchzogen die Geschichte, berührten die Orte, erschufen und ergänzten deren Geschichten. 1717 besuchte der preußische König Friedrich Wilhelm I. Zellin, denn auf sein Geheiß wurden die Deiche gegen das Oderhochwasser gebaut. Fast 100 Jahre später zogen der 21-jährige Hermann Meissner und der 26-jährige Johann Spreuberg, ein Ehemann und ein Vater von hier in den Krieg gegen Napoleon. Beide fielen am 6. September 1813 in der Schlacht bei Dennewitz, in der 32.000 französische und preußische Soldaten ihr Leben lassen mussten. 1857 wurde in Zellin Paul Wiegand geboren, ein Schriftsteller und Theologe, Prediger der New Yorker Baptistenkirche.

Menschen aus Zellin wanderten nach Übersee aus, zogen in die Kriege, zum Schluss in den schrecklichsten, der am 1. September 1939 von Deutschland ausging und die deutsch-polnischen Beziehungen radikal veränderte, auch das Schicksal des Oderlandes und das von Zellin/Czelin.

Erst 62 Jahre nach Kriegsende kam es in Czelin zu einem deutsch-polnischen ökumenischen Gottesdienst, einem gemeinsamen Mittagessen in der Czeliner Schule und einem Nachmittag der Geschichten.

Die Menschen haben ihre Geschichten

Die Einwohner von Zellin und Czelin, die ehemaligen und die heutigen, trafen sich Mitte Mai, um zu erzählen. Sie folgten der Idee von Ewa Czerwiakowski und Ruth Henning aus Berlin, sowie von Elvira Profé-Mackiewicz und ihrem Mann Fortunat Mackiewicz.

Die Mackiewiczs hatten sich 1946 in Mieszkowice kennen gelernt: sie, eine Deutsche aus Bärwalde, die gerade von der Verschleppung nach Sibirien zurückgekehrt war, er, ein Pole aus Wilna. Sie waren verliebt, die Behörden erteilten aber keine Genehmigung zur Schließung einer deutsch-polnische Ehe. Nach dem Krieg gab es für derartige Ehen keine „gesellschaftliche Zustimmung“. Sie musste über die Oder, er ging nach Ermland.

Aber die Liebe überdauerte. Die beiden fanden sich nach mehr als vierzig Jahren, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder. Sie leben zusammen, haben sich in Mieszkowice ein Haus gebaut und wissen sehr wohl, wie einfach die Menschen zueinander finden, wenn es keine trennende Ideologie und Politik gibt, wenn sie die gegenseitigen Schicksale kennen lernen ...

Und die Geschichten beginnen. Zunächst überreicht Helga Zantow Frau Atroszko einen Strauß dunkelroter Pfingstrosen. „Meine Mutter nahm sie 1945 aus ihrem Garten in Zellin mit und pflanzte sie in ihrem neuen Garten in Eberswalde wieder ein. Bis heute bringen sie Blüten hervor. Das sind Pfingstrosen aus Zellin, die ich nach Czelin mitbringe“.

Stanisław Mirkiewicz, 82 Jahre alt, kommt aus Konin. In Czelin wohnt er seit 1947, er war hier Dorfvorsteher. „Als ich nach Czelin kam, war das Dorf zu 80 Prozent zerstört. Die Kirche war ausgebrannt. Dort, wo ich vor dem Krieg lebte, gab es auch Deutsche. Das Zusammenleben mit den Polen war dort gut. Ich verstehe nicht, warum Hitler über Polen hergefallen ist“. Dann erzählt er, dass all diejenigen, die nach dem Krieg in Czelin an der Grenze lebten, weder Tauben noch Hunde halten durften. Nichts durfte über die Grenze: weder eine Taube, noch das Bellen eines Hundes. „Jetzt ist es, wie es eben ist. Jeder hat das Recht, seine Heimat zu besuchen.“

Edeltraud Kreft berichtet, sie habe in Zellin eine schöne Kindheit gehabt, aber sie erzählt auch von den ersten polnischen Kriegsgefangenen, die im Herbst 1939 im Dorf erschienen. Sie erinnert sich an einen Polen, der Bäcker war und Fuhrmann und Henryk hieß. „Mein Haus in Zellin ist zerstört worden. Ich komme gerne hierher, aber mein Zuhause ist jetzt in Berlin.“

Der Dorfvorsteher Zbigniew Kmiecik erzählt vom Schicksal seiner Eltern und Schwiegereltern, die aus der Gegend von Wilna stammen, über den Großvater seiner Ehefrau, der im Krieg umkam, über seinen Vater, der mit der Armee in Güstebiese eintraf, über seine ganze durch den Krieg geschädigte Familie ...

Dann spricht Erika Krupki. Sie ist ebenfalls 82 Jahre alt, genau wie der ehemalige Dorfvorsteher Mirkiewicz. Ihren zwanzigsten Geburtstag konnte sie noch in Zellin feiern. Als am 2. Februar 1945 die Russen das Dorf eingenommen hatten, flüchteten alle Frauen und Mädchen in den Wald. Der Vater wurde gleich abgeholt und nach Sibirien verschleppt. Die 18-jährige Schwester verhungerte in einem Lager in Posen ...

Die Geschichten sind kurz und leise ... Ilse Karstädt sagt, Zellin sei für sie ein Paradies gewesen, aber ihre Heimat habe sie woanders. Zuvor schaute sie sich interessiert zusammen mit den Anderen den Auftritt der Schülergruppen aus Zielin (Sellin) und Czelin an. Sie applaudierte, nachdem die Kinder ihre Tänze vorgeführt und ihre Lieder vorgesungen hatten. Dachte sie vielleicht daran, dass auch diese Kinder heute hier ihr Paradies haben? Ein Lied wurde auf Deutsch gesungen und endete mit den Worten: „Wir können gute Freunde sein …”

Ein Bild zur Erinnerung

Heinz Schermer brachte einen Ortsplan von Zellin mit. Um ihn herum versammeln sich die Polen und die Deutschen, sie diskutieren, fragen nach den Häusern, wer wo gewohnt hat oder wohnt. Heinz Schermer brachte auch ein Bild der Zelliner Kirche mit, eingebrannt in einem Stück Sperrholz. Das schenkte er dem Pfarrer.

Am Ende des Treffens steht der Rentner Stanisław Dolnik auf. Er hatte ein Bild von der Kirche gemalt und wollte es der ältesten anwesenden Person schenken, die in Zellin geboren wurde. Er kommt auf Erika Krupki zu, die sichtbar verwundert und verlegen ist, und händigt ihr das Bild aus, „damit es Sie an das Heimatdorf erinnert“. Sie blickt ihn an, schaut auf das Bild, auf die Menschen, die lächeln und fotografieren ... Mit Mühe hält sie die Tränen zurück.

Und eine völlig andere Geschichte

Mateusz Karolak, geboren in Czelin, heute Student an der Universität Posen, spricht über die Geschichte seines Dorfes, über die archäologischen Ausgrabungen aus der Zeit der Goten, über spätere Funde, über menschliche Spuren, die die Geschichte erhalten hat. Auch in dieser Geschichte fließen die Schicksale der Deutschen und der Polen ineinander, die heute in der Czeliner Kirche und in der Schule zum ersten Mal zusammen kamen. „Das sollte man aufschreiben“, sagt Karolak.

Die Teilnehmer des Treffens haben ihre Geschichten erzählt – deswegen sind sie hierher gekommen. Nun verlassen sie die Schule, laden sich gegenseitig ein.

Ein Bus fährt vor, der eine Schülergruppe von einem Ausflug zurückbringt. Die Kinder laufen zu sich nach Hause an der alten Eiche, an der Kirche vorbei ... Was hätten sie von diesen Geschichten verstanden? Im nahen Gozdowice, wo am 16. April 1945 die Offensive über die Oder begann, wird bald eine Fähre über Fluss und Grenze verkehren. Sie hat schon einen Namen: „Bez Granic – Ohne Grenzen“. Ihre Geschichten sind völlig andere.

Kurier Szczeciński, 8. Juni 2007

Geschichte(n) aus Czelin (Zellin)

Frühere deutsche und heutige polnische Bewohner eines kleinen Ortes an der Oder tauschten ihre Erinnerungen aus

Viele Deutsche mussten 1945 ihre Heimat östlich der Oder verlassen. Polen, die ebenfalls aus dem Osten ihres Landes stammten, kamen dorthin. Nur selten werden die Erinnerungen "von damals" ausgetauscht. In
Czelin war es - 62 Jahre nach dem Krieg - jetzt endlich soweit.

"Meinen 20. Geburtstag haben wir noch im Januar 1945 in Zellin gefeiert. Als am 1. Februar die Russen kamen, haben wir Mädchen uns vor Angst im Wald versteckt. Meinen Vater haben sie gleich einkassiert, der kam nach Sibirien. Meine 18-jährige Schwester, die ich erst ein halbes Jahr später in einem Lager in Posen
wiedertraf, ist dort verhungert. Auch wir sollten nach Sibirien, aber der Güterzug wurde aus Zufall in Polen aufgehalten. Meine Mutter fand ich dann im Herbst 1945 in Berlin wieder. Wir kamen dort bei Bekannten unter. Die gaben mir, weil ich sehr krank war, eine Sirup-Stulle zu essen, denn sie hatten ja selber nichts."

Im Speiseraum der Grundschule von Czelin herrscht angespannte Stille, als Erika Krupki ihre Geschichte erzählt. Die meisten der etwa 70 Anwesenden können den Bericht der Deutschen nachempfinden, denn sie haben in jenem schlimmen Krieg ähnlich Schreckliches erlebt. Stanislaw Mirkiewicz beispielsweise ist genau wie Erika Krupki 82 Jahre alt. "Ich kann mich noch an die Deutschen erinnern, die vor dem Zweiten Weltkrieg bei uns in Konin lebten", sagt der kleine Mann. Man habe damals friedlich zusammen gelebt,
berichtet er, und es klingt, als wolle er sagen: Warum Hitlers Truppen dann später Polen überfielen, habe ich nicht verstanden.

Mirkiewicz kam 1947 aus dem gleichen Grund wie viele andere Polen in die neuen Westgebiete an der Oder: "Man hatte uns gesagt, dass es hier Arbeit gibt. Doch dann sah es hier ganz anders aus." 80 Prozent der Häuser von Zellin, das einmal eine stattliche Gemeinde mit 1.200 Einwohnern, einer Landwirtschafts-Dömane, einer Brauerei und Handwerkern war, seien zerstört gewesen. "Das haben die Russen gemacht", murmeln die Deutschen, während Mirkiewicz weiter erzählt. "Wir sahen am anderen Ufer der Oder die Lichter in den Häusern brennen. Bei uns gab es zunächst keinen Strom. Und später mussten wir den Ort nachts abdunkeln, das hatten die Sicherheitsbehörden wegen der angeblichen Gefahr angeordnet", fährt der Pole fort. "Sogar die Tauben sollten wir töten, damit keine Botschaften zu den Deutschen gelangen", sagt er und verrät schelmisch: "Das haben wir aber nicht gemacht."

Viele frühere Zelliner waren seit den 60er Jahren schon zu Besuch in Czelin. "Ich nehme immer Sachen oder Süßigkeiten für die Familie Calka mit. Die haben sechs Kinder, sind arbeitslos und wohnen neben dem Haus, in dem mein Vater früher eine kleine Lebensmittel-Handlung hatte", berichtet Heinz Lahrsow, der in Weinböhla bei Dresden lebt. Nach 1990 gab es auch regelmäßige Heimattreffen der Zelliner am deutschen Ufer der Oder. Doch so, wie an diesem Freitagnachmittag, an dem sich Deutsche und Polen gegenseitig
ihre Geschichten erzählten, war es noch nie.

Dass es zu dieser eindrucksvollen Begegnung kam, ist dem Projekt "Spurensuche" zu verdanken, welches von der Brandenburger Ausländerbeauftragten und der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Brandenburg
aus EU-Mitteln finanziert wird. Zu den Exkursionen in die „Alte Heimat“ gehören immer auch Begegnungen mit deren neuen Bewohnern. Am Pfingstmontag ist ein ähnliches Treffen in Nowe Warpno (Neuwarp) am Oderhaff geplant. Am 17. Juni wird in Groß Neuendorf (Märkisch-Oderland) über jüdische Spuren beiderseits der Oder diskutiert. Und im Herbst gibt es eine Exkursion an die ehemalige Ostgrenze Brandenburgs, die etwa 80 Kilometer östlich der heutigen Grenze verlief.

MOZ, 21. Mai 2007, Seite 9

Eine Liebe überbrückt 50 Jahre

Elwira Profé aus dem früheren Bärwalde heiratete den Polen Fortunat Mackiewicz, den sie 1947 kennengelernt hat

Mieszkowice ist ein verträumtes Städtchen östlich der Oder. Es liegt etwa auf der gleichen Höhe wie das deutsche Wriezen. Zu den Attraktionen des Ortes, der bis 1945 Bärwalde hieß, gehören der Marktplatz, die Backsteinkirche, das Kopfsteinpflaster und die Stadtmauer. Und Elvira Profé und Fortunat Mackiewicz, ein Ehepaar mit einer besonderen Geschichte. Diese beginnt im Februar 1945. Als die sowjetische Armee die Oder erreichte, um zum letzten Schlag in Richtung Berlin auszuholen, war Elvira Profé 19 Jahre alt. Sie war die Tochter des Inhabers der größten Fabrik im Ort, der „Maßstabfabrik Oskar Schubert". Deren Zollstöcke und Wasserwaagen wurden in ganz Deutschland verkauft.

Wie viele Bärwalder kam die junge Deutsche in ein Arbeitslager. Zunächst in das nur wenig östlicher gelegene Soldin (heute Myślibórz), wo die Russen einen Flugplatz bauten. Doch schon bald wurde sie für einen Zwangsarbeitertransport ausgewählt, der ins nördliche Russland ging. Bereits beim Transport in Viehwaggons kamen Dutzende Menschen ums Leben. „In Sibirien empfingen uns Hunger, Kälte und knochenharte Arbeit", erinnert sie sich. „Scharlach und Sumpffieber forderten weitere Opfer." Abgemagert und krank landete Elvira im Lazarett. „Als ich zu nichts mehr zu gebrauchen war, sagte irgendwann eine Krankenschwester zu mir: Profé, hast Glick, bist auf Liste nach Deutschland."

Nach einer erneuten Irrfahrt landete sie im Frühjahr 1946 in Frankfurt (Oder) und erfuhr, dass ihre Heimat nun zu Polen gehörte. Zufällig hörte sie von einer anderen Bärwalderin, dass ihre Eltern noch in dem Ort lebten. „Mein Vater hatte die Turbinenanlagen der Fabrik instand gesetzt, die zugleich den Ort mit Strom versorgten", berichtet sie. Polnische Fischer brachten sie über die gesperrte Oder. „Das ist die Tochter von der Elektrownia, hatten wir denen zugerufen." Schon bald nach dem glücklichen Wiedersehen mit ihren Eltern, die man längst aus ihrem Haus geworfen hatte, sollte es eine andere schicksalhafte Begegnung geben.

Bärwalde war inzwischen von Familien bewohnt, die zumeist aus den östlichen Landesteilen Polens stammten, welche sich die Sowjetunion angeeignet hatte. 1946 erhielt Walter Profé den Auftrag, die Produktion der Maßstabfabrik wieder in Gang zu setzen. Zu denen, die dabei halfen, gehörte die Familie Mackiewicz, die aus der Gegend von Wilna (Vilnius) gekommen war. Der Sohn, ein hübscher 25-jähriger Mann, war Elvira nicht nur wegen seines ungewöhnlichen Vornamens Fortunat aufgefallen, der Glück bedeutet. Auch der Pole hatte ein Auge auf die junge Deutsche geworfen. Es ist berührend, wie die über 80-Jährigen noch heute ihr erstes Rendezvous beschreiben: „Wir kamen uns menschlich näher", berichtet Elvira mit zartem Lächeln. Und Fortunat fügt fast verlegen hinzu: „Dann habe ich sie auf die Stirn geküsst. Elvira aber küsste nicht wie eine Geliebte, sondern wie ein Freund."

Wie aus heiterem Himmel mussten die letzten Deutschen Mieszkowice im Herbst 1947 verlassen. „Man gab uns eine halbe Stunde, um einige Sachen zu packen", erinnert sich Elvira. Aus einer inneren Ahnung heraus habe sie ihrem Geliebten noch eingeschärft: „Schreibe auf keinen Fall, Fortek." Sein Passfoto aber trug sie ihr ganzes Leben bei sich.

Die Profés gingen zunächst ins Oderbruch, wo drei Geschwister des Vaters lebten. Elvira beendete in Berlin eine pädagogische Ausbildung. „1948 baute ich dann die Land- und hauswirtschaftliche Berufsschule mit auf, die an verschiedene Schulen in Bad Freienwalde, Wriezen und anderen Orten angegliedert war." Ihr Vater machte einen kleinen Betrieb auf, wurde jedoch nach Gründung der DDR enteignet. Die Familie floh darauf in den Westen. Man landete im westfälischen Ort Löhne, wo Walter Profé noch einmal eine Fabrik für Meßwerkzeuge gründete, bevor er 1962 starb.

Elvira las viel über Polen, „das Land, ich dem ich die Hälfte meines Herzens zurückgelassen hatte." Fortunat muss es ähnlich gegangen sein, denn irgendwann schrieb er doch einen Brief – die Adresse hatte er von einem Profé-Zollstock, den er gefunden hatte. Eine Antwort erhielt er jedoch nicht. Die beiden heirateten aber auch keine anderen Partner. 1968 baute Elvira Profé in Westberlin eine Modellwohnstätte für geistig Behinderte auf. Dort war sie 20 Jahre Leiterin.

Nach der Grenzöffnung machte sie sich im Herbst 1991 zum ersten Mal auf den Weg in die alte Heimat. Sie war aufgeregt, doch es gab auch Grund zur Freude, als ihr ein Pförtner die Fabrik zeigte, in der noch immer Zollstöcke gefertigt wurden. Doch ihre Jugendliebe lief ihr nicht über den Weg.

Erst vier Jahre später erhielt sie erneut einen Brief von Fortunat. Man vereinbarte, sich am Bahnhof von Mieszkowice zu treffen, an dem es immer noch so wie früher aussieht. Aufgewühlt hätte sie sich vorzustellen versucht, wie ihr Wiedersehen wohl ablaufen würde, berichtet Elvira. „Als ich Fortek dann sah, wurde ich mit jedem Schritt ruhiger", beschreibt sie. Auch dem Polen erschien es in dem Moment, in dem sich die beiden in den Armen lagen, „als hätte es die 50 Jahre dazwischen nicht gegeben."

1996 bauten die beiden ein Haus. Elvira zog nicht nur nach Mieszkowice, sie gründete eine Frauen-Gymnastik-Gruppe und half bei der Schaffung einer Schule für Behinderte mit. Auch beförderte sie zahlreiche Kontakte über die Grenze, unter anderem zum Gymnasium in Bad Freienwalde. Im vergangenen Jahr entschlossen sich die beiden zu heiraten. „Da mich hier in Polen ziemlich viele Leute kennen, schien es mir besser, endlich ordentliche Verhältnisse zu schaffen", sagt die Deutsche mit ihrem trockenen Humor. Fortunat, der fest davon überzeugt ist, dass er nicht nur vom Namen her ein Glückskind ist, bringt es auf den Punkt: „Wir beide fühlen so, als hätten wir das ganze Leben miteinander verbracht."

MOZ vom 18. Oktober, Seite 3

Niezwykła historia Elwiry i Fortunata

Poznali się zimą 1946 r. Ona, dwudziestoletnia córka fabrykanta, jednego z ostatnich Niemców, którzy w 1947 r. byli jeszcze w Mieszkowicach. On, o pięć lat starszy Polak z Wileńszczyzny, jeden z pierwszych powojennych mieszkańców miasteczka. Zakochali się, postanowili wziąć ślub. Czekali aż 58 lat. W minioną sobotę świętowali pierwszą rocznicę.

Rosjanie nadchodzą!
Był 31 stycznia 1945 r. Po śniadaniu Walter Profé, ojciec Elwiry, właściciel Fabryki Miar Metrycznych w Mieszkowicach, nastawił radio na wiadomości.
- Usłyszał, że front jest gdzieś w okolicach Poznania - opowiada Elwira. - To jednak było kłamstwo, jak wiele innych wiadomości, które wtedy podawano. Pojechałam do pracy w lazarecie w Chojnie. Dyżurny z miejscowego lotniska powiedział: Pakuj się szybko, bo Rosjanie są już między Chojną a Trzcińskiem-Zdrój. Gdy wróciłam do Mieszkowic, ojciec ukrył mnie z mamą i ciocią w fabryce.
Nazajutrz przed zakład na peryferiach miasteczka zajechał rosyjski zwiad.
- Była szósta rano - relacjonuje Elwira. - Nie spaliśmy, bo baliśmy się spotkania z Rosjanami. Z górnych okien fabryki widzieliśmy, jak wybijają okna w naszym domu i zaglądają do środka.
Jej ojciec wyszedł naprzeciw żołnierzom. Dołączyli do niego polscy robotnicy, którzy u niego pracowali po ewakuacji ich zakładu z Łodzi.
- Obserwowałam to spotkanie z ukrycia - wspomina Elwira. - Jego przebieg poznałam później z relacji taty. W pewnym momencie Rosjanie zabrali go nad staw obok fabryki. Wtedy do rozmowy włączyli się Polacy. Opowiadali żołnierzom o nas. O tym, że ojciec był dla nich bardzo dobry, że nie brakowało im u nas jedzenia i opieki nad chorymi. Dzięki nim przeżyliśmy. Za to w miasteczku działy się straszne rzeczy. Żołnierze rozstrzeliwali mężczyzn i gwałcili kobiety. Dziewiątego lutego Rosjanie kazali nam spakować dobytek i wynieść się z miasta.
Przez kilka tygodni wygnańcy błąkali się po nadodrzańskich lasach.
- Nie wiedzieliśmy, co teraz będzie - opowiada Elwira. - Głodni, przemarznięci, niektórzy chorzy, doczekaliśmy marca. Wtedy Rosjanie zabrali nas do budowy lotniska koło Myśliborza.

Ja tu nie umrę
Kilka dni później Elwirę wytypowano do transportu na Syberię.
- Pieszo przez Gorzów dotarliśmy do Świebodzina - wspomina. - Tam czekał na nas pociąg towarowy. Ludzi siłą wpychano do przepełnionych wagonów. Ściśnięci, za zaryglowanymi drzwiami, ruszyliśmy w podróż. Na postoju eskorta podawała nam chleb i wyrzucała z wagonów ciała zmarłych.
Po prawie miesięcznej podróży transport zatrzymał się w Archangielsku.
- Trafiłam do łagru. Na śniadanie dostawaliśmy kromkę czarnego chleba i kawę. Na kolację dochodziła do tego niesłona zupa. Pracowałam przy ścince drzewa, budowałam drogę i kopałam groby. Ludzie umierali z chorób i niedożywienia. Sama byłam bardzo wychudzona. Ale obiecałam sobie: "ja tu nie umrę".
Jesienią z wysoką gorączką i szkarlatyną trafiła jednak do lazaretu.
- Pewnego dnia do mojej pryczy podeszła rosyjska lekarka. Powiedziała: Profe, ty do domu, do Niemiec. Trafiłam do transportu chorych i niezdolnych do pracy, którzy wracali do ojczyzny. Pociąg zatrzymał się we Frankfurcie nad Odrą. Tam kazano nam wysiadać i iść przed siebie. Okazało się, że nie ma powrotu do domu, bo w Mieszkowicach teraz jest Polska. Szczęśliwie w Altreetz odnalazłam rodzeństwo ojca. Dowiedziałam się, że moi rodzice żyją i nadal są w Mieszkowicach.

Nikogo nie było
Był koniec maja 1945 r. Na dworcu w Poćwilach, na północno-wschodnich kresach Rzeczpospolitej, Fortunat Mackiewicz czekał z rodzicami na pociąg do nowej Polski.
- Trwało to prawie miesiąc - opowiada. - Najpierw kolej musiała zwieźć wojsko z frontu. Całymi dniami na wschód szły transporty. Mieliśmy czas, żeby się zastanowić się nad tym wyjazdem. Nie widzieliśmy jednak szans na normalne życie w sowieckiej rzeczywistości. Spróbowaliśmy jej po tym, jak we wrześniu 1939 r. Rosjanie wzięli nas pod swoją okupację. Wywózki na Syberię, kołchozy, kontyngenty. Baliśmy się, że teraz znowu będzie tak samo.
Gdy nadszedł dzień wyjazdu, Mackiewiczowie załadowali dobytek do podstawionego wagonu. Ruszyli na zachód. Po drodze zatrzymali się m.in. w Kostrzynie nad Odrą.

- Tam kazano nam osiedlać się w poniemieckich domach - wspomina Fortunat. - Miasto było jednak kompletnie zrujnowane, same gruzy. Nikt nie chciał tu zostać i pociąg ruszył na północ w kierunku Szczecina. Po drodze zatrzymał się w Mieszkowicach. Ludzie rozeszli się po miasteczku. Wrócili z wiadomością, że ocalało bez większych zniszczeń i prawie nikogo w nim nie ma. Na dworcu zapytałem przypadkowego mężczyznę o jakieś niewielkie gospodarstwo, bo przywieźliśmy ze sobą konia i krowę. Ten mężczyzna, jakiś miejski urzędnik, polecił nam jedno miejsce na ul. Moryńskiej, na peryferiach miasteczka.
Mackiewiczowie wyładowali dobytek z wagonu i ruszyli pod wskazany adres.
- Mijaliśmy po drodze puste ulice i domy - wspomina Fortunat. - Wrażenie było przygnębiające. Na miejscu okazało się, że urzędnik polecił nam dobre miejsce, z małą oborą i stodołą. Wkrótce zabraliśmy się do pracy. Urządziliśmy trochę nasze gospodarstwo i zaczęliśmy sianokosy. Zebrane siano woziliśmy również przez teren fabryki Profé.

Idź do Mackiewiczów
- Z Syberii wróciłam chora i ważyłam niewiele ponad trzydzieści kilogramów - opowiada Elwira. - Do lepszej formy doszłam dzięki pomocy krewnych i lekarza. Potem odwiedziła nas ciocia Toni, siostra mojej mamy, która mieszkała z nami w Mieszkowicach. Kazano jej się stamtąd wynieść. Moi rodzice zostali w miasteczku dzięki fabrycznej turbinie. Zaopatrywała je ona w prąd, a ojciec znał się na obsłudze urządzenia. Bardzo chciałam do nich wrócić. Liczyłam na pomoc cioci..
W styczniu 1946 r. Toni i Elwira stanęły nad Odrą w Goestebieser Loose. Na drugim brzegu zza drzew wyłaniała się wieża kościoła w Gozdowicach. Przed nadejściem frontu przez rzekę pływał prom łączący obie miejscowości. Po wojnie przeprawa przestała istnieć.
Elwira: - Zauważyłyśmy wędkarza, Polaka, który pływał łódką po rzece. Ciocia zawołała do niego: To jest córka mistrza z elektrowni w Mieszkowicach! Wróciła z Syberii i chciałaby dostać się do swojego ojca! Proszę zabrać nas na drugi brzeg! Przeprawił nas do Gozdowic. Trudno opisać tę radość, z którą potem wylądowałam w ramionach rodziców.
Następnego dnia Toni musiała wracać.
- Najpierw wysłała mnie do Mackiewiczów po mleko - pamięta Elwira. - Powiedziała: Chodziłam do nich po kartofle i mąkę. To dobrzy ludzie. Nie pytali o narodowość i nie chcieli pieniędzy. Nie trzeba się ich bać. Mimo to z lękiem poszłam do nich na Moryńską.
- Była przestraszona - potwierdza Fortunat. - Przyszła ze znajomą kanką. Bacznie nam się przyglądała. Gdy mama nalała jej mleka, wycofała się do wyjścia i zamknęła za sobą drzwi.
- Przekonałam się, że ciocia ma rację - dodaje Elwira. - Następnym razem wybrałam się do nich bez strachu.
- Któregoś razu zaproponowałem Elwirze, że ją odprowadzę - wspomina Fortunat. - Zgodziła się. Może dlatego, że już było ciemno. Następnym razem już nie proponowałem, tylko wyszedłem z nią na ulicę. Było mi jej żal, że musi chodzić i prosić o jedzenie. Z tego żalu pocałowałem ją w czoło. Odtąd stawaliśmy się sobie coraz bliżsi.
Elwira najpierw opowiedziała Fortunatowi o swoich rodzicach. Potem im go przedstawiła.
- Wtedy zapytałem jej ojca, czy myśli o ponownym uruchomieniu fabryki - opowiada Fortunat. - Odpowiedział twierdząco. Na drugi dzień poszedłem w tej sprawie do burmistrza. Słuchał mnie z niedowierzaniem. W końcu dał się przekonać i powiedział: No to uruchamiajcie. Państwo przejęło zakład. My uruchomiliśmy maszyny i zorganizowaliśmy załogę. Burmistrz na początek przyprowadził nam 18 ludzi. Nie mieli doświadczenia w zawodzie. Do pracy przyuczał ich Profé. Pracował nawet za dwie osoby, bo miał z nas największe pojęcie o tej robocie. Coś zaczynał, ja kończyłem, a on już był przy następnym stanowisku.

Miłość i rozstanie
- Najpierw pracowaliśmy bez wynagrodzenia - mówi Fortunat. - Po miesiącu wyprodukowaliśmy pierwsze miary metryczne. Potem doszły do nich piórniki i obsadki, na które znaleźliśmy klientów w Szczecinie. Po trzech miesiącach odebraliśmy pierwszą wypłatę.
Elwira: - Rodzicom imponował ten zdolny i ambitny chłopak. Zaprzyjaźniłam się z nim. Spędzaliśmy ze sobą wolny czas, czuliśmy się przy sobie szczęśliwi. Z tego zrodziło się uczucie. Po jakimś czasie zrozumieliśmy, że należymy do siebie.
Przyszło lato 1946 r. Fortunat poszedł na posterunek milicji. Zapytał, gdzie i jak może uzyskać zgodę na ślub z Niemką.
- Wtedy milicjant zapytał: Kim jest ta kobieta? - relacjonuje. - Odpowiedziałem mu, że to córka byłego właściciela fabryki. Powiedział na to: Niemka i w dodatku córka kapitalisty. Na ten ślub zgody nie będzie. Zresztą oni i tak niedługo stąd wyjadą.
- Ta bolesna wiadomość nie zniszczyła naszego uczucia - wspomina Elwira. - Poza tym zapowiadany wyjazd nie nadchodził.

Aż do jesieni 1947 r., gdy rodzina Profé dostała nakaz opuszczenia Mieszkowic i wyjazdu do Niemiec.
Fortunat: - Pożegnaliśmy się dzień wcześniej. Oboje bardzo cierpieliśmy.
Elwira: - Fortek dał mi swoje zdjęcie. Wiedziałam, że to będzie jedyna rzecz, jaka mi po nim zostaje. Nie mieliśmy nadziei na to, że się jeszcze kiedyś spotkamy.
Fortunat: - Poprosiłem, żeby nie pisała do mnie listów. W tych trudnych czasach korespondencja z Niemiec mogła się komuś wydać podejrzana. Listy przywoływałyby wspomnienia, które wzmacniałyby ból.
Kilka miesięcy później Mackiewiczowie również wyjechali z Mieszkowic. Wyprowadzili się do Młynar w Olsztyńskiem.
- Chciałem na nowo ułożyć sobie życie - opowiada Fortunat. -W Młynarach poszedłem do pracy w Spółdzielni Kółek Rolniczych. Otworzyłem niewielki warsztat ślusarski. Poznałem dziewczynę. Ożeniłem się z nią.

Trudne nowe początki
W NRD Elwira osiadła z rodzicami u krewnych w Altreetz.
- Nie mieliśmy łatwego startu - wspomina. - Po wojnie ludzie borykali się z różnymi problemami. Brak pracy, brak pieniędzy, brak perspektyw. Dzięki rodzeństwu taty było nam jednak trochę łatwiej zacząć nowe życie.
Pół roku później jej ojciec otworzył prywatny warsztat stolarski. Elwira poszła na studia pedagogiczne w Berlinie.
- Potem rozpoczęłam pracę w okolicznych szkołach - opowiada. - Uczyłam przedmiotów związanych z prowadzeniem gospodarstwa domowego i czułam, że osiągnęliśmy względną stabilizację. Nie na długo, jak się potem okazało.
W 1950 r. państwo odebrało jej ojcu warsztat w ramach wywłaszczenia.
- Wtedy zdecydowaliśmy się na emigrację do zachodnich Niemiec - mówi Elwira. - O legalnym wyjeździe nie było mowy. Uciekliśmy przez zieloną granicę i zamieszkaliśmy w Hesji. Tam ojciec wziął kredyt i powoli otworzył nową fabrykę. Byłam jednym z jej pierwszych pracowników.
Pięć lat później Profé przeniósł zakład do Westfalii. Zmarł w czerwcu 1962 r.
- Odtąd prowadziłam firmę wspólnie z mamą - opowiada Elwira. - Sześć lat później sprzedałyśmy ją i osiadłyśmy w zachodnim Berlinie. Potem przedstawiono mnie żonie ówczesnego prezydenta RFN Gustawa Heinemanna. Wkrótce pani prezydentowa zaprosiła mnie do projektu założenia w Berlinie modelowego miasteczka dla osób umysłowo upośledzonych. Mocno zaangażowałam się w to zadanie. Całkowicie mnie pochłonęło. Potem przez dwadzieścia lat byłam kierownikiem placówki. Czułam się szczęśliwa, bo robiłam coś, co dawało mi wielką satysfakcję.

Bałam się tej wizyty
Jesienią 1991 r. Elwira postanowiła odwiedzić Mieszkowice: - Otwarto granice i mimo wahań zdecydowałam, że teraz muszę tam pojechać. Miałam cichą nadzieję, że odnajdę Fortka. Najpierw z mocno bijącym sercem podjechałam pod bramę naszej dawnej fabryki. Pierwszą osobą, którą tam spotkałam, był Adam Cieślak. Jego posesja sąsiaduje z zakładem. Powiedziałam mu, kim jestem. Potem zaprowadził mnie do fabryki.
- To była niedziela - pamięta Janusz Sokołowski, wtedy dozorca w zakładzie. - Pani Profé podeszła do bramy i zapytała, czy mogłaby wejść na teren zakładu. Potem pokazała mi stare zdjęcia fabryki i domu, który dawniej obok niej stał. Czułem, że jest spięta.
- Bałam się, jak zostanę odebrana - potwierdza Elwira. - Nie spodziewałam się, że będę mogła zobaczyć miejsce, w którym się wychowałam. Stało się jednak inaczej. Pan Sokołowski był bardzo uprzejmy. Ta pierwsza wizyta po latach dodała mi odwagi. Zapytałam Cieślaka, czy wie cokolwiek o Fortku i jego rodzinie. Obiecał, że spróbuje się czegoś dowiedzieć. Sama również szukałam o nim informacji. Wtedy dowiedziałam się, że on nie żyje. To był szok. Potem znowu wybrałam się do Mieszkowic. Spotkałam się z Cieślakiem. Powiedział mi, że Fortek żyje, ale od lat nie mieszka w Mieszkowicach. Jeszcze raz zwiedziłam fabrykę. Spotkałam się z jej pracownikami.
Jedna z pracownic fabryki znała się z kuzynką Fortunata. Opowiedziała jej o niecodziennej wizycie w zakładzie.

- Kuzynka zdała mi relację przez telefon - opowiada Fortunat. - Wiedziała już od Cieślaka, kiedy Elwira znowu przyjedzie do Mieszkowic. Wtedy się jednak nie spotkaliśmy. Kuzyn Elwiry miał wypadek i została w Niemczech. Spotkałem się za to z Cieślakiem. Opowiedział mi o tym, jak wygląda, jak się trzyma. Na koniec dał mi miarę metryczną, którą dostał od Elwiry. Był na niej adres firmy, którą kiedyś prowadziła z mamą, oraz imię i nazwisko jakiegoś mężczyzny. Myślałem, że to pewnie mąż Elwiry, który kieruje fabryką po śmierci jej ojca. Z tego powodu podszedłem do sprawy z rezerwą. Napisałem list na ten adres z dopiskiem "dla Elwiry". Byłem przekonany, że trafi do jej męża. Nie chciałem komplikować sytuacji. Dlatego ogólnie napisałem jej, jak żyję.

Lata, których nie było
Był rok 1995. Nim Elwira dostała list od Fortunata, dowiedziała się, że ożenił się kilka lat po wyjeździe z miasteczka.
- Zwątpiłam w to, czy mam prawo dalej go szukać - opowiada. - Wiosną przyszedł list, pojechałam do Mieszkowic i wszystkiego się tam dowiedziałam. Okazało się, że Fortek jest sam, a małżeństwo istnieje tylko w dokumentach. Jego żona szesnaście lat wcześniej wyjechała do Ameryki. Uznałam, że powinniśmy się spotkać. Postanowiłam, że odwiedzę znajomą w Kwidzynie a stamtąd było już blisko do Fortka.
Fortunat: - Umówiliśmy się na spotkanie w sierpniu przed dworcem w Kwidzynie. Wiedziałem już, że też jest sama. W drodze pomyślałem jednak, że chyba zwariowałem. Minęło przecież tyle lat. Od naszego rozstania nie zamieniliśmy ani słowa. Żyliśmy, nic osobie nie wiedząc. Pytałem się sam siebie, czy w tej starszej kobiecie zobaczę moją dawną Elwirę, czy to ma sens.
W umówionym miejscu był trochę przed wyznaczoną godziną. - Za jakiś czas na parking, na którym czekałem, wjechał samochód z niemiecką rejestracją. Zatrzymał się blisko mojego auta. Wysiadły z niego dwie kobiety. Jedna zaczęła iść w moją stronę.
- W sylwetce tego mężczyzny dostrzegłam coś znajomego - relacjonuje Elwira. - Zrobił krok w moim kierunku.
- Zatrzymaliśmy się przed sobą - opowiada Fortunat. - Potem zapytaliśmy się wzajemnie: Elwira? Fortek? Rozpoznałem jej głos. Padliśmy sobie w ramiona.
Elwira: - Poczuliśmy, że prawie pół wieku, przez które się nie widzieliśmy, stało się nagle jak krótka chwila nieobecności. To nam pomogło podjąć decyzję. Postanowiliśmy razem wrócić do Mieszkowic i tam na stałe zamieszkać. Kupiliśmy kawałek ziemi i w 1997 r. postawiliśmy na niej dom. Wprowadziliśmy się do niego razem z moją mamą. Mieszkała z nami jeszcze cztery lata. Gdy zmarła, pochowaliśmy ją na miejscowym cmentarzu, obok jej ojca.

Wiele im zawdzięczamy
- Szybko poczułam się dobrze w Mieszkowicach - przyznaje Elwira. - Chciałam zrobić coś dobrego, w czym od początku Fortek dzielnie mnie wspomagał.
Najpierw założyła grupę gimnastyczną kobiet. W każdy poniedziałek wspólnie ćwiczą na hali przy liceum. - Poza tym łączy nas mocna przyjaźń - opowiada. - Spotykamy się również towarzysko i wspólnie świętujemy różne okazje.
W 1999 r. we współpracy z parafią i pastorem Friedrichem Wilhelmem Ritterem zorganizowała spotkanie dawnych i obecnych mieszkowiczan. Odtąd spotykają się co roku. Potem pomogła miejscowemu gimnazjum w nawiązaniu współpracy z podobną szkołą w Niemczech. 10 grudnia 2004 r. uroczyście otwierała Warsztaty Terapii Zajęciowej przy Stowarzyszeniu na rzecz Osób Niepełnosprawnych "Promyk" w Mieszkowicach.
- Wiele zawdzięczamy jej i panu Fortunatowi - opowiada Alina Leończyk, kierownik placówki. - Byli z nami od samego początku. Najpierw zabierali mnie ze sobą do Niemiec, żebym mogła zobaczyć, jak tam funkcjonują podobne placówki. Potem Elwira zaangażowała się w pozyskanie sporych funduszy na remont budynku po byłej podstawówce w Goszkowie. Dzięki jej staraniom Fundacja Diakonii z Berlina przekazała nam 30 tys. euro.
Dzisiaj z zajęć w warsztatach przez pięć dni w tygodniu korzysta dwudziestu uczestników. Wyszywają, gotują, pieką, zdobią ceramikę, malują obrazy, uczą się tańców towarzyskich i stolarki. W ramach wspólnych polsko-niemieckich warsztatów w Eberswalde wydali książkę o kulinarnych tradycjach obu narodów.
- Duża w tym zasługa Elwiry, która pomogła nam nawiązać kontakty za Odrą - przyznaje kierowniczka warsztatów. - Żeby pan widział, co się tu dzieje, gdy odwiedza nas z Fortunatem. Wszyscy ją znają, każdy chce ją dotknąć, przytulić.

4.11.2005 - Szczęśliwe zakończenie
Dzisiaj w Mieszkowicach Elwira i Fortek znają wielu ludzi. Zaprosili ich na swój ślub i wesele.
- Było to możliwe po załatwieniu wielu formalności - opowiada Elwira. - Za to, gdy czwartego listopada ubiegłego roku wchodziliśmy po schodach do Urzędu Stanu Cywilnego w ratuszu, pomyślałam: czy to nie jest ukoronowanie długiego i nie zawsze lekkiego życia? Jesteśmy pewni, że tak się właśnie stało.

Gazeta Wyborcza, 10 listopada 2006

Ursula, Urszula

Płynie we mnie polska i niemiecka krew. Po wojnie ludzie krzyczeli: O! To ta Niemka! Staram się zrozumieć cierpienie jednych i drugich. Po obydwu stronach byli dobrzy i źli ludzie – mówi Urszula Berlioz, która urodziła się w Kłosowie, a po wojnie mieszkała w Klossow.

Ktoś powiedział mi, że to zwykła kobieta, która przeżyła niezwykłe życie. Zadzwoniłem do niej. – Tak, może rzeczywiście to pana zainteresuje – powiedziała. Spotkaliśmy się w jej starannie utrzymanym domu w Mieszkowicach, 5 km od Kłosowa, wsi, która przed wojną nazywała się Klossow. Zaparzyła herbatę. Zaczęła swą opowieść. Najpierw o ojcu…

Czas Maxa

Był koniec czerwca 1914 roku. Dzisiejszy Kłosów koło Mieszkowic liczył wówczas trzystu mieszkańców. Dopiero co serbski zamachowiec śmiertelnie ranił w Sarajewie arcyksięcia Franciszka Ferdynanda. Już tylko tygodnie dzieliły ludzkość od pierwszej wojny światowej. Chłopi w Klossow mieli jednak inne zmartwienie. W ciepłe wieczory spacerowali wzdłuż pól, badając czy kłosy twardnieją na słońcu. Nadchodziły żniwa. Do kuźni Berlitzów co rusz przyprowadzano konie. Musiały być podkute na zwózkę zboża z pola i orkę. Max spieszył się z robotą, żeby zdążyć do pierwszego koszenia. Miał wtedy dwadzieścia trzy lata.

- Sama kuźnia nie przynosiła wielkich zysków, dlatego prowadził z dziadkami niewielkie, przydomowe gospodarstwo - opowiada Urszula, córka Maxa, rocznik 1928. – Był jednak dobrym kowalem. Od dziecka pomagał dziadkowi w warsztacie. Gdy ten poczuł, że się starzeje, przekazał tacie wszystkie obowiązki.

Młody Berlitz krótko cieszył się ojcowizną. Jeszcze nie wszystko zboże zjechało do spichlerzy, a Niemcy otworzyły front na wschodzie. Odtąd życie Maxa nabrało tempa. Mobilizacja, przydział do kawalerii, wyjazd na wojnę, pierwsze zwycięstwa i klęski potęgowane przez rosyjską zimę. „Koniec jest bliski – donosił rodzicom w grudniu 1917 roku. – Ludzie umierają z ran i wychłodzenia. Nie mamy co jeść. Z braku innego pożywienia żywimy się ptakami i psami.”

Walki na wschodzie zakończył pokój z Rosją, podpisany trzeciego marca 1918 roku. Dowództwo niemieckie rozpoczęło ewakuację swoich żołnierzy na zachód. Max znalazł się wśród tych, którzy zostali w Rosji.

- Nie mógł gorzej trafić – kontynuuje Urszula. – Bolszewicy zaczęli polowanie na szpiegów i wrogów rewolucji. Obcokrajowcy, a zwłaszcza niedawni wrogowie, byli szczególnie podejrzani.

Terror rozgorzał na dobre. Przez kraj przetaczała się fala aresztowań. Max znalazł schronienie w żydowskiej kuźni na przedmieściach Odessy. Za skromną wypłatę, nocleg i wyżywienie pomagał gospodarzowi w prowadzeniu wa