Der Grenzgänger

Portrait. Mathias Enger ist am Niederrhein geboren, lebt seit 25 Jahren in Polen und ist der erste deutsche Kandidat für Stettins Stadtrat seit 1945.
Stettin. Mathias Enger zerrt am Allradhebel. Irgendwie muss sich der Zusatzantrieb seines Landcruiser doch wieder ausschalten lassen. Aber der Geländewagen steht zu schräg. Also geht das „Grenzhopping“ erst einmal mit voller Kraft weiter. Der 54-Jährige liebt diese Touren durch Dickicht und Morast, irgendwo zwischen dem deutschen Rosow und dem polnischen Lubieszyn. Grenzgänge sind Engers Leben. Und so kann es kaum verwundern, dass der Pfeifenraucher mit der randlosen Brille und dem Rauschebart der erste Deutsche seit dem Zweiten Weltkrieg ist, der im lange Zeit preußischen und seit 1945 polnischen Stettin für den Stadtrat kandidiert.
Bei den Kommunalwahlen in gut einer Woche tritt Enger für die unabhängige Wählergemeinschaft „Wach auf, Stettin“ an. Als in der Stadt ansässiger EU-Bürger darf er das. „Ich stehe auf einem sicheren Listenplatz“, erklärt er und schmunzelt. Das soll heißen: „Ich kann sicher sein, dass ich nicht gewählt werde.“ Ihm gehe es nicht um Macht, sondern darum, ein Zeichen für mehr Internationalität in seiner Heimatstadt zu setzen. Heimatstadt? „Ja“, sagt Enger, der am Niederrhein geboren ist, „ich lebe seit einem Vierteljahrhundert hier. Ich bin in Stettin zu Hause.“ Nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: „Ich gehöre wohl zu einer Kategorie Mensch, die es eigentlich gar nicht gibt.“
Die klassischen deutsch-polnischen Befindlichkeiten sind Enger fremd. Ängste vor einer „Re-Germanisierung“ Stettins durch die Grenzöffnung hält er für unbegründet. Genauso wie die Furcht vor einem Ansturm polnischer Billigarbeiter, die in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs herrscht. „Mehr Austausch kann uns nur gut tun“, sagt Enger. Ihm gefällt es auch, dass sich die Stettiner auf die deutsche Vorkriegsgeschichte der Oderstadt besinnen. Bewundernd erzählt er die Geschichte von dem Lapidarium auf dem Parkfriedhof. Dort sind deutsche Gedenksteine ausgestellt, die beim Ausheben neuer Gräber entdeckt werden. „Die Polen restaurieren und pflegen sie liebevoll.“
Der gelernte Tischler selbst kam auf Umwegen an die Odermündung. Der Wehrdienst verschlug Enger in den 70er Jahren nach Schleswig-Holstein. Dort blieb er zunächst, renovierte in Kiel und Flensburg alte Segelschiffe. Später organisierte er mit den historischen Booten Ostsee-Törns. „Wo ich Herbst und Winter verbrachte, konnte ich mir aussuchen.“ Und so ging Enger in den 80er Jahren schließlich ein ums andere Mal in Stettin vor Anker. „Die antikommunistische Revolte der Solidarnosc faszinierte mich“, erzählt er. „Ich wollte wissen, was das für ein sonderbares Land ist, fuhr immer wieder hin - und verliebte mich.“
Die Liebe zu seiner späteren Frau Teresa hielt Enger in Stettin fest. Er lernte Polnisch, das er längst fließend spricht, und baute zusammen mit Teresa ein kleines Reiseunternehmen auf. Grenztouren - ob im Sommer per Rad oder im Winter mit dem Geländewagen - sind die Spezialität von Engers Agentur MTM. Inzwischen organisiert das Paar auch Fahrten weiter im Osten, etwa an der ukrainisch-moldawischen Grenze. „Ich lebe davon“, erläutert er seine nicht alltägliche Passion, „dass ich den Menschen die Dinge aus wechselnden Perspektiven zeige.“ Engers andere Sicht auf Stettin gefällt nicht allen. „Wenn ich in Deutschland dafür werbe, die Stadt als Metropole der gesamten Region zu begreifen, begegne ich oft fragenden Blicken, die wohl sagen sollen: Was will dieser Polen-Deutsche von uns?“ Umgekehrt sei es ihm nicht gelungen, für die liberale Wählergemeinschaft „Wach auf, Stettin!“ weitere Ausländer als Kandidaten zu gewinnen. Die Gruppierung mit dem roten Wecker-Emblem steht für den Aufbruch in die Moderne.
„Das Ende des Schiffbaus kann man bedauern. Ändern wird man durch Jammern nichts“, sagt Enger, der die Idee einer Hafencity im Herzen der Oderstadt faszinierend findet.
Die Vision passt zu dem 54-Jährigen, der viel Optimismus versprüht. Energie tankt er beim „Grenzhopping“ - auch oder weil er dabei zu einer paradoxen Erkenntnis gelangt ist: „Je länger ich das mache, desto weniger verstehe ich, wozu es Grenzen überhaupt gibt.“

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Veröffentlichung/ data publikacji: 12.11.2010