Sprünge von der Weichselbrücke

Bis1939 war Warschau Zentrum des jüdischen Sports - eine Ausstellung erinnert.

Stolz bilden die sechs Turnerinnen mit ihren Armen den Davidstern, sie posieren auf einem jüdischen Sportfest in Warschau. 109 jüdische Sportvereine waren in der Zwischenkriegszeit in der polnischen Hauptstadt registriert, sie zählten Tausende von Aktiven. Den Bedeutendsten unter ihnen ist nun erstmals eine große Ausstellung gewidmet worden, so, wie es in Warschau Brauch ist: im Freien. Wetterfeste Reproduktionen im Großformat informieren im Lazienki-Park über das Vierteljahrhundert, in dem die jüdischen Vereine hier eine wichtigeRolle spielten.
Organisiert und finanziert hat sie die Prof. Moses Schorr-Stiftung. Schorr, ein Rabbiner und renommierter Orientalist, gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg dem Oberhaus des polnischen Parlaments an. Er starb in einem sowjetischen Arbeitslager.
Sowohl der Beginn als auch das Ende des jüdischen Sports an der Weichsel ist eng mit den Deutschen verbunden. 1915, also im Ersten Weltkrieg, genehmigten die deutschen Militärbehörden die Gründung des ersten Vereins; er trug den Namen Makabi, nach den Makkabäern, den jüdischen Freiheitskämpfern der Antike.Ein Foto zeigt den ersten
Turntrainer von Makabi, es war ein Deutscher namens Michael Elberskirch, der keineswegs jüdischen Glaubens war, sondern Christ, wie in der Vereinschronik vermerkt ist. Elberskirch verfügte offenbar über gute Beziehungen zum deutschen Militär und konnte daher seinem Verein guteTrainingsmöglichkeiten sichern.
Wenige Wochen vor der Gründung von Makabi waren die deutschen Truppen von den Warschauern als "Befreier vom russischen Joch" bejubelt worden. Die Stadt hatte genau ein Jahrhundert zum Zarenreich gehört, in dem es Judenpogrome gegeben hatte und der jüdischen Bevölkerung wichtige Bürgerrechte vorenthalten worden waren. Gouverneur Hans von Beseler persönlich, ein korrekter preußischer General, stellte den
Makabianern die Turnhalle des geschlossenen russischen Gymnasiums zur Verfügung.
Als 1918 der polnische Staat wiederentstand, gab es bereits mehrere Dutzend jüdische Vereine für Leibesertüchtigung. Ihre Mitglieder nahmen in fast allen Sportarten an den nationalen Meisterschaften teil, sie errangen insgesamt 108 Meistertitel und stellten 30 Landesrekorde auf. Zu den bekanntesten Sportlerinnen gehörte die Kunstspringerin Eugenia Fridman. Sie machte 1928 mit einem Spektakel Schlagzeilen, das Tausende Schaulustige anzog: In einer antisemitischen Postille hatte es geheißen,
Juden seien schmutzig, sie wüschen sich nicht, weil sie die Berührung mit Wasser fürchteten. Eugenia Fridmanerklärte daraufhin den Warschauer Zeitungen, dass Juden keineswegs Angst vor Wasser hätten, und kündigte Kunstsprünge von sechs jüdischen Sportlern voneiner der Weichselbrücken an. Die Brücke war knapp fünfzehn Meter hoch. Als Eugenia Fridman, bejubelt von den Zuschauern, wieder ans Ufer kam, rief sie: "Und wer macht es uns nach?" Es fand sich niemand.
Ein Foto von 1936 zeigt zwei Boxmannschaften: Makabi Warschau und Makabi Berlin. Die deutschen Boxer durften als "Nicht-Arier" nicht mehr an Wettkämpfen in Hitler-Deutschland teilnehmen. So kamen sie an die Weichsel, keineswegs nur sportlicher Ehren wegen, sondern auch um Geld zu verdienen. Mehrere von ihnen kehrten nicht nach Berlin zurück. Doch wurden sie schon drei Jahre später, im September 1939, von den Deutschen in Gestalt von Wehrmacht und SS wieder eingeholt. Nur ein kleiner Teil der mehr als 500 000 Warschauer Juden war rechtzeitig nach Osten geflohen. Wohl die meisten rechneten nach den Erfahrungen im Ersten Weltkrieg erneut mit einem milden Besatzungsregime. Doch die Deutschen begannen schon in den ersten Tagen mit der willkürlichen Erschießung von Juden und pferchten bald die halbe Million auf ganzen vier Quadratmetern im Ghetto zusammen. Es bedeutete das Ende des jüdischen Sports in Polen.
Einige der bekanntesten Athleten kämpften 1943 im Ghettoaufstand gegen
die SS-Truppen, darunter der Schwimmer Ilja Szrajbman, Olympia- Teilnehmer bei denSpielen 1936 in Berlin. Er wurde wie rund hundert andere jüdische Spitzensportler von den Besatzern ermordet. Die Ausstellung erinnert nun erstmals auch die heutigen Warschauer an diese Schicksale. Der Kurator Jaroslaw Rokicki zeigte sich überaus zufrieden mit der Resonanz unter den Warschauern.Tausende von Parkbesuchern haben sie bereits in Augenschein genommen.

Süddeutsche Zeitung vom 4.11.2010

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Veröffentlichung/ data publikacji: 22.11.2010