Große Friedhöfe mag ich nicht

Steinabreibungen E. Ruthenberg, Ausstellung Chojna, Foto: Robert Ryss

Das in der letzten Ausgabe des "Jahrbuchs Chojna" veröffentlichte Gespräch von Robert Ryss mit Eckehart Ruthenberg "Große Friedhöfe mag ich nicht" wurde zusammen mit zwei weiteren polnischsprachigen Artikeln in der Kategorie Printmedien für den deutsch-polnischen Journalistenpreis nominiert. Wir haben dieses Gespräch für unsere Leser_innen ins Deutsche übersetzt.

Robert Ryss (1) im Gespräch mit Eckehart Ruthenberg (2)

DDR und Juden
R.R.: Zuerst hast du jüdische Friedhöfe in der DDR aufgesucht. Wie hat das begonnen?
E.R.: Ich war arbeitslos, konnte weder ausstellen noch Geld verdienen. Die Stasi hat mich erledigt.
Was war die Ursache?
Ich hatte einen Ausreiseantrag nach Westdeutschland gestellt. Da ging es los, das hatte gereicht. Vielleicht hatten die noch mehr, aber man konnte sowieso nicht wissen, was sie gegen wen in der Hand hatten. Sie nahmen mir den Ausweis ab, ich konnte kein Bankkonto einrichten. Wenn ich auf der Polizei oder wo auch immer nachfragte, bekam ich ständig dieselbe Antwort: Wir sind nicht dazu verpflichtet, irgendwelche Auskünfte zu erteilen. Also suchte ich mir eine sinnvolle Beschäftigung.
Was hast du früher gemacht?
Holzschnitzereien, Holzkonstruktionen für Kinderspielplätze, Bilder, Graphiken usw.
Und plötzlich hattest du viel Zeit.
Genau. Aus Langeweile habe ich mir z.B. ein Kugelboot ausgedacht, das nicht untergeht. Dann habe ich am Kollwitzplatz in Berlin so eine Art Wegweiser hergestellt, der auf die Traumorte meiner Kindheit verweisen sollte. Z.B. einen Wegweiser nach Neuseeland, der musste nach unten zeigen, durch die ganze Erdkugel hindurch.
Was hat dich auf den ersten jüdischen Friedhof geführt?
Reiner Zufall. 1983 oder 1984 zeigte mir mein Freund seine Photos vom vollkommen überwucherten Friedhof in Eberswalde. Er war ganz mit Efeu zugewachsen.
War das die Regel soweit es die Friedhöfe in der DDR betrifft?
Ja. Nur sehr wenige, vielleicht zehn von dreihundert waren in gutem Zustand. Es dauerte drei Jahre, bis mir klar wurde, wie ich eigentlich damit umgehen soll. Ich begann in Berlin Leute auszufragen, was sie über die Juden wissen, an was sie sich erinnern usw.
Was wusstest du damals über Juden?
Absolut gar nichts. Ich fing an, nach Büchern zu suchen. In der DDR gab es zwei, drei, in denen man etwas darüber finden konnte, aber auch an die kam man nicht heran. Also ging ich in die jüdische Bibliothek. Diese Vorarbeiten dauerten drei Jahre lang. Eines Nachts vor dem Einschlafen wurde mir klar, dass ich alles hinter mir lassen muss, meine Kunst aufgeben und mich genauer [mit den jüdischen Friedhöfen] beschäftigen muss: eben hinfahren und Recherchen anstellen.
Wovon hast du in diesen drei Jahren gelebt?
Meine Frau hat für mich gesorgt. Sie hatte einen guten Beruf, sie spielte Geige in einem der besten Berliner Orchester und verdiente gut. Damals 1985 wurde unser Sohn Jonas geboren. Als er ein Jahr alt war, habe ich ihn schon auf meine Expeditionen mitgenommen, also war er sozusagen seit seiner Geburt auf jüdischen Friedhöfen zuhause. Der erste jüdische Friedhof war der in Eberswalde. In Ostberlin gab es nur eine Kopieranstalt. Dort habe ich die Pläne kopiert. Jedes Mal wenn ich in Eberswalde war, habe ich alles, was ich dort fand, in den Plan eingetragen.
Wie bist du auf dem Friedhof konkret vorgegangen?
Jeden Stein, jedes Grab habe ich ausgemessen. Ich bemühte mich um Übersetzungen der Grabinschriften. In der DDR gab es vielleicht fünf Personen, die das übersetzen konnten. Aber wie sollte ich sie finden? Nirgends gab es Judaistik an den Universitäten und niemanden, der aus dem Althebräischen hätte übersetzen können. Pfarrer wollten mir helfen, aber sie schafften es nicht, sie konnten nur Neuhebräisch. Schließlich fand ich eine Theologiestudentin, die an der Rekonstruktion des Friedhofs einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde mitarbeitete. Sie lieferte mir die ersten Übersetzungen.
Hast du damals in der DDR schon Abreibungen der Grabsteine angefertigt?
Ja. Aber es dauerte ein bisschen, bis ich die richtige Methode herausgefunden hatte. Zuerst habe ich es mit Kreide, Graphit und Blei versucht. Erst nach einiger Zeit kam ich auf die Idee, das Papier mit Erde einzureiben.
Du hast die Methode also durch Experimentieren selbst erfunden?
Ja. Ich habe es selbst ausprobiert, wenn es nicht funktionierte, habe ich nach anderen Methoden gesucht. In Eberswalde stand mitten auf dem Friedhof eine alte Eiche. Die Erde unter diesem Stamm habe ich genommen, sie war dunkelbraun und eignete sich tatsächlich sehr gut. Mit den Abreibungen musste man weiter gar nichts anstellen, man musste sie auch nicht fixieren. Es reichte, wenn ich Papier nahm und die Erde mit den Händen einrieb. Am Tag schaffte ich sechs bis sieben Stück, danach fingen meine Hände an zu bluten.
Findet man auf jedem Friedhof so eine alte Eiche?
Nicht auf jedem aber auf sehr vielen. Meiner Meinung nach stammen sie aus der Zeit, als der Friedhof angelegt wurde. Es waren deutsche Juden. Seit der Romantik hatten sie sich stark assimiliert, und die Eiche spielte in der deutschen Kultur eine große Rolle. Ich glaube die deutschen Juden waren sehr gute Deutsche. Aber das mit der Eiche ist nicht belegt. Eines Tages werde ich in der Lage sein, es zu beweisen. Wenn ich genug Geld habe, kaufe ich mir einen speziellen Fünfmillimeterbohrer, mit dem ich die Jahresringe der Eiche durchbohren kann, um das Alter der Eiche mit dem dokumentierten Alter des Friedhofs zu vergleichen. Dann werden wir sehen, ob sich meine Theorie bestätigt. Das kostet dreihundert Euro und das konnte ich mir bis jetzt nicht leisten.
Wie viele Friedhöfe hast du in der DDR auf diese Weise dokumentiert?
Dreihundert.
Ein großer Teil dieser Friedhöfe existierte offiziell gar nicht und war überhaupt nirgends dokumentiert?
Als ich mit all dem begann, lag die offiziell angegebene Zahl – sogar bei der jüdischen Gemeinde – bei einhundert. Ich nahm an einem Symposion teil und erklärte dort, dass es meiner Meinung nach mindestens zweihundert Friedhöfe gäbe. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, es seien 125. Dann fand ich einen Historiker, der sich mit denselben Dingen beschäftigte, wie ich. In einem privaten Gespräch sagte er mir, es gäbe 180 Friedhöfe, mehr bestimmt nicht.
Wie hast du denn diese unglaublich hohe Zahl an Friedhöfen ausfindig gemacht?
Hier siehst du mein „goldenes Buch“, das Kommunale Auskunftsbuch für 1914/15 [Gemeindehandbuch und Adressbuch deutscher Stadt- und Landgemeindeverwaltungen]. Das ist so eine Art Lexikon u.a. für die preußischen Provinzen. Dort findet man Informationen über jede Ortschaft.
Und dieses Buch war dir dann bei der Suche nach den Friedhöfen im heutigen Westpolen behilflich?
Natürlich. Für jede Ortschaft gibt es Angaben über die Zahl der Einwohner und ihr Glaubensbekenntnis sowie über die Anzahl der Kirchen. Wenn es dort eine Synagoge gab, so wurde das erwähnt. Und dann war für mich schon klar: dort wo es eine Synagoge gegeben hatte, musste es auch einen jüdischen Friedhof geben.
Schauen wir bei Chojna nach, also beim damaligen Königsberg in der Neumark.
Gut. Hier steht geschrieben, dass es bei euch eine Synagoge und 60 Juden gab. Aber in den Jahren von 1870 bis 1914 wanderten viele Kleinstadtbewohner nach Amerika aus, aber auch nach Berlin oder Breslau. Man kann also davon ausgehen, dass 40 bis 50 Jahre vorher doppelt soviel Juden in Königsberg gelebt haben. In Neuwarp (Nowe Warpno) z.B. gab es laut Volkszählung aus dem Jahre 1910 fünf Juden und im Jahre 1850 zehn. Dort habe ich fünf Gräber und unter der Erde nur drei Grabsteine gefunden.

Wer war mein Vater?
Drei Jahre lang hast du dich mit der Geschichte der Juden theoretisch befasst. Zu welchem Ergebnis bist du dabei gekommen? Warum hast du beschlossen, dich mit der Geschichte der jüdischen Friedhöfe zu beschäftigen?
Das ist reiner Zufall.
In Presseberichten über deine Tätigkeit heißt es, es handle sich von deiner Seite aus um eine „stille Wiedergutmachung“.
Das haben sich die Journalisten so ausgedacht.
Und die Sache mit deinem Vater Martin Ruthenberg hatte keinerlei Bedeutung?
Als ich anfing die Vergangenheit meines Vaters zu erforschen, beschäftigte ich mich schon mit jüdischen Friedhöfen, der Text für das Lexikon „Stein und Name“ (3) war schon fertig.
Hat dich das bei deinem Engagement für diese Dinge emotional beeinflusst?
Natürlich. Aber als ich begann, mich mit den Friedhöfen zu beschäftigen, wusste ich noch nichts über meinen Vater. Ich suchte alle Universitäten auf, an denen er gearbeitet hat, sah alle seine Publikationen durch und so habe ich erfahren, dass mein Vater über Eugenik, Rassenbiologie forschte.
Während des Kriegs?
Nein schon vorher. 1937 schrieb er seine Doktorarbeit zum Thema Rassenbiologie. Ich habe diese Arbeit gelesen, aber nicht wirklich verstanden, also kaufte ich mir ein Buch über die nationalsozialistische Rassentheorie. Danach habe ich verstanden, womit sich mein Vater beschäftigt hat.
Lebte der Vater damals noch?
Nein, nicht mehr. Er ist 1991 gestorben. Während des Kriegs wurde er zum Institut für Rassenhygiene in Riga-Kleistenhof [Inst. f. med. Zoologie beim Reichskomm. für das Ostland, Zweiginst. des Kaiser-Wilhelm-Inst. für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik] abkommandiert, an dem auch ein Kollege, mit dem er zusammen an seiner Doktorarbeit gearbeitet hatte, beschäftigt war. Aus dem Buch über Euthanasie habe ich erfahren, dass eben in Riga-Kleistenhof damit begonnen wurde, Menschen mit den Abgasen aus speziellen Autos zu vergiften. Wohl habe ich herausbekommen, dass die Vorgesetzten meines Vaters etwas damit zu tun hatten. Mein Vater hat sich dort ein oder zwei Monate lang aufgehalten, aber ich konnte keine Belege für seine unmittelbare Verantwortung finden. Vor dieser Zeit war er als Soldat an der Ostfront als Fahrer des Kraftfahrzeugkorps beschäftigt gewesen. Bei meiner Mutter in Greifswald fand ich einen Brief aus Nowomoskowsk vom 19. März 1942. Angefügt war der Ausschnitt einer Stabskarte der Gegend mit der Notiz „Unbedingt aufbewahren“. Der Brief begann mit folgenden Worten: „Die letzten drei Tage waren so fürchterlich, dass ich darüber überhaupt nicht schreiben kann.“ Im Buch von Simon Wiesenthal „Jeder Tag ein Gedenktag“ (4) fand ich das Datum, an dem mein Vater diesen Brief geschrieben hat. In eben diesen drei Tagen wurden am Fluss von Nowomoskowsk 400 Juden ermordet. Ich vermute, dass mein Vater dort mit seinem LKW war, habe aber keine Beweise.
Hat dein Vater deiner Mutter nie davon erzählt?
Nie.
Hat diese schreckliche Entdeckung und Vermutung deiner bisherigen Arbeit mit den jüdischen Friedhöfen einen neuen Sinn und neue Impulse gegeben?
Ich weiß nicht. Nach Erscheinen des ersten Lexikons war ich schon so tief in diese Sache verstrickt, dass ich keine neuen Impulse brauchte. Aber ich war krank, nachdem ich das über meinen Vater erfahren hatte. Damals ließ ich mich scheiden und kehrte nach Berlin zurück. Dort erschien es mir so, als ob ich mich – sozusagen in logischer Folge – den Friedhöfen auf der polnischen Seite zuwenden sollte. Als könnte das eine Aufgabe für die Zukunft sein, anstatt mich weiter mit der Vergangenheit meines Vaters zu beschäftigen.
Hat dein Vater jemals deine Beschäftigung mit den jüdischen Friedhöfen kommentiert?
Nein. Als ich 21 Jahre alt war, hat er mich aus dem Haus geworfen.
Warum?
Wir haben uns schon gestritten als ich noch Kind war. Seine Erziehungsmethode sah so aus, dass ich schon als kleiner Junge dachte, dass er ein Faschist sein müsse. Oder dass er jedenfalls nicht richtig im Kopf ist. Es herrschte folgendes Regime: früh aufstehen, kalt waschen, gehorchen. Und es gab heftige Schläge... das war nicht gerade angenehm... Ich meine das ganz wörtlich, dass er mich aus dem Haus geworfen hat. Er warf alle meine Sachen aus dem Fenster, direkt auf die schönen Tulpenrabatte. Dabei schrie er, es sei an der Zeit, dass ich zum Wehrdienst ginge und Ordnung lernte. Ich sei nicht mehr sein Sohn und das würde sich auch bis zu seinem Tod nicht mehr ändern.
Haben dir die DDR-Mächtigen und die Stasileute bei deiner Arbeit keine Schwierigkeiten gemacht?
Doch und wie.
Waren die Juden ein schwieriges, peinliches Thema in der DDR?
Ja, es herrschte absolutes Stillschweigen.
Lag das am staatlichen Antisemitismus oder woran sonst?
Zuerst dachte ich, dass seien irgendwelche dummen Reaktionen, aber später kam ich zu der Überzeugung, dass ein Grund dafür tatsächlich Antisemitismus in der DDR war.
Ein spezifischer DDR-Antisemitismus?
Es herrschte wohl in allen Ländern des damaligen Ostblocks so ein unterschwelliger Antisemitismus. Überall sahen die jüdischen Friedhöfe dort wohl so aus, wie jetzt in Polen. Nur mit einem Unterschied. In der DDR gab es manchmal Gedenktafeln oder Gedenksteine an den Orten, an denen die Friedhöfe dem Erdboden gleich gemacht worden waren. Davon gab es mehr als woanders. Warum ist es in Polen denn so, wie es jetzt ist? Denken die Leute nicht darüber nach? Ist das Dummheit oder Antisemitismus? Ich glaube gar nicht, dass die Polen ganz besonders antisemitisch eingestellt sind. Es fehlt wohl eher an Wissen und es ist Dummheit. Bei den meisten historischen Themen ist es doch nicht anders. Zuerst beschäftigt sich niemand damit, erst später kommt die Zeit, in der das Thema bearbeitet wird und ins Bewusstsein dringt.

Meine Suche in Polen
15 Jahre Pause lagen zwischen deiner Dokumentierung der Friedhöfe in der DDR und dem Beginn deiner Recherchen in Polen im Jahr 2006.
In der Zwischenzeit war ich nach Westdeutschland umgezogen, 12 Jahre lang lebte ich in Köln. Erst nach der Scheidung ging ich nach Berlin zurück. Und von hier aus ist Cedynia (Zehden) nur eine Stunde entfernt.
Was war der erste Anstoß für deine Suche in Polen?
Eigentlich wusste ich schon lange, dass ich weitermachen wollte. Aber das Leben verlangte anderes. Ich musste Geld verdienen, also widmete ich mich meiner Kunst und eröffnete diese Galerie hier. Ich musste erst Bedingungen dafür schaffen, mich weiter den Friedhöfen widmen zu können. Allerdings hatte ich mich in der langjährigen Pause in Siegburg bei Bonn mit dem dortigen Friedhof beschäftigt. Später entstand ein sehr gutes Buch über diesen Friedhof, eines der besten in Westdeutschland. Aber das waren nicht meine Friedhöfe. Die sind hier. Dort sind sie gut erhalten, u.a. wegen der guten Vorschriften aus den Sechzigern. Dort ist die Gemeinde für jeden Friedhof verantwortlich. Sie muss ihn pflegen, einzäunen usw.
Lag es vor allem an den rechtlichen Bestimmungen oder an der Mentalität der Menschen? Unterscheiden sich die Haltungen der Menschen in Westdeutschland [in dieser Frage] von denen in Ostdeutschland?
Auch in der Bundesrepublik hat man erst spät begonnen, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Die Einstellungen der Menschen unterscheiden sich nicht. Die Mehrheit interessiert sich überhaupt nicht dafür.
Für den besseren Zustand der Friedhöfe in Westdeutschland sind also die amtlichen Zuständigkeiten ausschlaggebend?
Ja. Wären die Bürgermeister in Polen rechtlich verpflichtet, jeden erhaltenen Friedhof einzuzäunen, den Müll zu beseitigen, das Gras einmal im Jahr zu mähen, sähe es sehr viel besser aus. Deshalb befinden sich die Friedhöfe in Westdeutschland in einem Hundert mal besseren Zustand als woanders.
So ist in Polen die Pflege der russischen Soldatenfriedhöfe rechtlich geregelt. Aber das ist Ergebnis einer internationalen Vereinbarung. Die Bürgermeister erhalten dafür aus Warschau eine finanzielle Unterstützung.
Das müsste auch für die jüdischen Friedhöfe gelten. Ich habe mal einen polnischen Sejmabgeordneten gefragt, ob er eine Möglichkeit sähe, beim Schutz der jüdischen Friedhöfe in Westpolen zu helfen. Er antwortete, ja klar, er könnte helfen, aber nur unter der Bedingung, dass ich mich um alle jüdischen und deutschen Friedhöfe kümmern würde. Das kann aber ein einzelner Mensch nicht leisten, denn in Westpolen gibt es ungefähr 5000 deutsche und 600 jüdische Friedhöfe.
Mit welchem jüdischen Friedhof in Polen hast du begonnen?
Ich vermutete, dass es für dieses Gebiet überhaupt keine Dokumentation gibt. Dann fragte ich meinen Professor Michael Brocke aus Duisburg, ob er Materialien über die Friedhöfe in den ehemaligen deutschen Gebietet kennt. Er schrieb, er habe nichts gefunden. So entschied ich mich im Jahr 2006, zusammen mit meinem Sohn zwei Versuchsreisen in Orte zu unternehmen, die etwa 100 km von Berlin entfernt sind: Cedynia (Zehden), Trzcińsko-Zdrój (Schönfließ), Moryn (Mohrin), Mieszkowice (Bärwalde), Dębno (Neudamm), Boleszkowice (Fürstenfelde), Kostrzyn (Küstrin). Es gibt dort zwölf Friedhöfe. Ich war sicher, dass die Entfernung zwischen ihnen ungefähr zwanzig Kilometer betragen würde, so wie in der DDR. In Kostrzyn gab es nichts, nur Wiese. In Cedynia standen sechs Grabsteine und ein Gemeindeangestellter mähte dort gerade das Gras. In Trzcińsko-Zdrój hat man aus dem Friedhof Gärten gemacht. In Moryn waren noch zwei oder drei Grabsteine in Ordnung, in Myślibórz (Soldin) befand sich auf dem ehemaligen Friedhof ein Privathaus und ein Garten. Wir notierten alles und kamen zu dem Ergebnis, dass es etwa so aussieht: ein Drittel der Friedhöfe gibt es nicht mehr, ein weiteres Drittel existiert nur noch als leere Fläche und das letzte Drittel ist in einem Zustand, dass man sich um sie noch kümmern kann, d.h. sie ausmessen und ein bisschen pflegen. Diese Dreiteilung trifft auch für andere Gegenden zu. Im ganzen habe ich auf der polnischen Seite des früheren Brandenburg 50 Friedhöfe gefunden. Dann habe ich diejenigen gekennzeichnet, um die man sich noch kümmern kann, und die eingezäunt werden müssten. Auch einen Kostenvoranschlag, wie viel es kosten würde, die dafür notwendigen Materialien einzukaufen (auf Grundlage der Preise in Deutschland) habe ich erarbeitet. Der erste Friedhof, um den man sich tatsächlich kümmerte war der in Witnica (Vietz) bei Gorzów (Landsberg), dafür sorgte Zbigniew Czarnuch (5). Die Kosten betrugen so um die 1.000 – 2.000 Euro.
Hast du für jeden dieser Friedhöfe einen Kostenvoranschlag aufgestellt?
Nur für diejenigen, um die man sich noch kümmern kann, von denen noch etwas übrig geblieben ist. Banie (Bahn) oder Chojna stehen nicht auf dieser Liste. In Chojna gibt es nur noch ein Stück Mauer und Wiese.
Vor sieben Jahren haben die Kinder an dieser Stelle einen Fußballplatz eingerichtet, aber nachdem das in der „Gazeta Chojenska“ kritisiert worden war, wurden die Fußballtore beseitigt. Seit 2006 steht dort eine Informationstafel, allerdings enthält sie nicht gerade besonders zutreffende Informationen. Jedenfalls wird hier zumindest nicht mehr Fußball gespielt.
Das ist gut.
Wie bist du bei deiner Suche in Polen praktisch vorgegangen? Du hast ja schließlich auch Friedhöfe gefunden, die nicht dokumentiert waren?
Die meisten findet man auf den alten Messtischblättern.
Sind sie dort als jüdische Friedhöfe eingezeichnet?
Nein, als nicht-christliche Friedhöfe. Sie sind durch den Buchstaben L gekennzeichnet. Die Gemeinden wählten gewöhnlich solche Stellen für die jüdischen Friedhöfe aus, die zu nichts anderem zu gebrauchen waren. Z.B. eine morastige Wiese, wo die Juden selbst noch viel Erde herantransportieren mussten, damit die Leichname nicht versanken. Das war eine beabsichtigte Bosheit. Der Friedhof in Müncheberg wurde z.B. an einem sehr steilen Abhang angelegt, weil man dort tatsächlich nichts anderes unterbringen konnte.
Musstest du in Polen die Einwohner um Informationen bitten?
Ja, das auch. Nur die Älteren wissen noch etwas, die z.B. als Kinder im Wald Pilze gesucht oder Blaubeeren gesammelt haben und sich jetzt daran erinnern, dass sich dort irgendwo zwischen den Bäumen Grabsteine befanden.
Das heißt nach dem Krieg gab es mehr Spuren als heute.
Ja, klar. Vor fünf Jahren habe ich den Friedhof in Boleszkowice gefunden, ein Jahr später waren dort bereits zehn Grabsteine verschwunden. Alle diejenigen, die noch aufrecht gestanden hatten, waren verschwunden. In der örtlichen Bar erzählte jemand, ein mit einem deutschen Kennzeichen aus dem Saarland versehener Lieferwagen mit Anhänger wäre gekommen. Was daran wahr ist, weiß ich nicht. In Deutschland kostet ein solcher Grabstein aus Sandstein etwa 1.000 Euro, d.h. eine solche Tour hätte sich schon gelohnt.
Die Steinabreibungen machst du, wenn die Steine auf der Erde liegen. Aber was machst du, wenn sie stehen?
Dann fotografiere ich sie nur, denn um Abreibungen herzustellen, bräuchte ich Hilfe. In Wolin (Wollin) habe ich es mit dem einen Grabstein versucht, ich legte das Papier an, befestigte es oben mit meiner Jacke, aber die konnte das nicht festhalten. Und wenn es windig ist oder regnet, kann man sowieso keine Abreibungen machen.
Wie reagieren die polnischen Einwohner in der Regel, wenn du dich nach dem jüdischen Friedhof erkundigst?
Sehr gut. Innerhalb von drei Monaten habe ich alle 50 Ortschaften besucht und alle Friedhöfe gefunden. Ich habe fast ausschließlich positive Erfahrungen mit der polnischen Bevölkerung gemacht. Auf hundert positive Reaktionen kam vielleicht eine ablehnende. Das war an einem Sonntag vor der Kirche in Krzeszyce (Kriescht) im Kreis Sulęcin (Zielenzig) in der Wojewodschaft Lebus. Dort fragte ich eine alte Dame nach dem jüdischen Friedhof, aber sie winkte nur ab, murmelte etwas vor sich hin und ging weg. Ich ging ihr hinterher und sagte auf Polnisch: „Aber ich bitte Sie“, aber sie lief nur weg.
In welcher Sprache hast du gefragt? Hast du Polnisch gelernt?
Ich kenne nur 12 Wörter, wie z.B. „nach rechts, nach links, langsam, nicht so schnell“. Aber ich habe immer einen Zettel mit einer handschriftlichen Bemerkung auf Polnisch bei mir: „Ich suche und beschäftige mich mit jüdischen Friedhöfen in Polen. Könnten Sie mir vielleicht sagen, ob es in diesem Ort einen jüdischen Friedhof gibt?“ Auf dem Marktplatz vor der Kirche in Lipiany (Lippehne) saß ein älterer Herr. Ich setzte mich zu ihm und radebrechte auf Polnisch: über das Wetter, ob alles in Ordnung sei. Dann zeigte ich ihm meinen „goldenen“ Zettel. Sofort begann er mir schnell und ins Einzelne gehend zu erklären, wie ich dahin komme. Das war zu schnell, zu viel und ein bisschen zu kompliziert für mich. Wir machten uns zusammen auf den Weg, alle zehn Schritte blieb er stehen und atmete schwer: „mein Herz“. Wir gingen zu meinem Auto, er lachte, weil es dort nur einen Sitz und eine Matratze zum Schlafen gibt. Also musste er sich hinlegen. Es amüsierte ihn, dass er wie in einem Rettungswagen befördert wurde. Aber er leitete mich über einen komplizierten Weg zum Friedhof im Wald. Ich sagte [auf Polnisch]: „Vielen, vielen Dank!“ Später lud ich ihn wieder ein und brachte ihn nach Haus. Im Tor stand ein Sofa, auf dem wir Platz nahmen. Er rief seine Frau, sie telefonierten der Tochter hinterher, die noch ein paar Leute kannte. Das haben sie alles für mich getan, damit ich sie noch ausfragen kann und sie mir helfen. Phantastisch. In solchen Situationen möchte ich gar nicht wegfahren. Und es ist mir egal, ob ich an diesem Tag noch etwas arbeite, oder nicht.
Übernachtest du während deiner Expeditionen immer im Auto oder auch bei Leuten?
In Recz (Reetz) stand an der Umgehungsstraße ein Kiosk. Ich sagte auf Polnisch „Bitte einen Kaffee“, obwohl ich wusste, dass man am Kiosk keinen Kaffee ausschenkt. Aber die Verkäuferin ging nach hinten und machte mir mithilfe ihres Wasserkessels einen Kaffee. Dann zeigte ich ihr meinen Zettel und hinter mir standen bereits drei Leute, die etwas kaufen wollten. Sie schauten mir über die Schulter und schon begann eine hitzige Diskussion darüber, wo der jüdische Friedhof sein könnte. Ich setzte mich mit meinem Kaffee hin und um mich herum diese Leute, auch neue die hinzu kamen, wurden befragt. Ich musste ihnen auf Polnisch erklären: „Nicht den deutschen, den jüdischen Friedhof“, denn die Leute unterscheiden die Friedhöfe oft nicht. Dann kam ein älterer Herr und sagte, was die anderen erzählten, das stimme alles gar nicht, das hatte ich mir schon gedacht. Er erklärte, man müsse die Bahnhofstraße bis zum Telefonmasten entlang gehen. Nach kurzer Diskussion befanden die übrigen, dass das tatsächlich stimmen könnte. Es war abends nach neun Uhr. Zwei Frauen schlugen vor, ich sollte mit ihnen kommen. Als ich die Stelle sah, dachte ich mir, dass hier der jüdische Friedhof sein könnte. Wir gingen zurück. Eine der beiden Frauen, die etwas Deutsch konnte, weil sie wohl als Krankenschwester in Deutschland gearbeitet hatte, fragte mich: „Und wo übernachten Sie?“ Im Auto, antwortete ich. Sie schauten ins Auto und die Ältere entfernte sich. Zuhause fragte sie ihren Mann, denn so ginge das doch nicht, man könnte doch nicht im Auto schlafen. Sie kam zurück und schlug vor: „Wir gehen alle ins Haus.“ Dort gab es zwei Zimmer, eins davon ziemlich klein und sechs oder sieben Personen versammelten sich dort. Zuerst gab es Essen und um Mitternacht stand ich vor einem frisch bezogenen Bett. Die bunte Bettwäsche glänzte, wie zur Hochzeit. Ich schlief also im Ehebett und sie klappten ihr Schlafsofa auseinander und legten sich im anderen Zimmer hin. Am nächsten Morgen gab es ein üppiges Frühstück.
Ohne Wodka?!
Den gab’s abends. Und das alles passierte dank meines Zettels. Ich habe also nur gute
Erfahrungen gemacht und in Polen keine Antisemiten getroffen.
Niemand wollte für die Informationen Geld von dir?
Das kam ein paar Mal vor. In Pełżyce und Banie wollten ein paar Saufkumpane am Vormittag etwas für ihr Bier haben. Ich antwortete ihnen auf Polnisch: „Ich verstehe nicht, ich Deutscher“.

Nicht nur Friedhöfe
Hast du vor, ein ähnliches Lexikon über die jüdischen Friedhöfe in Westpolen herauszugeben?
Unbedingt. Ich weiß nur nicht, wann. Vor kurzem habe ich mich geärgert, dass schon so ein Führer für die Kaschuben erschienen ist.
Aber das ist doch gar nicht deine Region.
Aber klar! Das alles gehört zu meiner Region!
Sogar die Ukraine? Ich habe gehört, dass man dir vorgeschlagen hat, dort ebenfalls eine solche Recherche zu machen.
Das stimmt. Ein ukrainischer Professor, Historiker, kam und bat mich auf Knien, mit der Suche nach jüdischen Friedhöfen in der Ukraine zu beginnen. Er sicherte mir Unterkunft und Verpflegung zu. Ich antwortete ihm, dass mein Leben dafür zu kurz sei, zuerst müsste ich die Untersuchungen in Polen beenden.
Was musst du in Polen noch untersuchen, um ein solches Lexikon herausgeben zu können?
Jetzt ist das ehemalige Gebiet Brandenburgs in den Hintergrund gerückt, weil ich mich mehr mit dem Lebuser Land und sogar mit Niederschlesien und Großpolen beschäftige. Früher war ich der Meinung, ich könnte in einem Jahr eine Provinz abarbeiten. Mit Brandenburg habe ich das geschafft, alle Städte und Dörfer habe ich photographisch dokumentiert. Im folgenden Jahr wollte ich mich mit Pommern [ehem. preuß. Provinz Pommern, poln. Westpommern] beschäftigen. Aber dann besuchte ich die Jüdischen Kulturtage in Zielona Góra (Grünberg). Dort sagte mir Andrzej Kirmiel (6): „Nur Friedhöfe? Das wird kein gutes Buch.“ Es müsste auch Informationen über die jüdischen Gemeinden, Synagogen, jüdische Geschäfte enthalten. Und das nicht im ehemaligen Brandenburg, sondern im Lebuser Land. Ich fragte, was das denn sein sollte, davon hätte ich noch nichts gehört. (7) Kirmiel zeigte es mir auf der Karte und ich stöhnte: „Mein Gott, dann fällt ja mein ganzer Norden weg!“ Hinzu kommt, dass die Geschichte der Juden in Großpolen ganz anders verlaufen ist als in Niederschlesien. Ich fing also an, mich mit der Geschichte der Posener Juden zu beschäftigen. Andrzej überließ mir 200 Kopien von verschiedensten Archivdokumenten zum Thema Lebuser Land. Das kann kein Pole und nur wenige Deutsche lesen, denn das sind handschriftlich in Sütterlin geschriebene Dokumente. Je höher die Stellung dessen, der schrieb, desto unlesbarer. Aber ich kann das alles lesen. Ich schreibe es Zeile für Zeile in den Computer und wähle dabei manchmal zeitgenössische Wörter, damit die Inhalte auch für die verständlich sind, die nur das heutige Deutsch kennen.
Also wird es das Lexikon über die Friedhöfe nicht geben?
Es wird ein Lexikon über das jüdische Leben im Lebuser Land.
Das ist für uns in Chojna ja keine gute Nachricht.
Ich hoffe, dass ich in ein bis zwei Jahren mit dieser Arbeit fertig bin, dann komme ich zurück nach Pommern.
Chojna und Umgebung gehörten historisch nicht zu Pommern, sondern zur Neumark und zu Brandenburg.
Aber man muss der Aufteilung nach den heutigen Wojewodschaften folgen, sagt Kirmiel, obwohl ich mich lieber an die alte Aufteilung halten würde.
Woher bekommst du die Materialien für das Lebuser Land?
Ich gehe ins Geheime Staatsarchiv in Berlin. D.h. es war mal geheim, weil es ein Polizeiarchiv war. Ich habe schon ein Inhaltsverzeichnis von 600 Dokumenten erstellt und bereits 200 kopiert. Aber das kostet auch einiges Geld. Einen Teil der Kosten hat das Museum für die Geschichte der polnischen Juden in Warschau übernommen. Den Rest zahle ich aus eigener Tasche.
Du hast mal gesagt, diese jüdischen Friedhöfe seien für dich wie Waisenkinder.
Weil es stimmt. Das sind meine allerliebsten Kinder. Sie sind so klein: 20 mal 20 Meter. Ihre Eltern haben sie während des Holocaust verloren und später hat man sie schlecht behandelt. Sie mussten in der Fremde leben, unter Fremden. Es ist höchste Zeit, dass jemand sie gut behandelt. Große Friedhöfe mag ich nicht. Ich fürchte mich vor Stettin, weil ich nicht weiß, wir groß der dortige jüdische Friedhof ist. Ich hoffe, er ist nicht allzu groß. Als ich an dem Lexikon „Stein und Name“ arbeitete, habe ich mich nicht mit großen jüdischen Friedhöfen, wie denen in Dresden, Halle, Magdeburg, Leipzig und Berlin beschäftigt. Daran hat Professor Brocke gearbeitet. Ich kümmere mich um die Dorffriedhöfe. Ich möchte gern, dass die jüdischen Friedhöfe unter Schutz gestellt werden. Wer das machen soll und wie das gelingen kann? Das weiß ich nicht. Ich allein schaffe das jedenfalls nicht.

Der Autor dankt Ewa und Jerzy Czerwiakowski für die Übersetzungshilfe während des Gesprächs
Übersetzung aus dem Polnischen: RH

Anmerkungen
(1) Robert Ryss, Herausgeber und Chefredakteur der unabhängigen, privaten Wochenzeitung „Gazeta Chojeńska“ für den Kreis Gryfino (Greifenhagen), erscheint seit 1990.
(2) Eckehart Ruthenberg, bildender Künstler in Berlin, beschäftigt sich mit der Geschichte der jüdischen Friedhöfe in der DDR und in Westpolen. Er wurde 1943 in Greifswald geboren. Im Jahr 1970 beendete Ruthenberg sein Industriedesignstudium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Bis 1979 arbeitete er als Künstler in Dresden, danach bis 1983 in Wismar, wo er u.a. Holzkonstruktionen für Spielplätze anfertigte. 1984 wurde ihm vom DDR-Regime sowohl verboten seine Werke auszustellen als auch sie zu verkaufen, sein Personalausweis wurde eingezogen. Damals begann er die Geschichte der jüdischen Friedhöfe in der DDR zu erkunden. 1989 verlor er die DDR-Staatsbürgerschaft und reiste nach Westberlin aus, ein Jahr später fuhr er weiter nach Bergisch Gladbach. 1991 schloss er seine sechsjährige Erforschung über 300 jüdische Friedhöfe in den neuen Bundesländern ohne jede finanzielle Unterstützung ab (die meisten der Friedhöfe waren niemals zuvor dokumentiert worden). Drei Jahre später erschien das Lexikon „Stein und Name“. Seit 2001 lebt Ruthenberg in Berlin, wo er im Stadtteil Prenzlauer Berg die „Galerie Süßholz“ eröffnete. Es entstanden zahlreiche Holzskulpturen, Kollagen, Graphiken, u.a. über die jüdische Geschichte (Ausstellungen in Berlin und Jesteburg bei Hamburg, wo er 2006 den Preis der Kunstwoche gewann). Seit 2006 sucht und erkundet Ruthenberg jüdische Friedhöfe in Westpolen. Von den aufgefundenen jüdischen Grabsteinen macht er Steinabreibungen nach einer Methode, die er selbst erfunden hat: er bedeckt die Steine mit einem großen weißen Bogen Hochglanzpapier und reibt ihn mit Erde ein. Auf dem Papier entsteht ein genauer Abdruck in Originalgröße.
(3) M. Brocke, E. Ruthenberg, K.U. Schulenburg, „Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin)“, Berlin 1994
(4) Simon Wiesenthal (1908-2005) stammt aus Lemberg, während des Kriegs war er Häftling in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Nach dem Krieg fahndete er nach Nazi-Kriegsverbrechern und brachte viele von ihnen vor Gericht. In Wien gründete er das „Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes“.
(5) Zbigniew Czarnuch (geb. 1930) lebt in Witnica (Vietz) bei Gorzów (Landsberg a.d. Warthe). Er ist anerkannter Regionalhistoriker für die deutsch-polnische Grenzregion. In Witnica schuf er den berühmten „Park der Wegweiser und Meilensteine der Zivilisation“. Er ist Vorsitzender des Vereins „Educatio Pro Europa Viadrina“. 2009 wurde ihm vom Deutschen Kulturforum Östliches Europa der Georg-Dehio-Preis verliehen.
(6) Andrzej Kirmiel, Historiker, Lehrer, Vorsitzender der Lebuser Stiftung Judaica, die sich um Erhaltung und Pflege der materiellen Hinterlassenschaften jüdischer Kultur in der Wojewodschaft Lubuskie (Lebus) kümmert. Die Stiftung organisiert in Zielona Góra (Grünberg) jährlich „Tage der jüdischen Kultur“. 2009 gewann Kirmiel die Ausschreibung zum Direktor des Museums von Międzyrzecz (Meseritz).
(7) Ein so genanntes Lebuser Land hat es vor 1945 nicht gegeben. Historisch handelt es sich bei diesem Gebiet um Teile von Schlesien, der Lausitz, von Brandenburg und Großpolen.

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 22.03.2011

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