Fremde Heimat Eberswalde – Spurensuche als Mittel zur Integration?

Zuwanderungen in Vergangenheit und Gegenwart
Als ich heranwuchs war die „alte Heimat“ stetiges Thema in meinem Elternhaus. Beide Eltern hatten ihre alte Heimat im heutigen Polen verloren und eine neue, zweite Heimat in Mecklenburg gefunden. Ich wuchs auf im Widerstreit zwischen den wehmütigen Erinnerungen und liebevollen Erzählungen besonders meiner Großeltern über ihr Buschdorf, das heute den für mich immer noch schwer auszusprechenden Namen Budziszewko trägt, einerseits und der offiziellen Politik der DDR andererseits, die verlangte, dieses Thema zu verschweigen und den Heimatvertriebenen jegliches Recht auf offizielle Erinnerung absprach.

Diese familiäre Prägung ist sicher mit eine Ursache dafür, dass ich mich entschied, als Ausländerbeauftragte zu arbeiten. In dieser Tätigkeit hatte ich es von Anfang an mit Menschen zu tun, die ihre Heimat aus den unterschiedlichsten Gründen hatten verlassen müssen und als Flüchtlinge nach Deutschland kamen oder als Aussiedler/innen und Spätaussiedler/innen in die frühere Heimat ihrer Vorfahren zurückkehrten.

Neben dem Aufbau von Strukturen und grundlegenden Integrationsangeboten für diese Menschen war es mir und meinen Kollegen/innen ein wichtiges Anliegen, sich mit tief in der Gesellschaft verwurzelten Vorurteilen und ausländerfeindlichen teilweise auch rassistischen Argumenten auseinander zu setzen und die Zivilgesellschaft dafür zu sensibilisieren.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Einwohnerversammlung Anfang der 1990er Jahre in einem Dorf in der Nähe von Eberswalde. Dort gab es lautstarken Protest gegen ein Flüchtlingsheim in diesem Ort. Damals stand ein älterer Herr auf und sagte: „Wenn ihr das 1945 hättet entscheiden können, dann wären wir Vertriebenen hier auch nicht aufgenommen worden“. Er blieb mit dieser Mahnung allerdings ein einsamer Rufer im allgemeinen Sturm der Entrüstung. Allgemeines Klagen hilft jedoch in einer solchen Situation nicht weiter. Wir mussten die Menschen ernst nehmen, ihnen Impulse und Chancen zum Nachdenken geben, darüber hinaus galt es Verbündete und neue Zugänge zum Thema Zuwanderung zu suchen.

Die Tatsache der Normalität von Zuwanderung in den Blickpunkt der Mehrheitsgesellschaft zu rücken, war so ein möglicher Zugang. Interessant ist dies sowohl im Hinblick auf die lokale Geschichte der Zuwanderungen als auch in der Auseinandersetzung mit Migrationserfahrungen in der Gegenwart.

Angeregt durch Broschüren über die Geschichte der Zuwanderung z.B. in Potsdam, versuchten wir recht früh, das Eberswalder Museum für ein ähnliches Projekt zu gewinnen. Doch die Zeit war dafür offensichtlich noch nicht reif. Zunächst erarbeitete das Eberswalder Museum eine Broschüre zur Geschichte der Eberswalder jüdischen Gemeinde, in der ja bereits ein wichtiger Teilaspekt des Themas „Zuwanderung“ abgehandelt wurde.

Anfang des Jahres 2003 kam dann die damalige Leiterin des „Museums in der alten Adlerapotheke“ im Zentrum der Stadt auf uns zu und informierte über die Möglichkeit, eine Sonderausstellung im Rahmen des „Kulturlandes Brandenburg 2003 Europa“ zu erarbeiten, in der es um Heimat und Zuwanderung gehen sollte. Es standen auch finanzielle Mittel zur Verfügung, so dass ein erfolgversprechendes Projekt entstehen konnte.

Mit Hilfe weiterer Kooperationspartner und zivilgesellschaftlicher Akteure, wie zum Beispiel der RAA (Regionale Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule) Angermünde, der Eberswalder Koordinierungsstelle für Toleranz, des Eberswalder Zentrums für demokratische Kultur, Jugendarbeit und Schule und der Selbsthilfegruppe „Kontakt“ des Bundes der Vertriebenen, in der viele SpätaussiedlerInnen der Stadt Eberswalde aktiv sind, wurde das Vorhaben realisiert.

In der gemeinsamen Projektgruppe erarbeiteten wir den Titel der Ausstellung „Fremde Heimat Eberswalde?“ und konzipierten ein anspruchsvolles Begleitprogramm. Das Fragezeichen im Titel kam nicht von ungefähr, drückte es doch das Empfinden derjenigen in der Projektgruppe aus, die in Eberswalde erst wenige Jahre oder sogar erst wenige Monate zuvor eine „neue Heimat“ gefunden hatten und bezog sich damit sowohl auf das „Fremde“ als auch auf den Begriff „Heimat“. Wir haben lange darüber diskutiert und es dann doch bei dem Fragezeichen belassen, wohl wissend, wie viel Infragestellung der Integration sich damit verbindet. Gerade die Einbeziehung derjenigen, die noch dabei waren, Eberswalde als „neue Heimat“ zu entdecken und sich mit dieser neuen Heimat vielleicht zu identifizieren, machte den besonderen Reiz dieser Arbeit aus.

In Verbindung mit der Ausstellung, die am 2. Oktober 2003 eröffnet wurde, gab es ein interessantes Rahmenprogramm in den Räumen des Museums:

- einen Wyssozki – Abend (dieser bekannte russische Liedermacher hatte einige Jahre seiner Kindheit in Eberswalde verbracht, weil sein Vater hier als Offizier der sowjetischen Armee stationiert war)

- eine Gesprächsrunde mit der bekannten Berliner Publizistin, Lea Rosh, unter dem Titel „Zweite Heimat Eberswalde“,

- eine Lesung mit Dr. Krzysztof Wojciechowski vom Collegium Polonicum,

- ein Theaterstück über das Schicksal einer jüdischen Künstlerin,

- eine Ausstellung über Kunstweberei in Polen vom Museum in Gorzów (Landsberg a.d. Warthe),

- und den Abschlussabend, den die Selbsthilfegruppe „Kontakt“ unter dem Titel „Wege Wolgadeutscher Familien nach Eberswalde“ selbst gestaltete.

Mit diesem Angebot erreichten wir damals ganz andere Personengruppen als die, die sonst zu den Veranstaltungen z.B. im Rahmen der „Interkulturellen Tage“ kamen. Auch die „Kulturelite“ der Stadt, die traditionell die Angebote des Museums wahrnimmt, zeigte sich diesem Thema gegenüber aufgeschlossen.

Besonders wichtig war es, dass viele Schulklassen die Ausstellung besuchten.

Vor allem aber fanden die Zugewanderten selbst den Weg in eine Kultur- und Bildungsstätte, die sie ansonsten nur als Pflichtprogramm im Deutschkurs wahrgenommen hätten (falls der entsprechende Bildungsträger sie dorthin geführt hätte). Sie kamen aber nicht nur als Konsumenten in das Museum, sondern trugen aktiv zum Gelingen des Gesamtprojektes bei. Besonders deutlich zeigte sich das an dem von den SpätaussiedlerInnen gestalteten Abschlussabend.

Drei Zeitzeuginnen sprachen über ihren entbehrungsreichen Weg, über ihr Leben in der Arbeitsarmee und unter Kommandantur. Jugendliche SpätaussiedlerInnen sichteten altes Filmmaterial und stellten einen kleinen Film zusammen. Für viele von ihnen war es das erste Mal, dass sie sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinander setzten. Das Thema „Verbannung der Wolgadeutschen und Leben unter Kommandantur“ war in den Familien oft über Jahrzehnte nicht angesprochen worden oder die Kinder wurden bei solchen Gesprächen weggeschickt. Zuviel Traumatisches hing damit zusammen und die Angst, mit dem Thema in der sowjetischen und selbst noch in der postsowjetischen Gesellschaft anzuecken, überwog. Die Eberswalder SpätaussiedlerInnen begaben sich mit diesem Projekt auf eigene Spurensuche. Nun konnten sie ihren Kindern und Enkeln erzählen, wie sie mit Humor und Lebensmut und teilweise auch durch ihren Glauben die schlimmsten Zeiten überstanden. Die jungen Leute wurden dadurch motiviert, in einer für sie zwar schwierigen aber trotzdem chancenreichen Zeit ihren eigenen Weg zu finden. In den Gesprächen zwischen Alteingesessenen und Neuzugewanderten ergaben sich deutliche Parallelen im jeweils Erlebten. Migranten rückten in einem völlig neuen Zusammenhang in den Mittelpunkt. Sie zeigten sich als starke, selbstbewusste Menschen, die ihr Schicksal gemeistert hatten. Sie empfanden es als eine Ehre und als Anerkennung, dass man sie fragte, und dass sie in diesem Hause öffentlich sprechen durften. Dieses Empfinden motivierte sie wiederum, ihr Leben in der noch „fremden Heimat“ in die eigene Hand zu nehmen.

Aber was ist für sie Heimat? Die Neuzugewanderten definieren diesen Begriff oft als Ort, an dem man sich zurechtfindet, an dem man Bekannte und Freunde hat und sich „wie ein Fisch im Wasser“ bewegen kann. Schon nach kurzer Zeit empfanden viele dieser Menschen ihren Herkunftsort nicht mehr als Heimat, was sich auch durch die dort vollzogenen Umbrüche erklärt. Heute gibt es dort oft niemanden mehr, den man kennt. In den vielen Gesprächen wurde klar, dass Spurensuche und Reflektion des eigenen Weges helfen können, sich in der „neuen Heimat“ zu integrieren.

Und nun zum Inhalt der Ausstellung. Wir haben die Ausstellung in vier Zeitabschnitte gegliedert und im fünften Abschnitt über regionale Initiativen zur Integration der MigrantenInnen informiert:

1. Geschichte der Zuwanderung nach Eberswalde im 17./18. Jahrhundert

- Hugenotten, Schweizer, Juden, Ruhlaer, Pfälzer

2. Zuwanderung nach Eberswalde nach dem Zweiten Weltkrieg

- Flüchtlinge, Vertriebene und Umsiedler

- Sowjetische Truppen

3. Eberswalder Vertragsarbeiter in der ehemaligen DDR

- Ungarn, Angolaner ( beide Gruppen arbeiteten zunächst als gesuchte Arbeitskräfte in der DDR; nach der Wende wurden sie als Gruppe an den Rand der Gesellschaft gedrängt)

4. „Neue Heimat“ Eberswalde nach der politischen Wende 1990

- Russlanddeutsche

- Flüchtlinge

- Ausländer/innen

5. Initiativen zur Integration ausländischer Bürger/innen in Eberswalde und im Landkreis Barnim

- Zeitzeugen wurden zum Thema „Vertragsarbeiter in der ehemaligen DDR“ und „zur Einwanderung nach der politischen Wende“ befragt und konnten ihre Sicht darauf in die Ausstellung einbringen. So konnte sowohl die Wahrnehmung der Zugewanderten als auch die der Aufnahmegesellschaft dargestellt werden.

Es ging uns darum, ausgehend von der Geschichte einen Bogen in die Gegenwart zu spannen. Den BetrachterInnen wurde auf diese Weise deutlich, dass es schon immer Zuwanderung gegeben hat. Das war ein wichtiges Argument für die Neuzugewanderten und trug zur Versachlichung des Migrationsdiskurses bei.

Besonders gut gelang dies in der Arbeit mit den Schulklassen. Während die Mitarbeiterin des Museums den Kindern und Jugendlichen anhand einiger herausragender Ausstellungsstücke das Zuwanderungsgeschehen im 17./18. Jahrhundert nahe brachte, bestand mein Part als Ausländerbeauftragte in der Darstellung der Zuwanderung ab 1945. Sie begann mit einem Handwagen, vollgepackt mit Koffern und anderen Habseligkeiten, als Symbol für diejenigen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges als Flüchtlinge hierher kamen und nur wenig oder fast gar nichts mehr besaßen.

Für die BesucherInnen interessant war auch die Nachgestaltung eines Kasernenraumes der sowjetischen Armee. Die Kargheit der Lebensverhältnisse dieser Soldaten war für viele überraschend und eindrücklich nachempfindbar.

In den vielen Gesprächen im Rahmen des Unterrichts im Museum begannen wir uns zu fragen, wo eigentlich die Geschichte aufhört und die Gegenwart beginnt? Denn es wurde klar, dass die Ermordung des angolanischen Vertragsarbeitnehmers, Amadeu Antonio, für die Schülerinnen und Schüler, die sich 12 Jahre später damit auseinander setzten, bereits Geschichte war. Eberswalde war durch dieses schreckliche Geschehen Anfang der 1990er Jahre in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt geworden, als ein Ort in der ehemaligen DDR, in dem Menschen mit schwarzer Hautfarbe umgebracht werden.

Das Betrachten von Filmsequenzen aus jener Zeit gehörte jetzt bereits zur Spurensuche, die SchülerInnen erkannten ihre Stadt kaum wieder.

Zum Nachfragen und Nachdenken über die eigene Identität trug auch das Aufzeichnen der eigenen Herkunft bei, das den Schulklassen als Vorbereitungsaufgabe abverlangt worden war. Sie mussten selbst recherchieren, woher die eigenen Eltern, Großeltern und weitere Vorfahren stammten. Das hat zu vielen Gesprächen über das Thema „Zuwanderung“ in den Familien beigetragen.

Die Ausstellung wurde dann in einem Katalog dokumentiert und noch um den Abschnitt „Fremdarbeiter/innen in den Rüstungsbetrieben“ ergänzt. Dabei hat uns insbesondere Herr Dr. Hamdali, der damalige Leiter der Koordinierungsstelle für Toleranz, unterstützt, der die nötigen finanziellen Fördermittel einwarb. Alle Schulen des Landkreises erhielten diesen Katalog kostenlos. Er eignet sich hervorragend für den Geschichtsunterricht im allgemeinen und für die Beschäftigung mit der Geschichte der eigenen Stadt im besonderen. Leider ist die erste Auflage vergriffen. Eine Neuauflage wäre sinnvoll.

Zum Schluss möchte ich noch einmal hervorheben, dass unsere Arbeit gezeigt hat, dass Spurensuche durchaus ein Mittel zur Integration sein kann.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

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