Der Pass spielt doch keine Rolle

Kurz nach Kriegsende beschlossen viele in Deutschland lebende Polen, ins Land ihrer Vorfahren zurückzuziehen. Es waren nicht selten folgenschwere Entscheidungen, die bittere Erfahrungen nach sich ziehen sollten. Auch Bolko Kliemek, ein in Berlin geborener Pole, ging mit seiner Familie nach Polen. In der letzten Folge seiner Erinnerungen berichtet er über seine Wahl, die von der Nachkriegsgeschichte Europas geprägt war. Ewa Czerwiakowska sprach mit Bolko Kliemek und brachte seine Geschichte zu Papier. (Die Redaktion)

Ich war noch in der britischen Kriegsgefangenschaft, als ich erfuhr, dass Polen nach Westen verschoben werden sollte. Stalin wollte die annektierten polnischen Ostgebiete nicht zurückgeben, und so ist es bis heute geblieben. Damals sagte man auch, dass die Deutschen ausgesiedelt werden sollten. Na ja, ich dachte mir schon, dass das gewiss nicht so ablaufen würde, dass man zu einem Deutschen kommt und ihm sagt: „Hör’ mal, Fritz, du musst dich vorbereiten, in drei Wochen kommen wir wieder, holen dich ab und du wirst ausreisen.“ So nicht, aber wie das Ganze aussehen sollte, wusste ich nicht und konnte mir nicht so richtig vorstellen. Aus den neuen polnischen Gebieten waren schon früher viele Deutsche evakuiert worden, andere waren vor den Sowjets geflüchtet, vor der Front, wie Gräfin Dönhoff, die zu Pferde von Ostpreußen nach Bayern geritten ist. Und ein Teil ist zurückgeblieben. Das waren gerade diejenigen, die dann vertrieben wurden.
Was Vertreibung bedeutet, habe ich mit eigenen Augen in Gumieńce (ehemals Scheune) bei Stettin gesehen. Für viele Deutsche war das die letzte Etappe. In den Gebäuden des ehemaligen Gutshofs wurde ein Durchgangslager eingerichtet. Die Polen hassten die Deutschen zutiefst, niemand machte sich Gedanken um sie, und es gab auch einige, die ihnen wirklich Leid zufügten. Dabei konnte ein Deutscher doch völlig unschuldig sein, und meistens war er es auch, denn der wahre Schuft hatte sich schon längst auf und davon gemacht und hatte es nun irgendwo ganz gemütlich. Von der Bahnstation in Gumieńce fuhr täglich ein Zug nach Berlin. Und mit einem dieser Züge kam ich im Februar 1946 zusammen mit meiner Mutter nach Hause zurück. Mit uns fuhren viele Deutsche aus Stettin, aber auch aus anderen Gegenden. Stettin war eine Art Schleuse.

Alle waren schon zu Hause: mein Bruder, meine Schwester und die Eltern. Berlin sah wie ein großer Trümmerhaufen aus. Am schlimmsten war das Zentrum zerstört, aber auch bei uns im Wedding fandest du auf Schritt und Tritt Ruinen. Unser Haus ist glücklicherweise erhalten geblieben. Aber was uns vor allem zusetzte, war der Hunger. Unglaublicher Hunger. Viele Menschen starben vor Hunger, vor allem Alte. In einigen Kneipen gab man umsonst so ein Heißgetränk aus, nicht einmal Suppe war das. Ich erinnere mich an einen Schlager aus der Nachkriegszeit, der ging so: „Ich hab so schrecklich Appetit auf Würstchen mit Salat ... das Heißgetränk, das schmeckt so labend... ist das ein Abend!”

Wie alle anderen bekamen auch wir Lebensmittelzuteilungen. Man musste sich in einem Geschäft registrieren lassen und konnte nur dort gegen die Lebensmittelmarken einkaufen. Zum Leben war das zu wenig. Also fuhren wir wie alle Berliner aufs Land, um etwas Essbares zu ergattern. Die Züge waren voll bis zum Gehtnichtmehr, die Leute standen auf den Treppen, manche saßen sogar auf den Dächern. Hamsterfahrten nannte man das. In Richtung Norden fuhr man vom Stettiner Bahnhof ab, und wir fuhren meistens nach Norden. Wir waren jung und fuhren immer zu zweit, mein Bruder und ich. Die Leute auf dem Land hatten auch nicht allzu viel, manchmal wollten sie nichts verkaufen. Dann ließen wir einfach was mitgehen, zum Beispiel Kartoffeln aus einer Miete.

In Berlin gab es damals, 1946, bereits die Polnische Militärmission. Die Alliierten waren zu der Überzeugung gekommen, dass die Staaten, die sich am Krieg gegen Hitler beteiligt hatten, in Deutschland Militärmissionen einrichten sollten. Es gab also die Polnische Militärmission, und die Polen aus Berlin knüpften schnell mit ihr Kontakt. Dort bekamen wir provisorische Ausweise, die auf Polnisch, Russisch, Englisch und Französisch ausgestellt waren, kein einziges Wort auf Deutsch. So ein Ausweis bescheinigte, dass sein Inhaber Pole war, nicht polnischer Staatsbürger, sondern einfach Pole. Und es stand dort noch geschrieben, dass die Alliierten gebeten werden, uns gegebenenfalls Hilfe zu leisten. Theoretisch waren wir also im Vergleich zur deutschen Bevölkerung privilegiert und wurden ein wenig besser behandelt. Aber mehr zu essen gab uns niemand.

Ich kapierte ziemlich schnell, dass man mit diesem Ausweis versuchen konnte, nach Stettin zu fahren. Und ich wusste bereits, dass es dort Lebensmittel zu kaufen gab. Täglich fuhren Züge dorthin und zurück. In jedem Zug gab es einen Sonderwaggon nur für die Soldaten der Roten Armee. So ging ich zu diesen Russen, zeigte ihnen meinen polnischen Ausweis und sie nahmen mich mit. In Stettin gab es einen Platz, der Tobruk-Platz hieß. Dort war ein Markt, dort wurde gehandelt, dort konnte man fast alles bekommen. Kartoffeln oder Brot kaufte ich nicht, eigentlich nur Fleisch und Wurst. Und dann kehrte ich mit den Russen wieder zurück nach Berlin. Einmal stieg ich schon in Bernau aus und wollte mit der S-Bahn weiterfahren. Da gab es viele Leute, alle mit Säcken auf dem Rücken. Und plötzlich die Polizei, eine Kontrolle. Die mit den Kartoffelsäcken mussten nach rechts, man nahm ihnen alles ab. Und ich sagte, dass ich nur Wurst habe. „Nur Wurst? Kann weiter gehen!” Niemand hat geglaubt, dass ich Wurst hatte. So waren wir in einer etwas besseren Lage, da wir dieses Stettin als eine Ausweichmöglichkeit hatten. Das half ein wenig zu Hause. Aber was für ein Leben das war?

Bei diesen Hamsterfahrten nach Stettin schaute ich mich in der Stadt um. Es gab dort das Stadtviertel Niebuszewo. In der Nachkriegszeit waren mehr als 50 Prozent der dortigen Einwohner Juden, es gab dort sogar einen jüdischen Markt. Die antisemitisch eingestellte polnische Bevölkerung nannte dieses Viertel boshaft „Lejbusiewo”, nach dem jüdischen Vornamen Lejb. Nach den Unruhen in Kielce sind sehr viele Juden aus Stettin in den Westen gegangen. In Kielce kam es im Juli 1946 zu einem antijüdischen Pogrom, es gab Tote und Verletzte. Das nannte man damals „die Unruhen von Kielce”. Im Osten Europas, in Russland und auch in Polen, war der Antisemitismus am stärksten. Während der deutschen Besatzung, nachdem die Deutschen die Juden in die Vernichtungslager abtransportiert hatten, übernahmen die Polen deren Eigentum. Nach dem Krieg kehrten die wenigen Überlebenden zurück. Aber ihre Häuser waren von Polen besetzt und es gab keinen Platz mehr für sie. So verließen sie massenhaft Polen. Übrigens zogen damals die Menschen in alle Richtungen hin und her. Eine regelrechte Völkerwanderung.
In Berlin wurde unmittelbar nach dem Krieg der Bund der Polen in Deutschland nicht reaktiviert, dafür entstand aber das Repatriierungskomitee, das sich das Rodło-Zeichen aneignete, dieses geometrische Symbol der Weichsel, das früher der Bund benutzt hatte. Es ging darum, die Polen in Deutschland dazu zu überreden, nach Polen zu gehen. Das Land, sagte man, brauche nach dem Krieg Menschen, und zwar nicht nur diejenigen aus dem Osten, die aus den Regionen hinter dem Bug kamen. Das Repatriierungskomitee wurde von Aktivisten des Bundes der Polen in Deutschland aus der Vorkriegszeit gegründet. Der bekannteste war Paweł Ledwolorz, aktiv waren auch Doktor Openchowski und noch ein dritter, dessen Namen ich vergessen habe. In Charlottenburg eröffneten sie ihr Büro. Dort traf man sich, aber man besuchte auch die Militärmission. Wir Jungen gründeten sogar einen Sportverein. Vor dem Krieg gab es in Berlin den Polnischen Sportklub PKS, aber wir konnten ihn nicht wieder eröffnen, weil alle deutschen Sportvereine aufgelöst wurden und man nur im Rahmen des jeweiligen Bezirksamts Sport betreiben durfte. Daher kam der sonderbare Name unseres neuen Vereins: Sportklub der Gewerkschaft der Staatsangestellten der Polnischen Militärmission in Berlin. Fußball spielen durften wir nur mit den Alliierten. Mit den Russen wollten wir nicht, mit den Amerikanern ging es nicht, weil sie kein Fußball konnten, also spielten wir nur mit den Franzosen und Engländern.

Der erste Chef der Militärmission war General Jakub Prawin. Er hatte als Oberst in der ersten Polnischen Armee an der Seite der Roten Armee gekämpft. Als die Sowjets Ostpreußen besetzten, wurde Prawin Wojewode für Masuren und Ermland. Erst später hat man ihn nach Berlin abgeordnet, wo er die Militärmission aufbauen sollte. In der Militärmission arbeiteten damals übrigens verschiedene Menschen, auch Polen aus Berlin, also de facto deutsche Staatsbürger, wie zum Beispiel Zygmunt Wesołowski, dessen Eltern vor dem Krieg aktive Mitglieder des Bundes der Polen in Deutschland waren. Er selbst wurde zur Wehrmacht eingezogen, verlor im Krieg einen Arm und arbeitete später als Pförtner in der Militärmission.

Mein bester Bekannter in der Militärmission war ein Leutnant namens Szwimming. Mit ihm und im Zusammenhang mit der Militärmission erlebte ich einmal etwas ziemlich Abenteuerliches. Ein Bekannter von mir, ein Deutscher, fragte mich einmal, ob ich jemanden wüsste, der ein Auto kaufen wollte. Und was für ein Auto: einen Maybach! Nicht zu fassen! Den besten Kraftwagen der Welt! In den 1920er Jahren war dieses Auto ein Statussymbol, ein Zeichen höchsten Luxus. Nur die Prominenten, Industriellen, Schauspieler und anderen Berühmtheiten fuhren Maybach. Die Nazis prangerten diesen zur Schau gestellten Luxus an und propagierten bescheidenere Autos. Und der Maybach kam aus der Mode, da er nicht zur Ideologie der Nationalsozialisten passte. Dieser Bekannte hatte seinen Wagen wohl in einer Garage versteckt und wollte ihn nun loswerden. Ich wandte mich deswegen an meinen Freund Szwimming von der Militärmission. Er sprach mit seinem Chef und es stellte sich heraus, dass der daran interessiert war. Ich brauchte nur ein Treffen zu organisieren. Trotzdem habe ich an dieser Transaktion sogar ein wenig verdient, nicht viel, aber immerhin. Ich bekam etwas von dem Wagenbesitzer, der übrigens keine Ahnung hatte, wie viel wert sein Auto war, und es ziemlich billig abgab. Prawin kaufte also diesen Maybach und brachte ihn nach Polen. Er selbst fuhr übrigens einen BMW, der aber bei weitem nicht so ansehnlich war. Nach Berlin kam er dann ohne den Maybach zurück. Später hörte ich, dass der damalige Verteidigungsminister, Marschall Rola-Żymierski, angeblich dieses Prachtstück fuhr. Und vielleicht steht es heute in irgendeinem polnischen Museum?

Einer der Schwarzmärkte in Berlin war vor dem Reichstagsgebäude, auf dem ehemaligen Königsplatz. Das war zwar im Westteil der Stadt, aber die Sowjets kamen auch dorthin. Die Mauer gab es doch noch nicht. Ich selbst ging nicht hin, ich hatte keine besondere Begabung fürs Handeln. Aber wir hatten einen guten Bekannten, der Kaczmarek hieß, und auf diesem Schwarzmarkt zugange war. Einmal ist er in eine Razzia geraten, wurde erwischt und festgenommen. Als ich das erfuhr, ging ich sofort zu Szwimming, der zu helfen versprach. Unter einer Bedingung allerdings: Kaczmarek musste nach Polen. Tatsächlich wurde er auf die Anfrage der Militärmission hin auf freien Fuß gesetzt. Nach Polen ging täglich ein Zug, und so fuhr Kaczmarek dorthin. Nach einiger Zeit war ich wieder in Stettin und traf ihn auf der Straße. Er arbeitete als Laufbursche in einer Gesundheitseinrichtung. Mir sollte diese Bekanntschaft später sehr gelegen kommen. Meine Mutter half einmal einem amerikanischen Soldaten, der mir dann aus Dankbarkeit ein wenig Penizillin brachte. Und das bedeutete was in diesen Zeiten! Ich brachte das Medikament nach Stettin zu Kaczmarek in diese Gesundheitseinrichtung. Sein Chef fragte nichts, sondern blätterte nicht gerade wenig hin. Ich lief sofort zum Markt, um Wurst zu kaufen.

Die Zeit verging und es gab kaum Hoffnung, dass sich die Lage zum Guten wenden würde. Was für ein Interesse hätten die Alliierten haben können, den Deutschen das Leben zu erleichtern? Diese Zeit war ausgesprochen schlecht. Es war gar nicht daran zu denken, die Ausbildung fortzusetzen. Man wusste nicht, wovon man leben sollte. Jedenfalls beschlossen wir alle, Vater, Mutter, Schwester, Bruder und ich, aus Berlin wegzugehen und nach Polen zu ziehen. Das war 1947 oder 1948. So dachten auch viele andere. Jeder hatte seine Kriegserlebnisse hinter sich, und die Polen in Deutschland erfuhren von vielen schrecklichen Dingen erst nach dem Krieg. Früher hatten sie davon nichts gewusst oder wollten es nicht glauben. Jedenfalls war unsere Einstellung zu den Deutschen nicht die beste. Wir hatten auch ein ausgeprägtes Bewusstsein von unserer Herkunft, wir waren doch eine polnische Familie. Und nicht zuletzt: Wir waren grenzenlos naiv, denn wir ließen uns von der Überzeugung leiten, dass Polen ein souveräner Staat wäre. Diese Naivität teilten viele: Die überwiegende Mehrheit der westlichen Bevölkerung glaubte nicht, dass das sowjetische System so verbrecherisch sei, wie man hörte. Das waren die Gründe für die massenhaften Ausreisen von Polen aus Deutschland.

Von Berlin gingen Transporte nach Polen. Tag für Tag. In der Nähe von Küstrin liegt der kleine Ort Dąbroszyn, früher Tamsel, mit einem alten preußischen Schloss. In diesem Schloss wurde eine Stelle des Staatlichen Amtes für die Repatriierung (PUR) eingerichtet. Von dort wurden die Menschen in die verschiedenen Gegenden und Orte weiter geleitet. Hatte jemand keine Familie in Polen und wusste nicht wohin, verbrachte er dort sogar einige Wochen. Auch ich war in Dąbroszyn. Vor der Ausreise hatte ich noch geheiratet, die Eltern mussten das erlauben, da ich erst zwanzig Jahre alt, das heißt noch nicht volljährig war. In der PUR-Stelle bekam ich Papiere und fuhr zunächst nach Danzig, wo mein Onkel wohnte. Ich bin bei ihm abgestiegen, wollte Arbeit finden, aber daraus wurde nichts. Meine Eltern waren als erste nach Polen gegangen, sie wollten sich in der Posener Gegend ansiedeln, weil sie von dort kamen. Das klappte aber nicht. Meine Schwester ließ sich von ihrem Mann scheiden und kam auch nach Polen. Und dann kam der Beschluss, den ich wohl gefasst habe, es in Stettin zu versuchen. Ich kannte Stettin und mein Bruder kannte die Stadt ebenfalls, da er während des Krieges dort bei der Flak eingesetzt war.

Übrigens gingen die meisten Polen aus Berlin ausgerechnet nach Stettin. Das war nicht weit, es war eine Großstadt. Im Grunde genommen war Stettin nach dem Krieg verhältnismäßig unbeschädigt geblieben. Die Altstadt war zwar zerstört, vom Schloss sind nur die Mauern übrig geblieben. Das Gebiet an der Oder, die Werft, die Werkstätten und Betriebe – all das war ebenfalls zerstört. Direkt an der Oder stand nur noch der alte Speicher, einst der größte in Europa, aber der Rest lag in Trümmern. Doch die anderen Stadtbezirke waren kaum beschädigt und dort spielte sich das Leben ab.

Ich ging also nach Stettin. Mit Wohnungen gab es damals noch keine Probleme. Man schlenderte durch die Straßen und guckte in die Fenster. Gab es Gardinen, wohnte dort jemand, gab es keine Gardinen, stand die Wohnung leer. So fand auch ich eine Wohnung für mich, in der Narutowicz-Straße. Ich meldete mich an. Man musste zur Immobilienverwaltung gehen, die für sämtliche Wohnungen zuständig war. Sie waren doch alle vom Staat übernommen worden.

So begann mein Leben in Polen. Wir bekamen polnische Personalausweise, keine Pässe. Einen Pass beantragte man nur für eine Auslandsreise, und eine Auslandsreise war nicht einfach. Kurzum: Es gab keine Auslandsreisen. Ich hatte damals nur die polnische Staatsbürgerschaft, auf die deutsche habe ich verzichtet, das heißt, ich habe gegenüber den polnischen Behörden erklärt, dass ich Pole und kein Deutscher bin, auch wenn meine deutsche Staatsbürgerschaft nie aberkannt worden ist. Nun war ich Pole und lebte in Polen. Erst vor Ort kam man allmählich zu der Überzeugung, dass dieses neue Polen weder selbständig noch demokratisch war. Wenn einem so etwas in den Kopf kam, wollte man das zuerst nicht vor sich selbst zugeben, man wollte das nicht akzeptieren. Ich war zwar Pole, ich fühlte mich als Pole, aber ich war niemals nationalistisch. Doch in dem neuen Polen kam immer wieder der polnische Nationalismus zum Vorschein. Vielleicht ist es nicht so verwunderlich, dass er sich herausbildete: 123 Jahre lang hatten wir doch gar keinen Staat und dann folgte nur die kurze Zwischenkriegszeit.

Wie gesagt ließen sich viele Polen aus Berlin in Stettin nieder. Auch Edmund Osmańczyk, ein namhafter Journalist aus der Vorkriegszeit. Er stammte aus der Gegend von Oppeln und lebte in den 1930er Jahren in Berlin. Damals hatten wir hier in Berlin den Dziennik Berliński, eine polnischsprachige Tagezeitung. Und Osmańczyk war ein Star dieser Zeitung. Nach dem Krieg ist er in Polen Experte für deutsche Angelegenheiten geworden, eine Weile war er Sejm-Abgeordneter, aber meines Erachtens kein besonders wirksamer. Sogar seinen Lebenslauf hat er frisiert. Vor dem Krieg war er ja Reichsbürger, 1936 wurde er einberufen und leistete seinen Wehrdienst. Im Sommer 1939 fuhr er nach Polen in die Ferien und kam nicht mehr nach Berlin zurück, wo auf ihn der Einsatzbefehl der Wehrmacht wartete. Er flüchtete in das von den Sowjets besetzte Gebiet und kam mit der ersten Polnischen Armee nach Berlin zurück. In Volkspolen behauptete er, von der Wehrmacht desertiert zu sein. Jedenfalls wohnte er zunächst in Stettin, im Villenviertel Głębokie. Er reiste viel, war u.a. Beobachter bei den Prozessen in Nürnberg, erstattete Berichte. Erst später zog er nach Warschau.

Vor dem Krieg wohnte in der Berliner Paulstraße in Moabit der Schneider Michał Kmiecik, ein sehr aktives Mitglied des Bundes der Polen in Deutschland. Einer seiner Söhne, Edward, wollte Journalist werden und schrieb für den Dziennik Berliński. Nach dem Krieg, wohl 1947, ging die ganze Familie nach Polen und ließ sich auch in Stettin nieder. Selbstverständlich erschienen dort bereits polnische Zeitungen, u.a. der politisch neutrale Kurier Szczeciński. Den jungen Kmiecik wollte man aber nicht in der Redaktion haben: Wieso? Einen Fritz aus Berlin? Erst nachdem Osmańczyk sich für ihn eingesetzt hatte, durfte er dort arbeiten. Es war also nicht einfach.
Eine andere Geschichte betrifft die Witwe von Maximilian Golisz, einem herausragenden Aktivisten des Bundes der Polen in Deutschland. Die Nazis haben ihn verhaftet und in Brandenburg hingerichtet. Vor seinem Tod durfte er noch seine Frau sprechen und er legte ihr ans Herz, sie solle die Söhne zu guten Polen erziehen. Nach dem Krieg ist auch sie mit ihren Söhnen nach Stettin gezogen. Sie bekam eine ziemlich miserable Rente, so dass sie kaum davon leben konnte. Erst nachdem Edward Kmiecik einen offenen Brief an den Wojewoden geschrieben hatte, nahm man sich ihrer an. Das Ganze dauerte aber zwei Jahre. Paweł Ledwolorz, der Gründer des Repatriierungskomitees in Berlin, ging ebenfalls nach Polen und lebte in Stettin. Lange konnte er keine Arbeit finden und wurde schließlich als Laufbote an der Technischen Hochschule angestellt. Das war für ihn eine große Enttäuschung, versteht sich. Übrigens starb er in Polen, er ist nie wieder nach Berlin zurückgekehrt. Weder er noch seine Söhne.

Anfang der 1950er Jahre wurde ich zu einer mehrwöchigen Schulung beim Militär verpflichtet. Dort lernte ich einige musikalisch begabte Jungs kennen und wir fingen an, zusammen zu singen. Wir waren fünf und der sechste, der die Idee gehabt hatte, begleitete uns auf der Gitarre. Wir hielten uns an den Stil der Revelers: Einer sang die Melodie, die anderen nur die Akkorde. Unser größter Schlager war „Dyndalski”, ein witziges Liedchen über Soldaten und eine schöne Müllerin. Aber da fand sich ein Politruk, ein politischer Offizier, der uns verbot, dieses Lied aufzuführen – wegen angeblich fehlenden Klassenbewusstseins. Trotzdem nahmen wir an einem Probeauftritt vor dem Warschauer Festival der Liedergruppen der Polnischen Armee teil. Und das war ein großer Erfolg. Als Anerkennung bekam jeder von uns sogar einen Radioempfänger. Unter den Zuhörern im Saal saß der damalige Kommandant des Pommerschen Wehrbereiches, General Półturzycki. Das war wohl im Jahr 1950. Wir sollten als Künstler in der Zentralen Tanz- und Liedergruppe der Polnischen Armee angestellt werden und nach Warschau ziehen, aber jemand beschloss, dass jeder der vier Wehrbereiche sein eigenes Ensemble haben sollte. Also nahm uns General Półturzycki mit nach Bydgoszcz. Wir sangen, und es gab auch eine Tanzgruppe. Sonst war es dort aber wie beim Militär: Wir mussten uns an ziemlich absurden politischen Schulungen beteiligen und dann die WUML – die Abenduniversität für Marxismus und Leninismus – besuchen. Nach zwei Jahren nahm ich von ihnen Abschied, ich hatte keine Lust mehr. Polen gefiel mir immer weniger, aber ich wusste noch nicht, was ich mit dieser Feststellung anfangen sollte. Es gab doch keine Möglichkeiten.

Damals kam mir Kaczmarek in den Sinn, dieser Kaczmarek von der Gesundheitseinrichtung in Stettin. Ich ging hin, redete mit dem Chef, der mir früher das Penizillin abgekauft hatte. Er schickte mich zum Gesundheitsamt und ich wurde dort als Kontrolleur angestellt. Ich musste prüfen, ob alles nach Vorschrift lief. Dann bekam ich die Stelle des Inspektors im Gesundheitsamt des Hafens. Nach einiger Zeit kamen zwei Typen vom Sicherheitsdienst zu mir. Es lief gerade der „Kampf gegen die Feinde Volkspolens”, so nannte man das. Angeblich war es meine Schuld, dass sich im Getreidespeicher Kornkäfer eingenistet hatten. Sie wollten mir Angst machen, sagten, dass ich ins Gefängnis komme und so weiter. Nach einigen solchen Gesprächen eröffneten sie mir, sie würden diesen Vorfall vergessen, wenn ich bereit wäre, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Eine schwierige Situation. Das einfach abzulehnen, ging nicht. Damals wusste schon jeder, was der Sicherheitsdienst war. Für mich unterschied er sich nicht im Geringsten von der Gestapo. Also sagte ich ihnen, dass ich mich damit gar nicht auskannte. „Das bringen wir dir bei”, hörte ich als Antwort.
Für den Anfang sollte ich über meinen Chef berichten. Ich schrieb lauter positives Zeug, denn ich schätzte den Mann wirklich. Dann forderten sie mich auf, über jemanden zu schreiben, von dem ich nicht so viel hielt. Zu Hause grübelte ich darüber nach, was nun zu tun wäre. Und schrieb einen Brief, so etwa in dem Sinne, dass man mich aufgefordert habe, Negatives über einen meiner Kollegen zu berichten. Würde ich das tun, wäre das eine Denunziation. Ich sei in Deutschland geboren worden, dort aufgewachsen und zur Schule gegangen. Und in dieser deutschen Schule habe man mir ein altes deutsches Sprichwort beigebracht. Das Sprichwort zitierte ich zunächst auf Deutsch: „Der größte Schuft im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.” Dann fügte ich die polnische Fassung hinzu. Zum Schluss schrieb ich, dass angesichts dessen alle Gespräche über eine Zusammenarbeit sinnlos seien. Neun Monate lang ließen sie mich nicht in Ruhe. Dann stellten sie fest, ich sei „ein Feind Volkspolens”, sie würden das beweisen und mich zur Verantwortung ziehen. Ich erwiderte, sie könnten ruhig nach Beweisen suchen, da ich niemals etwas gegen Polen gemacht hätte und nicht vorhätte, das zu tun. Aber ich durfte nicht mehr auf meinem Posten bleiben, durfte nicht mehr Inspektor im Hafen sein. Der Hafen war übrigens mit einer dicken Mauer von der Stadt abgetrennt, man konnte nur mit einem Passierschein hinein. Den musste ich abgeben.

Kurz darauf starb Stalin und es schien, dass meine Schwierigkeiten zu Ende wären. Ich arbeitete weiterhin beim Gesundheitsamt, machte Untersuchungen über Abwässer und Wasser. Damals lernte ich einen echten Grafen kennen. Er hatte fast drei Jahre in Sachsenhausen verbracht und arbeitete nun in einem Kabelwerk in Załom bei Stettin. Mit seiner Hilfe bekam ich dort eine Stelle als Fachmann für „Sicherheit und Hygiene bei der Arbeit”.

1956 kam Gomułka an die Macht und unterzeichnete mit Deutschland, Westdeutschland selbstverständlich, eine Vereinbarung über Familienzusammenführung. Wir ließen uns unsere Papiere von den Verwandten aus Deutschland zukommen und stellten einen Ausreiseantrag: meine Frau, meine zwei Kinder und ich. Ein paar Wochen vergingen – nichts. Dann bekam ich plötzlich eine Vorladung bei einem Militäramt. Ich ging hin, niemand wusste, was das sollte, man ließ mich warten. Erst nach einer Weile kam ein Mann, offensichtlich jemand, der wichtig war, und lud mich ins Zimmer des Chefs ein. Er kam darauf zu sprechen, dass ich in meine Heimatstadt zurückkehren wollte, und fragte dann unverblümt, ob ich für den polnischen Nachrichtendienst arbeiten möchte. Ich erwiderte kurz, dass in meinen Papieren wohl eine Dienstnotiz über meine Unfähigkeit für derartigen Job stehe. Kein Kommentar. Wir verabschiedeten uns. Bald darauf bekam ich eine Mitteilung von der Passabteilung: Meine Frau durfte mit den Kindern ausreisen, ich aber nicht. Damals brauchte man noch ein Transitvisum für die DDR. Ich fuhr mit meiner Frau nach Warschau, sie bekam das Visum. Dann stiegen sie in den Zug und sie waren weg. Erst nachdem der Brief aus Westberlin angekommen war, dass alles in Ordnung sei, ging ich zur Passabteilung, um zu fragen, weswegen meine Frau ausreisen durfte, ich aber nicht. Niemand konnte mir etwas sagen.

Immer wieder stellte ich den Antrag. Ablehnung, Ablehnung, Ablehnung. Nicht einmal nach Rumänien wollte man mich lassen. Mit Jugoslawien versuchte ich es erst gar nicht, dafür hätte ich ohnehin keine Genehmigung bekommen. In Belgrad gab es doch eine westdeutsche Botschaft, dorthin hätte ich gehen können und dann hätten die Polen mich mal ... Aber Rumänien? Dort gab es solche Möglichkeiten nicht. Ich hatte mir aber überlegt, dass ich, wenn ich erst einmal dort wäre, eine Kreuzschifffahrt in Richtung Türkei machen könnte. Nach Ankara war es von dort nicht mehr so weit. Ich wusste, dass es auf dem Schwarzen Meer solche Kreuzschifffahrten gab. Diese Schiffe legten zwar in keinem Hafen an, aber ich könnte doch ins Wasser springen und zu einem anderen Schiff schwimmen. Das wäre in türkischen Gewässern. Und in der Türkei könnte ich Kontakt mit dem deutschen Konsulat aufnehmen …

Mit meiner Frau und meinen Kindern hatte ich nur brieflichen Kontakt. So ein Brief brauchte damals durchschnittlich zwei Wochen und wurde kontrolliert. In meinem Betrieb gab es einen Agenten der Sicherheit, der sich besonders für mich interessierte. Wie der Zufall es so wollte, war er ein guter Bekannter eines meiner Freunde und erzählte dem einmal, was mir meine Frau geschrieben hatte. Ich hatte von ihr ein Paket mit Schuhen bekommen und später schrieb sie mir, dass ich vielleicht mit diesen Schuhen nach Berlin kommen könnte. Der Stasi-Typ erzählte genau diese Geschichte, also er muss er diesen Brief gelesen haben. Ich öffnete die Briefe mit immer einem Messer und schaute dann, ob es Spuren im Briefumschlag gab. Ich hatte schon vermutet, dass die Briefe aus dem Westen kontrolliert wurden, wusste aber nicht wie.

Nach einem weiteren Ausreiseantrag und einer weiteren Ablehnung legte ich Widerspruch ein und brachte das Schreiben persönlich zum Chef der Passabteilung. Ich kam in ein Zimmer, die Sekretärin sagte, ich solle warten. Dann kam der Chef und bat mich in einen Konferenzraum. Ein langer Tisch, ich an der einen Seite, er an der anderen, zwischen uns leere Stühle. Fast eine Stunde las er meine Akte, und das war ein recht dicker Ordner. Er nahm meinen Einspruch entgegen, sagte aber nichts. Die Kommission sollte entscheiden. Ich verabschiedete mich und ging. Nach einer Woche bekam ich die Nachricht, dass ich ausreisen durfte. Ich sollte mich abmelden, dies und jenes erledigen. Ich musste auch eine Erklärung unterzeichnen, dass ich auf die polnische Staatsbürgerschaft verzichte. Es war kein richtiger Pass, was ich bekam, sondern ein „Reisedokument”, in dem klipp und klar geschrieben stand, dass der Inhaber kein polnischer Staatsbürger sei. Niemals habe ich versucht herauszubekommen, weswegen meine Frau damals ausreisen durfte und ich nicht. Man müsste in den dicken Ordner schauen. Gomułka ist 1956 gekommen, hat diese Vereinbarung 1957 unterzeichnet, also ist meine Frau 1957 ausgereist. Und ich bin 1968 raus, elf Jahre später.

In Berlin waren bereits alle anderen: meine Frau mit den Kindern, mein Bruder und mein Vater. Mit der Mutter war die Geschichte noch etwas anders. Die jüngste Schwester meiner Mutter lebte damals in England. Sie hatte einen Sohn, der 1933 geboren war. Sein Vater, also der Mann dieser meiner Lieblingstante, war polnischer Nationalist. 1939 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und war in der Stadt Równe. Als General Anders seine Armee mit ehemaligen Kriegsgefangenen und Häftlingen gründete, ging der Onkel mit diesen Truppen über Persien Richtung Westen und diente dann als Pole auf britischen Schiffen. Adam Tomczak, ein polnischer Nationalist. Als der Krieg zu Ende war, kehrte er nicht nach Polen zurück, sondern blieb in England. Meine Mutter brachte die Tante und den Cousin aus Bydgoszcz nach Berlin, ich ging mit ihnen zu den Engländern und so fuhren sie nach England. Onkel und Tante sind übrigens schon gestorben und wurden dort begraben, mein Cousin lebt in den USA, in Kalifornien. Jedenfalls schickte die Tante damals, als Gomułka ans Ruder kam, meiner Mutter eine Einladung nach England, und meine Mutter fuhr hin. Sie flog, aber nicht direkt nach London, sondern über Amsterdam. Dann kehrte sie nicht mehr nach Polen zurück, sondern ging nach Berlin. Alle anderen, der Vater, die Schwester und der Bruder mit seinen drei Kindern, reisten zu Gomułkas Zeit aus. Die Ausreisegenehmigung bekamen sie alle nach dem ersten Antrag. Bei mir dauerte das am längsten. Wer weiß, vielleicht hätte ich auch sofort ausreisen können, wenn ich gesagt hätte, dass ich ein Spion werde.

All diese Jahre, in denen man mich nicht ausreisen ließ, als ich in diesem Land praktisch gefangen gehalten wurde, wussten meine Bekannten sehr wohl, was geschah und welche Probleme ich mit den Behörden hatte. Ich hatte gute Bekannte und Freunde, mit denen ich offen reden konnte. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Polen war doch nicht für den Kommunismus, auch wenn niemand „Nieder mit dem Kommunismus!” rief. Klar, auch ich lief nicht durch die Straßen und schrie nicht, dass mir Unrecht geschah, aber die Sympathie für dieses Polen, so wie es war, hatte ich schon längst verloren. Dieses Polen wollte ich verlassen. 1968 gab es noch die Tschechoslowakei. Es war ausgerechnet der dümmste Kommunist, der Rumäne Ceauşescu, der seine Truppen nicht dorthin geschickt hat. Ein polnischer Soldat hätte vielleicht nach Prag fahren können, um mit den Tschechinnen zu flirten. Aber mit dem Gewehr hatte er dort nichts zu suchen! Innerlich schmerzt es mich bis heute, dass sich kein polnischer Politiker bei den Tschechen für diese zwei Dinge entschuldigt hat: für das Olsa-Gebiet 1938 und für 1968.

Jedenfalls wollte ich, nachdem ich nach Berlin zurückgekehrt war, sieben Jahre lang überhaupt nichts mit Polen zu tun haben. Nach diesen sieben Jahren sagte meine Tochter zu mir, dass sie gerne nach Stettin fahren würde. Sie ist dort geboren worden und war noch ein Kind, als sie weg musste, also wollte sie sich dort umschauen. So fuhren wir hin. In Stettin habe ich bis heute Freunde. Damals galt noch der Pflichtumtausch, wenn ein Ausländer Polen besuchen wollte, das war keine geringe Summe. Und ich war ja Ausländer. Das Visum kostete auch etwas. Aber ich hörte, dass die Mitglieder der Vereinigung der Polen in Berlin von einer Ermäßigung Gebrauch machen konnten: Sie mussten nur ein Drittel umtauschen, das Visum war ebenfalls billiger. Ich will ehrlich zugeben: Das war der Grund, weswegen ich dieser Organisation beigetreten bin. Wir hatten damals rund 1.000 Mitglieder. Die meisten von ihnen waren Polen, die Polen als Deutsche verlassen hatte, z.B. die Masuren. Die Bewohner der Masuren waren protestantisch, daher wurden sie von den polnischen Neuankömmlingen als Deutsche angesehen. Was Bismarck nicht gelungen war, gelang den Kommunisten: die Germanisierung der Masuren. Denn unter dem Druck und infolge von Zureden der Kommunisten reisten diese Menschen nach Deutschland aus. Als Deutsche. Und in Berlin traten sie der Vereinigung der Polen bei, unter anderem wegen dieser Ermäßigungen. Wie auch ich, das war mein erster Beweggrund. Wenn man aber schon Mitglied einer Organisation ist, dann engagiert man sich auch. Viele Jahre lang war ich ihr Vorsitzender.

Die Vereinigung der Polen in Berlin ist in den 1950er Jahren entstanden. Dem Bund der Polen in Deutschland, der schließlich auch wieder neu gegründet wurde, wollte ich nicht beitreten. Ich kann sogar diejenigen verstehen, die gleich nach dem Krieg dagegen waren, den Bund zu reaktivieren. Sie wollten, dass die Leute nach Polen gingen, denn das Land brauchte sie. Das war nicht ihre Schuld, das war nur ihre Blauäugigkeit. Ich selber bin auch so blauäugig gewesen. Wäre ich doch klüger gewesen!

Bis heute besitze ich nur die deutsche Staatsbürgerschaft, obwohl ich die polnische problemlos wiederbekommen könnte. Aber ich brauche die polnische Staatsbürgerschaft nicht. Das hat mit meinen Gefühlen nichts zu tun. Meine Vorfahren waren Polen und ich bin auch Pole. Der Pass spielt dabei keine Rolle.
Mit der deutschen Sprache hatte ich nach der Rückkehr keine Probleme. In den zwanzig Jahren, die ich außerhalb Berlins verbracht habe, habe ich auch Deutsch gesprochen. Mit meinen Kindern sprach ich Deutsch, weil ich wollte, dass sie diese Sprache lernten. Ich bin der Meinung, dass zweisprachige Eltern mit ihren Kindern zu Hause nicht die Sprache des Landes, sondern die andere sprechen sollen. Heute behaupten die Deutschen in Polen, dass sie kein Deutsch können, weil es verboten gewesen sei, deutsch zu sprechen. Das ist nicht wahr! Es gab kein Gesetz, das verboten hätte, deutsch zu sprechen. Nach dem Krieg konnte man eins auf die Fresse bekommen, wenn man deutsch sprach – übrigens konnte ein Deutscher auch eins auf die Fresse bekommen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Aber es gab kein offizielles Verbot der deutschen Sprache.

Als die deutsche Minderheit in Polen anerkannt wurde, gab es sieben deutsche Abgeordnete im Sejm. Einer von ihnen hieß Henryk Kroll. Sein Vater, Król aus Niederschlesien, war vor dem Krieg aktives Mitglied des Bundes der Polen in Deutschland. Sie lebten dort als polnische Minderheit. Jedenfalls kamen diese deutschen Abgeordneten einmal aus Polen zu Besuch nach Deutschland, zunächst fuhren sie nach Bonn, dann nach Berlin. Sie besichtigten den Reichstag und wollten auch unsere Vereinigung besuchen. Ich begrüßte sie auf Polnisch, fügte aber gleich hinzu, dass wir selbstverständlich auch deutsch reden könnten. „Nein! Wir sprechen kein Deutsch!“, hörte ich. Und das sollen Deutsche sein!

In Berlin fühlte ich mich nach der Rückkehr gleich sehr wohl, denn es ist doch meine Stadt. Ich kenne sie wie meine Westentasche, besonders den Norden, denn hier bin ich schon als Junge herumgeradelt. Ich lebte nun in Westberlin, in einer freien Welt. Theater, Kinos, Konzerte, alles stand offen. Ja, es gab auch die Mauer. Ab und zu stieg ich auf einen der Aussichtstürme, von denen aus man die andere Seite angucken, Leute sehen konnte. Ehrlich gesagt, betrachtete ich sie als genau solche Berliner wie mich und fühlte mich gar nicht besser, nur weil ich im Westen war. Die dortigen politischen Bedingungen gefielen mir nicht, klar, sie konnten mir nicht gefallen. Die hiesigen gefielen mir viel, viel besser, obwohl ich der Meinung bin, dass man hie und da doch etwas verbessern könnte. Aber es gibt kein System und keine Bedingungen, die alle befriedigen würden. Ich konnte auch rüber nach Ostberlin gehen, aber das tat ich nur, wenn ich mit jemandem aus Polen verabredet war. Denn die Polen durften nach Ostberlin reisen. Aus anderem Anlass ging ich nicht rüber. Es reichte mir, dass ich mit dem Auto über die Grenze nach Westdeutschland fahren musste. 1968, als ich bereits in Berlin war, sagte ich zu meinen Bekannten, dass diese Mauer noch in diesem Jahrhundert fallen wird. Und ich habe mich nicht geirrt.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 30.03.2008