Heimat ist dort, wo ich meine Kindheit verbracht habe?

Zunächst war diese Aussage für mich nur eine Feststellung, eine Behauptung, von der ich nicht wusste, ob sie auf mich zutrifft. Über die Frage, ob meine Heimat dort ist, wo ich meine Kindheit verbracht habe, hatte ich noch nicht nachgedacht. Erst diese Fragestellung der Veranstalter hat mich jetzt dazu geführt, darüber nachzudenken, ob Heimat für mich mit meiner Kindheit verbunden ist.

Dreierlei möchte ich dazu ausführen:

  1. Kindheitserlebnisse in Landsberg und Umgebung

  2. Vergessene Heimat Landsberg – neue Heimat Thüringen

  3. Meine wiedergefundene „alte“ Heimat

1. Kindheitserlebnisse in Landsberg und Umgebung

Ende November 1930 wurde ich in Landsberg/W. in der Zimmerstraße 4 geboren. Meine Eltern hatten eine Bäckerei, Konditorei und Café in der Brückenvorstadt und ein Café in der Innenstadt. Meine Eltern waren jung und mein Bruder sieben Jahre älter als ich, also kein Spielkamerad für mich. Als Kind hatte ich viele Freiheiten, da meine Eltern wenig Zeit hatten. Wir wohnten neben dem Lützowpark und das war für mich und die Nachbarkinder unser Hauptspielplatz. Zuerst im Sandkasten und dann, hauptsächlich mit Jungen, Ballspiele auf der Straße und Verstecken im Park im Sommer, Schlittern im gefrorenen Rinnsteig, Schlittenfahren am Bahndamm, Schlittschuhlaufen auf dem Brenkenhofkanal im Winter. Die Kindheit war fröhlich und unbeschwert.

Mit meinem zehnten Lebensjahr kam der Schulwechsel in das Lyzeum in der Böhmstraße. Der Schulweg war lang und dauerte 30 bis 35 Minuten eine Strecke, die ich natürlich zu Fuß gegangen bin. Der Schulwechsel brachte dann auch andere Freunde und Freundinnen.

An den Wochenenden im Sommer fuhr oft die ganze Familie mit dem Auto in irgendein Ausflugslokal in der landschaftlich herrlichen Umgebung. Mein Vater lieferte Torten, Kuchen, Brot und Brötchen in etliche Ausflugslokale. Es war üblich, diese Lokale im Sommer abwechselnd zu besuchen. Wir fuhren z.B. nach Kladower Teerofen oder in das Waldhaus in Zanztal.

In den Sommerferien fuhren wir regelmäßig auf die Insel Usedom zur Erholung. Da das Café während dieser Zeit nicht geschlossen wurde, teilte sich die Familie. In der übrigen Sommerzeit fuhr ich mit meiner Freundin, deren Eltern und dem Hund an die Seen der Umgebung. Es waren herrliche unbeschwerte Tage und ich liebte den Wald, die Blaubeeren, Himbeeren und das Schwimmen im See. Der Nirymsee, der Stegsee, der Bestiensee oder der große See in Berlinchen mit dem zehn Meter hohen Sprungturm waren für mich bekannte Ziele, ebenso im Winter das Schlittschuhlaufen auf dem Brenkenhofkanal und auf der Wildwiese im Stadtpark. Die Kindheit endete am 30.01.1945 mit der Flucht aus Landsberg. Meine Mutter und ich konnten auf einem Lastwagen der Bäckereinkaufsgenossenschaft mitfahren. Die Erlebnisse dieses Tages, an dem wir abends in einer Mühle in Golzow (Oderbruch) ankamen, werde ich nicht vergessen. Mein Vater blieb in Landsberg, er sagte „der Ofen ist voller Brot und die Menschen brauchen etwas zum Essen. Ihr seid in sechs Wochen wieder zurück, oder ich komme nach.“ Er ist vierzehn Tage vor Ostern 1945 im Speziallager Schwiebus umgekommen.

2. Vergessene Heimat Landsberg – neue Heimat Thüringen

Wegen der schweren Bombenangriffe auf Berlin verließen wir die Stadt Anfang März 1945. Wir fuhren mit der Bahn nach Thüringen, das dauerte drei Tage. Bei Bitterfeld haben wir einen Tiefflieger­angriff überlebt. In Buttstätt bei Weimar blieben wir vom März 1945 bis zum November 1950. Dort habe ich meine Schule beendet und eine landwirtschaftliche Lehre begonnen. Mein berufliches Ziel war es, Tierzucht zu studieren und dann auf einem großen landwirtschaftlichen Betrieb zu arbeiten. In Buttstätt gewann ich neue Freundinnen und Freunde und erlebte meine große Liebe. In der Schule lief es schlecht und recht, meine Devise war, Hauptsache durchkommen. Jeden Nachmittag und in den Ferien arbeitete ich auf einem Bauernhof. Das war für mich viel interessanter. Ich bekam ein Deputat, d.h. Getreide und Kartoffeln sowie etwas Geld. Die Schularbeiten waren mir oftmals egal. Meine Mutter und ich hatten gemeinsam ein Zimmer. An Landsberg habe ich überhaupt nicht mehr gedacht. Nach ca. zwei Jahren bekamen wir über das Rote Kreuz die Nachricht, dass mein Vater im Speziallager Schwiebus umgekommen ist und eine zweite Nachricht, dass mein Bruder, der bei der Marine war, als Gefangener in Südfrankreich lebte.

Am 1.8.1949 begann ich eine Landwirtschaftslehre in einem sehr kleinen Dorf an der Grenze von Thüringen zu Sachsen-Anhalt. Die Arbeit auf dem Feld liebte ich und besonders die Sonntagnachmittage, dann ging die Dorfjugend mit Gitarre oder Mandoline in den Wald. Wir wanderten und sangen. Öfter gingen wir Sonntagabends in ein Nachbardorf zum Tanz.

Im Oktober 1950 zeichnete sich ab, dass meine Mutter mit mir im Zuge der Familienzusammenführung in den Westen übersiedeln wollte. Für mich war diese Entscheidung fürchterlich. Ich wollte in Thüringen bleiben. Anfang November war es dann soweit, mit einem Führer und gegen Bezahlung sind wir im Eichsfeld bei Duderstadt – schwarz über die grüne Grenze –in den Westen gegangen. Von dort fuhren wir weiter nach Dortmund zu Verwandten. Meine Lehre musste ich im ländlich-hauswirtschaftlichen Bereich fortsetzen, da die Universitäten die Zusage zu einem Studium für Tierzucht nur Männern erteilten. Das Eingewöhnen im Westen fiel mir außerordentlich schwer. Immer wieder war ich in Gedanken in Thüringen. Ob das mit meinem Alter zusammenhing? An Landsberg dachte ich nie. Während des Studiums und danach bin ich, so oft es möglich war, nach Thüringen in die DDR gefahren. Dorthin zog es mich. An Landsberg dachte ich immer noch nicht. Meinen Interessen entsprechend bin ich landwirtschaftliche Lehrerin geworden und unterrichtete an der Landwirtschaftsschule Limburg/Lahn. Im September 1960 habe ich geheiratet. Wir sind nach Koblenz gezogen und ich war sechseinhalb Jahre in der Energieberatung tätig. Nach ein paar Jahren kam meine Tochter zur Welt. Landsberg war weit weg und kam in meinen Gedanken nicht vor. Wir bauten uns eine Existenz auf, ich hatte eine Familie und war damit ausgelastet. Meine Mutter war im September 1955 verstorben. Auf Wunsch meiner Tante kam eine Anzeige in das Heimatblatt der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg/Warthe. Bis dahin hatte ich die Bundesarbeitsgemeinschaft nicht gekannt und auch kein Heimatblatt bekommen. Zweimal war ich in Herford zum Bundestreffen. Dort kannte ich Niemanden, bin nicht lange geblieben und nie mehr dorthin gefahren. Hatte ich alles vergessen, keine Erinnerung mehr? Durch berufliche Veränderungen meines Mannes zogen wir Ende 1968 nach Frankfurt am Main. In meinem Lehrerberuf wurde ich gebraucht und begann wieder zu unterrichten. Mein Mann wurde sehr krank und war nicht mehr berufsfähig. Dadurch habe ich dann voll gearbeitet. Unser Kind war im Kindergarten und kam Mittags nach Hause. Ende April 1985 rief mich plötzlich eine Bekannte aus Bremen an, ob wir nicht gemeinsam mit einem Bus nach Landsberg/Warthe fahren sollten? Nach kurzer Überlegung stimmte ich zu.

3. Meine wiedergefundene „alte“ Heimat

Himmelfahrt 1985 begann meine Reise in die Vergangenheit, in die alte Heimat. Es war herrliches Wetter, die Reise ging mit zwei Bussen von Berlin über Frankfurt/Oder und Küstrin nach Landsberg. Von Küstrin fuhren wir auf der alten Reichsstraße 1, durch Tamsel, Klein- oder Großcamin, Döllens­radung, Düringshof, Gennin, Loppow, Wepritz nach Landsberg. Auffallend war, dass wir in jedem Dorf anhielten. Einige Leute stiegen mit ihrem Gepäck aus dem Bus aus. Sie wurden stets von größeren Gruppen polnischer Menschen herzlich begrüßt und gingen gemeinsam fort. In Landsberg, das jetzt Gorzów heißt, wohnten wir im Hotel Mieszko. Die deutsche Reiseleiterin hatte verschiedene Fahrten in die Umgebung geplant, aber meine Bekannte und ich wollten eigene Wege gehen. Durch Vermittlung der polnischen Reiseleiterin machten wir Bekanntschaft mit einem deutschsprechenden polnischen Ehepaar, das auch ein Auto hatte. Mit dem Auto und dem Ehepaar fuhren wir am ersten Tag von Landsberg nach Berlinchen. Wir wollten in die Umgebung fahren, hauptsächlich an die wunderschönen Seen. Wir fuhren an diesem Morgen auf der Friedeberger Straße in Richtung Stolzenberg. Die Sonne schien, die Bäume der Allee standen in frischem Grün. Es war, als wenn man durch einen grünen sonnendurchfluteten Dom fuhr. Mir schossen die Tränen in die Augen und es war wie ein Dammbruch. Die Erinnerung an die Kindheit war wieder da, an die Autofahrten mit den Eltern und die Fahrradtouren mit meiner Freundin und deren Eltern in die Umgebung. Wir waren an den verschiedensten Seen. Wir sind im Bestiensee bei Altensorge geschwommen, im Stegsee bei Hohenwalde, im großen und kleinen Mierenstubbensee bei Rohrbruch und im großen See in Berlinchen. Ich konnte mein Elternhaus und die Wohnung in Landsberg besichtigen und die Stelle an der Kirche in Rietschütz, wo wahrscheinlich mein Vater begraben liegt. 1985 - nach vierzig Jahren Abwesenheit - war ich nur vier Tage in der Heimat, aber es war eine Zeitreise, eine Reise in die vergangene Kindheit. Seit diesem Erlebnis fahre ich jedes Jahr oft mehrmals in meine Heimat. Seit 1990 habe ich eine kleine Wohnung in einem kleinen Dorf - mitten im Wald gelegen und mit zwei Seen in der Nähe.

Der Weg zu meinem Badesee führt durch einen Kiefernwald, am Wegesrand stehen Birken. An warmen Sommertagen, wenn die Sonne durch die Bäume scheint, durchzieht ein würziger Kiefernduft den Wald. Ich bin bei Sonnenaufgang, in der Mittagsruhe und bei Sonnenuntergang im See geschwommen. Oft herrschte große Stille und meistens war ich dort ganz allein. Auf dem See schwimmen ein paar Blesshühner, in der Ferne sieht man einen Angler. Der See ist von Wald eingerahmt. Dieses Bild kenne ich im Frühjahr, im Sommer, im Herbst, wenn die gelbgefärbten Birken den Waldesrand säumen und im Winter bei Schnee. Diese Bilder habe ich als Fotografien in meinem Kopf und in meinem Herzen konserviert.

Nicht das Elternhaus oder die Stadt Landsberg, sondern die Natur hat offensichtlich das Heimatgefühl ausgelöst. Etwas, das verschüttet und vergessen war, hat mein Empfinden wieder erreicht und die Erinnerung an die Kindheit zurückgebracht.

Mit vierzehn Jahren habe ich die Heimat verlassen. Ein Gefühl für verlorene Besitztümer habe ich nicht, aber diese Landschaft möchte ich nicht mehr missen. Auch liegt mir die Mentalität der jetzt dort lebenden Menschen. Ob wir einander ähnlich sind?

„Heimat ist dort, wo ich meine Kindheit verbracht habe“ – so lautete mein Thema. Komme ich auch zu diesem Schluss? Meine Kindheit hat wieder einen Platz in meiner Erinnerung. Durch die Wiederbegegnung mit der Natur in dieser Landschaft ist ein Heimatgefühl entstanden. Die Feststellung, die Heimat sei dort, wo man seine Kindheit verbracht habe, kann ich mit meiner Erfahrung und meinem Empfinden offenbar bestätigen. Ob man es so empfindet, hängt sicher von vielen persönlichen Erlebnissen ab. Mein Urgroßvater war Bauer in der Landsberger Brückenvorstadt. Meine Verwurzelung in der Natur ist sicher Bestandteil meines familiären Erbes. Als Kind habe ich viel Zeit in der Natur, in der wunderschönen Landsberger Umgebung verbracht. Mit Dankbarkeit und Stolz kann ich heute sagen, ich bin ein Kind der Neumark in der ehemaligen Ostmark Brandenburg.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

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