Gorzów Wielkopolski / Landsberg a.d. Warthe – gemeinsamer Ort für ehemalige und heutige Bewohner?

Die bronzene „Friedensglocke” wiegt 1.200 kg. Eingeprägt ist das Wort „Frieden” in drei Sprachen, auf polnisch, deutsch und lateinisch. Hinzu kommt das Stadtwappen und die Zeile 1257-2007 Landsberg an der Warthe – Gorzów Wielkopolski. Es folgen zwei Verse aus dem Gedicht Friedrich Schillers Das Lied von der Glocke: „Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute“. Die Glocke hängt am Glockenturm auf einem großen Platz der Stadt. Eine zweisprachige Tafel informiert, dass die Glocke „anlässlich des 750-jährigen Jubiläums der Gründung der Stadt Landsberg / Gorzów Wielkopolski“ gestiftet wurde als „Symbol des steten Wunsches der ehemaligen und heutigen Stadtbewohner nach Frieden und Freundschaft.“ Stifter sind die Mitglieder der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg an der Warthe (BAG) und die Stadt Gorzów. Die Glocke erklang zum ersten Mal im September 2006 während der Auftaktfeierlichkeiten zur 750-Jahr-Feier der Stadt.

Woher kam die Idee einer Friedensglocke in so einer Stadt wie Gorzów? Einer mittelgroßen Stadt, die nicht als wichtiger Ort auf der Europakarte markiert ist? Es gibt in der Welt bekannte Friedensglocken: in Philadelphia und Hiroshima, am Sitz der UNO in New York, im deutschen Mösern, im polnischen Warschau und in Posen. Und jetzt Gorzów?

Die Stadt ist 750 Jahre alt. Die Gründungsurkunde aus dem Jahre 1257 ist erhalten. Und doch ist Gorzów Wielkopolski erst 61 Jahre jung. Das Jubiläum betrifft also Landsberg an der Warthe. 750 Jahre lebt diese Stadt. Meine Stadt und die Stadt von Christa Greuling. Eine Stadt, die aufgrund geschichtlicher Verirrungen und Entgleisungen nach fast sieben Jahrhunderten deutscher Entwicklung eine polnische wurde. Nun ist es eine polnische, lebendige, schöne und junge Stadt. Ihre ehemaligen Einwohner besuchen und lieben diese durch ihre Erinnerung verklärte Stadt. Daher die Idee der Friedensglocke. Aus Liebe zur gemeinsamen Stadt.

Die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg an der Warthe (BAG) Ursula Hasse-Dresing sagte in ihrer anrührenden Ansprache während der feierlichen Einweihung der Friedensglocke: „Sie soll das Zeichen einer 750-jährigen Geschichte und unserer Liebe zu dieser Stadt sein, ein Zeichen des Friedens, der hier eine Zelle haben soll, von der aus er sich über diese Welt verbreiten kann. Jeder Platz auf der Welt kann eine solche Zelle bilden.“ „... und unserer Liebe zu dieser Stadt ...“ Unserer, d.h. der ehemaligen Einwohner und unserer, die wir hier geboren wurden oder nicht selten unfreiwillig angesiedelt wurden. War es einfach, eine solche Eintracht zu erreichen? Und wie ist sie zustande gekommen?

In den 1970er Jahren knüpfte Hans Beske, der damalige Vorsitzende der BAG, einen persönlichen, freundschaftlichen Kontakt mit dem hiesigen Bischof Wilhelm Pluta. Die ehemaligen deutschen Einwohner kamen zunächst als Touristen nach Gorzów und machten Bekanntschaften. Erst mit der Zeit entstanden Verbindungen zum Stadtmuseum (dem heutigen Jan-Dekert-Museum). Im Dialog über die Geschichte gelang es eine gemeinsame Sprache zu finden. Wir lernten die deutsche Geschichte und das deutsche Kulturerbe der Stadt zu berücksichtigen. Seit 1978 entwickelte sich allmählich eine institutionelle Zusammenarbeit zwischen der BAG, dem Kulturverein in Gorzów und dem Museum. 1982 erschien eine zweisprachige Publikation, die diese Zusammenarbeit dokumentierte: Wege zueinander.

Aber der offizielle Rahmen für die Zusammenarbeit fehlte noch. Erst 1995 wurden offizielle Kontakte zwischen der Stadt und der BAG mit Sitz in Herford aufgenommen. Sie begannen u.a. mit gegenseitigen Besuchen des Stadtpräsidenten bzw. -bürgermeisters, mit gemeinsamen Konferenzen und der Entwicklung der Städtepartnerschaft. Es wurde über die Interpretation der geschichtlichen Fakten diskutiert, über die Folgen der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in Polen und Deutschland, über die deutsch-polnischen Nachkriegsbeziehungen. 1998 wurde in Gorzów eine Arbeitsgruppe für Zusammenarbeit mit der BAG ins Leben gerufen und der 30. Januar, der bis dahin als „Tag der Befreiung” galt, wurde zum „Tag der Erinnerung und Versöhnung” erklärt. Die gemeinsamen Feierlichkeiten werden Jahr für Jahr von deutsch-polnischen Projekten begleitet, die die Erinnerung an die ehemaligen Einwohner bewahren sollen.

Diese langjährige Zusammenarbeit brachte viele Früchte. Erschienen sind u.a. das Fotoalbum Ansichten des alten Landsberg und das Buch Max Bahr und seine Bürgerarbeit. Die ehemaligen Einwohner unterstützten den Wiederaufbau des Paucksch-Springbrunnens auch finanziell, der anlässlich der 740-Jahr-Feier eingeweiht wurde. Die Orgel im Dom wurde renoviert. Ein Gedenkstein zur Erinnerung an die ehemaligen Einwohner wurde gestiftet, sowie zahlreiche Gedenktafeln für bedeutende Landsberger. Bereits dreimal tagte in Gorzów die Bundesversammlung der Landsberger. Die Schüler der Gorzower Schulen nahmen an einem Wettbewerb zur Stadtgeschichte teil. Das erste Lyzeum bekam eine audiovisuelle Ausstattung des Sprachlernraumes und eine Stube zur Geschichte der Stadt geschenkt. Eines der neuesten Projekte im Rahmen der deutsch-polnischen Zusammenarbeit war eben die Friedensglocke. Die Stadtverwaltung bespricht mit den ehemaligen Einwohnern stets alle auftauchenden Probleme, wie zum Beispiel bei dem Bau der Straße durch den ehemaligen evangelischen Friedhof. Gemeinsam wurde beschlossen, die hier ruhenden verstorbenen Landsberger umzubetten. Am 30. Januar 2007 fand eine feierliche Umbettung der deutschen Toten auf dem Kommunalfriedhof statt. Eine Gedenktafel zur Erinnerung an die verstorbenen Landsberger wurde gestiftet, eine andere erinnert an Hermann Paucksch, der inzwischen zum Ehrenbürger von Gorzów ernannt wurde.

Für die ehemaligen Stadtbewohner ist Landsberg ein Mythos, das verlorene Paradies: jene Heimat, von der Bernhard Schlink schrieb, dass man sie am intensivsten erlebe, wenn sie fehlt, und das einzig wahre Gefühl, das man mit ihr verbindet, die Sehnsucht sei. Für die heutigen Einwohner von Gorzów gelten wie für uns alle die Gesetze der Kultur- und Wirtschaftsglobalisierung und wir alle befinden uns inmitten der europäischen Integrationsprozesse. Die Herkunft, die die Menschen, die nach dem Krieg gemeinsam in diesem Gebiet angesiedelt worden waren verband, wird allmählich an Bedeutung verlieren. Die heutigen Einwohner von Gorzów identifizieren sich immer stärker mit ihrer Stadt, die nun ein Teil ihrer heimisch gewordenen Welt ist.

In der Kindheit und Jugend identifizieren wir uns stark mit der Straße oder der Wohnsiedlung, hier machen wir einen Großteil unserer Erfahrungen, hier wachsen wir auf, hier gehen wir zur Schule, hier treffen wir unsere Freunde, hier lernen wir leben. Während wir heranwachsen, erweitert sich unsere „heimische Welt“ um entferntere Stadtgebiete. Unsere Kontakte werden vielseitiger und wir lernen das Spezifische des Anderen kennen. Was und wer wir sind, begreifen wir tatsächlich erst, wenn wir mit der Außenwelt, mit den Anderen und deren Welt konfrontiert werden.

Die moderne Welt trägt zur Erweiterung unseres Horizonts auf eine Art und Weise bei, die die vorangegangene Generation sich nicht hätte erträumen können. Es ist nicht nur die Öffnung der Grenzen und die Einfachheit, sich fortzubewegen, die es uns ermöglicht, die anderen kennen zu lernen und darüber nachzudenken, wer wir sind bzw. sein wollen. Eine andere, einfacher zugängliche Quelle ist die Massenkultur und die multimediale Kommunikation. Europäische oder auch Welttrends in der Mode tragen zur Vereinheitlichung bei. Ähnlich wirkt sich das gemeinsame europäische Recht aus, die Entstehung übernationaler Einrichtungen und die Tätigkeit internationaler Unternehmen, die Menschen aus verschiedenen Ländern beschäftigen. Im Netz des Kabel- oder Satellitenfernsehens finden wir Programme, die andere Kulturen, Nationen und Länder vorstellen. Auf diese Weise erlernen wir die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen und andere Lebensweisen zu akzeptieren. Wir gewinnen Einsicht in den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext der Anderen, der uns diese bis dahin fremden Lebensweisen begreiflicher macht.

Das Internet hebt faktisch jegliche Grenzen auf, da es erlaubt, in der Jetzt-Zeit mit Menschen zu kommunizieren, die sich nicht nur in anderen Städten, sondern auch in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten aufhalten. Dieser interkulturelle Kontakt erweitert nicht nur unsere kommunikativen Kompetenzen, sondern er befähigt uns vor allem zu Toleranz und Offenheit. Wenn sich jedoch unsere Horizonte ständig erweitern, wächst auch unser Bedürfnis, sich mit solchen Elementen zu identifizieren, die wir als die eigenen erkennen. Daher tauchen ab und an beunruhigende separatistische und neonationalistische Tendenzen oder Haltungen auf, die sich gegen jede Integration richten und die eigene nationale und kulturelle Einzigartigkeit glorifizieren.

Aber Gorzów ist eine offene Stadt. Seit Jahren arbeitet sie mit vielen ausländischen Partnern in ganz Europa zusammen. Die Stadt ist auch das größte Zentrum der Euroregion „Pro Europa Viadrina“. Deutsch-polnische Projekte umfassen viele Bereiche und ihr Wirkungsradius weitet sich ständig aus. Einst fehlte es den partnerschaftlichen Aktivitäten – nicht nur in unserer Euroregion – an Spontaneität. Sie orientierten sich nicht an den wahren Bedürfnissen und den gemeinsamen Interessen, sondern kamen von oben. Wichtigste Gewinner und Subjekte dieser Zusammenarbeit waren die Verwaltungsbehörden und nicht die Zivilgesellschaft. Heute verteilen sich die Schwerpunkte gleichmäßiger, nichtsdestotrotz befinden sich die Euroregionen in einer unvermeidlichen Krise. Einerseits verlieren sie im vereinten Europa zum Teil ihre Berechtigung. Andererseits kann man schwer von gemeinsamen Wurzeln und Traditionen der heutigen Bewohner des Lebuser Landes und Ostbrandenburgs reden. Trotz aller Sympathie und besserer Zusammenarbeit ist das doch nicht ein Organismus, den lediglich die Staatsgrenzen durchschneiden. Auch bin ich nicht der Meinung, dass man von einer euroregionalen, übernationalen Identität reden kann. Noch vor kurzem waren sich mehr als 70 Prozent der Bewohner des Lebuser Landes nicht einmal dessen bewusst, dass sie in einer Euroregion leben. Aus den Gesprächen mit vielen jungen und älteren Deutschen geht ebenfalls hervor, dass sich ihre „heimische Welt“ keineswegs mit den Grenzen der Euroregion deckt, ihre Welt ist eine ausdrücklich lokale, hat aber zugleich europäischen Charakter.

Ähnlich wird es sich wohl mit der Identität der Generation der Gorzower verhalten, die jetzt heranwachsen und denen der Selbstfindungsprozess erst bevorsteht. Man kann vermuten, dass Familie, Freunde und dann die Stadt ihre wichtigsten Bezugspunkte sind. Im Kontakt mit Ausländern werden sie sich zuerst als Polen und dann als vollberechtigte Mitglieder der europäischen Gemeinschaft definieren. Paradoxerweise erleichtert der unbestimmte kulturgeschichtliche Kontext der nationalen Tradition von Gorzów seinen Einwohnern, sich effektiv und problemlos in der globalen Europagemeinschaft einzuleben. An ihr teilzuhaben, ist bereits von großem Wert.

Diejenigen, die heute nationalistische oder milder gesagt isolationistische Parolen verbreiten, heben die Bedrohungen der nationalen und kulturellen Identität hervor, die die europäische Integration angeblich mit sich bringen soll. Dabei vergessen sie, dass gerade diese Integration dem lügenfreien Dialog den Weg ebnet. Paradoxerweise, doch bestimmt in Einklang mit den Absichten von Robert Schuman und Jean Monnet, führt die Integration zur richtigen Lesart der Geschichte und zur Selbstfindung. Also zur Überzeugung, die Marion Gräfin Dönhoff so formuliert hat: „Man kann lieben, ohne zu besitzen.“ Gerade das tun die ehemaligen Einwohner von Landsberg an der Warthe, die Gorzower, die hierher aus Lemberg oder Wilna kamen, und die jungen Polen, die heute in Irland arbeiten.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Aus dem Polnischen Ewa Czerwiakowski