Der Heimatbegriff im Brockhaus – Die Enzyklopädie

Heimat, Begriff, der die Vorstellung einer teils imaginativ erschlossenen, teils real angebbaren Landschaft oder eines Ortes bezeichnet, zu denen aufgrund tatsächlichen Herkommens oder vergleichbar „ursprünglicher“ Verbundenheitsgefühle eine unmittelbare und für die jeweilige Identität konstitutive Vertrautheit besteht. Diese Erfahrung ist zunächst an den Erlebnisraum und die Erfahrungswelt von Individuen gekoppelt, wird zugleich aber auch von größeren Kollektiven (Gruppen, Regionen, Stämmen, Nationen, Völkern) in Anspruch genommen und als solche auch wieder an die Angehörigen dieser Kollektive im Ablauf der Generationen, durch die Familie und andere Sozialisationsinstanzen oder auch durch politische und sonstige Programme weitergegeben. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist Heimat zunächst auf den Ort (auch als Landschaft verstanden) bezogen, in den der Mensch hineingeboren wird, wo er die frühen Sozialisationserlebnisse hat, die weithin Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und schließlich auch Weltauffassungen prägen. Insoweit kommen dem Begriff grundlegend eine äußere, auf den Erfahrungsraum zielende, und eine auf die Modellierung der Gefühle und Einstellungen zielende innere Dimension zu, die (zumal der Begriff Heimat zunächst mit der Erfahrung der Kindheit verbunden ist) dem Begriff eine meist stark gefühlsbetonte, ästhetische, nicht zuletzt ideologische Komponente verleihen. Ein solcher mehrdimensionaler, aber immer mit den gefühlsbetonten Komponenten „erster Erfahrungen“ versehener Begriff kann dann auch spätere „Beheimatungen“ im Erwachsenenalter, eine geistige, kulturelle und sprachliche, nicht zuletzt politische Heimat bezeichnen.

Begriffsinhalt und Begriffsgeschichte

In ethologischer und anthropologischer Hinsicht reflektiert Heimat zunächst das Bedürfnis nach Raumorientierung, nach einem Territorium, das für die eigene Existenz Identität, Stimulierung und Sicherheit bieten kann (Paul Leyhausen, * 1916). In existenzphilosophischer Hinsicht stellt Heimat in Wechselbeziehung zum Begriff der Fremde eine räumliche und auch zeitbezogene (Traditionen) Orientierung zur Selbstgewinnung des Menschen bereit (O.F. Bollnow). In soziologischer Hinsicht zählt Heimat in Komplementarität zu Fremde zu den Konstitutionsbedingungen von Gruppenidentität (G. Simmel). In diesen beiden letzten Betrachtungsweisen wird dem Begriff Heimat neben der inneren auch eine eigene historische Dimension zuerkannt. Denn trotz einer möglicherweise „allgemein menschlicher“ Fundierung hat der Begriff Heimat historische Entwicklungen durchlaufen, die selbst wieder historische, soziale und psychische Prozesse widerspiegeln; von hier aus ergeben sich verschiedene Verwendungsweisen des Begriffs und unterschiedliche Schattierungen in der Bedeutung.

Folgt man den Belegen des Grimmschen Wörterbuchs, so wird eine Bedeutungsvielfalt des Begriffs Heimat deutlich, die vom elterlichen Haus über die Landschaft der eigenen Region bis zur „himmlischen Heimat“ (P. Gerhardt) variiert. Gleichwohl gibt es eine – auch rechtlich relevante – Bedeutung, die den Begriff in den Zusammenhang des Besitzes von Haus und Hof, also eines festliegenden, geographisch bestimmten Raumes mit seinen entsprechend prägenden Erfahrungen, einbringt. Die relativ enge Bindung des Begriffs Heimat an Eigentum und Besitz zeigt sich u.a. in den Bestimmungen zum Heimatrecht, das in den deutschen Ländern bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus galt. Wer Grundeigentum in einer Gemeinde hatte, kam automatisch in den Genuss des „Heimatrechts“, mit dem die Erlaubnis zur Verheiratung und Niederlassung und zur Ausübung eines Gewerbes verbunden war, das im Falle der Verarmung aber auch die Versorgung durch die Gemeinde vorsah. Diese Bindung von Heimat an materiellen Besitz, die damit gleichermaßen Besitzlose (Gesinde, Tagelöhner, ehemalige Soldaten) als „Heimatlose“ von diesen Rechten ausschloss, verweist so auf den historischen Charakter des Begriffs: Er reflektiert die Vorstellung der „besitzenden“ sozialen Schichten, insbesondere des Bürgertums und der ländlichen Aristokratie. Ein solches an Besitz und Differenz ausgerichtetes Verständnis von Heimat bietet auch den Anlass zu späteren ideologischen Ausformungen des Begriffs (die Darstellung des Proletariats als „vaterlandslose Gesellen“, die Bindung von Wahlrechten an Besitz, schließlich Fremdenhass und „Heimatverteidigung“). Denn das Heimatrecht garantierte nicht nur einen Versorgungsanspruch, sondern fungierte ebenso häufig als Ausschlussprinzip (H. Bausinger), besonders dort, wo Heimat auf den vorstaatlichen Raum der Gemeinde (R. König) bezogen wurde, der bis heute in Deutschland, aber auch in der Schweiz eine eigenständige Bedeutung zukommt. Erst die Menschenrechtserklärung der UNO von 1948, die die Freizügigkeit und das Recht der Rückkehr in die jeweils eigene Heimat forderte, koppelte das Heimatrecht an die Existenz der Person und nicht mehr an die besondere Rechtslage eines Ortes oder an das Vorhandensein von Besitz.

Der Heimatbegriff in der europäischen Ideengeschichte der Neuzeit

Für die Veränderungen des Begriffs Heimat in den letzten Jahrhunderten haben im Rahmen der europäischen, speziell der deutschen Entwicklung verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt. So die Entstehung der neuzeitlichen Territorialstaaten, eine Entwicklung, die mit den Staatsgründungen in frühabsolutistischer Zeit begann (G. Oestreich) und mit dem Programm der nationalen Einigungen (Griechenland, Italien, Polen, Deutschland) im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihren Abschluss fand und die sich in dem Wechselverhältnis der beiden Begriffe Heimat und Vaterland (lateinisch patria) wieder findet. Meinte zunächst Heimat den konkreten, auch gefühlsmäßig ansprechenden Ort des realen Lebenszusammenhangs der Menschen, so wurde im Zuge der territorialen Ausdehnung der modernen Staaten, der administrativen Erfassung und Reglementierung der unterschiedlichen Volkskulturen und der Einebnung regionaler Besonderheiten durch mehr oder weniger starke politische oder soziale Zentrierung Heimat zum engeren, „privaten“ Begriff und Vaterland zum umfassenderen, „politischen“ Begriff. Eine wichtige ideologische Aktivität der nationalen Bewegungen bestand in der Verlagerung der Gefühlswerte von Heimat auf Vaterland (z.B. Lieder, nationale Legenden, historische Feiertage, lokale Helden, Bräuche) und in einer damit einhergehenden Übertragung von Aktivierungsmöglichkeiten.

Ebenso ist die gefühlsmäßige Aufladung des Heimatbegriffs eng verbunden mit der in Europa mit der Renaissance einsetzenden, dann durch die philanthropische Aufklärung und die Romantik fortgesetzten und intensivierten Entdeckung und Ausgestaltung der Landschaft als (Selbst)Erfahrungsraum und Schutzraum der Subjektivität (J. Ritter). Erst dieser Wandel des Naturgefühls (W. Flemming), spürbar in Malerei, Musik und Literatur (J.-J. Rousseau, Goethes Werther), trug in Verbindung mit der Ausweitung von Freizeit und dem Aufkommen des Tourismus dazu bei, dass es dem bürgerlichen Subjekt (erst später den Angehörigen anderer Schichten) über die Pädagogik, die „Heimatkunde“ und die Heimatvereine ermöglicht wurde, sich selbst als Mensch in seinem heimatlichen Natur und Lebenszusammenhang zu begreifen.

Beide genannten Entwicklungen wurden unterstützt von allen mit der Entstehung der Industriegesellschaften verbundenen Faktoren: der Zunahme geographischer und sozialer Mobilität, dem Niedergang der ländlichen Lebensformen im Zuge der Verstädterung sowie den Akzentverlagerungen in den Produktionsbereichen (von Landwirtschaft zu Industriearbeit, dann zum Dienstleistungssektor). Ferner stehen diese Entwicklungen im Zusammenhang mit der zunehmenden Verplanung von Landschaften, Wohngebieten und Lebensformen, die auch mit den veränderten Arbeits- und Freizeitaktivitäten und veränderten Infrastrukturen verbunden ist. Damit rückt der Heimatbegriff in den Bereich der durch die Industriegesellschaft hervorgerufenen Kompensations- und Kritikbegriffe, in denen sich die Suche nach Orientierungen, Ausgleich, auch (Schein-)Lösungen der in Unruhe versetzten Gesellschaften und Individuen zeigt. Heimat wird zu einem Kontrastprogramm gegenüber Industrialisierung und Urbanisierung; insbesondere in (klein-)bürgerlicher Perspektive wird nun Heimat mit ländlichem Leben in traditionellen Formen gleichgesetzt: „Heimatkunstbewegungen“ traten gegen die als „dekadent“ empfundene Moderne an; Heimatkunde gewann in dieser Zeit ihren rückwärts gewandten „altfränkischen“ Charakter, der die spätere Ersetzung des Faches durch „Sachkunde“ in den 1970er Jahren rechtfertigen ließ.

Besonders deutlich lässt sich die teils kompensatorische, teils ideologisierende Funktion von Heimat an der nationalsozialistischen Ideologie ablesen. Der Nationalsozialismus stellte – wenn auch aufgrund der einerseits zentralisierenden, andererseits expansionistischen Tendenzen und unter den Anforderungen von Parteidiktatur, Gleichschaltung industrieller und rüstungswirtschaftlicher Interessen insgesamt weit weniger heimatfreundlich als angenommen – insbesondere das rückwärts gewandte Moment von Heimat heraus. So bezeichnete der Bezug auf eine jeweils besonders und affektiv ausgelegte Heimat zunächst den Rückzugsraum für v.a. jene sozialen Gruppen, die durch die Veränderungen der Industriegesellschaft seit dem 19. Jahrhundert und die damit verbundene zunehmende Abstraktion sozialer Lebenszusammenhänge (Verstädterung, Marktwirtschaft, räumliche Mobilität, Verwissenschaftlichung) verunsichert worden waren und ein umfassendes, gefühlsmächtiges und möglichst einfaches Orientierungsmuster suchten. Nicht zuletzt spielten für die Propagierung von Heimatvorstellungen und Heimatempfindungen die aufkommenden Massenmedien und erweiterte Bildungsprozesse (allgemeine Schulpflicht, „Deutsche Bewegung“, Heimatkunde in der Schule) eine maßgebliche Rolle; dies führte im Umfeld des Ersten Weltkriegs, besonders aber in den Krisenerfahrungen der Zwischenkriegszeit zu einer zunehmenden Politisierung des Heimatbegriffs, an die dann mit Schlagwörtern wie „Blut und Boden“, „Heimatfront“ oder „Heimatverteidigung“ die Kriegs-, Verteidigungs- und Vernichtungspropaganda der Nationalsozialisten anschließen konnte.

Der Wandel des Heimatverständnisses in der Bundesrepublik Deutschland

Darauf, dass Heimat in den Industriegesellschaften nicht einzig unter dem Aspekt der Regression zu betrachten ist, hat E. Bloch, nicht zuletzt durch Jugendbewegung und „Wandervögel“ angeregt, bereits zur Zeit des Faschismus als einer der Ersten hingewiesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte jedoch zunächst ein eher regressives Verständnis von Heimat vor, insofern der Begriff Heimat (z.B. als Heimatfilm, Heimatroman) einerseits der Befriedigung von Massenkonsumbedürfnissen diente (regional, bildungs- und schichtenspezifisch begrenzt war dies bereits ein Element in der Heimat- und Dorfliteratur des 19. Jahrhunderts gewesen), andererseits im Rahmen von Heimatfesten, Trachten- und Fremdenverkehrsvereinen u.Ä. Gegenstand der wirtschaftlich orientierten Erschließung der nichtindustriell oder nichtstädtisch geprägten Lebensformen und Landschaften war. Zugleich wurde Heimat aufgrund der besonderen deutschen Nachkriegssituation (Entwurzelung durch Vertreibung und Flucht) von den Heimat- und Vertriebenenverbänden politisch instrumentalisiert, indem sie das „Recht auf Heimat“ zu ihrem wichtigsten politischen Ziel erklärten. Im Laufe der 60er-Jahre setzte eine kritische Neubeschäftigung mit dem Begriff Heimat ein. Diese neuen Ansätze bezogen u.a. aus den in den zentralisierten Staaten Europas (Frankreich, Spanien, Großbritannien) entstandenen Bestrebungen um regionale Autonomie (Korsen, Basken, Katalanen, Schotten) ihre Anregungen und stehen in Wechselwirkung mit einem durch die fortschreitende Zerstörung der Umwelt im Wachsen begriffenen ökologischen Bewusstsein (z.B. Proteste gegen den Bau von Kernkraftwerken, Autobahnen u.a. Verkehrsgroßprojekten). In dieser Haltung kommt – angesichts immer abstrakter werdender Zusammenhänge in Gesellschaft und Politik – das stärker werdende Interesse größerer Bevölkerungsgruppen an einer Betrachtung der eigenen Lebenswelt unter der Perspektive einer „Nahoptik“ zum Ausdruck. In diesem Zusammenhang wurde auch Heimat neu definiert: Heimat nicht mehr als romantisch verklärtes, v.a. auf die Vergangenheit bezogenes Gefühl, das nur noch in vereinzelten Relikten in die Gegenwart hereinreicht, sondern als „konkrete Utopie“, als anzustrebende Ordnung einer Gemeinde oder einer Landschaft. In diesem Verständnis ist Tradition zwar nicht ausgeblendet, jedoch geht es nicht mehr primär um Konservierung isolierter Traditionsbestände, sondern v.a. um die tatkräftige Umformung der durch Anonymität gekennzeichneten Gemeinwesen, wobei freundnachbarliche Beziehungen und freie Entfaltung aller ermöglicht werden sollen. Dieses Heimatverständnis wurde im Laufe der 1970er und 80er Jahre z.B. in Bürgerinitiativen entwickelt und führte zu neuen Formen städtischer und dörflicher Planung, wurde aber auch begleitet von einer Wiederbelebung des Dialekts und anderer lokaler und regionaler Kulturformen. Bis zu einem gewissen Grad gingen also auch Aspekte der alten Auffassung von Heimat in den neuen Heimatbegriff ein, und es lässt sich beobachten, dass sich – etwa angesichts ökologischer Probleme – früher ungewohnte Koalitionen aus konservativen Gruppen und kritischen Initiativen zusammenfinden zur Schaffung lebenswerter, umweltfreundlicher Rahmenbedingungen.

Allerdings ist unter dem Druck erneuter ökonomischer und politischer Beschränkungen in den 1990er Jahren auch hier die ursprüngliche Vielfalt wieder eingeschränkt beziehungsweise transformiert worden; vielfach sind lediglich touristische Unternehmungen übrig geblieben beziehungsweise solche Muster der Heimatbeziehung, die an die in den Medien angebotenen Heimatkonzepte (Volksliedershows u.a.) anknüpfen können. Überall dort, wo sich der Bezug auf heimatliche Überlieferungen im Sinne lokaler oder regionaler Besonderheiten mit Ansprüchen konfrontiert sah, in denen menschenrechtliche beziehungsweise im modernen Sinne pluralistischer Heimatbezüge formuliert beziehungsweise eingefordert wurden, brachen dagegen alte und neue Konfliktlinien (z.B. zwischen Alteingesessenen und Migranten, ebenso aber auch zwischen verschiedenen Interessengruppen und Erlebnismilieus) auf. Dies führte zu einer Überlagerung der Heimatdiskussion mit anderen, teil politischen, teils sozialen Auseinandersetzungen. Nachhaltig hat sich dagegen die Orientierung an Heimat und Region im Bereich der Kulturpolitik der Länder (regionalspezifische „Lesebücher“, „Kultursommer“ und sonstige regionale Kulturförderprogramme, häufig in Verbindung mit der Tourismusförderung) und überhaupt im Bereich der Kultur ausgewirkt. Erste Schritte hierzu, die zumal darauf zielten, die deutlich durch nationalsozialistische Konzepte und ältere deutschnationale Vorstellungen von „Völkern und Stämmen“ bestimmte Lesart von Heimatliteratur und Heimatkultur aus dem Felde zu schlagen, wurden bereits in den 1970er Jahren (in der Literatur bei F. X. Kroetz, P. Handke, G. Fuchs, L. Fels) getan und fanden einen Höhepunkt in E. Reitz' viel beachtetem Filmwerk von 1984. Inzwischen stellen regionale Bezüge beziehungsweise ein entsprechend zu lokalen Zugehörigkeiten und Erfahrungen getönter Hintergrund sowohl im Bereich der Deutschland insgesamt repräsentierenden Literatur (G. Grass, S. Lenz, M. Walser, W. Kempowski) als auch in spezifisch regionalen Literaturen (Mundartdichter, rheinische, westfälische, schwäbische, brandenburgische, sächsische Künstler usw.) eine zentrale Dimension dar. Die von L. Harig für das Saarland beschriebene Dialektik zwischen Heimat und Reich beziehungsweise Vaterland („Der Saarländer ist entweder daheim oder im Reich“) spielt daher derzeit weniger in politischer als vielmehr in kultureller Hinsicht auch in der neuen Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Rolle und vermag so die mit dem Föderalismus verbundene und auf die ältere deutsche Geschichte zurückverweisende Einbeziehung Deutschlands in supranationale Zusammenhänge als eine Art Gegenstück, gegebenenfalls auch als Kompensation hervorzuheben.

Die Instrumentalisierung des Heimatbegriffs in der DDR

Durch die SED wurde der Heimatbegriff von Anfang an ideologisch und politisch instrumentalisiert und war somit auch dem Doktrinenwechsel der offiziellen Staatsideologie unterworfen. In den 1950er Jahren als ein „reaktionäres“ – weil dem bürgerlichen „Partikularismus“ verpflichtetes – Orientierungsmuster gekennzeichnet, fand diese politische Wertung ihre gesellschaftliche Entsprechung in der (Selbst-)Auflösung beziehungsweise gewollten Bedeutungslosigkeit zahlreicher den Heimatgedanken beziehungsweise regionale Traditionen pflegender Vereine. Einen tiefen Einschnitt bildete in diesem Zusammenhang die Verwaltungsreform 1952, die mit den Ländern (und ihren Kreiseinteilungen) wesentliche Träger kultureller Identität und geschichtlich gewachsenen Heimatbewusstseins auflöste. Ebenfalls in die 1950er Jahre reichen jedoch auch die ersten Versuche, eine DDR-Identität als Trägerin eines neuen sozialistischen Heimatbewusstseins zu begründen. Zunächst von der FDJ getragen, die in „zentralen Jugendobjekten“ junge Menschen „zum gemeinsamen Werk für die junge Republik“ versammelte, förderte die SED mit gleichem Ziel in den 1960er Jahren die Entwicklung eines eigenständigen sozialistischen „Brauchtums“ (u.a. sozialistische Namensweihen und Hochzeiten), das den Menschen in ihrer individuellen Lebenssphäre Identifizierungsmöglichkeiten mit dem sozialistischen Staat geben wollte. Eine zentrale Bedeutung erlangte der Gedanke von der „sozialistischen Heimat“ jedoch erst nach dem Amtsantritt E. Honeckers als Erster Sekretär des ZK der SED (1971), wobei die Begriffe des „sozialistischen Vaterlandes DDR“ und der „sozialistischen deutschen Nation“ (repräsentiert durch das „Staatsvolk der DDR“) maßgebend wurden. Vor diesem Hintergrund, aber auch angesichts wachsender wirtschaftlicher Schwierigkeiten und zunehmender Ausreiseanträge, erfolgte in den 1980er Jahren eine Neubewertung des Heimatbegriffs. Besonders regionale Traditionen wurden in ihren heimatbindenden und identitätsstiftenden Funktionen „wieder entdeckt“ und erfuhren zunehmend staatliche Förderung. Obwohl drei Generationen ihre Sozialisation vollständig in der DDR erfuhren, fühlte sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung der DDR (in ihren staatlichen Bezügen) als Heimat verbunden. Die überwiegende Mehrheit erlebte Heimat in den individuellen Lebensbezügen (Freunde, Familie, Gartenverein, Wohnort). Diese individuell-lebensweltliche Heimatverbundenheit veranlasste Menschen nicht selten trotz der von ihnen als bedrängend und einengend erfahrenen politischen Verhältnisse zum Bleiben in der DDR. Die Begriffe „sozialistische Heimat“ und „DDR-Identität“ blieben dagegen weitestgehend ideologische Postulate. Deren Bedeutungslosigkeit wurde endgültig mit dem Ende 1989 einsetzenden Machtverfall der SED offenbar, während die geschichtlich gewachsenen Territorien auch nach 37 Jahren nicht-staatlicher Existenz eine Bindungskraft für die Menschen bewiesen, die schon bald zu ersten Forderungen nach Wiedererrichtung der 1952 aufgelösten Länder führte. Diese wurde 1990 im Zuge der Wiederherstellung der deutschen Einheit realisiert und hat mit der Erneuerung der föderativen Strukturen wesentlich das Bewusstsein und die Bereitschaft zur Ausbildung und Förderung regionaler Identitäten gestärkt. Erst die zunächst vielfach unterschätzten kulturellen und v.a. wirtschaftlichen Anpassungsschwierigkeiten der neuen Bundesländer führten zu Ansätzen einer nostalgisch gefärbten „sekundären DDR-Identität“.

Der Heimatbegriff vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen seit Anfang der 1990er Jahre

Gegenwärtig können vier Aspekte notiert werden, unter denen der Begriff Heimat und die damit verbundenen Vorstellungen ein Rolle spielen und die ihrerseits auf Zusammenhänge und Prozesse zurückverweisen, die in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Gesellschaften zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirksam sind:

  1. Politische Integrationsbestrebungen (Europäische Union) und Globalisierung haben das Bewusstsein für und das Bedürfnis nach überschaubaren Nahbereichen verstärkt, sodass sich regionale Orientierungen bis hin zu regionalen Autonomiebestrebungen neuer Aufmerksamkeit erfreuen können. Im Zusammenhang damit steht zum einen eine erneuerte Aufmerksamkeit für verlorene Heimat (z.B. die der aus Ost- und Ostmitteleuropa vertriebenen Deutschen, ebenso aber auch hinsichtlich der durch die NS-Verbrechen zerstörten Heimat der europäischen Juden, namentlich des „Stetl“, der Bukowina, Galiziens usw.), zugleich aber auch die Diskussion um die Bedeutung von Heimatkonzepten bei der Aufnahme von Flüchtlingen und hinsichtlich der Integration von Zuwanderern heute.

  2. Ein zweiter Aspekt ist die in Alltag und Regionalkulturen sich zeigende kulturelle und zum Teil auch individuell ausgerichtete Orientierung an durchaus widersprüchlichen und teils eklektisch zusammengesetzten Heimatvorstellungen. Dies betrifft die Attraktivität von Heimatvereinen, lokalen Geschichtsvereinen und volkskundlichen Freizeitparks ebenso wie eine Fülle veröffentlichter Lebensgeschichten, Briefsammlungen, Tagebuchaufzeichnungen und >Lebensbilder<, in denen Heimat sowohl als Erlebnisraum als auch als Bezugsrahmen fungiert.

  3. Damit verbunden ist die wirtschaftliche Bedeutung von Heimatvorstellungen und Regionalbezügen, die in der Popularisierung bestehender Traditionen, aber auch in der (Rück-)Erfindung traditionaler Bezüge zum Ausdruck kommt und von der „Volksliedhitparade“ über Tourismuswerbung und regionale Küchen bis hin zu Festen und Freizeitangeboten (z.B. „Mittelalter-Spektakel“) reicht.

  4. Schließlich gibt es im Zusammenhang sich neu formierender rechtsextremistischer Strömungen und Gruppen auch ein Wiederaufleben der deutschnationalen und nazistischen Heimatvorstellungen, die sich im Besonderen auf Kampf und Verteidigung der Heimat einstellen und hierauf Gewalttätigkeit und Abwehr von Fremden gründen („Deutschland den Deutschen“).

Zeitgenössische Heimatforscher weisen darauf hin, dass Heimat nicht als passive Hinnahme von Gefühlslagen aufgefasst werden kann, sondern als Medium und Ziel einer praktischen (aktiven) Auseinandersetzung um die Gestaltung menschenwürdiger Verhältnisse verstanden werden soll. Heimat wäre demnach nicht lokal begrenzt und rückwärts gewandt (schon gar nicht etwas „typisch Deutsches“), sondern enthielte auch die Dimension einer „mobilen Heimat“ (J. Améry) und einer offenen, auf Austausch mit „dem Fremden“ bezogenen und seine Integration ermöglichenden Struktur. Nach H. Bausinger existiert heute in unseren Städten und Dörfern ein „recht sicheres Kriterium dafür, ob Heimat immer noch als Arsenal schöner Überlieferung verstanden wird, aus dem man sich bedienen kann, oder als Idee, menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen. Dieses Kriterium ist der Umgang mit ausländischen Mitbürgern. Ein Heimatbegriff, der ihnen keinen Platz einräumt, greift zu kurz, auch wenn er sich noch so sehr mit historischen Requisiten drapiert.“

Quelle: Brockhaus – Die Enzyklopädie in 24 Bänden, 20., neubearbeitete Auflage, Leipzig, Mannheim, F.A. Brockhaus 1996-99.

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