Wie lebt ein Pole in der ehemaligen Neumark?

Ich halte mich für einen Praktiker der Sozialpädagogik, der sich mit angewandter Geschichte befasst und die Aktivitäten eines kleinen, jedoch einflussreichen Milieus von Menschen verfolgt, die nach ihrem – im „Hier und Damals“ verankerten - „Hier und Jetzt“ suchen: Menschen, die wir als „Regionalisten“ bezeichnen. Ganz besonders interessiere ich mich für das immer allgemeiner werdende Bedürfnis der Verankerung am Wohnort und für den Einfluss dieses Ortes auf die Einstellungen gegenüber der Welt der Werte, insbesondere jener, die das Verständnis von Patriotismus verändern. Deshalb habe ich mir erlaubt, die im Thema meines Vortrags gestellte Frage ein wenig zu modifizieren und ihr den etwas egozentrisch anmutenden Wortlaut zu geben: „Wie lebt der Geschichtslehrer Zbigniew Czarnuch in der ehemaligen deutschen Neumark, heute Teil des polnischen Lebuser Landes.“

Und diese Frage kann ich sofort beantworten: es lebt sich hier hervorragend. Obwohl diese Region vor über einem halben Jahrhundert zusammen mit anderen Gebieten West- und Nordpolens einen Platz an der zivilisatorischen Spitze des Landes einnahm, und heute in den Landesstatistiken gewöhnlich einen Platz unter dem Durchschnitt belegt. Und obwohl meine Existenz als berenteter Lehrer in einer Kleinstadt nicht immer erfreulich ist, und ich im heutigen Neusprech für einen „Postkommunisten“, für einen Angehörigen des „gebildeten Packs“ und für einen Vertreter der „Lügeneliten“ gehalten werde. Trotz alledem lebe ich hervorragend und – wie der Dichter sagt „bringt mir jeder Tag ein reicheres Geschenk“.

Warum? Weil ich in einem Gebiet lebe, das trotz seines früheren eher schlechten Rufes - märkischer Sand, Sümpfe und Wälder – so reich an Wandlungen der Geschichte ist. Im frühen Mittelalter waren es die Kämpfe des slawischen Elements gegen das Erbe der germanischen Stämme, und Jahrhunderte später der Kampf des Deutschen gegen das Slawische und Polnische. In noch nicht so lange vergangenen Zeiten ging es dann um die Polonisierung dieser Gebiete nach dem Krieg, um die Aneignung der Landschaft und auch um das Verwischen und Verschweigen der deutschen Vergangenheit. Heute entdecken die Generationen der hier geborenen und auch der von weiterher gekommenen Lebuser diese komplizierte Geschichte auf eine Art, die an einen Drahtseilakt erinnert. Manchmal führt das zu deutschen Vorwürfen, die uns Diebstahl ihres Kulturerbes anlasten, und auf der polnischen Seite zu Ängsten vor dem Verlust der nationalen Identität.

Wenn man hier seine Wurzeln schlagen und seine kulturelle Identität finden will, kann man sich nicht auf den Begriff des nationalen Erbes berufen, wie es von den Zentren in Thorn oder Warschau lanciert wird. Diese Kategorie knirscht dissonant und klingt nach intellektueller Fälschung. Ähnlich geht es der Suche nach einer einheitlichen, regionalen, kulturellen Identität des Lebusers. Die kulturellen Wurzeln eines Bewohners der Neumark und des Sternberger Landes unterscheiden sich doch erheblich von denjenigen der Einwohner der ehemals nicht zur Neumark gehörigen Gebiete, also Crossen (Krosno), Guben (Gubin), Zielenzig (Sulęcin) oder Schwiebus (Świebodzin). Noch anders sieht die Sache aus, wenn es um die Einwohner von Grünberg (Zielona Góra) oder Neusalz (Nowa Sól) geht, für die Niederschlesien ein wichtiger Bezugspunkt war. Noch eine andere Frage ist das Verhältnis der Einwohner von Meseritz (Międzyrzecz) und Schwerin a.d. Warthe (Skwierzyna) zu Großpolen. Es geht um das, was die alten Römer als genius loci bezeichneten. Mir wurde einmal folgende Geschichte erzählt. Eines Tages sei ein alter Graf, der ehemalige Gutsbesitzer, in ein staatliches Landwirtschaftsgut (PGR) in Pommern gekommen und gastfreundlich vom Genossen PGR-Direktor empfangen worden. Irgendwann habe dann der Graf gefragt: „Und wie gestalten sich Ihre Beziehungen zu den Einwohnern des Nachbardorfes?“. „Schlecht“, antwortete der Direktor. Darauf der Graf: „Ja klar, die waren schon immer so.“

Trotz Bevölkerungsaustausch sind die existenziellen Probleme, vor die der Alltag die Menschen stellt, die unter denselben Natur- und Landschaftsbedingungen leben und arbeiten, immer noch ähnlich. Sowohl die ehemaligen als auch die heutigen Einwohner dieses Gebiets hatten und haben dieselben Schwierigkeiten mit dem Klima, mit der Qualität des Bodens, dem Überfluss oder Mangel an Wasser und der Entfernung oder Nähe zu lokalen Handels- und Verwaltungszentren. Dieses Bewusstsein verschiebt die Akzente weg von dem, was trennt, hin zu dem, was verbindet. Die Schicksale der Menschen, die versuchen, die Natur zu zähmen, um ihre Häuser, ihre Bauernhöfe zu bauen, ihren Boden zu bestellen, ihre Werkstätten aufzubauen oder in Kooperation mit anderen Objekte zu schaffen, die dem Allgemeinwohl dienen, gleichen sich.

Der genius loci dieses Gebiets zeigt sich auch darin, dass wir, die heutigen Einwohner, unser „Hier und Jetzt“ durch das „Hier und Damals“ betrachten, ja den in uns selbst stattfindenden Prozess sozusagen unter Laborbedingungen beobachten können. Es vollzieht sich eine Wandlung des traditionellen Verständnisses vom Vaterland (ojczyzna). In diesem Prozess entstehen Bedingungen, die es ermöglichen, die Mauern einzureißen, die uns von den Fremden trennen.

Das Bürgerengagement der hiesigen lokalen Gemeinschaften hat uns unterschiedliche Aspekte der Vergangenheit aufgezeigt. Dauerhaft ist die Sorge um das Haus, den Hof, das Dorf, die Stadt, die Kirche, die Schule, die Straße und den Damm, der vor Hochwasser schützt. Und das ist die Sorge um dasselbe Haus oder dieselbe Schule, die von Deutschen gebaut wurden und heute von Polen benutzt werden. Einfacher menschlicher Anstand erfordert, diejenigen, die diese Objekte gebaut haben, zu achten. Die Frage nach deren Nationalität, nach ihren politischen Ansichten, nach der Glaubens- oder Gruppenzugehörigkeit bzw. dem Privatleben werden auf lange Sicht weniger wichtig. Das so bedeutende Wendejahr 1945, mit seiner nationalen Symbolik, dem Bevölkerungsaustausch und damit einhergehend dem Austausch der deutschen gegen die polnische Kultur, verliert für das Leben des Einzelnen an Bedeutung – es symbolisiert dramatische Ereignisse aus der Vergangenheit, die für Jahrestagsfeiern wichtig sind. Die romantische Heldenhaftigkeit der Soldaten, die um diese Gebiete gekämpft haben und sich später in ihnen ansiedelten, ist es wert, erinnert zu werden, doch auf lange Dauer sind ihre konkreten Leistungen für das gesellschaftliche Wohlergehen in den Friedensjahren wichtiger. Es zählt vor allem die dankbare Erinnerung an die Erbauer von Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden, Parkanlagen und ausgehobenen Kanälen, die den aufeinander folgenden Generationen dienen.

Im polnischen Gorzów (Landsberg) pflegt man die Erinnerung an deutsche Baumeister und Stifter wie Bahr oder Paucksch, in Kostrzyń (Küstrin) die Erinnerung an die Regierungszeit des Hans von Küstrin aus dem Hause Hohenzollern, in Słońsk (Sonnenburg) an die Brandenburger Johanniter und in Dębno (Neudamm) an den Verleger Neumann, der diese Stadt vor 1945 berühmt machte. Für die Pioniere dieser Idee war es nicht einfach, diese Deutschen in die Reihe der Menschen aufzunehmen, auf die polnische Einwohner dieser Städte ebenso stolz sein können, wie auf ihre Landsleute. Die Gegner warnten und warnen weiterhin, man dürfe ethnische Grenzen nicht überschreiten, weil dann die nationale Identität verloren zu gehen drohe!

Der genius loci, lässt es nicht zu, dass ein Pole, Lebuser und Einwohner der (ehemaligen) Neumark, die Kategorie des Vaterlandes (ojczyzna) als des Landes seiner Vorfahren im traditionellen nationalen Verständnis übernimmt. Hier bedeutet der Ort „der nationalen Erinnerung“ und der „nationalen Identität“ etwas anderes als in Masowien oder Kleinpolen. In der Beschreibung des komplizierten Prozesses der Einwurzelung eines Polen in der Neumark erweisen sich die Kategorien des „ideologischen Vaterlandes“ (ojczyzna ideologiczna) sowie der „Heimat“ (ojczyzna mała, wörtlich: kleines Vaterland) als hilfreich, insbesondere für die Diskussion über Patriotismus. Das hilft zu verstehen, warum miteinander zerstrittene Anhänger der „ideologischen Vaterländer“ auf beiden Seiten der Oder nicht imstande sind zu begreifen, dass hier, in der Heimat, polnische und deutsche Vertriebene herzlich miteinander befreundet sein und sich um das Wohl dieses gemeinsamen Stückchens Europa kümmern können.

Und gerade der Geschichtsreichtum dieses Gebietes bewirkt, dass sich ein Geschichtslehrer hier, auch wenn er bereits berentet ist, wie ein Fisch im Wasser fühlt. Er hat hier sein kleines Feld zu bestellen. Insbesondere, wenn er im Zeitalter des sich vereinigenden Europa angefangen hat, an die Wirksamkeit des eigenen Handelns als Mitglied der Zivilgesellschaft zu glauben.

Zum Begriff „Vaterland“ als Problem der Sozialpädagogik

Polen vor den Teilungen, das heißt das Königreich Polen oder anders gesagt die Republik Beider Nationen (Polens und Litauens), bestand aus zahlreichen Gebieten, die von verschiedenen ethnischen Gruppen unterschiedlicher Konfessionen bewohnt waren. Damals war es etwas Natürliches, seine Andersartigkeit zu betonen. Adam Mickiewicz beginnt seine für die Kultur der Polen so wichtige Dichtung Pan Tadeusz mit den Worten: „Litauen! Du mein Vaterland!“. Wie man sieht, bezog sich der Begriff Vaterland damals nicht auf das Königreich, sondern auf einen seiner Teile, auf das Land, aus dem man stammte. Die Macht des Königs vereinigte verschiedene Länder – Vaterländer – zu einem Staat. Während der Zeit der Teilungen betrachtete man die Betonung der lokalen oder regionalen Andersartigkeit und deren Bezeichnung als Vaterland als schädlich für die Einigung aller Kräfte im Kampf um die Unabhängigkeit Polens. Die Demonstration von Lokalpatriotismus wurde misstrauisch beäugt, als eine Form von Schwächung der nationalen Einheit betrachtet. Als Ergebnis dieser Entwicklung bezogen sich die Begriffe Vaterland und Patriotismus im 20. Jahrhundert im Bewusstsein eines durchschnittlichen Polen nur noch auf das ehemalige Königreich, die Republik, auf Polen als Ganzes, als Staat, und nicht auf seine Einzelteile, das heißt Länder oder Landschaften. Sogar „väterliches Land“ (kraj ojczysty) oder „väterliche Erde“ (ziemia ojczysta) bezogen sich nicht mehr auf einen Teil, sondern auf die Gesamtheit des verlorenen Staates.

Gleich nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahre 1918, als das Wort „Vaterland“ mit dem wieder errichteten Staat identisch und heimisch wurde, unternahm man den Versuch, die Kategorie des Vaterlandes in der kleineren Dimension von Ländern und Landschaften zu rehabilitieren, und griff den Begriff „Region“ auf. Von der Regionalisierungspolitik, die das Spezifische des jeweiligen Gebiets unterstrich, erwartete man, eine Identifizierung mit dem Wohnort und ein Gefühl der Verantwortlichkeit. Polen sollte in dieser Vorstellung eine ethnisch differenzierte Republik sein. Man erwartete, dass dies zur Anerkennung der Verfassungsrechte ethnischer Minderheiten beitragen werde. Der Begriff „Region“ gehört jedoch zu den beschreibenden Kategorien, ohne die emotionale Färbung des Begriffs „Vaterland“. Er war nicht vergleichbar mit dem, was für Mickiewicz sein Vaterland – Litauen – war. Außerdem waren die internationale Situation und die äußeren Bedrohungen in den zwei Jahrzehnten zwischen den beiden Weltkriegen einer Politik der Regionalisierung nicht förderlich. Deshalb gerieten auch die begrifflichen Grenzen zwischen Patriotismus, Nationalismus und sogar Chauvinismus ins Schwimmen. Im Bewusstsein vieler Polen wurde der Patriotismus an der Stärke negativer Emotionen gegenüber unterschiedlich definierten Feinden gemessen. Sein Land zu lieben war gleichbedeutend damit, seine Feinde zu hassen.

Man darf dabei nicht vergessen, dass es die Epoche des triumphierenden Nationalismus in Europa war. Die von Adolf Hitler in Deutschland lancierten Vorbilder nationalistischer Haltungen trafen in Polen auf fruchtbaren Boden. Nicht nur in den Kreisen der zahlreichen deutschen Minderheit, sondern auch unter Jugendlichen mit einer landadlig-katholischen Abstammung stießen sie auf lebhaftes Echo und Zustimmung.

Die Grenzverschiebung nach 1945, die zu bewältigende Bewirtschaftung der Polen zugeteilten Gebiete, der große Bevölkerungstransfer und die forcierte Ideologie des Kommunismus – all das war einer Rehabilitierung der Kategorie Vaterland als „Heimat“ im engeren Sinne nicht dienlich. Vergeblich berief man sich auf Regionen und kreierte sogar eine Region, die es in der Geschichte nie gegeben hatte, wie das heutige Lebuser Land. Doch im gesellschaftlichen Bewusstsein der Polen bezog sich das allseits beliebte Wort „Vaterland“ auf das Land als Ganzes, und nicht auf seine einzelnen Bestandteile. Noch in den siebziger Jahren propagierte Edward Gierek leidenschaftlich die Idee der moralisch-politischen Einheit der Nation, und die zur Zeit regierenden Entscheidungsträger folgen seiner Spur.

Erst die Systemveränderungen des politischen Umbruchs von 1989/90 ermöglichten eine Rückkehr zur doppelten Bedeutung der Kategorie „Vaterland“ aus der Zeit vor den polnischen Teilungen. In der Publizistik und in der Alltagssprache tauchte der Begriff „kleines Vaterland“ (Heimat) als Teil des „großen Vaterlandes“ auf.

Diesen Durchbruch im Verständnis des Begriffes „Vaterland“ bewirkte der Sozialwissenschaftler Stanisław Ossowski in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Er erkannte die Rolle der „Vaterlandsliebe“ als eine der Ursachen beider Weltkriege und analysierte das Bedeutungsfeld dieses Begriffes. Er unterschied zwei Ebenen der emotionalen Identifikation der Menschen mit ihrem Wohnort und ihrem Land, ihrer Kultur und Tradition. Die erste ist die allgemeine nationale Ebene, identisch mit dem Staat, für die Ossowski den Begriff „ideologisches Vaterland“ erfand. Die zweite Ebene, die er als „privates Vaterland“ bezeichnete, bezog sich auf die Umgebung und das allernächste Umfeld, in dem der Mensch seine Kindheit und Jugend verbringt; mit diesem Raum, verbinden ihn besonders intensive Gefühle. In beiden Fällen geht es um das emotionale Verhältnis des Einzelnen zum nächsten sowie zum weiter entfernten Umfeld; sie unterscheiden sich aber durch ihre Intensität und die Dauerhaftigkeit dieser Emotionen.

Ein Warschauer Dichter des 20. Jahrhunderts schrieb: „Wenn ich an mein Vaterland denke,/ denk ich an die Alleen, an die Abfahrt Powiśle./ Nicht Wald, nicht Wiese, nicht Getreidefeld,/ sondern Mokotowska, Krucza, Hoża“. Das „private Vaterland“ des Dichters war nicht die Dorflandschaft mit dem Storchennest auf dem strohgedeckten Dach eines Bauernhauses, das Bild, das bei den polnischen Bauern, die ihr Heimatdorf verlassen hatten, so beliebt war, sondern eine Stadtlandschaft. Nicht das Land, wie Litauen bei Mickiewicz, sondern einige Straßen im Zentrum von Warschau. Die so begriffene Heimat kann für die einen ein alleinstehender Bauernhof sein, für die anderen ein Dorf, ein Stadtteil, ein Städtchen oder die Gemeinde, für noch andere ein Landkreis oder eine Kulturregion.

Patriotismus in der Dimension des ideologischen Vaterlandes, des Staates, entsteht durch die Übertragung der emotionalen Beziehung zum privaten Vaterland auf Nation und Staat. Am natürlichsten ist aber das für das private Vaterland empfundene Gefühl. Ossowski schreibt, die Ansicht sei absurd, dass jemand, der in den Tiefebenen der Masuren bei Płock an der Weichsel geboren wurde, eine natürliche, angeborene Bindung an das hügelige Vorkarpatenland empfinde. Wenn es eine solche Bindung gäbe, sei sie der Ideologie der Nation und deren Transmission auf das Gebiet der privaten Vaterländer zu verdanken. Ein halbes Jahrhundert später wurde der Begriff des „privaten Vaterlandes“ durch den zutreffenderen Begriff des „kleinen Vaterlandes“ (also Heimat), ersetzt.

Wenn wir nun dem von Ossowski abgesteckten Pfad folgen, können wir – um neuere Erfahrungen und Reflexionen reifer – es wagen, nach weiteren Unterscheidungsmerkmalen der beiden Begriffe zu suchen. Vielleicht wird uns das helfen bei der Suche nach der Lösung unseres neumärkischen Problems mit dem geistigen und materiellen deutschen Erbe? Das könnte auch nachhaltig der in Polen auftretenden Tendenz entgegenwirken, dass politische Demagogen den Patriotismus in Nationalismus verwandeln. Das geschieht immer dann, wenn man sich auf ethnische, religiöse oder andere Vorurteile beruft, und damit den Mangel an Toleranz und Respekt für das, was nicht eigen, was fremd ist, erneut bemüht.

Von manchen Eigenschaften ideologischer Vaterländer

Wenn wir heute auf nationale Vorurteile treffen, stellen wir fest, dass wir es hierbei in der Regel mit dem ideologischen Vaterland zu tun bekommen. Hier trifft die Problemwelt der Politiker auf die emotionale Bindung der Einwohner an Landschaft und Kultur ihrer Heimat. Diese Politiker verspüren ein starkes Bedürfnis, über Andere zu dominieren und ihnen ihre parteiische Definitionen der Welt aufzuzwingen. An dieser Berührungsstelle zwischen Politikern und Einwohnern nimmt das edle Gefühl der Vaterlandsliebe, das wir als Patriotismus bezeichnen, oft eine feindliche Färbung an. Um die Ehre der Nation zu retten, werden Vergeltung und Rache nicht nur rechtmäßig, sondern sogar unabdingbar.

Dieser Mechanismus trat deutlich in der Zeit des Ersten Weltkriegs zutage – auf allen Seiten der zahlreichen Fronten konnte man ein emotionales Engagement von Millionen von Menschen auf der Seite ihrer jeweiligen Politiker beobachten. Hinter den blutigen Gemetzeln verbarg sich eine Manipulation des Gefühls der Vaterlandsliebe von Deutschen, Franzosen oder Russen, und ihre Bereitschaft, ihr Leben für Ruhm und Größe ihrer Staaten zu opfern. Was sonst könnte die fanatische Verteidigung des verbrecherischen Hitlerstaates bis zum letzten Moment durch Millionen seiner Soldaten erklären, wenn nicht die Liebe zum eigenen Volk und dessen Staat sowie der Wille, zu seiner Größe beizutragen?

Der polnische Philosoph Tadeusz Kotarbiński zog, nachdem er über die Natur dieser monströsen Morde, begangen von Menschen, die von der Liebe zu ihrem Vaterland durchdrungen waren, nachgedacht hatte, einen pessimistischen Schluss: „Das Vaterland verbietet es jedem, sich um das Wohl des Menschen im Auftrag der Menschheit zu sorgen“. Der Belgrader Intellektuelle Ivan Colović brachte nach den vor kurzem stattgefundenen Gemetzeln und ethnischen Säuberungen auf dem Balkan dieselbe Ansicht etwas kräftiger zum Ausdruck: „Wenn ihr aus irgendeinem Grund Patriotismus züchten wollt, dann füttert ihn nicht mit Menschenrechten, denn er ernährt sich ausschließlich von Menschenfleisch“. Und unter Friedensbedingungen rät der Soziologe Janusz A. Majcherek nach unseren neuesten polnischen Erfahrungen, man solle „mit dem Patriotismus vorsichtig umgehen, denn in letzter Zeit ist er nämlich zur Zufluchtsstätte von Schurken geworden“. Bei alldem geht es um die ideologischen Vaterländer. Das trifft auch auf die polnisch-deutschen und deutsch-polnischen Irritationen zu, die im Rhythmus der wechselnden inneren politischen Konjunkturen und Krisen auftreten.

Bei alldem neige ich trotzdem eher dazu, die Bedrohung durch Nationalismus und Chauvinismus als ein Relikt der Vergangenheit zu betrachten. Auch entgegen aktueller Anzeichen des politischen Lebens, die uns in der internationalen Arena kompromittieren und den Erziehungsprozess der polnischen Gesellschaft im Geiste des Pluralismus und des Dialogs verlangsamen.

Humanismus der Heimat

Mit den Veränderungen des politischen Systems ist in der polnischen Sprache der bisher in der Alltagssprache unbekannte Begriff mała ojczyzna (kleines Vaterland, Heimat) aufgetaucht. Er ähnelt dem Vaterland im Verständnis von Mickiewicz, ist jedoch nicht mit ihm identisch. Heimat wird in Kategorien der sozialen Umwelt definiert, in der die Einwohner ihre besondere kulturelle, geografische oder administrative Andersartigkeit spüren und sich emotional mit ihr identifizieren. Es ist ein Raum, für den sich der Einzelne besonders verantwortlich fühlt und im Rahmen dessen er das Gefühl hat, selbst etwas bewirken u können. Dank der durchgeführten Reform der kommunalen Selbstverwaltung decken sich die Grenzen der Heimat meist mit dem Gebiet der Gemeinde. Die Reform hat das Bedürfnis nach einer Art ideellem Überbau geschaffen, nach einem Selbstbewusstsein der Besonderheit, der kulturellen Identität der lokalen Gemeinschaft, die sie von anderen unterscheidet, und das wird auch zum wesentlichen Argument in der Öffentlichkeitsarbeit, die ein wichtiger Bestandteil der Strategie der wirtschaftlichen Entwicklung ist.

Im Wesen des mit dem Staat identischen ideologischen Vaterlandes steckt also die Neigung, die Welt in „Wir“ und „die Fremden“ aufzuteilen. In der zeitgenössischen „Heimat“, deren Grenzen unscharf sind, stützt sich das Leben eher auf gute Nachbarschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe. Daraus folgt, die Würde der anderen Mitglieder der Gemeinschaft zu respektieren und ihnen keinen Schaden zuzufügen. Die Pflege dieser Tugenden ist eine Garantie für die alltägliche Sicherheit der eigenen Familie und die Gewissheit, dass unser Nachbar uns bei einem Schicksalsschlag das zurückzahlen wird, womit wir ihn selbst beschenkt haben. Im Mikromaßstab der Heimat zählt nicht das Opfer des Lebens für das Wohl der gemeinsamen Sache, sondern das Opfer des Schweißes für ein konkretes gemeinsames Gut, das an dem Werk von Generationen gemessen wird. Der Bewohner der Heimat wird in seinem Umfeld weniger nach seiner Abstammung und Lebensgeschichte beurteilt, als nach messbaren Leistungen im „Hier und Jetzt“.

Natürlich tritt das Böse, der Fremdenhass auch in diesem Mikroraum auf, doch hierbei handelt es sich eher um schlechte Charaktereigenschaften Einzelner. Hier wird das gesellschaftliche Böse erst dann gefährlich, wenn aus den Zentren des politischen Lebens Agitatoren kommen, die den politischen Gegner dämonisieren und ihn als Feind definieren.

Diese Gesetzmäßigkeit wird von der Geschichte vieler Grenzdörfer während der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert bestätigt, einem Ort der Begegnungen von Kulturen, wo Jahrhunderte lang Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Abstammung im Frieden miteinander lebten, und in deren Bräuchen es Platz für Respekt für die andere Sprache, Glauben und Lebensstil gab. So war es bis zu jener Zeit als politische Schönredner, Lehrer und Priester das Bewusstsein des ideologischen Vaterlandes mit seiner Feindseligkeit gegenüber allem Fremden predigten.

Im Raum der Heimat werden der Deutsche, der Russe und der Pole im Alltag zu Menschen, die ihr individuelles Recht auf Würde haben. Auf dieser Ebene – um mit Kotarbiński zu sprechen – erlaubt das (kleine) Vaterland, sich um das Wohl des Menschen im Auftrag der Menschheit zu sorgen.

Und das erklärt das Phänomen der Zusammenarbeit von Polen und Deutschen, von ehemaligen und heutigen Einwohnern dieser Gebiete. Hier wird die „Landsmannschaft“ durch das Zusammentreffen und die nahe Bekanntschaft mit konkreten Personen entmythologisiert, und erleichtert sprechen die Bürgermeister und Dorfschulzen während der gemeinsamen Treffen die Formel „Willkommen in der gemeinsamen Heimat“. Denn in der psychologischen Dimension ist die Heimat tatsächlich eine gemeinsame. Man kann doch niemandem die Liebe zum Land seiner Kindheit und dem Familienbauernhof wegnehmen. Und in der politischen Dimension ist diese gemeinsame Liebe ein unschätzbares Kapital für die Realisierung des Programms der Suche nach „Wegen zueinander“. Unsere „polnische Staatsräson“ hat bei diesem natürlichen Prozess einen großen Verbündeten. Schade, dass so wenig Politiker imstande sind, das zu verstehen.

In diesem Verständnis der gegenseitigen Beziehungen beider Kategorien, des großen, ideologischen Vaterlandes und der Heimat (des kleinen Vaterlandes) – erscheinen sie uns als zwei Seiten derselben Medaille, der Medaille des Patriotismus. Die Bevorzugung der ideologischen Seite führt zum nationalen Egoismus, die Bevorzugung der Heimat zu regionalem Egoismus oder Provinzlertum. Das Wertesystem der Heimat mit seiner humanistischen Idee der Kultivierung der guten Nachbarschaft wirkt beruhigend auf die Emotionen des ideologischen Vaterlandes mit dessen Hauptkategorie, der Bereitschaft, sich gegenüber Feinden zu verteidigen. Wir tragen die Medaille in uns und es hängt von uns ab, welcher Seite wir wann den Vorrang geben.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska