Von Ostpolen nach Westpolen – von Lublin nach Chojna (Königsberg/Nm)

Genau vor einer Woche fand hier das hervorragende Konzert von Maria Peszek mit dem Titel „Miasto Mania“ (Stadt-Manie) statt. Es hätte sehr gut zu unserer Konferenz gepasst, denn diese in Warschau lebende junge Frau sang mit den folgenden zärtlichen Worten über ihre Heimat, über ihre Stadt: „Ich ficke dich, Stadt, deine blutige Geschichte verblasst, wenn es tagt… Du Stadt-Parasit, ich ficke dich mehr als mein Leben, aber ich sehe auch keine andere Stadt als dich, also ficke ich dich, Stadt, zärtlich, weil du meine Stadt bist… Diese Stadt vergiftet mich, diese Stadt macht mich betrunken, diese Stadt entsetzt mich, diese Stadt entzückt mich, diese Stadt tötet mich und lässt mich auferstehen, und ich ficke dich Stadt…“ Wie man sieht, kann Heimat nicht nur aus Trauerweiden und goldfarbenen Getreidefeldern bestehen, sondern auch aus den Straßen einer Stadt. Seine Heimatgefühle kann man auf unterschiedliche Art zum Ausdruck bringen. Zusammen mit Maria Peszek schrieb Piotr Lachmann die Texte dieser Lieder, eigentlich Peter Lachmann, ein aus Gleiwitz stammender deutscher und heute eigentlich schon deutsch-polnischer Dichter und Regisseur. Ein Deutscher, der über Warschau als seine Stadt schreibt – das passt nicht immer zu den typischen Denkweisen über Heimat.

Wie Maria Peszek bin ich ein Städter, aber nicht Warschau war meine Stadt. Ich bin in Lublin geboren und aufgewachsen – einer Stadt, die früher in Zentralpolen und heute in Ostpolen liegt, obwohl sie von niemandem verschoben wurde. Die Lubliner hatten sowieso Glück im Vergleich zu den Menschen, die während ihres Lebens fünfmal ihre Staatszugehörigkeit wechseln mussten, ohne jemals ihr Zuhause verlassen zu haben. Seit 26 Jahren lebe ich in Chojna, das bis 1945 Königsberg/Neumark hieß und Hauptstadt eines Kreises war, der Kostrzyń/Küstrin, Dębno/Neudamm und weitere 21 Orte westlich der Oder umfasste.

Attraktive Grenze

Im Sommer 1980 zog ich an diese Grenze. Kann eine Grenze überhaupt attraktiv sein? Eigentlich trennt sie doch aus Prinzip. Für manche bedeutet sie das Ende des Heimischen, weil hinter der Grenze das Fremde, sogar Feindliche beginnt, was nicht zu uns gehört. Ich rechne mich zu denen, für die die Grenze nicht nur das Ende, sondern auch ein Anfang ist. Ein Anfang alles dessen, was anders, unbekannt, also interessant ist, deshalb ist für mich die Grenze attraktiv. Außerdem zieht jeder seine Grenze an einer anderen Stelle. Einer gleich an seiner Hausschwelle, da es in der Straße sogar deutsch beschriftete Kanaldeckel gibt. Andere ziehen ihre persönliche Grenze dort, wo sich fremde Friedhöfe mit fremdsprachigen Grabsteinen befinden oder sogar in Kirchen.

Weshalb bin ich nach Chojna gekommen? Ich hatte gerade mein Studium beendet, mein Sohn war sechs Monate alt, und in meiner Heimatstadt gab es weder Arbeit noch Wohnung. Zwei Arbeitsangebote mit Wohnung fand ich: eins in der Nähe von Olsztyn (Allenstein), das andere in Chojna. Chojna siegte, die Nähe der Grenze entschied. Schon damals war sie attraktiv, denn seit 1972 war die Grenze zur DDR offen und man konnte sie einfach mit einem Personalausweis überschreiten. Die DDR war für uns Polen vor allem wegen der viel besseren Ausstattung der Geschäfte interessant. In Polen jagte eine Wirtschaftskrise die andere, die Ladenregale leerten sich, Zucker bekam man ab 1976 nur noch auf Lebensmittelmarken. Also gingen wir zum Einkaufen nach Schwedt. Ich sage „wir gingen“, denn ich hatte kein Auto. So fuhr ich mit dem Bus von Chojna zwölf Kilometer zum Grenzübergang in Krajnik Dolny (Niederkränig), von wo aus ich mit meinem sechs Monate alten Kind im Kinderwagen fünf Kilometer zum Zentrum von Schwedt lief. Dort waren verschiedene Produkte für Kinder die größte Attraktion, also zog mein kleiner Sohn wohl den größten Nutzen aus diesen Expeditionen. Fünf Jahre zuvor war ich noch als Lubliner in der DDR gewesen und konnte mich erinnern, wie lange ich in Lublin in der Bank hatte Schlange stehen müssen, um Złotys gegen Ostmark zu tauschen. Deshalb war ich schockiert, als ich den Geldwechsel in dem sechstausend Einwohner zählenden Chojna ohne anzustehen auf der Post erledigen konnte!

Innerhalb von zwei Monaten war ich dreimal in Schwedt. Ich machte nur kleine Einkäufe und versprach mir, bald wiederzukommen. Das tat ich nicht. Denn im Oktober machte Honecker die Grenze dicht, damit die „polnische Konterrevolution“ nicht in die DDR vordrang. Auf diese Weise endete die erste, kurze Etappe meines grenzüberschreitenden Lebens. Die Solidarność-Aktivitäten nahmen mich jedoch so in Anspruch, dass ich die Grenzschließung nicht als besonders schmerzhaft empfand. Aber am 13. Dezember 1981 führte Jaruzelski das Kriegsrecht ein, und damit begann eine weitere Etappe, die traurigste: Polizeistunde, Unsicherheit, Angst. Keiner von uns wusste damals, was passieren würde. Da kam mir mein Grenzgebiet vor wie das Ende der Welt, vergessen von Gott und Menschen. Und plötzlich erwies sich diese dicht geschlossene Grenze auf eine wunderbare Weise als doch nicht ganz undurchlässig. Allmählich kamen Pakete von unbekannten deutschen Familien an. Nicht aus der DDR, die näher lag und uns besser bekannt war, sondern aus der Bundesrepublik – von den fremden, „bösen“ Deutschen, den Erben Hitlers. Das hatte uns jahrzehntelang die polnische Propaganda einzureden versucht. Ich erinnere mich nicht mehr, wie viele Pakete ich bekommen habe, waren es fünf oder zehn? Sie kamen in den dunkelsten Monaten des Kriegszustands, von einigen mir völlig unbekannten Familien aus Nordrhein-Westfalen. In den Paketen waren manchmal auch Kleider, aber vor allem Lebensmittel. Wie das schmeckte! Und diese bunten, westlichen Verpackungen. In der Wohnung wurde es sofort heller und fröhlicher.

Solche Pakete bekamen damals viele Polen. Ich denke, dass das unser Verhältnis zu den Deutschen aus der Bundesrepublik veränderte. Sie hörten auf, die „Bösen“ zu sein. Das war – vielleicht zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg – eine so deutlich von einfachen Polen verspürte Hilfeleistung und Freundlichkeit seitens der Deutschen. An Stelle unseres Misstrauens trat Sympathie. Denn wie hätte man diejenigen, die uns selbstlos eine freundliche und hilfreiche Hand entgegenstreckten, weiterhin für Polenfresser halten können? Und es blieb ja nicht bei Paketen. Es begann ein Briefaustausch, Weihnachtskartenwechsel. Wir versuchten, uns zu revanchieren, indem wir Geschenke hinschickten, z.B. handgestickte Spitzendeckchen. Bis dahin hatte ich nur zwei Wörter auf Deutsch gekannt: „Hände hoch!“ Oft konnte ich die Aufschriften auf den Lebensmitteln aus den Paketen nicht verstehen. Deshalb bat ich, als meine rheinischen Wohltäter in einem nächsten Brief fragten, was wir bräuchten, um ein deutsch-polnisches Wörterbuch, das bei uns um kein Geld der Welt zu bekommen war. Nach ein paar Wochen schickten sie mir das Wörterbuch, ich habe es bis heute.

Viele Polen emigrierten während des Kriegsrechts und ich will nicht verschweigen, dass ich ebenfalls daran dachte. Auf keinen Fall kam für mich Amerika in Frage, wenn schon, dann eher Kanada, weil ich es mehr als die USA mit Europa in Verbindung brachte. War es damals das erste Mal, dass ich mich so deutlich als Europäer empfand? Jedenfalls wollte ich nach Westeuropa fahren. Und der beste Ort schien mir die Bundesrepublik zu sein. Ich nahm sogar ein Jahr lang Privatstunden, um Deutsch zu lernen. Eine Folge der Pakete aus Nordrhein-Westfalen? Sicherlich auch.

Aus der DDR kamen keine Pakete. Es gab auch keine Kontakte zu den Bewohnern dieses seltsamen Landes, das wir damals nicht mehr als nah und freundlich empfanden. Während des Kriegsrechts bestand mein einziger Kontakt zur DDR in meinen Reisen von Chojna ins … 700 km entfernte Lublin. Dort wohnte mein Freund – ein mit einer Polin verheirateter Deutscher aus der DDR. Er erzählte mir, was damals in der DDR über Polen gesagt wurde, und dass in den Schulen der DDR für die Opfer der Solidarność in Polen gesammelt wurde. Offenbar hielt man mich nicht für solch ein Opfer, da ich kein Paket aus Ostdeutschland bekam.

Als ich in den 1980er Jahren daran dachte, zu emigrieren, kritisierte einer meiner Freunde diese Idee. Weil es doch Polen, Mickiewicz, und die Romantik gäbe… „Mit wem wirst du im Westen über all das reden können?“, fragte er. Und da wurde mir bewusst, dass die einzige Person, mit der ich in den letzten Jahren lange über die polnische Romantik, den Messianismus und Mickiewicz diskutiert hatte, mein deutscher Freund in Lublin war. Von all den vielen Bekannten, die dort an den beiden altehrwürdigen Universitäten studierten oder arbeiteten, hatte nur ein Deutscher Lust, mit mir über Mickiewicz zu reden…

Ich dachte lange daran, das Land zu verlassen. So lange, bis 1989 das politische Tauwetter einsetzte und der Runde Tisch begann. Genauso wie 1980 engagierte ich mich wieder über beide Ohren und vergaß die Emigration sehr schnell. Die Wiedergeburt des freien, demokratischen Polen nahm ich sehr persönlich. Ich fühlte mich, als wären mir Flügel gewachsen und ich ein neues Leben begänne. Ein wichtiger Moment war für mich in jenen Tagen Anfang 1990 ein Aufenthalt in Bonn und Düsseldorf, der von der Friedrich-Ebert-Stiftung ermöglicht worden war. Als Polen lernten wir von den Deutschen lokale Demokratie. Und obwohl dieses Praktikum nur zwei Wochen dauerte, brachte es sehr viel. Einen Monat nach meiner Rückkehr gründete ich gemeinsam mit Freunden eine Zeitung, die ich bis heute leite. Damals lernte ich auch einige wunderbare Deutsche kennen. Manche von ihnen sitzen heute auch in diesem Raum, sogar an diesem Tisch.

Zu jener Zeit war ich stolz darauf, dass die polnische Solidarność einen Impuls für die Revolution in ganz Mittel- und Osteuropa und zum Fall der Berliner Mauer gegeben hatte. Umso schmerzhafter empfanden wir die erneute Schließung der Grenze durch die Einführung der Visumspflicht, dieses Mal durch die Regierung des wiedervereinigten Deutschland. Das geschah am 3. Oktober 1990, also am Tag der deutschen Wiedervereinigung. Damals war ich bereits seit einem halben Jahr Herausgeber der Gazeta Chojeńska. Ich erinnere mich, wie ich auf der ersten Seite schrieb: „Ein Teil der Polen fürchtete die Expansion des mächtigen, wiedervereinigten Deutschlands; stattdessen wenden die uns nun den Rücken zu und schlagen die Küchentür zu. Schon seit fast einem Jahr war klar, dass die gefährlichste aller möglichen Folgen der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten für uns eine solche Form annehmen könnte, und nicht etwa die Form von mehr oder weniger vermeintlichen revisionistischen oder revanchistischen Handlungen. Zum Glück wurde die Visumspflicht einige Monate später wieder abgeschafft. Nicht ganz ohne Einfluss darauf war die starke Lobby der grenznahen Gemeinden auf beiden Seiten der Oder, für die ein großer, bis heute andauernder Handelsboom begann.

Auf deutschen Spuren

Wie reagierte ich in Chojna auf die andersartige architektonische Landschaft? Vor allem mit Interesse und Neugier. Von der Architektur der Gotik war ich schon immer fasziniert, vielleicht weil es in Lublin so wenig davon gibt. Für mich symbolisierte sie das Mittelalter – meine Lieblingsepoche, gerade deshalb, weil man so wenig darüber weiß. Und ich konnte es kaum fassen, als ich erfuhr, dass ganz in der Nähe von Chojna die Tempelritter – Quintessenz aller mittelalterlichen Geheimnisse – ihre Burgen hatten. Vom Lubliner Standpunkt aus gesehen sind die Tempelritter so exotisch wie Indianer: kleine Jungen lasen begeistert solche Bücher; aber dort zu wohnen, wo sie gelebt haben? In Chojna wurde das für mich zur Realität. Die gotischen Kirchen gefielen mir so sehr, dass ich sogar damit rechnete, dank ihrer meine religiösen Gefühle zu vertiefen. Das war zwar naiv, doch die Schwäche für gotische Kirchen ist mir geblieben.

Während meiner zahlreichen Spaziergänge durch Chojna und Umgebung stieß ich auf alte Bäume und überlegte manchmal, was sie in ihrem langen Leben wohl schon alles gesehen haben? Vor 300 oder 500 Jahren lebten in ihrem Schatten Menschen anderer Nationalität, mit einer anderen Sprache und anderen Bräuchen. Ich beneidete diese Bäume, weil auch ich gern wenigstens einen Augenblick lang mit Interesse das betrachtet hätte, was sie Jahrhunderte zuvor gesehen hatten.

Eines hat mich sicherlich enttäuscht. Ich rechnete damit, dass ich Spuren der Geschichte und von Menschen, die hier vor mir gelebt haben, auf den Friedhöfen finden würde. Doch leider fand ich den deutschen Friedhof in Chojna nicht mehr vor, auch nicht den jüdischen. Es stellte sich heraus, dass nicht immer und nicht für alle die Spuren der Geschichte so attraktiv waren, dass sie der Pflege wert gewesen wären. Lange Zeit symbolisierten sie für meine Landsleute das Fremde, das man auslöschen und vergessen musste. Im freien Polen konnte ich die Geschichte des Ortes, an dem ich lebe, dank der Erzählungen von Menschen, die vor mir hier gelebt hatten, endlich kennen lernen. Ich begann, in der Zeitung deutsche Erinnerungen zu veröffentlichen, auch solche aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Und eine der erhellendsten Erfahrungen meiner nun 17 Jahre währenden Arbeit als Redakteur waren die Reaktionen der Leser. Manche meiner Freunde befürchteten, die Reihe der aus dem Deutschen übersetzten Erinnerungen von Anfang 1945 Wie Königsberg zu Chojna wurde könnte negativ aufgenommen werden. Stattdessen lasen die Einwohner von Chojna sie wie eine faszinierende Krimiserie und konnten kaum die nächsten Folgen abwarten.

Die Schlacht bei Cedynia bzw. Zehden

Die Nachkriegseinwohner dieses Teils der Neumark lebten hier ein halbes Jahrhundert lang im Schatten eines Ereignisses aus dem Jahre 972, das jeder Pole von Kind auf als die Schlacht bei Zehden kennt. Man hat uns tief eingeprägt, dass es sich hierbei um eines der Fundamente des polnischen Nationalbewusstseins handele, ähnlich dem der 438 Jahre späteren Schlacht bei Tannenberg. In beiden Fällen ging es darum, dass sich die slawischen Polen dem ewigen teutonischen „Drang nach Osten“ erfolgreich entgegengestellt hatten.

Cedynia liegt nur zwanzig Kilometer von Chojna entfernt, kein Wunder also, dass ich mich für diesen Ort, von dem ich so viel in der Schule gehört hatte, interessierte. Aber ich wusste bereits, wie die kommunistische Propaganda die Geschichte verfälscht hatte. So suchte ich zu erfahren, wie es mit der Schlacht wirklich gewesen war. Die Kruste der Verlogenheit erwies sich als nicht besonders hart, denn sogar in den offiziell in der Volksrepublik Polen erschienenen Büchern (natürlich nicht in den Schulbüchern) fand ich viele Informationen, die das schwarz-weiße Bild der Anfänge der polnischen Staatlichkeit auflösten. Doch, eine solche Schlacht hat tatsächlich stattgefunden, aber vor 1000 Jahren gab es gar keine einheitlichen und gegensätzlichen Elemente des Slawischen und des Germanischen. Beide Seiten (wenn man damals überhaupt von der Existenz solcher Seiten sprechen kann) befanden sich in heftigen inneren Fehden. Im Mittelalter kämpften Polen vielleicht sogar öfter als gegen die Germanen gegen ihre „slawischen Brüder“, mit denen sie wohl noch blutiger um diese Gebiete rivalisierten. Nicht selten kämpften wir gegen Slawen an der Seite der Deutschen, mit denen die ersten polnischen Könige sehr viele Verbindungen eingegangen waren, auch eheliche und familiäre. Noch heute sind die meisten meiner Landsleute davon überzeugt, dass die hier vorhandenen alten slawischen Burgen polnische Burgen gewesen seien. Sehr schwach ist die Tatsache in das allgemeine Bewusstsein eingedrungen, dass wir als Polen diese slawischen (pommerschen) Burgen mit Feuer und Schwert erobert haben.

Dieses Wissen beeinflusste meine Sicht der Gegend, in der ich lebe, und auch meine Identität. Zum wiederholten Male erwies sich, dass „alles viel komplizierter ist als es scheint“.

Das Grenzgebiet heute

Eine ganz neue Etappe des Lebens an der Grenze, die fruchtbarste, die bis heute andauert, begann nach 1989, als schließlich wieder zwei freie Partner über die Oder hinweg nachbarschaftlich miteinander zu verkehren begannen. Seit über fünfzehn Jahren gibt es diese offene Grenze. Polen und Deutsche treffen sich, besuchen sich, reden miteinander, vielleicht noch nicht über alles, obwohl es manchen von uns bereits gelingt, nicht nur vom Hass, sondern auch von der Liebe zu sprechen… Die Realität im Grenzgebiet und die offizielle Realität der zwischenstaatlichen Beziehungen waren wohl noch nie so unterschiedlich wie heute. Mit Freude schauen wir zu, wie immer mehr Deutsche Polnisch lernen. Ich habe selbst Gelegenheit, dies zu erfahren, da ich seit beinahe drei Jahren an einem Tandemsprachkurs teilnehme, gemeinsam mit Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener Berufe. In deutsch-polnischen Paaren und Gruppen bringen wir uns gegenseitig die Sprache bei – sie uns die deutsche, wir ihnen die polnische. Wir tun dies nicht nur, indem wir Grammatik üben, sondern auch während wir am Lagerfeuer sitzen und ein Glas Wein trinken, gemeinsam singen oder Exkursionen unternehmen.

Mir gefällt die Feststellung, die ich kürzlich gelesen habe, dass der Kampf gegen die Ignoranz eine conditio sine qua non des europäischen Friedens sei. Die Polen wissen immer noch viel zu wenig über die Deutschen. Ein Ausdruck dessen ist z.B. die Ansicht, das Zentrum gegen Vertreibungen sei eine Idee, die von allen Deutschen unterstützt werde, oder – auf lokaler Ebene – die sog. „deutsche Seite“ suche nach dem Gedenkstein für Hitler im Tal der Liebe bei Chojna. Ich hoffe, dass die Deutschen sich nicht mit ähnlichen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen revanchieren und nicht der Meinung sein werden, alle Polen würden so denken wie die Gebrüder Kaczyński. Denn es gibt doch Polen, die – wie die Band T. Love, die auf ihrer vor einigen Monaten erschienenen Platte singt: „Den Glaubenswächtern und den Polen mit der Hymne sage ich leidenschaftslos ade“. Mit Sicherheit sind sie keine schlechteren Polen als diejenigen, von denen sie singen. Wenn man allerdings von Ignoranz spricht, muss man hinzufügen, dass die polnische Ignoranz sowieso nur ein flacher See ist im Vergleich zu dem Ozean an Unwissen vieler Deutscher zum Thema Polen und Mittelosteuropa.

Das Grenzland im Westen (Kresy Zachodnie)

Die gotischen Bauten zogen mich schon immer an und ich fühlte mich reicher als jene Polen in der Tiefe des Landes, die nicht jeden Tag sehen konnten, was ich sah. Sogar die Kanal­deckel in meiner Straße mit den Namen deutscher Vorkriegsfirmen waren etwas Besonderes. Mein Stolz beruhte auf dem Gefühl, dass ich jederzeit etwas haben konnte, worüber viele andere Polen nur lesen oder was sie bei einer Exkursion besichtigen können.

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht zu vertrauensvoll und offen reagiere? Oder vielleicht hat es etwas mit meiner Kindheit in Lublin zu tun? Vielleicht mit der Sehnsucht nach der Atmosphäre der Kresy? („Kresy“, Grenzland, eine Bezeichnung für die ehemaligen polnischen Ostgebiete, ein Wort, das keine Entsprechung im Deutschen hat, genauso wie es im Polnischen keine genaue Entsprechung für „Heimat“ gibt). Vielleicht ist das der Grund, weshalb mich die Ladenschilder in russischer Sprache im heutigen Lublin, und insbesondere in Tomaszów, Zamość oder Skierbieszów (wo der derzeitige Bundespräsident geboren wurde) nicht stören, sondern gefallen. Diese Schilder hängen dort aus genau denselben Gründen, aus denen in Chojna deutschsprachige hängen. Sowohl hier als auch dort wurden sie freiwillig von den Polen selbst angebracht.

Der zentrale Ort in Lublin heißt Litauischer Platz und dort steht das Denkmal der Union von Lublin. In diesem Ort meiner Kindheit sind Polen und Litauen 1569 eine Union eingegangen und bildeten für beinahe 230 Jahre einen der mächtigsten Staaten im damaligen Europa. Das Fürstentum Litauen bedeutete damals viel mehr als heute: es umfasste auch die heutige Ukraine und Weißrussland. In diesem Jagiellonenstaat lebten dank der Union von Lublin in den östlichen Kresy Polen, Litauer, Ruthenen (das heißt die heutigen Ukrainer und Weißrussen), Juden, und sogar Tataren und Armenier nebeneinander, verschiedene Völker, Sprachen und Religionen. Es fehlte natürlich nicht an Zerwürfnissen und Dramen, doch ausgerechnet dort finden sich, eben dank dieser Vielfalt, viele herrliche Quellen nicht nur der polnischen Kultur. Es ist klar, dass das Leben im praktisch national-unifizierten Polen ruhiger ist, zugleich aber auch langweiliger und farbloser. Deshalb war mir die Tradition der Jagiellonen immer lieber als die der Piasten. Zwar kennen wir heute eher den Mythos der östlichen Kresy als die Realität. Dieser Mythos aber ist immer noch sehr lebendig. Wird auch eine Kultur der westlichen Kresy mit ihrer ganzen Vielfalt entstehen?

Der Stettiner-Posener Historiker Jan M. Piskorski schrieb vor zwei Jahren: „Welche der Regierungen der EU-Staaten würde es heute fertig bringen, eine Erklärung abzugeben, die dem Bekenntnis des ungarischen Königs Stephan I. des Großen wenigstens in Ton und Inhalt ähneln würde? Er mahnte vor eintausend Jahren, man solle die Ausländer wie einen Schatz behandeln, denn sie bereicherten das Königreich, indem sie ihre Fähigkeiten und Sprachen mitbrächten. Wer würde sich mit ihm einverstanden erklären, dass der Staat umso reicher und widerstandsfähiger gegenüber Erschütterungen ist, je größer die Vielfalt?“

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska

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