Jüdisches Kulturerbe in Westpolen – niemandes Erbe?

Meine Heimat. Jüdische Spuren im Gebiet der Mittleren Oder

Im konventionell verstandenen Gebiet der Mittleren Oder (das sich in etwa mit dem Gebiet der heutigen Wojewodschaft Lubuskie deckt) sind ungefähr dreißig jüdische Friedhöfe sowie zehn Synagogen und Gebetshäuser erhalten. Heute gibt es nur noch im Lausitzer Żary [Sorau] eine organisierte jüdische Gemeinde, die ein Gebetshaus und einen Friedhof in einem abgeteilten Teil des Kommunalfriedhofs besitzt. Natürlich stehen die heute in Żary lebenden Juden in keiner Kontinuität mit der Vorkriegsgemeinde, denn sie kam erst nach 1945 dorthin.

Bis heute ist es schwierig genau zu bestimmen, wie viele jüdische Objekte sich im Gebiet der Mittleren Oder vor 1945 befanden. Die meisten jüdischen Friedhöfe erinnern nicht mehr an ihre ursprüngliche Bestimmung. Durch die ehemaligen Friedhöfe verlaufen Straßen (z.B. Międzyrzecz Wielkopolski [Meseritz]), sie sind bebaut (z.B. Sulechów [Züllichau] und Głogów [Glogau]), sie wurden zu Parks oder Grünanlagen umgestaltet (z.B. Nowa Sól [Neusalz]), bestenfalls sind es sich selbst überlassene, verlassene und zerstörte Nekropolen. Warum ist das so, obwohl die Friedhöfe im Unterschied zu den größtenteils während der Reichspogromnacht verwüsteten Synagogen im Grunde genommen ohne größere Zerstörungen den Zweiten Weltkrieg überdauert hatten?

Man muss feststellen, dass der heutige Zustand und die oft physische Liquidierung der jüdischen Friedhöfe aus der Vorkriegszeit die Polen belasten, die nach 1945 hiesige Landesherren wurden. Das Verhältnis zu den Friedhöfen war Teil der Politik der damaligen polnischen Behörden gegenüber dem deutschen Erbe in den nach dem Zweiten Weltkrieg dem polnischen Staat angeschlossenen Gebieten. In den Dokumenten der polnischen Verwaltung wurde meistens der Begriff „ehemals deutsch“ [poniemiecki] verwandt, mit dem alle vor 1945 entstandenen Objekte beschrieben wurden, also auch jene, die den jüdischen Gemeinden gehörten. Die Einstellung zu diesem Erbe gibt ein Dokument des Wojewodschaftsvereins für Kommunal- und Wohnungswirtschaft in Zielona Góra [Grünberg] von 1965 auf sehr gute Weise wieder. Hier ist von 875 geschlossenen und verlassenen Friedhöfen im Gebiet der Wojewodschaft Zielona Góra die Rede. (1) In demselben Dokument wird festgestellt, dass „die Aktion zur Aufräumung der Friedhöfe, abgesehen vom rein wirtschaftlichen Aspekt auch einen politischen hat, da sie der negativen öffentlichen Meinung in Polen und im Ausland entgegenwirkt.“ (2) Das „In Ordnung bringen“ der „ehemals deutschen“ – darunter auch jüdischen – Friedhöfe war meistens gleichbedeutend mit ihrer Liquidierung, die so wirksam war, dass heute fast keine Spuren übrig geblieben sind.

Die Grundlage für die Auflösung der Friedhöfe bildete das neue Gesetz von 1959 „Über Friedhöfe und die Bestattung der Toten“. Zwar stellte das Gesetz fest, dass „die Nutzung des Friedhofsgebiets (…) nicht vor Ablauf von 40 Jahren nach der letzten Totenbestattung auf dem Friedhof erfolgen kann“ (3), trotzdem wurden Ausnahmen genehmigt, wenn sie dem Gemeinwohl, der Staatsverteidigung oder der Notwendigkeit, nationale Wirtschaftspläne umzusetzen dienten.

So begann man mit der Liquidierung der „ehemals deutschen“ evangelischen, katholischen und jüdischen Friedhöfe. Im letzteren Fall wurde der Holocaust überhaupt nicht berücksichtigt, ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Friedhöfe mancher jüdischer Gemeinden in Gebieten lagen, die historisch mit Polen verbunden waren. Vermutlich trugen auch die antisemitische Hetze von 1968 in Polen und der Abbruch diplomatischer Beziehungen zu Israel zur Entstehung eines Klimas bei, das die Einebnung jüdischer Friedhöfe begünstigte. Als erster wurde 1966 der Friedhof der bereits 1280 in den Quellen erwähnten jüdischen Gemeinde in Glogau (Głogów) aufgelöst. (4) Ähnlich nahm man keinerlei Rücksichten auf die Geschichte bei der Entscheidung über die Abschaffung des jüdischen Friedhofs in Międzyrzecz Wielkopolski. Die Juden hatten mindestens 700 Jahre in dieser Stadt gelebt; der liquidierte Friedhof erinnerte noch an die Zeiten, als diese Stadt zur Ersten Polnischen Republik gehört hatte. Międzyrzecz Wielkopolski ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie die Ausnahmen des Gesetzes von 1959 „Über Friedhöfe und die Bestattung der Toten“ in der Praxis funktionierten. Der Friedhofsberg befand sich auf Schichten von Kies und das genügte, um infolge eines Antrags der damaligen Stadtbehörden von Międzyrzecz den Friedhof aufgrund einer Entscheidung des Ministers für Kommunalwirtschaft vom 17. Januar 1970 „zur Realisierung nationaler Wirtschaftspläne“ (5) frei zu geben und seine Einebnung zu genehmigen. Heute gibt es in der königlichen Stadt Międzyrzecz als letztes Andenken an die mehrere Jahrhunderte währende Anwesenheit der Juden nur noch die aus dem 19. Jahrhundert stammende Synagoge, die zu Handelszwecken zur Verfügung gestellt wurde, und eine einzige erhaltene Grabplatte im örtlichen Museum.

Manche Friedhöfe, wie beispielsweise der in Zielona Góra, wurden unter Verletzung der damals geltenden Gesetze aufgelöst, begleitet von verschiedenen kriminellen Affären wie Diebstahl und Verkauf wertvoller Grabplatten, in die nicht selten Vertreter lokaler Behörden verwickelt waren.

Am Beispiel des Friedhofs von Zielona Góra wird auch deutlich, auf welche Weise versucht wurde, die Geschichte einer gar nicht so weit zurückliegenden Zeit zu verfälschen. So kann man auf der Tafel, die von der Stadtverwaltung Zielona Góra im Jahre 2002 vor dem jüdischen Friedhof angebracht wurde, lesen, der Friedhof sei während der Reichspogromnacht von Nazi-Schlägertrupps zerstört worden. Es ist aber bekannt, dass dieser Friedhof, einer der schönsten jüdischen Friedhöfe im Gebiet der Mittleren Oder, bis zum März 1969 in gutem Zustand überdauert hatte. Vielleicht hing es mit dem Diebstahl der wertvollen Grabplatten zusammen, dass heute keinerlei Dokumente über den Grünberger Friedhof erhalten sind.

Zur größten Welle der Liquidierung „ehemals deutscher“, darunter auch jüdischer Friedhöfe kam es paradoxerweise in den 1970er Jahren. Das hing mit der Öffnung der Grenze zur DDR und einem vermehrten Touristenverkehr zusammen, der auch die aufgelassenen und zerstörten Friedhöfe erreichte. In einem Schreiben, das der Wojewodschaftsverein für Kommunal- und Wohnungswirtschaft in Zielona Góra an die untergeordneten Kreisämter schrieb, lesen wir: „Der nicht zufriedenstellende Zustand der Friedhöfe und ihr Aussehen sind eine sehr heikle Angelegenheit und rufen unnötige und negative, obwohl berechtigte Kommentare der Touristen hervor“. (6)

So wurde paradoxerweise das Tauwetter in den deutsch-polnischen Beziehungen, das mit dem historischen Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt und der Öffnung der Grenze zur DDR begonnen hatte, zur Hauptursache einer beschleunigten Zerstörung der Friedhöfe aus der Vorkriegszeit.

Die Öffnung des Grenzübergangs in Frankfurt/Oder – Słubice hatte katastrophale Folgen für das Schicksal der jüdischen Friedhöfe in Słubice [Frankfurt Dammvorstadt] und in Rzepin [Reppen]. Die politischen Entscheidungsträger in Zielona Góra befanden, dass es „im Zusammenhang mit der Öffnung des Grenzübergangs in Słubice und einer erheblichen Erhöhung des Touristenverkehrs im hiesigen Kreis unbedingt notwendig wird, die jüdischen Friedhöfe in Rzepin und Słubice umgehend zu liquidieren, insbesondere weil diese an der touristischen Hauptstraße liegen“. (7) Die Einebnung des jüdischen Friedhofs in Słubice führte zu einem enormen Verlust. Dieser Friedhof, der 1399 zum ersten Mal in den Quellen erwähnt wurde, diente als einziger in diesem Teil Europas die ganze Zeit über bis in die 1940er Jahre als Bestattungsort. Auf dem Friedhof befanden sich Gräber bedeutender Vertreter des jüdischen Volkes wie z.B. das des Rabbiners Teomin. Am 2. Juli 1999, zum 600. Jahrestag der ersten Erwähnung des Friedhofs, stifteten die Einwohner von Słubice und Frankfurt eine Gedenktafel am Ort des ehemaligen Friedhofs.

Die jahrzehntelange Politik der Beseitigung aller jüdischer Spuren in diesem Gebiet hat dazu geführt, dass heute die Juden im Alltagswissen der Einwohner der Mittleren Oder praktisch nicht mehr existent sind. Trotzdem bewirkten die heftigen Veränderungen nach 1989 in dieser Hinsicht noch etwas, denn die Geschichte dieser Region wird nun neu geschrieben. Und in ihr gibt es auch Platz für die ehemaligen jüdischen Mitbürger. Das Interesse für jüdische Kultur in der Region geht meistens von Einzelpersonen aus. Besonders wichtig ist, dass immer öfter Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichste Aktionen einbezogen werden. Vieles hängt dabei von den Lehrern, deren Ansichten und Fähigkeiten ab, die Schüler für die jüdische Problematik zu interessieren. Ein gutes Beispiel dafür ist Skwierzyna [Schwerin/Warthe], wo im Jahre 2002 die Schüler des dortigen Allgemeinbildenden Lyzeums gemeinsam mit Schülern des Mauritius-Gymnasiums in Büren bei Paderborn den größten jüdischen Friedhof in der Wojewodschaft Lubuskie teilweise rekonstruiert haben. (8) Die deutschen und polnischen Schüler arbeiteten nicht nur auf dem Friedhof, sondern besuchten auch gemeinsam das jüdische Viertel in Krakau und das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Am Ende der finanziell von der Ford Foundation unterstützten Arbeiten wurde eine wissenschaftliche Tagung organisiert und eine Publikation über die Juden von Skwierzyna herausgegeben. Seit dem Frühjahr dieses Jahres räumen die Schüler des Lyzeums aus Skwierzyna den in den 1970er Jahren zerstörten Friedhof in Bledzew [Blesen] auf. Bisher wurden 40 Grabsteine aus dem Boden geholt und die Anordnung der Friedhofsquartiere freigelegt. Die Übersetzungen der Epitaphe sind in Arbeit. Als Abschluss der Arbeiten sind eine wissenschaftliche Tagung sowie eine Publikation über den Friedhof vorgesehen.

Interesse für die Geschichte der Juden kann man auch in Zielona Góra finden. Im Januar 1999 organisierte die Wirtschaftsschule in Zielona Góra gemeinsam mit der Handelsschule aus Cottbus die Ausstellung „Juden im Gebiet der Mittleren Oder“. Die Ausstellung wurde in beiden Schulen gezeigt. Die SchülerInnen nahmen später an einer Exkursion nach Prag Teil, wo sie das jüdische Viertel besuchten. Schüler einer anderen Schule aus Zielona Góra (Vereinte ökologische Schulen) arbeiten seit dem Frühjahr 2005 an einer Rekonstruktion des 1969 zerstörten jüdischen Friedhofs. Die Arbeiten werden von einem Lehrer und einem Vertreter der Breslauer jüdischen Gemeinde geleitet. Bisher wurden 21 Epitaphe übersetzt und die geretteten Grabplatten ausgestellt.

Das große Interesse für die jüdische Problematik in Zielona Góra führte zur Gründung der Lebuser Stiftung Judaica. Im Juni des Jahres 2006 organisierte die Stiftung zum ersten Mal Tage der Jüdischen Kultur in Grünberg. Diese Veranstaltung soll jährlich stattfinden und die jüdische Kultur bekannt machen. Eines der Stiftungsziele ist die Erarbeitung eines Reiseführers Jüdische Spuren im Gebiet der Mittleren Oder. Dies ist jedoch keine leichte Aufgabe, denn wir wissen noch zu wenig und die bisher sichergestellten jüdischen Objekte sind noch nicht allzu umfangreich. Aber es ist erfreulich, dass nach Jahren des Stillstands, der Geschichtsfälschung und der Zerstörung noch vorhandener Spuren, jetzt die Hoffnung besteht, die Spuren neu zu lesen und diese Ermittlungen bekannt zu machen. Es liegt auf der Hand, dass die Arbeiten, deren Ziel darin besteht, den Juden ihren Platz in der Geschichte der Region wiederzugeben, auf beiden Seiten der Oder geführt werden müssen. Polen und Deutsche sind das den Juden schuldig, allein schon deswegen, weil hier heute kaum noch Juden leben.

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska

 

(1) Diese Wojewodschaft gab es bis 1975. Das Gebiet deckt sich in etwa mit der heutigen Wojewodschaft Lubuskie und dem umgangssprachlichen Begriff „Mittlere Oder“.

(2) Staatsarchiv in Zielona Góra, Abt. für Kommunalwirtschaft, Nr. WZ GKM-VII/19/7/65.

(3) Gesetzbuch Nr. 11, Pos. 62, Art. 6 von 1959.

(4) The Encyclopedia of Jewish Life. Before and During the Holocaust, New York, Jerusalem 2001, Bd. I, S. 434.

(5) Staatsarchiv in Zielona Góra. Präsident des Nationalen Wojewodschaftsrates in Zielona Góra. Abteilung für Kommunalwirtschaft. Verordnung des Ministers für Kommunalwirtschaft Nr. VZ-c/I/3/70.

(6) Staatsarchiv in Zielona Góra. Präsident des Kreisnationalrates in Zielona Góra, Sign. 1317.

(7) Staatsarchiv in Zielona Góra: Präsident des Wojewodschaftsnationalrates. Abteilung für Kommunalwirtschaft. Sign. 3484 und 3486.

(8) Der jüdische Friedhof in Skwierzyna ist das größte Objekt dieser Art in der Wojewodschaft Lubuskie. Nach der Rekonstruktion des Friedhofs, die im Juni 2002 stattgefunden hat, erfasst seine Fläche 2,23 ha mit 247 Grabsteinen. Der älteste stammt aus den Jahr 1736 (siehe Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau).

Beiträge aus der deutsch-polnischen Grenzregion

Vielleicht interessieren Sie sich für einen der aktuellen Beiträge aus der deutsch-polnischen Grenzregion: