Heimatbrief Weststernberg - eine Zeitung auf Spurensuche

Kaum hatte Europas wind of change, die kräftige Brise osteuropäischen Wandels, die Oderufer erreicht, da regte sich auch im rasch anwachsenden „Heimatkreis Weststernberg e.V.“ der Wunsch nach einer eigenen Zeitung. Niemand wusste so richtig, wie ein solches Blatt aussehen sollte – nachahmenswerte Vorbilder jedenfalls gab es nicht zu jener Wendezeit im noch schütteren Blätterwald der so genannten „Vertriebenen-Presse“. Nur in einem waren sich Vorstand und Verein schnell – vielleicht zu schnell – einig: HEIMATBRIEF muss sie heißen – die erwünschte, regelmäßig erscheinende Heimatzeitung für die ehemaligen deutschen Bewohner des heute polnischen Landstriches zwischen Czarnów (Schernow) im Norden und Krzesin (Kräsem) im Süden sowie zwischen Świecko (Schwetig) im Westen und Drzewce (Leichholz) im Osten.

Als einzig ernstzunehmenden Ratgeber entdeckte ich damals, im Herbst des Jahres 1995 im „Zentralen Zeitungsarchiv“ im Berliner Westhafen, eine alte Ausgabe der West-Sternberger Zeitung vom 1. Juli 1928. „Heimatzeitungen ...“, hieß es da in einem Artikel aus der Feder des Lehrers und zu jener Zeit anerkannten neumärkischen Heimatforschers Gustav Märker, „... sind auch von großem Wert für das Geistesleben ihrer Leser, ihrer Heimat und sie geben der Heimatforschung eine Stimme.“

Ein gut klingender Ratschlag – auch wenn sich dieser Fingerzeig damals an eine andere Heimatpresse richtete und nicht jenen Heimatblättern galt, die in den Nachkriegsjahren als Sprachrohr der Vertriebenen ihre Stimme erhoben. Dennoch – der Weststernberger HEIMATBRIEF sieht in der Märker-Empfehlung den auch heute gültigen und anspruchsvollen Auftrag, dem Nachfahr die Zeit der Vorfahren lebendig zu machen, das Gestern östlich der Oder für das Morgen – vor allem aber für das Heute – am Westufer zu bewahren.

Das aber kann eine Heimatzeitung authentisch nur mit Zeitzeugen bewältigen – mit Menschen der so genannten Erlebnisgeneration. Je enger der Kontakt der Zeitung zu diesen Weststernbergern wurde, so ergiebiger und informativer gestalteten sich deren Erinnerungsberichte. Sie führten schließlich zu einer neuen Rubrik – zu den Ortsbildern und Ortsplänen als Titelgeschichte des einen oder anderen Heftes. Gründliche Archivstudien liefern die historischen Fakten zur Geschichte der jeweiligen Orte – die persönlichen Erinnerungsberichte dagegen widerspiegeln episodenhaft das soziale und kulturelle Dorfleben zur damaligen Zeit. Natürlich dominiert in diesen persönlichen Erinnerungen – nicht selten auch nostalgisch verklärt – die Heimatliebe, zehrt doch gerade sie in der Fremde von der Erinnerung. Das Erinnern ist jedoch zunächst nur wie ein Blick in den Rückspiegel – zukunftslos. Daher galt es einen zweiten Ratschlag zu beherzigen: diese Heimatliebe durch das Gespräch mit den Heimatfreunden als Motiv für eine fundiertere Überlieferung zu nutzen. Auch sie schöpft aus der Vergangenheit, aber sie hat die Zukunft im Blick, denn ihr Ziel ist Spurensuche und Dokumentation.

Spurensuche – wenn dieser Begriff in der Verbindung mit den Begriffen Heimatkreis und HEIMATBRIEF auftaucht, dann liegt natürlich bei den meisten der logische Schluss nahe: „Aha, die suchen – wie all die anderen Deutschen auch – nach den Spuren jener, die einst in dieser Region bis 1945 zuhause waren!“ Doch dieser Schluss ist gewissermaßen ein Kurzschluss – zumindest was die Spurensuche angeht, die wir seit nunmehr 11 Jahren verfolgen.

Zugegeben – zu Beginn einer jeden Spurensuche ist es wohl verständlich, dass man zunächst ein wenig nervös und ziellos im Gelände herumstochert. Das um so mehr, wenn man sich wirklich nur auf die Wünsche und Absichten – und ich füge hinzu – auf die ja auch durchaus verständlichen Wünsche und Absichten – jener Heimatfreunde beschränkt, die nach Spuren ihrer Kindheit, dem einstigen Elternhaus, der ehemaligen Schule oder nach dem Grabstein der Großeltern suchen.

Unsere Spurensuche ist aber keinesfalls nur ins Gestern gerichtet. Von Anbeginn wollten wir gleichermaßen Bekanntschaft schließen mit all dem Alten, was noch erhalten blieb von den Spuren deutscher Vergangenheit an Ilanka und Pliszka, aber auch mit all dem Neuen, das sich mittlerweile entwickelte zwischen Rzepin und Ośno im einstigen Sternberger Land. Das nicht minder wichtige Anliegen war und ist der Brückenschlag über die Oder, die Kontaktsuche und Gesprächsaufnahme mit jenen Polen, die heute – und das nun bereits seit 60 Jahren – im Sternberger Land ihre neue Heimat fanden.

Aus dieser Absicht ergaben sich zunächst zwei ständige Rubriken in unserem HEIMATBRIEF, die anfangs durchaus nicht nur mit einmütigem Verständnis aufgenommen wurden. Das war einmal die Rubrik HEIMATBRIEF-Interview – in jeder Ausgabe ein Gespräch mit einer polnischen Persönlichkeit (Minister, Landrat, Bürgermeister, Polizist, Förster, Heimatforscher, Lehrer, usw.) aus der Region zwischen Słubice, Gorzów bis nach Zielona Góra. Mittlerweile haben wir 48 polnische Persönlichkeiten vorgestellt. Mit diesen Interviews beabsichtigen wir vor allem, unsere einstigen Weststernberger mit jenen Menschen und auch ihren Problemen bekannt zu machen, die heute – ausgerüstet mit hoher Bildung und fachlicher Sachkompetenz – die Geschicke des einstigen Sternberger Landes lenken und leiten. Diesem Ziel diente auch, dass wir jeden Gesprächspartner persönlich vorstellten mit einem Foto und einem tabellarischen Lebenslauf.

Der zweiten Absicht unserer Spurensuche entsprang die Rubrik Berühmte Ost-Brandenburger – eine Serie, die eigentlich in zwei Richtungen zielt. Viele Gespräche bestätigten mir meine eigene Kindheitserfahrung, dass für die meisten Weststernberger mit der „alten Heimat“ eigentlich nur ihr einstiges Heimatdorf oder die Heimatstadt gemeint war. Wer nutzte in jener Zeit schon seine Ferien zu einem Besuch der Warthestadt Landsberg-Gorzów, um den dortigen Pauckschbrunnen zu bestaunen? Wer fuhr mit seinem Fahrrad – falls er eines besaß – als 10- oder 15-jähriger durch das Schwedter Tor im neumärkischen Königsberg-Chojna? Wer wusste im kleinen Seefeld – das heute Sienno heißt – von der großen Anzahl kulturhistorischer Denkmäler oder den großen Köpfen in Kultur und Wissenschaft im engeren oder weiteren Umkreis seines Heimatortes?

Den meisten waren sie unbekannt – der jüngste Schulmeister aus Klein Rade-Radowek Wilhelm Posselt, der als erster deutscher Missionar der Berliner Missionsgesellschaft im südafrikanischen Natal wirkte, der Nobelpreisträger Prof. Gerhard Domagk aus dem idyllischen Lagow, der als Wegbereiter der modernen Chemotherapie gilt und mit seinen Erfindungen Tausende vor den infektiösen Menschheitsplagen Sepsis, Kindbettfieber, Ruhr und Tuberkulose rettete oder der erste und einzige deutsche Schachweltmeister Emanuel Lasker aus der Neumarkperle Berlinchen-Barlinek. Dankbar wurde sie daher angenommen – unsere ständige Serie Berühmte Ost-Brandenburger und viele Heimatfreunde regte sie dazu an, nun heute die für sie plötzlich größer gewordene alte Heimat neu zu erkunden.

Aber die Frage, wer im kleinen Seefeld, das heute Sienno heißt, von der großen Anzahl kulturhistorischer Denkmäler oder den großen Köpfen in Kultur und Wissenschaft im engeren oder weiteren Umkreis seines Heimatortes wusste – diese Frage lässt sich natürlich auch umkehren in: Wer weiß denn heute im kleinen Sienno von diesen großen Köpfen in Kultur und Wissenschaft aus dem engeren oder weiteren Umkreis seines Heimatortes?

Und hinter dieser Frage verbarg sich Absicht zwei unserer Spurensuche: In aller Bescheidenheit und Zurückhaltung wollten wir mit unseren HEIMATBRIEF-Beiträgen helfen, die heutigen Einwohner mit der Vergangenheit ihrer Heimat bekannt zu machen und ihnen auch das Gefühl vermitteln helfen, dass sie stolz darauf sein können, in einer Region zu leben, aus der kluge Menschen stammen, die sehr viel in Medizin und Wissenschaft und überhaupt zum Fortschritt beitrugen, von dem auch sie heute profitieren.

Dass wir damit einen guten Weg gingen und gehen, bewiesen uns die Zustimmung und Ermunterung, die wir von Geschichtslehrern – übrigens auch Deutschlehrern – aus Rzepin, Górzyca, Ośno und sogar aus Świebodzin und Sulechów erhielten. Vor allem beeindruckten mich die Schüler der Gymnasien in Ośno Lubuskie und in Górzyca mit ihrem völlig vorurteilslosen Interesse für die deutsche Vergangenheit ihrer polnischen Heimat.

Spurensuche führt natürlich immer zu Erkenntnisgewinn – zu erfreulichen aber leider auch zu schmerzlichen Erkenntnissen. Das beweisen sehr anschaulich zwei Gedenksteine. Der eine Stein steht an der Ilanka in Rosiejewo, einst Pulverkrug, in einem Ort, den es heute nicht mehr gibt. Bis 1945 stand an der Eilang in Pulverkrug eine der modernsten Papierfabriken Brandenburgs. Gegründet hatte sie 1539 der Kurfürst, um das an der Viadrina benötigte Schreibpapier zu produzieren. 1939 stellten die Pulverkruger zum 400. Jahrestag des Bestehens dieser Papierfabrik einen Gedenkstein auf, der ab 1945 verschwunden war. Unsere Spurensuche führte uns diesmal nicht nur an, sondern in die Eilang, aus der wir dann tatsächlich diesen 6-Tonnen-Findling mit schwerer Technik bergen konnten.

Mit Unterstützung der Słubicer Stadtverwaltung und dem Kulturamt der Wojewodschaft in Gorzów-Landsberg versahen wir diesen Stein mit einer deutsch-polnischen Schrifttafel, ein deutscher Pfarrer und ein polnischer Priester weihten ihn unter dem Hörnerklang einer Rzepiner Jagdbläsergruppe am 22.September 1997 als Gedenkstätte am Ilanka-Ufer ein. Dieser Stein verkörpert also auch direkt ein Stück Geschichte der heutigen Europa-Universität.

Nur diese heutige Viadrina nahm trotz damaliger Einladung zur Einweihung keinerlei Notiz von dieser kleinen Gedenkstätte, diesem Lesezeichen eigener Universitätsgeschichte – am Ilanka-Ufer. Noch trauriger verhält es sich mit dem Gedenkstein für den Dichter Ewald von Kleist in Kunowice. Nach langer und aufwendiger Spurensuche unter Beteiligung polnischer und deutscher Heimatforscher setzten wir diesen Stein – gemeinsam mit der Stadtverwaltung in Słubice – am 11. September 1999 in unmittelbarer Nähe jener Stelle, an der am 12. August 1759 Ewald von Kleist in der Kunersdorfer Schlacht tödlich verwundet wurde. Auch dieses Ereignis wurde von offizieller deutscher Seite – sowohl vom Kleist-Museum als auch von der Stadt Frankfurt –, obgleich es sie keinen Pfennig gekostet hätte, ignoriert.

Spurensuche kann aber auch schön sein. Im Herbst 1996 entdeckte ich unweit der Kirche in Bobrówka-Biberteich unter dem Herbstlaub versteckt einen arg mitgenommenen Taufstein aus dem Jahre 1733, der 1913 als geschütztes Denkmal der Mark Brandenburg ausgewiesen worden war. Mit Hilfe des Heimatkreises Weststernberg, des polnischen Steinmetzes Marian Zieliński aus Reppen und dem polnischen Pfarrer aus Boczów konnte dieses barocke Kunstwerk liebevoll restauriert werden. Und dann kam der 17. April 1999. Polnische Einwohner von Bobrówka und deutsche Einwohner von Biberteich saßen an diesem Aprilsonntag gemeinsam in einer Kirchenbank, als Pfarrer Józef Pietrzak den alten restaurierten Taufstein an seinem ursprünglichen Platz in der Kirche von Bobrówka in einem ökumenischen Gottesdienst wieder einweihte.

Bei all unserem Anspruch, eine vielseitige und informative Heimatzeitung zu sein, kann aber der HEIMATBRIEF Züge einer Vereinszeitung nicht leugnen. Neben den Heimaterinnerungen, den Dokumentationen, Porträts und auch mehreren Leserbriefseiten veröffentlicht der HEIMATBRIEF in jeder Ausgabe Termine, wirbt für Heimattreffen der einzelnen Ortsgemeinschaften, druckt Familienanzeigen sowie Geburtstagsseiten ab und enthält auch jeweils die recht umfangreiche Liste der Verstorbenen. Und dann sind da noch die Suchmeldungen. Nicht immer folgt ihnen das erwünschte und erhoffte Echo, aber es stimmt immer wieder froh, wenn dann doch getitelt werden kann: „Nach 52 Jahren zwei Schwestern wieder gefunden“ – „Durch den HEIMATBRIEF Freundin wieder gefunden“ – „HEIMATBRIEF bewirkt Wiedersehen“. Eine andere Art Spurensuche?

Unsere Spurensuche – so wie wir sie im Heimatkreis betreiben –, die ja bei allem Bemühen um Objektivität auch emotional gefärbt ist, wird es so wohl nicht mehr lange geben. Denn ich glaube, diese Art der Spurensuche ist gebunden an die sogenannte Erlebnisgeneration. Wenn es die Spurensucher dieser Generation nicht mehr gibt, dann wird die Suche nach Vergangenem einerseits schwieriger werden, weil das Wissen um bestimmte ortsbezogene Ereignisse und Lokalitäten fehlt. Andererseits kann es durchaus sein, dass manches Gefundene durch eigentlich emotional unbeeinflusste Spurensucher nüchterner und sachlicher beurteilt und eingeordnet wird. Und vielleicht – und das wäre natürlich sehr schön – vielleicht werden dann die neuen Spurensucher die heutigen Gymnasiasten aus Rzepin und Ośno sein.

Schließen möchte ich mit einem Brief aus Polen – aus Rzepin: „Der HEIMATBRIEF hilft mir“, schreibt Frau Rosotek aus Rzepin, „die Vergangenheit und Geschichte meiner Heimat im Lebuser Land kennen zu lernen! Besonders spürte ich das auch während zweier Seniorenfahrten, die nach Kloppitz-Kłopot, dem Ort des Storchenmuseums, zum Pleiskehammer-Pliszka, nach Sternberg-Torzym, Görbitsch-Garbicza, Matschdorf-Maczków und zur Steinfahrt-Nowy Młyn führten. Über alle diese Orte haben Sie im HEIMATBRIEF berichtet und ich konnte daher den Senioren viele interessante Dinge über die Geschichte dieser Orte erzählen. Dafür danke ich Ihnen.“

18./19. November 2006, Collegium Polonicum (Konferenz: Was ist Heimat?)

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