HeimatReisen: Die Erinnerung fährt mit – auf Spurensuche jenseits der Oder

Es gibt viele Gründe zu reisen. Der Wunsch nach Erholung ist einer. Auch die Suche nach Abenteuern, die Neugier auf fremde Kulturen, der Reiz exotischer Landschaften oder eine Einladung von Freunden vermögen den Menschen in die Ferne zu locken. Manchmal aber ist die eigene Biographie Anlass zu einer Reise. In den letzten Jahren sind tausende Deutsche nach Polen aufgebrochen, um die Stätten ihrer Kindheit oder die Heimat ihrer Vorfahren zu besuchen. Auch Familie Beil hätte wohl nie einen Ausflug ins westpolnische Dorf Lemierzyce unternommen, wenn nicht der Großvater vor dem Krieg dort als Oberförster gearbeitet hätte.

Die Vorgeschichte

Mit Mitte sechzig hat Albrecht Beil endlich die Zeit, sich der Geschichte seiner Familie zu widmen. Vieles liegt im Verborgenen. Die Erinnerung reicht bis in die Kindheit in Berlin zurück, dann reißt die Erzählung ab. Der Vater, vom großen Krieg traumatisiert, hat das Vergangene verdrängt. Lediglich Briefe der Mutter an Freunde geben den Hinterbliebenen spärlich Auskunft über das Leben ihrer Eltern. Über die Großeltern ist wenig bekannt, von deren Vorfahren ganz zu schweigen. Ein paar Fotos, Schriftstücke und Anekdoten der Tante, mehr Zeugnis ist nicht geblieben. Oder doch?

Während der Luftangriffe auf Berlin wurde Albrecht Beil häufig mit seinen älteren Geschwistern zu den Großeltern nach Limmritz bei Sonnenburg geschickt. Er war damals keine sechs Jahre alt. Alte Fotos zeigen die Kinder mit Gänsen vor der großen Scheune der Oberförsterei. Als auch Limmritz nicht mehr sicher ist, werden sie nach Süddeutschland verbracht. Die Großeltern fliehen im Winter 1944/45 vor der sich schnell nähernden Front. Seitdem ist niemand aus der Familie wieder dort gewesen. Das Dörfchen am Warthebruch liegt östlich der Oder, die nach dem Krieg zum Grenzfluss wurde. Aus Limmritz wurde Lemierzyce. In die von den Deutschen verlassen Häuser zogen Polen ein.

Steht das Gehöft noch? Gibt es Unterlagen über die Oberförsterei aus der Dienstzeit des Großvaters? Ließe sich womöglich das Grab der im Sommer 1944 verstorbenen Großmutter in Lemierzyce ausmachen? Albrecht Beil wandte sich mit diesen Fragen an die Studenteninitiative HeimatReisen in Frankfurt/Oder, auf die er während seiner Recherchen zu Limmritz und der Neumark gestoßen war. HeimatReisen spürte die alte Oberförsterei in Lemierzyce auf, heute Wohnhaus für vier Familien, und erbat bei den Bewohnern den Besuch der Familie Beil. Erkundungen im Bezirksarchiv und beim Bürgermeister wurden eingeholt und für den Ausflug ein studentischer Reisebegleiter und Übersetzer gestellt.

Die Anreise

Im August 2005 fuhr Albrecht Beil in Begleitung seiner Frau und seiner drei Geschwister nach Lemierzyce. Es wurde eine Reise in die deutsche Geschichte und polnische Gegenwart der Region. In Ośno, auf deutsch Drossen und einst Hauptstadt des Sternberger Landes, sprach ein älterer Herr die flanierenden Touristen an. Ohne jeglichen Vorwurf, fast stolz erzählte er in gebrochenem Deutsch von seiner Zeit als Zwangsarbeiter in der Nähe von Kiel. Auch in Słońsk sind die deutschen Spuren nicht zu übersehen, weder die lichten noch die dunklen. Weithin sichtbar erhebt sich der Glockenturm Schinkels über dem Dach der Johanniterkirche. Am Ortsausgang erinnert eine Gedenkstätte an die Verbrechen im 1933 eingerichteten Konzentrationslager Sonnenburg.

Frühere Kontakte mit Deutschen

In Lemierzyce wurden Beils von den Bewohnern der Oberförsterei freundlich empfangen. Offensichtlich waren sie nicht die ersten Deutschen, die hier nach Spuren ihrer Vorfahren suchten. Schon in den 1970er und 1980er Jahren, so erfuhren die Gäste, habe ein enger Kontakt zwischen einem Bonner Ehepaar und der Familie des polnischen Oberförsters Jandziszak bestanden, der bis heute mit seiner Frau in dem Haus lebt. Die Dame aus Bonn, angeblich ebenfalls Enkelin des deutschen Oberförsters, blieb zunächst ein Rätsel. Bis zu ihrem Tod sei sie fast jährlich zu Besuch gekommen und habe in dieser Zeit sogar polnisch gelernt.

Auch die Nachbarn hatten schon mehrmals deutsche Gäste und hießen Beils willkommen. Zu keiner Zeit mussten etwaige Ängste abgebaut oder Befürchtungen widerlegt werden. Vielmehr verwiesen die Familien stolz auf ihre freundschaftlichen Beziehungen, zeigten Fotos, Einladungen und Briefe von Deutschen, die zum Teil in holprigem Polnisch verfasst waren.

Gastgeschenke

Nach den ersten Aufregungen und der Besichtigung des Anwesens lud Frau Jandziszak zu Kaffee und Kuchen im Freien. Die aus Hessen und Baden-Württemberg angereisten Beils überreichten deutsche Weine an ihre polnischen Gastgeber. Eine Flasche wurde gleich geöffnet. Ein geeignetes Gastgeschenk waren die Aufnahmen von Limmritz aus der Vorkriegszeit. Die mitgebrachten Fotografien erwiesen sich als große Verständigungshilfe bei einzelnen Gesprächen, denn bei fünf deutschen Gästen und sieben Polen konnte der Reisebegleiter nicht überall gleichzeitig dolmetschen. Anhand von Fotos konnte auch das Rätsel der Bonner Dame gelöst werden. Es stellte sich heraus, dass der Großvater der Dame ein Vorgänger von Oberförster Beil gewesen sein musste, also noch vor 1920 in Limmritz gelebt hatte.

Die gemeinsame Erzählung

Unter der Esche im großen Garten gingen die Geschichten in einander über. Kindheitserinnerungen der Beils an die Aufenthalte in Limmritz wechselten sich mit Erzählungen der Jandziszaks ab, die von ihrem langen Weg nach Lemierzyce berichteten. Aus der Gegend um Lemberg kommend, hatte die Familie mit den neuen Grenzziehungen nach dem Krieg Haus und Hof verloren, denn die polnischen Ostgebiete fielen an die Sowjetunion. Die Jandziszaks hatten keine Wahl. Sie strandeten zunächst im zerstörten Gubin. Jahre später fand er die Arbeit in der Oberförsterei. Władysław mochte den Wald lieber als das Gewehr, erklärte seine Frau.

Auch im nächsten Sommer gibt es für Familie Beil wieder einen Grund nach Polen zu reisen. Dann haben die Geschwister eine Einladung von Freunden.

Frankfurt (Oder), Dezember 2005

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