Symbole der nationalen und konfessionellen Minderheiten in der Kulturlandschaft Westpommerns

Die politische Wende von 1989 hatte Auswirkungen auf die polnische Politik im Umgang mit nationalen und ethnischen Minderheiten. Das Schlagwort von der Schaffung einer Zivilgesellschaft und die Wertschätzung nationaler Minderheiten im gesellschaftlichen Leben standen am Anfang dieser Neuorientierung. Nach offiziellen Aussagen der Regierung, sollte diese Politik „den Vertretern nationaler Minderheiten die ihnen zustehenden Rechte sichern” und „zur Stärkung des Geistes von Toleranz und interkulturellem Dialog mit dem Ziel gegenseitiger Achtung, Verständigung und Zusammenarbeit“ beitragen (1). Kritiker dieser Politik bewerteten sie jedoch als inkonsequent und wiesen hauptsächlich darauf hin, dass eine rechtliche Definition der nationalen Minderheit fehle sowie dass trotz verschiedener Anläufe kein Minderheitengesetz verabschiedet wurde.

Wichtig in der neuen gesellschaftlich-politischen Wirklichkeit wurde die Frage nach einer größeren Präsenz der Minderheit in der symbolischen Sphäre. Pluralismus und Meinungsfreiheit vergrößerten die Chancen, der eigenen Überzeugung und dem eigenen Selbstverständnis Ausdruck zu verleihen. Das betraf auch die Sphäre der Symbole. Orte, Menschen und Ereignisse, die für die Minderheitengruppen von besonderer Bedeutung waren, sollten erneut hervorgehoben, gekennzeichnet und in das gesellschaftliche Gedächtnis aufgenommen werden. Einige solcher Initiativen stießen teils bei der Mehrheit, teils bei anderen Minderheitengruppen auf Widerspruch. Im folgenden wird untersucht, welche Symbole nationaler und konfessioneller Minderheiten sich in Westpommern etablieren konnten. Dabei werden sowohl der historische Kontext als auch die zeitgenössische Relevanz dieser Erscheinungen beleuchtet.

Geschichte und Symbole der Minderheiten in Westpommern von 1945-1989

Das Land im Westen und Norden wurde nach dem Zweiten Weltkrieg polnisches Staatsgebiet. Diese Landschaft war für lange Jahre durch die deutschen kulturellen Hinterlassenschaften geprägt, sichtbar an der Bebauung und ihrer Struktur, wie auch am Aussehen einzelner Häuser oder einzelner Elemente des täglichen Lebens (deutsche Brunnen oder Kanaldeckel, deutsche Inschriften auf den Gleisanlagen, an Gebäuden usw.).

Während des ersten Jahrzehnts dominierten die Anstrengungen zur Entfernung deutscher Spuren. So konnte man beispielsweise in Stettiner Zeitungen lesen: „Deutsche Inschriften und Müll müssen aus den Strassen Szczecins verschwinden” (2) oder „In Polen ist kein Platz für euch” (3). Die Literatur zu diesem Thema zeigt, dass das deutsche Kulturerbe von den polnischen Bewohnern Westpommerns abgelehnt wurde, zumeist mit dem selbstverständlichen Gefühl, alles Deutsche sei feindlich. Als Konsequenz dieser Einstellung kam es zur Zerstörung aller materiellen Zeichen, die mit den ehemaligen Bewohnern dieser Landesteile verbunden waren. Historische Inschriften an Baudenkmälern wurden übermalt, deutsche Friedhöfe zerstört (4), Gedenktafeln und Denkmäler vernichtet (5). Im gesellschaftlichen Bewusstsein herrschte eine „magische Rachsucht an allen ehemals deutschen Gegenständen – Möbeln, Holzverkleidungen, Beschlägen, Tapeten” (6). Mit der Vernichtung der deutschen Spuren waren sowohl die Regierenden, als auch die Mehrheit der Gesellschaft einverstanden, die römisch-katholische Kirche eingeschlossen. In einer Untersuchung des Schicksals sakraler Denkmäler zeigt Pfarrer Roman Kostynowicz wie radikal protestantische Gotteshäuser in römisch-katholische Kirchen umgestaltet wurden: „Es war (...) eine Zeit der allgemeinen Zerstörung von Kultusgegenständen, die den beweglichen Denkmälern viel Schaden zugefügt hat. Teile der ehemals protestantischen Innenausstattung wurden abgerissen, weggebracht oder verändert und dadurch entwertet oder zerstört. Bei dieser Gelegenheit wurden auch mittelalterliche Objekte, wie Altäre, Skulpturen, Malereien zerstört”.

Untersuchungen zeigen, dass die Ablehnung des vorgefundenen Kulturerbes und dessen Schutz vor allem von zwei Faktoren abhing: vom Umfang dieser kulturellen Hinterlassenschaften und von den politischen Umständen. Naturgegebenheiten und gesellschaftlich-wirtschaftliche Bedingungen spielten eine untergeordnete Rolle. Im Polen der Nachkriegszeit herrschte generell eine antideutsche Politik. Im Rahmen der intensiven Angleichung der Region Westpommern an die übrigen Landesteilen wurde häufig die Vergangenheit verdrängt oder ignoriert.

Der für die Mehrzahl der neuen Bewohner fremde Kulturraum sollte durch die Symbolik der Mehrheit geprägt werden. Nach Bogdan Twardochleb spielte hierbei die offizielle, eindeutig antideutsche Propaganda eine bedeutende Rolle: „Im westlichen Grenzgebiet schuf sie einen Verteidigungsmythos ähnlich dem in den polnischen Ostgebieten, außerdem unterstützte sie alle Handlungen, die das neue Territorium sakralisierten.” (7) Zum Allgemeingut sollten Parolen werden wie die folgenden: „Wir waren, wir sind, wir werden sein”, „Die Kirche kehrte hierher zurück, denn Polen war zurückgekehrt” (8), oder Denkmäler, wie das in Szczecin: „Die Errungenschaft der Polen“ mit seinen drei Adlern. Die polnische Kultur wurde zur dominierenden, zum „grundlegenden kulturellen Muster”, zur einzig rechtmäßigen Kultur in diesen Gebieten. (9)

Dieser Unifizierungsprozess der neuen Gebiete dauerte bis in die 1960er Jahre, danach – so hieß es: „war der Prozess der Vereinigung der wiedergewonnenen Gebiete mit dem Mutterland beendet. Die Grundlagen für ein einheitliches Wirtschaftsystem, in dem die einzelnen Landesteile ein harmonisches Ganzes bildeten, waren gelegt. In politischer Hinsicht war der Unterschied zwischen den ‚alten’ und den ‚neuen’ Ländern vollständig verschwunden”.

Die offizielle Stellung der nationalen Minderheiten in der Nachkriegsrealität Pommerns wurde durch die Regierungspolitik bestimmt. Andrzej Chodubski betont, dass die Ziele der Nationalitätenpolitik in Westpommern vollständig der Strategie zur Integration dieser Region in das restliche Staatsgebiet untergeordnet waren. Dadurch sollte eine vereinheitlichte Gesellschaft geschaffen und die Entstehung eines „Volksgruppenmosaiks” verhindert werden, dessen Elemente sich in Lebensstil, Traditionen, Grundsätzen und gesellschaftlichem, wie sozialem Verhalten unterschieden hätte. Ähnlich Andrzej Sakson. Seiner Meinung nach wurde die Nationalitätenpolitik an Staats- und Parteidirektiven ausgerichtet, die eine schnelle nationale und kulturelle Vereinheitlichung der neuen Gebiete vorsahen. Hauptziel dieser Politik war beschleunigte Assimilation und Polonisierung. Die von den Regierenden instrumentalisierten Minderheitengruppen leisteten entweder passiven Widerstand oder brachten ihre Assimilation an die gesellschaftspolitische Realität zum Ausdruck.

In der Praxis bedeutete diese Unifizierungspolitik für die Minderheiten die Aufgabe ihrer bisherigen Art und Existenz und das Untergehen in der Kultur der dominierenden Mehrheit. Wissenschaftler, die diesen Prozess beschrieben, nannten ihn einen „Zusammenstoß der Kulturen“ und verstanden darunter eine Konfrontation mit den ihres symbolischen Inhalts wegen nicht akzeptierten, abgelehnten kulturellen Elementen. Anfänglich betraf das Elemente der öffentlichen Kultur, später auch verdecktere Bereiche (wie z.B. in der Familie gelebte Bräuche).

Kazimierz Pudło schrieb über das Schicksal der ukrainischen Minderheit: „Durch die weitgehende Zerstreuung der Ansiedler konnten sich die kulturellen Traditionen nicht entwickeln, ja nicht einmal die meisten ihrer Elemente konnten erhalten bleiben. Einige erwiesen sich als dysfunktional in der sich neu gestaltenden Kultur lokaler Gesellschaften. Anderen hingegen fehlte die Kraft sich gegen die regionale polnische Kultur durchzusetzen, vor allem in den ersten Monaten ihrer Koexistenz. (…) Die Ansiedler eliminierten zunächst jene Elemente aus ihrer Kultur, durch die sie als primitive oder zurückgebliebene Menschen negativ abgestempelt wurden (Kleidung, bestimmte Werkzeuge und Hauswirtschaftsgeräte, Verhaltensweisen, u.ä.). Am längsten – zum Teil bis heute – hielten sich jene kulturellen Elemente, die durch die eigenen vier Wände geschützt waren und dort von der alten oder mittleren Generation kultiviert wurden (Verhaltensweisen, Festbräuche, Lieder, Sprichwörter, alltägliche und den Feiertagen vorbehaltene traditionelle Gerichte)”.

Von der Berücksichtigung der öffentlichen Symbolik der Minderheiten konnte also keine Rede sein. Auch Zbigniew Jasiewicz bestätigt in seinen langjährigen Forschungen zum kulturellen Mosaik in den neuen Gebieten, dass in dieser Region die Familie, und nicht die lokale (regionale) Gemeinschaft Hauptträger der kulturellen Unterschiede war.

Symbole der Minderheiten in der Kulturlandschaft Westpommerns nach 1989

Für die Zeit nach 1989 ist ein größeres Verständnis für die unterschiedlichen kulturellen Traditionen in Pommern charakteristisch. Der grundlegende Unterschied zwischen Zentralpolen und Westpommern liegt, so scheint es, im Bezug zur eigenen Region – während man dort seit Jahrzehnten zusammenlebte, waren in Pommern sowohl die einen (die Mehrheit) als auch die anderen (die Minderheit) Neuankömmlinge, die diese Region erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges besiedelten.

Das vergangene Jahrzehnt offenbarte nach und nach die offensichtliche Wahrheit über die übernationale Identität der Orte. Hingewiesen wurde auf den multikulturellen Charakter Westpommerns als Gebiet in dem im Laufe der Jahrhunderte viele Kulturen (slawische, polnische, deutsche und skandinavische) aufeinander trafen. Diese multikulturelle Vergangenheit wurde immer mehr zum Vorzug der Region. In einem der ersten Handbücher zur regionalen Erziehung heißt es: „Westpommern ist eine außergewöhnliche Region, in der sich im Laufe der Zeit zahlreiche Einflüsse und Interessen begegneten (…) Das alles führt dazu, dass das Kulturerbe Westpommerns durch viele, hier über Jahrhunderte lebende Nationen geschaffen wurde.” Diese mit der multikulturellen Erziehung verbundene Ansicht fand auch in der Lehrerschaft ihre Anhänger. Eine Stettiner Spezialistin für Methodik des Geschichtsunterrichts schrieb: „Die in der Vergangenheit der Region begründete nationale und ethnische Vielfalt der westpommerschen Gesellschaft stellt für den Lehrer eine Herausforderung und ein didaktisches Problem dar, beinhaltet aber zugleich eine Chance zur Herausbildung einer regionalen Identität, die sich auf Offenheit, Liberalität, Toleranz, Pluralismus der Kulturen und ihres Verständnisses untereinander gründet.”

Pommern wurde in den 1980er und 1990er Jahren im gesellschaftlichen Bewusstsein immer mehr zur „Heimat Vieler”. Man wurde sich dessen bewusst, dass das polnische Leben in Nord- und Westpolen in eine „ehemals deutsche Infrastruktur materieller Zivilisation” eingebettet ist. In Diskussionen über das kulturelle Erbe der Region wurde deutlich, wie das „Alte” (Deutsche) in Pommern neu entdeckt wurde. Artur Daniel Liskowackis Buch „Eine Kleine”, in dem das Schicksal deutscher Bewohner Stettins in der ersten Nachkriegszeit beschrieben wird, erzielte einen triumphalen Erfolg. Zugleich wurden Schicksalsgemeinschaften zwischen den früheren und heutigen Bewohnern dieser Gebiete entdeckt. Die Ethnologin Iwona Karwowska schrieb: „Westpommern wurde im 20. Jahrhundert zu einem besonderen Ort, zur Heimat derer, die gezwungen waren, sie nur noch im Herzen zu behalten und zur Heimat auch derjenigen, die lernten sie so zu nennen. Alle, ganz gleich welcher Nation, verbindet das Schicksal der Umsiedler, Menschen die ihrer Lebensgrundlagen und der Erde ihrer Vorfahren beraubt wurden”.

Möglich wurden diese Veränderungen durch den Wandel in der Einstellung der polnischen Bewohner, je länger diese dort lebten und wohnten und je mehr sie sich zuhause fühlten. Wesentlich für diese neue Sichtweise war die Betonung der zivilisatorischen Kontinuität in der polnisch-deutschen Grenzregion und die Aneignung ihres Kulturerbes. Es erschienen zahlreiche Alben mit Ansichten westpommerscher Städte, Gedenktafeln für herausragende, mit der Region verbundene Persönlichkeiten wurden errichtet (10), noch vorhandene Spuren deutsch-pommerschen Kulturgutes gesichert. Der Stettiner Historiker Włodzimierz Stępiński beschrieb diese Veränderungen mit den Worten: „Einst fühlten wir uns als Eroberer, jetzt als Verwalter. In einiger Zeit werden wir uns als Erben fühlen, aber das bedeutet, dass die existierenden Kulturdenkmale in die Gestaltung eines polnischen Regionalbewusstseins integriert werden müssen. Sie werden Teil unseres Gefühls und wir zu Erben auch der deutschen Zivilisation.” Auch dem deutschen Historiker Norbert Buske lässt sich nicht widersprechen, wenn er feststellt, dass „die Kulturlandschaft von den neuen Bewohnern erst dann dankbar übernommen und als Heimat geschützt wird, wenn sie die Geschichte ihrer neuen Heimat verstehen und wenn sie den kulturellen Reichtum der Region – sicher nicht selten aus einem anderen Blickwinkel betrachtet – nutzen und aufrechterhalten.”

In der polnischen Fachliteratur zeichnet sich die Auffassung ab, dass die Aneignung der Kulturlandschaft der Beginn eines langen Prozesses zur Schaffung eines neuen Kulturerbes ist, das sich sowohl aus vorgefundenen, oder mitgebrachten als auch aus neuen zivilisatorischen und kulturellen Elementen der Nachkriegszeit zusammensetzt. Der Prozess der gegenseitigen Durchdringung all dieser Elemente charakterisiert das Phänomen der Westprovinzen. Es ist dies ein mühseliger und durchaus nicht unproblematischer Prozess. Scheinbar unwichtige Kleinigkeiten können sich als weitreichende Fragen herausstellen. Das zeigte sich z.B. bei der Fassadenrestaurierung des Nationalmuseums in Stettin, als man dort deutsche Straßennamen entdeckte und entschieden werden musste, wie man damit verfahren sollte (11). Ähnliche Probleme ergeben sich, wenn es um das eventuelle Wiederaufstellen einzelner Denkmäler geht.


Gewöhnung der „Mehrheit“ an die „Minderheiten“

Die erste Etappe ist die „Gewöhnung” der Mehrheit an die Minderheiten, an ihre Existenz, ihre Symbole und ihre Aktivitäten. Dieser Prozess entwickelte sich nicht konfliktfrei. Besonders Anfang der 1990er Jahre konnte man häufig Wandparolen xenophoben Inhalts finden. (12) Symbole der Minderheiten erlebten verschiedenste Angriffe, der Gedenkstein auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof in Szczecin wurde beschmiert, ebenso das Vereinsschild bei der Fassadenrenovierung des Hauses der jüdischen Gemeinde. Die Etappe der „Gewöhnung” der Mehrheit an die Minderheiten ist eigentlich noch nicht abgeschlossen. Dieser Prozess vollzieht sich einerseits im Schatten des polnisch-deutschen Dialoges aber er betrifft auch die ukrainische oder die jüdische Gemeinschaft. Von kleineren Minderheitengruppen, die ebenfalls in Westpommern leben, wird überhaupt nicht gesprochen. Es scheint so, als ginge man aufgrund ihrer geringen Anzahl, ihrer Versprengtheit, oder auch ihrer Altersstruktur (es handelt sich vor allem um ältere Personen) sowieso von ihrer Assimilation oder ihrem Aussterben aus.

Als zweite Etappe könnte man die „Aneignung” der Kulturlandschaft durch die Minderheiten bezeichnen. Ohne die gesellschaftliche Akzeptanz der Mehrheit wäre das natürlich nicht möglich gewesen. Eine solche „Aneignung” der Landschaft zeigte sich in der Entstehung neuer oder Anpassung alter Objekte, die sich auf den ethnischen (konfessionellen) Hintergrund der verschiedenen Minderheitengruppen beziehen. Ebenso entstanden eine Reihe von Gedenkstätten, die den früheren Bewohnern der Region, bedeutenden Ereignissen und charakteristischen Figuren oder Institutionen ihrer Geschichte gewidmet waren.

Symbole der Minderheiten in Pommern

Ein solches Symbol ist z.B. die Vereinte Taras-Szewczenko-Schule in Biały Bór, an der in ukrainischer Sprache unterrichtet wird. Ihre Anfänge reichen in das Jahr 1958 zurück, als in Biały Bór eine ukrainische Grundschule eingerichtet wurde. 1961 erhielt sie den Namen des ukrainischen Dichters Taras Szewczenko. 1979 wurde diese Schule aufgrund ihres schlechten technischen Zustandes geschlossen und der Unterricht zunächst in die Grundschule Nr. 1, später in die Vereinte Wirtschafts- und Landwirtschaftsschule verlegt. Nach der aus technischen Gründen erfolgten Schließung des Internats im Jahre 1982 bildete sich ein gesellschaftliches Komitee zum Bau eines neuen Internats. 1983 war die Sanierung der Schule und 1989 die des Internats abgeschlossen. 1990 wurde das I. Allgemeinbildende Lyzeum eröffnet und 1999 entstand dann im Rahmen der Schulreform die Vereinte Taras Szewczenko Schule mit ukrainischer Unterrichtssprache (6-jährige Grundschule, 3-jähriges Gymnasium [Mittelschule] und 3-jähriges Lyzeum [Gymnasium]). Als andere derartige Beispiele wären folgende neue Einrichtungen in Stettin zu erwähnen: das Ukrainische Kulturzentrum (1994), das Französische Haus (1995), und das Internationale-Dietrich-Bonhoeffer-Studien- und Begegnungszentrum (2003).

1989 entstand das Litauische Museum in Pszczelnik bei Myślibórz. Es entwickelte sich aus einer aus dem Museum für Volksbaukunst im litauischen Rumszyszkach stammenden Kate. In zwei Räumen wurden Gegenstände ausgestellt, die an den tragischen Tod der litauischen Piloten Stepas Darius und Statys Girenas erinnern.

Auch verschiedene sakrale Neubauten sind als Symbole im Kulturraum zu deuten. Die bekannteste unter ihnen ist die griechisch-katholische Kirche zur Geburt der Allerheiligsten Gottesmutter in Biały Bór, die in den Jahren 1992-1997 nach dem Entwurf von Jerzy Nowosielski und dem Architekten Bogdan Kotar entstand. Dieses Gotteshaus besticht durch seine moderne Form, die an frühchristliche Kirchen anknüpft und durch die charakteristische Farbgebung, die für das Werk Jerzy Nowosielskis typisch ist. Neue Kirchen entstanden auch in Koszalin (griechisch-katholisch) und Szczecin (orthodox). In Szczecin wurde ein ehemaliges sowjetisches Krankenhaus für die Zwecke der byzantinisch-ukrainischen Gemeinde umgebaut. Die grundlegendste Veränderung bestand im Anbau einer Apsis für das in der östlichen Liturgie charakteristische Presbyterium.

Nach 1989 entstanden in vielen westpommerschen Ortschaften Orte der Erinnerung an die alten Bewohner dieser Region: 1998 – Lapidarium alter Grabsteine aus dem Landkreis Randow in Police; Denkmal für die Sportler der Jahre 1862-1997 in Gryfice; 1999 – Gedenkstein für die jüdische Gemeinde zur deutschen Zeit; 2001 – Lapidarium in Erinnerung an den jüdischen Friedhof in Kołobrzeg.

Zum Gedenken an die Ereignisse der „Aktion Weichsel”, also der Zwangsumsiedlung der ukrainischen Bevölkerung aus dem Südosten Polens in die Westgebiete im Jahre 1947, entstand in Trzebiatów 1997 vor dem Sitz des Verbandes der Ukrainer ein Denkmal zur Erinnerung an diese tragischen Ereignisse, ebenso wie in Kołobrzeg, wo ein Gedenkkreuz mit einer Inschrift vor der griechisch-katholischen Kirche errichtet wurde.

Auch an Institutionen der Minderheiten wurde erinnert. Beispielsweise wurde in Szczecin 1999 eine Gedenktafel enthüllt, die auf die 1873-1938 an diesem Ort stehende Synagoge hinweist. 2001 wurde ein Kreuz auf dem Grundstück des durch Dietrich Bonhoeffer geleiteten Predigerseminars errichtet. Seit 2003 erinnert eine Tafel an die jüdische Izhok-Lejb-Perez-Schule (1946-1969). 2004 wurde in Dziwnów eine Gedenktafel enthüllt, die an das geheime Militärkrankenhaus erinnert, das in den 1940er Jahren dort für im Bürgerkrieg verletzte griechische Partisanen eingerichtet worden war.

Die Erinnerung schließt auch herausragende Persönlichkeiten aus der Geschichte nationaler Gruppen ein. So wurde in Biały Bór 1991 ein Denkmal für den ukrainischen Dichter Taras Szewczenko errichtet. In Szczecin erinnert seit 2005 eine Tafel an den Wohnort Eliasz Rajzmans, des letzten Dichters, der im Nachkriegspolen noch in jiddischer Sprache schrieb.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die beschriebene Tendenz der „Aneignung” der Kulturlandschaft durch die in ihr lebenden gesellschaftlichen Gruppen fortsetzt, so dass ein Pommern als „Heimat Vieler” möglich wird und sich alle seine Bewohner hier zuhause fühlen können.

Aus dem Polnischen Mathias Enger

 

 

(1) Bericht an den Generalsekretär des Europarates über die Realisierung der Bemühungen zur Einhaltung des Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten des Europarates durch die Republik Polen, zitiert nach dem polnischen Original: Raport dla Sekretarza Generalnego Rady Europy z realizacji przez Rzeczpospolitą Polską postanowień Konwencji Ramowej Rady Europy o ochronie mniejszości narodowych, Warszawa 2002, S. 72.

(2) Kurier Szczeciński vom 3.4.1946.

(3) Kurier Szczeciński vom 28-29.4.1946. Weiter unten im Text heisst es: „der ausgesprochen hunanitäre Charakter der derzeitigen Repatriierung der Deutschen führte bereits mehrfach zu Aufbegehren und Unzufriedenheit unter der polnischen Bevölkerung, die Gelegenheit hatte, die Repatriierung in unterschiedlichen Stadien zu erleben. (...) aber internationale Aufgaben darf man nicht im Geiste des Hasses erledigen. Wir suchen keine Rache. Es reicht uns, wenn wir so schnell wie möglich keine Deutschen mehr sehen müssen (...).”

(4) Noch in den 1980er Jahren wurden in der Wohnsiedlung Słoneczne in Szczecin alte deusche Grabsteine zum Bau eines Sandkastens verwandt; siehe: D. Jachno, Dziecięce zabawy wśród poniemieckich nagrobków, in: Głos Szczeciński vom 15.05.1997.

(5) Über deutsche Denkmäler in Szczecin siehe: M. Kamola-Cieślik, Niemieckie pomniki Szczecina, in: Acta Politica 2001 Nr. 14, S. 181-191.

(6) S. Chwin, „Literatura pogranicza” a dylematy Europy Środkowej, in: Transodra 1997 Nr. 17, S. 7.

(7) B. Twardochleb, Polskie Pomorze Zachodnie: od regionu osadników do prywatnej ojczyzny, in: Transodra 1995 Nr. 10/11, S. 59, deutsche Übersetzung S. 64

(8) Nach Jahren sagte ein deutscher Forscher zu diesen Losungen: „Die Kirchen, die nach 1945 von der katholischen Kirche übernommen wurden, sind Gebäude mit jahrhundertelanger Tradition. Bekannt sind Äusserungen von Vertretern der polnischen katholischen Kirche, in denen sie ihrer Genugtuung darüber Ausdruck verleihen, dass die Region Pommern endlich erneut christlich wurde. Äusserungen dieser Art, die an die Polemik der Gegenreformation erinnern, sind ein Stich ins Herz derer, die sich vor 1945 für die Erhaltung dieser Heiligtümer engagierten. (...) Pommern war vor 1945 kein heidnisches Land, es war vielmehr nicht katholisch”. – N. Buske, Wprowadzenie, (in: ) Protestanci i katolicy pomorscy wobec hitleryzmu i stalinizmu, Hg. N. Buske, K. Kozłowski, Szczecin, S. 19.

(9) Auch die Meinung Janusz Muchas scheint hier erwähnenswert, der annimmt, dass eine dominierende Gruppe, die sich auf dem Gipfel der ethnischen Hirarchie befindet und den grösst möglichen Zugang zur politischen und wirtschaftlichen Macht einer Gesellschaft hat, ihre Werte der Minderheit vorschreibt. Dieser Forscher merkt an: „Die kulturelle Dominanz wird in einer solchen Situation durch das Recht und den Apparat erzwungen, wird aber nach einiger Zeit als selbstverständliche Leitkultur für alle interkulturellen Beziehungen betrachtet”; siehe J. Mucha, Dominacja kulturowa i reakcje na nią, (in: ) Kultura dominująca jako kultura obca, Hg. J. Mucha, Warszawa 1999, S. 31.

(10) Zum Beispiel: Der Komponist Carl Loewe, der Schriftsteller Alfred Döblin, der Historiker Hugo Lemcke, oder einer der Erfinder des Fernsehens Paul G. Nipkow.

(11) Der Direktor des Museums aus gegebenem Anlass: „Szczecin ist eine polnische Stadt auf deren Gebiet polnische Namen verpflichtend sind. Die Achtung vor der Vergangenheit darf nicht die Achtung vor der Gegenwart überschatten, umsomehr, als der ideologische Streit um den historischen Sinn und die Konsequenzen der Migrationen der Jahre 1944/45 noch nicht verebbt ist. Das Museum hat nicht die Absicht durch eine nachhaltige Einflussnahme im öffentlichen Raum eine bestimmte Interpretation der Vergangenheit aufzudrängen, ohne eine klare Stellungnahme der rechtlichen Vertreter der Bürgerschaft in dieser Frage.” Zit. nach: W. Stępiński, E. Włodarczyk, Szanując historię, ale…, in: Kurier Szczeciński vom 17.10.2003.

(12) Vgl. Gazeta na Pomorzu: „(…) In Szczecin-Podjuche in der ul. Granitowa gibt es seit fast einem halben Jahr ein Hakenkreuz und antijüdische Inschriften. Ebenso im Stadtteil Słoneczy und vielen anderen Teilen Stettins.”- M. Witkowski, Mówią mury, in: Gazeta na Pomorzu, 23.08.1991. Recht laut wurde es um die antiukrainischen Parolen an der griechisch-orthodoxen Kirche in Trzebiatów – L. Wójcik, Pewnego razu w Trzebiatowie, in: Gazeta na Pomorzu, 21.02.1992.

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