Über die Friedhöfe der „Anderen“

1980 ließ ich mich in Chojna, dem ehemaligen Königsberg in der Neumark nieder. Mit der Architektur der Renaissance und des Barock war ich vertraut, da ich im Lubliner Land aufgewachsen war, um aber Bauwerke der Gotik bewundern zu können, hätte ich nach Krakau oder Thorn fahren müssen, oder besser noch in die Westgebiete Polens. Die monumentalen mittelalterlichen Ziegelbauten hatten immer einen starken Eindruck auf mich gemacht, sie schienen mir voller Geheimnisse und Rätsel zu sein – vor allem die berühmte Legende von dem verborgenen Schatz der Templer. Deshalb brachte der Umzug in das alte neumärkische Königsberg mir die Freude des täglichen Umgangs mit den Spuren der Ordensritter.

Beim Eindringen in die Umgebung gewann ich jedoch bald den Eindruck, dass es eine Leerstelle, ein schwarzes Loch in dieser malerischen Landschaft gibt. Mir wurde klar, dass mir die alten Friedhöfe fehlten. Es war paradox: Bauten mit fast tausendjähriger Vergangenheit hatten die Zeiten überdauert, dagegen waren keine Spuren aus der Zeit von vor hundert oder selbst vierzig Jahren vorhanden. Ich empfand diese Leerstelle umso deutlicher, als ich mich an die Lubliner Nekropolen gewöhnt hatte: neben dem ältesten, mit riesigen Bäumen bewachsenen und mitten in der Stadt gelegenen schönen römisch-katholischen Friedhof befindet sich ein alter evangelischer Friedhof, und gleich daneben – ein orthodoxer. Aus dem 19. Jahrhundert stammende Datierungen auf den Grabsteinen sind dort keine Seltenheit. Nahe der Altstadt hingegen, neben dem früheren jüdischen Viertel mit der Hauptstrasse, der Lubartowska, ist ein alter jüdischer Friedhof erhalten geblieben. Natürlich verwilderte er im Laufe der Zeit, aber in einem schlechten Zustand befanden sich auch katholische und andere nicht-katholische Gräber.

In Chojna begann ich die Leute nach dem Schicksal des örtlichen jüdischen Friedhofs auszufragen. Er hatte an der Stadtausfahrt in Richtung Szczecin gelegen, gegenüber dem heutigen Fußballstadion. Im ersten Moment war ich davon überzeugt, dass der jüdische Friedhof den Zweiten Weltkrieg in Lublin deshalb überstanden hatte, weil Lublin im Generalgouvernement lag und nicht im Reich. Rasch, ohne das in historischen Quellen zu überprüfen, legte ich mir so eine Arbeitshypothese zurecht, dass hier, im ehemaligen Nazideutschland, fast im Herzen des Reichs (von Chojna nach Berlin sind es gerade mal einige Dutzend Kilometer), jüdische Friedhöfe keine Chance hatten und schon vor Kriegsende dem wahnsinnigen, verbrecherischen Apparat des Hitlerstaates zum Opfer gefallen waren.

Ich erinnere mich an die Verblüffung, ja geradezu an den Schock, als sich herausstellte, dass der jüdische Friedhof von Chojna den Krieg in aller Ruhe überstanden hatte und erst viel später durch uns Polen zerstört und letztlich dem Erdboden gleichgemacht wurde. Wie ist das möglich, fragte ich mich, dass diejenigen, die Millionen Juden umgebracht, diese Gräber in Ruhe gelassen haben, während Polen, selbst Opfer der braunen Ideologie, sie nicht achteten? Diese Frage bewegt mich bis heute.

In Chojna wurden auch die deutschen Friedhöfe zerstört, und ich nehme an, dass es ohne Bedeutung war, ob es sich um protestantische oder katholische Friedhöfe handelte. Entscheidend war, dass sie fremd waren, „nicht unsere“, die Grabsteine trugen nicht nur keine polnischen Inschriften, sondern sie waren auch noch in irgendwelchen „teutonischen“, jedenfalls kaum zu entziffernden Buchstaben verfasst. Lediglich in der ausgebrannten und zur Hälfte gesprengten Marienkirche konnte man noch verblasste Fragmente alter Fresken mit deutscher Beschriftung finden.

Die Geschicke der nichtpolnischen Friedhöfe in Chojna und Umgebung gehören zu den Tabuthemen, an denen es in unserem Land nicht fehlt, trotz Beseitigung der amtlichen Zensur. Man hat mir zum Beispiel geraten, nach dem Schicksal des jüdischen Friedhofs lieber nicht allzu viel herumzufragen, auch nicht danach, warum und wie die Grabsteine in den umliegenden Bauernhöfen verwendet wurden. Zu den Tabuthemen gehören auch die ersten Jahre nach 1945. Erst kürzlich erfuhr ich aus deutschen Zeitzeugenberichten, dass Chojna zwei Jahre lang eine Art Durchgangslager war, in dem die auszusiedelnden Deutschen aus den umliegenden Orten vor ihrem endgültigen Abtransport über die Oder konzentriert wurden. Im Jahre 2000 veröffentlichten wir in der Gazeta Chojenska über mehrere Monate die Erinnerungen eines 15-jährigen Zeugen der damaligen Ereignisse, eines Aussiedlers aus Arnswalde (heute Choszczno). Was hat das mit den Friedhöfen zu tun? Eine Menge, wenn auch in einem etwas anderen Kontext.

„Es vergingen weitere Wochen, bis der Herbst 1945 herannahte“, schreibt K. S., der Autor der Erinnerungen, der seine Anonymität wahren möchte. „Eine Typhusepidemie forderte viele Opfer – nicht nur die von Hunger ausgemergelten und entkräfteten Deutschen. Es traf gleichermaßen auch die Polen. Die ersten Todesopfer des Typhus (wie auch die anderen, die schon davor gestorben waren), wurden von den Familien oder Nachbarn in den Gärten oder hinter der Stadtmauer begraben. Es gab keinerlei ärztliche Betreuung oder Medikamente. Irgendwelche Behörden oder Ordnungskräfte waren uns nicht bekannt. Wie schon früher erwähnt, hatten wir lediglich zu bewaffneten Polen mit weiß-roten Armbinden Kontakt. (…) Die noch arbeitsfähigen Männer wurden als Totengräber eingesetzt. Dazu wurden vor allem die Deutschen, die in der Nähe der Bahnhofstraße (heute Jagiellońska) und der Kaiserstraße (heute Kościuszki) wohnten, herangezogen. Erst durch sie erfuhren wir damals, dass sich in dieser Region der Sitz der polnischen und – gleich daneben – der russischen Kommandantur befand.

Das zur Bekämpfung der Seuche bestimmte Krankenhaus wurde von einem älteren Polen und seinem Sohn geleitet. Beide sprachen gut deutsch. Meine erste Arbeit an dieser Stelle, die ich zusammen mit meinem Freund Günter Reddemann ausführte, bestand darin, die aufgeschichteten Leichen zu sortieren und auszuziehen. Das bedeutete, dass die Deutschen, nachdem ihnen die Krankenhaushemden ausgezogen worden waren, einfach nackt beerdigt wurden. Diese unwürdige Behandlung erklärten die Polen mit der Notwendigkeit, dass die Sachen sofort verbrannt werden müssten, nachdem sie in das Krankenhaus gekommen waren. Die toten Polen haben wir aber angezogen beerdigt.

Besonders bewegt hat mich (und das ist mir bis heute in Erinnerung geblieben) der Tod einer Mutter mit ihren zwei Kindern. Sie starben nacheinander, einen Tag nach dem anderen, und wir hielten dies für einen Trost, weil es das Schicksal offensichtlich so wollte. Wir hatten schon vorausgesehen, dass sie alle sterben würden, wir beerdigten ihre Leichen in einem gemeinsamen Grab. Die Kinder waren ungefähr 4-6 Jahre alt. Wir ließen der Mutter das Hemd an und brachten sie alle zu einem Sammelgrab. Zusammen mit Günter versuchte ich später noch die Körper mit den Spaten so zu schieben, dass die Kinder in der Nähe der Mutter zu liegen kamen.

Die Tiefe der Gräber war genau festgelegt und um den direkten Kontakt mit den Leichen zu vermeiden, war angeordnet worden, die Körper von den Bahren herab zu werfen, auf denen wir sie mit einem Pferdefuhrwerk transportierten. Beim Beerdigen der polnischen Toten galten die gleichen Grundsätze. Da jede Totengräbergruppe nur aus zwei Personen bestand, war es ziemlich schwer, die Körper herunterzuwerfen. Bei zwei polnischen Begräbnissen waren Geistliche dabei, und einmal erhielten wir von einer Familie Banknoten, mit denen wir lange nichts anzufangen wussten. Ich erinnere mich noch gut an das Begräbnis eines deutschen Schneiders namens Baumann, weil in dem Fall besondere Privilegien angeordnet worden waren. Wir mussten den Toten waschen, anziehen und im Sarg beisetzen! (der übrigens für ihn zu klein war). Niemand von uns kannte diesen Mann. Ich erinnere mich auch noch gut an Frau Lucht. Sie wohnte mit ihren Eltern oder Schwiegereltern in einem Häuschen an der Stadtmauer, ungefähr 150 Meter südlich vom Kloster. Diese Frau Lucht, die 26-30 Jahre alt war, habe ich auch begraben. Beim Transport der Toten fragten wir die Leute aus Arnswalde, ob sie sie nicht kennen, aber ohne Erfolg. Deshalb vermute ich, dass sie eine gebürtige Königsbergerin gewesen sein kann.

Die ersten Beisetzungen fanden auf dem alten Friedhof am Schwedter Tor statt. Hier waren die Stellen gekennzeichnet, wo wir die Gräber ausheben sollten. Es waren meistens alte Grabstätten von Königsberger Einwohnern. Meine Landsleute sind auch auf dem neuen Friedhof beigesetzt worden, und auch an anderen freien Stellen. Ich kann heute aber die Stellen nicht mehr benennen. Die Familien der Toten wurden nie benachrichtigt und nahmen erst recht nicht an den Begräbnissen teil. Das war bestimmt so, weil es keine entsprechenden Verwaltungs- oder Ordnungsstrukturen gab. Mir ist auch nicht bekannt, ob irgendein Totenverzeichnis geführt wurde. Einige Familien pflegten ihre Kranken selbst, und organisierten die Beerdigung danach auf eigene Faust, um ein anonymes Massenbegräbnis zu vermeiden“, erinnert sich der Umsiedler oder – wie er sich selbst nennt – Vertriebene.

Der junge Deutsche beschreibt Örtlichkeiten, die mir gut bekannt sind. Schließlich wohne ich seit über zwanzig Jahren innerhalb der Altstadt, wenige Meter von der Stadtmauer entfernt. Dem Bericht nach wurden genau hier in namenlosen Massengräbern Dutzende, vielleicht sogar Hunderte Leichen begraben. Also ist es sehr wahrscheinlich, dass ich tagtäglich über Gräber laufe …

Ich möchte unnötiges Pathos vermeiden und nicht zu sehr dramatisieren, obwohl wir über die größten menschlichen Dramen sprechen. Der Zweite Weltkrieg brachte unvorstellbares Leid über die Menschen. Aufgewachsen in der Volksrepublik Polen habe ich unzählige Berichte über die Vernichtungsstätten in mich aufgenommen, einige habe ich als Kind mit eigenen Augen gesehen (schließlich wohnte ich in der Nähe von Majdanek, und die Familienbesichtigungen des Lagers waren in Lublin seinerzeit ein festes Ritual). Doch in Chojna stieß ich auf etwas sehr Konkretes, das nicht nur meine Stadt betraf, sondern meinen Hof, sogar mein Haus. Kann es sein, dass es mich nichts angehen soll, was in der Nähe meines Hauses vor Jahrzehnten passiert ist, und dass es vielleicht auf menschlichen Gebeinen errichtet wurde? Besonders bewegt war ich, dass ich erst ein halbes Jahrhundert nach den damaligen Ereignissen, und erst über zwanzig Jahre nachdem ich hier mein Zuhause fand, davon erfahren habe. Ich fühlte mich, als hätte ich mein persönliches Jedwabne entdeckt (natürlich mit klarem Bewusstsein für die Unterschiede und Proportionen). Wie viele solche Entdeckungen stehen mir noch bevor? – dachte ich.

Vor zwei Jahren schrieb ich in der Einführung zu den Erinnerungen des ehemaligen Einwohners von Arnswalde in der Gazeta Chojenska: „Die Vergangenheit kennen zu lernen ist für jeden wichtig, aber für uns, die wir in Gebieten leben, die erst seit ein paar Jahrzehnten zu Polen gehören, ist es wohl von besonderer Bedeutung. Es ist schwer, ohne Zukunft zu leben, aber vielleicht noch schwerer ohne Vergangenheit. Aber so haben wir hier in dem letzten halben Jahrhundert gelebt – ohne Wurzeln, ohne Wissen über das Land und die Häuser, in denen wir wohnen. Viele von uns haben sogar freiwillig auf diese Vergangenheit verzichtet, so als hätte die Geschichte dieser Gebiete erst nach 1945 begonnen. Im Endeffekt fühlten wir uns hier scheinbar zuhause, aber die ganze Zeit über fremd. Wer vor der Vergangenheit seines Hauses und seines Landes wegläuft (jetzt schon seines eigenen Landes), der verkrüppelt geistig. Und es stellt sich heraus, dass in der neueren Geschichte, die Zahl der noch zu entdeckenden weißen Flecken nicht kleiner wird, sondern eher umgekehrt.“

Aus dem Polnischen Dagmar Kriebel