Auf den Spuren der Religionen im Grenzland

Am Horizont zeichnet sich die Silhouette einer Kirche ab, an der Weggabelung steht ein Kreuz, in der Ferne nimmt man einen alten Friedhof wahr. Wenn man durch Ziemia Lubuska (Lebuser Land) wandert, trifft man überall auf Spuren des religiösen Lebens dieser Region, also ihrer deutschen und polnischen Geschichte. Gottfried Benn, der aus dieser Gegend stammt, schrieb: „Die Geschichte! Der Westen vergöttert sie und leitet von ihr die meisten seiner Ideologien ab.“ Aber die wiederentdeckte Geschichte kann auch der Anfang eines Dialogs sein.

Wandernde Kathedralen

Der Ausgangspunkt unserer Wanderung ist das kleine Lebus (auf polnisch: Lubusz) an der Oder in Brandenburg, unweit von Frankfurt. Von diesem Ort hat das Gebiet östlich der Oder seinen zeitgenössischen polnischen Namen: Ziemia Lubuska. Auch der alte deutsche Name des Gebietes westlich der Oder – Lebuser Land – verdankt sich der kleinen Ortschaft. Vom 10. bis ins 13. Jahrhundert, zu jener Zeit also, als stammesübergreifende Staaten gebildet wurden, war Lebus die wichtigste Festung der slawischen Leubuzzi. Mieszko I., der Gründer des polnischen Staates, war es, der ihre Gebiete dem Polanenstaat einverleibte, und der polnische König Bolesław Krzywousty gründete hier 1124 oder 1125 ein Bistum. Sein Ziel war sowohl die endgültige Christianisierung der slawischen Bevölkerung als auch die Sicherung des polnischen Besitzes. Denn dieses Territorium war strategisch wichtig mit seinem weitläufigen Brückenkopf hinter der Oder und der Burg, die am sogenannten „Lebuser Tor“ platziert war, also unmittelbar an der Hauptheeresstraße von West nach Ost im mittleren Oderland.

Nach 1945, als die polnische Grenze nach Westen verschoben wurde, griffen die polnischen Historiker die Geschichte der mittelalterlichen Kastellanei und des Lebuser Bistums auf, um die neue Namensgebung zu begründen. So bekam das alte Bistumsgebiet östlich der Oder, vergrößert um Teile Niederschlesiens, Großpolens und Pommerns, den Namen Ziemia Lubuska. Als 1993 die Euroregion Pro Europa Viadrina entstand, beriefen sich deren Gründer ebenfalls auf die Geschichte der Lebuser Diözese als Kern der kulturellen Identität dieser Region, die heute von Deutschen und Polen bewohnt wird.

Lebus, einst Bischofssitz, war ein Ort, an dem verschiedene Interessen aufeinander prallten: polnische Staatsinteressen, die der brandenburgischen Markgrafen sowie die Interessen und Ansprüche der kirchlichen Verwaltung. Nach den Plänen der Päpste und Kaiser sollte Magdeburg das „Rom des Nordens“ werden, also die kirchliche Metropole der slawischen Bistümer. Die Magdeburger Bischöfe standen daher der Gründung des polnischen Erzbistums in Gnesen im Jahre 1000 und später der des Lebuser Bistums, das der Metropole von Gnesen unterstand kritisch gegenüber. Spuren der einstigen Magdeburger Aspirationen überdauerten in der deutschen Bezeichnung „Sternberger Land“: Dieser Name bezieht sich auf die Stadt Sternberg, einer Gründung des Magdeburger Erzbischofs Sternberg. Übrigens heißt dieses heute polnische Gebiet Ziemia Torzymska, nach dem Städtchen Torzym (ehemals Sternberg), dessen Name wiederum ironisch auf die Ambitionen des Bischofs Sternberg anspielt: „To Rzym“ heißt „das ist Rom“.

Nach den Bruderkriegen der Piasten Mitte des 13. Jahrhunderts verzichtete der Herzog von Liegnitz, Bolesław Rogatka, auf das Lebuser Land. Die eine Hälfte des Gebietes verblieb beim Bistum, die andere Hälfte gehörte fortan den brandenburgischen Markgrafen, die sich im Laufe der Zeit der ganzen Region bemächtigten. Deutsche Neuerwerbungen westlich der Oder wurden weiterhin Lebuser Land genannt und aus den östlichen Gebieten, die von der Warthe durchschnitten werden, wurde im Norden die Neumark und im Süden das Sternberger Land, das später auch zur Neumark gehören sollte.

Die Abneigung der Erzbischöfe und brandenburgischen Markgrafen gegen das Lebuser Bistum drückte sich in allerlei Restriktionen aus. So wurde der Bischofssitz aus Lebus auf die andere Oderseite verlagert, nach Göritz, wo eine neue Kathedrale erbaut wurde. 1326 überfielen die Bürger Frankfurts den Bischofssitz, weil sie sich für einen Raubüberfall des polnischen Königs Władysław Łokietek auf Brandenburg rächen wollten und dem Göritzer Bischof vorwarfen, er stünde auf der Seite des polnischen Herrschers. Sie brannten die Kathedrale nieder und bei der Gelegenheit auch gleich noch die sich rasch entwickelnde, konkurrenzfähige Stadt. Der Bischof und seine Pröpste wurden festgenommen und in die Verbannung geschickt. Eine Zeitlang irrten sie durch ihre polnischen Gutshöfe, bis sie Asyl in Fürstenwalde fanden. Dort wurde der nächste Sitz des Bistums gegründet und eine neue Kathedrale erbaut, die bis zur Reformationszeit überdauerte. Eine Waffe der Bischöfe im Kampf um ihre Existenz und Rechte war das Anathema, das sie wegen des Überfalls auf Göritz über die Markgrafen und die Frankfurter Bürger verhängten.

Pilger und Ritterorden

Die Schicksale der Lebuser Bischöfe und ihrer „wandernden“ Kathedralen zeigen, dass das Christentum im Mittelalter ein Machtinstrument in den Händen von weltlichen und geistlichen Herren war, die sich seiner bedienten, um ihre politischen und materiellen Ziele durchzusetzen. Aber auf unser Wanderung finden wir auch Spuren eines anderen religiösen Lebens, das sich damals unter anderem in Pilgerfahrten ausdrückte. Die Gläubigen der Lebuser Diözese und der benachbarten Bistümer pilgerten vor allem nach Göritz, wo sich um ein wunderumwobenes Bild der Marienkult entwickelte. Ein ähnliches, aber bei weitem nicht so berühmtes Sanktuarium gab es in Strausberg in der brandenburgischen Diözese. Die Lebuser pilgerten außerdem auch nach Vierzehnheiligen.

In Ośno Lubuskie (Drossen) steht bis heute eine imposante St.-Jakob-Kirche. In jenen Zeiten, als Menschenmengen durch ganz Europa nach Santiago de Compostela in Spanien wanderten, wo sich das Sanktuarium des Apostels Jakob befindet, war gerade auch diese Kirche eine Station der Pilger. In Küstrin gab es eine St.-Jakob-Bruderschaft, die Pilgerfahrten nach Spanien organisierte. In Müncheberg, Fürstenwalde und Frankfurt an der Oder waren Bruderschaften tätig, die sich der Pilger, wandernden Gesellen, Bettler und anderer fahrender Leute annahmen. In der St.-Jakob-Kirche in Drossen suchten ganze Gruppen von Pilgern geistliche Unterstützung: Kreuzfahrer, weltliche Ritter aus Schlesien (darunter auch Piasten), aus Tschechien, Sachsen und anderen Ländern Westeuropas. Sie alle folgten dem Ruf des Deutschen Ordens und zogen von einer Sammelstelle in Crossen aus über Küstrin, Quartschen und weiter auf der Via Marchionis Richtung Marienburg. Sie eilten dorthin, um dem Deutschen Orden bei seinen Eroberungsritten in die heidnischen Gebiete der Pruzzen, Jatwingen, Schmuden und Litauer beizustehen. Diese Stämme verteidigten ihre Unabhängigkeit und den Glauben ihrer Ahnen.

Unter den Kreuzfahrern gab es viele Abenteurer, die nur Ruhm in Ritterspielen, auch auf dem Küstriner Schloss, suchten. Andere aber glaubten zutiefst an ihre Mission, Gott zu dienen und durch die Unterwerfung der Ungläubigen die Grenzen des Gottesstaates auf Erden zu erweitern. Der irdische Lohn für sie war die Teilnahme an Ehrenfesten, die zu den exklusiven, päpstlich anerkannten Privilegien des Deutschen Ordens gehörten. Der mittelalterliche Mystizismus ist heute noch in der gotischen Architektur zu spüren: in Klöstern, Kirchen und Kapellen in Chojna (Königsberg in der Neumark), Frankfurt an der Oder, Fürstenwalde, Gorzów (Landsberg an der Warthe), Strzelce Krajeńskie (Friedeberg), Międzyrzecz (Meseritz), Chwarszczany (Quartschen) oder Słońsk (Sonnenburg).

Fast zu derselben Zeit, als Herzog Konrad von Masowien 1226 die Ritter des Deutschen Ordens an die Weichsel holte, kamen die Templer, die dem Ruf des schlesischen Herzogs Henryk Brodaty gefolgt waren, im Land an Oder und Warthe an. Später nahmen die Johanniter ihren Platz ein. Beide Orden wurden im Heiligen Land gegründet und haben die Kulturlandschaft des Oderlandes wesentlich geprägt. Verschiedene ihrer Bauten sind erhalten geblieben: die Kapelle der Templer (die später den Johannitern gehörte) in Chwarszczany (Quartschen) bei Dębno (Neudamm), die Kirche der Johanniter in Słońsk (Sonnenburg), das Johanniterschloss in Łagów (Lagow) und das berühmte von Santok (Zantoch), das sehr malerisch an der Mündung der Netze in die Warthe gelegen ist und Jahrhunderte lang von Pommern, Großpolen, schlesischen Herzögen und brandenburgischen Markgrafen umkämpft war.

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts tauchten auch die Ritter des Deutschen Ordens an der Warthe auf. Durch Kauf erwarben sie Ländereien in der Neumark und siedelten sich dort an. Zu dieser Zeit erstreckte sich das Territorium des Ordensstaates von der Memel bis an die Oder. Das Schloss in Zantoch wurde zum Streitobjekt des Deutschen Ordens und der Johanniter, wobei letztere im polnischen Konflikt mit den Kreuzrittern die Polen unterstützten. Damals entstanden die Ordensburgen in Küstrin und Landsberg. Die in Landsberg wurde von den Bürgern der Stadt sofort abgerissen, nachdem der Orden das Warthegebiet verlassen und die Provinz an die Hohenzollern verkauft hatte.

Wandert man in die Vergangenheit, muss man an die mittelalterliche Raubritterplage zurückdenken. Schutz vor diesen Räubern boten die bewaffneten Truppen der Johanniter aus Lagow, die von den Trecks der Kaufleute angemietet wurden.

Auf den Spuren der Reformation

Die Spuren des deutschen religiösen Lebens in seiner protestantischen Version führen uns zu der Ruine der Marienkirche in der Altstadt von Küstrin, die nach den Kämpfen 1945 zu existieren aufgehört hat; nur das Straßenpflaster ist geblieben. In dieser Kirche nahm 1538 Johann von Hohenzollern, Herrscher über die Neumark, zum ersten Mal die Kommunion in Form von Brot und Wein ein, was symbolisch bedeutete, den Katholizismus und die hervorragende Position der Geistlichen abzulehnen. Dass im Protestantismus die Bedeutung der kirchlichen Hierarchie wesentlich verringert wurde und man den nicht-geistlichen Gemeindemitgliedern ermöglichte, das Schicksal der Gemeinde mitzubestimmen, war sehr bedeutsam für die Bildung eines spezifisch deutschen Gemeindebewusstseins. Abgesehen vom deutschen Recht war dies einer der wichtigsten kulturellen und sittlichen Faktoren. Eine besondere Rolle für Bildung und Zusammenhalt der lokalen Gemeinden fiel den Pastoren zu, die ihre Gläubigen umsorgten. In diesem Zusammenhang ist ein weiteres deutsches Phänomen zu erwähnen: die Bedeutung der Pastorensöhne. Im Dorf Sellin in der Neumark ist Gottfried Benn als Sohn des dortigen Pastors aufgewachsen. Er war es, der behauptete, mehr als die Hälfte der herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Geschichte, Kultur und Wissenschaft seien Pastorensöhne gewesen. Benn selbst nahm den Glauben seines Vaters nicht an und über jene, die Unterstützung bei Gott suchen, schrieb er: „Ich verachte Menschen, die mit sich selbst alleine nicht zurecht kommen und eine andere Instanz um Hilfe bitten.“

Der Übertritt zum protestantischen Glauben führte nicht selten zur Entfernung der üppigen katholischen Innenausstattung der Kirchen. Zur Reformationszeit wurden Orte des Marienkultes in Göritz und Strausberg zerstört, zum Teil auch die Innenausstattung der Kirchen in Fürstenwalde und Drossen. Spuren dieses Bildersturms sind insofern bis heute sichtbar, als viele protestantische Kirchen in Brandenburg ihre typisch karge Innenausstattung behalten haben. Damals entsprach diese Bilderfeindlichkeit aber keinesfalls der allgemeinen Norm. Ein Beispiel für einen toleranten Umgang mit Bildern und Skulpturen bietet die ungewöhnlich schöne Kirche in Klępsko (Klemzig) bei Sulechów (Züllichau) im einstigen brandenburgisch-polnischen Grenzgebiet. Dieses Gotteshaus wurde im 16. Jahrhundert von Protestanten übernommen und mehrere Generationen lang von den Adelsgeschlechtern der von Kalkreut und von Unrug gepflegt, die ihre Patrone waren. Es erhielt wunderschöne Wandmalereien, die bis heute überdauert haben und vor kurzem sorgfältig restauriert wurden.

Eine andere Geschichte über den protestantischen Kampf um die Kargheit der Gotteshäuser überliefert die Kirche in Słońsk (Sonnenburg), die einst der Tempel der brandenburgischen Ballei der Johanniter war. Hier fanden die Zeremonien für die Aufnahme der neuen Ordensmitglieder statt und hierher gelangte der Alabaster-Altar aus der Schlosskapelle in Berlin. Als Kurfürst Johann Sigismund 1613 zum Kalvinismus übergetreten war, wollte er seine neue Konfession der ganzen Mark Brandenburg aufzwingen und begann damit, in den Berliner Kirchen aufzuräumen, was oft heftige Straßenunruhen der Gläubigen hervorrief. Die Berliner Schlosskapelle allerdings wurde tatsächlich den kalvinistischen Vorstellungen entsprechend von allem Schmuck befreit und ihr Altar nach Sonnenburg verbracht. Daher kann heute Słońsk auf dieses Werk italienischer Meister stolz sein, das vor einigen Jahren mit Unterstützung der Johanniter restauriert wurde.

Dieser Orden hat als Laienorden überdauert. Nach seiner Auflösung in der napoleonischen Zeit bald wieder neugegründet, vereint er heute einen elitären Kreis von Protestanten, ähnlich wie der Malteserorden eine katholische Elite versammelt. Heute, angesichts des sich vereinigenden Europa, sind die Johanniter wichtige Propagandisten der deutsch-polnischen Annäherung und Versöhnung. Sie haben mehrere Restaurationsarbeiten in Słońsk unterstützt und ökumenische Treffen in dem einstigen Ordenstempel inspiriert.

Barock – Emotionen

Um dem Intellektualismus der Reformation entgegenzutreten, stärkte die katholische Kirche die emotionale Sphäre, baute prachtvolle Barockkirchen und entwickelte die kirchlichen Rituale weiter. In Neuzelle bei Eisenhüttenstadt, also im deutschen Lebuser Land, steht bis heute ein Klosterensemble der Zisterzienser; ein ähnliches kann man auch in Paradyż (Paradies) bei Międzyrzecz (Meseritz) bewundern. Nachdem der Besitz der Zisterzienser durch die preußischen Behörden säkularisiert worden war, gründete man im 19. Jahrhundert im Kloster von Paradies eine Lehranstalt für Lehrer. Als Paradies polnisch wurde, erhielt die katholische Kirche das Objekt zurück und richtete dort eine Priesterschule ein.

Überraschenderweise hat dieser Ort auch in der neuesten Zeit eine wichtige Rolle gespielt. Die neue Wojewodschaft Lubuskie hat de facto zwei Hauptstädte: Gorzów (Landsberg an der Warthe) und Zielona Góra (Grünberg), die seit Jahren um den ersten Rang kämpfen. Eben in Paradyż, das auf halbem Wege zwischen den beiden Städten liegt, schlossen die lokalen Politiker mit Vermittlung der Kirche das Paradyżer Abkommen, das der zwischenstädtischen Konkurrenz eine Grenze setzt. Fügen wir noch hinzu, dass nach 1945 Gorzów lange die Hauptstadt des neuen polnischen Bistums war, seit kurzem ist Zielona Góra sein Hauptsitz.

Im Barock erhielten auch die Begräbniszeremonien eine besondere Pracht. Im Museum von Międzyrzecz (Meseritz) gibt es eine wertvolle Sammlung von Sargporträts aus dieser Epoche. Diese Sammlung dokumentiert eine originäre Zeitperiode der polnischen Adelskultur: den Sarmatismus, der auch auf die deutschen Adelsgeschlechter im Grenzgebiet ausstrahlte.

Protestantische Objekte der Funeralkunst kann man in Dąbroszyn (Tamsel) bei Küstrin besichtigen. In der dortigen Kirche gibt es prachtvolle Barockgrabmäler aus dem Familienmausoleum des Marschalls Hans von Schöning und in der kirchlichen Krypta einen aus Buntmetallen angefertigten Sarkophag des Marschalls sowie eine Sammlung von Sargschmuck und Inskriptionstafeln seiner Ahnen. Der Marschall spielte übrigens eine wichtige Rolle in der Geschichte von Sachsen: Als Mitglied einer Kommission, die dieses Land im Geiste des Absolutismus reformieren sollte, nutzte er dort seine brandenburgischen Erfahrungen.

Tamsel in der Neumark erwähnt Theodor Fontane als einziges Schloss in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg. In diesem Werk kann man auch die Geschichte von Küstrin nachlesen sowie jene dramatische Episode im Leben des Kronprinzen und späteren Königs Friedrich des Großen, der von seinem Vater als Strafe für einen gescheiterten Fluchtversuch in die Küstriner Festung gesteckt wurde. Friedrichs Freund und Page, von Katte, wurde zum Tode verurteilt und in Küstrin enthauptet. Fontane hielt das für diese Epoche typische Zeremoniell fest, mit dem ein zum Tode Geweihter Abschied von der irdischen Welt nahm.

Ein geschichtlicher Kontrapunkt führt uns in das Dorf Chełm Dolny (Wartenberg) bei Dębno (Neudamm), wo sich der Familienfriedhof der früheren Gutsbesitzer von Tresckow befindet. General Henning von Tresckow, Freund und enger Mitarbeiter des Widerstandskämpfers Oberst Graf Schenck von Stauffenberg, war an der Ostfront, als ihn die Nachricht vom gescheiterten Anschlag auf Hitler erreichte. Daraufhin ging er in den Kampf und ließ sich töten: ein Selbstmord, der anfänglich für einen Heldentod gehalten wurde. Kurz vor seinem Tod soll er gesagt haben: „Einst versprach Gott Abraham, Sodom zu verschonen, wenn man zehn Gerechte in der Stadt finde. Ich hoffe, in Anbetracht unser wird er Deutschland nicht vernichten.“ Der Sarg mit seinem Leichnam wurde in sein Heimatdorf gebracht. Eine Beschreibung der Beisetzung finden wir in den Erinnerungen seines Neffen, Christoph von Tresckow, dem ein Gleichaltriger, ein Pole, der damals zusammen mit seinen Eltern als Zwangsarbeiter auf dem Hof lebte, Jahre später davon erzählte. Christoph von Tresckow zitiert den Bericht des Mieczysław Grześkowiak: „An der Beerdigung nahmen alle Dorfbewohner und Leute aus der Gegend teil. Pastor Reck hielt eine Abschiedsrede. Aus Küstrin kam ein Trupp Wehrmachtssoldaten, die eine Ehrensalve abfeuerten. Das Grab bedeckten zahlreiche Kränze, nicht nur von Verwandten, sondern auch von Kreisbehörden und der Partei, verziert mit roten Bändern mit Hakenkreuz. Dein Vater rief meinen Vater abends zu sich, ließ ihn diese roten Bänder in der Nacht entfernen und sagte: ‚Sie gebühren meinem Bruder nicht.’ Mein Vater führte diese Anweisung aus.“ Als während der Ermittlungen herauskam, dass von Tresckow in die Verschwörung verwickelt war, fuhr eines Tages an der Friedhofsmauer in Wartenberg ein Lastwagen mit Männern in SS-Uniformen vor. Sie hoben den Sarg aus und brachten ihn nach Sachsenhausen, um ihn dort zu vernichten.

Mosaik der Konfessionen

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und auch später war Brandenburg ein Land, in dem von der katholischen Kirche verfolgte Vertreter protestantischer Gemeinden Schutz fanden. Aus Frankreich kamen Hugenotten. Im brandenburgisch-polnischen Grenzgebiet in Bobelwitz bei Meseritz und Königswalde, Kreis Zielenzig, fanden die aus Polen vertriebenen Arianer, genannt Polnische Brüder, Schutz; sie waren für ihre radikalen sozialen Forderungen sowie ihre hervorragenden Schulen berühmt. Inmitten der Warthewiesen liegt das Dorf Neu Dresden, heute Krępiny, einst ein Zentrum jener eifrigen protestantischen Glaubensgemeinschaft, deren Mitglieder Böhmische Brüder oder Herrnhuter genannt wurden. Das religiöse Zentrum dieser Bewegung war Herrnhut in der Lausitz, wo einige durch die katholischen Habsburger verfolgte Protestanten Asyl gefunden hatten. Die Herrnhuter an der Warthe pflegten enge Kontakte zu den Böhmischen Brüdern in Lissa, deren Führer der berühmte Pädagoge Amos Komenský war. Da es in Neu Dresden oft zu Überschwemmungen kam, hörten sich die Dorfbewohner gerne die Herrnhuter Lehre an und schöpften Hoffnung aus der stark betonten Brüderlichkeit der Gemeindemitglieder. Die Herrnhuter hatten in der Gegend einige Gemeindehäuser. Eines von ihnen steht bis heute im Dorf Nowiny Wielkie (Döllensradung) an der Warthe und beherbergt nun eine Kindertagesstätte. Ähnlich wie die Böhmischen Brüder gehörten die Herrnhuter der protestantischen Splittergruppe der Anabaptisten (Wiedertäufer) an, die auch die niederländischen Mennoniten umfasste. Die unterstanden dem Rechtsschutz des toleranten Staates Friedrichs II. und ließen sich u.a. an der Netze unweit von Driesen nieder. Die Mitglieder all dieser Glaubensgemeinden verweigerten den Militärdienst, bekleideten keine Staatsämter, pflegten die Erwachsenentaufe und lebten ein einfaches, ja strenges Leben nach evangelischen Prinzipien. In Küstrin und im nahen Schernow existierte darüber hinaus seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Baptistengemeinde.

In Gorzów (Landsberg) steht bis heute die Kirche, in der einer der großen protestantischen Theologen des 19. Jahrhunderts, Friedrich E.D. Schleiermacher, seine ersten priesterlichen Erfahrungen sammelte, ein Befürworter der Einheit verschiedener protestantischer Splittergruppen. Man suchte damals nach einer gemeinsamen Doktrin, was aber auf Widerstand der Traditionalisten stieß. König Friedrich Wilhelm II., der an der Idee interessiert war, begann 1817, anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Reformation, theologische Entscheidungen auf rechtlich-administrativem Wege durchzusetzen: Er ließ die Geistlichen der altlutherischen Kirche festnehmen, ihre Gläubigen belegte er mit hohen Geldstrafen und befahl dem Militär, die Gemeindemitglieder, die ihre Kirche bewachten, mit Gewalt auseinander zu treiben. Infolge dieser Praktiken gingen einige Gemeinden ins Exil. So die Gläubigen aus Klemzig, die ihre Kirchenglocke mitnahmen und samt ihrem Pastor 1838 nach Australien auswanderten, wo sie in der Nähe von Adelaide ein gleichnamiges Dorf gründeten. Ihrem Beispiel folgten andere Altlutheraner aus der Gegend von Meseritz und Bomst.

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich unter den Adeligen in Pommern und der Neumark eine andere protestantische Neuerungsbewegung. Der Niedergang des Zweiten Reiches, das Exil des Kaisers und die Entstehung der Weimarer Republik bewirkten, dass die Welt der preußischen Junker zusammenbrach. Sie suchten daher nach einer geistlichen Unterstützung. Bei Neudamm entstand z.B. der Berneuchener Kreis, dessen Mitglieder das Alltagsleben mit religiösen Inhalten zu füllen suchten und ein modernisiertes Klosterleben propagierten. Ein Kloster dieser Bewegung existiert bis heute in einem der alten Bundesländer der BRD. Der Berneuchener Kreis pflegte Kontakte zu Dietrich Bonhoeffer, gehörte also zur religiösen Opposition gegen Hitler.

Zu dem Mosaik geistlicher und religiöser Bewegungen gehören auch die Freimaurer: In Frankfurt an der Oder, Gorzów und anderen Städten kann man noch heute prachtvolle Häuser der einstigen Freimaurerlogen finden.

Kulturkampf, orthodoxe Kirchen, Synagogen und „Säle des Königreichs“

Die mittelalterliche Pilgerbewegung fand während der Renaissance und der Reformation ihr Ende. Einhundert Jahre nach der Liquidierung des Sanktuariums in Göritz übernahm Rokitno (Rokitten) die Rolle eines geistigen Zentrums der Katholiken, ein Dorf an der Grenze zu Großpolen, unweit von Schwerin. Das durch seine Wunder berühmt gewordene Bild der Gottesmutter tauchte 1669 in dem Ort auf, es war ein Geschenk des Abtes des nahen Zisterzienserklosters. Zur Zeit der Gegenreformation blühte der Bilderkult erneut auf, ebenso äußerte sich der Glaube auch wieder in Form von Pilgerfahrten. Der Kult um das Bild in Rokitno nahm bis zur Teilung Polens immer weiter zu, bis das Dorf zu Preußen kam und seine Bevölkerung religiös und national diskriminiert wurde. Besonders trug der Kulturkampf von Bismarck dazu bei. Er war es, der die Deutschen in den polnischen Gebieten aufrief: „Schlagt die Polen, dass ihnen die Lebenslust vergeht. Ich persönlich habe Mitleid mit ihrer Lage, aber wenn wir weiter existieren wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als sie auszurotten.“ Die preußische Regierung säkularisierte den Zisterzienserorden, unter dessen Obhut auch die Kirche in Rokitten stand. Doch der Kult um die Gottesmutter von Rokitno, die auch „Die Geduldig Zuhörende“ genannt wurde, verschwand nicht. Den Polen, die nach der Teilung keinen eigenen Staat mehr hatten, blieb nur ihre Religion und der Glaube an die Gottesmutter, die Königin der Polnischen Krone. Auch auf dem Bild der Madonna von Rokitno ist das polnische Staatswappen zu sehen: der weiße Adler mit der Krone.

Zur Landschaft des polnischen Lebuser Landes gehören unzählige, mit bunten Bändern und Blumen geschmückte Kreuze und Bildstöcke am Rande der Wege. Die ältesten von ihnen stammen aus den 1940er Jahren. Es sind eigenartige Zeugnisse der ersten Jahre polnischer Ansiedlung in diesen kulturell fremden Gebieten, als die Kirche neben dem Staat versuchte, sie heimisch zu machen.

In Gorzów überrascht eine in dieser Landschaft exotisch wirkende Kirche mit charakteristischen Zwiebeltürmchen. Es ist eine orthodoxe Kirche, die vor ein paar Jahren erbaut wurde. Die Orthodoxen kamen aus dem ehemaligen polnischen Osten ins polnische Lebuser Land. In Gorzów und einigen anderen Orten gibt es außerdem Gotteshäuser der griechisch-katholischen Kirche, einer Abspaltung der orthodoxen Kirche, die den alten Ritus beibehalten, sich jedoch Rom untergeordnet hatte. Unter den Gläubigen dieser beiden Konfessionen gibt es u.a. Lemken, die 1947 in der Aktion „Weichsel“ aus der Gebirgskette Bieszczady in den Karpaten vertrieben wurden. Alle Bewohner dieses Gebietes wurden von den polnischen Behörden zwangsumgesiedelt, entweder in die Ukraine oder in die neuen polnischen Westgebiete, es war ihnen verboten, in ihre Heimat zurückzukehren. Die griechisch-katholischen Gläubigen hatten anfangs sogar Schwierigkeiten, ihre Toten auf den katholischen Friedhöfen zu bestatten.

In Witnica (Vietz), Kostrzyn (Küstrin) und anderen Orten finden wir die „Säle des Königreiches“, also Gemeindehäuser der Zeugen Jehovas. Auf unserem Weg können wir auch Pilgern in schwarzen Mänteln und Hüten begegnen. Von Zeit zu Zeit kommen sie nach Słubice zum alten jüdischen Friedhof, auf dem die sterblichen Reste eines berühmten Talmudisten, des Rabbiners Josef Teomin, ruhen. Jüdische Spuren finden wir auch in Gorzów. Die gebürtige Landsbergerin Christa Wolf hat in ihrem Buch Kindheitsmuster das Vorspiel zum Holocaust festgehalten: die „Reichskristallnacht“ mit den brennenden Synagogen. Ebenfalls in Landsberg kam als Sohn des dortigen Rabbiners Victor Klemperer zur Welt, der Verfasser der berühmten Studie LTI. Lingua Tertii Imperii über die Propagandasprache des Dritten Reiches. In seinen Erinnerungen berichtet er aber auch über die „goldene Zeit“ der deutschen Toleranz gegenüber den Juden, die seine Familie eben in Landsberg erlebte. Von den besseren Zeiten im Leben der jüdischen Gemeinden zeugen Reste der Friedhöfe in Gorzów oder in Skwierzyna (Schwerin). Der letztere gehört zu den besterhaltenen jüdischen Friedhöfen in der Region und wurde kürzlich von einer Gruppe deutscher und polnischer Jugendlicher in Ordnung gebracht, was allerdings bald eine andere Gruppe Jugendlicher aus der Stadt wieder zunichte machte. Von besseren Zeiten im 19. Jahrhundert zeugt auch die Synagoge in Międzyrzecz (Meseritz), die allerdings restaurierungsbedürftig ist.

Die Wanderungen durch das Lebuser Land auf den Spuren der Religionen fördern viele Aspekte der regionalen Geschichte zutage, sie lassen die Vergangenheit lebendig werden und erkennen, wie unterschiedlich die einstigen Bewohner ihre Identität definierten. Heute, zur Zeit der fortschreitenden Globalisierung, sucht Europa nach einer neuen kulturellen Identität, denkt über ihre Bestandteile nach, diskutiert über ihre Schwerpunkte. Ein wichtiger Aspekt dieser Suche ist das Aufspüren der religiösen Vergangenheit der Regionen, dieser kleinen Vaterländer, die zur Grundlage einer wirklichen europäischen Einheit werden könnten.

SŁOWO / DAS WORT 62/2004

Aus dem Polnischen Ewa Czerwiakowski

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