Nostalgie und Wirklichkeit. Schicksale der aus den früheren Ostgebieten ausgesiedelten Polen

Schätzungen zufolge wohnten im Jahre 1939 in den Ostgebieten der Zweiten Polnischen Republik, die 1944 der UdSSR angeschlossen wurden, ca. 11.600.000 polnische Staatsbürger, davon wohl über

vier Millionen Polen und über eine Million Juden. Im Laufe der nächsten fünf Jahre sank diese Zahl infolge von Verhaftungen, Aussiedlungen, Einberufung zur Armee, von Terror, Holocaust und Kampfhandlungen um die Hälfte auf ca. 2,5 Millionen. Diejenigen, die überlebt hatten und geblieben waren, befanden sich nach den Absprachen der „Großen Drei“ in Teheran im Herbst 1943 außerhalb ihrer Heimat. Noch bevor dies in Jalta und Potsdam offiziell bestätigt worden war, hatte die UdSSR mit dem Polnischen Komitee zur Nationalen Befreiung eine Vereinbarung über die polnisch-sowjetische Staatsgrenze abgeschlossen. Dem mussten Entscheidungen hinsichtlich der dort auf beiden Seiten der neuen Grenze lebenden Bevölkerung, nicht nur der polnischen, sondern auch der weißrussischen, ukrainischen und litauischen, folgen. Während sich das Polnische Komitee zur Nationalen Befreiung und die von den Westmächten bis Juni 1945 anerkannte Exilregierung in London in ihren Ansichten über den Verlauf der neuen Ostgrenze unterschieden, stimmten sie doch dahingehend überein, dass das Nachkriegspolen im Prinzip ein national homogener Staat sein sollte. Die Umsiedlungen der Bevölkerung standen damit in einem inneren Zusammenhang, sowohl die Zwangsaussiedlung der Deutschen als auch die „freiwillige Umsiedlung“ der Polen, Weißrussen und Ukrainer. Die Verträge über die gegenseitige freiwillige „Evakuierung der Bevölkerung“ schloss das Polnische Komitee zur Nationalen Befreiung im September 1944 mit der sowjetischen Ukraine, Weißrussland und Litauen ab.

Den Umsiedlern wurde das Recht zugesichert, den Ort der Ansiedlung selbst zu bestimmen und eine Entschädigung für das zurückgelassene Hab und Gut (Boden, Immobilien) zu erhalten. Sie konnten bis zu zwei Tonnen Gepäck pro Familie mitnehmen – Bekleidung, Schuhe, Lebensmittel, Haushalts- und Wirtschaftsgeräte, Vieh und Zuchttiere. Man schätzte, dass die ganze Operation bis Februar-April 1945 dauern würde. Diese Termine waren unrealistisch und die Vereinbarungen mussten noch mehrmals verlängert werden.

Die Umsiedlungen der Deutschen und der Polen waren insofern voneinander abhängig, als erstere den zweiten Platz machen mussten. Und so war die erste Welle der organisierten Umsiedlungen der Polen von Ende 1944 und Anfang 1945 relativ klein. Die Ursache dafür waren nicht die organisatorischen und Transportprobleme, sondern vor allem die geringe „Aufnahmefähigkeit“ der zerstörten „alten polnischen“ Gebiete. Die Umsiedlung aus den Ostgebieten nahm im Frühjahr 1945 an Tempo zu und verstärkte sich im Sommer und Herbst weiter, als sowohl die Witterungsverhältnisse als auch bessere Bedingungen für die Ansiedlungsaktion in den „wiedergewonnenen Gebieten“ das ermöglichten. Dies wiederum beschleunigte die Aussiedlung der Deutschen. Insgesamt wurden in den Jahren 1944-1946 aus dem ehemaligen polnischen Osten offiziell anderthalb Millionen Personen umgesiedelt. Hinzurechnen muss man die „wilden“ Aussiedler: Soldaten der Heimatarmee (AK) und Flüchtlinge vor dem ukrainischen Terror (den die ukrainischen Behörden unterstützten) – wohl an die 200.000 Personen.

Sowohl Polen als auch Deutsche mussten die von ihnen seit vielen Jahrhunderten bewohnten Gebiete, mit denen sie durch starke emotionale, traditionelle und historische Bande verbunden waren, verlassen. Sowohl an der Oder wie auch am Bug waren sowohl die Tendenzen zur sofortigen Flucht als auch der keineswegs geringere Wunsch zu bleiben, der stärker war als die Furcht vor dem „Neuen“, sichtbar. Man glaubte nicht daran, dass die neuen Grenzen von Dauer sein würden, hoffte auf politische Veränderungen (die man um jeden Preis abwarten müsse), und blieb mit der Heimat verbunden. Wahrscheinlich hatte aber die polnische Gesellschaft nach den Erfahrungen aus den Jahren 1918-1920 und 1939-1944 erheblich weniger Illusionen als die Deutschen in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten. Das kann man zum Beispiel anhand der Korrespondenz schon aus dem Herbst 1944 erkennen, d.h. gleich nach der Unterzeichnung der Verträge, in denen die „Evakuierung“ geregelt war. Jemand schrieb: „Heute habe ich die Zeitung zur Hand genommen und über die Umsiedlung der Polen und Ukrainer gelesen. Wenn Du zur Registrierung aufgerufen wirst, überleg’ nicht lange, melde dich sofort zur Ausreise nach Polen.“ In der ersten Zeit der Umsiedlungen gab es aber auch Entscheidungen, dort zu bleiben, einerseits in der Hoffnung auf positive Ergebnisse einer Friedenskonferenz, darauf, dass sich „Lublin mit London“ einigen werde, andererseits – besonders unter der Inteligentsija – mit dem Wunsch, den nationalen Charakter der Ostgebiete zu erhalten. Ab Mitte 1945 überwog dann wohl die Option für eine schnellstmögliche Ausreise.

Die Hauptgründe für die Ausreiseentscheidung waren – neben dem Gefühl der nationalen Bindungen und dem Wunsch, in Polen zu leben, wenn auch nicht in den angestammten Gebieten – die Angst und der herrschende Zwang. Der Zwang hatte viele Formen – Terror, Verhaftungen, Verschleppungen in die Tiefe der UdSSR, zwangsweise Ukrainisierung oder Litauisierung, Diskriminierung der Polen in der Berufswelt und im Bildungswesen. Bei dem Entschluss zur Ausreise half das Bewusstsein, dass es viel besser sei, in ein ungewisses Schicksal nach Westen auszureisen als in ein gewisses – nach Osten.

Anfang September 1945 wurde klar, dass, wenn die Ostpolen etwas davon abhält, sich für die Ausreise nach Polen registrieren zu lassen, dann nicht so sehr die Hoffnung auf eine Änderung der Grenzen als vielmehr die „Unsicherheit des Schicksals, das die Umsiedler in Polen erwartet sowie die furchtbaren Transportbedingungen.“ Tatsächlich war das Los der „freiwillig umsiedelnden“ Polen dem Los der vertriebenen Deutschen außergewöhnlich ähnlich. Aufgrund des Chaos bei Organisation und Transport kampierten sie nicht selten viele Wochen auf den Bahnhöfen. Viele Wochen dauerte auch die Fahrt selbst, oft im Winter, in offenen Eisenbahnwaggons. Daher war es kein Wunder, dass die Fahrten, besonders in den Herbst- und Wintermonaten oft tragisch endeten. In den kältesten Monaten – von Oktober 1945 bis März 1946 – wurden 346.033 Personen umgesiedelt. Die Zahl der Todesopfer ist bis heute nicht bekannt.

Das Ende der Fahrt bedeutete jedoch nicht das Ende der Schwierigkeiten, manchmal war es sogar erst ihr Anfang. Die Leute von jenseits des Bug wurden meistens einfach auf irgendeiner Station (oder einem Feld) ausgeladen, wo sie erneut – manchmal viele Wochen lang – auf die Zuteilung einer Wohnung oder eines Bauernhofes warteten. Die Berichte der Beamten, die solche Lager besuchten, sind entsetzlich. Im Juli 1945 wurde z.B. aus Schlesien berichtet: „Die Umsiedlerlager bieten ein einziges Bild des Elends und der Verzweiflung. Neben dem empfindlichen Mangel an Lebensmitteln werden die Umsiedler durch Krankheiten dezimiert.“

Die polnischen Umsiedler durften vertragsgemäß zwei Tonnen Gepäck pro Familie mitnehmen. Das war tatsächlich nicht zu vergleichen mit dem, was ein durchschnittlicher Deutscher mitnehmen durfte. Offiziellen Angaben zufolge brachten alle Umsiedler in den Jahren 1944-1948 nach Polen: 71.213 Pferde, 139.272 Rinder, 34.991 Schweine, 50.586 Schafe und 168.960 landwirtschaftliche Geräte. Aber viele Sachen konnten sie auch nicht mitnehmen, ein Teil des Viehs wurde unterwegs oftmals wegen der fatalen Versorgung geschlachtet. Während der Durchreise durch die Ukraine, Weißrussland, Litauen und Polen (insbesondere durch die „wiedergewonnenen Gebiete“) waren die Umsiedler ständig Raubüberfällen seitens der Roten Armee oder gewöhnlicher Banditen ausgesetzt. Manchmal verloren sie nicht nur ihre gesamte Habe, sondern auch ihr Leben. Äußerst schwierig war es manchmal auch, vor Ort eine angemessene Entschädigung für das zurückgelassene Vermögen zu bekommen. Die Eigentumsfragen in Bezug auf das Hab und Gut, das die Umsiedler zugeteilt bekamen, sind bis heute [Dezember 2001] nicht geregelt.

Eine gemeinsame Erfahrung jedes Umsiedlers ist die Angst vor dem neuen Ort, der neuen, völlig fremden Umwelt. Sowohl die Deutschen als auch die Polen mussten damit rechnen, dass sie Fremde sein und in Konkurrenz zur einheimischen Bevölkerung stehen werden. Die Briefe, die aus dem besetzten Deutschland in den „wiedergewonnenen Gebieten“ ankamen, oder diejenigen von polnischen Soldaten, die sich in den „uralten polnischen Gebieten“ aufhielten und Briefe in die Ostgebiete schickten, glichen sich sehr, sie waren voller Bitterkeit und bestätigten Gefühle von Fremdheit und Ablehnung. Ein polnischer Soldat schrieb Ende 1944 an seine Frau: „Frauchen! …die Leute hier sind sehr seltsam, geizig, sie halten uns Wolhynier nicht für Polen“. Ein anderer schrieb: „Die Leute sind nicht gerade höflich, sie trauen uns nicht, sie halten uns für Rote“. Die Leute aus den Ostgebieten waren auch für die Behörden „verdächtige“ Elemente, besonders in den Gegenden entlang der neuen Ostgrenze. Die Politik der Zentrale stimmte weitgehend mit den Absichten der lokalen Eliten überein, insbesondere mit denen der Polnischen Arbeiterpartei (PPR), in deren Augen die Umsiedler nicht nur die politische Ruhe störten, sondern auch das gerade erst errichtete Klientelsystem in Unordnung brachten. Die Umsiedler waren eine starke Konkurrenz im Hinblick auf frühere deutsche oder ukrainische Bauernhöfe bzw. Immobilien, mit deren Übernahme die „Einheimischen“ gerechnet hatten. Es wurden Losungen populär wie „Großpolen den Großpolen“ oder „Pommern den Pommern“. In der angespannten Situation kam es sogar zu Morden an Umsiedlern.

In den „wiedergewonnenen Gebieten“ hätte es theoretisch anders sein sollen, wo die sogenannte Aufnahmefähigkeit von Siedlern gegeben war. Die Hauptschwierigkeiten bei der Ansiedlung in diesen Gebieten resultierten aus dem dort gerade erst im Entstehen begriffenen neuen Verwaltungs-, Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, und vor allem – aus der instabilen Sicherheitslage. Doch auch hier bemühten sich die lokalen Behörden, eine selbständige Politik gegenüber den Umsiedlern zu betreiben.

Bis Ende 1947 ließen sich in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten fast eine Million Menschen von jenseits des Bug nieder, darunter 121.846 aus Litauen, 247.936 aus Weißrussland und 612.405 aus der Ukraine. Der Transfer folgte den Breitengraden – von der Ukraine ging es nach Schlesien, von Weißrussland und Litauen nach Ostpreußen und Pommern.

Hier ließen sie sich nieder, aber für ihre Generation wurden Breslau, Stettin oder Köslin noch nicht zur zweiten neuen Heimat. Im Jahre 1991 erschien die Kurzgeschichte Zwei Städte von Adam Zagajewski. Diese zwei Städte sind Lemberg, wo der Autor 1945 geboren wurde, und Gleiwitz, wo er bald darauf mit den Eltern wohnte. Die Mutter des Schriftstellers betrachtete die verrauchte schlesische Stadt jedoch wie ihr heimatliches Lemberg, das sie hatte verlassen müssen: den Park, in den sie den kleinen Adam führt, nennt sie genauso wie den Park in Lemberg, die umgebenden Straßen tragen die Namen von Straßen aus der Nachbarschaft ihres Hauses in Lemberg. In der Wohnung, die sie von einer deutschen Kleinbürgerfamilie „erbten“, sind die kleinen Dinge, die sie aus der Heimatstadt mitgebracht hatten, am allerwichtigsten. Dieses Verhalten ist ganz sicher typisch für einen entwurzelten Menschen, ja einen Vertriebenen.

Plötzlich waren die Ostgebiete verloren. Im neuen Polen herrschte eine ganz andere Ordnung und es gab neue Bündnispartner, die verhinderten, dass man offen über die verlorenen Gebiete sprach oder an sie erinnerte. Deshalb nahm die Erinnerung auch zwei verschiedene Formen an, je nachdem, wohin es den Bürger aus Lemberg oder Wilna infolge der Kriegswirren verschlagen hatte. In der Emigration, in der sich einige hunderttausend Leute aus dem Gebiet jenseits des Bug landeten, nahm die Erinnerung an die Ostgebiete Formen an, die sich von denen deutscher Landsmannschaften nicht sehr unterschieden.

Eine andere Situation herrschte im kommunistischen Polen. Unmittelbar nach dem Krieg, während des Umsiedlungsprozesses, waren Worte wie Ostgebiete, Wilna, Lemberg noch nicht anstößig. So wurde zum Beispiel Anfang 1946 in Zakopane eine Pension „Lwowianka“ (Lembergerin) für höhere Beamte des Ministeriums für Öffentliche Verwaltung eröffnet. Zwei oder drei Jahre später wäre das schon nicht mehr möglich gewesen. Die Zensur reagierte allergisch auf jede Erwähnung der Ostgebiete, was manchmal zu grotesken Situationen führte: in Jan Brzechwas Gedicht für Kinder wurde zum Beispiel „eine Kusine aus der Nähe von Mołodeczno [im Osten]“ in „eine Kusine aus der Nähe von Piaseczno [bei Warschau]“ umbenannt. Ein vollständiger Gedächtnisverlust konnte jedoch nicht eintreten. Die Pflege der Erinnerung an die Ostgebiete und die Herkunft von dort verlief kompliziert und vielschichtig. In den Großstädten, wo sich die Familien der Intelligentsija niederließen, war das Herkunftsbewusstsein lebendig, die familiären und patriotischen Traditionen wurden sorgfältig gepflegt. Nach

Breslau war das intellektuelle Lemberg einschließlich der akademischen Kreise (zusammen mit den Hausmeistern von der Universität) und den Straßenbahnfahrern (was immer hervorgehoben wird) „umgezogen“. Auch ein großer Teil der Ossolineum-Sammlungen (zusammen mit dem Verlag) und sogar das Denkmal von Aleksander Fredro sowie das Bild Panorama von Racławice wurden nach Breslau mitgenommen. Aber Breslau ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme.

Anders verlief dieser Prozess im Falle der früheren Bewohner der Gebiete von Wilna, Hrodna, Polesien, Wolhynien – die weitgehend verstreut von Allenstein bis nach Stettin angesiedelt wurden und deshalb keine so homogenen Zentren wie das „Lemberger“ Breslau herausbildeten.

Anders verliefen diese Prozesse unter der Landbevölkerung. Ihr früheres Anderssein hielt sich zum Teil deshalb, weil sie von der neuen Umwelt: einerseits den „Autochthonen“, andererseits den Umsiedlern aus Zentralpolen, abgelehnt wurden. Die Aufrechterhaltung des Bewusstseins darüber, dass sie aus dem Gebiet jenseits des Bug kamen, hing in nicht geringem Umfang zum Beispiel auch vom örtlichen Pfarrer ab. Von den ca. 660 Pfarrern, die sich bis 1950 in den „wiedergewonnenen Gebieten“ niedergelassen hatten, kamen ca. drei Viertel aus den Gebieten jenseits des Bug (und nur ca. 40 Prozent der Gesamtbevölkerung). Dazu kann ich auch etwas aus der Familie beisteuern: Fast der gesamte Ort Wlodzimierzec Wołyński war in die Gegend von Miłkowo bei Karpacz umgezogen, wo sich ihr früherer Pfarrer Pater Dominik Wawrzynowicz niedergelassen hatte. So lange er lebte (er starb Ende der 1960er Jahre), lebte auch die alte Gemeinschaft weiter.

Anders begann die Generation die Ostgebiete zu betrachten, die schon im „neuen Polen“ geboren worden war, sowohl die mit Wurzeln im Osten als auch die ohne eine derartige Tradition. Die Tatsache, dass an den Lagerfeuern die Schönheit der Ostgebiete besungen wurde, war keineswegs gleichbedeutend mit dem tatsächlichen Wunsch, diese Gebiete zurück haben zu wollen. Es war allerdings ein Ausdruck des Widerstandes gegenüber der Staatsmacht. „Zu Zeiten der Volksrepublik Polen war schon die Herkunft aus den Ostgebieten fast gleichbedeutend mit Gegnerschaft gegen das System“, erinnert sich ein Journalist der Gazeta Wyborcza. „Denn wer mit Stolz sagte, ich bin aus Lemberg, der hatte gewissermaßen die kommunistischen Machthaber herausgefordert. (…) Die Ostgebiete funktionierten im gesellschaftlichen Bewusstsein nahezu als Mutterland des authentischen Polentums, frei von kommunistischer Verderbtheit (…). Die Ostpolen waren, ähnlich wie die Angehörigen der Heimatarmee, ein wichtiger Bezugspunkt. Für die Art und Weise, wie man zum Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) stand, war nicht ohne Bedeutung, dass Jacek Kuroń aus Lemberg stammte und Jan Józef Lipski Soldat der Heimatarmee gewesen war.“

Doch die Wende des Jahres 1989 veränderte auch die Sichtweise auf die Ostgebiete. Für den „Durchschnitts“-Polen sind sie nun nicht mehr das Synonym für Widerstand, nicht das Symbol für das alte, freie und unabhängige Polen, das sie ja jetzt tagtäglich haben – zusammen mit all seinen neuen Problemen. Die junge Generation der Polen interessiert sich für die Ostgebiete, jedoch so ähnlich wie sich die meisten jungen Deutschen für Niederschlesien oder Stettin interessieren. Der Teil, der seine Wurzeln in den Ostgebieten hat, betont dies. Diese Erinnerung beeinflusst jedoch nicht ihre Lebensentscheidungen.

Der Grund dafür ist einfach und verständlich: man kann seine eigene emotionale Erinnerung nicht auf andere übertragen, sie mit der tiefen, wahrhaftigen Nostalgie nicht anstecken. Das ist das Recht nur jener, die ihre Heimat wirklich verloren haben, das Recht der Generation der Eltern und Großeltern (und immer häufiger – der Urgroßeltern). „Ich bin taub für die Poetik und Mythologie der Ostgebiete“, schrieb kürzlich der Journalist Wojciech Maziarski (Gazeta Wyborcza), Jahrgang 1960: „Die Świdnicka-Straße in Breslau ist mir näher als die Ostrobramska-Straße in Wilna, weil in der Ostrobramska nichts passiert ist, was in meinem Leben von Bedeutung gewesen wäre, aber in der Świdnicka habe ich zusammen mit Freunden an Happenings der Orangenen Alternative teilgenommen. Ja, sogar der Wenzelsplatz in Prag ist mir näher als die Ostrobramska.“ Für eine Gesellschaft, deren Mehrheit die polnischen Ostgebiete für die Zeitform der vollendeten Vergangenheit hält, ist es zwar ein sentimentaler und rührender Mythos, der aber schon auf dem Friedhof der Geschichte liegt.

Aus dem Polnischen von Dagmar Kriebel