Zur polnischen Besiedlung der ehemals deutschen Gebiete nach dem Zweiten Weltkrieg. Lebuser Land und Kreis Gubin

Die ehemals deutschen Gebiete, die auf der Potsdamer Konferenz Polen übergeben wurden, stellten ein Drittel des neuen polnischen Staatsterritoriums dar. Für Polen hatten sie eine große Bedeutung in ökonomischer, aber auch in politischer, militärischer und gesellschaftlicher Hinsicht. Zugleich waren sie eine Art Ausgleich des Verlustes von 46 Prozent des Vorkriegsgebietes, das der polnische Staat zugunsten der Sowjetunion eingebüßt hatte.

Vor dem Krieg hatten in den Gebieten, die in Potsdam Polen zugesprochen wurden, 8,5 Mio. Bewohner gelebt. Als die Front näherrückte, verließ die Hälfte von ihnen ihre Wohnorte und zog Richtung Westen. Dies war eine Folge der von den deutschen Behörden angeordneten Zwangsevakuierung sowie der panischen Flucht der Bewohner vor der Roten Armee. Nach Beendigung der Kriegshandlungen blieben noch etwa 2,5 Mio. Deutsche in Schlesien, 1 Mio. in Pommern, 550.000 in Ostpreußen, 350.000 im Lebuser Land und 200.000 auf dem Gebiet der ehemaligen Freistadt Danzig.

Im Lebuser Land blieben etwa 30 Prozent der Deutschen in ihren Wohnstätten zurück. Meistens waren es Frauen, Kinder und Alte. Die Städte und Dörfer des Lebuser Landes waren stärker entvölkert als die Ortschaften in Ostpreußen, Schlesien oder Pommern. Die Zahl der gebliebenen Deutschen war aber in einzelnen Kreisen unterschiedlich. Die größte Entvölkerung war im Kreis Crossen / Krosno zu verzeichnen: Hier blieben nur acht Prozent der Bevölkerung. Im Kreis Glogau / Głogów waren es etwa neun Prozent, im Kreis Sorau / Żary zehn Prozent, im Kreis Frankfurt Oder siebzehn Prozent, im Kreis Sprottau / Szprotawa und im Kreis Sagan / Żagań fünfzehn bis zwanzig Prozent. Im östlich der Lausitzer Neiße gelegenen Teil des Kreises Guben / Gubin blieben etwa zwölf Prozent der deutschen Bevölkerung.

Nach Durchzug der Front kehrte ein Teil der Bewohner in ihre früheren Wohnorte zurück. Daher stieg die Zahl der Deutschen in einzelnen Städten und Dörfern am rechten Ufer von Oder und Neiße erneut an, wenngleich sie auch nicht annähernd den Vorkriegsstand wieder erreichte. Beispielsweise wohnten Anfang Juni 1945 im Kreis Sorau / Żary noch 51 Prozent der deutschen Vorkriegsbevölkerung, im Kreis Landsberg an der Warthe / Gorzów waren es 40 Prozent, im Kreis Meseritz / Międzyrzecz 25 Prozent, im Kreis Sprottau / Szprotawa und Sagan / Żagań 38 Prozent und im Kreis Frankfurt (Oder) 40 Prozent. Im Kreis Guben / Gubin lebten zu diesem Zeitpunkt noch 30 Prozent und im Stadtteil am rechten Neißeufer nur noch fünf Prozent der deutschen Vorkriegsbevölkerung.

Ein Teil der deutschen Staatsbürger in den Gebieten östlich von Oder und Neiße, die weder evakuiert worden noch vor der Front geflüchtet waren, waren Menschen polnischer Herkunft (sogenannte Autochthone). Polnische Behörden schätzten ihre Zahl auf ca. 1,2 Mio. (jeweils einige Hunderttausend in Oberschlesien, Ermland und Masuren). Im Lebuser Land sollen laut dieser Schätzungen etwa 20.000 Personen polnischer Herkunft gelebt haben. Insgesamt waren diese Zahlen jedoch wesentlich überhöht, obwohl gerade sie zu einem der Hauptargumente wurden, nach dem Krieg eine breitangelegte Verifikation der nationalen Zugehörigkeit durchzuführen. Es ging darum, diejenigen, die als einheimische polnische Bevölkerung galten, von den Deutschen zu trennen. Die einheimische Bevölkerung sollte repolonisiert und die Deutschen sollten aus Polen ausgesiedelt werden.

Die Verifikation der nationalen Zugehörigkeit war kein einfaches Unterfangen. Die einheimische, von den polnischen Behörden als polnisch anerkannte Bevölkerung, hatte Jahrhunderte lang im deutschen Staat gelebt. Allein diese Tatsache förderte die Assimilation und führte zur mehr oder weniger bewussten Übernahme der Muster deutschen Lebens und Wirtschaftens. Daher fiel es schwer, eindeutig und ohne Zweifel festzustellen, wer deutsch und wer polnisch war, zumal sich die Mehrheit der einheimischen Bevölkerung als deutsch und mit der deutschen Kultur verbunden verstand. Diese Menschen, die sich oft durch Charakterzüge und Werte (Sprache, Gebräuche, Glaube, Schriftzeugnisse, Namen) von ihren deutschen Nachbarn unterschieden, optierten in ihrer Mehrheit für die Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Bei der Verifikation spielte das jedoch kaum eine Rolle: Mehr als einer Million Autochthonen, die bis 1945 die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen (die meisten aus Oberschlesien, Ermland und Masuren), wurde die polnische Staatsbürgerschaft zugesprochen. Im Lebuser Land wurden bis Ende 1950 14.569 Personen als polnische Staatsbürger anerkannt, die früher die deutsche Staatsbürgerschaft besessen hatten; die meisten lebten im Kreis Züllichau / Sulechów (3.249), Sagan / Żagań (1.342), Grünberg / Zielona Góra (1.113), Zielenzig / Sulęcin (957), Freystadt / Kożuchów (955) und Schwiebus /Świebodzin (784). Im Kreis Guben / Gubin wurde die polnische Staatsbürgerschaft an 487 Autochthone verliehen.

Mit der Lösung der Bevölkerungsfrage im Nachkriegspolen ging die Aussiedlung der Deutschen einher. Sie verlief in einigen Etappen. In der ersten Phase, noch vor der Potsdamer Konferenz, wurden ca. 500.000 Deutsche hauptsächlich aus den grenznahen Gebieten vertrieben. Die Aktion führte das polnische Militär im Juni und Juli 1945 durch. Zunächst wurden Listen von Deutschen angefertigt, dann war man bestrebt, sie möglichst schnell auf das westliche Ufer von Oder und Neiße abzuschieben, wo sie sich selbst überlassen blieben. Die Vertreibung wurde von den polnischen Behörden im Einvernehmen mit den sowjetischen Militärbehörden beschlossen. Diese Vertreibungsphase entsprach keinerlei völkerrechtlichen Bestimmungen und erfolgte chaotisch, hektisch und unter Gewaltanwendung. Der deutschen Bevölkerung war es nicht erlaubt, ihr Hab und Gut oder zumindest größeres Handgepäck mitzunehmen. Unterwegs wurden alle Deutschen durchsucht und sogar der unbedeutendsten Gegenstände beraubt.

Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung im Sommer 1945 hing mit Plänen zusammen, die aus dem Kriegsdienst entlassenen polnischen Soldaten samt ihrer Angehörigen in den grenznahen Gebieten anzusiedeln. Sie sollten Schutz vor einer eventuellen erneuten deutschen Bedrohung bieten. Im Juni 1945 wurden zwölf grenznahe Kreise als Militäransiedlungsgebiete festgelegt: Cammin / Kamień Pomorski – Wollin / Wolin, Greifenhagen / Gryfino, Königsberg Nm. / Chojna, Zielenzig / Sulęcin, Reppen / Rzepin, Crossen an der Oder / Krosno Odrzańskie, Guben / Gubin, Sorau / Żary, Sagan / Żagań, Görlitz / Zgorzelec, Lauban / Lubań und Löwenberg / Lwówek Śląski. 1948 betrug die Zahl der aus dem Kriegsdienst entlassenen Soldaten und ihrer Angehörigen in diesen Kreisen mehr als 30 Prozent der gesamten neuangesiedelten polnischen Bevölkerung. Ein derart hoher Prozentsatz von Militäransiedlern in diesen Kreisen wirkte sich auf die lokalen gesellschaftlichen Verhältnisse aus. Einige Orte im deutsch-polnischen Grenzgebiet behielten viele Jahre lang einen halb militärischen Charakter (z.B. Göhren / Górzyn im Kreis Crossen an der Oder / Krosno Odrzańskie, Mednitz / Miodnica im Kreis Sorau / Żary, Gleißen / Glisno im Kreis Zielenzig / Sulęcin, Lindenhain (Niemaschkleba) / Chlebowo im Kreis Guben / Gubin).

Die demobilisierten Militärs siedelten sich nicht nur in den zwölf genannten grenznahen Kreisen, sondern auch in den übrigen Kreisen der ehemals deutschen Gebiete an. Bis Ende 1949 ließen sich in den gesamten sogenannten wiedergewonnenen Gebieten ca. 170.000 Militärangehörige, d.h. mehr als 530.000 Personen nieder, die rund 12 Prozent aller polnischen Ansiedler ausmachten. Im Lebuser Land siedelten sich bis Dezember 1948 über 40.000 demobilisierte Militärs an, ca. zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Kreis Guben lebten zu dieser Zeit etwa 2.000 solcher Familien, insgesamt ca. 6.000 Menschen.

Vom August bis Ende Dezember 1945 wurden 530.000 Deutsche aus den ehemals deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße ausgesiedelt. 1946 betrug die Zahl der aus Polen ausgesiedelten Deutschen 1.668.000 und 1947 kamen weitere 502.000 hinzu. 140.000 Deutsche wurden von 1948 bis 1950 ausgesiedelt. Insgesamt wurden in den Jahren 1945 bis 1950 rund 3.200.000 Deutsche ausgesiedelt.

Die Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus dem Lebuser Land verlief ähnlich wie in den übrigen ehemals deutschen Gebieten. Bemerkenswert war nur das beschleunigte Tempo der Aussiedlungen im Vergleich zu Schlesien, Ermland, Masuren oder Pommern. Anfang März 1946 hielten sich im Lebuser Land nur noch 59.000 Deutsche auf, was nicht einmal sieben Prozent der Bevölkerungszahl vor 1939 ausmachte. Insgesamt wurden vom September 1945 bis Ende 1950 rund 120.000 Deutsche aus dem Lebuser Land ausgesiedelt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten im Kreis Guben ca. 46.000 Einwohner, darunter knapp über 30.000 in der Stadt selbst. Nach dem Krieg wurde die Stadt vom Kreis getrennt. In den Dörfern des Kreises Guben, die auf der polnischen Seite lagen, hielten sich Ende Mai 1945 ca. 6.500 und im polnischen Teil von Guben / Gubin 1.500 Deutsche auf. Die meisten Bewohner des Kreises Guben / Gubin wurden im Juni und Juli 1945 von ihren Höfen auf das westliche Neißeufer vertrieben. So war es beispielsweise in den Dörfern Stargardt / Stargard Gubiński, Starzeddel / Starosiedle, Lindenhain (Niemaschkleba) / Chlebowo, Schernewitz / Czarnowice, Reichersdorf / Grabice, Wallwitz / Wałowice und in Guben selbst. Nach der Potsdamer Konferenz stieg die Einwohnerzahl von Guben / Gubin unbedeutend an. Die hier ankommenden Deutschen versuchten, auf eigene Faust in eine der deutschen Besatzungszonen zu gelangen. Sie waren sich dessen bewusst, dass die bisherigen Gebiete östlich von Oder und Neiße zugunsten von Polen verloren waren. Vom August bis zum Dezember 1945 wurden weitere 2.000 Deutsche aus dem Kreis Guben / Gubin ausgesiedelt bzw. flüchteten.

Seit Februar 1946 wurden die noch in Polen verbliebenen Deutschen in die sowjetische und britische Besatzungszone ausgesiedelt. Das betraf auch die Bewohner des Kreises Guben / Gubin, die über die Sammelstelle in Grünberg / Zielona Góra und dann über Kohlfurt / Węgliniec und Teuplitz / Tuplice ausgesiedelt wurden. Die Zahl der Deutschen im Kreis Guben / Gubin ging rapide zurück, viel schneller als in den anderen Kreisen des Lebuser Landes. Mitte 1946 lebten im Kreis Guben / Gubin nur noch 600 Deutsche. Die Gubiner Behörden erteilten 38 deutschen Familien (120 Personen) keine Ausreisegenehmigung. Ihre Angehörigen waren Spezialisten und daher unerlässlich bei der Inbetriebnahme von Fabriken in der Stadt und Umgebung. Darüber hinaus wurden 150 Deutsche von den sowjetischen Militärbehörden in ihren Ämtern, Unternehmen und in der Landwirtschaft in Guben / Gubin und im Kreis Guben / Gubin beschäftigt. In den folgenden Jahren reisten schließlich auch sie in die deutschen Besatzungszonen aus. Laut Schätzungen der polnischen Behörden lebten 1952 im Kreis Guben / Gubin lediglich 24 Deutsche.

Noch während der Kriegshandlungen wurden verschiedene Konzeptionen polnischer Besiedlung der ehemals deutschen Gebiete an Oder, Neiße und der Ostsee in Betracht gezogen. Man hatte nicht vor, eine endgültige internationale Lösung der Frage der Deutschen und deren Territorien abzuwarten. Im Gegenteil: Die polnischen Ansiedler in den ehemals deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße sollten als Argument benutzt werden, diese Territorien dem polnischen Staat anzuschließen.

Laut Schätzungen des Ministeriums für öffentliche Verwaltung vom Mai 1945 konnten in den ehemals deutschen Gebieten sofort rund 6 Mio. Menschen und nach der Aussiedlung der Deutschen weitere 2 Mio. angesiedelt werden. Parallel zur Ansiedlung sollte die Verifikation der nationalen Zugehörigkeit sowie die Aussiedlung der Deutschen in die sowjetische und britische Besatzungszone durchgeführt werden. All diese Maßnahmen hingen eng zusammen und wurden am intensivsten in den Jahren 1945 bis 1947 umgesetzt.

Die wesentlichen Aufgaben, die mit der Besiedlung der sogenannten wiedergewonnenen Gebiete zusammenhingen, fielen dem Staatlichen Repatriierungsamt zu. Diese Einrichtung wurde am 7. Oktober 1944 ins Leben gerufen und befasste sich anfangs mit der Organisation der Umsiedlung und Repatriierung polnischer Bürger aus den Gebieten anderer Länder, hauptsächlich aus der Sowjetunion, nach Polen. Im Frühjahr 1945 wurde das Repatriierungsamt verpflichtet, Büros in den ehemals deutschen Gebieten einzurichten.

Die erste Phase der Besiedlung sollte von Um- und Besiedlungskomitees auf zentraler, sowie auf lokaler Ebene der Wojewodschaften und Kreise, die ab Ende April 1945 nach und nach errichtet wurden, praktisch umgesetzt werden. In den Komitees, denen Wojewoden und Stadträte vorstanden, waren politische Parteien, gesellschaftliche Vereine und Berufsorganisationen, Staatliches Repatriierungsamt, Behörden und Ämter vertreten. Zu ihren Aufgaben gehörten: Planung der An- und Umsiedlungsaktionen, Hilfeleistungen an das Repatriierungsamt und dessen lokale Büros bei den Umsiedlungen, Beschaffung von Transportmitteln, Verpflegung und Finanzen, Ansiedlung, Aktivierung und Einbeziehung der lokalen Bevölkerung in Hilfeleistungen an die Ansiedlungsbehörden.

Am 13. November 1945 wurde das Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete ins Leben gerufen, das für die Organisation der polnischen Ansiedlung in den ehemals deutschen Gebieten besonders wichtig war. Zu seinen Aufgaben gehörte die Erarbeitung von Richtlinien für die Staatspolitik in den übernommenen Gebieten, die Planung ihrer Bewirtschaftung, die Führung einer planmäßigen Ansiedlungsaktion, die Verwaltung der neuen Gebiete und die Koordinierung der Tätigkeiten anderer Ministerien auf diesen Gebieten. Das Wirkungsfeld des Ministeriums für die Wiedergewonnenen Gebiete war relativ ausgedehnt und umfasste praktisch alle Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Das Ministerium wurde zum wichtigsten Instrument des Staates, um Tempo und Ausmaß der Migration in die ehemals deutschen Gebieten zu regulieren.

Die ersten polnischen Ansiedler gelangten bereits im Februar und März 1945, unmittelbar nach Durchzug der Front, in die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete. Das war die spontane Phase der Ansiedlung. Sie kam den Maßnahmen der Behörden zuvor und war gesetzlich nicht geregelt. Die Ansiedler kamen vorwiegend aus den grenznahen Gebieten und besetzten die ehemals deutschen Höfe. Noch früher tauchten hier Gruppen von Menschen auf, die aus Kriegsgefangenschaft und Arbeitslagern in Deutschland zurückkehrten. Direkt hinter der Front folgte keine geringe Zahl von Plünderern, die die große Unordnung und Entvölkerung ausnutzten, um ehemaliges deutsches Eigentum zu rauben. Der Raub von Eigentum war in den ehemals deutschen Gebieten allgegenwärtig und trug wesentlich zur Zerstreuung und Zerstörung der hier befindlichen Güter bei. Nach der Durchforstung des Gebietes transportierten die Plünderer die geraubten Güter in ihre Wohnorte, meistens nach Zentralpolen, ab.

Noch größere Verwüstung verursachten die sowjetischen Truppen. In den ersten Monaten nach der Eroberung der deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße betrieben die sowjetischen Truppen einen unkontrollierten Raub der Güter. Ganze Fabriken wurden demontiert und in die Sowjetunion verfrachtet, bewegliche Güter, Rohstoffe, Bodenerzeugnisse und Kunstwerke wurden geraubt. Deutsche Güter wurden zum großen Teil sinnlos und unwiderruflich zerstört.

Die polnische Ansiedlung in den ehemals deutschen Gebieten kann nach ihrem Verlauf in Städten und Dörfern differenziert werden. Man kann sie auch unter dem Aspekt der Herkunftsorte der Ansiedler erforschen: So wird etwa die Ansiedlung der Ankömmlinge aus der Sowjetunion untersucht, dann die Ansiedlung derjenigen aus den ehemals polnischen Ostgebieten, die Ansiedlung der Repatriierten, d.h. derjenigen polnischen Staatsbürger, die während des Krieges in andere Länder deportiert worden waren und nach Polen zurückkehrten, oder die Ansiedlung von Reemigranten, d.h. derjenigen, die vor Kriegsbeginn außerhalb von Polen gelebt hatten. Die entschieden größte Gruppe der Ansiedler in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten waren Menschen aus Zentralpolen und Umsiedler sowie Repatrianten aus der Sowjetunion.

Die Ansiedlung der Bevölkerung aus Zentralpolen in den ehemals deutschen Gebieten nahm nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 zu. Ansiedler aus den entfernter gelegenen Wojewodschaften (u.a. aus der Wojewodschaft Rzeszów, Krakau, Kielce) kamen mit eingesetzten Pendelzügen. Diejenigen, die aus den grenznahen Vorkriegsgebieten kamen, benutzten Lastwagen, Pferdewagen oder wanderten sogar zu Fuß. Bis Ende 1945 gelangten 1.630.838 Menschen aus Zentralpolen, die meisten aus der Wojewodschaft Warschau (369.067), Krakau (256.192) und Lodz (228.680) in die ehemals deutschen Gebiete.

Seit Frühling 1945 kamen auch Transporte mit polnischen Ansiedlern aus den der Sowjetunion einverleibten Territorien in die ehemals deutschen Gebiete. Die ersten Umsiedler und Repatrianten von jenseits des Bug siedelten sich im März und April im Oppelner Schlesien an. Ab Mai wurden sie auch nach Pommern, Ermland, Masuren und ins Lebuser Land geleitet. Bis Ende 1945 wurden in den ehemals deutschen Gebieten insgesamt 400.138 Umsiedler aus dem ehemaligen polnischen Osten angesiedelt. Die meisten ließen sich auf dem Land nieder und übernahmen die dortigen Höfe.

Im Lebuser Land tauchten die ersten polnischen Ansiedler bereits im Februar und Anfang März 1945 auf und ließen sich hauptsächlich in den Kreisen Grünberg / Zielona Góra, Landsberg / Gorzów, Schwiebus / Świebodzin und Meseritz / Międzyrzecz nieder. Vom 25. bis zum 30. Mai 1945 gelangten beispielsweise 3.700 Repatriierte nach Landsberg an der Warthe / Gorzów Wielkopolski. Sie kamen vorwiegend aus den Wojewodschaften Wilna, Nowogrodek, Polesien, Lemberg, Tarnopol und Stanislaw. In den nächsten Monaten nahm die Ansiedlung noch stärker zu. Bis Ende 1945 gingen 162.057 Menschen durch die Sammelstellen des Repatriierungsamtes in alle Kreise des Lebuser Landes, darunter die größte Zahl im Kreis Sorau / Żary (24.887), dann in Schwiebus / Świebodzin (16.028), Glogau / Głogów (15.891) und Landsberg / Gorzów (13.140). Die Ansiedler bekamen notwendige medizinische Hilfe und Verpflegung und wurden in Transporten zu den Ansiedlungsorten in einzelnen Dörfern und Kleinstädten weitergeleitet.

Bis Ende 1945 wurden im Lebuser Land insgesamt 227.061 polnische Ankömmlinge angesiedelt, 145.958 von ihnen auf dem Lande und 81.103 in den Städten. 110.338 kamen aus den Wojewodschaften, die nach dem Krieg der Sowjetunion einverleibt worden waren, die übrigen stammten aus den alten polnischen Gebieten, hauptsächlich aus den Wojewodschaften Posen, Rzeszów, Krakau, Kielce, Lodz und Warschau.

Die Ansiedlung im Kreis Gubin verlief wesentlich langsamer als in anderen Kreisen des Lebuser Landes, die weiter entfernt von der deutsch-polnischen Grenze lagen. Dies resultierte hauptsächlich aus den Ängsten, sich in der unmittelbaren Nähe der Grenze zu Deutschland anzusiedeln. Einer der weiteren Gründe war die große Zerstörung der Stadt Guben / Gubin, die außerdem vermint war. Darüber hinaus wurde der Kreis Guben / Gubin für die Ansiedlung von Militärangehörigen bestimmt, die Anmeldebestimmungen waren verschärft, die Bewegungsfreiheit im grenznahen Gebiet war eingeschränkt und die Sicherheitsbedingungen waren schlechter als in anderen Kreisen. Verhältnismäßig spät, erst im September 1945, wurde in Guben / Gubin ein Büro des Repatriierungsamtes eingerichtet.

Ende 1945 war der Kreis Guben / Gubin eines der am schwächsten besiedelten Gebiete in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten. Im gesamten Kreis wohnten zu dieser Zeit 3.398 Menschen, 1.151 auf dem Land und 2.240 in Guben / Gubin. Das entsprach lediglich sieben Prozent der Kreisbevölkerung vor dem Zweiten Weltkrieg. In Guben / Gubin selbst waren die Ansiedlungsbedingungen schwierig. Die Stadt war zerstört, in allen Gärten, auf den Plätzen, in den Häusern und öffentlichen Gebäuden lagen Minen. Noch im April 1946 waren etwa 20 Prozent des Stadtgebiets von Guben / Gubin vermint.

Die polnischen Ansiedler betonten die allgemein guten Lebensbedingungen – trotz der Kriegszerstörungen – in den ehemals deutschen Gebieten. Fast jeder konnte ein Haus und ausreichend Boden zugewiesen bekommen, andere erhielten Wohnungen in der Stadt und Arbeit in der Industrie. Allgemein wies man auf die besseren Lebensbedingungen im Vergleich zu den früheren Wohnorten hin, auch wenn die Ankömmlinge aus dem ehemaligen Osten Polens sich nach ihrer Heimat sehnten und daran glaubten, dorthin zurückkehren zu können.

Die Zahl der polnischen Bevölkerung in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten stieg seit Februar 1946 nach der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung an. Die Ansiedler besetzten die von den Deutschen verlassenen Höfe und die städtischen Wohnungen. Es war an der Tagesordnung, die Deutschen unter Gewaltanwendung aus ihren Häusern und Wohnungen zu vertreiben. Oft wurden sogar mehrere deutsche Familien in einem Wohnraum zusammengepfercht. Die Ansiedler übernahmen das Hab und Gut der Deutschen. Ende 1946 riss die massenhafte Welle der polnischen Ansiedler ab. Die Ansiedlungsmöglichkeiten schrumpften zusammen. Die besten Höfe sowie Wohnungen in den Städten waren bereits besetzt. Frei blieben nur stark zerstörte Bestände, in denen sich anfangs die Ankömmlinge nicht hatten niederlassen wollen, da sie andere Wahlmöglichkeiten hatten.

Ende 1946 gab es in vielen Gegenden der ehemals deutschen Gebiete nur noch geringe Ansiedlungsmöglichkeiten. Das betraf vor allem das Oppelner Schlesien, wo es gar keine freien Höfe mehr gab. Zur Ansiedlung waren nur noch große Ländereien von mehr als 100 ha Boden vorgesehen, die zuvor geteilt werden sollten. Ähnliche Umstände herrschten in der Wojewodschaft Breslau, in der nur noch zerstörte Höfe und große Ländereien leer standen. Auch im Lebuser Land waren Ende 1946 die Ansiedlungsmöglichkeiten ausgeschöpft, abgesehen von den grenznahen Kreisen, die für die Militäransiedlung vorgesehen waren. Nicht wenig freie Höfe und städtische Wohnungen gab es dagegen zu dieser Zeit noch in Pommern, Ermland und Masuren. Insgesamt waren die von Polen übernommenen Gebiete jedoch nach wie vor unterbevölkert.

In den Jahren 1946 und 1947 hat sich die nationale Bevölkerungsstruktur in den ehemals deutschen Gebieten, die von Polen übernommen worden waren, vollständig verändert. Die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung, die Verifikation der nationalen Zugehörigkeit, die Anerkennung einer Million ehemaliger deutscher Staatsbürger als Polen und die Ankunft der polnischen Ansiedler führte dazu, dass Mitte 1947 in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten 5.238.000 Menschen lebten, davon 4.985.000 polnischer Herkunft.

Bis 1947 war die Zahl der polnischen Ansiedler im Lebuser Land kontinuierlich und wesentlich angestiegen. Ende dieses Jahres lebten hier insgesamt 473.744 polnische Ansiedler, 293.143 von ihnen auf dem Lande. Im Kreis Guben / Gubin lebten im Dezember 1947 11.555 polnische Ansiedler, darunter 7.734 auf dem Lande und 3.821 in der Stadt. Knapp 6.000 unter den damaligen Kreisbewohnern waren Polen von jenseits des Bug.

Eine ziemlich große Gruppe unter den Umsiedlern und Repatriierten aus der Sowjetunion, die sich in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten niederließen, stellten Juden dar. Zahlenmäßig waren sie am stärksten in Niederschlesien und Pommern vertreten. Die meisten von ihnen blieben nur kurz in den neuen Wohnorten und entschlossen sich relativ schnell, weiter zu ziehen, meistens ins Ausland. Mitte 1946 gab es in Niederschlesien etwa 80.000 und in Pommern etwa 30.000 Juden. Nach einem Jahr gingen diese Zahlen bis auf die Hälfte zurück. In den nächsten Jahren sank die Zahl der Juden in Polen, auch in den ehemals deutschen Gebieten, kontinuierlich weiter.

Auch im Lebuser Land war die Zahl der hier nach 1945 lebenden jüdischen Bevölkerung nicht konstant. In den drei Nachkriegsjahren gingen etwa 16.000 Menschen jüdischer Herkunft durch das Lebuser Land. Ihr größtes Zentrum war Sorau / Żary, wo zeitweilig insgesamt mehr als 3.500 Juden lebten. Vorübergehend wohnten auch einige Dutzend bis ein paar Hundert Juden in Grünberg / Zielona Góra, Neusalz / Nowa Sól und Landsberg / Gorzów. Auch in Gubin gab es vorläufig eine Anzahl von Juden, die jedoch niemals mehr als 20 Personen betrug.

1947 wurden im Rahmen der Aktion „Weichsel” nahezu 150.000 Menschen ukrainischer Herkunft in die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete zwangsumgesiedelt. Bis dahin hatten sie im polnischen Südosten, in den Wojewodschaften Rzeszów, Lublin und Krakau, gelebt. Eine verhältnismäßig große Gruppe von ihnen gelangte ins Lebuser Land. Insgesamt wurden hierher 11.768 Menschen ukrainischer Herkunft umgesiedelt, u.a. kamen sie in den Kreisen Strehlitz / Strzelce (1.500), Freystadt / Kożuchów (1.534), Meseritz / Międzyrzecz (830), Schwerin / Skwierzyna (750), Landsberg / Gorzów (650), Zielenzig / Sulęcin (620) an. Die Zahl der ukrainischen Bevölkerung, die im Kreis Guben / Gubin angesiedelt wurde, war relativ gering. Für die Aktion „Weichsel” galt, dass Ukrainer nicht näher als in einer Entfernung von 50 km von der Staatsgrenze angesiedelt werden durften. In der Praxis sah das allerdings oft anders aus. Im Kreis Guben / Gubin wurden im Juli 1947 32 Familien ukrainischer Herkunft (98 Personen) angesiedelt. Weitere 125 Ukrainer wurden im Januar und Februar 1948 in das Kreisgebiet Guben / Gubin aus anderen Kreisen des Lebuser Landes umgesiedelt.

In den Jahren 1948 und 1949 entschied sich nur noch eine geringe Anzahl polnischer Ansiedler in die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete zu ziehen. Innerhalb dieser zwei Jahre kamen hierher insgesamt knapp 400.000 Menschen polnischer Herkunft.

Am 3. Dezember 1950 fand in Polen bereits die zweite Volkszählung nach dem Krieg statt. Laut Ergebnis dieser Volkszählung lebten in den ehemals deutschen Gebieten 5.967.000 Menschen, darunter 3.093.700 auf dem Lande und 2.874.300 in den Städten. Knapp 2,5 Mio. der neuen Bewohnern in den sogenannten wiedergewonnenen Gebieten stammten aus den alten Gebieten (vorwiegend aus den Wojewodschaften Warschau, Lodz, Rzeszów, Posen, Kielce und Krakau) und 1.332.000 kamen aus dem ehemaligen polnischen Osten. Insgesamt blieben die ehemals deutschen Gebiete aber im Vergleich zur Vorkriegszeit unterbevölkert. Es lebten hier rund 2,5 Mio. Menschen weniger als zu deutschen Zeiten. Die Ursachen der Unterbevölkerung waren komplex. Einerseits fehlte es an Menschen, die man in diesen Gebieten hätte ansiedeln können, andererseits verweigerten die sowjetischen Behörden einigen Millionen Polen die Rückkehr nach Polen. Darüber hinaus wollten viele Polen, die nach dem Krieg im Westen geblieben waren, nicht nach Polen zurückkehren, was hauptsächlich mit dem neuen politischen System zusammenhing.

1950 lebten im Lebuser Land 560.613 Personen, 352.689 auf dem Lande und 207.924 in den Städten. Das waren 61,4 Prozent der Bevölkerungszahl des Jahres 1939. 52,3 Prozent der Bewohner des Lebuser Landes waren Umsiedler aus den alten polnischen Gebieten, 41,1 Prozent waren Repatriierte und 2,8 Prozent waren Reemigranten.

1950 betrug die Zahl der Bewohner des Kreises Gubin 13.322, auf dem Lande lebten 8.973 und in der Stadt 4.329 Personen. Das waren knapp 35 Prozent der Bevölkerungszahl aus der Vorkriegszeit. Der Kreis Gubin war also eindeutig unterbevölkert, insbesondere aber die Stadt Gubin, in der die Einwohnerzahl um 85 Prozent niedriger war als im Jahre 1939.

Aus dem Polnischen Ewa Czerwiakowski


Literatur:

S. Banasiak , Przesiedlenie Niemców z Polski w latach1945-1950 [Umsiedlung der Deutschen aus Polen in den Jahren 1945-1950], Łódź 1968

H. Dominiczak, Proces zasiedlania województwa zielonogórskiego w latach 1945-1950 [Der Ansiedlungsprozess in der Wojewodschaft Grünberg in den Jahren 1945-1950], Zielona Góra 1975

P. Dziurzyński, Osadnictwo rolne na Ziemiach Odzyskanych [Die Landwirtschaftsansiedlung in den Wiedergewonnenen Gebieten], Warszawa 1983

S. Łach,Osadnictwo wiejskie na ziemiach zachodnich i północnych Polski w latach 1945-1950 [Die Ansiedlung auf dem Lande in den polnischen West- und Nordgebieten in den Jahren 1945-1950], Słupsk 1983

C. Osękowski, Społeczeństwo Polski zachodniej i północnej w latach 1945-1956. Procesy integracji i dezintegracji, [Die Gesellschaft der polnischen West- und Nordgebieten in den Jahren 1945-1956. Integrations- und Desintegrationsprozesse], Zielona Góra 1994

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