Jüdische Spuren in Międyrzecz (Meseritz)

Meseritz, eine der wichtigsten Städte im westlichen Grenzgebiet der Ersten Polnischen Republik, hat eine lange und faszinierende Geschichte. Nicht nur wegen der politischen Bedeutung der Stadt, sondern auch – oder vielleicht gerade – wegen der ethnischen und religiösen Vielfalt seiner Einwohner. Ähnlich wie im benachbarten Schwerin an der Warthe (Skwierzyna) wohnten hier Deutsche, Juden und Polen nebeneinander. Neben katholischen Kirchen und Friedhöfen gab es evangelische Kirchen und Friedhöfe, und in bestimmten Bezirken beider Städte jüdische Viertel.

Heute kann man sich die Art des damaligen Funktionierens der Stadt nur noch auf der Grundlage historischen Wissens und mit erheblicher Fantasie vorstellen. In Meseritz dominierte das deutsche Element in der Regel evangelischer Konfession, wodurch die Stadt eine eindeutig deutsche Färbung hatte. Die Polen, die entschieden in der Minderheit waren, spielten jedoch eine wesentliche Rolle, denn sie repräsentierten die königliche Verwaltung, zum Beispiel durch das Amt des Starosten. Die Polen waren meistens katholisch. Ergänzt wurde das Bild der Stadt von der jüdischen Bevölkerung, die in Opposition zur christlichen Welt stand, feindselig von dieser behandelt und höchstens toleriert wurde, denn das verlangten die Interessen der königlichen Staatskasse. Dieser multikulturelle Charakter dominierte die Stadt mindestens 500 Jahre lang, obwohl sich die christlich-jüdischen Beziehungen im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderten. (1) Das änderte sich endgültig in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Meseritz zu einer polnischen, in nationaler und religiöser Hinsicht homogenen Stadt, die durch nichts mehr an das alte multikulturelle Zentrum erinnert.

Wenn die Rekonstruktion deutscher Geschichte heute kaum noch Emotionen weckt und in der Forschung auf keine ernstzunehmenden Hindernisse stößt, so sieht die Situation hinsichtlich der Erforschung jüdischer Spuren vollkommen anders aus. Der vorliegende Vortrag ist der Versuch, die übrig gebliebenen Spuren der Geschichte der Juden in Meseritz, der Friedhöfe, der Synagoge und der Archivalien, zu beschreiben und zusammenzufassen.

[Hier wurde nur das Kapitel über die Friedhöfe übersetzt; der ganze Text ist in der polnischen Fassung auf der Seite http://judaika-lubuskie.webpark.pl/ zu lesen, d. Red.]

Der jüdische Friedhof

Es wird angenommen, dass die Juden bereits in der Mitte des 14. Jahrhunderts nach Meseritz, ähnlich wie nach Schwerin an der Warthe, kamen. (2) Neben den gesetzlich fixierten Rechten war der Friedhof für jede in Entstehung begriffene jüdische Gemeinde das Allerwichtigste. Entgegen der gängigen Meinung war dieser viel wichtiger als beispielsweise die Synagoge. Beten kann man im Prinzip überall, aber der Bestattungsort und die Art seines Funktionierens sind durch rituelle Vorschriften genau festgelegt. Man kann also davon ausgehen, dass die Entstehung des jüdischen Friedhofs eng mit der Entstehung der Meseritzer jüdischen Gemeinde verbunden ist. In der jüdischen Religion ist der Bestattungsort unantastbar, also musste man unter den Bedingungen der Diaspora nach Orten suchen, die dessen ewige Dauer garantierten.

Meist wurden die Friedhöfe außerhalb der Stadt angelegt, möglichst an den Hängen eines sandigen Hügels, weil es in einem lockeren Untergrund leichter ist, zu jeder Jahreszeit Gräber zu graben. Eine solche Lage hatte viele Vorteile: es war trocken, der Boden war billig und einfach zu erwerben, die Gefahr enteignet zu werden, um den Boden für andere Zwecke zu nutzen, gering. Die Bestattung an einem Berghang erinnerte auch an den ältesten jüdischen Friedhof am Hang des Ölbergs in Jerusalem. (3) Wie wir schon wissen, erfüllte der Friedhof von Meseritz alle diese Voraussetzungen. Das verschonte ihn jedoch nicht vor der völligen Liquidierung, die umso schmerzlicher war, weil sie nach dem Holocaust stattfand.

Der Friedhof der jüdischen Gemeinde wurde auf dem sog. Judenberg (4) an der Straße nach Schwerin etwa zwei km nördlich vom Stadtzentrum angelegt (Abb. 01). Der Hügel gehörte zum Dorf St. Adalbert (Święty Wojciech), das im Mittelalter Teil der Landgüter von Betsche (Pszczew) war. Dort wurde die Pachtgebühr entrichtet, die nach Zachert eine Unze Safran und ein Pfund Pfeffer betrug. (5) Vermutlich kamen noch Bestattungsgebühren für jede Bestattung hinzu. (6) Als die Gemeinde unter die Rechtsprechung des Starosten fiel und – wahrscheinlich – die Gebühren zugunsten der Stiftung von Betsche nicht mehr bezahlte, führte dies zu einem ernsthaften Konflikt mit dem Eigentümer von Betsche, Andrzej Boczkowski, der 1682 auf dem Friedhof einen Galgen aufstellen ließ und damit den Bestattungsort entweihte. Erst als sich die Gemeinde der Obhut des Posener Wojewoden Wojciech Breza unterstellte (1696), kam es zu der gewünschten Änderung. (7) Man weiß auch, dass auf dem Meseritzer Friedhof der aus Schneidemühl (Piła) stammende Rabbiner Meir ben Elisakim Goetz begraben wurde. Er starb auf der Flucht vor einem Pogrom, den die Truppen von Hetman Stefan Czarniecki in Meseritz im Jahre 1656 anzettelten. (8)

Abb. 1Heute ist nur noch schwer feststellbar, welches Gelände der Meseritzer Friedhof genau einnahm. Vermutlich sah er ähnlich aus wie der 16 km weiter nördlich liegende jüdische Friedhof in Schwerin an der Warthe. (9) Die Meseritzer Gemeinde wurde mit der etwas größeren Schweriner Gemeinde verglichen, also muss der Friedhof von Meseritz, ähnlich wie der von Schwerin, eine Fläche von etwa 2,5-3 ha gehabt haben. Friedhöfe dieses Typus wurden meist chronologisch belegt, eine Reihe nach der anderen, angefangen auf dem Gipfel des Hügels; die Grabsteine wurden in östlicher Richtung (Jerusalem) aufgestellt. Nachdem der Hügel und dessen östlicher, nördlicher und westlicher Hang voll waren, wurden die Bestattungsorte weiter nach unten verlegt, in Richtung der Straße Meseritz–Schwerin (Abb. 01).

Nach rituellen Vorschriften muss ein jüdischer Friedhof eingezäunt sein. Meist wurde auf dem Friedhofsgelände auch ein Gebäude für rituelle Waschungen (hebräisch: tahara), errichtet. So war es auch im Falle des Meseritzer Friedhofs. Große Teile des Metallzauns sowie das zerstörte Tahara-Haus, das auf der erwähnten Karte aus dem Jahre 1944 (vgl. Anmerkung 4) eingezeichnet ist, waren noch 1946 zu sehen. (10) Bis heute ist an der Nordseite des Friedhofs zum Teil ein Erdwall erhalten, der wahrscheinlich das Fundament für den Metallzaun bildete.

Abb. 2Da es an zugänglichen Quellen fehlt, ist es schwer festzustellen, ob und welche Zerstörungen es in der Nazizeit gegeben hat. Zwei dem Autor bekannte Berichte von Juden, die vor dem Krieg in Meseritz lebten, erwähnen keine Zerstörungen. (11) Vielsagend ist auch die Tatsache, dass andere jüdische Friedhöfe aus dieser Gegend, z.B., in Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe), Skwierzyna (Schwerin an der Warte), Trzciel (Tirschtiegel), Trzemeszno Lubuskie (Schermeisel) und Brójce (Braudazendorf), in der Zeit vor und während des Krieges keinen Schaden genommen hatten. Natürlich sagt das nichts über das Schicksal des Friedhofs von Meseritz aus, wenn man berücksichtigt, dass auf der bereits erwähnten Karte von 1944 am Hang des Judenberges neben dem Tahara-Haus ein Tagebaubergwerk eingezeichnet ist (Abb. 02). Laut Ryszard Patorski vom Museum Międzyrzecz könnte das bedeuten, dass die Deutschen am Ende des Krieges entweder mit der Kiesförderung anfingen oder mit den Vorbereitungen dafür, da der Judenberg zu 90 Prozent aus Kies bestand. Interessant ist, dass Stanisław Cyraniak, der sich den jüdischen Friedhof im Jahre 1946 angeschaut hatte, keine Abbaustelle gesehen hat und außer der allgemeinen Unordnung (ein Teil der Grabsteine war umgeworfen worden, das Tahara-Haus zerstört, das ganze Gelände mit Unkraut und Efeu bewachsen) nichts seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Jedenfalls begannen die Zerstörung und die fortschreitende Auflassung des Friedhofs erst richtig im Jahre 1947, als man mit dem Umbau der Landstraße von Meseritz nach Schwerin angefangen hatte. Florian Wiśniewski, der bei den Bauarbeiten beschäftigt war, gab an, dass für den Umbau der Strecke zwischen Meseritz und dem Tiefen See Grabsteine und Kies vom Friedhof benutzt worden seien. Die Steine wurden als Schotter benutzt – als Unterlage für den auf die Straße gegossenen Asphalt. (12)

Die nächste Etappe der Liquidierung des Friedhofs fiel in die Jahre 1955-1956, als eine Badestelle am Tiefen See eingerichtet wurde. „Der private Fuhrunternehmer Firlej, entnahm im freiwilligen Arbeitseinsatz Kies vom Judenberg und brachte ihn zum Strand am Tiefen See. Im Kies gab es hin und wieder Knochen, die aufgesammelt und weggebracht wurden“. (13) Ende der 1960er Jahre befand sich auf dem teilweise abgebauten Judenberg ein Schießstand, der unter anderem von Schülern des örtlichen Gymnasiums benutzt wurde. Auf dem ganzen Gelände des liquidierten Friedhofs lagen menschliche Knochenreste herum, um die sich niemand kümmerte. (14)

Abb. 3Ähnlich wie auf anderen Friedhöfen gab es in diesen Gebieten bis Ende der 1940er Jahre individuellen und organisierten Raub von Grabplatten aus Granit und Marmor. Die Diebe waren nicht an Grabsteinen aus Sandstein interessiert, denn bei diesen lohnte sich eine erneute Bearbeitung nicht. Daher konnte man jüdische Grabsteine aus Sandstein noch Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre sehen (Abb. 03).

Abgesehen vom moralischen Aspekt war dieses Vorgehen sogar im Lichte des zu jener Zeit geltenden Rechts illegal. Bis 1959 galt in der Volksrepublik Polen noch das Vorkriegsrecht, das deutlich besagte, dass „die Nutzung eines Friedhofsgeländes nach Schließung des Friedhofs zu anderen Zwecken nicht vor Ablauf einer Frist von 50 Jahren seit der letzten Bestattung eines Leichnams auf dem Friedhof erfolgen kann“. Zwar ließ das Gesetz „in dringenden Fällen“ eine frühere Schließung des Friedhofs zu, doch musste dies auf dem Wege einer Einigung mit den Friedhofseignern stattfinden und die sterblichen Überreste auf Kosten des Käufers auf einen anderen Friedhof gebracht werden. (15) Nach damaligem Recht ebenfalls unzulässig war es, die Grabplatten zu anderen Zwecken zu benutzen. Das von Minister Edward Osóbka-Morawski unterzeichnete Rundschreiben schrieb sogar vor, „Grabplatten, die von jüdischen Friedhöfen stammen und als Material bei verschiedenen öffentlichen Arbeiten benutzt wurden“ auf Kosten des Staates zurückzugeben. (16)

1959 erfolgte eine neue gesetzliche Regelung über Bestattungen und Friedhöfe. (17) In der uns interessierenden Frage stellte das Gesetz zwar fest, dass „die Nutzung eines Friedhofsgeländes (…) nicht vor dem Ablauf einer Frist von 40 Jahren seit der letzten Totenbestattung auf dem Friedhof“ (18) stattfinden könne, doch Rücksichten bezüglich des Gemeinwohls, der Verteidigung des Staates oder das Bedürfnis, nationale Wirtschaftspläne zu erfüllen, eine Ausnahme ermöglichten. Es ist schwer, eindeutig festzustellen, wann auf dem Friedhof von Meseritz die letzte Bestattung stattgefunden hatte. Nach einem Schreiben des Präsidiums des Wojewodschaftsnationalrates in Grünberg (Zielona Góra) vom 23. Dezember 1969 soll sie im Jahre 1935 stattgefunden haben (19). Es ist jedoch bekannt, dass die letzten Juden – etwa 15 Familien – bis März 1940 in Meseritz lebten, als sie verhaftet und in das Übergangslager Bürgergarten bei Schneidemühl gebracht wurden und von dort in Ghettos und Lager im Gebiet des besetzten Polen. (20) Jedenfalls hätte die Schließung des Friedhofs im Lichte des Gesetzes nicht vor 1975 erfolgen können.

Warum ist man also in Meseritz anders vorgegangen? Eine Schlüsselfrage ist das Verhältnis der damaligen polnischen Behörden zum deutschen Erbe in den dem polnischen Staat nach dem Zweiten Weltkrieg angeschlossenen Gebieten. In den Dokumenten der polnischen Verwaltung wird oft der Begriff „ehemals deutsch“ („poniemiecki“) verwendet; so beschrieb man die meisten vor 1945 entstandenen Objekte, also auch diejenigen, die den jüdischen Gemeinden gehörten. Paradoxerweise wurden so die Henker mit ihren Hauptopfern gleichgesetzt und gleichbehandelt. Vom Verhältnis zu diesem Erbe ist unter anderem in einem Dokument des Wojewodschaftsverbands für Kommunal- und Wohnungswirtschaft in Grünberg (Zielona Góra) aus dem Jahre 1965 die Rede. (21) Darin wird von 875 stillgelegten und verlassenen Friedhöfen gesprochen, die sich auf dem Gebiet der Wojewodschaft Grünberg befinden. (22) In dem Dokument wird u.a. angeordnet, diese Friedhöfe in Ordnung zu bringen und zwar unter wirtschaftlichem, ästhetischem und dem „politischen Aspekt, da das der negativen öffentlichen Meinung im In- und Ausland entgegenwirke“. (23) Das in Ordnung bringen „ehemals deutscher“ – darunter auch jüdischer – Friedhöfe bedeutete allerdings meist deren Liquidierung, die so wirksam war, dass heute fast keine Spur mehr von ihnen übrig ist. Ausgangspunkt für die jetzt bereits offizielle Beseitigung des Friedhofs in Meseritz war ein Antrag des Präsidiums des Kreisnationalrates auf eine vorgezogene Liquidierung des Friedhofs. In einem an das Präsidium des Wojewodschaftsnationalrates in Grünberg gerichteten Schreiben vom 20. November 1969 wird beantragt, den Friedhof „für den Abbau von Kies“ zu bestimmen. (24) Die Entscheidung des Wojewodschaftsnationalrats vom 23. Dezember 1969 entsprach den Erwartungen der Stadtväter von Meseritz. In der Begründung hieß es u.a.: „Auf diesem Gelände wurden bedeutende Kiesvorkommen entdeckt, daher wird das ehemalige Friedhofsgelände zum Abbau von Kies bestimmt, wonach man es rekultivieren und begrünen wird“. (25) Die Entscheidung über die vorzeitige Schließung stützte sich auf den Art. 6 des bereits erwähnten Gesetzes aus dem Jahre 1959. Im Falle des Friedhofs von Meseritz wurde seine Abschaffung damit begründet, dass man nationale Wirtschaftspläne erfüllen müsse, die offenbar auf die bereits teilweise abgebauten Kiesvorkommen auf dem Judenberg angewiesen waren. Die offizielle Verordnung trat am 17. Januar 1970 in Kraft, nachdem sie vom Minister für Kommunalwirtschaft bestätigt worden war. (26) Auf diese Weise wurde der Friedhof der jüdischen Gemeinde von Meseritz, die etwa 700 Jahre lang in der Stadt gelebt hatte, mit rechtlichen Mitteln abgeschafft. Wie man sieht, war der kleine Kiesberg wichtiger als eine mittelalterliche Nekropole, die noch in Zeiten zurückreichte, als Meseritz zur Ersten Polnischen Republik gehörte. Weder der Holocaust noch die jüdischen Religionsvorschriften wurden dabei berücksichtigt. (27) Vermutlich trugen auch der Abbruch diplomatischer Beziehungen mit Israel (1967) und die antisemitische Hetze des Jahres 1968 dazu bei, ein entsprechendes Klima für die Abschaffung jüdischer Friedhöfe zu schaffen. (28)

Die entscheidende Phase der Liquidierung des Friedhofs in Meseritz fällt in die 1970er Jahre. Der Abbau des Friedhofsberges erfolgte durch die Firma PUBR. Aus den Erzählungen der Mitarbeiter des Betonwerks geht hervor, dass es in dem Kies, der vom Judenberg gebracht wurde, hin und wieder Knochen gab. Nachdem der Kies abgebaut worden war, wurde der Ort des nicht mehr existierenden Hügels zu einer Betonschrotthalde bestimmt und schließlich als Mülldeponie genutzt. Dieser Zustand hielt sich bis Anfang der 1990er Jahre. Edward Klusek, der das Friedhofsgelände zu jener Zeit besuchte, schreibt: „Zwischen Bergen von Abfall, alten Lappen, in einer surrealistischen Landschaft, zwischen verkümmerten Bäumen, entdeckte ich einen Friedhof. (…) Ich begann zu suchen und fand merkwürdige Überreste von Grabsteinen, die zwischen Autoreifen und glimmenden Lappen lagen. Ich zählte damals etwa 6, und sah Bruchstücke sehr schöner Grabsteine aus Marmor und einige kleine, bescheidene aus nichtbehauenem Stein.“ (29)

Abb. 5Abb. 4Die endgültige „Rekultivierung“ dieses Geländes geschah Anfang der 1990erJahre. Das Gelände wurde mit Hilfe von Baggern eingeebnet und einige Zeit später für den Bau der städtischen Umgehungsstraße bestimmt, die heute mitten durch den nicht mehr existierenden Friedhofshügel verläuft (Abb. 04). Aus jener Zeit stammen auch die wenigen Friedhofsfunde.Insgesamt sind sieben Grabsteine erhalten geblieben. Einer von ihnen befindet sich auf dem Gelände des Museums von Meseritz (Abb. 05), fünf wurden entsprechend gesichert und auf eine interessante Weise bei JerzyDąbrowski in Obrzyce (Obrawalde) präsentiert (Abb. 06Abb. 6, 07, 08, 09, 10), einer befindet sich auf dem Gelände des Grundstücks von Stefan Murawski an der Moniuszki-Straße in Meseritz (Abb.11).Erhalten ist auch ein Foto aus den 1960er Jahren, auf dem das Friedhofsgelände und die Grabsteine der Eheleute Schwarz abgebildet sind (Abb. 03).Das Foto ist deutlich genug, um darauf die Epitaphe lesen zu können, die sich auf den Grabsteinen befinden.Bis heute sind im Ostteil desFriedhofsgeländes, in Richtung der ehemaligen Landstraße Meseritz-Schwerin einige wenige Steine und Metallelemente der Grabmale erhalten geblieben, auch Bruchstücke von Grabsteinen mit noch lesbaren Inschriften (Abb. 12).Abb. 8Abb. 7

Indirekter Nachbarschaft des heute nicht mehr existierenden jüdischen Friedhofs befindet sich ein mit Pietät gepflegter sowjetischer Soldatenfriedhof. Er entstand in etwa zur gleichen Zeit, als die Liquidierung des jüdischen Friedhofs bereits vonstatten ging.Abstrahierend von der damaligen politischen Situation bleibt diese Tatsache doch erstaunlich: Respekt für die einen Toten und vollkommene Verachtung der anderen.Abgesehen vom rein menschlichen Aspekt hatten sich sowohl die einen als auch die anderen – obwohl auf unterschiedliche Weise – um Meseritz verdient gemacht. Die heutigen Einwohner von Meseritz, die die Geschichte der Stadt sozusagen als Depositum erhalten haben und nun zusätzlich um ihre Nachkriegsgeschichte reicher sind, sollten dessen auf besondere Weise gedenken.Abb. 10Abb. 9

Im Gebiet von Meseritz gibt es noch einen weiteren jüdischen Friedhof. Es handelt sich um ein abgetrenntes Bestattungsquartier auf dem Gelände des Krankenhausfriedhofs der Nervenklinik Meseritz-Obrawalde. Auf dem Grundriss des Krankenhauses aus den 1930er Jahren findet man das jüdische Friedhofsquartier nördlich vom evangelischen und katholischen Teil (Abb. 13). Hier wurden Patienten jüdischen Glaubens bestattet, und noch in den 1960er Jahren konnte man hier einzelne Grabsteine finden. (30)Abb. 12Abb. 11

Bis zur Nazizeit hatten in einem der Räume des Verwaltungsgebäudes jüdische Gottesdienste stattgefunden. Im November 2004 wurde auf dem Friedhofsgelände ein Denkmal für die ermordeten Patienten des Krankenhauses aufgestellt. (31) Die Symbolik des Denkmals nimmt auch auf das Judentum Bezug und soll auf diese Weise an die Opfer jüdischer Abstammung erinnern, die in Obrawalde während des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden (Abb. 14).Abb. 14Abb. 13

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska


(1) Im Jahre 1828 zählte die Stadt 4.110 Einwohner, darunter 2.462 Protestanten, 744 Katholiken und 804 Juden, siehe: P. Becker, Geschichte der Stadt Meseritz, Meseritz 1930, S. 267. Im 19. Jahrhundert erhielten die Juden alle Bürgerrechte.

(2) A. Heppner, J. Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Bromberg 1909, S. 622.

(3) Jeder fromme Jude träumte davon, dort wenigstens bestattet zu werden, und viele fuhren deswegen im Alter ins Heilige Land.

(4) Dieser lag etwa 65 m über dem Meeresspiegel. Quelle: deutsche Generalstabskarte im Maßstab 1:25.000 aus dem Jahre 1944, Kopie in der Sammlung des Autors.

(5) Zacherts Chronik der Stadt Meseritz, Posen 1883, S. 36.

(6) E. Reiß, Der jüdische Friedhof im Frankfurter Stadtteil Dammvorstadt, heute Słubice, in: Mitteilungen, H. 1, Frankfurt/Oder, 1995, S. 9.

(7) Zachert, ebda, S. 36.

(8) A. Heppner, J. Herzberg, ebda, S. 624.

(9) Der jüdische Friedhof in Skwierzyna ist das größte Objekt dieser Art in der Wojewodschaft Lubuskie. Nach einer Rekonstruktion des Friedhofs im Juni 2002 nimmt er eine Fläche von 2,23 ha ein und es gibt 247 Grabsteine. Der älteste stammt aus dem Jahre 1736 (siehe Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau).

(10) Bericht des Augenzeugen Stanisław Cyraniak, eines Einwohners von Międzyrzecz. Gespräch mit dem Autor im Januar 2007.

(11) Inge Murell, Simon Dach.

(12) Bericht von Florian Wiśniewski gegenüber Stanisław Cyraniak.

(13) Stanisław Cyraniak, Bericht vom Januar 2007.

(14) Jerzy Dąbrowski, Einwohner von Międzyrzecz, Bericht vom Januar 2007.

(15) Gesetz vom 17. März 1932 über die Bestattung von Toten und die Feststellung der Todesursache, Art. 9 Punkt 1 und 3.

(16) Amtsblatt des Ministeriums für öffentliche Verwaltung, Rundschreiben Nr. 44 vom 29. Mai 1948, Abs. 153. Das Rundschreiben bezog sich hauptsächlich auf die Zeit der nationalsozialistischen Besatzung.

(17) Gesetz vom 31. Januar 1959 über Friedhöfe und Totenbestattungen.

(18) Gesetz vom 31. Januar 1959 über Friedhöfe und Totenbestattungen. Amtsblatt Nr. 11, Abs.. 62, Art. 6

(19) Staatsarchiv in Zielona Góra (APZG): Präsidium des Wojewodschaftsnationalrats in Zielona Góra, Abt. Kommunalwirtschaft.

(20) The Encyclopedia of Jewish Life. Before and During the Holocaust, New York, Bd. 2, Jerusalem 2001, S. 812.

(21) APZG, Abteilung für Kommunalwirtschaft, Nr. WZ GKM – VII/19/7/65.

(22) Die Wojewodschaft gab es in den Jahren 1950-1975. Ihr Gebiet entspricht in etwa dem der heutigen Wojewodschaft Lubuskie.

(23) APZG, Abteilung für Kommunalwirtschaft, Nr. WZ GKM – VII/19/7/65.

(24) APZG, Präsidium des Wojewodschaftsnationalrats in Zielona Góra, Abt. für Kommunalwirtschaft.

(25) Ebda.

(26) APZG, Präsidium des Wojewodschaftsnationalrats in Zielona Góra, Abt. für Kommunalwirtschaft, Schreiben Nr. ZU-c/1/3/70 vom 17. Januar 1970 § 1: Hiermit wird die Erlaubnis erteilt, den Friedhof jüdischer Konfession in Międzyrzecz, der durch die Entscheidung des Ministers für Kommunalwirtschaft vom 10. März 1961, Nr. ZU – c/14/6/59 geschlossen wurde, für die Realisierung nationaler Wirtschaftspläne zu gebrauchen.

(27) Die damaligen Entscheidungsträger kümmerten die jüdischen Religionsvorschriften nicht, in denen der Friedhof als Ort ewiger Ruhe betrachtet wird und prinzipiell keinerlei Eingriffe zulässt, die die Ruhe der Toten stören könnten.

(28) Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre wurden auf dem Gebiet der Wojewodschaft Zielona Góra mittelalterliche jüdische Friedhöfe in Głogów (Glogau) und Słubice (Frankfurt/Oder – Dammvorstadt) liquidiert, und auch jüngere, u.a. in Zielona Góra (Grünberg), Kożuchów (Freystadt), Lubsko (Sommerfeld), Żagań (Sagan), Rzepin (Reppen), Nowa Sól (Neusalz), Sulechów (Zullichau), Świebodzin (Schwiebus), Wschowa (Fraustadt) und Kostrzyń (Küstrin).

(29) E. Klusek, Zamordowany cmentarz (Der ermordete Friedhof), in: Kurier Międzyrzecki, Nr. 5, Juli 1991, S.11.

(30) Jerzy Dąbrowski, Bericht an den Autor vom Januar 2007.

(31) Infolge des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms wurden in Obrawalde mehr als 10.000 psychisch kranke Menschen ermordet.