Zur Geschichte der Juden in Pommern

Anfänge des jüdischen Lebens in Pommern

Die Juden gehörten Jahrhunderte lang zur gesellschaftlichen Landschaft Pommerns mit Stettin als Hauptzentrum. Die ersten Juden in den pommerschen Gebieten bleiben im Dunkel der Geschichte. Vielleicht waren es jüdische Kaufleute im 10. Jahrhundert? Sicher aber ist, dass im Jahre 1261 der pommersche Herzog Barnim I. nach dem Vorbild Magdeburgs in seinem Staat gleiche Rechte für die Juden einführte, und diese auch Ämter bekleiden durften. Die jüdische Bevölkerung war nicht zahlreich, gehörte jedoch in der Regel zu den reichen Bürgern. Das Privileg Barnims I. wurde von den Herzögen Otto I. im Jahre 1308 sowie Kasimir IV. und Swantibor im Jahre 1371 bestätigt. Es gab aber auch Beschränkungen für die jüdischen Siedler – beispielsweise in Grypswold (Greifswald). Dennoch siedelten sich die Juden im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts nach und nach auf der Grundlage persönlicher Erlaubnisse in den pommerschen Städten an, z.B. erteilten die Herzöge Otto I. und Barnim III. im Jahre 1325 dem Juden Jordan und seiner Familie das Wohnrecht für Stettin. Seit dem 15. Jahrhundert wurde den Juden zunehmend der Aufenthalt in bestimmten Stadtteilen der pommerschen Städte vorgeschrieben. Im Jahre 1481 ordnete Herzog Bogislaw X. an, dass die jüdische Bevölkerung sich nur in einigen ausgewählten Orten und höchstens für einige Jahre aufhalten durfte, da er deren Zustrom einschränken wollte. Aus dieser Zeit haben sich Hinweise auf Judenverfolgungen erhalten, die dazu beitrugen, den Zustrom der Juden nach Pommern zu bremsen.

Die Situation änderte sich nach dem Dreißigjährigen Krieg und der Verwüstung, die dieser in Pommern hinterlassen hatte. Die Behörden, die die Ansiedlung der vermögenden jüdischen Bevölkerung in Preußen im 18. Jahrhundert unterstützt hatten, verboten ihr nun, sich in Festungsstädten (auch in Stettin) niederzulassen. Laut einer Verordnung von 1683 hatte nur ein einziger Jude das Recht, in Stettin zu wohnen. Er beaufsichtigte im Namen des Berliner Rabbinats den Handel mit koscherem Wein. In den Jahren 1772-1774 erwähnen die Stadtbücher drei Personen jüdischen Glaubens. Andere Juden durften sich nur mit einem Passierschein und nur bis zur Abenddämmerung in der Stadt aufhalten.

Im Jahre 1777 führte Friedrich II. besondere Konzessionen für Juden ein, die nur ausgewählten Personen erlaubten, sich in Preußen niederzulassen. Im 18. Jahrhundert diskutierte man über den Platz der Juden in der preußischen Gesellschaft. Dank Christian Wilhelm Dohm und seiner Arbeit Über die bürgerliche Verbesserung der Juden, dem ersten radikalen Entwurf für die staatsbürgerliche Emanzipation der Juden, gewann die Frage der Verleihung staatsbürgerlicher Rechte an die Juden an Bedeutung (übrigens wurde dieses Buch in Berlin und Stettin herausgegeben).

Das Edikt von 1812

Friedrich Wilhelm III. verlieh im Edikt von 1812 der jüdischen Bevölkerung gleiche Rechte. Alle Beschränkungen der Juden in Preußen wurden abgeschafft. Sie wurden zu Staatsbürgern und durften nicht als Fremde behandelt werden; formell waren sie den anderen Staatsbürgern gleichgestellt und bildeten eine der zahlreichen Glaubensgemeinschaften. Darüber hinaus erhielten sie Niederlassungsfreiheit, Freiheit der Berufswahl und das Recht zum Kauf und Besitz von Immobilien.

Kein Wunder also, dass das 19. Jahrhundert eine verstärkte jüdische Ansiedlung in Pommern mit sich brachte. Es gab keinen größeren Ort ohne jüdische Bevölkerung. In manchen haben jüdische Spuren trotz Zerstörungen bis heute überdauert. Im 19. Jahrhundert entstand in Stettin das hauptsächliche Ansiedlungszentrum der jüdischen Bevölkerung. Jüdische Ansiedler kamen in den Jahren 1814-1816 in die Stadt. 1816 entstand der Jüdische Kirchenverein (mit anfänglich 18 Mitgliedern), der Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Namen in Jüdische Gemeinde änderte. Die Gemeinde hatte im Verlauf der Jahre (bis zum Zweiten Weltkrieg) viele Rabbiner, u.a.: Wolf Aloys Meisel, Abraham Treuenfels, Heinemann Vogelstein, Moses Worms, Max Wiener, Dagobert Nellhaus, Max Elk und Karl Richter. Die Gemeinde entwickelte sich, und es entstanden immer mehr jüdische Einrichtungen: die Begräbnisbruderschaft (1822), das Waisenhaus (1854) und das Altenheim (1889). Im Jahre 1816 wurde Land für den Friedhof und die Synagoge gekauft. In den Jahren 1834-1835 baute man eine Synagoge aus Holz in der Bahnhofstraße, am damaligen Stadtrand. Ziemlich bald war es für die sich schnell entwickelnde Gemeinde zu klein und wurde mehrfach ausgebaut. Im Jahre 1873 begann man aufgrund der Petition von 900 Männern und 750 Frauen jüdischen Glaubens mit dem Bau einer neuen Synagoge an der Stelle der alten. Sie wurde im maurischen Stil errichtet, nach dem Vorbild der Wiener Synagoge, die nach einem Entwurf von Ludwig von Förster aus dem Jahre 1853 gebaut worden war. Das Stettiner Projekt hatte Baumeister Konrad Kruhl entworfen. Der Grundstein wurde am 29. April 1873 gelegt, der fertige Bau am 3. Mai 1875 eingeweiht. Seine Höhe betrug ca. 20 Meter. Die Anordnung des Gebäudes wurde dem Straßenverlauf angepasst. Die Synagoge konnte etwa 1.700 Gläubige fassen. Die weiteren Jahre brachten einige Änderungen in der Ausstattung: Im Jahre 1887 wurde eine Zentralheizung eingebaut, die 1914 modernisiert wurde. Zu jener Zeit baute man auch die Orgelempore, und 1887 wurde elektrisches Licht eingeführt. Die Synagoge existierte bis 1938.

Im 19. Jahrhundert wurde Stettin zum Verlagszentrum für jüdische Bücher. 1856 wurden hier u.a. die Konkordanzen von Buxtorf und 1863 das Schulchan Aruch (Kodex jüdischer religiöser Gebote und Verbote für den täglichen Gebrauch) herausgegeben.

Begünstigt durch das preußische Judengesetz über die Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit von 1847 stieg die Zahl der Juden in der Stadt seit dem Anfang des Jahrhunderts ständig an. 1840 gab es in Stettin 381 Juden, 1849 waren es 726, 1871 schon 1.823 und 1880 bereits 2.388 Personen. In den nächsten Jahren stieg ihre Zahl weiter an, doch nicht mehr so dynamisch. Mitte des 19. Jahrhunderts lebte der vermögendste Teil der jüdischen Bevölkerung im Stadtviertel an der Oder, zwischen der heutigen Wyszyńskistraße (Breite Straße), Farnastraße (Große Domstraße) und Wyszakstraße (Klosterhof) sowie im westlichen und süd-westlichen Teil der Stadt: um das Hafentor in der Neustadt und im Oberwiek. Im Jahre 1910 gab es 2.757 Juden in der Stadt. In späterer Zeit sank diese Zahl geringfügig und betrug 1932 etwa 2.630 Personen.

Zu jener Zeit funktionierten in Stettin verschiedene jüdische Organisationen: der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, der Verband nationaldeutscher Juden, die Stettiner Zionistische Vereinigung, der Israelitische Frauenverein, der Ruderklub „Viadrina“ und der Tennisklub „1924“. Das jüdische Kulturleben blühte. Aus Stettin stammte u.a. Alfred Döblin, der Autor von Berlin Alexanderplatz. Hier lebte und arbeitete der Maler Julo Levin (der später von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde).

Die Zeit der Verfolgung und Vernichtung

Mit dem Jahr 1933 begann die tragischste Zeit in der Geschichte der Stettiner Juden. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kam es immer häufiger zu antisemitischen Ausschreitungen. Demonstrationen gegen die jüdische Bevölkerung wurden organisiert und jüdische Geschäfte boykottiert – anfänglich in Stettin, später auch in den anderen pommerschen Städten. Die jüdischen Organisationen und einzelne Personen wurden ständig schikaniert und kontrolliert, ihre Treffen von der Polizei überwacht.

Im Jahre 1935 wurden die Nürnberger Rassengesetze („Reichsbürgergesetz“ und „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“) beschlossen. Diese Gesetze beraubten die jüdische Bevölkerung jeglicher staatsbürgerlicher Rechte. Zu jener Zeit lebten in Stettin 2.322 Personen jüdischen Glaubens. Wer es sich leisten konnte, emigrierte. Im Jahre 1938 wurde die „Arisierung“ jüdischen Eigentums verschärft, nach November 1938 gingen die nationalsozialistischen Machthaber zur „Zwangsarisierung“ (gesetzlich erzwungene Übertragung des gewerblichen und privaten jüdischen Eigentums an „Arier“ oder den Staat) über. In der Reichspogromnacht („Reichskristallnacht“) vom 9. auf den 10. November 1938 ging die Stettiner Synagoge in Flammen auf: Sie wurde von den Nazis in Brand gesetzt und zerstört. Wie Ilse Gulden Lüddeke, eine damalige Schülerin des nahegelegenen Gymnasiums, dem Autor erzählte, ließ man die Feuerwehr nicht an die Brandstätte heran, erlaubte auch nicht, die sakrale Ausstattung zu retten. Die Brandstätte glomm noch drei Tage weiter. Die Überreste wurden 1940 auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgerissen. Durch Feuer zerstört wurden auch die Friedhofskapelle sowie Einrichtungen jüdischer Sportklubs und eine Reihe von Geschäften. Es kam zu Massenverhaftungen, u.a. des Vorstands der jüdischen Gemeinde. Die Verhafteten wurden nach Sachsenhausen deportiert. Zwischen Dezember 1938 und März 1939 emigrierten 520 Personen.

Pläne, die Juden aus Pommern zu vertreiben, stellte Heydrich Ende Januar 1940 während einer Konferenz der höheren Polizei- und SS-Führer vor. In der Nacht vom 11. auf den 12. Februar 1940 wurden die Stettiner Juden nach Lublin und Umgebung deportiert und dort in Lagern untergebracht. Jener „Todestransport“, so genannt wegen der entsetzlichen Bedingungen, unter denen er stattfand, kam am 17. Februar 1940 in Lublin an. Er umfasste etwa 1.500 pommersche Juden, die dann auf die Lager in Lublin, Bełżec, Piaski und Głusk verteilt wurden. Im Oktober 1942 wurden sie alle in Bełżec ermordet. In Stettin blieben einige Dutzend Menschen (Alte und Kinder), die bald nach Berlin und Hamburg abtransportiert wurden. Das war die Liquidierung der deutsch-jüdischen Bevölkerung im deutschen Stettin.

Stettin als Schleuse

Das jüdische Leben in Stettin ist damit jedoch nicht für immer erloschen. Nach dem Krieg siedelten sich neue polnische Einwohner an, unter ihnen auch Juden. Gleich nach dem Krieg ließ sich in Stettin eine der drei Agenturen von Bricha nieder, eine zionistische Fluchthelferorganisation, die half, Juden über die grüne Grenze zu schmuggeln. Die Wahl des Ortes war kein Zufall. Die ungeklärte Grenzsituation sowie zahlreiche Kontakte zu Schmugglern boten größere Erfolgschancen als an anderen Orten. Auch Aussiedlungs-Transporte der deutschen Bevölkerung wurden genutzt, um polnische Juden mit gefälschten Papieren überlebender deutscher Juden über die Grenze zu schleusen.

Der Stettiner Wojewode Leonard Borkowicz schätzte im September 1946, dass „etwa 80 Prozent, also 24.000 Personen [jüdischer Nationalität] das Gebiet Westpommerns bereits verlassen hatten (…), die meisten (…) gingen in die Umgebung von München, wo sie sich nun in den von der UNRRA organisierten Camps aufhalten und auf die Möglichkeit warten, nach Palästina zu gehen“.

Ein interessantes Licht auf die damalige Tätigkeit der Bricha in Stettin wirft der Bericht einer Deutschen, die sich im Herbst 1945 in der Stadt aufhielt. Sie arbeitete in einem Lebensmittelgeschäft, das von neu angekommenen Ansiedlern geleitet wurde. Sie erinnert sich: „Diese Polen waren Juden und führten in ihrer Wohnung oben lebhafte Geschäfte mit polnischen, aus Russland gekommenen Juden, die illegal, meist mit russischen Postautos weiter über die Grenze geleitet wurden, um später in den Westen oder nach Israel zu gehen. Auch Russen müssen daran teilgenommen haben. Bezahlt wurde mit Rubel, Lederwaren oder Schmuck. Fast jede Nacht schliefen da Juden auf dem Fußboden, die auf den Transport warteten.“ Sie selbst nutzte im März 1946 ebenfalls die Hilfe jener Stettiner Juden für ihre eigene illegale Überschreitung der Grenze.

Neben der illegalen gab es auch eine legale Emigration, obwohl kleineren Ausmaßes. Das Jüdische Komitee hatte eine Emigrationsabteilung. Im Nachlass von Szymon Zachariasz im Archiv für Neue Akten in Warschau kann man einen Bericht darüber finden, wie im November 1948 mit Feiern und Paraden 615 Juden verabschiedet wurden, die mit dem Schiff „Beniowski“ den Stettiner Hafen in Richtung Israel verließen. Insgesamt reisten in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre legal oder illegal mehrere zehntausend Juden über Stettin aus.

Stettin als Ort des Neuanfangs

Neben denjenigen, die Stettin nur als eine Etappe ihrer Reise betrachteten, kamen auch andere in die Stadt und deren Umgebung, die hier für mehrere Monate, Jahre und manchmal ihr ganzes Leben lang blieben. In der ersten Hälfte 1946 stieg die Zahl der Juden in der Stadt stark an. Dazu trugen hauptsächlich die Transporte von Umsiedlern (damals sagte man: Repatrianten) aus den Gebieten der damaligen UdSSR bei. Im April und Mai 1946 kamen insgesamt 39 Transporte aus der Sowjetunion nach Westpommern und brachten 25.321 Personen jüdischer Nationalität mit.

Tabelle

Anzahl der registrierten Juden beim Wojewodschaftskomitee polnischer Juden in Stettin im Jahre 1946

Monat

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Personenan-zahl

-

-

500

1.180

1.8131

30.951

Monat

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Personenan-zahl

13.192

14.418

15.044

15.530

15.722

15.849

Quelle: Archiv des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau, Zentralkomitee der Juden in Polen, Abt. für Erfassung und Statistik, Sign. 502 (Diese Angaben betreffen den Anfang des jeweiligen Monats)

Es gab keine Koordination zwischen den Zentral- und Regionalbehörden, den polnischen Verwaltungsbehörden und dem Zentralkomitee der Juden in Polen. Das zeigte sich vor allem bei der Festlegung der Ansiedlungspläne. Die Zentralbehörden waren gegen die Schaffung größerer Zentren jüdischer Bevölkerung, insbesondere in den Städten, die Vertreter der jüdischen Bevölkerung widersprachen dem und forderten aus Sicherheitsgründen eine eben solche Konzentration, wobei sie sich auf die Traditionen des jüdischen Lebens in städtischen Zentren beriefen. Die Lokalbehörden (insbesondere die Ansiedlungsabteilung des Stettiner Wojewodschaftsamtes) favorisierten die Ansiedlung kleiner Gruppen in Kleinstädten und schlugen vor, Gutshöfe und ganze Landgemeinden zu nutzen (wegen des propagandistischen Nutzens eines solchen Vorgehens).

Die jüdische Ansiedlung in Westpommern wurde also von unterschiedlichen Optionen beeinflusst, aber auch durch Zufälle und Chaos. Das großstädtische Stettin, zugleich Endstation im Eisenbahnnetz und (was vielleicht am wichtigsten war) an der Grenze gelegen, wurde zum Hauptzentrum der Juden in Westpommern. Versuche, Juden auf dem Lande anzusiedeln, wurden in den Kreisen Stargard, Choszczno (Arnswalde) und Stettin unternommen. In Trzebież (Ziegenort) bemühte man sich, in den Jahren 1946-1947 eine Fischereigenossenschaft zu gründen.

Die Register der jüdischen Komitees aus den Jahren 1946-1948 informieren auch über jüdische Zentren in Słupsk (Stolp) (1946 – 113 Personen, 1947 – 23, 1948 – 22 Personen) sowie in Koszalin (Köslin) (1946 – 42 Personen, 1947 – 56 Personen, 1948 – 56 Personen). Der Stettiner Wojewode nannte im März 1947 folgende Zahlen: 10.843 Juden in Stettin, 207 im Kreis Choszczno, 100 im Kreis Słupsk, 20 im Kreis Koszalin, 41 im Kreis Stargard, 32 im Kreis Świnoujście (Swinemünde), 12 im Kreis Gryfice (Greifenberg) sowie vereinzelte Personen in sechs weiteren Kreisen.

Die Angaben über die Anzahl der jüdischen Bevölkerung in Westpommern differieren. In meinen Forschungen stütze ich mich auf die Angaben der Abteilung für Erfassung und Statistik des Zentralkomitees der Juden in Polen. Diese Daten beruhen auf Informationen des Wojewodschaftskomitees der Stettiner Juden. Die Angaben der regionalen Verwaltungsbehörden fallen in der Regel etwas höher aus. Das hatte mehrere Ursachen: die lokale Migration der jüdischen Bevölkerung, den Unwillen gewisser jüdischer Aktivisten, das Ausmaß der Emigration preiszugeben und schließlich gab es Schätzungen, die sich auf kein Register oder andere Erfassungsformen stützten. Im Juni 1946 wurde die höchste Zahl jüdischer Bevölkerung in Stettin vermerkt: 30.951 Personen. Ab Juli desselben Jahres sank diese Zahl rapide (nach dem Pogrom in Kielce am 4. Juli 1946). Die Ausreisebewegung hielt mit unterschiedlicher Intensität die ganzen 1940er Jahre an. Im Herbst 1946 wurden nur noch etwa 15.000 jüdische Einwohner in Westpommern registriert. Anfang 1947 kam es zu einem kleinen Anstieg – in März wurden 16.062 Juden notiert. Einen Monat später sank diese Zahl erneut rapide auf ca. 6.000 Personen. Ab der zweiten Hälfte 1947 bis Anfang 1950 blieb sie einigermaßen stabil. Trotz einiger Schwankungen überschritt sie jedoch bis 1949 nicht die Zahl von 7.000 Personen.

In den 1940er Jahren konnte man in Westpommern zwei Emigrationswellen beobachten. Die erste, die eigentlich 1945 begann und sich nach dem Pogrom in Kielce immens verstärkte, dauerte bis zum Frühjahr 1947. Die zweite fällt in die Jahre 1949/50 (dazu später). Die nächsten Jahre brachten eine gewisse Stabilisierung, die bis zur Wende 1949/50 andauerte.

In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre konzentrierte sich das gesellschaftlich-politische Leben der Stettiner Juden im Umkreis des Wojewodschaftskomitees polnischer Juden. Es wurde im Februar 1946 gegründet und funktionierte bis November 1950. Es nannte sich Wojewodschaftskomitee, obwohl sich seine Aktivitäten in der Praxis auf Stettin und Umgebung konzentrierten, wo sich die meisten Juden aufhielten. Das jüdische Komitee sollte die ganze jüdische Bevölkerung repräsentieren, doch seine Zusammensetzung erfolgte nach Parteischlüssel. Die im Wojewodschaftskomitee vertretenen Parteien waren die Polnische Arbeiterpartei (PAP), der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund (Bund), Poale Zion [Arbeiter Zions] („die Linke“) sowie Poale Zion (C.S. „sog. Rechte“) und Ichud [Vereinigung Zionistischer Demokraten]. Nach einer gewissen Zeit kamen noch HaShomer HaCair [Der junge Wächter, sozialistisch-zionistische Jugendorganisation], und Hitachdut [Zionistisch-sozialistische Partei der Arbeit] dazu. Ende der 1940er Jahre fand sich auch Mizrachi [Partei der religiösen Zionisten] im Umkreis des Komitees. Erster Vorsitzender des Komitees war der parteilose Dr. Albert Wasserstein, seine Nachfolger Leon Borensztajn und Szymon Hamburger kamen bereits von der PAP. Die stärksten Gruppierungen unter der Stettiner jüdischen Bevölkerung waren die PAP und Poale Zion (380 Mitglieder im Jahr nach ihrer Vereinigung).

Die ersten Jahre der Arbeit des Komitees waren durch politische Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Parteien gekennzeichnet. Der jüdische Aktivist Izrael Białostocki, damals Mitglied der PAP, schrieb Jahre später: „Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Parteien im Wojewodschaftskomitee polnischer Juden war unterschiedlich, oft verlief sie mit Hitachdut und Ichud besser als mit der vereinigten Poale Zion oder HaShomer HaCair“. Die zionistischen Parteien arbeiteten mit Keren Hajesod und Keren Kajemet zusammen, beides Stiftungen für die Ansiedlung in Palästina. Die Zionisten leiteten auch acht bis zehn Kibbuzim, die oft als Sammelorte für die künftige Emigration nach Palästina dienten. Cukierman, der stellvertretende Vorsitzende des Stettiner Wojewodschaftskomitees polnischer Juden, stellte in einem Presseinterview im Juli 1946 fest: „die Produktivierungszentren solcher Organisationen wie Poale Zion (C.S.), Ichud, Hitachdut, HaShomer HaCair, Gordonia, Poale Zion (Linke) u.a. versammelten um die 5.000 junge Menschen in Kibbuzim, sichern ihnen Wohnung, Arbeit und Lebensunterhalt. In den Kibbuzim haben sie verschiedene Werkstätten für Maler, Schuster, Schneider u.a.“

In den Jahren 1948-1950 spielten die Mitglieder der PAP/PVAP eine immer größere Rolle und wurden manchmal als „das Rückgrat der jüdischen Komitees“ bezeichnet. Nach und nach übernahmen sie das Machtmonopol im Komitee. Bei einer „Neuorganisation“ der Arbeit des Komitees sprach man sich gegen den Parteischlüssel und für die Vertretung jüdischer Institutionen aus (in denen selbst bereits die Mitglieder der PAP/PVAP die Mehrheit hatten). Im Jahre 1949 stammten von den sieben Präsidiumsmitgliedern des Wojewodschaftskomitees fünf aus der PVAP.

In den 1940er Jahren gab es noch eine zweite bedeutende Organisation, die Glaubensgemeinschaft. Die ganze Zeit über rivalisierten diese beiden Organisationen miteinander um ihren jeweiligen Einfluss innerhalb der jüdischen Bevölkerungsgruppe. Die Behörden ließen eine Registrierung der Glaubensgemeinschaft nicht zu. Daher konstituierte sich im Juni 1946 der Vorstand der Jüdischen religiösen Vereinigung. Die Gebetshäuser befanden sich in der Słowackistraße 14, der Bogusławstraße 51/13 sowie der Niemcewiczstraße. Der erste Rabbiner war Lew Rubinstein (1946-1947), ihm folgte der Rabbiner Dawid Izrael Tszarf (1947-1950). In der Stadt gab es jüdische religiöse Schulen, sowohl für die Grundausbildung als auch eine Jeschiwa (eine von zwei jüdischen Hochschulen in Polen zur damaligen Zeit). Die Gläubigen nutzten auch eine koschere Küche, die Dienstleistungen von Schächtern und das Ritualbad. Der Obhut der Jüdischen religiösen Vereinigung wurde der jüdische Friedhof aus der Vorkriegszeit übergeben. Die Bestattungen übernahm die Begräbnisbruderschaft „Letzter Dienst“.

In den ersten Nachkriegsjahren wurde unter der jüdischen Bevölkerung die Produktivierung propagiert. Seitens der staatlichen Behörden koordinierte in den Jahren 1946-1947 die Wojewodschaftskommissarin für Produktivierung der jüdischen Bevölkerung, Irena Szydłowska diese Fragen. Zu jener Zeit gab es eine staatliche Kasse, die Produktivkredite für Entwicklung unterschiedlicher wirtschaftlicher Unternehmen anbot. Eine besondere Rolle beim Wiederaufbau des Wirtschaftslebens in Westpommern spielten die jüdischen Genossenschaften, die 81 Prozent aller westpommerschen Genossenschaften darstellten. In den meisten Fällen waren das Schneider-, Bau- und Schusterbetriebe. Es gab aber auch Maler-, Transport-, Bäcker-, Friseur-, Bau-, Uhrmacher- und Landwirtschaftsgenossenschaften sowie eine Fischereigenossenschaft. Ab 1948 wurden sie in Staatsbetriebe umgewandelt. Juden gründeten und leiteten auch verschiedene Firmen. Mit der Berufsvorbereitung beschäftigte sich die Organisation „ORT“ [Verein für Handwerkerfürsorge], deren Stettiner Abteilung im August 1946 gegründet worden war und Berufsausbildungskurse, u.a. für Buchhalter, Schlosser, Dreher, Uhrmacher, Schweißer und Elektrotechniker organisierte.

Ein wichtiges Element des gesellschaftlichen Lebens war die Betreuung von Kindern und Jugendlichen. In Stettin funktionierten Bildungs- und Betreuungseinrichtungen – zwei Kinderkrippen, fünf Kindergärten und eine Schule mit Jiddisch als Unterrichtssprache (Perez-Schule in der damaligen Rooseveltstraße 60/61, heute Wyzwoleniastraße). Ihre ersten Leiter waren Jakub Grinberg und Szejna Lew. Die Schule hatte Filialen in Stołczyn (Stettin-Stolzenhagen) und Żelechowo (Stettin-Züllchow). Im Jahre 1949 wurde sie verstaatlicht und existierte dann als Izchak-Perez-Grundschule Nr. 28 mit Jiddisch als Unterrichtssprache. Darüber hinaus gab es drei Schulen, die mit den zionistischen Parteien verbunden waren. Die größte von ihnen befand sich in der Podgórnastraße; im Juli 1946 waren dort 800 Kinder (später etwa 100) eingeschrieben. Zionistische Schulen gab es auch in der Krasińskistraße 7 und Lenartowiczstraße 1. Ihr Schirmherr war das Wojewodschaftsbetreuungskomitee für Hebräische Schulen. Das zionistische Schulwesen wurde von den Schulbehörden im Jahre 1949 abgeschafft.

Charakteristisch für das Stettiner jüdische Milieu der zweiten Hälfte der 1940er Jahre war auch ein hochentwickeltes Kulturleben, das u.a. vom Jüdischen Kulturverein organisiert wurde, der etwa 700 Mitglieder zählte. In den Jahren 1946-1947 gab er die Zeitschrift Tygodnik Informacyjny heraus, es wurden auch Radiosendungen ausgestrahlt (zweiwöchentlich ab November 1946). Es gab auch den Plan, ein jüdisches Theater zu gründen (in Stettin waren zu jener Zeit 19 Schauspieler und 30 Musiker registriert). Außerdem war der Jüdische Sportklub aktiv.

Allmählicher Untergang des jüdischen Lebens

1949/1950 kam es zu einer Kursänderung der Politik der Behörden gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Nach Auflösung der meisten jüdischen Organisationen informierte das Ministerium für Öffentliche Verwaltung über die Möglichkeit der Emigration nach Israel für Aktivisten und Anhänger zionistischer Parteien. Zu diesem Zweck sollte man sich registrieren lassen und einem Qualifizierungsverfahren unterziehen. Die Behörden führten eine sog. Aufklärungskampagne durch (d.h. eine, die den Ausreisewilligen die Ausreise verleiden sollte). Nicht alle, die sich um eine Ausreise bemühten, erhielten entsprechende Genehmigungen. Es wurde geschätzt, dass in Stettin und Umgebung etwa 4.000 Juden geblieben waren.

Die nächste Emigrationswelle hing mit den politischen Ereignissen des polnischen Oktober 1956 („Tauwetter“) zusammen. Von Januar 1955 bis Januar 1956 beantragten 1.438 Personen aus der Wojewodschaft Stettin die Ausreise nach Israel. Der Emigrationshöhepunkt fiel in die Zeit vom August 1956 bis Oktober 1957, als 1.764 Personen Ausreiseanträge nach Israel stellten. Die Mitarbeiter des Innenministeriums, die Gespräche mit den Antragstellern durchführten, beschrieben drei Kategorien von Ausreisemotiven:

  • erstens: „aufgrund unterschiedlicher und weit verbreiteter Versionen der sog. ‚Nationalitätenregelung’ und der Zunahme antisemitischer Stimmungen und Vorfälle“

  • zweitens: „wegen Verlust der Arbeitsstelle infolge von Stellenreduzierungen oder anderer Ursachen und Schwierigkeiten bei der Stellensuche wegen jüdischer Abstammung“

  • drittens: „wegen Fällen der Verfolgung von Kindern und Angst vor ihrer weiteren Verfolgung wegen der Nichtteilnahme am Religionsunterricht“.

Ab 1957 kamen jüdische Umsiedler aus der Sowjetunion nach Stettin. Insgesamt waren es in den Jahren 1957-1961 1.477 Personen. Oft betrachteten die Ankömmlinge Stettin nur als eine Zwischenstation auf dem Weg nach Israel. Laut Innenministerium „stellen sie unmittelbar nach der Ankunft innerhalb einer Frist von 5-12 Tagen einen Ausreiseantrag nach Israel und begründen das mit dem Wunsch der Zusammenführung mit ihrer sich in Israel aufhaltenden Familie oder auch damit, dass ihre sich in Polen aufhaltenden Verwandten nach Israel emigrieren, und sie sich nicht von ihnen trennen wollen“. Gegen Ende der 1950er Jahre wurde die Emigrationswelle von den Behörden verwaltungstechnisch gebremst. Das bedeutete natürlich nicht, dass jegliche Ausreisen aufgehört hätten, doch handelte es sich jetzt um Einzelfälle. Mitte der 1960er Jahre schätzten die Behörden die jüdische Bevölkerung in der Wojewodschaft Stettin auf etwa 3.530 Personen.

Unter der jüdischen Bevölkerung waren in diesen Jahren zwei Organisationen aktiv: Die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden und die Religiöse Vereinigung Jüdischen Glaubens. Die Stettiner Sozial-Kulturelle Gesellschaft wurde am 26. November 1950 gegründet. Die bisherigen Strukturen des Wojewodschaftskomitees polnischer Juden und der Sozial-Kulturellen Gesellschaft wurden vereinigt. Sitz der Sozial-Kulturellen Gesellschaft wurde das Gebäude an der Słowackistraße 2. Anfänglich erfreute sie sich keines großen Vertrauens. Das Programm war abstoßend und die Verbitterung über die Abschaffung der Ausreisemöglichkeiten nach dem Dezember 1950 groß. Aktivisten der Sozial-Kulturellen Gesellschaft schrieben im Februar 1952: „Wie war die Stimmung in den jüdischen Kreisen? Man muss sagen, nicht besonders gut. Viele Stettiner Juden schickten Bittbriefe an den Staatsrat – um Ausreisegenehmigungen zu bekommen“. Andererseits waren die Sozial-Kulturelle Gesellschaft und die Religiöse Vereinigung die einzigen Zentren jüdischen Lebens nach der Auflösung der bisherigen zahlreichen jüdischen Organisationen Ende der 1940er Jahre. Im Jahre 1951 wurde die Mitgliederanzahl der Gesellschaft auf 400 geschätzt. 1954 gehörten ihr 680 Personen an. In den folgenden Jahren fiel diese Zahl, 1959 waren es noch ca. 350. In den 1960er Jahren schwankte die Mitgliederanzahl zwischen fünfhundertfünfzig und dreihundertfünfzig.

Tabelle

Mitglieder der Stettiner Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in den Jahren 1951-1968

Jahr

1951

1954

1959

1961

1962

1966

1967

1968

Mitgliederzahl

ca. 400

680

ca. 350

561

493

460

460

350

Quelle: APS, PWRN, Sign. 13658, 13659.

Die Sozial-Kulturelle Gesellschaft stützte sich auf die Arbeit von Ausschüssen. Ihre Anzahl und Arbeitsbereiche veränderten sich im Laufe der Jahre. Im Oktober 1957 wurde der gemeinsame Ausschuss für Sozialhilfe gegründet, deren Mitglieder sowohl aus Vertretern der Sozial-Kulturellen Gesellschaft als auch der Jüdischen religiösen Vereinigung bestanden. Der Ausschuss kümmerte sich um Hilfe für die Repatrianten, Schulverpflegung für die Kinder, materielle Hilfe für Invaliden und ärztliche Hilfe für ältere Personen. Der Ausschuss wurde unterstützt vom American Jewish Joint Distribution Committee. Im Jahre 1957 wurde erneut der Ausschuss für berufliche Ausbildung der jüdischen Bevölkerung ins Leben gerufen. Er beschäftigte sich mit der Organisation beruflicher Bildung sowie mit Hilfeleistungen für die Handwerksbetriebe und die Genossenschaft „Dobrobyt“ („Wohlstand“), die unter der Schirmherrschaft der Sozial-Kulturellen Gesellschaft Anfang der 1960er Jahre entstanden war.

Die Sozial-Kulturelle Gesellschaft arbeitete mit der Izchak-Perez-Grundschule Nr. 28 zusammen und unterstützte sie in ihren Aktivitäten zur Erhaltung der jiddischen Sprache. Die Organisation war Hauptinitiator kultureller Veranstaltungen im jüdischen Milieu. Es gab künstlerische Amateurensembles (ein Theater- und Tanzensemble sowie einen Chor), in den 1960er Jahren entstand sogar die Rockband „Następcy Tronu“ (Thronfolger) – die übrigens große Befremdung bei den Älteren hervorrief. In Stettin lebten die Dichter Hadasa Rubin und Eliasz Rajzman. Letzterer lebte von 1947 bis zu seinem Tod 1975 in Pommern. Im Kreise der bildenden Künstler waren Emanuel Messer und Mejer Apfelbaum aktiv, unter den Komponisten Paweł Gruenspan.

Die zweite Organisation neben der Sozial-Kulturellen Gesellschaft war die Religiöse Vereinigung Jüdischen Glaubens. Bis in die 1960er Jahre unterhielt die Glaubensgemeinschaft die Talmud-Tora-Schule, Tiere wurden rituell geschlachtet und im Jahre 1956 öffnete man eine koschere Kantine. Anfang der 1960er Jahre wurde der jüdische Friedhof in der Gorki- und der Jacek-Soplica-Straße geschlossen. Er war 1821 gegründet worden und hatte seine Fläche im Laufe der Jahrzehnte vergrößert. Im Jahre 1938 setzten die Nazis das Tahara-Haus in Brand und schändeten die Grabsteine. Der Friedhof selbst blieb jedoch erhalten. 1946 hatten die Behörden den Friedhof in die Obhut der Glaubensgemeinschaft gegeben, jedoch verboten, dort Tote zu bestatten. Begräbnisse fanden aber weiterhin statt. Leider wurde der jüdische Friedhof 1961 offiziell und unwiderruflich geschlossen. Für die Juden wurde ein Quartier auf dem Zentralfriedhof bestimmt, aber es durfte nicht eingezäunt und auch kein eigenes Tahara-Haus erbaut werden. 1982 wurde der Friedhof liquidiert, die Grabsteine wurden zum Teil verkauft, zum Teil zu einem Lagerplatz an der Harcerzystraße gebracht. Im Jahre 1988 wurde aus mehreren Grabsteinen ein Denkmal errichtet, dass an den ehemaligen Friedhof erinnert.

Der Exodus von 1968

Die 1968 von der PVAP veranstaltete antisemitische Hetze, die auch in Stettin zu spüren war, verursachte einen erneuten Anstieg der Ausreisewilligen. Bisher waren antisemitische Losungen nicht offiziell verkündet worden, sondern bei Massenversammlungen aufgetaucht, doch jetzt wurde Antisemitismus von den Machthabern selbst entfacht und instrumentalisiert. Manche zählen die Stettiner Zeitungen zu den antisemitischsten jener Zeit. Die Emigrationswelle erfasste einen Großteil des jüdischen Milieus, die Aktivisten der Sozial-Kulturellen Gesellschaft nicht ausgeschlossen. Izrael Białostocki, damaliger Sekretär der Sozial-Kulturellen Gesellschaft, schrieb im Juni 1969: „Ich habe die Frage meiner Kündigung in der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden zur Sprache gebracht. Es geht darum, dass diese Arbeit heute überhaupt keine Befriedigung bringt, weder moralisch, noch materiell, und hinzu kommt, dass ich mich seit März wie ein geschlagener Hund fühle (nach der Hetze in der Stettiner Presse)“. Nach seiner Ankunft in Israel wurde er Mitarbeiter des Yad-Vashem-Instituts in Jerusalem, wo er sich mit dem Holocaust und dem Wiederaufbau jüdischen Lebens in Polen nach dem Krieg beschäftigte.

Für eine Ausreise entschieden sich auch assimilierte Personen, die oft aus der Intelligentsia stammten. Nach den Angaben des Innenministeriums wurden allein von Anfang 1968 bis August 1969 in der Wojewodschaft Stettin 699 Ausreiseanträge nach Israel gestellt. Etwa 30 Prozent der Ausreisewilligen waren Hochschulabsolventen und wissenschaftliche Mitarbeiter an den Hochschulen (Jerzy Gelber von der Pommerschen Medizinischen Akademie, Samuel Rotenberg von der Landwirtschaftlichen Hochschule, Dr. Zenon Joffe und Dr. Józef Korjan von der Technischen Universität Stettin, Sima Wołyńska-Bochner von der Pommerschen Medizinischen Akademie), Künstler (der Maler Majer Apelbaum, der Musiker Henryk Bieler, Edmund Szymaszkiewicz, Direktor und künstlerischer Leiter des Staatlichen Musiktheaters, Zona Siemiaszkiewicz, Sängerin dieses Theaters), Verwaltungsangestellte (Majer Blass, Abteilungsleiter der Direktion Städtische Investitionen, Michał Boiman, stellvertretender Direktor der Reparaturbetriebe für Landwirtschaftsgeräte in Goleniów, Jakub Kark, Chefingenieur der Direktion Städtische Investitionen, Ignacy Wolski, Direktor der Gruppe Generalausführungen in Police (Pölitz), Borys Wajser, Vorsitzender der Genossenschaft „Ferrum“).

Nach diesem Exodus des Jahres 1968 zerfiel das jüdische Leben. Die jüdischen Organisationen hörten auf zu existieren, die Schule mit Jiddisch als Unterrichtssprache wurde geschlossen, die Ausreisen der Jahre 1968-1970 dezimierten die jüdische Bevölkerung. Das Amt für Innere Angelegenheiten schätzte im Jahre 1972, dass in der Wojewodschaft etwa 1.500 Personen jüdischer Nationalität geblieben waren. In den darauffolgenden Jahren emigrierten einzelne Personen. Häufiger emigrierten die jungen Menschen, die Älteren blieben. Die Stettiner Sozial-Kulturelle Gesellschaft organisierte seit der zweiten Hälfte 1969 bis Ende 1970 keinerlei Treffen oder Versammlungen. Nach Intervention der Warschauer Zentrale und dem Besuch von Eliasz Rajzman beim Hauptvorstand der Sozial-Kulturellen Gesellschaft wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Im Januar 1971 wurde der neue Sitz im Gebäude in der Niemcewiczstraße 2 eröffnet. Die Stettiner Aktivisten schrieben über diese Zeit: „Die Arbeit war sehr schwierig, weil das Milieu, in dem wir aktiv sind, verunsichert ist und wir große Schwierigkeiten bei der Beseitigung von objektiven und subjektiven Ursachen haben, die unsere Arbeit hemmen oder gar stören.“ Auf der anderen Seite gab es keine Zweifel, dass die Arbeit unter den neuen Bedingungen sinnvoll war. „Werden wir überhaupt gebraucht und wenn ja von wem? Wir behaupten, dass wir gebraucht werden. Vor allem von denen, die ihr Leben im jüdischen Milieu verbringen wollen. Wir werden von jenen gebraucht, die in unseren Klub kommen, um ein Buch zu lesen, um ihre Bekannten zu treffen, die an unseren Veranstaltungen teilnehmen und einige Stunden auf kultivierte Weise verbringen wollen.“

Tabelle

Mitgliederzahl der Stettiner Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in den Jahren 1971-1989

Jahre

1971

1973

1979

1980

1981

1984

1985

1989

Mitgliederzahl

47 (120)

96

61

52

75

133

134

118

Quelle : APS, PWRN, Sign. 13659; Materialien der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in Stettin.

Interessant ist der Anstieg der Mitglieder ab Anfang der 1980er Jahre. Das hatte mehrere Ursachen, nicht ohne Bedeutung war die Vergabe materieller Beihilfen.

Tabelle

Mitgliederzahl der Stettiner Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in den Jahren 1990-2002

Jahre

1990

1991

1992

1993

1994

1995

1998

2002

Mitgliederzahl

112

112

105

107

100

100

92

74

Quelle: Materialien der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in Stettin.

Ab Mitte der 1980er Jahre zeichnet sich ein erneuter Rückgang der Mitgliederzahlen ab. Die Gesellschaft versammelte hauptsächlich ältere Menschen, die jedes Jahr weniger wurden.

Nach der Wende 1989

Durch die veränderte Nationalitätenpolitik nach 1989 entstanden neue Organisationsmöglichkeiten für die jüdische Bevölkerung. Die Sozial-Kulturelle Gesellschaft ist nicht mehr die einzige Organisation an der „Jüdischen Straße“, daneben gibt es die Jüdische Gemeinde und den Verein der im Zweiten Weltkrieg geschädigten Juden. Róża Król, die Vorsitzende der Stettiner Sozial-Kulturellen Gesellschaft formuliert es so: „Die Generation der Juden, die die jüdische Sprache, Kultur und Tradition kennen, verlässt uns. Eine Generation, die vielleicht die jüdische Religion nicht sehr eifrig praktiziert, doch von zu Hause die Glaubensgrundsätze mitbekommen hat und beten konnte. Die Generation der Pioniere von Stettin, die meistens von Anfang an aktiv am Leben der jüdischen Bevölkerung dieser Stadt teilgenommen hat.“ Jetzt erreicht die Gemeinde nicht mehr immer das Quorum von 10 Personen (den Minjan), die man für das Schabbatgebet braucht. Die Altersstruktur wirkt sich auf das Profil der heutigen Aktivitäten der Sozial-Kulturellen Gesellschaft aus – im Jahre 2000 wurde im Klub ein Tagesaufenthaltsraum mit Geräten für Krankengymnastik für ältere Personen eingerichtet. Der Klub ist immer noch ein Ort, wo Vorträge, künstlerische Veranstaltungen und gesellige Treffen stattfinden. Häufige Gäste des Klubs sind Schüler und Studenten, die zu Treffen mit sowohl historischer als auch zeitgenössischer jüdischer Thematik kommen. Die Gesellschaft informiert über das Leben der jüdischen Bevölkerung in Pommern und in Polen. Sie nahm teil an den aufeinander folgenden Editionen des Wettbewerbs „Geschichte und Kultur der Juden in Polen“, der von der Stiftung „Shalom“ und dem Bildungsministerium organisiert wird. Sie organisierte ein Bildungsseminar „In den Buch fun Gedank“, das der Kultur und der Geschichte der Juden in Westpommern gewidmet war. Hauptadressaten des Seminars waren Lehrer und Schüler Stettiner Schulen. Es gab Vorträge von Wissenschaftlern aus dem Jüdischen Historischen Institut, dem Nationalmuseum, dem Staatsarchiv und der Stettiner Universität und Ausstellungen über die Wandlungen des jüdischen Lebens in Westpommern nach dem Zweiten Weltkrieg. Es wurden Gedenktafeln am Ort der Synagoge, der Jüdischen Schule und zu Ehren des Dichters Eliasz Rajzman errichtet.

Seit über zehn Jahren besuchen ehemalige jüdische Einwohner und deren Nachfahren die Stadt. Eine solche Reise hat u.a. der israelische Journalist und Schriftsteller Ruvik Rosenthal auf der Suche nach seinen Stettiner Wurzeln unternommen. Vor 1938 war ein Großvater des Schriftstellers hier Beamter und Kantor der Synagoge, der zweite arbeitete als Kreisarzt. Die Familie Rosenthal war nach der Machtübernahme der Nazis im Jahre 1933 emigriert. Er selbst wurde bereits in Israel geboren. Nun arbeitet er an einem Buch über die deutschen Juden von Stettin. Im Klub erzählte Rosenthal vom Schicksal seiner Familie und über das heutige Israel. Nachdem in der Zeitung Słowo Żydowskie eine Information über Feierlichkeiten, die der jüdischen Schule und ihrer jahrelangen Leiterin Szejna Lew gewidmet waren, erschien, kam ein halbes Jahr später die Tochter der Schuldirektorin nach Stettin, Estera Camonis (Kamionkowska), die seit 1957 in Paris lebt. Während ihres Besuchs erzählte sie, dass ihre Reise einen sehr persönlichen Charakter habe, weshalb ihr Sohn und ihre Enkeltochter sie begleiteten. Sie war gerührt, als sie in Słowo Żydowskie den ihrer Mutter zu deren 25. Todestag gewidmeten Artikel las. Das Bewusstsein, dass die Schüler sie im Gedächtnis behalten hatten, brachte sie dazu, Stettin zu besuchen.

Diese Besuche spornten die Aktivisten des Klubs dazu an, ein in der Nachkriegsgeschichte der jüdischen Bevölkerung in Polen präzedenzloses Ereignis zu organisieren. Ende Juni, Anfang Juli 2003 kam es zu dem Treffen „Mini Reunion ’68“, einer Zusammenkunft ehemaliger jüdischer Einwohner Stettins, insbesondere jener, die infolge der antisemitischen Hetze 1968 emigriert waren. Ein weiteres solches Treffen wurde im Juli 2007 veranstaltet. [Vgl.: Helga Hirsch, Sie glaubten, sie seien ein Teil Polens, in: FAZ vom 1.8.2007, www.uni-salzburg.at/pls/portal/docs/1/545539.PDF ]

Ob von den Juden in Westpommern nur Erinnerungen bleiben werden? Heute ist das jüdische Milieu sehr klein. Am zahlreichsten ist die Gruppe der Fünfzigjährigen, obwohl auch jüngere auftauchen. Manche meinen, das Stettiner Zentrum werde infolge von Assimilation und Überalterung eingehen. Doch das muss vielleicht nicht so kommen. Zeichen der Belebung des jüdischen Lebens in Polen und die Rückkehr assimilierter Enkel zur Religion ihrer Großväter sind auch Zeichen für eine Überlebenschance. Ob das auch in Pommern so sein wird, werden wir erst in einigen Jahren wissen.

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska

Kommentare

stolpersteine

es sollten in stettin ,stolpersteine im pflaster an das jüdische leben erinnern-die geschichte in stzettin kann nicht neu geschrieben werden,es ist ein hoch interesanter bericht entstanden-die deutsche und jüdische geschichte stettins ist eng verbunden gerade nch 1945,dieses gilt es aufzuarbeiten

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