Die wiedergefundene Thora

Von den Nazis ermordet, von Polen aus dem Land getrieben – ein Verein erforscht Spuren der Juden östlich der Oder

In der früheren Neumark lebten bis zur Nazizeit zahlreiche deutsche Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Doch auch für die polnischen Juden, die nach 1945 hier angesiedelt wurden, gab es östlich der Oder keine Zukunft.

Die Synagoge von Meseritz – dem heutigen Miedzyrzecz, 80 Kilometer östlich von Frankfurt – können nur noch Fachleute als einstiges jüdisches Gotteshaus identifizieren. Im Innern des 1824 erbauten Gebäudes erinnert lediglich der Aron Hakodesz – ein steinernes Regal zur Aufbewahrung liturgischer Bücher – an die frühere Bedeutung. Ein Privatmann lässt das Gebäude, das lange als Lager genutzt wurde, gerade zum Geschäftshaus sanieren. In der Gemeinde Bomst (Babimost) ist eine Bibliothek in dem einstigen jüdischen Gotteshaus untergebracht. Und in Tirschtiegel (Trzciel) nutzte die Freiwillige Feuerwehr das vormals religiöse Gebäude bis vor kurzem als Geräteschuppen.

Andrzej Kirmiel zeigt eine Karte der Wojewodschaft Lebuser Land: Kleine Davidsterne und Grabsteine symbolisieren darauf die 38 jüdischen Friedhöfe und neun Synagogen, von denen sich bis heute Spuren erhalten haben. Nachdem der preußische König im Jahre 1812 den Juden die Bürgerrechte zuerkannt hatte, waren zahlreiche Angehörige dieser Religion vor allem aus östlicheren Gebieten zugewandert. Den heutigen Bewohnern der Region sei dieser Teil der Geschichte aber kaum bekannt, fügt der 50-Jährige hinzu.

Der Geschichtslehrer Kirmiel sieht in dem geringen Wissen seiner Landsleute über die Juden ein großes Problem. Mehr noch: In Polen sei der Antisemitismus bis heute verbreitet. „Nach 1945 wurden in den neuen Westgebieten Polens zahlreiche Juden angesiedelt, die die Konzentrationslager überlebt hatten oder aus Russland zurückgekehrt waren“, erläutert Kirmiel, „Die Neugründung religiöser Gemeinden war ihnen jedoch untersagt, lediglich sozio-kulturelle Gemeinschaften durften gebildet werden. Die größte in der Region gab es in Żary (Sorau). Sie zählte 1958 um die 3500 Mitglieder.“

In einer antizionistischen Kampagne, die 1968 von Moskau aus angezettelt wurde, trieb dann die kommunistische Regierung die meisten der noch in Polen lebenden Juden aus dem Lande. „Damals wurden auch die noch aus der deutschen Zeit stammenden jüdischen Friedhöfe vernichtet“, erklärt Kirmiel. Dennoch behaupte bis heute einer der führenden Germanistik-Professoren der Universität Zielona Góra, dass dies das Werk der Deutschen war. Um gegen dieses Gemisch aus Unkenntnis, Vorurteilen und sogar Lügen anzugehen, hat Kirmiel mit Gleichgesinnten die „Lebuser Stiftung Judaica“ gegründet. Bereits zweimal fanden „Tage der jüdischen Kultur“ in Zielona Góra statt. Im Museum wurde bis vor kurzem eine Fotoausstellung gezeigt, in der Aufnahmen von den jüdischen Friedhöfen der Region zu sehen waren.

Die Reaktionen sind erstaunlich. „Manchmal kommen Leute und sagen: Herr Kirmiel, mein Vater war auch ein Jude, aber das habe ich außer Ihnen bisher niemandem erzählt.“ Der Lehrer schätzt, dass derzeit etwa ein Dutzend Menschen in Zielona Góra leben, die sich zu ihren jüdischen Wurzeln bekennen. Sein Traum wäre, dass irgendwann wieder eine Gemeinde entsteht, zu der man nach altem Gesetz aber mindestens zehn jüdische Männer braucht. Ein besonderer Glücksmoment für den Lehrer war es deshalb, als ihm kürzlich ein Mann aus Zielona Góra ein Teil einer Thora-Rolle brachte. „Er hatte das alte Pergament auf dem Dachboden seines Hauses gefunden. Gleichzeitig bat er mich inständig, niemanden seinen Namen zu nennen." Kirmiel stellte mit Hilfe eines der hebräischen Sprache Kundigen fest, dass es sich um das 4. Buch Mose handelt. Er vermutet, dass das Pergament in der Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben wurde und zu der einstigen Grünberger Synagoge gehörte, die in der Pogromnacht vom 9. November 1938 zerstört wurde. „Die handbeschriebene Rolle hat einen großen Wert“, erläutert Kirmiel. Schließlich handele es sich um die Übertragung der Worte Gottes. Laut Ritual müsste die unvollständige Thora eigentlich auf einem Friedhof bestattet werden.

Inzwischen hat der Lehrer auch Kontakt nach Deutschland gefunden. Die Berlinerin Ines Guske hat ihm eine Karaffe mit der Aufschrift „Synagoge Grünberg“ überlassen, mit der es ebenfalls eine besondere Bewandtnis auf sich hat. Die Ostberlinerin berichtet, dass sie selbst auch erst nach der Wende von ihren Eltern erfahren habe, dass einer ihrer Großväter jüdischer Abstammung war und in einem kleinen Ort bei Posen gelebt hatte. Bei einem Besuch dort stellte sie fest, „dass sich in der ehemaligen Synagoge ein Kino befindet und dass die frühere Leichenhalle des Friedhofs von einer Familie als Garage genutzt wird". Die Karaffe aus Grünberg habe sie bei einer Ebay-Auktion zwischen Feldflaschen und anderen Militaria aus dem Ersten Weltkrieg entdeckt und ersteigert. Mit Hilfe der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Brandenburg hat Kirmiel auch Kontakt zu dem Verein „Fremde Heimat Eberswalde“ geknüpft, der ebenfalls die jüdische Vergangenheit dieser Stadt erforscht. Bald wollen sich junge Leute aus beiden Kommunen besuchen.

Für dieses Jahr hat sich Kirmiel noch ein besonderes Ziel gestellt. Genau an der Stelle, wo bis 1938 die Synagoge von Grünberg stand, wurde die neue Philharmonie von Zielona Góra errichtet. Am 9. November jährt sich die Pogromnacht zum 70. Mal. „Zu diesem Anlass sollte ein deutsches Orchester spielen“, stellt sich Kirmiel vor. Dafür sucht er noch Unterstützung.

Märkische Oderzeitung, 22.2.2008

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