Mit Schimmel „Kaszka“ nach Nowy Lubusz

Das Örtchen Neu-Lebus zählt zu den friderizianischen Neugründungen an der Oder, doch jetzt holt sich die Natur das Menschenwerk langsam wieder zurück. Nowy Lubusz (MOZ) Staatsmann, Feldherr, Stadtplaner und Kulturfreund – Preußens König Friedrich der Große (1712 bis 1786) war eine schillernde und widersprüchliche Persönlichkeit. Im kommenden Jahr gedenkt Brandenburg seines 300. Geburtstags. Unsere Zeitung begibt sich in einer Serie auf Spurensuche. Heute letzter Teil: die Gemeinde Neu-Lebus.
„Pass auf Kaszka, ein Auto, halt an meine Gute.“ Lange, bevor das Fahrzeug entgegenkommt, bringt Henryk Prusinowski seine Schimmel-
stute an der schmalen Straße nach Nowy Lubusz zum Stehen. Sieht man einmal von den Gummireifen ab, auf denen der klapprige Pferdewagen rollt, könnte die Szene auch vor 250 Jahren entstanden sein.
Damals – genau im Jahr 1765 – ließ Friedrich II. die Colonie Neu-Lebus gründen. Sie hatte ihren Namen von der geschichtsträchtigen Stadt Lebus, dem früheren Bischofssitz am Oder-Ufer gleich gegenüber. Neu-Lebus entstand auf einem Grund, der erst durch die Eindeichung des Flusses gewonnen und zudem auch noch sehr sandig war. „Die Colonisten von Neu-Lebus sollten ihr Brot nicht als Landwirte, sondern als Handwerker in der Dammvorstadt von Frankfurt (dem heutigen Slubice) und auf einer königlichen Domäne verdienen“, hat Manfred Hunger herausgefunden. Er ist Ortschronist von Lebus und hat die Geschichte von Neu-Lebus ausführlich beschrieben.
Handwerker und Tagelöhner aus 14 deutschen Staaten – von Altona (bei Hamburg) bis zur Kurpfalz – sowie aus Polen und Russland kamen in den neuen Ort. Sie wohnten in Ein- oder Mehrfamilienhäusern, die vom preußischen Staat finanziert wurden, und erhielten jeder zweieinhalb Morgen Land – nach heutigem Maß knapp ein Hektar. Und schon 1771 wurde eine Volksschule errichtet.
Heute gibt es schon lange keine Schule mehr in Neu-Lebus und auch die meisten Äcker wurden seit Ewigkeiten nicht mehr bearbeitet. Henryk Prusinowski, dessen Nachname irgendwie an Preußen erinnert und dessen Eltern weit aus dem Osten Polens kamen, ist einer der wenigen, die sich bemühen, dem kargen Land etwas abzugewinnen. Gerade fährt er Dung aus.
„Dafür kann man hier unheimlich viele Tiere beobachten“, berichtet Matthias Diefenbach. Der Deutsche und seine polnische Frau Magda haben ein Wochenendhäuschen im Ort. „Wenn die Gänse ins Warthe­bruch ziehen, oder sich jetzt auf den Flug in den Süden machen, wird es richtig laut von dem Geschrei“, beschreiben sie. Es scheint, als hole sich die Natur wieder zurück, was ihr der Mensch vor 250 Jahren entrissen hat. Für die Radfahrer, die von Frankfurt oder Küstrin zumeist auf dem Oderdeich hierherkommen, ist dies freilich romantisch und erholsam, auch wenn die einzige Gaststätte von Neu-Lebus schon vor Jahren dicht gemacht hat. Die Wiedereinrichtung einer Fähre nach Lebus – wie es sie bis 1945 gab – wäre ideal für den Tourismus, kommt aber trotz vieler Bemühungen einfach nicht zustande. Schöne, aber auch bittere Erinnerungen an Neu-Lebus hat Peter Zaeske. Er kam hier 1932 zur Welt, als Sohn des letzten deutschen Dorfschullehrers. „Als Kind bin ich jeden Feldweg mit dem Fahrrad abgefahren“, berichtet der 79-Jährige, der im hessischen Homberg lebt.
Am 3. Februar 1945, einem Schicksalstag in der Geschichte von Neu-Lebus, war er gegen Mittag mit einer Gruppe von etwa 18 Leuten über die Oder geflohen. „Eine Stunde später erreichte die Rote Armee den Ort und begann mit Plünderungen und Vergewaltigungen.“ Anstelle der 191 Deutschen, die hier noch gelebt hatten, besiedelten in den Folgejahren Polen den Ort.
Darunter sind auch die Eltern von Henryk Prusinowski, der 1951 hier geboren wurde. Er kann sich noch an die Staatsgüter erinnern, die in den 60er Jahren hier entstanden, aber die Wende von 1989 nicht überlebten. Mit Friedrich II. wissen die heutigen Bewohner dagegen nichts anzufangen. Stattdessen berichten sie von Kriegsschicksalen ihrer Eltern und Großeltern, die ähnlich tragisch waren, wie die der Deutschen. „2015 müsste man eigentlich den 250. Jahrestag von Nowy Lubusz feiern“, sinniert Matthias Dieffenbach. Vielleicht wird er ja mit Henryk Prusinowski eine Flasche Wein auf den „Alten Fritz“ leeren.

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 22.09.2011

Kommentare

Dzien dobre, pan Czarnuch.

Dzien dobre, pan Czarnuch. Frau Asfari gab mir den Kontakt zu Ihnen. Darf ich Sie und Ihren Park der Wegweiser besuchen? Ich bin am Wochenende in Zielona Gora und Gorz´w Wielkopolski. Passt es Ihnen? Herzliche Grüße Elisabeth Herrmann

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