Juden in Wriezen

In Wriezen an der Oder haben seit 1677 Juden gelebt. Während des ganzen 18. Jahrhunderts war es jedoch stets nur eine kleine Gemeinschaft, da es das erklärte Ziel der preußisch-brandenburgischen Politik war, die Zahl der Juden in den kleinen Städten gering zu halten. Der enorme Verwaltungsaufwand, der zur Reglementierung jüdischen Lebens betrieben wurde, hat sich in Bergen von behördlichen Akten niedergeschlagen, von denen viele noch heute erhalten sind. Für das kleine Häuflein Wriezener Juden sind das mehrere Tausend Seiten. Sie lassen die Auswirkungen der preußischen Judenpolitik im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft lebendig vor uns erstehen. Jede einzelne Familie befand sich in ständiger Auseinandersetzung mit immer neuen Regelungen. Um den Status jedes Haushaltsmitglieds, des Haushaltsvorstandes, der Frauen, Witwen, Kinder, Schwiegerkinder und Bediensteten musste ständig gekämpft werden. Dazu kamen Einschränkungen der Gewerbefreiheit und immer neue Abgabeverpflichtungen, die zur Verarmung vieler Wriezener jüdischer Familien geführt haben.

Weitsichtige Beamte des preußischen Königs erkannten die Widersprüchlichkeit der Judenpolitik durchaus. So legte der Generalfiskal D’Asnières dem König im Jahr 1765 eine lange Abhandlung vor, in der er zu dem Schluss kommt: „Es wäre aber wunderlich, ihnen (den Juden) vorzuwerfen, daß sie unnütze Leute sind, wenn man sie zu gleicher Zeit daran hindert, nützlich (als Steuerzahler) zu werden.“ Die Antwort des Königs war ein „ungnädiger Bescheid auf seine Ausführungen“.

Auch der Wriezener Magistrat beklagte unsinnige Verordnungen, durch die er sich belästigt fühlte. Als wieder einmal die Kaufleute befragt werden sollten, ob sie damit einverstanden wären, wenn jüdische Tuchhändler in die Stadt kämen, brachte der Magistrat die Sache auf den Punkt:

„Sollte es mal genug sein (die Kaufleute zu befragen). Der Protest der Kaufleute ist natürlich und dies würde auch einen großen Verlust in ihrem Handel bereiten, wenn denen Juden der Tuch Handel gelassen werden sollte. Freilich würde es für die Tuchmacher und Wollfabrikanten sehr vorteilhaft sein, wenn die Juden die Erlaubnis zum Tuchhandel erhielten. Durch die Konkurrenz bei den Käufern wäre auch eine Absenkung der Preise natürlich ... und die Tuchmacher besonders würden es wünschen.“

Die klamme wirtschaftliche Lage der Wriezener Juden wurde zeigte sich auch jedes Mal, wenn ein neuer Schulmeister gesucht wurde. Am liebsten entschied man sich für nachgeborene Kinder von Schutzjuden, die von ihrem Vater unterhalten werden konnten. Eine andere Lösung waren Schulmeister aus Polen. So fragte im Jahr 1789 die Regierung an „warum man Bediente aus Polen nimmt und nicht Einheimische?“ Die Antwort war: „Die polnischen Schulmeister können auch schächten und nehmen mit weniger Lohn vorlieb.“

Einen interessanten Einblick in die friderizianische Wirtschaftspolitik, die die Anlage von Fabriken stark förderte, geben die Akten zur Gründung der Wriezener Schnallen- und Hakenfabrik durch Berliner jüdische „Entrepreneurs“ im Jahr 1773. Trotz der staatlichen Unterstützung prosperierte die Fabrik jedoch nur kurzfristig und wurde 1812 wieder geschlossen. Ihr erster Leiter war Gerson Jacob, der Großvater von Gerson Bleichröder, der später zum wichtigsten Bankier und vertrauten Berater Bismarcks wurde.

Im 19. Jahrhundert brachte die durch das Emanzipationsedikt von 1812 neu gewonnene Niederlassungs- und Gewerbefreiheit eine Vergrößerung der Wriezener jüdischen Gemeinde mit sich. Die meisten der Zuwanderer kamen aus dem Großherzogtum Posen. Für die religiöse Ausrichtung der Gemeinde waren diese Zuwanderer ein konservatives Element. So wird 1821 berichtet: „Einige ältere Mitglieder der Gemeinde haben gewünscht, die deutsche Sprache bei ihrem Gottesdienst einzuführen, sind aber von den übrigen, insonderheit von den seit 1815 aus dem Großherzogthum Posen hierher gezogenen Mitgliedern überstimmt worden.“

Seit 1812 war der Unterricht der jüdischen Kinder der staatlichen Schulaufsicht unterstellt. Die Kinder besuchten die öffentlichen Schulen. Die Gemeinde musste nur noch einen Religionslehrer stellen, dessen Qualifikation staatlich kontrolliert wurde. Der Lehrer übernahm auch die Funktionen des Schächters und Vorbeters. Da die wirtschaftliche Lage der Gemeindemitglieder in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer noch eher bescheiden war, war man bestrebt, die Kosten für den Lehrer gering zu halten. Im Jahr 1820 hatte man mal wieder einem Lehrer gekündigt, um einen billigeren zu finden. Man begründete seine Wahl so:

„Wir brauchen keinen Schullehrer, da unsere Kinder an der hier eingerichteten Elementar und Bürgerlichen Schule mit antheil nehmen. Der so genannte Schulmeister führt nur den Namen, wir brauchen ihn aber nur zum Schächten der Rinder. Der Unterricht, den er den Kindern giebt, bestehet im Hebräisch lesen, da die Übersetzung der täglichen Gebete schon von dem Sel. Herrn Mendelssohn und mehreren Gelehrten unserer Zeit geschehen ist. Unsere Gemeinde bestehet aus 12 Hausvätern und ist eine solche nicht imstande, einen solchen Mann zu salarieren, der die Fähigkeit besitzt, sich dem Exam unterwerfen zu können. Daher wollen wir unterthänigst bitten, uns zu erlauben, einen Koller nehmen zu dürfen, der bloß ein Attest des Vice Ober Land Rabbiners beibringen kann und nicht die Exam und höhere Wissenschaften unterworfen sein soll.“

Auch im 19. Jahrhundert waren die Wriezener Juden immer noch als Kaufleute tätig. Ausnahmen waren nur: ein Kürschnermeister, ein Glasermeister und ein praktischer Arzt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert gab es viele Veränderungen in der Mitgliedschaft der Gemeinde, d.h. es gab offensichtlich viele Weg- und Zuzüge. Die Gesamtzahl der jüdischen Einwohner blieb ziemlich konstant bei 100 – 120 Personen.

Über das schnelle und vollständige Ende jüdischen Lebens in Wriezen nach 1938 gibt es kaum schriftliche Informationen. Die wichtigste Quelle ist die Datenbank der Gedenkstätte Jad-wa-Schem in Jerusalem. In ihr wird die Erinnerung an 56 namentlich bekannte ermordete Personen aufgeführt, die entweder in Wriezen geboren wurden oder unmittelbar vor der Verschleppung dort gewohnt haben.

Die Geschichte der Wriezener Juden wird ausführlich beschrieben in dem kürzlich erschienenen Buch: „Juden in Wriezen – ihr Leben in der Stadt von 1677 bis 1940 und ihr Friedhof“ (Universitätsverlag Potsdam, ISBN 978-3-939469-39-1).

Der Friedhof der Wriezener Juden, der seit 1730 existierte, ist heute einer der best erhaltenen jüdischen Friedhöfe in Brandenburg. 131 Grabsteine sind erhalten; der älteste stammt von 1773, die letzte Beisetzung fand 1940 statt. Die vollständige Dokumentation des Friedhofs ist in einer Datenbank erfasst, die unter www.uni-potsdam.de/juedische-friedhoefe/wriezen im Internet eingesehen werden kann. Sie enthält, neben den persönlichen Daten der Verstorbenen, Fotografien der Grabsteine und Abschriften aller Inschriften mit Übersetzungen und Erläuterungen. Nach allen Inhalten kann gesucht werden. Diese Datenbank ist der erste Stein zu einem Projekt, das in Absprache mit dem Landesverband Jüdischer Gemeinden in Brandenburg vom Institut für jüdische Studien an der Universität Potsdam initiiert wurde und zum Ziel hat, alle jüdischen Friedhöfe in Brandenburg zu dokumentieren und in die genannte Datenbank aufzunehmen.

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

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