Jiddisch und jiddische Literatur an der Viadrina

Bevor ich zu meinem eigentlichen Thema, Jiddisch und jiddische Literatur an der Viadrina komme, möchte ich zunächst kurz auf die Entwicklung der jiddischen Sprache und Literatur eingehen.

Kurzer Abriss über die Entwicklung der jiddischen Sprache und Literatur

Die jiddische Sprache entstand im Mittelalter zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert im süddeutschen Sprachraum. Es ist eine Mischsprache, die zum größten Teil aus einer germanischen Komponente besteht; darum wird Jiddisch auch meistens zu den germanischen Sprachen gezählt. Dazu kommt eine hebräisch-aramäische Komponente und später noch eine slawische sowie die anderer Sprachen, die allerdings so geringfügig sind, dass sie hier vernachlässigt werden können. Wie alle jüdischen Sprachen wird Jiddisch mit hebräischen Buchstaben geschrieben, ist also trotz sprachlicher Nähe für des Deutschen Kundige nicht unbedingt leicht zu lesen.

Jiddisch war in der Vergangenheit die Sprache des Alltags im Gegensatz zum Hebräischen, der Sprache des Tanach (1) und der Gelehrsamkeit. Dies spiegelt sich auch in der Literatur wider. D.h. die frühen jiddischen Texte sind „Gebrauchsliteratur“, z.B. Glossen für Lehrer, während die Kommentare zu Talmud und Tanach, also die hochgeschätzten Schriften, auf Hebräisch verfasst wurden.

Generell wird zwischen West- und Ostjiddisch unterschieden. Westjiddisch besitzt eigentlich keine Slawismen und war bis ins 18. und 19. Jahrhundert hinein im westlichen Europa weit verbreitet. Im Zuge der Aufklärung verschwand es immer mehr zu Gunsten des Deutschen. Ostjiddisch entwickelte sich aus dem Jiddisch, das die im 11. Jahrhundert im Zusammenhang mit den Kreuzzügen aus dem deutschsprachigen Raum vertriebenen Juden nach Osteuropa „mitbrachten“, zusätzlich der slawischen Komponente. Es war bis zur Vernichtung des osteuropäischen Judentums durch die Shoah die Sprache der Juden sowohl in Osteuropa als auch dort, wohin osteuropäische Juden ausgewandert sind, Nordamerika etc.

Nach der Shoah existieren nur noch versprengte Inseln des Jiddischen, z.B. unter den Frommen (2) in Israel und den USA sowie bei den wenigen sog. Jiddischisten.

Seit dem 19. Jahrhundert kann man von so etwas wie Weltliteratur auf Jiddisch, also Ostjiddisch, sprechen. Es gibt eine Vielzahl von SchriftstellerInnen, von denen leider einige völlig dem Vergessen anheim gefallen sind. Da Jiddisch auch im 20. Jahrhundert vor allem Alltagssprache war, gibt es sehr viele Zeugnisse des täglichen Lebens bzw. Überlebens von Juden in Europa auf Jiddisch.

Jiddisch und jiddische Literatur an der Viadrina - Zu den Veranstaltungen

Nun zu meinem eigentlichen Thema, den Veranstaltungen zur jiddischen Sprache an der Viadrina.

Seit dem Sommersemester 2003 werden relativ regelmäßig Kurse zu Jiddisch angeboten und zwar innerhalb der Kulturwissenschaften als unbezahlter Lehrauftrag am Lehrstuhl für die Geschichte Osteuropas. Die Veranstaltung findet als Block jeweils vier Mal im Semester an einem Sonnabend von 11 bis 17 Uhr statt. Da ich in Hamburg lebe und arbeite, ist es für mich zeitlich nicht anders einzurichten. Ich bin also nicht an der Viadrina angestellt, über den Lehrauftrag sozusagen als Hobby aus und bin darum kaum in die Universität in Frankfurt eingebunden, was durchaus von Nachteil ist.

Bisher habe ich drei verschiedene Veranstaltungstypen zu Ostjiddisch, also der Sprache, die bis zur Shoah von Juden im historischen Polen und später auch in der UdSSR gesprochen und gelesen wurde, angeboten.

Zunächst ist da die „Einführung in die jiddische Sprache und Kultur“, ein Seminar, das vor allem dem Spracherwerb, d.h. der Fähigkeit jiddischsprachige Texte zu lesen und zu verstehen, dient. In der ersten Sitzung werden alle 22 Buchstaben in drei Blöcken so eingeführt, dass schon gleich Wörter gebildet werden können, um die erworbenen Kenntnisse zu üben und zu vertiefen. Dabei arbeite ich mit dem Wiedererkennungseffekt von Worten, die dem Deutschen oder dem Polnischen ähnlich sind. Außerdem wird ein Einblick in die Entwicklung der jiddischen Sprache und Literatur gegeben. Dazu lernen wir die Umschrift, die sich am ehesten in wissenschaftlichen Kreisen weltweit durchgesetzt hat, die YIVO-Umschrift. Das Ganze wird von verschiedenen Tonbeispielen aus dem jiddischen Liedgut unterbrochen. Am Ende des Semesters steht eine Klausur, in der Leseverständnis sowie das richtige Anwenden der Umschrift geprüft werden. Ziel der Veranstaltung ist, dass die TeilnehmerInnen selber weiter Jiddisch betreiben können, in welcher Form auch immer, sei es als Historiker, Literaturwissenschaftler etc.

Im Fortsetzungskurs „Jiddisch 2“geht es um die Vertiefung der bisher erworbenen Kenntnisse, d.h. um Grammatik und die Lektüre jiddischsprachiger Texte. Meistens richte ich mich bei der Konkretisierung des Programms nach den thematischen Interessen der TeilnehmerInnen. Im Sommersemester 2007 haben wir z.B. folgende Gebiete behandelt: Grammatik (Zeiten, Modi, periphrastische Verben), J. L. Peretz (einer der Klassiker der jiddischen Literatur), die Literatur der Ghettos (Warschau, Wilna), Frauenliteratur und Literatur von Frauen, das Shtetl in der jiddischen Literatur, Birobidzhan (jüdische autonome Provinz) und Jiddisch in Israel. Die Studierenden sollen sich in ein Thema näher einarbeiten und entweder eine Hausarbeit dazu schreiben oder eine Unterrichtseinheit mit praktischem Teil übernehmen.

Auf Nachfrage hin habe ich einmal auch eine „Einführung in die jiddische Literatur“ angeboten, in der in einem Rundumschlag Kostproben aus der alten und neueren Literatur bearbeitet wurden, also nicht der Spracherwerb im Mittelpunkt stand, sondern Literatur in Übersetzung gelesen wurde.

Der Zulauf zu den Veranstaltungen ist immens. Zu meiner ersten Einführung kamen zwischen 20 und 25 Studenten, was als beachtliche Zahl an der eher kleinen Viadrina galt. Die anderen Einführungsveranstaltungen umfassten um die 50 Studierende. Eine so große Runde erleichtert den Erwerb einer Sprache nicht gerade, eigentlich sollte doch jeder die Möglichkeit haben zumindest ein Mal „dranzukommen“. Leider ist es mir mit meiner losen Verbindung zur Viadrina nicht möglich, zusätzlich Tutorien anzubieten, was eigentlich äußerst sinnvoll wäre.

In den Fortsetzungskursen sind es meist zwischen 15 und 20 TeilnehmerInnen, auch das noch eine stattliche Zahl. Bei der literarischen Einführung waren es sogar über 50 Studenten. Aus diesen Zahlen kann geschlossen werden, dass durchaus ein großes Interesse am Erlernen und Kennenlernen der jiddischen Sprache und Literatur besteht.

Zu den TeilnehmerInnen

Nun zu den Studierenden selbst und ihrer Motivation: Es sind sehr viele Polen, die vor allem an den Einführungsveranstaltungen teilnehmen, meistens mehr als zwei Drittel. Das freut mich natürlich, da meiner Meinung nach Jiddisch sehr viel mit der polnischen Geschichte zu tun hat und in Polen nur an wenigen Universitäten Jiddisch angeboten wird. Im Folgekurs sind es dann meistens mehr Deutsche, erstaunlicherweise fast mehr Männer als Frauen. An anderen Universitäten erlebe ich, dass die exotischen Sprachen, wozu sich Jiddisch zweifelsohne zählen kann, fast nur von Frauen gelernt werden. Dazu kommen relativ viele Studenten aus den Erasmus-Programm, also Franzosen, Ungarn, Litauer etc. Relativ viele TeilnehmerInnen kommen aus Berlin und zwar nicht nur die Studierenden der Viadrina, die es vorziehen in der Hauptstadt zu wohnen, sondern auch Studenten der Berliner Universitäten, an denen Jiddisch nicht angeboten wird. Die Meisten studieren Kulturwissenschaften, aber auch Wirtschaftwissenschaftler besuchen die Veranstaltungen.

Was ist die Motivation der Studierenden? Ich habe sie meistens am Endes des Semesters danach befragt. Oft ist das Interesse an jüdischer Geschichte und Kultur, besonders an den Festen, ein Grund für die Wahl des Kurses. Viele haben in irgendeiner Form einen jüdischen familiären Hintergrund, sei es, dass sie aus Russland oder Israel stammen oder dass ein Teil der Familie, z.B. die Großeltern, Jiddisch noch gesprochen haben. Eine polnische Studentin erzählte, ihr Vater hätte jiddische Bücher geerbt, sie wolle sie lesen können, auch das kann also ein Grund sein. Wieder andere sind an den hebräischen Buchstaben interessiert oder wollen gern eine fremde Schrift lernen. Vielen ist Jiddisch durch die Klezmermusik und die jiddischen Lieder ein Begriff und dann auch Anlass die Sprache zu lernen. Einige, besonders Linguisten und Soziolinguisten lernen gern exotische Sprachen und möchten die Palette durch das Jiddische bereichern. Eine sagte sogar, sie lerne Jiddisch als Einstieg für modernes Hebräisch, was meiner Meinung nach nicht klappen wird, denn Ivrith ist eine komplett andere Sprache.

Generell ist der Bereich an der Viadrina sicherlich ausbaufähig. Ich habe auch schon eine Bachelor-Arbeit betreut und bin wiederholt als Prüferin gefragt worden. (3)

Es handelt sich bei diesen Veranstaltungen also um eine Spurensuche anderer Art als wenn man z.B. der Geschichte eines bestimmten Ortes nachgeht. Mit dem Erwerb der jiddischen Sprache wird ein Werkzeug an die Hand gegeben, mit dem das ehemalige alltägliche Leben von Juden in Polen erforscht werden kann, von dem in einer Vielzahl verschiedener jiddischsprachiger Quellen berichtet wird.

17. Juni 2007, Groß Neuendorf, Workshop: Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion

 


(1) Hebräische Bibel.

(2) Chassidim.

(3) Schon erstaunlich, dass ein unbezahlter Lehrauftrag zu einer Stütze der universitären Lehre werden kann.

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