Jüdischem Leben an der Oder auf der Spur

Workshop vereinte Polen und Deutsche in Groß Neuendorf

Groß Neuendorf. Am Sonntag fand im Landfrauencafé Groß Neuendorf ein Workshop statt, der sich den Spuren jüdischen Lebens links und rechts der Oder widmete. Eingeladen hatte die Deutsch-Polnische Gesellschaft im Rahmen des Projekts „Spurensuche alte, neue, fremde Heimat in der deutsch-polnischen Grenzregion“. Es ist eingebettet in das überregionale Projekt \"Zivile Brücken – Mosty spoleczne“ der Integrationsbeauftragten des Landes Brandenburg, Karin Weiss, die dieses Projekt in Groß Neuendorf vorstellte.

Den Auftakt bildeten drei sehr interessante Kurzvorträge über die Geschichte der Juden in Brandenburg und Pommern, wobei die Städte Wriezen, Gorzów Wlkp. (Landsberg a.W.) und Szczecin (Stettin) als exemplarische Beispiele besonders beleuchtet wurden. Der Historiker Robert Piotrowski berichtete u.a., dass die repräsentative Synagoge in Landsberg an der Warthe (Gorzów) aus dem Jahre 1854 als ausgebrannte Ruine noch Ende der 50-er Jahre gestanden hätte.
In allen drei Vorträgen erfuhren die Zuhörer viele neue Fakten zum jüdischen Alltagsleben und zu den Lebensspuren der jüdischen Minderheit. In Stettin existiert noch heute eine kleine jüdische Gemeinde, deren Aktivitäten jedoch immer geringer werden, weil sie an Überalterung leidet. Dagegen gibt es in Frankfurt (Oder) und in Bernau vor etwa zehn Jahren neu gegründete jüdische Gemeinden, die einen völlig anderen Charakter tragen und deren Mitglieder in erster Linie russische Einwanderer jüdischen Glaubens sind.

In der Wojewodschaft Westpommern haben Mitarbeiter des Stettiner Denkmalamtes 68 Orte erfasst, an denen sich mehr oder weniger gut erhaltene jüdische Friedhöfe befinden. Wenn sie die Nazizeit überdauert haben, wurden sie nach 1945 zerstört. Wo noch Grabsteine erhalten sind, will man sie wieder aufstellen und die Friedhöfe als Kulturdenkmal kennzeichnen. Eine umfassende Registrierung und Kartierung soll dazu dienen, diese Friedhöfe künftig besser zu schützen.
Auch in der ehemaligen DDR ging man nicht mit jedem jüdischen Friedhof wie mit einem Kulturdenkmal um. Während die jüdischen Friedhöfe von Wriezen und Oderberg immer gepflegt wurden, ließ man die Begräbnisplätze von Seelow, Groß Neuendorf und Bad Freienwalde verfallen. In Seelow und Bad Freienwalde wurden sie gänzlich abgeräumt. In Groß Neuendorf ist es zwischen 1992 und 1994 mit der Hilfe vieler Jugendlicher gelungen, den jüdischen Friedhof hervorragend zu restaurieren. Nach nun schon wieder 15 Jahren präsentiert sich dieser historische Ort, auf dem 1911 die letzte Beerdigung stattfand, in einem sehr guten Zustand. Davon konnten sich die Teilnehmer des Workshops persönlich überzeugen, als sie von den anwesenden Spezialisten über den Friedhof geführt wurden.

Auf großes Interesse stieß ein Schülerprojekt, das Tomasz Watros aus Skwierzyna (Schwerin an der Warthe) vorstellte. Dort gibt es den wohl größten erhaltenen jüdischen Friedhof im ganzen Oder- und Wartheland mit immerhin noch 250 Grabsteinen. Zusammen mit einer Partnerschule in Büren bei Paderborn haben Schüler in Skwierzyna gemeinsam an einem Projekt mit dem schönen Namen „Die Vergangenheit wieder finden – nur noch Steine sprechen hebräisch“ gearbeitet.
Sie spürten Grabsteine auf, die in den 60-er und 70-er Jahren zur Uferbefestigung von Meliorationsgräben missbraucht wurden und brachten sie auf den jüdischen Friedhof zurück. Finanziell wurden sie dabei von der Ford-Stiftung unterstützt, haben selbst weitere Sponsoren gesucht, einen Multimediaführer erarbeitet und Nachkommen der in Schwerin Begrabenen in der ganzen Welt aufgespürt.

Zu all diesen Aktivitäten gab es unter den mehr als 50 Teilnehmern des Workshops lebhafte Diskussionen. Dabei kamen manche Unterschiede im Umgang mit den jüdischen Hinterlassenschaften dies- und jenseits der Oder zum Vorschein. Alle waren sich aber dahin gehend einig, dass es in den heute polnischen Westgebieten um Relikte der deutschen Vergangenheit geht, die in der historischen Betrachtung auch so behandelt werden müssen.
Fazit dieser sehr anregenden und interessanten Veranstaltung: Die jüdische Geschichte ist als lebendige Geschichte aufzufassen. Sie ist ein untrennbarer Bestandteil sowohl der polnischen als auch der deutschen Vergangenheit und lebt weiter fort. Am Ende des Tages wurde festgestellt, dass auf beiden Seiten der Oder vieles zur Wiederentdeckung der Spuren einstigen jüdischen Lebens getan wird. Es gebe aber zu wenig gemeinsame Projekte. Es sei nicht gut, wenn der eine etwas unternimmt und den anderen lediglich zum Mittun animiert. Gemeinsame Projekte müssten auch gemeinsam vorbereitet und mit geeigneten Kooperationspartnern durchgeführt werden. Dazu wurden aus Schwedt, Eberswalde, Skwierzyna und Zielona Góra interessante Vorschläge gemacht. Eine Frage bewegte alle Beteiligten gleichermaßen: Wie können Jugendliche ermuntert werden, sich mit politischen und kulturhistorischen Themen zu befassen und was brauchen sie dazu? Hier sind Lehrer, Eltern, Fachleute und auch die regionale Politik gefordert, die den Erkenntnisprozess bei den Jugendlichen ohne Zwang befördern und begleiten müssen.

Unser Autor Dr. Reinhard Schmook ist Leiter des Oderlandmuseums Bad Freienwalde und war als Referent Mitgestalter des Workshops.

Märkische Oderzeitung, 19.6.2007, Lokalausgabe Seelow

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