Aus Synagoge wurde Wohnhaus

Jüdische Bürger waren einst auch in den Dörfern im Oderbruch zuhause. Doch die Zeugnisse, die an sie erinnern, sind fast überall verschwunden. Außer in Groß Neuendorf. Dort steht die letzte Dorfsynagoge im Oderbruch, um dessen Erhalt sich Eigentümer Jens Jesse sehr bemüht.

Seit 1847 gibt es eine jüdische Gemeinde in Groß Neuendorf, die zunächst von Letschin aus verwaltet wurde. Ihre einflussreichsten Mitglieder kamen aus der Familie des jüdischen Kaufmanns Michael Sperling, für die Groß Neuendorf ein zentraler Stützpunkt ihres Getreidehandels war. Das mag eine Rolle gespielt haben, als der Gemeindevorstand 1864 beschloss, den Sitz der Gemeinde nach Groß Neuendorf zu verlegen. Stifter des Synagogenverbandes, zu dem Klein und Groß Neuendorf, Kienitz, Ortwig, Sophienthal und Gerickensberg gehörten, waren natürlich die Sperlings. Die Gemeinde bekam 1865 eine eigene Synagoge, die an ein Wohnhaus angebaut wurde, das Michael Sperling für seine Arbeiter hatte errichten lassen.

Die Synagoge hat die Zeit bis heute überdauert, auch wenn sie längst nicht mehr als das genutzt wird, wofür sie einst gebaut wurde. Nach dem Krieg wurde sie zu einem Mietshaus und soll auch als Hühnerstall gedient haben. 1987 begann ein großer Umbau. Aus dem Gottes- wurde ein Wohnhaus. Sabine Grocholski, die später hier einzog und in der alten Synagoge ihre Kinder großzog, erinnert sich, dass während der Sanierung Leute vom Denkmalschutz kamen und die blaue Decke mit den goldenen Sternen, die einst die Synagoge zierte, fotografierten. Heute ist davon nichts mehr sichtbar. Das wurde damals alles zugebaut, sagt Jens Jesse, der seit eineinhalb Jahren Eigentümer der Immobilie ist.

Er hatte die Synagoge samt dem Wohnhaus, an das sie angebaut ist, Ende 2005 erworben und hat seit dem gemeinsam mit seinem Vater viel Arbeit investiert, um das Gebäude zu erhalten. Denn der Zustand des Hauses war, als Jesses es übernahmen, bedenklich. Der Außenputz war stark angegriffen und Innenwände in der Synagoge schimmelten. Grund seien Baufehler gewesen, die auf die Arbeiten Ende der 80er Jahre zurückgehen, sagt Ernst Jesse.

Er und sein Sohn Jens haben die Synagoge innerhalb von drei Monaten trocken bekommen. Und dann wurden sie vom Denkmalschutz mit der Nachricht überrascht, dass ihre Synagoge, die die letzte Dorfsynagoge im Oderbruch ist, wegen ihrer religions-, orts-, regional- und baugeschichtlichen Bedeutung in die Denkmalliste des Landes Brandenburg aufgenommen wurde. Die Jesses fühlten sich überfahren, weil sie beim Ortstermin der Denkmalschützer nicht dabei sein konnten, denn die hatten ihnen einen falschen Termin genannt.

Inzwischen, sagt Ernst Jesse, sei das Verhältnis zum Denkmalschutz ein sehr gutes. "Wir wissen um die Bedeutung dieses Hauses und wollen dem natürlich auch gerecht werden", sagt er. Und er weiß, dass die letzte Dorfsynagoge im Oderbruch natürlich auch ein Anziehungspunkt für Touristen ist. Allerdings wünscht er sich von denen, dass sie Rücksicht darauf nehmen, dass in diesem Haus Leute wohnen. Wenn sich jemand mit dem Fahrrad mitten ins Erdbeerbeet stellt, um Fotos von dem Haus mit den markanten Spitzbögen zu machen, sei die Grenze des Zumutbaren überschritten, sagt er.

An die Stelle, wo einst das Hinweisschild auf die Synagoge an der Hauswand hing, hat Jens Jesse nun ein Baustellenschild geschraubt, um die Besucher darauf aufmerksam zu machen, dass sie zu ihrer eigenen Sicherheit nicht überall auf dem Privatgrundstück herumlaufen können. Das Synagogenschild übergab er an die Gemeindeverwaltung Letschin, die es nun auf öffentlichem Grund wieder aufstellen will.

Märkische Oderzeitung, 18.07.2007, Lokalausgabe Seelow

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