Spurensuche an der Oder – Jüdisches im deutsch-polnischen Grenzgebiet

Am 17. Juni lud die Deutsch-polnische Gesellschaft Brandenburg im Rahmen des Projektes «Spurensuche alte, neue, fremde Heimat – in der deutsch-polnischen Grenzregion» zu einem Tagesseminar nach Groß-Neuendorf an der Oder und stieß mit dieser Veranstaltung auf erstaunlich große Resonanz: über 60 Lokalhistoriker, Pädagogen und Journalisten befassten sich mit der Geschichte der Juden in den Provinzen Brandenburg und Pommern und mit dem Umgang mit historischen Zeugnissen links und rechts der Oder. Unter den Teilnehmern war auch die Integrationsbeauftragte in Brandenburg, Professorin Karin Weiss, die diese Veranstaltung im Zuge der Projektdurchführung «Zivile Brücken – Mosty spoleczne» mit unterstützte.

In einer Reihe von Kurzvorträgen wurde die Geschichte der Juden in Brandenburg, in der Neumark sowie in Pommern nachgezeichnet; danach stand die Frage nach dem heutigen Umgang mit den jüdischen Spuren am Beispiel vom polnischen Westpommern, im Lebuser Land, in Barnim und Lebus auf dem Programm. Der mit 131 Grabsteinen wohl am besten erhaltene und dokumentierte jüdische Friedhof der Region befindet sich in Wriezen; Brigitte Heidenhain hat in ihrem Buch «Juden in Wriezen» das jüdische Leben in diesem Städtchen nachgezeichnet, das um 1677 einsetzte und 1940 mit der Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bürger endete. Die Autorin, die auch mit an einer Datenbank zu Jüdischen Friedhöfen in Brandenburg arbeitet, vermittelt dabei anhand zahlreicher Quellentexte des 18. und 19. Jahrhunderts anschaulich die Auswirkungen der preußischen Judenpolitik in Leben des Einzelnen und der Gemeinde. Im 18. Jahrhundert war die Existenz der Wriezener Juden vom Kampf und ihr Aufenthaltsrecht und gegen die drohende Verarmung geprägt; im 19. Jahrhundert brachte die neu gewonnene Niederlassungsfreiheit eine Vergrößerung der jüdischen Gemeinde und schließlich auch eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage mit sich. Über das Ende der jüdischen Lebens in Wriezen gibt es kaum schriftliche Informationen; in der Datenbank von Yad Vashem in Jerusalem liegen aber die Namen von 56 ermordeten Wriezener Juden vor. Unter den Projekten zur Aufspürung, Rettung und Dokumentation jüdischen Kulturerbes in einzelnen Orten, die an diesem Sonntag vorgestellt wurden, waren der Jüdische Friedhof in der Frankfurter Dammvorstadt, dem heutigen Słubice, sowie die Friedhöfe von Skwierzyna/Schwerin an der Warthe und Bledzew/Blesen. Besonders interessant: ein Referat zu Erinnerungen an jüdische Mitbürger in den Heimatblättern der Vertriebenen.

Auf einem Spaziergang zum jüdischen Friedhof und zur ehemaligen Synagoge von Groß Neuendorf ließ sich die jüdische Geschichte vor Ort vergegenwärtigen: eine Geschichte, die wesentlich vom jüdischen Getreidegroßhändler Michael Sperling aus Berlin geprägt wurde. Mitte des 19. jahrhundert gründete Sperling, dessen Familie bereits ein ansehnliches Sommerhaus in Groß Neuendorf besaß, hier wegen der günstigen Verkehrsverbindungen eine Filiale seines Betriebes. Er holte dazu jüdische Arbeiter ins Dorf, gründete 1847 die Jüdische Gemeinde in Groß Neuendorf und Letschin und erwarb 1855 ein Grundstück für einen jüdischen Friedhof am Rande von Groß Neuendorf. 1865 wurde eine Synagoge errichtet und ein jüdischer Lehrer angestellt. Die jüdische Gemeinde zählte 1882 jedoch nur noch 14 erwachsene männliche Mitglieder und wurde 1895 mit dem Synagogenbezirk Seelow zusammengelegt. Der letzte Gottesdienst in Groß Neuendorf fand 1910 statt; das Gebäude – ein Anbau eines Wohnhauses – ist erhalten und fällt heute wegen seiner neogotischen Fensterbögen auf; die jetzigen Bewohner haben aber offenkundig kein besonderes Interesse daran, dieses jüdische Erbe zu pflegen.

Ganz anders in Zielona Góra, dem früheren Grünberg. Dort erforscht der polnische Lehrer Andrzej Kirmiel mit Akribie und Enthusiasmus die jüdische Vergangenheit der Stadt. Schüler seines Gymnasiums haben alte Grabsteine gesichert, und zusammen mit Gleichgesinnten hat Kirmiel 2006 die Stiftung «Lubuska Fundacja Judaica» errichtet, um jüdische Spuren wieder sichtbar zu machen. Und wundersamerweise deutet sich auch wieder jüdisches Leben an: im März leitete der liberale Warschauer Rabbiner Burt Schumann für die wenigen Juden und Jüdinnen der Gegend den ersten Schabbatgottesdienst in Zielona Góra seit der Vertreibung der Grünberger Juden vor 75 Jahren. Die nächsten Synagogengemeinden der Grenzregion befinden sich in Frankfurt / Oder und in Stettin, und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Szczecin, Mikołaj Rozen, berichtete über das jüdische Leben, seine Probleme und Perspektiven dort.

Es blieb bei diesem Tagesseminar aber nicht bei der reinen Bestandaufnahme jüdischer Zeugnisse. Zur Sprache kamen auch die aktuellen Unterrichtsangebote in Jiddisch und jiddischer Literatur an der Frankfurter, und nach der Diskussion über mögliche gemeinsame Schul- und außerschulische Projekte wurde eine Vielzahl von Fragen laut: Wie beginnt man mit der Spurensuche? Was gibt es an Quellen und Literatur? Wie lassen sich die Ergebnisse vermitteln? Als Darstellungsformen lassen sich beispielsweise Ausstellungen und Publikationen, Reiseführer, Wanderrouten, Einzelveranstaltungen, Gedenktafeln oder Unterrichtseinheiten denken, und als mögliche Kooperationspartner kommen etwa Lehrer und Schüler, Deutsche und Polen, Wissenschaftler und Laien, ehemalige deutsche und heutige polnische Ortsbewohner in Frage – und allein schon dank dieser unterschiedlichen Ansprechpartner kann in künftigen Projekten noch detaillierter untersucht werden, welche Unterschiede es im Umgang mit den jüdischen Hinterlassenschaften dies- und jenseits der Oder gibt und was die Beweggründe dafür sind. Auch der sich verändernde Umgang mit dem Kulturerbe deutscher Juden im heutigen Westpolen gibt Auskunft über das Selbstverständnis in dieser Grenzregion. Am Beispiel von Schwedt lässt sich zeigen, dass die Spurensuche von Schülern als Verbindung von Unterricht und Freizeit auch einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus heute leisten kann; andernorts hat man über die Lokalgeschichte hinweg Brücken auch nach Israel gebaut, etwa in Form des Schüleraustauschs des Frankfurter Friedrichsgymnasiums. Kurzum, dieser Workshop auf Initiative der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Brandenburg e.V. unter der Leitung von Ruth Henning hat wertvolle Informationen und Anregungen vermittelt und kann Modell für weitere Veranstaltungen auch in anderen Regionen sein

Jüdische Zeitung, 17.06.2007

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