Für die Erhaltung des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau

Offener Brief an den Premierminister der Republik Polen

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Sie alle kennen die zentrale Bedeutung, die das Jüdische Historische Institut in Warschau seit Jahrzehnten für die Erforschung der Geschichte der polnischen Juden und des Holocaust besitzt. Viele von Ihnen haben selbst dort bereits geforscht und kennen daher die einmaligen Sammlungen und Archivbestände aus eigener Anschauung.

In den letzten Wochen hat sich jedoch eine Entwicklung angebahnt, die für das Jüdische Historische Institut in Warschau eine höchste ungewisse Zukunft erwarten lässt. Anlässlich einer zweifellos nötigen Reorganisation des seit Jahrzehnten unterfinanzierten Instituts soll ein integraler Teil dieser einmaligen Institution, namentlich der gesamte Forschungsbereich mitsamt seinen Mitarbeitern, abgewickelt werden, da sie in einem zukünftigen Kulturinstitut nicht mehr nötig wären.

Das wissenschaftliche Personal des Jüdischen Historischen Instituts möchte in dem in der Anlage befindlichen Offenen Brief an den Ministerpräsidenten der Republik Polen, Donald Tusk, auf diese Gefahr aufmerksam machen und erreichen, dass das Institut auf eine neue organisatorische Grundlage gestellt wird, die sein Überleben und seine herausragende Bedeutung für die zeithistorische Forschung sichern hilft.

Mittlerweile haben über 100 Personen in und außerhalb Polens den Brief unterzeichnet. Wenn auch Sie mithelfen möchten, den Fortbestand des Jüdischen Historischen Instituts in seiner jetzigen Form als wissenschaftliches Forschungsinstitut zu sichern, dann wären die Initiatoren des Offenen Briefes Ihnen außerordentlich dankbar, wenn auch Sie ihn unterzeichnen würden. Zu diesem Zwecke sind Sie gebeten, per E-Mail eine kurze Einverständniserklärung direkt an

Dr. Jürgen Hensel
jkjhensel@gmx.de

vom Jüdischen Historischen Institut zu senden.

Darüber hinaus sind Sie herzlich eingeladen, den Offenen Brief auch anderen Kolleginnen und Kollegen zugänglich zu machen, von denen Sie glauben, dass ihnen der Erhalt des Jüdischen Historischen Instituts am Herzen liegt.

Für Ihre Solidarität und Mithilfe sei Ihnen im Namen des wissenschaftlichen Personals des Jüdischen Historischen Instituts im Voraus herzlich gedankt!

Mit freundlichen Grüßen
i.A. Ingo Loose

Humboldt-Universität zu Berlin
Philosophische Fakultät I
Institut für Geschichtswissenschaften
Lehrstuhl für Zeitgeschichte
Dr. Ingo Loose
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: +49 30 2093-2208
Fax: +49 30 2093-2797

Offener Brief an den Vorsitzenden des Ministerrats der Republik Polen

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!

Das Jüdische Historische Institut in Warschau ist die letzte jüdische wissenschaftliche Institution in Polen. Es steht in der Tradition von Majer Bałaban und Emanuel Ringelblum, und in diesem Sinne pflegt es die Erinnerung an die polnischen Juden und vertieft das Wissen über sie. Es verwahrt reiche und weltweit einzigartige Sammlungen, Kunstwerke, alte Drucke und Archivalien. Darunter befindet sich auch das berühmte Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos, das so genannte Ringelblum-Archiv – eines der drei polnischen schriftlichen Zeugnisse, die ins UNESCO-Programm »Gedächtnis der Menschheit« (Memory of the World) aufgenommen wurden.
Die finanzielle Ausstattung des Instituts ist hingegen beklagenswert. Die einzige Möglichkeit, seine Lage zu verbessern, ist, ihm einen völlig neuen rechtlichen Status zu geben. Doch die Schwierigkeit besteht darin, dass die nach geltendem Recht anwendbaren Regelungen für die Tätigkeit von wissenschaftlichen Instituten und kulturellen Einrichtungen die sehr spezifische Komplexität des Jüdischen Historischen Instituts nicht erfassen. Sie schränken seine Entwicklungsmöglichkeiten ein und gefährden somit seine weitere Existenz.
Indes ist diese verdiente Institution, die vor 60 Jahren gegründet wurde und alle Fährnisse überdauert hat, welche die Wissenschaft in Polen seitdem zu bestehen hatte, für die Erinnerung an die polnischen Juden, die ein integraler Teil der polnischen Geschichte sind, unverzichtbar. Wie wir meinen, ist ihr weiteres ungefährdetes Bestehen allein durch ein eigens vom Sejm zu verabschiedendes »Gesetz über das Jüdische Historische Institut« gewährleistet. Dieses Gesetz würde es ermöglichen, das Institut nach modernen Gesichtspunkten einzurichten und damit Menschen und ihrer Kultur, die beide in Polen nicht mehr vorhanden sind, Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Wir bitten Sie, Sorge dafür tragen zu wollen, dass die Arbeiten an einem solchen Gesetz unverzüglich aufgenommen werden.

Wissenschaftliche Abteilung des
Jüdischen Historischen Instituts Warschau –
Wissenschaftliches Forschungsinstitut

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