Die Perle des Lebuser Landes

Eingebettet zwischen zwei eiszeitlichen Seen und dunklen Buchenwäldern liegt Lagow. In der Burg, die einst dem JohanniterOrden gehörte, gibt es ausgefallene Speisen, und man kann in historischen Räumen übernachten

Seit der Abschaffung der Grenzkontrollen ist es noch einfacher geworden, das Nachbarland Polen zu erkunden. Schon unmittelbar in der Grenzregion gibt es zahlreiche Ausflugsziele, die wir Ihnen in einer neuen Serie vorstellen wollen. Wir beginnen mit dem Erholungsort Lagow, 50 Kilometer östlich von Frankfurt(Oder). Viel Freude beim Entdecken!

Es dehnt der See in dunkelgrünem Glanze, / So weit das Auge blickt, sich wie ein Strom. / Gewunden zwischen sanften Hügelketten, / Die hie und dort nur steiler sich erheben, / Umsäumt von stolzen, dunklen Buchenwäldern"

Schon vor rund 100 Jahren schwärmte die damals viel geleseneDichterin Florentine Gebhardt von dem örtchen Lagów, das seinerzeit mit etwas mehr als 1100 Einwohnern die kleinste Stadt in Preußen war. Spätestens, wenn man den 35 Meter hohen Bergfried erklommen hat, wird man die Harmonie des Ortes auch heute noch so ähnlich empfinden. Wegen seiner idyllischen Lage zwischen dem Lagower und dem Tschetschsee (Jezioro Lagowskie und Jezioro Ciecz) wird der seit 1945 polnische Ort auch als "Perle der Wojewodschaft Lebuser Land" bezeichnet.

Um hierher zu gelangen, muss man sich freilich zuerst knappe 50 Kilometer auf der Autobahn von Frankfurt(Oder) in Richtung Osten bewegen. Dabei ist erhöhte Aufmerksamkeit angeraten, denn die Transitstrecke nach Warschau wird von vielen Lkw genutzt und verengt sich nach etwa zehn Kilometern auf zwei Spuren. Gegenseitige Rücksichtnahme wird zwar auch in der polnischen Straßenverkehrsordnung gefordert, so mancher Zeitgenosse setzt aber auf das Recht des Schnelleren.

Doch wenn man in dem Örtchen Pozrzadlo (früher Spiegelberg) das auch am Tage grell erleuchtete Einkaufscenter "Nevada" sieht, sind die Alltagssorgen schon fast zu Ende. An einer kleinen Kreuzung geht es links nach Lagów und man wird von der eiszeitlich geprägten Wald- und Seen-Landschaft empfangen. Schon nach wenigen Minuten erreicht man durch das "Märkische Tor" den historischen Ortskern. Hier sollte man spätestens unterhalb der Burg parken, denn das zweite Tor, das"Polnische" (Brama Polska) liegt nur 14 Häuser vom "Märkischen" entfernt.

Von 1347 bis ins 19. Jahrhundert gehörte die Burg dem Johanniterorden. Zeiten, an die auch die herrlich knarrende Holztreppe erinnert, die zum Burghof mit dem Restaurant "Zur Bastei" fährt. Hier erwarten altpolnische und andere gediegene Gerichte den Gast. Eine Kostprobe? Nach einer "Gemüsesuppe der Hofmeisterin" oder einer "Sauren Mehlsuppe des Kammerdieners" (je neun Zloty) kann man zwischen "Johanniter-Omelett" (22 Zloty), gekochter oder gebratener Forelle (15 Zloty) oder "Lenden-Medaillons in Rosmarin-Thymian-Soße" (36 Zloty) wählen. Zum Abschluss wäre ein kühler "Kelch des Mönches" (10 Zloty) zu empfehlen oder man wählt das Dessert mit dem romantischen Namen "Nachsinnen über das Schokoladen-Märchen" (15 Zloty).

"Unsere Burg ist ein beliebter Ort für Hochzeits- und andere Feiern, zu denen wir auch polnische oder Zigeunermusik arrangieren können", wirbt die charmante Hotelmitarbeiterin Anna Poswa, bevor sie die 14 historischen Räume präsentiert, vom "Komturzimmer" bis zur "Folterkammer", in denen man bei rechtzeitiger Vorbestellung übernachten kann.

Doch auch für den Besucher, der es nicht so opulent mag, gibt es zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten. Im Gästehaus "Zofia" von Wladyslaw Lukasiewicz sowie bei zahlreichen anderen Vermietern gibt es Doppelzimmer in der Regel ab 100 Zloty pro Nacht.

Besonders reizvoll und erholsam sind Besuche im Frühjahr und Herbst, weil man dann bei ausgedehnten Spaziergängen oder Radtouren die Natur genießen kann. Im Juli und August dagegen gleicht der kleine Ort eher einem Bienenschwarm, wobei das tiefe, klare Wasser der beiden Seen selbst bei größter Hitze Abkühlung und Erfrischung garantiert. An den Abenden herrscht in den zahlreichen kleinen Kneipen und Restaurants rings um den Lagower See fast mediterrane Stimmung.

Besonders international geht es in der letzten Juni-Woche zu. Seit 1969 wird das mittlerweile älteste Filmfestival Polens, der "Lebuser Filmsommer" veranstaltet. Lediglich in den Jahren 1982 und 1983, als in der Volksrepublik Polen Kriegszustand herrschte, konnte es nicht stattfinden. Waren in den Anfangsjahren ausschließlich polnische Produktionen zu sehen, so hat sich das Festival seit 1989 auf den jungen mittel- und osteuropäischen Dokumentar- und Spielfilm konzentriert. Von frühmorgens bis in die Nacht werden im schon etwas altersschwachen Kino "Switez", einem Hotel sowie auf der Freilichtbühne unterhalb der Burg neueste Produktionen gezeigt und diskutiert.

In diesem Jahr, in dem das Festival vom 22. bis 29. Juni steigen soll, hat Chef-Organisator Andrzej Kawala noch Finanzierungssorgen, hofft aber auf Sponsoren für die ambitionierte Veranstaltung. Weitere Termine, die man sich für einen Besuch vormerken könnte, sind die Johannes-Nacht am 21. Juni, das Rock, Blues- und Motorrad-Festival vom 4. bis 6. Juli, der Johanniter-Markt am 9. August oder das Erntefest am 7. September.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 03.05.2008