Ansprache des Stadtpräsidenten von Gorzów

Sehr geehrte Damen und Herren, gleich werden wir Zeugen eines jener Ereignisse, die in der Geschichte unserer Stadt eine Zäsur und den Anfang einer neuen Etappe in ihrer Entwicklung dar­stellen. Der 2. September, den wir für die feierliche Eröffnung des 750. Jubiläums der Stadt gewählt haben, ist im doppelten Sinne ein besonderer Tag. Von heute an begehen wir den 750. Jahrestag der Gründung der Stadt Landsberg, die ursprünglich den Namen Landisberch Nova trug; die Feier­lich­keiten werden das ganze künftige Jahr dauern und zum Anfang Juli 2007 ihren Höhepunkt erreichen. Heute wird auch zum ersten Mal die Friedensglocke läuten, die von der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg Warthe (Stadt und Land) gestiftet wurde und besonders im Kontext des gestrigen Jahrestages, des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, zu einem Symbol wird.

Auf diesem Platz stehen Menschen nebeneinander, die von der Geschichte auf verschiedene Weise geprüft wurden. Es sind Polen, darunter auch Pioniere der Stadt, die nach dem Trauma der deutschen Besatzungszeit immer noch genug Kraft finden konnten, um die polnische Geschichte der Stadt von Anfang an zu gestalten; es sind Deutsche – ehemalige Einwohner von Landsberg, die 1945, auf Grund der Grenzverschiebung das Drama der Umsiedlungen erlebten und unwiederbringlich ihre Heimat verloren; es sind auch Aussiedler aus den ehemaligen ostpolnischen Gebieten, die weit von zu Hause vor der Herausforderung standen, den neuen, fremden Raum zu erschließen; am zahl­reichsten sind aber jene Gorzower vertreten, die schon nach dem Krieg geboren wurden und mit den negativen Kriegserfahrungen nicht belastet sind, Menschen, für die vor allem die Zukunft zählt.

Ich bin mir bewusst, dass es für uns alle schwierig ist, eine gemeinsame Sprache zu finden, mit der wir über die Geschichte und ihre gemeinsame Interpretation sprechen könnten, da dies einer radikalen Revision unseres Urteils über die Vergangenheit bedürfen würde. Es wäre notwendig, diese objektiv zu betrachten, indem man in das eigene moralische System Erfahrungen der anderen Seite einschließt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste der deutsch-polnische Dialog eigentlich von Grund auf neu aufgenommen und durch nacheinander folgende Abkommen und Verträge gefestigt werden. Die wichtigsten waren das Abkommen von Görlitz vom Jahre 1950 und die Verträge über die Grundlagen der Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen von 1970, über die Bestätigung der bestehenden Grenzen von 1990 sowie der ein Jahr später unterzeichnete Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Die zwei letzten Verträge waren darüber hinaus wichtige Schritte auf dem Weg Polens zur Mitgliedschaft in der NATO und in der Europäischen Union, auf dem uns Deutschland konsequent unterstützte, was zum wichtigsten Element der deutsch-polnischen Zusammenarbeit wurde.

Solche Initiativen, wie die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, die Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“ oder die Stiftung Kreisau sind deutliche Zeichen der Annäherung beider Staaten und des Willens, den Dialog aufzunehmen.

Zweifellos hatten dafür auch folgende Ereignisse eine fundamentale Bedeutung: der durch die „Solidarność“ eingeleitete demokratische Durchbruch in Polen im Jahre 1989, der Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands – Ereignisse von historischem Ausmaß, die eine neue Etappe in der deutsch-polnischen Versöhnung und Verständigung eröffneten.

Wir erinnern uns auch an Ereignisse und Gesten, die zum Symbol geworden sind – den vor 41 Jahren vom Polnischen Episkopat an die deutschen Bischöfe gerichteten Brief mit den historischen Worten über das gemeinsame Vergeben, die historische Geste des Bundeskanzlers Willy Brandt, der während seines Besuches in Polen im Jahre 1970 vor dem Denkmal der Opfer des Warschauer Ghettos kniete, um den Ermordeten Ehre zu erweisen, den „Versöhnungsgottesdienst“ in Kreisau unter Teilnahme von Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl im Jahre 1989, der auch einen Kranz vor der Todeswand in Auschwitz niederlegte.

Dank all dieser Tatsachen konnte ein Meilenschritt im Streben nach der vollen deutsch-polnischen Versöhnung getan werden; es bedarf aber weiterer angestrengter Arbeit, damit wir – ohne das eigene Leiden und das Leiden unserer Nächsten, der Opfer von tragischen Verkettungen der Geschichte zu vergessen – einander begegnen können und den Versuch unternehmen, uns von der Last der Kriegs- und Nachkriegserlebnisse, Traumata und Vorurteile zu befreien. Wir sollen den Respekt für die historische Wahrheit fordern, aber gleichzeitig das Recht auf Vergebung und gemeinsame Akzeptanz anerkennen. Die Friedensglocke und unsere Anwesenheit hier, heute, sind ein weiterer Schritt in diese Richtung.

Dank des zuerst informellen, ab 1995 aber offiziellen deutsch-polnischen Dialogs, der auch im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen Gorzów und den ehemaligen Einwohnern von Landsberg geführt wurde, konnte man endlich über die deutsche Vergangenheit der Stadt offen sprechen und den von der Nachkriegspropaganda geprägten Begriff „Wiedergewonnene Gebiete“ Lügen strafen. Durch den neuen Blick auf die Geschichte der Region fühlten sich auch ihre Bewohner dazu ermutigt, die Tatsachen in einem breiteren, objektiven Kontext zu sehen.

Auch wenn die persönlichen Geschichten von Polen und Deutschen der Generation des Zweiten Weltkriegs für immer von der Erinnerung an den 1. und 17. September 1939, an den 30. Januar 1945 belastet werden, können wir doch versuchen, die gemeinsame Zukunft auf der europäischen Ebene im Namen der Verständigung und der gegenseitigen Anerkennung zu gestalten.

Das heutige Ereignis ist auch deswegen so wichtig, weil ihm nicht nur eine selbstverständliche politische Bedeutung zugeschrieben werden kann, sondern weil es auch vom gesellschaftlichen Kontext bestimmt wird. Der Frieden und die Versöhnung werden doch von uns verwirklicht, uns – den Mitgliedern konkreter Gesellschaften, der polnischen und der deutschen, der Gorzower und der Landsberger.

An dieser Stelle möchte ich mich an Sie wenden, unsere sehr verehrten Gäste, ehemalige Einwohner von Landsberg, die an der heutigen Eröffnung der Feierlichkeiten zum 750. Jubiläum der Stadt teil­nehmen. Dass diese Stadtfeier von der Einweihung der von der Bundesarbeitsgemeinschaft gestifteten Friedensglocke begleitet wird, verstehen wir, die Gorzower, als eine wichtige Geste, die zum guten Klima unserer gemeinsamen Projekte beiträgt. So sehen nämlich die „gemeinsamen Angelegenheiten“ aus, die uns allen, den Polen und den Deutschen helfen, das Gefühl der gemeinsamen Zugehörigkeit zum gleichen Ort zu entwickeln.

Eine erfolgreiche Suche nach der lokalen Identität, die von den einzelnen Generationen der Stadt­ein­wohner nach 1945 vorgenommen wurde, scheint unmöglich, ohne dass die kulturellen Wurzeln und die Vergangenheit berücksichtigt werden. Wir dürfen keine Angst vor der Feststellung haben, dass die 60-jährige Geschichte des polnischen Gorzów eine Ergänzung und ein Überbau zur fast sieben­hundert Jahre langen deutschen Vergangenheit bleibt. Erst ein schlüssiger und linearer Blick auf die Geschichte des Ortes, an dem wir leben (wir – die Gorzower), lassen eine volle Integration mit ihm zu, lassen uns die volle Verantwortung dafür übernehmen.

Es ist ja bekannt, dass die Anfänge der Stadt bis in das Jahr 1257 reichen, als am 2. Juli Albert de Luge die Gründungsurkunde von Landisberch Nova erhielt. Schon kurz danach wurde es zum wichtigen Kultur- und dank der Anwesenheit von Kaufleuten und Handwerkern, auch Handelszentrum der Region. Zu dieser Zeit wurde im gotischen Stil u.a. die heute uns allen als Kathedrale bekannte, prachtvolle Marienkirche gebaut, die damals als Pfarrkirche diente.

Die Stadt entwickelte sich und wuchs. Ihr Potential wurde auch dank des Flusses Warthe gefestigt, der bis zum 18. Jahrhundert eine bequeme Wasserstrasse war.

Dank des kulturellen Erbes können sich heute die Gorzower über die Architekturdenkmäler freuen. Die gotische Marienkirche, die von den Einwohnern als die Weiße bezeichnete Eintrachtkirche, der Speicher aus dem 18. Jahrhundert oder die Zinshäuser aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Stadtmitte sind nur einige Gebäude, die an die Landsberger Geschichte der Stadt erinnern.

Wenn man über die Vorkriegsgeschichte der Stadt spricht, muss man die Namen ihrer hervor­ragen­den Bürgern nennen, die im Landsberg des 19. Jahrhunderts lebten und arbeiteten, von denen viele prachtvolle Villen hinterließen, in denen heute Gorzower Einrichtungen ihren Sitz haben, u.a. Max Bahr, der den Anstoß zum Bau des Volksbades gab, Gustav Schröder, in dessen Villa heute das Lebuser Jan-Dekert-Museum seinen Sitz hat, Hermann Paucksch, der den Brunnen auf dem Alten Markt stiftete, der Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher, der hervorragende Sprach­wissen­schaftler Victor Klemperer, und nicht zuletzt Künstler: der Komponist Karl Teike oder der Maler Ernst Henseler.

Der Krieg und die von ihm gebrachten Zerstörungen, die Einverleibung der deutschen Ostgebiete in den polnischen Staat, die Ankunft von Ansiedlern und der Bevölkerungsaustausch, die Gründung der polnischen Verwaltung – das alles führte dazu, dass sich die Stadt – schon als Gorzów – eigentlich unter jedem Aspekt veränderte: sozialpolitisch, architektonisch, kulturell, mental und konfessionell. Aus verständlichen Gründen konnten sich die Polen, die Gorzów nach 1945 aufbauten, ohne zuvor damit verbunden zu sein, mit der Stadt nicht identifizieren. Von einer Fortsetzung der städtischen Kultur des alten Landsberg konnte keine Rede sein.

Auch wenn die 60 Jahre der polnischen Geschichte der Stadt im Vergleich mit den fast siebenhundert Jahren der deutschen Kultur und Zivilisation weniger prachtvoll erscheinen, so wurden in ihrem Verlauf Initiativen aufgenommen und realisiert, die uns als Gorzowern das Gefühl der Zufriedenheit verleihen.

Es änderte sich vor allem das Profil der Stadt, die zu einem Industriezentrum wurde. Das erste wichtige Objekt auf ihrer wirtschaftlichen Landkarte waren die Mechanischen Werke „Gorzow“. Dann entstanden weitere große Produktionsbetriebe: Stilon, Silwana, Zremb, Gomad, Stolbud, Przemyslowka und viele andere. Vor über 30 Jahren wurde Gorzów zur Hauptstadt der Gorzower Wojewodschaft, die mit der Verwaltungsreform in die Lebuser Wojewodschaft umgewandelt wurde.

Das Gorzów der Nachkriegszeit vergrößerte seine Fläche wesentlich, es entstanden neue Siedlungen, die Peripherien wurden erschlossen, was einen großen Einfluss auf die demographische Entwicklung der Stadt hatte. In den 60er Jahren zählte sie 50.000 Einwohner, diese Zahl verdoppelte sich in den zwei darauf folgenden Jahrzehnten. Im Jahre 1979 lebten in Gorzów 100.000 Menschen.

Das industrielle Gorzów der letzten Jahre ist ein Ort, der viele Investoren anzieht und einen hohen Platz in den nationalen Ranglisten der Städte nach Zahl und Attraktivität der Investitionen belegt.

In der Stadt gibt es auch eine Unterzone der Kostrzyń-Słubicer Sonderwirtschaftszone, die seit 1997 die Politik der Wirtschaftsförderung mitgestaltet und erfolgreich inländische und ausländische Investoren bedient, die neue Arbeitsplätze in der Industrie und im Dienstleistungsbereich schaffen. In der Zone arbeiten solche Firmen, wie Faurecia, Ekpols, GOMA, Styropex, Auto Galeria und Silwana.

Eine der größten und spektakulärsten städtischen Investitionen, nicht nur in der letzen Dekade, sondern in der ganzen Geschichte, war der Bau des in Polen modernsten Sport- und Reha­bili­tations­zentrums „Słowianka“, das den Einwohnern und den Gästen viele Attraktionen bietet, darunter zwei Schwimmhallen, eine Kegelbahn, einen Fitnesssalon und im Winter eine Schlittschuhbahn.

Die Entwicklung von Gorzow wurde auch vom Ausbau der Verkehrswege geprägt. Sechs Jahre nach dem Kriegsende wurde die völlig zerstörte Gerloff-Brücke wiederaufgebaut und in Betrieb genommen, seit sieben Jahren nutzen wir auch die neue Lebuser Brücke und wenn der Bau der westlichen Umgehungsstrasse abgeschlossen sein wird, werden die beiden Wartheufer mit einer dritten Brücke verbunden.

Die Architektur der Stadt besteht auch aus sakralen Gebäuden. Neben den alten Gotteshäusern Landsbergs wurden in den vergangenen 60 Jahren neue katholische Kirchen errichtet.

Das Netz der Schuleinrichtungen aller Ebenen wurde erweitert. Zu unseren besonderen Erfolgen gehört der Ausbau des Hochschulwesens, auch des nicht staatlichen – die heutigen Absolventen von Oberschulen nehmen das Angebot solcher lokaler Hochschulen wie der Staatlichen Berufs­hoch­schule, der Hochschule für Betriebswirtschaftslehre oder der Berufshochschule für Informatik in Anspruch. Seit 35 Jahren erfreut sich die Filiale der Posener Akademie für Körperkultur einer großen Popularität, immer öfter werden auch die Filialen anderer Stettiner und Posener Hochschulen gewählt.

Das heute über 130.000 Einwohner zählende Gorzów wird weiter ausgebaut und versucht den Erwartungen seiner Bürger gerecht zu werden. Es begibt sich mutig auf die Suche nach seiner Identität, um für die weiteren Generationen ein wichtiger Standort zu bleiben.

Wenn ich jetzt über unsere Stadt spreche, würde ich es gern vermeiden, ihre deutsche und polnische Geschichte auseinander zu halten. Die Vergangenheit kann aber nicht mehr geändert werden, sie kann nicht mehr vermieden werden, das ist die Eigenschaft der Zeit, die stets nach vorne eilt. Das erste Glockengeläut, das wir gleich hören werden, soll daher die stürmische Vergangenheit abschließen, um ein Symbol des Friedens für die ehemaligen, die heutigen und die künftigen Bewohner der Stadt zu werden. Ich wünsche allen Gorzowern, dass sie der Geist dieses Augenblicks bei allen Veranstaltungen zum Stadtjubiläum begleitet, das wir heute feierlich eröffnen.

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