Ansprache der Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg

„Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute“ – das waren zwei Zeilen, die uns Schülerinnen und Schüler meiner Generation mit Freude und Genugtuung erfüllten. Höchst jugend­lich, denn wir freuten uns einfach, an das Ende dieses sehr langen Gedichts gelangt zu sein, in dem Friedrich von Schiller die Beschreibung eines Glockengusses mit den Entwicklungsstufen eines menschlichen Lebens eng verbindet.

Natürlich denkt man als alt gewordener Mensch weiter. Die Kombination von Freude und Friede am Ende eines langen Gedichts, das viel Nachdenkenswertes enthält, sind als Höhepunkte des Menschenlebens genannt. Und so frage ich mich, hoffentlich nicht allein in diesem Kreis – sind Freude und Frieden Höhepunkte des menschlichen Lebens? Lebst Du im Frieden, einem dauerhaften Frieden? Und empfindest du heute Freude, welche Art von Freude, und ist Freude überhaupt ein erstrebenswertes Lebensziel? Ja, sie ist es! Nicht im Sinne von Spaß, Vergnügen, sondern im Sinne von Befriedigung darüber, auf gutem Wege zu einem erstrebten Ziel zu sein, einem erstrebten Ziel nahe zu sein. Und so ist es eine große Freude, heute hier zu stehen und mit ihnen sprechen zu können an einem wichtigen Punkt gemeinsamer Bemühungen um ein friedliches Miteinander.

Wir – und jetzt muss ich aus dem persönlichen Empfinden herauskommen – wir Deutschen und Polen haben als Teil unserer Völker eine lange gemeinsame Geschichte. Sie war geprägt von Rivalitäten, Besitz- und Machtstreben, Versuchen zu Frieden, fleißiger Arbeit, Missverständnissen, Kriegen, Hass und Not. Versuchen zum Miteinander und ihr Scheitern, Verlust und Neubeginn. Insgesamt war es eine häufig schwierige, unerfreuliche Vergangenheit. Sicher hat es aber auch immer Versuche zu einem friedlichen Mit- und Nebeneinander gegeben.

Wir haben hier in Landsberg/ Gorzów und in den Gemeinden des Kreises versucht, zu einem solchen friedlichen Miteinander zu kommen. Die Ausgangsposition war schwierig, der Zweite Weltkrieg mit all seinem Grauen und all seinen Folgen schien ein nahezu unüberwindliches Hindernis. Wir, die Generation auf polnischer und deutscher Seite, die hier die Monate um das Kriegende erlebte, waren mit unseren eigenen Problemen beschäftigt. Wir Deutschen waren entwurzelt, geflohen, vertrieben, umgesiedelt in ein Gebiet, in dem wir eigentlich nicht leben wollten. Und auch die neuen polnischen Bewohner dieser Gegend kamen aus anderen Teilen dieses Landes, hatten schwere Verluste erlitten und kamen ebenfalls in eine Umgebung, in der sie nie hatten leben wollen, die ihnen zunächst fremd, auf keinen Fall Heimat war.

Heimweh, Neugier, trieb die ersten deutschen Besucher nach einigen Jahren vorsichtig hierher. Es fanden Begegnungen statt, bildeten sich persönliche Freundschaften. Man konnte helfen, es bildeten sich Kristallisationspunkte der Freundschaft. Politisch wurde unsere Beziehung, als es sich nicht mehr ausschließlich um private Freundschaften handelte. Unsere Organisation der ehemaligen Bewohner, die Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg (Warthe) trat zunächst in Person ihres Vorsitzenden Hans Beske hier in Erscheinung, nicht als Fordernder sondern als Verständigung Suchender. Ich denke, dass schon dieser Anfang mit der persönlichen Freundschaft zwischen der Familie Beske und Bischof Pluta etwas Besonderes war. Und was daraus geworden ist an offiziellen Kontakten, an gemeinsamen Projekten und Planungen – ich nenne als größtes gemeinsames Projekt die Wiedererrichtung des Pauckschbrunnens – ist wahrhaft großartig. Hier ist sie, die Freude darüber, dass man miteinander arbeiten kann. Dafür soll hier allen gedankt werden, den Menschen der kleinen Schritte und denjenigen, die große Teile ihres Lebens investieren für das Miteinander, dies auf beiden Seiten.

Dieser sehr kurze Rückblick in unsere schwere, nun aber schon seit Jahren freundschaftliche gemeinsame Vergangenheit zeichnet einen Grund zur Freude. Denn wir stehen hier nicht mehr im Namen der Vergangenheit, sondern im Namen einer friedlichen gemeinsamen Zukunft.

Der Friede in der Welt scheint in den letzten Wochen unsicherer als in den Jahren zuvor. Die Menschen aber wollen Frieden und so scheint es mir ein sinnvoller Versuch, kleine Zellen des Friedens zu bilden, wie wir es hier versuchen, wie ich glaube, mit Erfolg. Von solchen Zellen aus könnte sich der Frieden verbreiten. Ich denke, so ähnlich könnte es auch Schiller gedacht haben, denn das Wort „Freude“ bezieht er ausdrücklich auf „diese Stadt“ , „Friede“ aber ist ohne Ortsangabe gesagt, bezieht sich sicher auf die Menschen in ihrem Miteinander, aber reicht weit über dieses enge Umfeld hinaus.

Ich würde gern Schillers Frieden und Freude noch ein Wort hinzufügen, das Wort „Liebe“ als Quelle von Frieden und Freude. Lassen Sie mich, auf unsere Stadt und den Kreis bezogen, erklären: Wir, die ehemaligen Bewohner lieben diese Stadt, weil in ihr unsere Vergangenheit liegt, eine geliebte, sicher in der Erinnerung verklärte Kindheit und Jugend. Wir suchen ihre Spuren und finden sie noch in der Stadt und ihrem Umfeld. Wir finden aber auch mehr: Neues Leben, Fortschritte, Entwicklungen, Bemühungen um die Gestaltung dieser Stadt. Und diese Tatsache, dass die alte, lebendige, fortschrittliche Stadt Landsberg genau dies geblieben ist, eine von ihren Bewohnern geliebte, lebendige, fortschrittliche Stadt Gorzów, macht es auch uns möglich, sie weiterhin zu lieben. Dass wir dies hier zeigen dürfen, ist ein Grund zur Freude und dafür danken wir Ihnen.

Aus diesen Gründen heraus hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg (Warthe) der Stadt Gorzów und ihren Menschen zum Auftakt der 750-Jahr-Feier unserer gemeinsamen Heimat diese Glocke geschenkt. Sie soll Zeichen einer 750-jährigen Geschichte und unserer Liebe zu dieser Stadt sein und ein Zeichen des Friedens, der hier eine Zelle haben soll, von der aus er sich über diese Welt verbreiten kann. Zu einer solchen Zelle ist jeder Platz auf der Welt geeignet.

Wir demonstrieren hier das Wollen von beiden Seiten, deshalb steht auf der Glocke das Wort „Friede“ in polnischer, lateinischer und deutscher Sprache. Um etwas zu bewegen, braucht es vieler Gedanken, Herzen und Hände. Wir haben hier gemeinsam Großes getan, behaupte ich mit Stolz. Möge diese Stadt sich weiterentwickeln und in Frieden blühen, ihren früheren und heutigen Bewohnern zur Freude. Ich danke Ihnen.

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