Aktivitäten zur Stärkung demokratischer Alltagskultur

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus steht im Zentrum unseres Interesses. Im Rahmen verschiedener Projekte befassen wir uns aber auch immer wieder mit dem Gesamtkomplex der Geschichte von Zuwanderung und der Anwesenheit verschiedener kultureller Minderheiten in Vergangenheit und Gegenwart. Wir leisten vor allem Jugendarbeit, beziehen die Schulen ein und versuchen öffentliches Interesse zu wecken.

In der Nacht vom 24. auf den 25. November 1990 wurde der Angolaner Amadeu Antonio von einem rassistischen Mob junger Eberswalder so schwer verletzt, dass er zwei Wochen später am 6. Dezember verstarb. Seit Mitte der 1990er Jahre ist der Ort des Verbrechens an der Hauptstraße zum Stadtteil Finow mit einer Tafel gekennzeichnet. Jährlich versammelt sich dort eine kleine Gruppe zum Gedenken. Am 6. Dezember 2006 wurde mit der „open space“-Veranstaltung Light me Amadeu ein offener Prozess in Gang gebracht, der viele Bürger/innen, jung und alt, aktiviert, über Vorurteile und Ausgrenzungen nachzudenken, miteinander zu reden und gemeinsam zu handeln. Am 21. September 2007 gab es das nächste Treffen und am 22. September setzte das Konzert Rock me Amadeu ein Zeichen für Vielfalt und gegen die sich für den Kommunalwahlkampf formierenden Rechtsextremen, die sich über die Verbreitung rassistischer und antisemitischer Aussagen hinaus verschiedenster subkultureller Codes bedienen. (Siehe auch: www.amadeu-antonio.de)

Wir zeigten die Ausstellung „Das hat´s bei uns nicht gegeben“ – Antisemitismus in der DDR der Amadeu Antonio Stiftung in Eberswalde, an der wir auch mit Schüler_innen einer 10. Klasse beteiligt waren. Vier Schüler_innen recherchierten Artikel der lokalen Presse aus den 1960er, 1970er und 1980er Jahren. Darüber hinaus eigneten sie sich das nötige Wissen an, um diese Artikel hinsichtlich ihrer antisemitischen Bestandteile bewerten zu können. Als Ergebnis erstellten sie eine Facharbeit, die dann Inhalt ihrer Prüfung im Fach Geschichte war.

Wir beschäftigten uns mit den Spuren jüdischer Geschichte in unserer Stadt und führten einen Stadtrundgang durch. Zuerst besuchten wir die Maria Magdalenen Kirche, in der es eine mittelalterliche Abbildung einer „Judensau“* gibt, dann die zwei jüdischen Friedhöfe und die Gedenktafel am Ort der früheren Synagoge. Bei der Erforschung ehemaligen jüdischen Lebens in Eberswalde kam uns ein motivierender Zufall zu Hilfe. Für Ellen Behring, die nun mit viel Energie Eberswalder/innen für die Arbeit an einem Gedenkbuch für die jüdischen Bewohner der Stadt zusammenbringt, war es die Begegnung mit Lilli Kirsch. Einer über 80jährigen jüdischen Eberswalderin, die 1938 mit ihren Eltern nach Australien floh und heute mit ihrem Mann, der aus Polen stammt und seine gesamte Familie im Holocaust verlor, in Kanada lebt. Lilli Kirsch war auf der Suche nach ihrem ehemaligen Wohnhaus, das heute nicht mehr steht und klingelte aus Versehen an Ellen Behrings Tür. Die beiden brachte also ein Irrtum zusammen. Ellen Behring fing an, für Lilli Kirsch einerseits alte Stadtansichten zu sammeln und andererseits das heutige Eberswalde zu fotografieren. Dann ermittelte sie das Schicksal der Familie Löwenthal, Lilli Kirschs Familie und fand in Israel und in Australien zwei jüdische Schulfreundinnen für Frau Kirsch wieder. Auf diese Weise entstand die Arbeit zu einem Gedenkbuch an die jüdischen Bürger Eberswaldes.

Ein Besuch in Eberswalde lohnt sich. Mit dem Neubau des Kreis-Verwaltungszentrums, dem Paul Wunderlich Haus, ist eine große städtebauliche Lücke geschlossen worden und die Innenstadt hat dadurch eine Aufwertung erfahren. Rund um den Gebäudekomplex lassen sich Orte ehemaligen jüdischen Lebens festmachen, die auch nach und nach gekennzeichnet werden. Die bereits erwähnte Maria Magdalenen Kirche ist einen Steinwurf weit entfernt und um die Ecke befindet sich derzeit eine Tafel mit dem Hinweis auf den Ort, an dem die neue und große Synagoge der Juden von Eberswalde stand. Auf Initiative von Joseph Keil ist eine Bürgerinitiative 9. November entstanden, die die vorhandene Bebauung des Grundstücks, auf dem die Synagoge stand, bis zum 9. November 2008 beseitigen will, um die baulichen Reste der Synagoge freilegen zu können. Dann soll der Ort zur Gedenkstätte werden. Das Projekt hat vielleicht keine schlechten Aussichten, denn Joseph Keil ist Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Barnim. Es wird begleitet von Schüler_innenprojekten zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938, und einer Lehrer_innenfortbildung zum Thema.

Fährt man aus der Innenstadt heraus, kann man das Ensemble der Messingwerksiedlung besuchen. Überragt wird dieses Werk vom Finower Wasserturm, ein frühes Beispiel des Backsteinexpressionismus aus gelbem Ziegelmauerwerk in Deutschland. Die Siedlung ist über drei Jahrhunderte gewachsen. Man findet Wohnbebauung ab dem Jahr 1729. Die Geschichte der Siedlung ist eng mit der jüdischen Familie Hirsch verbunden. Einige Informationen findet man auf der Seite www.wasserturm-finow.de. Dort kann man auch Bilder von einer Sukka (Laubhütte) am alten Hüttenamt sehen. Mit der Geschichte des Messingwerks beschäftigt sich der Lokalhistoriker Arno Kuchenbecker.

Mit Hilfe des Bundesprogramms "Jugend für Vielfalt Toleranz und Demokratie - gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus" soll im Landkreis Barnim durch einen lokalen Aktionsplan umfassend und in Kooperation mit den unterschiedlichsten Akteuren ein tolerantes und demokratisches Zusammenleben gestaltet und der Einfluss rechtsextremer Gruppierungen zurückgedrängt werden. Seit Herbst 2007 versuchen wir mit Einzelprojekten die demokratische Alltagskultur im Landkreis zu stärken und Kräfte, die sich in besonderer Weise um Toleranz und Demokratie bemühen, zu unterstützen. Dabei betrachten wir die Integration von Migrant_innen als Prüfstein für die Fähigkeit, ein friedliches, auf allgemeine Chancengleichheit gegründetes Zusammenleben in einer vielfältigen, offenen Gesellschaft zu schaffen.

 

Aktivitäten 2007 / 2008

21. September 2007: open space-Veranstaltung „Light me Amadeu“

22. September 2007: Konzert „Rock me Amadeu” im Park am Weidendamm

22. September 2007: 5. Internationales Kinder- und Jugendfest im Familiengarten Eberswalde

seit Sommer 2007: Antragsbearbeitung Lokaler Aktionsplan Barnim (LAP), Recherche

ab Herbst 2007: Beratung der Einzelprojekte und Koordinierung: 1. Ausbau und Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements zur Stärkung demokratischer Alltagskultur im Landkreis Barnim, 2. Förderung der Integration von MigrantInnen durch Entwicklung von Selbsthilfestrukturen und Vermittlung von Kompetenzen, 3. politische Bildung zur Förderung von Demokratie und zur Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte (interkulturelles Lernen, Menschenrechtserziehung), 4. Analyse des ländlichen Raumes, Beratung und Entwicklung von Gegenstrategien

6. Dezember 2007: 17. Todestag von Antonio Amadeu

2007 / 2008: Schüler_innenprojekte zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938, Lehrer_innenfortbildung im November 2007

2007 / 2008: Begleitung von Aktivitäten, die sich aus „Light me Amadeu“ entwickeln

2008: Umsetzung und Fortschreibung des Lokalen Aktionsplans Barnim (LAP)

2008: Mitarbeit am Gedenkbuch für die (ehemaligen) jüdischen Bürger Eberswaldes

2008: Jugendliche aus der Uckermark, 1996 und 2008, Fotoprojekt von Angela Fensch, Porträts von Jugendlichen vor dem Hintergrund erlebter gesellschaftlicher Wirklichkeit


* siehe wikipedia „Judensau“ http://de.wikipedia.org/wiki/Judensau

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