Im „Exil“ in Eberswalde

Eberswalde liegt weniger als einhundert Kilometer nordöstlich von Berlin und weniger als fünfzig Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, also schon im deutsch-polnischen Grenzgebiet. Jedoch ist die Lage der Stadt für einen Grenzgänger nicht besonders günstig – keine Oderbrücke in der Nähe, kein städtisches Zentrum auf dem östlichen Ufer des Flusses, nur ein paar Dörfer, Oderwiesen und Überschwemmungsgebiete. Es ist nicht einfach, Kontakte zum nächsten Nachbarn zu knüpfen. Und doch war am 14. Mai d.J. in Eberswalde die polnische Sprache zu hören. Der Jugendverein „Exil“ organisierte zusammen mit Jugendlichen aus dem polnischen Gryfino (ehemals Greifenhagen) ein gemeinsames Theatertreffen. Beide Gruppen spielten in der eigenen Sprache dasselbe Stück. Zu einem anderen Termin kommt die Vorstellung nach Gryfino.

Dieses Projekt wurde Anlass für eine andere Veranstaltung – die Eröffnung einer zweisprachigen Ausstellung, die bereits seit fünf Jahren durch das deutsch-polnische Grenzgebiet wandert. Sie heißt „I wtedy nas wywieźli – Und dann mussten wir raus“ und erzählt von Vertreibungen der Polen und Deutschen in den Jahren 1939 bis 1949. Man kann sie als einen wichtigen Beitrag zu der emotionsbeladenen Debatte um das Zentrum gegen Vertreibungen auffassen, denn sie hebt kein spezifisch nationales Leid hervor, sondern befasst sich mit menschlichen Schicksalen beider Nationen, ohne sie gegenseitig aufzurechnen.

Gerade deswegen holten Kai Jahns und Mario Wenzel vom Jugendverein „Exil“ diese Ausstellung nach Eberswalde. Denn die Geschichte der Vertreibung, Neuansiedlung und einer neuen Heimat in der Fremde ist in dieser Stadt bis heute präsent. Das veranschaulicht die Broschüre „Fremde Heimat Eberswalde. Zuwanderungen in Vergangenheit und Zukunft“, die als Begleitpublikation zu einer gleichnamigen Ausstellung in diesem Jahr erschienen ist. „Exil“ hat dabei mitgewirkt.

In der Stadt, die über 45.000 Einwohner zählt, leben heute rund 600 Ausländer aus mehr als 60 Ländern (im ganzen Landkreis Barnim sind es insgesamt 4.000). Betrachtet man aber die Herkunft vieler alteingesessener Eberswalder, so erfährt man mehr über die lange Zuwanderungsgeschichte dieser Stadt. Sie begann im 16. Jahrhundert mit der Ankunft der Hugenotten, später kamen Einwanderer aus der Schweiz und Juden. Im 18. Jahrhundert, während der Binnenkolonisation des Landes, siedelten sich dort fremde Handwerker u.a. aus Ruhla und der Pfalz an. Nach 1945 war Eberswalde eine Sammelstelle für Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten. Bis zur Wende lebten hier jeweils für zwei bis drei Jahre ca. 15.000 Sowjetbürger: Armeeangehörige mit ihren Familien. Seit 1992 nahm Kreis Barnim mehr als 2.000 Spätaussiedler auf. Und nicht zuletzt: In den Sechzigerjahren kamen Vertragsarbeiter aus „sozialistischen Brüderländern“, darunter nicht wenige Polen. Heute sind sie in der Stadt kaum zu erkennen und ihre Enkelkinder sprechen kein Polnisch mehr.

Ein anderes Kapitel der Stadtgeschichte bilden die Jahre 1939 bis 1945. In Eberswalde gab es damals unzählige Zwangsarbeiter und einige Hundert KZ-Häftlinge. Mit deren Schicksalen befasst sich „Exil“ in besonderem Maße. Denn der Jugendverein ist in zwei alten Baracken untergekommen, die abseits der Stadt in einem ehemaligen Gewerbegebiet stehen und Überreste eines Außenlagers des KZ Ravensbrück sind. In einer der zwei Baracken haben die Jugendlichen eine Disco eingerichtet, woraufhin der Verein für einen „falschen Umgang mit dem historischen Ort“ gescholten wurde. Dabei versucht dort niemand, die historischen Tatsachen zu verbergen oder sie zu verdrängen. Im Gegenteil: Gleich am Eingang zum Gelände hängt an der Wand eine Gedenktafel, die an das Lager erinnert. Und die zweite Baracke, in der zur Zeit die Ausstellung „Und dann mussten wir raus“ zu sehen ist und in der bereits andere Dokumentationen zur Geschichte des Nationalsozialismus gezeigt worden sind, soll in Zukunft eine Geschichtswerkstatt und eine Dauerausstellung zur Geschichte des Lagers beherbergen. Geplant sind auch Begegnungen mit ehemaligen Häftlingen, von denen viele aus Polen kommen.

Der ganze stadtgeschichtliche Komplex stellt eine Herausforderung dar, zugleich ist es auch eine Chance, sich den Erfahrungen der „Fremden“ zu öffnen, sich auf sie einzulassen, um neue Inhalte für die Gegenwart zu gewinnen. Dessen sind sich die Leute vom Jugendverein „Exil“ völlig bewusst. Sie suchen Zugänge zu den polnischen Nachbarn, die für sie eine Bereicherung sein können. Die geographische Nähe und der historische Kontext sind da.

SŁOWO / DAS WORT 63/2004

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