Juden in Frankfurt (Oder)

Mandel, Werner: Das Bild der Juden im Antichristfenster der St. Marienkirche zu Frankfurt (Oder)
1. Allgemeines zum Judenhass

Die Feindschaft gegen Juden entwickelte sich schon in der Antike. Vielfach kam es zu Ausschreitungen gegenüber Juden, zu Pogromen. Juden wurden oft als Sündenböcke abgestempelt.

Der Judenhass gipfelte jedoch in der systematischen Ausrottung von sechs Millionen europäischer Juden durch das nationalsozialistische Deutschland, im Genozid am jüdischen Volk. Wir sprechen von „Holocaust“ und „Shoah“. Die gesamte jüdische Rasse sollte ausgerottet werden. (1)

Wie war das in Frankfurt an der Oder, im Mittelalter, in der Neuzeit, in der Zeit des Nationalsozialismus und was passiert heute in Frankfurt (Oder)? Gibt es heute Juden in Frankfurt an der Oder? Wie gedenken wir in unserer Stadt der jüdischen Bürger, die durch Antisemitismus und Holocaust vertrieben und getötet worden sind? Sehr vieles wurde schon zu diesem Thema geschrieben. Das nun folgende möchte lediglich Themen und Schwerpunkte im Zusammenhang mit Frankfurt (Oder) verständlich machen.

2. Antisemitismus durch die Jahrhunderte

Die christliche Judenfeindschaft ist ein Begleitphänomen christlichen Glaubens, christlicher Kultur und Praxis, das mehr oder minder seit der Spätantike präsent war und zu je verschiedenen Ausprägungen geführt hat. (2)

2.1. Thesen zur christlichen Judenfeindschaft (3)

In der Antike war es der Glaube der Juden an einen einzigen Gott, der es ihnen untersagte, den römischen Kaiser als Gott zu verehren. Deshalb wurden sie verfolgt. Dann entwickelte sich ein theologisch geprägter Antijudaismus. Er geht zurück bis zur Kritik Jesu an der Veräußerlichung jüdischer Gesetzmäßigkeit, seiner Kritik an den Pharisäern. Im Mittelalter wurde den Juden die Schuld an der Kreuzigung Jesu gegeben. (4) Es entwickelte sich ein vulgärer Judenhass. Die Juden zählten zu den sozial Verachteten und mussten oft in Ghettos wohnen. Sie wurden zu Sündenböcken gemacht, wenn es darum ging, Schuldige für Pestepidemien, Naturkatastrophen und andere Unglücksfälle zu suchen. Die rechtliche Gleichstellung der Juden, die seit dem Zeitalter der Aufklärung immer wieder gefordert und im 19. Jahrhundert verwirklicht wurde, rief jedoch im 19. und 20. Jahrhundert als Gegenbewegung einen neuen, besonders rassisch begründeten Antisemitismus hervor.

2.2. Systematische Ausrottung der Juden durch den Nationalsozialismus

Dieser Rassenantisemitismus und Judenhass wurde von der nationalsozialistischen Ideologie instrumentalisiert und dazu benutzt, die Juden total auszurotten. Er führte im nationalsozialistischen Deutschland zur Ausbürgerung der deutschen Juden durch die Nürnberger Rassengesetze (1935), zu den Ausschreitungen der Reichspogromnacht (1938) und schließlich zur planmäßigen Ermordung und fabrikmäßig durchgeführten Ausrottung von Millionen Juden in den Konzentrationslagern. (5) Mit den Nürnbergern Rassengesetzen erhielt die nationalsozialistische Ideologie eine juristische Grundlage. Das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbot Eheschließungen und außereheliche Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. Den Juden wurde die deutsche Staatsbürgerschaft abgesprochen.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in ganz Deutschland Hunderte Synagogen zerstört, Juden wurden angegriffen und totgeschlagen. Auslöser war eine Rede von Nazi-Propagandachef Joseph Goebbels.

Nach der Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden vom 1. September 1941, § 1 und 2 wurde es allen Juden, die das sechste Lebensjahr vollendet hatten verboten, sich in der Öffentlichkeit ohne einen Judenstern zu zeigen. (6) Sie durften den Bereich ihrer Wohngemeinde nicht ohne schriftliche Erlaubnis der Ortspolizeibehörde verlassen. Orden, Ehrenzeichen und sonstige Abzeichen durften sie nicht tragen. (7) Gelang es den Juden nicht rechtzeitig in das nicht von Hitler besetzte Ausland zu fliehen oder sich irgendwo zu verstecken, wurden sie systematisch in die Konzentrationslager abtransportiert und dort gezielt umgebracht. Es war der „Holocaust“ (griechisch: „Ganzopfer“, „Brandopfer“) und die „Shoah“ (hebräisch „Verwüstung“, „Katastrophe“). Die gesamte jüdische Rasse sollte ausgerottet werden. (8) Am Vermögen der Juden bereicherten sich viele NSDAP-Mitglieder, aber auch etliche einfache Bürger.

3. Juden in Frankfurt an der Oder

Dabei ist die Geschichte der Juden in Frankfurt an der Oder vielschichtig und differenziert zu betrachten.

3.1. Im Mittelalter bis 1933

Schon Ende des 13. Jahrhunderts gab es in der jungen Stadt Frankfurt eine große jüdische Gemeinde. (9) Doch während es in anderen Teilen der Mark Ausschreitungen gegen Juden gab, scheint es in Frankfurt lange ein störungsfreies Zusammenleben der christlichen und jüdischen Einwohner gegeben zu haben. Sie hatten Anteil an der schnellen Entwicklung Frankfurts zur Hansestadt. (10) Diese positive Stellung der Frankfurter Juden bleibt dokumentiert in den Darstellungen des Antichristfensters der St. Marienkirche. Auf den sechs Scheiben des Fensters finden wir 19mal Juden mit ihren gelben Hüten dargestellt. Nur drei von ihnen tragen entgegen der damals herrschenden öffentlichen Meinung das „T“, das Zeichen des Antichristen, der als Inkarnation des Bösen, als Anti- oder Pseudomessias galt. Frühe Kirchenlehrer schrieben ihm eine jüdische Herkunft zu. (11) Ebenso zeugt es von gutem Einvernehmen zwischen den Kaufleuten der Stadt und den jüdischen Bürgern, dass die jüdische Gemeinde von der einflussreichen Kaufmannsfamilie Hokemann ein Grundstück erhielt, welches sie als Begräbnisstätte nutzten. (12)

Als eine der ersten deutschen Universitäten öffnete die Viadrina jüdischen Studenten ihre Pforten. Am 1. Juni 1678 wurden die ersten beiden jüdischen Studenten immatrikuliert, denen bis zur Aufhebung der Viadrina noch mindestens 142 weitere folgten. Sie studierten hier überwiegend an der medizinischen Fakultät. 1721 erfolgte die erste Promotion eines Juden an der Viadrina. (13)

Wichtig waren die jüdischen Druckereien. Hier in Frankfurt an der Oder entstand 1697 erstmals in Deutschland der vollständige Druck des babylonischen Talmud. Die Drucke fanden als wichtige Handelswaren der Frankfurter Messen weite Verbreitung in Polen. Nach Frankfurt kamen viele ostjüdische Händler, aber auch Rabbiner, die zu Meßgerichten zusammentraten und sich oft mit allgemeinen jüdischen Angelegenheiten befassten. Frankfurt wurde zu einem jüdischen Kommunikationszentrum. (14) Die jüdische Gemeinde vergrößerte sich stetig. 1823 konnte eine neue Synagoge eingeweiht werden. Bald gab es zwei jüdische Gemeinden in der Stadt.

Am 13. Mai 1838 konnte der auf Vorschlag von Professor Spieker mit dem Ehrendoktorat der Universität Leipzig ausgezeichnete Frankfurter Rabbiner Samuel Holdheim in der Rosenstraße 36 ein jüdisches Hospital und Krankenhaus eröffnen. (15)

Nach der Gleichstellung durch die preußische Verfassung 1850 belebte sich die jüdische Gemeinde weiter. Sie wurde 1853 vom preußischen Staatsministerium als öffentlich-rechtliche Synagogengemeinde zugelassen. 1894 wurde der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur“ gegründet. (16)

Selbst als der Antisemitismus während des ersten Weltkrieges und in der Weimarer Republik wieder aufflammte, wird berichtet, dass in Frankfurt judenfeindliche Aktionen nicht vorkamen. (17) Etliche Juden zogen in dieser Zeit aus den polnisch gewordenen Gebieten nach Frankfurt, weil sie „für das Deutschtum votierten.“ (18)

3.2. 1933 bis 1943

In der Zeit des Nationalsozialismus änderten sich diese Verhältnisse in der Stadt grundlegend.

Schon seit Ende Dezember 1927 gab es in Frankfurt eine Ortsgruppe der NSDAP. 1929 kam sie bereits auf 2.453 Stimmen und zog mit 3 Abgeordneten in die Stadtverordnetenversammlung ein. Ständig stieg ihr Anteil, bis sie bei der Landtagswahl 1932 erstmals 49,8 Prozent der Stimmen erhielt. Diese Entwicklung war begleitet von Terror gegenüber den demokratischen Kräften. Wolfgang Wüstefeld berichtet von durch die Stadt ziehenden Gruppen, die sangen: „Einst war’n wir Kommunisten, Stahlhelm und SPD, jetzt Nationalsozialisten, Kämpfer der NSDAP.“ (19)

Seit dem 25. April 1934 gab es keine Stadtverordnetenversammlung mehr. Die neuen Ratsherren wurden nicht mehr gewählt, sondern vom Regierungspräsidenten berufen. Über Frankfurt wehte die Fahne mit dem Hakenkreuz. (20) Frankfurt wollte „das Märkische Nürnberg“ (21) werden, so hieß es anlässlich des Gauparteitages 1934 in der Frankfurter Oderzeitung.

1933 lebten in Frankfurt noch ca. 800 Juden, davon waren 7 Ärzte, 2 Zahnärzte, 5 Apotheker, 8 Juristen, 4 Fabrikbesitzer, 9 Handwerker, 77 Kaufleute, 8 Angestellte und 4 Banker. Die Frankfurter Juden zählten schon seit dem 19. Jahrhundert zu den gut etablierten bürgerlichen Familien, die Kultur und Bildung in der Stadt nachhaltig prägten. Neben der Frankfurter Buchdruckerfamilie Baswitz gehörten zu jenen bürgerlichen Familie die Nehab, Neumark, Hirschberg, Gumpert, Aronheim, Glass, Naftaniel, Baruch, Wollmann, die Heilborn und viele andere. Große jüdische Geschäfte der Stadt, das Kaufhaus Max Hirsch, Kaufhaus Guttfeld, Einbinder, Leo Meyerheim, Georg Meyer und zahlreiche andere in der Regierungsstraße, Richt- und Großen Scharrnstraße mussten schließen. (22) Der alte Herr Emil Hirsch wurde am Morgen nach der Pogromnacht im Nachthemd und mit einem Schild um den Hals durch die Stadt getrieben, auf dem stand: „Ich bin ein Judenschwein“. Der heute noch in Frankfurt lebende Wolfgang Wüstefeld sah das auf seinem Schulweg und berichtet, dass er darüber total erschüttert war. Er ging an diesem Morgen nicht zur Schule, sondern kehrte um, ging wieder nach Hause.

Aus den Adressbüchern der Stadt Frankfurt ergeben sich folgende Informationen: schon 1937/38 gehörte das Textil-Kaufhaus in der Regierungsstraße 2/3 Wilhelm und Richard Hähnel. 1937/38 wohnte Emil Hirsch noch in der Gubener Straße 16, aber 1940/41 ist dort die Wehrmachtsfürsorge und das Versorgungsamt untergebracht.

Erschütternd berichtet Ada Brodski von ihren Kindheitserlebnissen in Frankfurt. (23) Auch Margit Schleuder erinnert sich, dass sie auf dem Anger nicht mit jüdischen Kindern spielen durfte. „Ja, bei uns zu Hause, aber auch auf dem Anger und dem Ziegenwerder war viel los. Der Anger war für uns Kinder das Spielparadies. Wir fuhren dort unsere Puppen spazieren, spielten Ball und viele andere schöne Spiele. […] Aber eine traurige Erinnerung verbindet mich mit dem Anger. Während wir Kinder zusammen fröhlich auf dem Anger spielten, saß dort immer Frau Vater, eine Jüdin, auf einer Bank alleine mit ihren Kindern. Sie wohnten bei uns in der Nähe in der Lindenstraße. Frau Vater trug einen Hut und einen Mantel, auf dem ein Judenstern war. Margot, das Mädchen, hatte die gleiche „Hahnenkamm“-Frisur wie ich. Sie spielte immer nur mit ihrem Bruder. Margot war auch so alt wie ich und saß bei uns in der Schule immer hinten in der letzten Reihe. Kein Kind durfte mit der Margot sprechen, reden oder spielen, aber zur Schule musste sie gehen. Dieses Bild habe ich immer noch vor mir, wenn ich heute am Anger bin. Es war nicht möglich, mit ihnen in Kontakt zu kommen. In der Schule passten die Lehrer auf, draußen gab es die Polizei und man wusste nie, wer einen von vorübergehenden Passanten anschwärzen würde. Der Herr Vater war nach 1945 Stadtverordneter, aber dann habe ich nichts mehr von der Familie gehört.“ (24) Am 22. Juni 1943 meldet die Frankfurter Oder-Zeitung: „Der Regierungsbezirk ist judenfrei!“ (25)

3.3. Nach 1945

So gab es nach 1945 keine Juden mehr in Frankfurt, vielleicht waren es nur noch einige wenige alte Leute, die bald starben. Es gab keine jüdische Gemeinde mehr.

Seit 1988 mahnt ein Gedenkstein an das Schicksal der jüdischen Bürger der Stadt während der NS-Herrschaft in Frankfurt. Der letzte Rabbiner Frankfurts Curt Cassel kam 1988 aus Großbritannien nach Frankfurt, um an der Einweihung des Gedenksteins teilzunehmen. Er sollte an die Synagoge in der Richtstraße erinnern und wurde am 09.11.1988 neben dem damaligen Hotel „Stadt Frankfurt“ platziert. Wegen Abriss des Hotels und Neubau des Einkaufszentrums Lenné-Passagen wurde der Stein auf die andere Straßenseite verlegt.

Seit 1998, 63 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge, gibt es wieder jüdisches Leben in Frankfurt. In der Halben Stadt befindet sich das Haus der jüdischen Gemeinde. „Für uns ist es wichtig, dass wir in der Stadt angenommen und akzeptiert werden als Bürger dieser Stadt. Wir wollen nicht als Außenseiter betrachtet werden.“ (26) Das sagte der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde 1998. Es leben nun wieder jüdische Bürger in Frankfurt, die zumeist als Flüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind. Sie sprechen nicht gut Deutsch und sind oft arbeitslos. Ist ihre Integration gelungen?

4. Antisemitismus heute in Frankfurt (Oder)?

Wie jüngste Fälle zeigen, ist der Antisemitismus in Deutschland trotz seines hohen Alters hoch aktuell. Da verbrennen Jugendliche im sachsen-anhaltinischen Pretzien Ende Juni 2006 bei einer öffentlichen „Sonnenwendfeier" ein Exemplar der Tagebücher der Anne Frank. Mitte Oktober 2006 wird ein 16-Jähriger in Parey, ebenfalls in Sachsen-Anhalt, von Mitschülern gezwungen, mit einem Schild: „Ich bin am Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden ein“ über den Schulhof zu laufen.

Am 9. November 2006 werden in Frankfurt (Oder) Kerzen und Kränze, zuvor niedergelegt an einem Gedenkstein am Ort der ehemaligen Synagoge zum Gedenken an den Novemberpogrom von 1938, auf die Straße geworfen und die Polizei mit „Sieg Heil“-Rufen begrüßt. (27)

Bedenklich ist es, wenn vor allem hierzulande Israel oder „die Juden“ selbst für den Antisemitismus verantwortlich gemacht werden, wenn sich dieser im Mantel der Israel- oder Zionismus-Kritik versteckt, wenn Aktionen des Staates Israel mit den Untaten des Naziregimes verglichen oder entsprechende Andeutungen gemacht werden (z.B. Israel betreibe die „Endlösung der Palästinafrage“). Denn diese Vergleiche zielen tendenziell oder eindeutig fast immer darauf, die Opfer von einst zu den Tätern von heute zu machen.

Meinungsforscher fragten Deutsche, ob sie gern einen Nachbarn jüdischen Glaubens haben möchten. Solche Umfragen ergaben, dass etwa 13 Prozent der deutschen Bevölkerung antisemitische Vorbehalte haben. (28)

Die Neonazis bemühen sich seit zwei Jahren hier in der Grenzstadt Frankfurt (Oder), einen Ortsverband aufzubauen. Asylbewerber und Zuwanderer werden immer wieder Opfer rechter Gewalt. Am 27.01.2006 fand ein Aufmarsch der Neonazis statt. Doch dagegen stand die antifaschistische Kundgebung am Alten Kino, an dem sich viele Frankfurter beteiligten. (29)

Schüler des Friedrichsgymnasiums haben seit Jahren gute Kontakte nach Israel, auf der Internetseite des Friedrichsgymnasiums lesen wir: „Plötzlich wird Vergangenheit lebendig... (30) Die Ausmaße des Zweiten Weltkrieges kann unsere Generation nur noch sehr gering nachvollziehen und einige lässt es sogar kalt. Vielleicht begegnen die Wenigen diesem Thema nur so gleichgültig, weil sie es als Pflicht ansehen, den jeweiligen Unterrichtsstoff stupide zu erlernen. Wird es aber nicht interessanter, faszinierender und anschaulicher, wenn man ein ‚Stück lebende Geschichte’ vor sich in greifbarer Nähe zu sitzen hat, es betrachten und befragen kann? Plötzlich wird die Vergangenheit lebendig und das menschliche Schicksal, welches wir nur aus Büchern kennen, wirkt persönlicher. Hier in unserer Schule haben wir die Gelegenheit dazu: Hermann Arndt, auch bekannt als Zvi Aharoni, ehemaliger Schüler des Friedrichsgymnasiums stellte sich interessierten Schüler. […]

Hermann Arndt wurde am 6.2.1921 in Frankfurt (Oder) geboren und besuchte das Friedrichs­gym­na­sium. Doch die letzten Jahre in der Schule waren für ihn alles andere als angenehm. Hermann Arndt war einer von den zwei jüdischen Schülern in seiner Klasse. Sie wurden ständig schikaniert, beleidigt und gedemütigt. 1935 zog die Familie nach Berlin um und Hermann verließ die Schule mit einem schlechten Eindruck und schrecklichen Erfahrungen. Im Mai 1937 starb der Vater. Ein Jahr darauf verließ die Familie Berlin und damit begann die Flucht. Die Reise ging über Holland, England, Frankreich, Italien und das Ziel war Palästina (Ankunft: 19.9.1938), wo sich sein älterer Bruder aufhielt. […] Im Jahre 1947 nahm er ein Architekturstudium auf. Wenige Wochen danach trat er in die israelische Armee ein und 1960 in den israelischen Geheimdienst Mossad, der sich auf die Jagd nach ehemaligen Nazis spezialisiert hatte. Einsatzort für Aharoni war unter anderem Buenos Aires in Argentinien. Am 11. Mai 1960 entführten er und eine Gruppe von Agenten den „Endlöser der Judenfrage“ und Schreibtischmörder Adolf Eichmann. Eichmann wurde gekidnappt und nach Israel überführt, wo er 1961 zum Tode verurteilt wurde. Aharoni führte aufgrund seiner Deutschkenntnisse die Verhöre mit Eichmann durch. Diese Festnahme Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst ermöglichte es, dass die systematische Ermordung der Juden mit allen Details, in allen Phasen und aus allen Perspektiven zum ersten Mal vor einem israelischen Gerichtshof verhandelt wurde. (31)

Obwohl die heutige jüdische Gemeinde keinen Bezug zu den deutschen Juden in Frankfurt hat, eröffnete sie im Herbst 2006 in ihrem Gemeindehaus eine informationsreiche Ausstellung über das jüdische Leben in Frankfurt (Oder).

Auch in Frankfurt gibt es die „Aktion Stolpersteine“, d.h. an verschiedenen Orten in der Stadt sind auf den Bürgersteigen kleine kupferne Gedenksteine an jüdische Bürger zu finden.

Im Sommer 2007 wird das Antichristfenster in der Marienkirche eingebaut und lädt alle Besucher ein, über die Bilder des Fensters, deren Aussagekraft, aber auch über die Komplexität der jüdischen Geschichte gerade an diesem Ort nachzudenken.

Helga Grune schickte uns ihren Artikel im Anschluss an den Workshop „Jüdische Spuren in der deutsch-polnischen Grenzregion“ am 17.6.2007 in Groß Neuendorf.

 

 

(1) Vgl. Jasper, Willi, Holocaust, in: Neues Lexikon des Judentums, Hg. Julies H. Schoeps. Gütersloh 2000, S.358 f.

(2) Vgl. Kampling, Rainer, Thesen zur christlichen Judenfeindschaft, in: Das spätgotische Antichristfenster eine biblische Botschaft im Zusammenspiel von Glas, Farbe und Licht. Katalog zur Ausstellung Museum Junge Kunst, Rathaushalle Frankfurt (Oder) 2007, S. 25.

(3) Vgl. ebd.

(4) Vgl. Lotter, Friedrich: Antijudaismus, in: Neues Lexikon des Judentums, Hg. Julius H. Schoeps. Gütersloh 2000, S. 58.

(5) http://www.shoa.de/component/option,com_rd_glossary/Itemid,539/

(6) vgl. Reichsgesetzblatt 1941 I, S. 547, zitiert unter http://www.shoa.de/content/view/137/46/

(7) vgl. Reichsgesetzblatt 1941 I, S. 547.

(8) Vgl. Jasper, Willi, Holocaust, in: Neues Lexikon des Judentums, Hg. Julies H. Schoeps. Gütersloh 2000, S.358 f.

(9) Vgl. Mandel, Werner, Das Bild der Juden im Antichristfenster der St. Marienkirche zu Frankfurt (Oder), in: Das spätgotische Antichristfenster eine biblische Botschaft im Zusammenspiel von Glas, Farbe und Licht. Katalog zur Ausstellung Museum Junge Kunst, Rathaushalle Frankfurt (Oder) 2007, S. 26.

(10) Vgl. Targiel, Ralf-Rüdiger, Frankfurt (Oder) – so wie es war, Düsseldorf 1994, S. 10.

(11) Vgl. Vogt, Bernhard, Antichrist, in: Neues Lexikon des Judentums, Hg. Julius H. Schoeps. Gütersloh 2000, S. 57.

(12) Vgl. Mandel, S. 26.

(13) Vgl. Targiel, S. 17.

(14) Vgl. ebd.

(15) Vgl. ebd., S. 27.

(16) Vgl. Aldendorff-Hübinger, Rita; Hübinger, Gangolf, Frankfurt an der Oder von der 1848er Revolution bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, in: Frankfurt an der Oder 1253-2003, Hg. Ulrich Knefelkamp und Siegfreid Griesa. Berlin 2003, S. 162.

(17) Vgl. Kittsteiner, H. D.; Tschäpe, K.K., Der braune Beobachter. Die Jahre 1933-1945 im Spiegel der Frankfurter Oderzeitung, in: Frankfurt an der Oder 1253-2003, Hg. Ulrich Knefelkamp und Siegfreid Griesa. Berlin 2003, S. 230.

(18) Kittsteiner, H. D.; Tschäpe, K.K., Der braune Beobachter. Die Jahre 1933-1945 im Spiegel der Frankfurter Oderzeitung, in: Frankfurt an der Oder 1253-2003, Hg. Ulrich Knefelkamp und Siegfreid Griesa. Berlin 2003, S. 230.

(19) Wüstefeld, Wolfgang, Manchmal schlimm, immer schön. Lebensbericht eines Brückenbauers. Jacobsdorf 2000, S. 42.

(20) Vgl. Targiel, S. 61.

(21) Titel in: Frankfurter Oderzeitung vom 22.02.1934, Stadtausgabe, Zweites Blatt.

(22) Vgl. Meier, Brigitte, Frankfurt, in: Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Hg. Irene Dieckmann und Julius H. Schoeps, S. 141.

(23) Brodski, Ada, Nach Hause vertrieben. Frankfurter Kunstverein 1995.

(24) Ausschnitt aus dem Interviews mit Frau Margit Schleuder am 01. und 02.03. 2006, durchgeführt vom Verein „my life – erzählte Zeitgeschichte“ e. V.

(25) Zitiert in: Schneider, Hans-Georg, Als die Synagoge brannte, in: Märkische Oderzeitung, Frankfurter Stadtbote, vom 7.11.2003.

(26) Perelman, Mark, „Wir wollen keine Außenseiter sein“. Mark Perelman, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde: Im Gespräch vorbehalte abbauen, in: Märkische Oderzeitung, Frankfurter Stadtbote vom 29.10.1998, S. 13.

(27) Vgl. unter http://www.bpb.de/themen/MY3WZ8,0,0,Antisemitismus_heute.html

(28) Vgl. unter http://www.bpb.de/themen/MY3WZ8,2,0,Antisemitismus_heute.html

(29) Vgl. unter http://www.ostblog.de/2007/01/hart_an_der_grenze_frankfurt_o.php.

(30) http://www.ff.shuttle.de/ff/friedrichsgym/deutsch/index.htm

(31) http://www.shoa.de/component/option,com_rd_glossary/task,showpart/part,E/Itemid,539/

 

Bildnachweis: Mandel, Werner: Das Bild der Juden im Antichristfenster der St. Marienkirche zu Frankfurt (Oder), in: Das spätgotische Antichristfenster eine biblische Botschaft im Zusammenspiel von Glas, Farbe und Licht. Katalog zur Ausstellung Museum Junge Kunst, Rathaushalle Frankfurt (Oder) 2007, S. 30.