Frankfurter Brücken nach Israel

Die Schändung des Gedenksteins für die Synagoge durch Jugendliche hat den Ruf von Frankfurt (Oder) beschädigt. Doch Frankfurt ist auch anders. Seit Jahren gibt es eine Partnerschaft des Friedrichsgymnasiums mit israelischen und palästinensischen Schülern und Lehrern. Jetzt wird erneut Besuch aus Israel erwartet.

Frankfurt (Oder) (MOZ) Building Bridges (Brücken bauen) heißt das Projekt, das es inzwischen seit mehreren Jahren am Friedrichsgymnasium gibt. 1999 hatten Lehrer und Schüler erste Kontakte zur Hope Flowers School in Bethlehem und zur Democratic-School in Hadera aufgenommen. Seitdem gab es jedes Jahr Begegnungen zwischen deutschen, israelischen und palästinensischen Jugendlichen. Seit einiger Zeit sind zudem polnische Partner mit dabei. Trotz mancher Ängste, vor allem bei den Eltern der Schüler, reisten Frankfurter immer wieder nach Israel. Und trotz aller Konflikte waren inzwischen auch mehrfach israelische und palästinensische Schüler und Lehrer gemeinsam in Frankfurt.

Brücken bauen sie alle dabei in mehrfacher Hinsicht – von Land zu Land, von Weltanschauung zu Weltanschauung, vom Heute ins Gestern, von Generation zu Generation. Und sie überbrücken dabei vielfältige Konflikte.

„Trotz aller Missverständnisse habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Dorf trotzdem funktioniert. Nach einer hitzigen Diskussion trinkt der Araber wieder in Ruhe Kaffee mit dem Juden und der eine denkt vielleicht über die Position des anderen nach. Vielleicht auch nicht, aber immerhin haben sie geredet", umreißt Daniel Felscher seine Erfahrung. Der junge Mann hat die Schule inzwischen längst verlassen und hat sich wie inzwischen mehrere junge Frankfurter aufgrund der Mitarbeit im Projekt entschlossen, für längere Zeit in Israel zu leben und zu arbeiten. Daniel war neun Monate in einem jüdisch-arabischen Friedensdorf in der so genannten Oase des Friedens Neve Shalom/Wahat al Salam. „Das Schöne an der Idee dieses Dorfes ist, dass jeder seine Identität und seine Meinung behalten darf, ja, dass dies sogar Voraussetzung dafür ist, dass man zusammenleben kann. Man muss die Konflikte nur aussprechen und nicht ignorieren, auch, wenn es zu Konfrontationen kommt", erklärt Daniel.

Für ein Jahr ist Emily Kuck nach Israel gegangen. Sie lebt in Haifa und berichtet von ihren alltäglichen Erfahrungen: „Ich hätte nie gedacht, dass mich der Anblick eines 19-jährigen Mädchens mit Maschinengewehr irgendwann mal nicht mehr erschrecken würde. Auch das Wegzucken, wenn einen im Zug mal kurz aus Versehen der Gewehrkolben streift, ist schon fast vorbei." Und sie hat auch erleben müssen, von anderen Jugendlichen gefragt zu werden, ob sie in der SS gewesen sei.

Immer wieder haben Frankfurter Gymnasiasten, die mit dem Projekt in Israel waren, auch so etwas erlebt. Nicht überall begegnete man ihnen freundlich. Auch damit mussten sie klarkommen. Projektleiter Peter Staffa und Lehrer wie Sabine Donszick, Dorota Rutka (Polen) oder Mara Avner List (Israel) halfen ihnen dabei. Zum Beispiel in den verschiedenen Workshops. Beim jüngsten Besuch in Israel Ende des vergangenen Jahres setzten sich alle gemeinsam zum Beispiel mit der Schändung des Synagogengedenksteins in Frankfurt auseinander. Sie überlegten dabei auch, wie man mit den Tätern umgehen sollte. Dabei entstand auch die Idee, sie mitzunehmen nach Israel, um ihnen die Begegnung mit Zeitzeugen zu ermöglichen.

Wer mit Menschen gesprochen hat, die den Holocaust erlebten, wer einmal in der Gedenkstätte Yad Vashem war, wer Frauen oder Männer mit dem Zeichen von Auschwitz auf dem Arm gesehen hat, der kann die Ereignisse von damals nicht ignorieren oder gar leugnen, meinen alle, die mitgefahren sind. Gerade jetzt beschäftigen sie sich sehr intensiv mit der Geschichte. Denn im aktuellen Projekt erarbeiten sie Biografien von früheren Frankfurtern, Mitgliedern der damaligen jüdischen Gemeinde, Schülern des Friedrichsgymnasiums. In England haben sie dazu vor einigen Monaten ein Interview mit Hermann Arndt alias Zvi Aharoni geführt, dem Fänger des SS-Verbrechers Adolf Eichmann. In Israel trafen sie Angehörige von Schuschu Simon und Franz Gumpert, Mitschüler von Arndt. „Verantwortung leben – wann wird ein Mensch aktiv?" lautet der Projekttitel. Eine Foto-Text-Ausstellung über diese Zeitzeugen soll für alle beteiligten Länder entstehen, aber auch Gedanken der beteiligten Schüler werden dokumentiert. Die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Arbeit werden sie ab kommendem Donnerstag in der Europa-Universität in Frankfurt zeigen.

An ein Ende des Projektes denken die Schüler und Lehrer noch lange nicht. Sie haben schon für das kommende Schuljahr geplant. Dann wollen sie ein Haus der Gemeinden bauen – ein aus umklappbaren Wänden gestaltetes Modell. Vier Wohnungen (polnisch, deutsch, arabisch und jüdisch) sollen darin sein, durch die Besucher wie durch ein Labyrinth geführt werden und so die Lebensgewohnheiten und Kulturen kennen lernen. Klar werden soll dabei auch, so Peter Staffa, „dass wir alle gar nicht so verschieden leben". Bei der Stiftung „Erinnerung und Zukunft" läuft ein Projektantrag.

Doch eins ist nach wie vor nicht klar: Wo und von wem soll es künftig geführt werden? Denn die Schule, an der es in den vergangenen Jahren getragen wurde, das mehr als 300 Jahre alte Friedrichsgymnasium, ist Opfer der sinkenden Schülerzahlen und wird 2008 schließen. Zwar haben jetzt schon Vertreter anderer Gymnasien im Projekt mitgemacht, doch wo es konkret angesiedelt wird und vor allem, wo die dafür engagierten Lehrer eingesetzt werden, steht nicht fest.

MOZ vom 23.03.2007

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