Badegäste sind wichtiger als Atomkraftwerke

Auf einer deutsch-polnischen Konferenz an der Ostsee überwog der Widerstand gegen Warschaus Energieplanungen. Während Deutschland aus der Atomenergie aussteigt, will die polnische Regierung noch in diesem Jahrzehnt ein oder zwei Kernraftwerke errichten lassen. Doch in den dafür vorgesehenen Orten an der Ostsee fürchtet man um die Zukunft des Tourismus.
Andrzej Kierzek, der Vize-Bürgermeister von Koszalin (Köslin), muss zur Begrüßung fast ins Mikrofon schreien. Denn die etwa zwei Dutzend Atomkraftgegner draußen auf dem Marktplatz haben ihre Lautsprecher genau auf das Rathaus ausgerichtet. Und so heulen zum Auftakt einer Konferenz, auf der es um Nutzen und Gefahren der Kernenergie gehen soll, erst einmal Sirenen auf. Der Bürgermeister lässt es dann auch mit der allgemeinen Bemerkung gut sein, dass sich die Kommune „über jeden freut, der hier bei uns investieren will“.
Von Koszalin bis in den Badeort Mielno direkt an der Ostsee sind es nur zwölf Kilometer. Und dessen Ortsteil Gaski wiederum ist allen Polen ein Begriff, seit er zu den drei Standorten zählt, die vom Energiekonzern PGE für den Bau eines Atomkraftwerks favorisiert werden. Die beiden anderen liegen etwas weiter östlich, in der Nähe von Danzig, ebenfalls an der Küste.
Als draußen die Proteste ertönen, huscht drinnen über das Gesicht von Olga Roszak-Pezala ein Lächeln. Die Gemeindevorsteherin von Mielno hat sich an die Spitze der örtlichen Atomgegner gestellt. Bei einem von ihr im vergangenen Februar veranstalteten Referendum hatten 95 Prozent gegen den Bau eines Kraftwerks votiert. Seither stehen vor vielen Häusern Transparente, die auf das eindeutige Ergebnis der Abstimmung verweisen. Und Mielno ist so zu etwas wie dem kleinen gallischen Dorf geworden, das tapfer Widerstand gegen die Pläne der Regierung leistet.
„Wir haben uns schon viele Aktionen einfallen lassen und werden dies auch weiter tun“, berichtet Olga Roszak. Neben einer Japanerin, die über die Katastrophe von Fukushima berichtete und die Polen dazu aufrief, „unsere Fehler nicht zu wiederholen“, waren auch Ukrainer zu Gast, die bei den Aufräumarbeiten in Tschernobyl zwangsweise eingesetzt waren.
Das Hauptargument der Mielnoer, dem sich auch schon andere Orte entlang der Ostsee angeschlossen haben, ist jedoch die große Bedeutung des Tourismus. Hunderttausende Polen und auch sehr viele deutsche Gäste kommen jeden Sommer. „Meinen Sie etwa, dass die auch noch hier baden würden, wenn bald ein Kernkraftwerk stünde?“, fragt sie in die Runde.
Doch die meisten Teilnehmer der von der „Euroregion Pomerania“ organisierten Konferenz sind selbst Kernkraftgegner. Auch einige Mitglieder der Berliner Gruppe „Anti Atom Berlin“ sind angereist, sowie Kommunalpolitiker aus der Uckermark. „Es ist gut, dass diese Debatte in Polen in Gang gekommen ist“, freut sich der Gartzer Amtsvorsteher Frank Gotzmann. „Wenn an der Ostsee, oder womöglich noch in Gryfino direkt an der Oder, ein AKW entstünde, würde das uns doch auch betreffen“, ergänzt der ehrenamtliche Bürgermeister von Tantow, Andreas Meincke.
Allerdings gibt es im Nachbarland auch so etwas wie eine Atomlobby und vor allem den stark politisch motivierten Willen der Regierung, das Land von seiner bisher Abhängigkeit von russischen Gas- und Öllieferungen zu befreien. Auch der Stettiner Kernphysiker Konrad Czerski ist davon überzeugt, dass sich Strom aus Kernenergie viel umweltfreundlicher und noch dazu preiswerter als aus Kohle gewinnen lässt. Er ist von den Organisatoren der Konferenz in Koszalin zwar nur als Moderator engagiert worden, versucht jedoch die Argumente der Atomgegner zu entkräften.
Letztere erscheinen manchmal irrational. „Die Deutschen reißen doch nur ihre Atomkraftwerke ab, damit sie bei uns wieder neue errichten können und auch ihren radioaktiven Müll nach Polen bringen können“, meint einer der Demonstranten auf dem Markt.
Eine der wenigen Bewohnerinnen von Mielno, die ihr Geld auch mit dem Tourismus verdient und trotzdem nichts gegen ein Kernkraftwerk hätte, ist Anita Stryjska, Chefin eines Pensionats. Ihre Argumente klingen entwaffnend einfach: „Meine Schwester lebt in Deutschland bei Neckarsulm, wo ja auch ein Kernkraftwerk steht. Ich hab mich bei Besuchen dort immer sicher gefühlt. Und außerdem wären ja ein paar neue Arbeitsplätze auch nicht schlecht für den Ort.“

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Veröffentlichung/ data publikacji: 29.01.2013