Merkel, Tusk und ihre beiden Großväter

Angela Merkel hatte – wie sich erst in dieser Woche herausstellte – einen polnischen Großvater. Darüber wird im Nachbarland jetzt intensiv diskutiert, zumal auch ein Vorfahr von Donald Tusk in Beziehung zu Deutschland stand.
Wozu so ein EU-Gipfel nicht alles gut ist! Die Kanzlerin habe ihn in Brüssel gefragt, wie man den Namen „Kazmierczak“ richtig ausspricht, verlautete Polens Regierungschef Donald Tusk per Twitter. Denn Kazmierczak sei der Nachname ihres Großvaters väterlicherseits gewesen.
Daraufhin müssen beide nicht mehr über Kredite für Zypern oder die Beziehungen zu Russland gesprochen, sondern gemeinsam „Kassmjär­tschak“ geübt haben. „Beim zweiten Mal klappte es“, verriet Tusk.
Die Neuigkeit über Merkels Vorfahr löst im Nachbarland großes Interesse aus. Denn die Kanzlerin erzielt dort schon bisher hohe Sympathiewerte. Wenn nach den für Polen wichtigsten ausländischen Politikern gefragt wird, landet sie regelmäßig auf Platz eins. „Und jetzt ist sie also fast eine von uns“, heißt es in einem Internetforum.
Ein anderer Nutzer erläutert, dass – so wie Merkels Großvater, der 1896 im damals preußischen Posen zur Welt kam – zahlreiche polnischstämmige Deutsche nach dem Ersten Weltkrieg nach Westen gezogen seien. Freilich gibt es auch einige gehässige Kommentare. In Anspielung darauf, dass die Gegend um Posen als Kartoffelanbaugebiet gilt, schreibt jemand: „Schaut euch Merkel doch nur mal genau an!“
Noch öfter jedoch wird an eine Geschichte über Józef Tusk, den Großvater des heutigen polnischen Regierungschefs, erinnert. Dieser war im August 1944 zur Wehrmacht einberufen worden. Damals brauchten die Nazis jeden zur Verfügung stehenden Mann und griffen auch auf die Kaschuben zurück. Tusks Großvater gehörte dieser westlich von Danzig lebenden Minderheit an. So, wie übrigens auch der Schriftsteller Günter Grass.
Genau diese Geschichte hatten Tusks politische Gegner ausgenutzt, als dieser in der Präsidentschaftswahl 2005 gegen Lech Kaczynski antrat. Tusk verlor seinerzeit nur mit wenigen Stimmen, was auch auf den vermeintlich deutschen Großvater zurückzuführen war.
Erst später stellte sich heraus, dass Jozef Tusk die Wehrmacht rasch wieder verlassen haben muss. Denn im November 1944 trat er bereits der polnischen Exilarmee im Westen bei.
„Vielleicht können ja beide auch einfach mal tauschen“, schlägt ein Internet-Kommentator vor. Tusk als Kanzler und Merkel als Regierungschefin in Warschau – das wäre doch echtes Europa.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 16.03.2013