„Zuerst Mensch, dann Pole"

Der 76jährige Heimatforscher Zbigniew Czarnuch wehrt sich gegen unkritischen Patriotismus in seinem Land

Seit dem Regierungswechsel vor einem Jahr hat der Patriotismus in Polen Hochkonjunktur. Kritiker im In- und Ausland warnen jedoch vor dem überzogenen Gebrauch nationaler Gefühle. Zu ihnen gehört der Heimatforscher Zbigniew Czarnuch.

 

Witnica (Vietz) ist eine Kleinstadt auf halber Strecke zwischen Küstrin und Gorzów, dem früheren Landsberg. Kaum jemand kennt sich in dem Ort, der bis 1945 Vietz hieß und an der ehemaligen Reichsstraße 1 und der Ostbahn lag, so gut aus wie der Heimatforscher Zbigniew Czarnuch.

Im Herbst 1945 war er mit seiner Familie in Witnica gelandet. Sein Vater war Bürgermeister des Ortes geworden, dessen deutsche Bewohner damals zum Großteil bereits vertrieben worden waren. Vater und Sohn glaubten an die Ideologie, laut der Polen hier seine uralten Westgebiete „wiedergewonnen" hatte. „Damals bin ich das erste Mal in eine Geschichtsfalle getappt", urteilt der 76-Jährige heute. Sein Vater hatte ihm, dem Anführer der Witnicer Pfadfinderorganisation, den Auftrag gegeben, die Spuren deutscher Geschichte auszumerzen. Mit Farbe und Hammer überpinselte man alte Aufschriften an Häusern oder schlug sie ab. Der junge Zbigniew hatte nicht das Gefühl, Unrecht zu tun. Schließlich hatte seine Familie, die aus der Gegend von Tschenstochau stammte, zuvor sechs Jahre lang vor den deutschen Besatzern Angst haben müssen. Man war Augenzeuge vieler Verbrechen geworden, zum Beispiel des Transports der Juden in die Konzentrationslager.

Ein halbes Jahrhundert später forscht der gleiche Zbigniew Czarnuch intensiv nach den Überresten deutscher Geschichte in Witnica. Auf die Frage nach dem Warum deutet der grauhaarige kleine Mann mit seinen lebendigen Augen zunächst auf die Möbel in seiner Wohnung: „Dieser Tisch hier ist ein deutscher Tisch, auf diesem Stuhl haben Deutsche gesessen, und auch dieses Regal hat einmal einer deutschen Familie gehört." Irgendwann habe er wegen dieser Erkenntnis ein „psychologisches Unbehagen" empfunden, beschreibt er seine Gefühle.

Angeregt wurde sein Nachdenken schon in den 70er Jahren, als frühere Bewohner erstmals an ihren einstigen Wohnungen anklopften – nicht als rachsüchtige Deutsche, wie es in der Propaganda beschrieben wurde, sondern zaghaft und mit der Hoffnung, schmerzhafte Erinnerungen aufarbeiten zu können. Eine Frau bat darum, in den Garten ihres früheren Hauses gehen zu dürfen. Dort hatte sie ihre Mutter notdürftig begraben müssen, die von einem russischen Soldaten erschlagen worden war, dem sie ihre Gänse nicht hatte geben wollen.

Eine andere Frau brachte ihm den Koffer, mit dem sie 1945 über die Oder geflohen war. Dieser Koffer steht heute neben zwei weiteren Gepäckstücken in dem Heimatmuseum, das von Czarnuch betreut wird. Das zweite ist ein reich bemalter Flüchtlingskoffer, mit dem Polen aus dem früheren Osten des Landes zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erst nach Sibirien und später nach Witnica gezogen waren, weil ihre Heimat an die Ukraine gefallen war. Der dritte Gegenstand ist ein deutsch-polnischer Märchenkoffer, der mit Kinderbildern und -geschichten gefüllt ist. „Den haben Kindergartenkinder aus Witnica und Müncheberg gestaltet, nachdem ihnen ihre Erzieherinnen von den anderen Koffern erzählt haben", berichtet Czarnuch. Er selbst hat viel dazu beigetragen, dass die Partnerschaft zwischen den Kommunen zustande gekommen ist, die in etwa gleicher Entfernung zur Grenze liegen – Witnica auf polnischer Seite, Müncheberg in Märkisch-Oderland.

Auch ein Glas eingeweckter Pfifferlinge findet man in dem Heimatmuseum. Diese Pilze, die Deutsche im Krieg als Nahrungsreserve vergraben hatten, wurden viele Jahre später unversehrt von Polen entdeckt. In diesem Sommer war das Glas in der vom „Bund der Vertriebenen" organisierten Ausstellung im Berliner Kronprinzenpalais zu sehen, die in Polen auf viel Kritik gestoßen war. Während alle staatlichen polnischen Einrichtungen von der Warschauer Regierung angewiesen worden waren, ihre Exponate zurückzuziehen, beließ Czarnuch die Pilze in Berlin.

Als ihn polnische Journalisten befragten, warum er dies tue, antwortete er: „Weil ich nicht zum zweiten Mal in eine Geschichtsfalle gehen will." Und dass er „zuerst ein Mensch und erst danach ein Pole" sei. Der 76-Jährige, der auch in der Volksrepublik Polen immer wieder aneckte, obwohl er Lehrer und Mitglied der kommunistischen Partei war, macht keinen Hehl daraus, dass ihm die einseitige Sicht auf die Geschichte zuwider ist. „Warum können einige meiner Landsleute nicht akzeptieren, dass viele Deutsche hier ihre Heimat verloren haben?", fragt er. Auch an die Beurteilung historischer Persönlichkeiten wie Friedrich II. oder Bismarck, die Polen erobert oder unterdrückt haben, geht er differenziert heran. So sei unter dem Preußenkönig die Neumark bewirtschaftet worden, in der heute viele Polen leben. Und Bismarck sei der Erfinder der Sozialversicherung gewesen.

Zahlreiche Zeugnisse der lokalen Geschichte hat Czarnuch mit Gleichgesinnten auch in einem „Park der Wegweiser und der Meilensteine der Zivilisation" zusammengetragen. Unter anderem ist die Maschine eines gewissen Otto Dittner zu sehen, mit der 1897 der erste Strom in Vietz erzeugt wurde. Es werden Gaslaternen gezeigt, die von 1906 bis 1986 in Betrieb waren. Einer der eindrucksvollsten Gegenstände ist ein zerschossener Baum, der mit polnischen, deutschen und russischen Ortsschildern an diejenigen Menschen erinnert, die 1945 Vietz verlassen mussten, wie auch an jene, die im Kampf um Witnica starben, beziehungsweise die weit aus dem Osten hierher kamen.

Immer wieder lehnt sich Czarnuch gegen vereinfachende oder verfälschende Darstellungen auf. So regt es ihn auf, dass das Hakenkreuz, welches anlässlich der Verleihung der Stadtrechte in der Nazizeit ins Wappen aufgenommen worden war, in einer neuen Publikation über diese Geschichtsperiode entfernt wurde. Natürlich sind ihm nicht nur polnische, sondern auch deutsche Verfälschungen der Geschichte ein Dorn im Auge. „Deutsche und Polen werden sich nur dann verstehen können, wenn sie akzeptieren, dass es Unterschiede gibt und sie einen echten Dialog führen", ist er überzeugt. Dass einseitige Darstellungen gefährlich sind, hat er in seinem langen Leben gelernt.

MOZ, 22.12.2006, Seite 3

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