Stadtführer „Das polnische Berlin“ - eine Rezension

Die Geschichte einer Großstadt zu erzählen, wie es die Herausgeber Malgorzata Quinkenstein und Robert Traba in ihrem Buch über die polnischen Spuren Berlins treffend bemerken, gestaltet sich äußert schwierig. Die beiden Herausgeber versuchten, die Stadt Berlin durch die Brille derjenigen zu erzählen, die aus der Fremde hier her kamen. Der Stadtführer zur Geschichte der Polen in Berlin entstand im Rahmen eines Seminars an der FU Berlin. Die einzelnen Kapitel sind Seminararbeiten aus den Jahren 2007 und 2008. Die Ergebnisse der Arbeiten wurden von den Herausgebern in einem lesenswerten Sammelband in ansprechender Ordnung zusammengefasst.

Das Wort „Stadtführer“ wird deshalb dem Band eigentlich gar nicht gerecht. Er führt keine Besucher entlang von festgelegten Routen durch Berlin, sondern stellt die für den städtischen Raum typischen (infrastrukturellen) Orte der Reihe nach vor und zeigt auf, wie sehr die polnischen Zuwanderer die einzelnen „Bestandteile“ Berlins bereicherten: Angefangen von den Berliner Friedhöfen, Galerien, Konzertsälen und Universitäten bis hin zu Vereinen, Theatern und Fabriken. Besonders unter die Lupe werden der Reichstag und das Scheunenviertel in Berlin-Mitte genommen – denn besonders in letzterem gibt es besonders viele polnische Spuren zu entdecken. Zu den einzelnen Orten in der Stadt werden kurze Geschichten erzählt, wie z.B. dass der erste immatrikulierte Student der FU ein Pole war: Stanislaw Kubicki. Er sicherte sich die erste Matrikelnummer per Münzwurf. Aber auch traurige polnische Spuren in Berlin werden beleuchtet, wie z.B. die verschiedenen Barackenlager, in denen während des Zweiten Weltkriegs polnische Zwangsarbeiter gefangen gehalten wurden.

Dass viele der Berliner Protagonisten einst Zuwanderer aus Polen waren und auch ihre Herkunft eine gewisse Bedeutung für diese Berliner Plätze hatte, ist heute meist kaum noch sichtbar. Gerade die polnischen Neubürger „akkumulierten“ sich in die „deutsche Mehrheitsgesellschaft“ besonders gut (und tun es auch noch heute: sie fallen oft gar nicht auf). Umso schwerer ist es, polnische Spuren in Deutschland zu entdecken. Auch gibt es nicht „die Polen“ in Berlin. Die Motive, nach Berlin zu kommen, konnten unterschiedlicher nicht sein – von politischer Flucht bis hin zur Arbeitsmigration. Und "die" Polen prägen noch heute maßgeblich Berlin mit: In der Stadt lebt eine der größten polnischen communitys außerhalb des Landes.

Der neue "Stadtführer" soll dabei helfen, eben jene kaum noch sichtbaren Hinweise auf polnische Einflüsse aufzuspüren. Neben Bauwerken und Theatern haben polnischen Einwanderer auch viele immaterielle Spuren (wie z.B. Zeitschriften und literarische Editionen) in Berlin hinterlassen, die im Buch ausführlich besprochen werden. Das Büchlein eignet sich daher aber besser als spannende Lektüre im heimischen Sessel als als „Stadtführer“ für unterwegs - schon allein wegen Format und Gewicht.

Robert Traba, Malgorzata A. Quinkenstein (Hg.) - Polnisches Berlin - Stadtführer. Paderborn: Ferdinand Schöningh 2016. ISBN: 978-3-506-78512-1. Preis: EUR 19.90

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Veröffentlichung/ data publikacji: 20.05.2016