… und ewig piept de Zauberfläut in uns O ern.

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Es lockte die Heimat, das weite Pommernland mit Wiesen und Wassern und dem oft sternklaren Himmel. Wir kamen und lauschten obendrein begeistert an so manchem Tag den Präsentationen der Sängerinnen und Sänger beim internationalen Perotti-Gesangswettbewerb. Das ist fürwahr höchste Kunst! Und erst die Konzerte der Preisträger! Da durften wir uns von Michal Rudzinski die Erinnerung an tief empfundenen Edelmut in die allertiefsten Tiefen unserer Herzen singen lassen. Da hat Claudia Roick unsere Seelen in Gestalt der zauberhaftesten Frau Fluth, die wir je erlebt haben, Sprünge machen lassen. Und da hat die letzte Grandprix-Gewinnerin SuJin Bae uns, zunächst fröstelnd, gelehrt, dass man bei ihren allerhöchsten Tönen überhaupt nicht zu frösteln braucht, dass sie uns vielmehr einlud zum inneren Mitsingen, Mittrillern in allerhöchster Höhe und Klarheit, und dass man getrost dem Inhalt des Gesungenen folgen durfte, den Tränen nahe.
Da feuerten wir im Überschwange Frau Dr. Dr. Burnicka-Kalischewski an, doch mal mit den Preisträgerinnen und Preisträgern im Sommerkonzert die Zauberflöte, und wenn nur konzertant, aufzuführen, aber wir ahnten noch nichts.

Und nun das!
Plötzlich lag die Einladung zur „Zauberfläut“ da. Als Pommernkinder mit Hochdeutsch als 1. Fremdsprache und Plattdeutsch als Hof- und Spielsprache aufgewachsen, hat uns die Ankündigung der gesprochenen Einlagen auf Platt nicht schrecken können, und von der Musik war Erlesenes zu erwarten. Also ab nach Pommern und am Vortage der Opernaufführung das Schloss Bröllin ausgiebig angeschaut und Bilder gemacht.
Bald schlug uns die „sanfte“ Einführung in Bann.

Und dann hob sich kein Vorhang.
Nein, Fieken Dunnerwedder trollte vor offener Bühne hervor und erzeugte den Donnerschlag, vor dem sich die eigentlich gestandenen Helden echt fürchten sollten. Alle, die diesen herzerfrischenden Einfall mit dem plattdeutsch sprechenden Mädchen haben lebendig werden lassen und an der textlichen Gestaltung tätig waren, haben sich mit jungem, frischem Geist und mit empfindsamer Seele "ans Werk gemacht" und etwas geschaffen, was Mozart sicherlich hoch erfreut hätte. Da das nicht einfach so am Wege des Theaterlebens lag, mussten alle miteinander kräftig üben. Dennoch hatten wir Zuhörer den herzerfrischenden Eindruck, dass es allen Mitwirkenden fröhlich aus dem Herzen sprudelte und keinerlei Kraftanstrengung bedurfte. Einiges möchten wir besonders hervorheben:

Wenn die Autoren dieser Zauberfläut, den Großteil der gesprochenen Texte in das rezitativisch Erzählerische, die Handlung unterstützende Schnacken der Fieken Dunnerwedder hinein gelegt haben, so haben Sie nicht nur der gemischten Zuhörerschar von Alter und Vorkenntnissen gehuldigt, sondern Sie haben ganz und gar Mozarts zwei Seelen gedient. Er war zuweilen derb-frech, gelegentlich wohl etwas frivol, auf der anderen Seite aber unerreicht tiefgründig-philosophisch. Erreicht haben Sie dabei, dass es uns überhaupt nicht quälte, aus vollem Herzen zu lachen und sogleich wieder die wunderbaren "Lehren" in die Seele gebrannt zu bekommen.

Und das hat die Musik gewirkt!
Wenn ein bekannter Musikkritiker sagte: "Mozart ist für Anfänger zu leicht und für Fortgeschrittene zu schwer" so meinte er doch hoffentlich auch die Zuhörer? Wenn es nicht so wäre, kämen wir nicht auf die Idee, dass diese Zauberfläut die packendste und ergreifendste unseres nun schon recht langen Lebens war. Die erwählten, hochgeschätzten Solisten und Mitwirkenden haben in ihren liebevoll gestalteten Kostümen und Masken ihre Rollen "gelebt".

Tamino hat nicht einfach eine Mozartarie gesungen, nein, er hat eingangs musikalisch um Hilfe geschrien.
Die Königin der Nacht hat nicht eine typische Mozart-Koloraturarie geträllert, nein, sie hat in diesen Koloraturen schwärmerisch, himmlisch leichtfüßig und verlockend in höchster Höhe dem Tamino ihre Tochter dargeboten. Das hat bisher noch keine sternflammende Sopranistin fertiggebracht! Wir haben es ihr in der Pause auf dem Rasen gesagt. Dagegen setzte sie das übersteigerte Kochen in ihrem Herzen in mehrfachen höchsten Aufschreien.
Und Pamina? Auch sie hat eben als die liebende Frau Pamina gesungen und gehandelt. In ihrem Entsetzen über Taminos vermeintliche Kühle gab es kein Belcanto, sondern eben auch melodische Schärfe, um dann wieder ganz und gar sanfte, liebende Frau zu sein.
Was uns ganz gewaltig begeistert hat, das war der junge Sarastro, der auch als Priester und Hüter des siebenfachen Sonnenkreises eine liebende Seele im Leibe hat und dennoch die Menschenliebe und Tiefgründigkeit des Lebens in den Vordergrund gestellt hat. Diesem Sinne ganz und gar folgend, haben wir es, außer bei Franz Mazura, nicht gehört, dass jemand die Satzenden ganz hinunter in die Tiefen gesungen hat. Hut ab!

Nun waren dies jene Stimmen, die wir von Ueckermünde her kannten, die uns begeistert haben und die uns natürlich zuerst aus dem fernen Mannheim in unsere alte Heimat gelockt haben. Leider haben wir von vielen Mitwirkenden und Verantwortlichen keine Mailadresse. Auch Herrn Sandmann, der uns in der Pause auf besonders schön Erarbeitetes hingewiesen hat - beim Dirigieren hat er an diesen Stellen, die ihm besonders aus dem Herzen rannen, das Umblättern in seiner elektronischen Partitur vergessen - danken wir ganz herzlich und wünschen uns und ihm, dass er seinen Figaro-Traum wahr machen kann. Er würde wohl gerne auf Schloss Bröllin mit dieser ganzen Mannschaft und deren Fähigkeiten, die gegebene Örtlichkeit und ihre Natur mit dieser Oper eine Einheit werden lassen.

Musikalisch hat uns an der dargebotenen „Zauberfläut“ außerdem ganz besonders aufgerüttelt, dass mit 11 Sängerinnen und Sängern ein Chorklang gelang, der oftmals in anderen Häusern mit einer vielfachen Besetzung nicht so klangvoll klar herüber kam, wie hier in Bröllin. Auch imponierte uns sehr, dass Herr Sandmann und seine Sänger die Tiefe des Raumes mit Bühne, Treppenstufen und eines Teiles des Zuschauerraumes ausgenutzt haben, dass aber selbst Duette dabei nicht zerfielen. So wurden wir Zuhörer buchstäblich gepackt und eingewickelt in Klang, Harmonie und Handlung.

Natürlich erfreuten uns Papagena und Papageno genau so. Na und die 3 Knaben und die 3 Damen! Meine Klassenkameradin, die neben uns saß, hatte mit zwei anderen Mädchen meiner Klasse 1956 bei einem Schulkonzert den Morgen prangend verkündet. Da war nun diese glanzvolle Aufführung natürlich ein ganz besonderes Jubiläum!

In der Einführung klang das Verhältnis Frau - Mann an. Irgendjemand muss sich sehr gut in Symbolen auskennen. Die sternflammende Königin trug zwei uralte Symbole der Kunst an sich: Das Mondsymbol, Zeichen der Wilbede im Wormser Dom und viel Grün, das Zeichen der Ambede. Das Sonnensymbol der Borbede trug die ganze Mannschaft in der wunderbaren Gestalt der Sonnenblumen. Da war es nach Sarastros Verkündigung nur mehr als gerechtfertigt, dass er das "tief gebeugte Mutterherz" aus seiner Tiefe empor holte und ihr seine Sonnenblume schenkte, womit Mann und Weib nun wahrhaftig an die Gottheit hinanreichen konnten. Eine wahrhaft runde Philosophie!

Noch tausend Feinheiten könnte man hervorheben. An diesen wenigen sollte man aber erkennen, dass kein einziges erarbeitetes Detail umsonst ist in der Kunst, dass jedes Bisschen gesehen und empfunden wird. Es lohnt sich, sich so sehr liebevoll einzubringen, wie es alle, die an dieser Darbietung mitgewirkt haben, getan haben.
Der Alltag hat uns zwar nun wieder, aber viele Spitzlichter gehen inzwischen mehr und mehr auf in einem hellen Leuchten. Aber dieses Leuchten bleibt, und "De Zauberfläut" war wohl die schönste in unserem Leben, und wir haben schon sehr viele gehört und gesehen. Wir sind dankbar, dass wir uns von eben dieser „Zauberfläut“ verzaubern lassen durften.

Fotos Vincent Leifer, Henriette Sehmsdorf

Musikalische Leitung: GMD Georg Christoph Sandmann
Inszenierung: Henriette Sehmsdorf
Bühne: Tom Hornig
Kostüme: Stefanie Gruber
Vocal Coach: Dr. Dr. Sylwia Burnicka-Kalischewski (UdK Stettin)
Regieassistenz: Toni Deutsch
OPERNALE 2016-Ensemble: Petra Schwaan- Nandke (Fieken Dunnerweder)
Königin der Nacht: Su Jin Bae
Pamina: Claudia Roick
Tamino: Ferdinand Keller
Sarastro: Michał Rudziński
Papageno: Lars Grünwoldt
I. Dame: Barbara Ehwald
II. Dame: Dominika Kocis
III. Dame: Sandra Borgarts
Manostatos, 1. Geharnischter: Tomasz Dziecielski
Papagena: Magdalena Motyl
I. Knabe: Agata Porczak
II. Knabe: Aleksandra Wojtachnia
III. Knabe: Wanda Wojciechowska
Sprecher / 2. Geharnischter: Jozef R. Drechny
Orchester OPERNALE 2016: Angelica Butnaru, Annette Fischer, Hannah Silvenoinnen, Klaus Holsten, Immanuel Musäus, Benjamin Saupe
Chor OPERNALE 2016: Aneta Czaplinska, Katarzyna Kostyk, Filip Bankowski, Jacek Lech, Adam Szramski, Aleksandra Wojtachnia, Agata Porczak, Wanda Wojciechowska, Magdalena Motyl
Vorbereitung des Chores: Prof. Barbara Halec, Karolina Stanczyk, Klavier (UdK Stettin)

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 10.09.2016

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