Spurensuche in der deutsch-polnischen Grenzregion. Erfahrungen.

Vorbemerkung
Die kontroverse, aggressiv geführte Debatte über das vom Bund der Vertriebenen in Berlin geplante Zentrum gegen Vertreibungen hat gezeigt, dass dieses Thema auch nach sechzig Jahren Gräben aufreißt. In der Grenzregion ist es allgegenwärtig, auf beiden Seiten der Oder leben Menschen, die ihre Heimat verlassen und ein neues Leben in der Fremde beginnen mussten. In der DDR und in Polen war Flucht und Vertreibung nach 1945 ein Tabuthema. Das wurde auf deutscher Seite besonders deutlich, als es Mitte der 90er Jahre in den neuen Bundes­ländern die Möglichkeit gab, als „Ausgleich“ für den verlorenen Besitz eine einmalige Summe von 4.000,- DM zu beantragen (von manchen Betroffenen wurde das damals auch als „Schweigegeld“ bezeichnet). Es stellte sich heraus, dass ein erheblicher Teil der in der Grenzregion lebenden deutschen Bevölkerung (in vielen grenznahen Orten bis zu 30%) aus Familien stammt, die aus den Gebieten jenseits der Oder geflohen oder von dort vertrieben worden waren. Auf der polnischen Seite hatten sich Menschen aus Zentralpolen, demobilisierte Soldaten und sog. Repatriierte von jenseits des Bug angesiedelt bzw. waren dort angesiedelt worden. Eine Region also, in der die Bevölkerung ausgetauscht worden war. Eine untypische Grenzregion: ohne Sprachgemisch, ohne Anflüge doppelter oder wechselnder Loyalität, ohne einen Hauch multikulturellen Lebens, eine Gegend, in der jeder Schritt über den Fluss ein Schritt in die Fremde war (ist?).

Bei deutsch-polnischen Veranstaltungen zum Thema, z.B. in Guben/Gubin im Dezember 1994, zeigte sich, dass es möglich ist, über schwierige, den Einzelnen schmerzhaft berührende Themen gemeinsam zu sprechen. Allerdings unter der Voraussetzung, dass das Schicksal, auch das Leid des jeweils Anderen anerkannt und die historische Abfolge (Krieg, Terror und Vernichtung, Flucht und Vertreibung) beachtet wird. Es zeigte sich aber auch, dass die gegenseitige Unkenntnis grenzenlos, dagegen die Fähigkeit sich zu verstehen (auch wörtlich gemeint) begrenzt ist. Denn hier leben nicht gerade die von Stefan Chwin beschriebenen Grenzgänger mit einer „durchaus unscharfen, passunähnlichen Identität“, die sich auch in der jeweiligen Nachbarsprache zuhause fühlen.

Heimatorte – Erinnern und Vergessen
Inzwischen sind Besuche in den Heimatorten zu einer allgemeinen Erscheinung geworden. Gerade an diesen Orten des Geschehens und der Erinnerung kreuzen sich die Lebenswege der ehemaligen und heutigen Bewohner. Hier besteht die Möglichkeit, das eigene Schicksal zu überdenken und die Schicksale der Anderen kennenzulernen. Das geschieht bereits in vielen ehemals deutschen, heute polnischen Orten in der (ehemaligen) Neumark, in Pommern oder Schlesien. Gemeinsame Ausstellungen, Schülerprojekte, ökumenische Gottesdienste und Heimatmuseen sind keine Seltenheit. In der Öffentlichkeit sind diese Initiativen wenig bekannt, dabei können gerade sie Nationalismus und Hysterie erfolgreich entgegenwirken, wenn man sich gegenseitig zuhört, die individuellen Schicksale ernst nimmt und die jeweils Einzelnen nicht umstandslos durch die Brille ihrer nationalen Zugehörigkeit definiert.

Auch die Einwohner der polnischen Westgebiete haben damit begonnen, in die alte Heimat im ehemaligen polnischen Osten zu fahren, z.B. aus Chojna, aus Czaplinek, aus Pyrzany. Über den Besuch der Polen aus Pyrzany in Kozaki berichtet ein polnischer Dokumentarfilm mit dem Titel „Alle von dort“ (Same stamtąd). In Pyrzany hat sich nach 1945 ein ganzes Dorf aus dem ehemaligen polnischen Osten (heute Ukraine) mit seinem Pfarrer neu angesiedelt. Der Gemeindevorsteher ließ an seiner Hauswand ein großes Gemälde anbringen, das eben den verlorenen Heimatort zeigt. Nach dem Besuch in Kozaki wurde das Bild an der Hauswand neu gemalt. Bei der Reise ging es um Erinnerungen, die alles andere als angenehm sind. Trotzdem wurde es ein freundschaftlicher Besuch. Und nachdem es die ganze Zeit um Erinnerungen ging, endet der Film mit der überraschenden, versöhnlichen Bemerkung einer älteren polnischen Dorfbewohnerin: „Ja, es war schrecklich. Aber man muß auch irgendwann mal vergessen können.“

60-Jahrfeiern in Westpolen 2005
Ich teile die These vieler meiner Kolleginnen und Kollegen nicht, in der Grenzregion sei alles ruhig und im Prinzip in Ordnung, während die Hauptstadtpolitiker und -journalisten der Hysterie verfallen. Meiner Meinung nach kommt darin ein Mangel an Phantasie zum Ausdruck. Den „Kampf zweier Linien“, wenn ich das einmal so nennen darf, gibt es regional und überregional, in Deutschland und in Polen. Noch heute sprechen einige polnische Bürgermeister von den „wiedergewonnenen Gebieten“, während sich andere mit den vorgefundenen kulturellen Hinterlassenschaften beschäftigen und Gedenktafeln oder Lapidaria an den Plätzen ehemals beseitigter Friedhöfe errichten. Beides findet man auch im gleichen Ort nebeneinander. Das vorgefundene Fremde hat für manche die Bedrohlichkeit verloren (in dem masurischen Ort Nakomiady wurde sogar ausgerechnet ein Bismarckdenkmal wieder aufgestellt), für andere nicht.

Speziell während der 60-Jahr-Feiern polnischer Orte im Jahr 2005 gehörte es nicht gerade zur Selbstverständlichkeit, die Geschichte der Orte vor 1945 in die Festlichkeiten einzubeziehen. Hier ging es vor allem um die erfolgreiche (Re)Polonisierung der nichtpolnischen Stadt. Und es zeigte sich, dass die alte Losung „Wir waren da, wir sind da, wir werden da sein“ noch nicht überall vergessen oder verschwunden ist („Jesteśmy, byliśmy, będziemy“, zu besichtigen z.B. als Inschrift eines Denkmals auf dem ehemaligen Crossener Marktplatz oder in Łobez / Labes). Eine Losung, die vielleicht am klarsten das Bündnis zwischen dem realsozialistischen Regime und der polnischen nationalen Rechten/„Patrioten“ nach 1945 (Verband zum Schutz der Westgebiete / Związek Ochrony Kresów Zachodnich, Polnischer Westbund / Polski Związek Zachodni) zum Ausdruck bringt.

Im Stadtmuseum in Stargard Szczeciński, das eine deutsch-polnische Gruppe während einer Studienreise im Jahre 2005 besuchte, gab es eine (die erste) und ausgesprochen interessante Ausstellung über die polnische Besiedlung der Stadt nach 1945. Die heutigen Bewohner der Stadt hatten zahlreiche private Erinnerungsstücke zur Verfügung gestellt. Am interessantesten für uns war jedoch eine polnische Eisenbahnnetzkarte (bis 1947), auf der die polnische Westgrenze bei Eberswalde eingezeichnet war und alle westlich der Oder gelegenen Orte bereits polnische Ortsnamen trugen. Deutsche Spuren sah man nur in denjenigen polnischen Dokumenten, die aus Papiermangel auf der unbedruckten Rückseite deutscher Dokumente ausgestellt worden waren. Es wurde gefragt, warum es denn keinerlei Exponate aus der deutschen Vergangenheit der Stadt gebe. Ob vielleicht noch keine Kontakte zu den alten Stargardern geknüpft worden seien? Oder ob die neuen Bewohner sich geweigert hätten, solche Dinge, die sie ja sicher auf dem Dachboden gefunden hätten, zur Verfügung zu stellen? Nein, das war nicht der Grund. Bereits früher hatte es durchaus Ausstellungen zum Thema Heimat „Gestern und Heute“ gegeben und es existieren auch Kontakte zu den ehemaligen deutschen Bewohnern. Trotzdem waren die Ausstellungsmacher (oder ihre Vorgesetzten?) zur Auffassung gekommen, dass man in einer Ausstellung über die polnische Besiedlung der Stadt lieber keine deutschen Exponate zeigen und das Thema Vertreibung nicht ansprechen wollte. Dazu sei es doch noch zu früh und die Gelegenheit unpassend. Es schien so als hätten Stargard und Stargard Szczeciński nichts miteinander zu tun. Ein Stettiner Journalist, den man getrost als überzeugten und verwurzelten polnischen Pommern bezeichnen könnte, auch wenn sein Vater aus Ostpolen stammt, fasste das Gesehene nachdenklich zusammen: Wie sicher fühlen sich die Polen denn heute in dem seit sechzig Jahren polnischen Westpommern? Verstehen sie das Spezifische dieser Region? Inwieweit identifizieren sie sich mit ihr? Allem Anschein nach fällt es doch noch immer vielen schwer, eine solche Frage zu beantworten.

Unterschiedliche Kontakte
Wie man auch an der Mediendebatte über das geplante Zentrum gegen Vertreibungen feststellen konnte, gibt es offensichtlich keinen einmal erreichten Stand des Wissens und der Information, hinter den man nicht zurückfallen könnte. Was einige Wissenschaftler längst erarbeitet haben, wird von anderen nicht geteilt und ist auch nicht identisch mit dem Bewusstsein größerer Teile der Gesellschaft. In der Grenzregion ist man zwar mit dieser Frage vertrauter als z.B. in Warschau, weil sie Bestandteil des Alltagslebens in den ehemaligen deutschen Gebieten ist und es in der Regel vielfältige Kontakte zu den ehemaligen Bewohnern gibt. Aber diese Kontakte sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von nostalgischen Fahrten in die Heimat ohne jeden Kontakt zu den heutigen Bewohnern, über Besuche, bei denen formelle Bekenntnisse auf offiziellen Treffen ausgetauscht werden, die niemanden berühren, bis hin zu tatsächlich intensiven Treffen und Gesprächen in einem offenherzigen Klima. Letzteres entsteht nur dann, wenn es einzelne Personen oder Initiativen gibt, die – neugierig auf die Anderen – mit Verständnis und kontinuierlichem Engagement ans Werk gehen und darüber hinaus noch fähig sind, eine Vermittlerrolle, auch sprachlich, zu spielen.

In Neuwarp/Nowe Warpno z.B. besuchen die Heimatfreunde Neuwarps schon seit Jahren regelmäßig zu Pfingsten ihren Heimatort am Stettiner Haff. Sie kommen aus Altwarp mit der Fähre, gehen einmal durch den Ort, essen vielleicht noch in der Bar Argus (wo dank einer Einzelinitiative an der Wand viele Postkarten mit alten Stadtansichten hängen) und kehren mit der Fähre nach Altwarp zurück. Treffen oder Gespräche mit den heutigen Einwohnern gab es nicht – bis zum letzten Jahr. Ein zugezogener Stettiner und das Projekt Spurensuche hatten gemeinsam mit einigen weiteren polnischen Bürgern Nowe Warpnos ein Treffen in der örtlichen Kirche vorbereitet. Zwar wollten die angereisten Deutschen sich noch nicht an der Diskussion beteiligen, kamen aber zur Veranstaltung. Inzwischen hat sich in Nowe Warpno ein Verein „Erinnerung und Tradition“ gegründet, der sich auch als Partner der Heimatfreunde Neuwarps versteht. Seine Mitglieder arbeiten an einer Ausstellung mit alten Fotos aus Nowe Warpno. Nun gehen sie durch die Häuser und fordern die Bewohner auf, alte Fotos zu suchen und auszuleihen. Sie diskutieren darüber, wer und was auf dem Foto zu sehen ist, von wann es stammen könnte. Das geschieht nach sechzig Jahren. Spät? Irgendwie schon, aber wie gut, dass es eine zivilgesellschaftliche Initiative gibt, die das diesjährige gemeinsame Pfingsttreffen vorbereitet.

Prozesse
Wir nehmen teil an einem Prozess, den wir selbst mitschaffen und beeinflussen, und der keineswegs automatisch zu mehr Verständnis führt. Auch die Bewohner der Grenzregion lesen Zeitung und gucken fern, und sie sind nicht immun gegen nationalistische Propaganda. Kontakte mit den ehemaligen Bewohnern sind auch nicht immer einfach, zu oft zeigen sich Überheblichkeit und Verachtung gegenüber Polen bzw. Slawen. Das hatte schon Theodor Fontane, im Unterschied zu Gustav Freytag kein Freund deutschen Größenwahns, kein Polenfeind und kein Antisemit, in seinem Roman „Vor dem Sturm“ thematisiert. Dort lässt Fontane offensichtlich mit großem Vergnügen und recht ironisch den preußischen Justizrat Turgany aus Frankfurt (Oder) mit dem Pastor Seidentopf aus Hohen-Vietz über die germanische oder slawische Herkunft ihrer archäologischen Funde streiten. Der preußische Justizrat polemisiert: Er [ein Bronzewagen] ist von jenseits der Oder. Wegearbeiter fanden ihn zwischen Reppen und Drossen. ... Drossen ist wendisch und heißt: Stadt am Wege. Die Oder war immer Grenzfluß. Und er belehrt Seidentopf: ... es zählt bei mir zu den Unbegreiflichkeiten, dass ein Mann von Deinem wissenschaftlichen Ernst, der sich in hundert anderen Stücken durch Vorurteilslosigkeit auszeichnet, die Kultur der slavischen Vorlande bestreiten kann. ... Von unserer alten Priegnitz an, in der wir geboren wurden, bis zu diesem Lande Lebus, in dem wir beide jetzt wohnen, tragen sowohl die Landesteile selbst, wie ihre Städte und Dörfer, zum ewigen Zeichen dessen, dass sie aus wendischen Händen hervorgingen, gut slavische Namen, in erster Reihe dieses Hohen-Vietz.

Von Fontane kann man auch lernen, dass es sich lohnt, einer Auseinandersetzung nicht aus dem Weg zu gehen. Es macht keinen Sinn um des lieben Friedens willen, die eigene Meinung und die eigenen Erfahrungen zu verschweigen. So redet man immer weiter aneinander vorbei, höflich und freundlich, kommt sich aber nicht näher, versteht sich nicht besser, lernt nichts hinzu. So hat es der Chefredakteur und Herausgeber einer Lokalzeitung in Königsberg/Chojna jahrelang erlebt. Er meint, die Kooperation mit den ehemaligen Bewohnern habe zwar viele Früchte gebracht, nach und nach werde die Marienkirche im Stadtzentrum, das es eigentlich auch nicht mehr gibt, wieder aufgebaut. Aber die jährlichen gemeinsamen Treffen mit den ehemaligen Königsbergern hätten bei den Einwohnern von Chojna nichts bewegt, weil man nicht offen miteinander sprach und umging. Von einem „polnischen Neumärker“ aus Witnica/Vietz, stammt der Rat, offen miteinander zu sprechen und bei Kontroversen ein Protokoll der Unstimmigkeiten zur weiteren Bearbeitung anzufertigen.

Offene Worte
Manchmal enden solche Versuche, die Ebene der gutgemeinten Worte zu verlassen und „sich alles zu sagen“, „die Wahrheit zu sagen“, „offene Worte zu sprechen“ aber auch erst einmal in einer kleinen Katastrophe. So eben im Fall Chojna/Königsberg. Er, der aus Lublin nach Chojna Gekommene, wollte mit einem ehemaligen Königsberger, der sich jahrelang für den Wiederaufbau der Marienkirche und die „deutsch-polnische Versöhnung“ eingesetzt hatte, endlich einmal offene Worte wechseln und bekam folgendes zu hören: Sie, Herr Ryss, wissen als gebildeter Pole, dass es keinen gleichwertigen polnischen Begriff für das deutsche Wort HEIMAT gibt. Die slawische Sprache kennt wohl nur das ‚kleine Vaterland’ dafür. Deswegen sind Polen als besonders stolze Patrioten katholischen Glaubens bekannt, die zwar jahrhundertelang immer möglichst viel Land erobern und als Jäger und Sammler beherrschen wollten, nicht aber im Schweiße ihres Angesichts den kargen neumärkischen Boden fruchtbar machen wollten.

Ähnlich verlief ein Mediations­versuch Frankfurter Studenten zwischen heutigen und ehemaligen Besitzern eines Gutshofs in der Neumark/Ziemia Lubuska. Leider teilen beide Heimatvertriebene bis heute die Auffassung, es habe 1939 keinen deutschen Überfall auf Polen gegeben, sondern eine Provokation Deutschlands durch polnische Militaristen bzw. durch eine „vollendete polnisch-französisch-britisch-chauvinistische Einkreisungspolitik“ Deutschlands. Angesichts solcher auch öffentlich vorgetragener Ansichten könnte man sich fragen, ob es nicht doch besser wäre zur Tabuisierung zurückzukehren? Aber nein. Diese beiden Personen repräsentieren nicht die deutschen Heimatvertriebenen, im zweiten Fall nicht einmal die eigene Familie. Sie haben sich ihre eigenen Fakten geschaffen, sind für Argumente nicht zugänglich. Daraus kann man nur lernen, dass es Gleichgesinnte und Gegner überall gibt, im eigenen wie im Nachbarland. Es kommt darauf an, die Gleichgesinnten zu finden und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Nationalisten und Rassisten gibt es überall (auch wenn manche Polen meinen, das sei ein ausschließlich deutsches Phänomen), mit ihnen kann man sich auseinandersetzen, eine Mediation ist da eher unangebracht. Auch ein Protokoll der Unstimmigkeiten würde hier wahrscheinlich wenig nützen.

Nachholbedarf
Hier in der Grenzregion gibt es tatsächlich noch einen großen Nachholbedarf bei der Überwindung des Schweigens der letzten Jahrzehnte. In den polnischen Westgebieten wird wie in Brandenburg, Mecklenburg Vorpommern oder Sachsen erst in den letzten Jahren darüber gesprochen, woher die Familie kommt, welche Heimat sie warum und unter welchen Bedingungen verlassen musste. In Westpolen kam nach 1945 eine neu zusammengewürfelte Bevölkerung aus den verschiedensten Gegenden Polens und mit den unterschiedlichsten Erfahrungen zusammen. Aber die Besonderheiten sollten nicht thematisiert werden, es ging um die Polonisierung der Westgebiete, da versprach eine gewaltsame Unifizierung der Bevölkerung mehr Erfolg. Besondere Symbole oder Symbole von Minderheiten, wie z.B. der in der Aktion Weichsel zwangsumgesiedelten und zerstreut und (theoretisch) mindestens 50 km von der Grenze entfernt angesiedelten Ukrainer, und erst recht der ehemaligen deutschen Bevölkerung waren unerwünscht. Zwar erzählt man sich im polnischen Westpommern untereinander, dass sich die aus Ostpolen Stammenden und die „Nationalen aus Großpolen mit ihrer historischen Polonisierungsmission“ nicht leiden konnten, aber in der Öffentlichkeit spielte das keine Rolle. Alles Nichtpolnische, alles Besondere musste verschwinden. Der schon zitierte Ex-Lubliner aus Chojna schreibt: Die Geschicke der nichtpolnischen Friedhöfe in Chojna und Umgebung berühren Tabuthemen, an denen es in unserem Land nicht fehlt, trotz Beseitigung der amtlichen Zensur. Man hat mir geraten, nach dem Schicksal des jüdischen Friedhofs lieber nicht herumzufragen, ähnlich wie auch nach der Art und Weise, auf die die Grabsteine in den umliegenden Bauernhöfen verwertet wurden. ... Ich war zuerst überzeugt, dass der Lubliner jüdische Friedhof den zweiten Weltkrieg überstanden hatte, weil er im Generalgouvernement und nicht im Reich lag. ... Ich erinnere mich an den Schock, als sich herausstellte, dass der jüdische Friedhof in Chojna in aller Ruhe den Krieg überstanden hatte und erst viel später, erst durch uns Polen zerstört und dem Erdboden gleichgemacht worden war.

Ein in der Regel eher verschwiegenes Thema ist auch das Schicksal der nach dem Krieg in Polen verbliebenen alleinstehenden deutschen Frauen, die sich später meistens mit polnischen Männern verheirateten. Jetzt gibt es darüber einen Film. Ursprünglich hatte er den Titel „Ich war eine Deutsche“, aber diejenige, die im Gespräch eben diese Bemerkung gemacht hatte, protestierte, weil sie ja schließlich immer noch Deutsche sei. In „Das Land meiner Mutter“ (diesen Titel führt der Film jetzt) eines Dokumentarfilmers deutsch-polnischer Herkunft erzählen einige dieser Frauen ihr Schicksal nach 1945. Sie waren in der Heimat geblieben, die keine Heimat mehr ist, weil sie in ihr allein zurückgeblieben sind. Jede hat sich auf ihre Weise arrangiert, mehr oder weniger glücklich. Frauen, die sich mit diesem Schicksal nicht versöhnt haben, gibt es sicher auch, aber im Film kommen sie nicht vor.

Auf ein gleichberechtigtes, verständnis- und rücksichtsvolles, offenes Klima der Zusammenarbeit sind wir in Landsberg an der Warthe/Gorzów Wielkopolski gestoßen. Dort besprechen die Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg und die Stadtverwaltung Gorzów alle Schritte gemeinsam, teilen sich die Arbeit und die Finanzen, kritisieren sich auch gegenseitig, wenn sie es für nötig halten. Christa Greuling, als ehemalige Landsbergerin sehr aktiv (vielleicht kennen Sie sie aus dem Film „Erinnerungen an die Stadt L.“ dreier polnischer DokumentaristInnen), berichtete, dass am zweiten September in Gorzów eine Friedensglocke mit folgender Inschrift eingeweiht werden soll: 1257 – 2007 Landsberg an der Warthe – Gorzów Wielkopolski. Am liebsten hätte sie es gesehen, wenn bei dieser Gelegenheit auch noch der Grunwaldzkiplatz, der früher Musterplatz, dann Platz der SA hieß, einen ganz neuen Namen erhalten hätte. Verhandelt wird noch darüber, welche Flaggen gezeigt und welche Hymnen ertönen dürfen.

Zeitzeugen
Es ist die Stunde der Zeitzeugen, obwohl diejenigen, die heute berichten können, damals kleine Kinder waren und jetzt Rentner sind. Das unterstützt bei den deutschen Zeitzeugen oft die sowieso vorhandene Tendenz, die Geschichte mit der Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat beginnen zu lassen. Etwas was zu Recht kein Pole verstehen oder akzeptieren kann, ebenso wenig wie die meisten Deutschen. Es gibt in der Grenzregion – und wir versuchen das zu unterstützen – einige gemeinsame Projekte zwischen Senioren, SchülerInnen und deren LehrerInnen. In Storkow und der Partnerstadt Opalenica entstand eine zweisprachige Broschüre mit 40 Zeitzeugenberichten (20 deutschen und 20 polnischen) durch die Zusammenarbeit des Storkower Seniorenbeirats und der Seniorenorganisation Opalenica mit der Europaschule Storkow, in der auch polnische Schüler lernen, und dem Lyzeum Opalenica. Polnische Schüler und Lehrer befragten Senioren in und um Opalenica und brachten 20 Geschichten zutage. Deutsche und polnische SchülerInnen der Europaschule Storkow übersetzten die Texte. Horst König, tatkräftiger Chef des Seniorenbeirats Storkow, schreibt in der Broschüre: Über lange Zeit hinweg saßen die Geschichten in den Köpfen der deutschen und polnischen Bürger und warteten ... auf diesen Abruf. Nun erfährt also auch die Generation der Enkel, wie es damals vor 60 Jahren wirklich war.

Tatsächlich zeigte es sich bei diesen Projekten, dass die Jugendlichen oft erst durch diese Arbeit herausfanden, woher ihre eigenen Eltern bzw. Großeltern kommen und was sie erlebt haben. So erging es den deutschen und polnischen Gymnasiasten einer Deutschlehrerin in Gartz, von der sie losgeschickt worden waren, ihre Eltern und Großeltern zu befragen und anschließend darüber zu schreiben. Die Form hatte sie ihnen freigestellt – Gedicht, Reportage, Essay, Tagebucheintragung. Die behandelten Geschichten erzählten vom Schicksal polnischer Zwangsarbeiter, nach Sibirien Deportierter, aus dem Osten Ausgesiedelter und vom Schicksal deutscher Flüchtlinge und Vertriebener. So erging es auch denjenigen, die in Stolzenhagen an der Oder an einer Videowerkstatt teilnahmen und mit Unterstützung von Experten kurze Dokumentarfilme drehten. Einer der Filme dokumentierte den ersten Besuch einer Uckermärkerin in ihrem Stolzenhagen gegenüber liegenden HeimatortHeimat Bielinek / Bellinchen. Im Film sieht man eine alte Postkarte, die zeigt wie Bellinchen vor dem Krieg, von der anderen Oderseite aus betrachtet, ausgesehen hatte: ein schmuckes Kleinstädtchen, direkt an der Oder. Blickt man heute von derselben Stelle auf diesen Ort, sieht man gar nichts. Es ist einer dieser Orte mit erschreckender Leere anstelle des alten Stadtzentrums. Aber das eigene Haus stand noch. Die neuen Eigentümer hatten es unlängst erworben und renoviert. Sie waren jung, gastfreundlich und aufgeschlossen. Die Renovierungsarbeiten gefielen der ehemaligen Bewohnerin sehr gut. Der gewünschte aber auch gefürchtete Besuch war gut ausgegangen. Ihre Heimat ist heute woanders. Später wurden alle beteiligten Zeitzeugen, die SchülerInnen und der örtliche Kreisverband der Vertriebenen eingeladen, um die entstandenen Filme anzusehen und zu diskutieren.

Bei Veranstaltungen mit Zeitzeugen kann es natürlich nicht darum gehen, ihnen andächtig zuzuhören und den Bericht unhinterfragt stehen zu lassen. Man erinnert sich in der Regel nur an bestimmte Dinge, verdrängt andere, oder deutet sie vielleicht auch um. Die Zeitzeugen sind sehr wichtig, man muß aber lernen, nachzufragen. Es gibt auch schlechte Routine oder Vortragende, die ihre eigenen Berichte für unhinterfragbar halten und sich für ihre Zuhörer oder Gesprächspartner eigentlich nicht interessieren. Dann ist eine gute Moderation gefragt. Natürlich kann es einfach Irrtümer geben. Ein polnischer Soziologe aus Grünberg/Zielona Góra kritisierte kürzlich das „Gerede von den ersten Pionieren in Krosno/Crossen“, die sich bereits im April 1945 in leerstehenden Häusern einquartiert hätten, und tatsächlich weder Pioniere noch Patrioten, sondern einfach Profiteure gewesen seien. Nicht wenige deutsche Zeitzeugen behalten ihre wirkliche Meinung oft für sich, weil sie glauben, sie sei den Polen nicht zumutbar. Das führt dazu, dass diese Meinungen unveränderbar sind, weil sie nur dort geäußert werden, wo Zustimmung sicher ist. Neue Erkenntnisse kann man auf diese Weise nicht gewinnen und es entsteht Misstrauen auf beiden Seiten.

Netzwerk
Initiativen und Einzelpersonen arbeiten im Projekt Spurensuche – Po śladach an der Schaffung eines regionalen Netzwerks in der Grenzregion. Es gibt, wie erwähnt, Zeitzeugengespräche, Film- und Vortragsabende, Studienreisen und eine deutsch-polnische Presseübersicht „Transodra Spezial“ mit Unterstützung seitens des deutsch-polnischen Journalistenclubs „Unter Stereo-Typen“. Eine zweisprachige Ausstellung über deutsche und polnische Vertreibungsschicksale wandert durch die Region, neue Ausstellungen entstehen. Die Arbeit wird in der Zeitschrift „Transodra“ dokumentiert. Das Projekt Spurensuche ist Bestandteil des mit EU-Mitteln geförderten Projektes „Zivile Brücken – Mosty społeczne“ der Ausländerbeauftragten des Landes Brandenburg. Die Kommunikation untereinander ist hilfreich und nützlich, sie erweitert das Verständnis der Grenzregion. Das angestrebte Netzwerk verstehen wir als Gegenpol eines eventuellen Zentrums in Berlin (das ja vielleicht gar nicht entsteht), als eine Vernetzung von Initiativen und Personen an der gesellschaftlichen Basis. Ob dieses Netzwerk auch eine feste Organisationsform erhält, wird die Zukunft zeigen. Work in progress, wie man so sagt. Versprechen können wir nichts.

Vortrag auf der Konferenz Oder-Odra an der
Europauniversität Viadrina vom 27.-30.4.2006
Projekt Spurensuche / Po śladach: www.dpg-brandenburg.de

Nachwort
Nach Fertigstellung dieses Textes bekam ich die letzten beiden Ausgaben der Gazeta Chojeńska zugeschickt, meine liebste polnische Lokalzeitung. In der vorletzten Ausgabe finde ich einen Leserbrief von W. Wojciechowicz aus Banie/Bahn an die Redaktion. Wojciechowicz fragt nach der Schlacht bei Cedynia/Zehden im Jahre 972, die in seinem Heimatort im Zusammenhang mit dem Gedenktag „61 Jahre Polen in Banie“ wieder aufgetaucht sei. Er fragt, wem gehörte eigentlich 972 das Gebiet? Wer lebte dort? Was heißt in diesem Zusammenhang Rückkehr ins Mutterland?

Der hier bereits erwähnte Robert Ryss, Herausgeber und Chefredakteur erläutert in seiner Antwort die Geschichte dieser Gegend etwa vom 4. Jahrhundert bis heute (übrigens nicht das erste Mal) und beendet den Artikel so: Auf Halbwahrheiten und Fälschungen kann man nichts Wertvolles aufbauen. ... Heute sind diese Gebiete polnisch. Um das zu beweisen ist es nicht nötig die Geschichte zu manipulieren. Zeigen wir unseren Patriotismus, indem wir unsere Städte, Dörfer, Straßen und Siedlungen verschönern, bereichern, sie kulturell und zivilisatorisch weiter entwickeln. Heutzutae gibt es nichts, an dem man unsere Liebe zum Vaterland besser messen könnte.

(Gazeta Chojeńska 14 (613), 4.-10.4.2006, www.gazeta.chojna.com.pl )

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