Heimat an der Mietzel

In vielen kleinen und größeren polnischen Ortschaften des Grenzgebietes sind seit Jahren verschiedene lokale Initiativen aktiv. Ihr Ziel ist nicht nur, die vergessene Geschichte der Region wieder zu entdecken, sondern auch die Mitbewohner dazu zu inspirieren, dass sie die Verantwortung für ihre Lebensorte übernehmen. Es sind Versuche, zivilgesellschaftliche Räume zu bilden. Wir drucken einen Bericht ab, den wir von Marek Karolczak aus Myślibórz (ehemals Soldin an der Mietzel) erhalten haben, einem Städtchen mit 12.000 Einwohnern in der polnischen Wojewodschaft Westpommern, das 40 Kilometer von Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe) entfernt liegt. (Die Redaktion)

Myślibórz hat eine interessante, über 700-jährige Geschichte: Früher war es Hauptstadt der Neumark, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hier die Bevölkerung vollständig ausgetauscht. Es war bis 1975 und dann wieder nach 1999 Kreisstadt. Nach der Systemtransformation gingen alle bedeutenden Betriebe der Stadt Pleite, der Eisenbahnknoten wurde abgeschafft, sogar das Kino abgetragen, das in den 1960er Jahren erbaut worden war und als sehr modern galt. Das traditionsreiche Gymnasium wurde geschlossen. Heute sieht die Hauptstraße schlimmer aus als 1945. Die Bevölkerungszahl sinkt. Das kaputte Wasserversorgungsnetz setzt den Einwohnern zu.

2003 gründete eine Gruppe von Enthusiasten, die sich um die Zeitschrift Z biegiem Myśli (Dem Lauf der Mietzel folgend) versammelten, einen Verein unter demselben Namen, der eng mit dem hiesigen Museum der Soldiner Seenplatte zusammenarbeitet. Eine der Aufgaben des Vereins, die in der Satzung formuliert wurden, sind Aktivitäten zur Förderung unserer Heimat und die Zusammenarbeit mit ähnlichen Vereinen in Polen und im Ausland. Zu unseren Zielen gehört auch die Aktivierung der lokalen Gemeinschaft. Seit drei Jahren leite ich im Museum regelmäßige Treffen „Gewinne deine Stadt lieb“, die von Januar bis Juni einmal im Monat organisiert werden und jeweils ein ausgewähltes Thema zur Geschichte der Stadt und des Kreises vorstellen. In diesem Jahr war das die Wirtschaftsgeschichte. Ich möchte die Zeiten der Blüte zeigen, aber auch bewusst machen, dass man etwas tun kann: für die Stadt und für sich selbst. Das ist sehr schwierig, aber ich denke, es lohnt. Es gibt schon die ersten positiven Zeichen, und zu unserem Verein kommen immer mehr Menschen.

2004 fand in Myślibórz das erste Treffen mit einer Gruppe von vierzig Personen statt, die vom Soldiner Kiez e.V. aus Berlin gekommen waren. Warum ausgerechnet der Soldiner Kiez? In Berlin-Wedding gibt es eine Straße, die Soldiner Straße heißt. Und Soldin ist der Vorkriegsname von Myślibórz. Die Idee, das Schicksal dieser Straße und der Menschen, die dort wohnen, kennen zu lernen, führte zur Kontaktaufnahme und zu weiteren gemeinsamen Aktivitäten. Das nächste Treffen wurde im Juni 2005 in der Soldiner Straße in Berlin organisiert. Während eines Straßenfestes präsentierte unser Verein seine Tätigkeit und die Stadt Myślibórz. Im Laden des Soldiner Kiezes kann man nun Informationen und Materialien über unsere Stadt und unseren Verein bekommen.

Nach diesen Treffen konnten wir am 3. September 2005 unter der Glaskuppel des Reichstags eine Vereinbarung über die Kooperation im Rahmen des Projektes „Ein vereinigtes Europa schaffen – Treffen in Myślibórz” unterzeichnen. Die Zusammenarbeit beider Vereine umfasst kulturelle und touristische Projekte, die Erforschung der Heimatgeschichte und den Umweltschutz. Zum sichtbaren Symbol unserer Kontakte wurden die Tafeln, die über den Straßenschildern zu sehen sind: Sie informieren, dass das alte neumärkische Soldin heute das polnische Myślibórz ist.

Eine andere deutsche Gruppe, mit der wir ebenfalls zusammenarbeiten, kommt vom Heimatverein Neuhardenberg, mit dem wir eine ähnliche Vereinbarung unterzeichnen konnten.

Der Verein „Z biegiem Myśli” hat auch andere wichtige Aktivitäten realisiert wie das Projekt „Route des Dialogs” gemeinsam mit der Stadt- und Gemeindeverwaltung von Myślibórz im Rahmen der Europäischen Gemeinschaftsinitiative INTERREG III A. Das Projekt wurde aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert und hatte sich zum Ziel gesetzt, eine städtische historisch-touristische Route in Myślibórz zu entwickeln und zu markieren. Im Rahmen des Projektes ist ein Stadtführer durch Myślibórz in drei Sprachversionen erschienen. Es wird ein touristisches Abzeichen verliehen, um das sich sowohl Polen als auch ausländische Reisende bewerben können. Bis jetzt bekamen rund 500 Personen das Abzeichen.

In Zusammenarbeit mit der Stettiner Akademie der Landwirtschaft, dem Bürgermeister der Stadt und Gemeinde sowie dem Landrat des Kreises Myślibórz führten wir bereits drei wissenschaftliche Symposien „Dialog an der Mietzel” durch, die sich dem Thema Natur und Ökologie widmeten. Das erste fand im Mai 2005 statt, befasste sich mit Strategien zum Umweltschutz im Gebiet der Mietzel und war insofern erfolgreich, als eine Vereinbarung zwischen der Stettiner Akademie und dem Bürgermeister von Myślibórz abgeschlossen werden konnte. Das zweite Symposium vom Juni 2006 widmete sich der ökologischen Pädagogik und das dritte, im Mai 2007, behandelte die Nutzung erneuerbarer Energie.

An allen drei Zusammenkünften nahmen Gäste aus Deutschland teil, die in ihren Vorträgen ökologische Probleme ihrer Orte behandelten: Vertreter des Soldiner Kiez e.V. Berlin, des Instituts für Landschaftswasserhaushalt, des Heimatvereins Neuhardenberg und der Fachhochschule Eberswalde. Dies alles war dank der Förderung durch die Selbstverwaltung der Stadt und Gemeinde sowie durch die Unterstützung des Wojewodschaftsfonds für Umweltschutz und Wasserhaushalt und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit möglich. Die Symposiumsvorträge werden in Sonderausgaben von Z biegiem Myśli und auf der Website des Vereins (www.zbiegiemmysli.pl) dokumentiert.

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