Jüdische Gemeinde und jüdischer Friedhof in Schwerin a.d. Warthe

Zur Geschichte der Schweriner Jüdischen Gemeinde

Die Schweriner Jüdische Gemeinde (1) gehörte zu den vermögendsten und bedeutendsten im westlichen Großpolen. An Mitgliederstärke war sie den jüdischen Gemeinden in Meseritz (Międzyrzecz), Birnbaum (Międzychód), Tirschtiegel (Trzciel), Zirke (Sieraków) und Blesen (Bledzew) überlegen. (2) Man vermutet, dass sich die Juden in dieser königlichen Grenzstadt, die eine Zollkammer besaß, bereits im 14. Jahrhundert ansiedelten. Für sie, die in jener Zeit vor allem Handel trieben, muss die Lage dieser Stadt an den wichtigsten Handelsstraßen besonders attraktiv gewesen sein. Nach der Vertreibung der Juden aus Brandenburg im Jahre 1510 wuchs ihre Anzahl in der Stadt erneut, was zu zunehmenden Spannungen zwischen den christlichen Kaufleuten und Handwerkern und der jüdischen Bevölkerung führte. Man versuchte die Juden aus der Stadt zu vertreiben (1520), das endete aber letztendlich in einem Fiasko. (3) Das jüdische Viertel befand sich im südwestlichen Teil der Stadt. (4) Dort standen auch die für die Gemeinde wichtigen Gebäude einschließlich der Synagoge. Sie sind entweder nicht mehr erhalten oder ihrer ursprünglichen Bestimmung beraubt. Im Jahre 1793 lebten in Schwerin an der Warthe 720 Juden und stellten damit etwa 30% der Einwohner. (5) Die große und dynamische Gemeinde legte Wert auf die Beschäftigung anerkannter Rabbiner. Hier wirkten unter anderem Mordechai ben Meir-ha Kohen (um 1710), Ibi Hirsch aus Prag (1763), Joshua Spira aus Frankfurt an der Oder (1771) und Hirsch Aaron London (1777-90). Aus Schwerin a.d. Warthe stammten unter anderem Prof. Gassel Simon ben Israel, Rabbiner in Amsterdam (er starb dort 1712) und Autor zahlreicher Bibel- und Talmudkommentare und Eliakim ha-Kohen Schwerin Goetz (geb. 1760), der später als einer der hervorragendsten ungarischen Rabbiner des 19. Jahrhunderts bekannt wurde und somit der berühmteste Vertreter der Schweriner Jüdischen Gemeinde war.

In der Schweriner Gemeinde wurde großer Wert auf Bildung gelegt, und die von Moses Mendelssohn (1729-86), dem „Vater“ der Haskala, verbreiteten Ansichten fanden großen Anklang. (6) Die Nähe zu Berlin, dem Hauptzentrum der jüdischen Aufklärung, und die Verbindungen zu den dortigen Juden bewirkten, dass die Aufklärungsideen in der Jüdischen Gemeinde verstärkt aufgenommen und akzeptiert wurden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt die Schweriner Gemeinde neben der Wollsteiner (Wolsztyn) als eine der reformfreudigsten jüdischen Gemeinden in Großpolen. (7)

Die aufklärerischen Tendenzen entwickelten sich im Einklang mit der Assimilationspolitik des preußischen Staates. Die Abschaffung der mittelalterlichen Beschränkungen und die Verleihung umfassender Bürgerrechte (endgültig 1869) führte in dem sich reformierenden Schweriner Judentum (und nicht nur dort) zu einer Identifizierung mit dem preußischen Staat, sogar zu einer Art von preußischem Patriotismus, der von den Polen sehr misstrauisch betrachtet wurde und als eine der Ursachen des polnisch-jüdischen Antagonismus in Großpolen betrachtet werden kann.

Im Vergleich zu anderen Gemeinden des westlichen Großpolen, z.B. Meseritz, wo noch 1824 eine typisch orthodoxe Synagoge gebaut (getrennte Teile für Männer und Frauen) und Mitte des 19. Jahrhunderts die Gottesdienste noch nicht in deutscher Sprache abgehalten wurden, scheint sich die Schweriner Gemeinde damals bereits vollständig der deutschen Kultur assimiliert zu haben und in der Strömung des reformierten Judentums aufgegangen zu sein. Diese Einflüsse kann man bis zum heutigen Tage an der Grabsymbolik des Friedhofs ablesen. Die Verleihung der Bürgerrechte an die Schweriner jüdische Bevölkerung führte einerseits zur Migration in die größeren Zentren, hauptsächlich nach Berlin und damit zur stetigen Verringerung der jüdischen Bevölkerung, andererseits zur verstärkten wirtschaftlichen Aktivität derer, die sich entschieden hatten dort zu bleiben. Die Familien Cohn, Stargardt und Boas waren die größten Steuerzahler der Stadt, ihnen gehörten die größten Firmen und der Großhandel. Der plötzliche wirtschaftliche Zusammenbruch nach dem Ersten Weltkrieg beschleunigte jedoch die Emigration der verbliebenen Schweriner Juden; die Machtergreifung Adolf Hitlers und der Zweite Weltkrieg führten schließlich zur völligen Liquidierung der über 600 Jahre alten Gemeinde. (8) Heute besteht die einzige deutliche Spur, die uns an die Anwesenheit der Juden in Schwerin a. d. Warthe erinnert, in dem glücklicherweise bis in unsere Zeit erhaltenen Friedhof. (9)

Zur Geschichte des Friedhofs

Foto 1Der jüdische Friedhof (hebr. Bet-ha–kevarot – Haus der Gräber, Bet-ha–Chaim – Haus des ewigen Lebens) liegt im südlichen Teil der Stadt, auf einem Hügel an der Straße nach Meseritz. Auf alten deutschen Landkarten wird dieser Hügel als „Judenberg“ bezeichnet. Dieser Name ist in der offiziellen polnischen Namensgebung und der heutigen Umgangssprache der Einwohner unbekannt. Im Norden grenzt der Friedhofshügel an den ehemaligen evangelischen (heute kommunalen) Friedhof und ist etwa 2 km vom Stadtzentrum entfernt. Das Gründungsjahr des Friedhofs ist nicht bekannt; seine Anlage könnte auf Anfang des 18. Jahrhunderts zurückgehen, denn der älteste erhaltene Grabstein stammt aus dem Jahre 1736. (10) [Foto Nr. 1] Die Fläche des Friedhofs beträgt 2,35 ha. Nach seiner im Juni 2002 erfolgten Rekonstruktion wurden 247 Grabsteine gezählt. Das Friedhofsgelände und die Anzahl der vollständig oder teilweise erhaltenen Grabsteine machen ihn zum größten Objekt dieser Art in der Woiwodschaft Lubuskie. Man weiß, dass der Friedhof auch Juden aus dem nahegelegenen Morrn (Murzynowo) zur Bestattung diente.

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre endeten die Bestattungen auf dem Friedhof. Er überdauerte die Zeit des Zweiten Weltkriegs in unbeschadetem Zustand, wobei die Friedhofstore, die Umzäunung, der Brunnen (der sich am Tor auf der Seite der Międzyrzecka-Straße befand), das Taharahaus, das auf dem Gipfel des Hügels lag, die Grabsteine, Familiengruften und andere Elemente der Friedhofsausstattung erhalten blieben. (11) Bis Mitte der 1960er Jahre verwilderte der Friedhof und unterlag fortschreitender Zerstörung als Folge der Einwirkung von Wetter und Naturkräften. Es kam jedoch zu keinen bedeutenden Zerstörungsaktionen durch die dort lebenden Menschen.

Die Situation änderte sich mit Beginn der 1970er Jahre, als der Friedhof in relativ kurzer Zeit so weitgehend zerstört wurde, dass er seine ursprüngliche Anlage und Ausstattung verlor. Vermutlich erfolgte die Verwüstung von zwei Seiten: einerseits durch die staatliche „Liquidierungsaktion von Friedhöfen“, die nach dem Motto „In Ordnung bringen von kommunalen, geschlossenen und verlassenen Friedhöfen“ verlief, und andererseits durch individuelle Verwüstungsakte seitens der Einwohner der Stadt. Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre wurde die Straße nach Meseritz verstärkt ausgebaut. Nach Meinung von Zeugen (12) kam es eben in jener Zeit zur Zerstöung des Friedhofs. Man behandelte ihn als einen Ort, an dem es kostenloses Baumaterial zu holen gab. In den Fundamenten und Terrassen vieler damals gebauter Häuser könnte man Grabplatten vom Jüdischen Friedhof finden. Grabsteine aus edlerem Material, wie Marmor oder Granit, waren schon früher von den örtlichen Steinmetzen benutzt worden; solche umgeschliffenen Steine kann man heute auf den umliegenden Kommunalfriedhöfen finden. Ein Großteil der Marmor- und Granitplatten wurde u.a. nach Posen und Stettin gebracht. Der größte Raub fand Anfang der 1970er Jahre statt (1971?), als Emil Kotylak Amtsvorsteher von Stadt und Gemeinde war. Mehrere Tage lang demontierte eine Stettiner Firma unter Benutzung eines Baukrans wertvolle Grabsteine von Familiengruften aus schwarzem, schwedischen Marmor und kunstvoll geschmiedete Metallumzäunungen. (13) Metallene Verzierungsteile der Friedhofsausstattung kann man heute auch noch an den Umzäunungen örtlicher Häuser sehen, u.a. in der Teatralna-Straße.

Man sollte meinen, dass sich niemand für einen so verwüsteten und auf einem relativ hohen, schwer zugänglichen und vom Stadtzentrum entfernten Hügel gelegenen Friedhof, interessiert, der wie durch ein Wunder der vollständigen Liquidierung entging. So war es aber nicht. Sowohl ortsansässige als auch von außen kommende Friedhofshyänen gruben noch lange nach Kostbarkeiten aus dem Besitz der Toten. Noch heute kann man in der Topographie des Friedhofs Vertiefungen und Löcher sehen, die dies massenhaft bezeugen. Der Friedhofshügel wuchs langsam zu und das Grün bedeckte sowohl die Spuren der Verwüstung als auch noch erhaltene Grabsteine. Flieder und andere Sträucher bildeten ein unglaubliches Dickicht, in dem sogar am sonnigsten Tag Halbdunkel und unangenehme Schwüle herrschten. In den 1980er und 1990er Jahren war es ein Ort, der von der örtlichen Halbwelt und jungen Drogensüchtigen besucht wurde. Aber auch zu jener Zeit kam es vor, dass an der jüdischen Problematik interessierte Forscher über den Friedhof schrieben. (14)

Bessere Zeiten für den bereits beträchtlich zerstörten Friedhof begannen Anfang der 1990er Jahre. Im Jahre 1992 ließ der Wojewodschaftsdenkmalpfleger aus Landsberg a.d. Warthe (Gorzów Wielkopolski), Waldemar Chrostowski, den Friedhof als Architekturdenkmal registrieren und gab seine Inventarisierung in Auftrag. Diese wurde von Henryk Grecki aus der Werkstatt für Gartenbaudenkmäler in Stettin und Ryszard Patorski vom Museum in Meseritz, der 162 der von ihm lokalisierten Grabsteine fotografierte, durchgeführt. Auf der Grundlage der Fotos fertigte Paweł Woronczak eine Übersetzung der Grabinschriften aus dem Hebräischen und dem Deutschen ins Polnische an. Die Dokumentation der Inventarisierung befindet sich u. a. im Jüdischen Historischen Institut in Warschau sowie beim Wojewodschaftsdenkmalpflegeamt in Landsberg a.d. Warthe.

Ende der 1990er Jahre interessierten sich Teile der Schweriner Einwohnerschaft für den Friedhof: das Allgemeinbildende Lyzeum und der Verein für Wirtschaftliche Entwicklung (SSRG). Unter dem Einfluss der Erfolge der Schweriner Lyzeumsschüler in aufeinander folgenden Editionen des Schülerwettbewerbs „Geschichte und Kultur polnischer Juden“, organisiert von der Stiftung Shalom in Warschau, wuchs das Interesse an jüdischer Problematik und somit auch am Schweriner Jüdischen Friedhof. In Kooperation mit dem Vorsitzenden der SSRG, Czesław Szymczak, entstand der Plan einer teilweisen Rekonstruktion des Friedhofs. Projektkoordinator wurde der Autor, damals Geschichtslehrer am Schweriner Lyzeum. (15) Die Ford-Stiftung, die 2001 das Programm „Dialog für die Zukunft“ organisiert hatte, konnte für eine finanzielle Förderung des Projekts gewonnen werden. Das Schweriner Projekt „Die Erinnerung zurückholen“ war eines von 13 ausgewählten aus ganz Polen; die Ford-Stiftung förderte es mit einer Summe von 26.500 Zloty. Es ging darum, das Friedhofsgelände in Ordnung zu bringen und zu restaurieren und sah darüber hinaus didaktische und Bildungsaktivitäten vor, die den Schweriner Einwohnern die multikulturelle Geschichte ihrer Stadt in Erinnerung bringen und ihnen grundlegende Informationen zum Thema jüdischer Friedhöfe zur Verfügung stellen sollte.

Zunächst galt es also das Friedhofsgelände in Ordnung zu bringen, d.h. das Pflanzendickicht zu beseitigen, Blätter zu harken, Abfall aufzusammeln, Friedhofswege zu markieren und provisorische Treppen zu bauen. Dann ging es um die Restaurierung: liegende Grabplatten wurden wieder aufgerichtet, zerstreute Grabsteinteile aufgesammelt, an einem Ort gelagert und schließlich in einem Lapidarium dauerhaft untergebracht. Zur didaktischen Arbeit gehörte es, eine Broschüre mit dem Titel „Juden in Schwerin an der Warthe“ herauszugeben, didaktisch-informative Tafeln auf dem Friedhof aufzustellen, eine Serie von Artikeln zur jüdischen Problematik in der Lokalpresse zu veröffentlichen, die Fotoausstellung von Maciej Głogowski unter dem Titel „Der jüdische Friedhof – gestern und heute“, und vor allem die Arbeit von Jugendlichen bei der Restaurierung des Friedhofs zu organisieren. Man setzte voraus, dass sich die Jugendlichen auf diese Weise für die Vergangenheit der Stadt interessieren würden, und dass Verständnis und Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Völkern wachsen würden. Die Arbeiten auf dem Friedhofsberg begannen im Frühjahr 2002 und endeten am Anfang Juni. Neben Schülern Schweriner Schulen, hauptsächlich vom Allgemeinbildenden Lyzeum, beteiligten sich in der ersten Juniwoche 20 junge Deutsche vom Mauritius-Gymnasium in Büren bei Paderborn. (16) Die deutschen Schüler betrachteten ihre Teilnahme an den Friedhofsarbeiten als symbolische Sühne für die jüdische Tragödie während des Zweiten Weltkriegs.

Am 7. und 8. Juni 2002 wurde die Öffnung des restaurierten jüdischen Friedhofs feierlich begangen. Darüber hinaus gab es ein wissenschaftliches Seminar unter dem Titel „Juden im westlichen Großpolen“, bei dem Schüler und Absolventen des Allgemeinbildenden Lyzeums Vorträge hielten. (17) Auf dem Friedhofsberg sprach u.a. Mikołaj Rozen, Vorsitzender der Stettiner Jüdischen Gemeinde. Er dankte allen Organisatoren für ihre Mühe und würdigte die durchgeführte Rekonstruktion. Alle Teilnehmer hatten das Gefühl, an einem bedeutenden und besonders wichtigen Ereignis teilzunehmen, das eine vor Jahrzehnten zur Nichtexistenz verurteilte Gemeinschaft wieder entdeckte. Der rekonstruierte Friedhof erfreute sich großer Aufmerksamkeit unter Schweriner Einwohnern und Gästen von außerhalb. Die auf dem Friedhof angebrachten Informationstafeln in Polnisch und Englisch erlaubten es, die Geschichte der Jüdischen Gemeinde und die Grabsymbolik kennen zu lernen. Ein unerwartetes und unübliches Element auf dem jüdischen Friedhof waren Blumen, die Besucher mitbrachten, und Grabkerzen, die sie vor dem Lapidarium aufstellten.

Foto 2Eine umso größere Überraschung waren erste erneute Verwüstungsversuche. Im September 2002 zündete jemand eine der auf dem Friedhof befindlichen Informationstafeln an und zerstörte sie teilweise, außerdem wurde die an der Straße am Fuße des Friedhofsberges angebrachte Tafel abgerissen; die darüber informierte, dass sich hier ein jüdischer Friedhof befindet. Im Oktober wurden zwei große Grabsteine umgeworfen, und im November die Informationstafel am Fuße des Hügels erneut abgerissen. Man vermutete primitive Kraftakte einer Gruppe von Mittelstufenschülern, die den Hügel nach der Rekonstruktion weiterhin als ihren Spielort behandelten. Als in den nächsten zwölf Monaten nichts Ernstzunehmendes auf dem Jüdischen Friedhof geschah, hoffte man, die Energie der mit dem Friedhof Unzufriedenen habe sich erschöpft. Um so größer war die Bestürzung, als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 2003 bis heute unbekannte Täter etwa 20 Grabsteine beschädigten oder zerstörten: mehrere Steine warfen sie um und zerbrachen sie, auf andere malten sie Hakenkreuze, obszöne Zeichnungen und antisemitische Losungen [Foto Nr. 2].

In der Gazeta Wyborcza vom 13. November 2003 erschien ein erster Artikel zu diesem Thema: „Skwierzyna. (…) am Unabhängigkeitsfeiertag wurde der Jüdische Friedhof geschändet und verwüstet. Gleich am Friedhofseingang sieht man zerbrochene Grabsteine mit Inschriften in Jiddisch, Hebräisch oder Deutsch. Auf die Grabplatten aus Sandstein hat jemand Hakenkreuze und charakteristische ‚SS’-Zeichen gemalt. Ein Teil der Grabsteine wurde aus der Verankerung gebrochen, umgeworfen und einige sind geplatzt.“ (18)

Die Schändung vom November 2003 unterschied sich deutlich von den kleinen, wahrscheinlich spontanen Verwüstungsaktionen vom Herbst 2002. In diesem Falle musste man zu dem Schluss kommen, dass es sich nicht um ein zufälliges Vorgehen beispielsweise einer Gruppe betrunkener Teenager handelte. Jemand musste vorsätzlich gehandelt und daran gedacht haben, eine Brechstange zum Kaputtschlagen und Umwerfen der Grabsteine sowie Farbe und Pinsel mitzubringen. Es waren Menschen, die über ein bestimmtes Wissen über den Faschismus verfügten: sie wussten, auf welches Datum der Jahrestag der „Reichspogromnacht“ fällt. Die deutschsprachigen Aufschriften „Kristallnacht“ und „Jude raus“ waren fehlerfrei geschrieben. Deshalb ist nicht anzunehmen, dass es sich um eine spontane Aktion gehandelt haben könnte, die zur Verwüstung des Friedhofs führte. Es muss sich um die vorbereitete Aktion einer faschistisch orientierten Gruppe gehandelt haben. Es ist zu bedauern und zu betrauern, dass es in einem Land, das während des Zweiten Weltkriegs so viel erlitten hat, Menschen gibt, die immer noch an die Naziideologie anknüpfen.

Die Ermittlungen zur Friedhofsschändung blieben erfolglos. Stadtverwaltung und örtliche Polizei ziehen es vor die Täter in einer Gruppe nichtidentifizierter Ortsfremder zu vermuten, obwohl die Tatsache, dass es in der Stadt eine Gruppe von Skinheads gibt, die ihre faschistisch-nationalistischen Ansichten öffentlich manifestieren, ein offenes Geheimnis ist. Die Einstellung der Stadtverwaltung zeigt sich in der Aussage des Bürgermeisters in einem Interview für Radio Zachód. Er gab zu verstehen, dass es besser sei, die Sache nicht publik zu machen. Er sagte unter anderem: „Skwierzyna liegt nichts daran, zu einem zweiten Jedwabne zu werden“. (19) Die Friedhofsschändung wurde in der Stadt allgemein missbilligt. Aber die Ergebnisse der Umfrage einer Schülerin der Vereinigten Allgemeinbildenden Schulen, Małgorzata Wołos, sollte zu denken geben. Sie befragte die Schüler nach ihrer Meinung über die Ereignisse auf dem Friedhof. Laut Umfrage missbilligten 94% der Schüler der Vereinigten Allgemeinbildenden Schulen die Friedhofsschändung, 6% war sie gleichgültig. In den Vereinigten Technischen Schulen missbilligten 70% den Vorfall, 27% war er gleichgültig, und 3% befürworteten die Verwüstung. Die Schüler des örtlichen Gymnasiums (7.-10. Klasse) missbilligten ihn zu 83%, 15% war er gleichgültig, und 2% befürworteten die Verwüstung des Friedhofs. (20)

Verstärkte Anstrengungen der Schweriner Pädagogen und auch der örtlichen Priester sind notwendig, um die jungen Menschen zu beeinflussen. Auch die Haltung der Stadtväter ist nicht unwichtig, die den jüdischen Friedhof und dessen Rekonstruktion bisher wie ein ungewolltes und heikles Geschenk behandeln. Die Veröffentlichung der Friedhofsverwüstung nicht nur in lokalen, sondern auch in landesweiten Medien, führte zu dem Versuch, die Folgen des Vandalismus provisorisch zu maskieren. In manchen Fällen führten die Versuche der Rathausmitarbeiter, die Ölfarbe von den Grabsteinen zu entfernen, zu deren dauerhafter Zerstörung. Vielleicht kommt noch einmal eine Zeit, in der die Stadtverwaltung dieses Objekt anders einschätzt und es in der Öffentlichkeitsarbeit für die Stadt nutzt, die sonst keine Architekturdenkmäler von besonderer Bedeutung besitzt. Der größte jüdische Friedhof in der Wojewodschaft Lubuskie könnte durchaus auch für Touristen attraktiv sein, und nicht nur für Personen, die sich besonders für die jüdische Problematik interessieren.

Vorerst kommt es immer wieder zu kleinen Akten des Vandalismus. Weitere Grabsteine werden beschädigt oder umgeworfen. Es gibt keine Treppe mehr, die den Hügel hinaufführt, die Informations- und Bildungstafeln auf dem Friedhof erfüllen eigentlich ihren Zweck nicht mehr, und keiner wagt daran zu denken, erneut eine Informationstafel am Fuße des Friedhofsberges anzubringen. (21)

Der Autor will als einer der Hauptinitiatoren der Friedhofsrekonstruktion daran glauben, dass die Aktivitäten, an denen sich viele Menschen guten Willens beteiligt haben, einen tieferen Sinn erfüllen und in zeitlicher Perspektive den gewünschten gesellschaftlichen Effekt bringen werden. Man kann sich natürlich auch fragen, ob die Rekonstruktion des Friedhofs – also die Beseitigung des unheimlichen Gebüschdickichts und anderer die Grabsteine überwuchernden Pflanzen – im Lichte der berichteten Vorgänge tatsächlich sinnvoll war. Denn gerade die Natur hatte die noch erhaltenen Teile des Friedhofs vor der Zerstörung geschützt. Ob nun Menschen imstande sein werden, ihn zu schützen? (...)

Aus dem Polnischen Agnieszka Grzybkowska / Ruth Henning

  1. Der polnische Name der Stadt lautet Skwierzyna. Nach der zweiten Teilung Polens wurde die Stadt Preußen inkorporiert.
  2. S. Kemlein, Żydzi w Wielkim Księstwie Poznańskim 1815-1848. Przeobrażenia w łonie żydostwa polskiego pod panowaniem pruskim, Poznań 2001, S. 188-189 , deutsch: Die Posener Juden 1815-1848. Entwicklungsprozesse einer polnischen Judenheit unter preussischer Herrschaft, 1999.
  3. A.Kirmiel, Żydzi w Skwierzynie [Juden in Schwerin an der Warthe], Gorzów Wlkp. 2002, S. 7.
  4. Stadtplan aus dem Jahr 1780. Kopie in der Sammlung des Autors, auch: A. Kirmiel, Skwierzyna – miasto pogranicza. Historia miasta do 1945 roku [Schwerin an der Warthe – eine Stadt des Grenzgebiets. Geschichte der Stadt bis 1945] , Bydgoszcz 2004, S. 141.
  5. A. Heppner, J. Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Bromberg 1909, S. 966.
  6. Haskala (hebr. Aufklärung) – kulturelle Strömung im Judentum, die ihren Anfang am Ende des 18. Jahrhunderts unter dem Einfluss der europäischen Aufklärung nahm. Hauptzentrum war Berlin. Das Programm setzte Emanzipation, modernen Unterricht sowie die Modernisierung jüdischer Kultur und Bräuche im Geiste der Anpassung an die europäische Tradition und Kultur voraus.
  7. Kemlein, ebda. S. 278.
  8. Mehr zum Thema der jüdischen Gemeinde in Schwerin a. d. Warthe in: A.Kirmiel, Żydzi w Skwierzynie [Juden in Schwerin a. d. Warthe], Gorzów Wlkp. 2002.
  9. In Birnbaum (Międzychód) wurde der jüdische Friedhof in den 1950er Jahren beseitigt, in Meseritz geschah dies dagegen in den 1960er Jahren - auf Antrag des Präsidiums des Bezirksnationalrates.
  10. Wenn das stimmt, muss noch ein älterer Gemeindefriedhof existiert haben, da es seit dem 14. Jh. in der Stadt eine jüdische Gemeinde gab. Leider ist es aufgrund fehlender Quellen schwierig, seinen Standort zu bestimmen. Vermutlich hat er sich an der heutigen Sobieski-Straße befunden, südlich vom alten evangelischen Friedhof, dessen Überreste als Stücke der Friedhofsmauer bis heute erhalten sind.
  11. Brief des ehemaligen Einwohners von Schwerin a. d. Warthe, Winfried Peiler, an Andrzej Kirmiel vom 26. November 1996 (in der Sammlung des Autors) sowie Berichte anderer Zeugen.
  12. Unter anderem Ryszard Chojnacki und Edmund Migoś.
  13. Der Raub wurde von der damaligen Stadtbehörde vollkommen gebilligt. Maria Chrobot, die am Friedhof wohnte, rief in dieser Angelegenheit die Stadtverwaltung an und bekam die „beruhigende“ Antwort, alles fände mit Wissen und Einverständnis des Stadtamtsvorstehers statt. Gespräch des Autors mit Maria Chrobot im Dezember 2004.
  14. P.Fijałkowski, Fołk Sztyme, Nr. 17(4828), 2. V. 1987, S. 10-12.
  15. Das Projekt der Friedhofsrestaurierung und die begleitenden Aktivitäten waren von der Stettiner Jüdischen Gemeinde akzeptiert worden.
  16. Seit 1993 führt das Allgemeinbildende Lyzeum in Skwierzyna einen Schüleraustausch mit dem Privaten Mauritius-Gymnasium in Büren bei Paderborn (NRW) durch.
  17. Vorträge hielten: Elżbieta Ciwińska: Żydzi z Międzyrzecza (Juden aus Meseritz), Michał Grobelny: Skwierzyna po Jedwabnem (Skwierzyna nach Jedwabne), Łukasz Kępski: Wybitni Żydzi z Międzychodu (Berühmte Juden aus Birnbaum) und Monika Sroczyńska: Symbolika nagrobna na skwierzyńskim kirkucie (Grabsymbolik auf dem jüdischen Friedhof in Schwerin an der Warthe).
  18. R. Ochwat, Zdewastowali żydowski kirkut (Sie haben den jüdischen Friedhof zerstört), [in:] Gazeta Wyborcza, Gorzów Wlkp., 13.11.2003
  19. C. Galek, Kirkut niezgody (Der jüdische Friedhof des Zwistes) [in:] Radio Zachód, 30. November 2003.
  20. . Wołos, Arbeit für den landesweiten Wettbewerb „Geschichte und Kultur der Juden in Polen“, organisiert von der Stiftung Shalom in Warschau, Mai 2004, S. 18-19. In der Sammlung des Autors.
  21. Solche Tafeln sind das häufigste Angriffsziel von Friedhofsschändern. Im Kreis Meseritz wurde eine ähnliche Tafel am jüdischen Friedhof in Tirschtiegel (Trzciel) zerstört. Dieser Friedhof war im Sommer 2001 von Studenten jüdischer Abstammung unter der Leitung von Jan Jagielski vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau rekonstruiert worden.