Der Geburtsort

Wir veröffentlichen den ersten Abschnitt der Erinnerungen von Olga Alexandrova, einer Intellektuellen und Historikerin russisch-jüdischer Abstammung, der es 1979 nach langjährigen Bemühungen gelang, aus der Sowjetunion in den Westen zu emigrieren. Es ist eine Erzählung über die verworrene Familiengeschichte, die bis in das 19. Jahrhundert zurückreicht, über den Prozess der politischen Reifung im kommunistischen System, über russisch-polnische Kontakte und nicht zuletzt über eine sonderbare Entwurzelung. Olga Alexandrova, die heute in Berlin lebt, erzählte ihre Geschichte auf Polnisch. Ewa Czerwiakowska hat sie zu Papier gebracht. (Die Redaktion)

Ich wurde am 27. Oktober 1943 geboren. In New York. Zum Glück, denn gerade dieser Geburtsort sollte mir in meinem späteren Leben gelegen kommen. Meine Mutter war Inna Wasiljewna Alexandrova, geborene Soboljewa. Über ihre Familie weiß ich am meisten und ich mochte sie auch am meisten, da wir später in Moskau mit der Mutter meiner Mutter, meiner geliebten Oma zusammenwohnten. Die Großmutter väterlicherseits sah ich nur ein paar Mal im Jahr, sie lebte in Rostov und kam nur ab und an zu uns zu Besuch, so dass ich zu ihr keine besonders enge Beziehung hatte.

Die Familie meiner Mutter, eine jüdische Familie, stammte aus der Gegend von Smolensk, aus einem kleinen Ort, der Lubawitsch heißt. Ich habe ein wenig recherchiert mit dem Ergebnis, dass der Großvater meiner Oma, d.h. mein Ururgroßvater, mit größter Wahrscheinlichkeit der vierte Zaddik der berühmten chassidischen Gemeinde Chabad Lubawitsch war. Der sechste Rebbe, Joseph Izchak Schneersohn, wurde in den 1920er Jahren von den Kommunisten verhaftet und wegen seines Kampfes gegen die Atheisierung der Juden zum Tode verurteilt. Letztendlich ließen sie ihn aber frei und verwiesen ihn 1927 des Landes. In den 1930er Jahren ließ er sich in Polen nieder und leitete in dem kleinen Ort Otwock bei Warschau die Chabad-Gemeinde. Dann geschah etwas Unfassbares: 1940, also bereits unter der deutschen Besatzung Polens, gelang es ihm, zusammen mit einer Gruppe von Anhängern in die Vereinigten Staaten auszureisen. Wahrscheinlich war das die Folge einer geheimen internationalen Rettungsaktion auf diplomatischer Ebene. Aus den fragmentarischen Erzählungen meiner Oma ging hervor, dass Joseph Izchak Schneersohn ihr Cousin ersten Grades war. Unter den Bolschewiki saß er ein knappes Jahr im Gefängnis. Also keineswegs lange im Vergleich zu dem, was später kommen sollte. Dass man ihn dann ausreisen ließ? Die Kommunisten schoben damals hin und wieder Unbequeme und Andersdenkende ab. Berühmt ist die Geschichte des „Philosophenschiffs” aus dem Jahr 1922. Das deutsche Passagierschiff „Oberbürgermeister Haken” fuhr zweimal die Strecke Petrograd – Stettin und verfrachtete insgesamt 120 russische Intellektuelle, Soziologen, Philosophen und Schriftsteller aus der Sowjetunion nach Deutschland. Unter ihnen war auch Nikolaj Berdjajew.

Bei den Schneersohns war es Tradition, dass der älteste Sohn chassidischer Rabbiner wurde, während sich die jüngeren Geldgeschäften widmeten. Und das waren keine schlechten Geschäfte! Vor der Revolution gehörte der Familie eine Reederei am Dnjepr. Meine Oma, geborene Ginsburg, Jahrgang 1895, hatte fünf Schwestern und zwei Brüder. Interessanterweise erhielten sie alle eine Hochschulausbildung, obwohl die Situation der Juden in Russland bekanntlich nie einfach war. Meine Oma studierte Medizin an der Universität in Kiew. Und selbstverständlich befasste sie sich lebhaft mit der Revolution. Sie war die zweitälteste Tochter und galt als größte Schönheit von Smolensk. Sie wollte Schauspielerin werden, aber das ließ ihr Vater, ein Smolensker Rabbiner, nicht zu. Zum Glück war er aber mit ihrem Studium einverstanden. Später, als sie sich auf die Revolution einließ, kam es zu einem Eklat in der Familie, der Vater wollte sie nicht mehr sehen und verzieh ihr erst, nachdem meine Mutter zur Welt gekommen war, also 1922. Oma löste sich endgültig von der Religion, sie änderte ihren Vornamen Jegudis in Ida. Seit ihrer frühen Jugend war sie sehr selbständig. Ihre Mutter starb früh, als sie 14 oder 15 Jahre alt war, ihr Vater in den 1920er Jahren. In der Umbruchzeit am Anfang des 20. Jahrhunderts fühlten sich die jungen Menschen durch die religiösen und familiären Bande oft schrecklich gefesselt und eingeengt. Trotzdem behielt meine Oma einiges aus den alten Zeiten bei. Sie konnte zum Beispiel kein Schweinefleisch essen, nicht einmal im Krieg, als großer Hunger herrschte. Sie konnte es einfach körperlich nicht vertragen, wie sie selbst erzählte. Was fühlte sie in der Tiefe ihrer Seele? Das weiß ich nicht.

Es war wohl noch am Gymnasium in Smolensk, als meine Oma meinen Großvater kennen lernte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Mein Opa ging selbstverständlich auf ein anderes Gymnasium, denn Mädchen und Knaben besuchten damals getrennte Schulen. Meine Oma wurde Mitglied eines der in dieser Zeit sehr verbreiteten marxistischen Zirkel, marxistskije kruschki, die den Keim der künftigen kommunistischen Partei bildeten. In diesen Zirkeln war sie auch während des Studiums in Kiew aktiv. Ach, mit Sicherheit verfassten sie leidenschaftliche Proklamationen und träumten von Gerechtigkeit und Gleichheit. Aber später hat sie keinen Posten in der Parteinomenklatura bekleidet. Der Opa dagegen ja. Unmittelbar nach der Revolution war er Mitglied des Stadtrates oder des Parteikomitees von Smolensk. In der Familie meiner Großmutter war nur einer ihrer Brüder kein Revolutionär, alle Schwestern machten auf die eine oder andere Art die Revolution mit: Dwojra, die später Wera hieß, Fanja, Zilja und Estera, d.h. Stella. Sie alle brachen mit der Tradition.

Als junge Menschen waren meine Großmutter und eine Gruppe ihrer Kommilitonen sogar in der Verbannung in der Stadt Oriol. Es war selbstverständlich keine richtige Verbannung, sie durften doch in Zentralrussland bleiben. Aber immerhin: Sie wurden von der Kiewer Universität dorthin geschickt und mussten dort einige Monate bleiben. Und mein Großvater saß als Revolutionär kurz im Gefängnis, das war noch zur Zarenzeit, sogar ein Gefängnisfoto ist erhalten geblieben. Ich habe auch ein frühes Bild von meinen beiden Großeltern: Echte russische Intelligenzija jener Zeit, zwei schöne, junge, revoltierende Menschen, mit einer gewissen Eleganz gekleidet, die Oma mit einem luftigen Schal um den Kopf.

Die ganze schreckliche Zeit der Revolution und des Bürgerkrieges verbrachten sie in Kiew. Die Macht ging dort siebzehn- oder neunzehnmal von einer Hand in die andere. Die Weißen und die Roten kamen, dann Petljura, die Ukrainer und die Deutschen. Es grenzt an ein Wunder, dass die Großeltern überlebten. In Kiew brach ein Aufstand aus, meine Oma, eine Medizinstudentin, und mein Opa waren dort als Sanitäter zugange. Dann wurden sie verhaftet, ich weiß nicht mehr von wem, von den Ukrainern oder den Weißen, und zum Tode verurteilt. Zum Glück marschierten die Roten wieder in Kiew ein und das war ihre Rettung.

Nach der Revolution lebten meine Oma, mein Opa und meine Mutter eine Weile in Smolensk. Dann wurde der Opa dienstlich nach Moskau beordert und er holte seine Frau mit Tochter zu sich. Von seiner Familie lebt heute niemand mehr. Ich weiß nur, dass seine Brüder alle Juristen waren, er selbst auch. Und dass er sich an der Revolution beteiligte. Vor den späteren Säuberungen der Stalinzeit rettete ihn nur der verfrühte Tod. Er starb bereits 1928 oder 1929, war damals etwas über dreißig.

Den Großvater mütterlicherseits konnte ich also nicht kennen lernen, aber meine Oma heiratete zum zweiten Mal. Dieser Nenn-Opa war mein einziger Großvater, den ich übrigens verehrte. Auch er war in marxistischen Zirkeln aktiv, kam aber später nie in die Parteistrukturen. Die Männer seiner Familie bekamen traditionell eine Ausbildung als Ärzte, daher studierte auch er Medizin in Kiew, wo er meine Oma kennen lernte. Sie wurde sofort seine große Liebe und als er später erfuhr, sie sei verwitwet, fand er sie in Moskau wieder. Er betreute meine Mama, ging mit ihr zum Arzt, brachte sie zur Schule, besuchte mit ihr Konzerte. Schließlich heiratete meine Oma ihn. Mit diesem Großvater verbrachte ich meine Kindheit, ihm habe ich sehr viel zu verdanken.

Die Geschichte der Familie meines Vaters ist ebenfalls interessant, weil sich in ihr unterschiedliche Nationalitäten begegneten. Mein Vater wurde 1914 geboren und hieß Alexander Georgijewitsch Alexandrov. Ein rein russischer Name, obwohl die Eltern meines Großvaters – ich bin mir nicht sicher, ob beide Elternteile oder nur die Mutter – aus Finnland stammten und den Namen Ingermanlander, finnisch Inger, trugen. Die Mutter war mit Sicherheit eine Finnin. Ich weiß sogar, dass sie von einer großen Insel stammte, die heute zu Estland gehört. Einst lebten viele Finnen in Russland, und in der Nähe von St. Petersburg, also unweit von Karelien, gab es eine große finnische Kolonie. Die Eltern meines Großvaters hatten vier Kinder. Die beiden älteren Söhne erhielten den angenommenen russischen Namen Alexandrov, denn als sie auf die Welt kamen, waren ihre Eltern noch nicht verheiratet und die Kinder konnten den Namen des Vaters nicht bekommen. Die zwei jüngeren Söhne hießen dann anders.

Großvater Alexandrov heiratete meine Großmutter, die ich selbstverständlich kannte und die halb ukrainisch, halb moldawisch war. Sie lebten in Südrussland, im Nordkaukasus, im Kubangebiet. Die Familie war nicht sehr reich, aber doch relativ wohlhabend. Der Großvater arbeitete in der Finanzabteilung einer großen Firma, die die Eisenbahn in Südrussland verwaltete. Im Kubangebiet besaßen sie einige Immobilien. Mein Großvater starb im September oder Oktober 1914, also in den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges, infolge von Verletzungen. Meine Großmutter wurde mit 23 Jahren Witwe und blieb mit zwei kleinen Söhnen zurück: Mein Vater war damals sechs Monate, sein älterer Bruder etwa zwei Jahre alt. Sie verlor alles nach der Revolution. Von den Geschicken der Brüder meines Großvaters wusste sie so gut wie nichts. Vor dem Krieg stand sie nur mit einem von ihnen in Kontakt, einem Botanikprofessor am Institut für Genetik in Leningrad. An diesem Institut arbeitete auch der berühmte Botaniker und Genetiker Nikolaj Wawilow, Gründer der weltgrößten Sammlung von Pflanzensamen und entschiedener Gegner des parteitreuen Biologen Lysenko. 1940 wurde Wawilow verhaftet und zum Tode verurteilt. Heute trägt das Institut seinen Namen. Der Bruder meines Großvaters sammelte ebenfalls Pflanzensamen und seine Familie ist während der Blockade Leningrads verhungert.

Meine Großmutter lebte zu dieser Zeit in Rostov. Bis zur Revolution und zum Bürgerkrieg kam sie einigermaßen zurecht, weil sie jene Häuser in der Kubangegend vermieten konnte. Nach der Revolution wurde aber alles beschlagnahmt, so dass es ihr ziemlich miserabel ging, bis ihre Kinder erwachsen wurden. Sie zog nach Rostov, da es in der Großstadt einfacher war, Arbeit zu bekommen. Dort verdingte sie sich als Buchhalterin.

Meine Eltern lernten sich 1942 während der so genannten Evakuierung kennen. In Moskau wurde es allmählich gefährlich, so dass die gesamte Universität, Studenten und Professoren, bereits 1941 nach Swerdlowsk, heute Jekaterinburg verlegt wurde. Beide waren damals Studenten. Meine Mutter studierte Geschichte. Mein Vater hätte eigentlich zur Armee gehen müssen, wurde aber nicht einberufen, weil er sich bereits 1939 als Flieger an dem kurzen sowjetisch-japanischen Krieg beteiligt hatte. Seine Maschine wurde getroffen und verbrannte. Mein Vater landete mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus, wo er ein ganzes Jahr verbrachte. Er hatte Glück und gelangte in die Obhut von guten Chirurgen. Ganze Hautpartien mussten implantiert werden, im Gesicht, am Kopf. Gott sei Dank blieben davon keine Spuren. Mein Vater hatte noch vor dem Krieg die Technische Hochschule absolviert und begann dann an der Uni an der neu gegründeten journalistischen Fakultät zu studieren. Nach dem Studium wurde er in die TASS, d.h. Tielegrafnoje Agenstwo Sowietskogo Sojuza, die Sowjetische Presseagentur geschickt und arbeitete ein halbes Jahr lang in Moskau. Später wies man ihm eine Stelle in New York zu, wohin er auch seine junge Ehefrau mitnehmen durfte. Es war Sommer 1943, bei Kursk währte die große Schlacht. Mein Vater flog zunächst mit einem Flugzeug nach Rostov, um sich vor der Reise von seiner Mutter zu verabschieden, und wie er erzählte, mussten sie über der Frontlinie fliegen. Ich weiß nicht, ob meine Eltern es so geplant haben oder nicht, jedenfalls ergab es sich, dass ich in New York zur Welt kam. Im Sommer fuhren sie los, und ich wurde im Oktober geboren.

Als mein Vater in die Vereinigten Staaten geschickt wurde, fehlte es überall in der Sowjetunion an Menschen, fast alle waren im Krieg. Mein Vater war vom Kriegsdienst befreit und sprach hervorragend Englisch. Ich erinnere mich, dass er später, in den 1950er Jahren an russisch-englischen Wörterbüchern arbeitete und sehr viele Übersetzungen anfertigte. Selbstverständlich war er Parteigenosse. Heute denke ich, dass er auch Kontakte zum KGB gehabt haben muss. Zu dieser Zeit und auf einem solchen Posten! Wie intensiv die Kontakte waren, weiß ich nicht. Er sprach nie darüber. Dann starb er viel zu früh, vielleicht hätte er mit mir darüber geredet. Bis heute habe ich so viele Fragen, die ich ihm nie stellte! Mein Vater hatte einen älteren Bruder und der war im Krieg. In den ersten Monaten geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft, aber es gelang ihm, auszubrechen und zur sowjetischen Armee zurückzukehren. Sofort wurde er in ein Strafbataillon versetzt und fiel bald darauf. Es war ein ernsthafter Makel im Lebenslauf meines Vaters: Er hatte einen Bruder, der sich von den Deutschen hatte gefangen nehmen lassen. Aber ich fragte nicht. Ich war sehr jung und hatte anderes im Kopf. Mein Verhältnis zu meinem Vater war nicht einfach, andererseits aber doch sehr gut. Wir waren uns sehr ähnlich, nicht nur im Äußeren, auch innerlich.

Mein Vater war kein überzeugter Kommunist, vom Charakter her war er eher Skeptiker. Er gehörte der Partei an, denn das war die Voraussetzung dafür, in einer solchen Position arbeiten zu dürfen. Ich habe nie mit ihm darüber gesprochen, aber ich vermute, dass seine Haltung eher aus Opportunismus oder Pragmatismus resultierte. Übrigens war er ein richtiger Charmeur, allgemein beliebt. Er mochte es, gut angezogen zu sein und sah immer wie ein englischer Gentleman aus. Ich bin mir sicher, dass alle meine Schulkameradinnen heimlich in ihn verliebt waren. Meine Mutter hingegen war kein Parteimitglied, sie war sehr romantisch und hegte eine ebenfalls romantische und sentimentale Erinnerung an ihren eigenen Vater, der gestorben war, als sie sechs Jahre alt war. Ich denke, dass sie auf ihre Weise an die kommunistische Ideologie glaubte. Das war Glaube und ihre romantische Natur, keine intellektuelle Überlegung.

Meine Erinnerungen an New York sind sehr karg, vielleicht deswegen, weil meine kleine Welt ziemlich eingeschränkt war. Ich kann mich an unsere Wohnung erinnern, die drei Zimmer hatte und recht bescheiden war. In den 1990er Jahren ging ich nach New York und besuchte dieses Haus. Das war ein Fehler, das hätte ich nicht tun sollen; ich erkannte nichts wieder, alles sah anders aus. In den USA hatte auch meine Mutter eine Stelle als Stenotypistin oder ähnliches in der TASS, um ein wenig dazu zu verdienen. Sie war 21 Jahre alt und schloss ihr Studium erst nach der Rückkehr nach Moskau ab. Da sie arbeitete, betreute mich ein Kindermädchen, das zusammen mit mir in einem Zimmer schlief. Sie war irischer Abstammung und gewiss streng katholisch. Manchmal, zu Feiertagen, vielleicht zum St.-Patrick-Tag, nahm sie mich in die irische Kirche mit. Sie tat das aber heimlich, so dass meine Eltern nichts davon wussten. Das erzählte ich ihnen erst viel später. Ich erinnere auch, dass mich ein Eichhörnchen in die Hand biss und ich dann vierzehn Spritzen bekam ... Meine Erinnerung umfasst lediglich diese kleine Welt eines Kindes.

Meine erste Sprache war Englisch. Als man mich nach Moskau brachte, sprach ich kaum Russisch. Zu Hause in New York unterhielten sich meine Eltern mit mir auf Englisch, wahrscheinlich auch auf Russisch, denn ich konnte ein bisschen Russisch verstehen, aber nicht sprechen. Ich konnte aber Russisch lesen. Ich begann zu lesen, als ich fünf war. Meine Eltern zeigten mir die Buchstaben und den Rest brachte ich mir selber bei. Aber in New York hatte ich nur wenige russische Bücher, die meisten waren auf Englisch.

1950 wurde mein Vater nach sieben Jahren, also nach einer relativ langen Zeit, aus New York abberufen. Ich denke, das war eine ganz gewöhnliche Ablösung, jedenfalls hatte er nach der Rückkehr keine politischen Schwierigkeiten. Die Probleme kamen später. Zunächst machte er eine steile Karriere und wurde Chef des gesamten Auslandsdienstes der TASS. Er war damals noch jung, nicht einmal vierzig. Erst 1954 muss etwas vorgekommen sein. Vielleicht hat er etwas gesagt, was man nicht sagen durfte? Eineinhalb Jahre lang, bis zur so genannten Destalinisierung, musste er in der Redaktion einer kleinen Zeitschrift arbeiten, die auf Englisch erschien. Dann kehrte er nicht mehr zur TASS zurück, sondern wechselte zum Rundfunk über und arbeitete als Chefredakteur des englischsprachigen Senders von Radio Moskau. Als er 1959 herzkrank wurde, gab er diese belastende Stelle auf und arbeitete bis zum Ende als gewöhnlicher Journalist und Kommentator.

Aus New York kamen wir also im Sommer 1950. Vater flog mit einem Flugzeug und wir beide fuhren mit einem Schiff nach Europa, weil meine Mutter schreckliche Angst vor dem Fliegen hatte. Übrigens verbrachte sie die ganze Woche der Passage im Bett, konnte gar nicht aufstehen und litt schrecklich unter der Seekrankheit.

In Moskau zogen wir in ein Haus, das eine sehr interessante Geschichte hatte. Es stand in der Straße, die bis zur Revolution Woroncowe Polje hieß und heute wieder so heißt. Unser Haus gehörte zu einem Gebäudekomplex, der im 19. Jahrhundert nach Napoleon und dem Brand Moskaus erbaut wurde. Vor der Revolution gehörte er dem Graf Woroncow. Auf russisch heißt so eine Anlage gorodskaja usad’ba, städtisches Anwesen: ein großes Haus mit Wirtschaftsgebäuden rund herum. Wo wir wohnten, waren einst Pferdeställe gewesen, daher hatten wir ungewöhnlich hohe Decken. Die meisten Bewohner unseres Hauses bildeten eine sonderbare Gruppe: Überbleibsel der Komintern, die in der Zeit der Großen Säuberung nicht erschossen worden waren, aber auch die Familien von Ermordeten: Russen, Ungarn, Bulgaren. Diesen Ort erwähnt Wolfgang Leonhard in seinem Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder”. In einem dieser Gebäude hatte Radio Freies Deutschland seinen Sitz, das während des Krieges von deutschen Kommunisten und Antifaschisten gegründet worden war und in dem Leonhard zeitweilig gearbeitet hat.

Zu meiner Zeit wohnte auch meine beste Freundin aus der ersten Periode meines Moskauer Lebens in diesem Haus, Tanja, mit der ich oft zusammen spielte und viel Zeit verbrachte. Tanjas Vater war Russe, obwohl er den ukrainischen Namen Schewtschenko trug, ihre Mutter stammte aus Ungarn. Tanjas Großvater arbeitete bei der Komintern und wurde Ende der 1930er Jahre erschossen. In dieser Familie gab es zwei Schwestern: die Mutter meiner Freundin und ihre Tante, die mit einem Ungarn verheiratet war, der ebenfalls erschossen worden war. Die beiden hatten einen Sohn, bis heute weiß ich noch, dass er Laszlo hieß. 1955 fuhr die Tante mit dem Sohn nach Ungarn. Dort ging es ihnen nicht sonderlich gut, insbesondere 1956 nicht, denn sie waren als Kommunisten aus der Sowjetunion gekommen. Aber zu meinen Zeiten wohnten sie noch alle zusammen in einer engen Wohnung, was übrigens der Moskauer Norm entsprach. Nicht umsonst zitierte man später in gewissen Kreisen Woland aus Bulgakows „Meister und Margerita”: Die Moskauer seien „gewöhnliche Menschen. Im Großen und Ganzen gleichen sie den Menschen von früher, nur hat die Wohnungsfrage sie verdorben.”

In Moskau warteten selbstverständlich meine Oma, mein Nenn-Großvater und ihre Tochter, d.h. die Halbschwester meiner Mutter auf uns. Nach einem kurzen Aufenthalt in Swierdlowsk waren sie nach Moskau zurückgekehrt und blieben dort. Der Großvater war als dobrowolec, als Freiwilliger in den Krieg gezogen, er war damals schon 45 oder 46 Jahre alt. Bald wurde er verwundet, Gott sei Dank nicht besonders schwer, und so endete seine Kriegskarriere. Die Oma arbeitete zu meiner Zeit nicht und war stets zu Hause. In der Familie herrschte ein regelrechtes Matriarchat und sie war das Oberhaupt. Auch wir wohnten alle zusammen in einer nicht allzu großen Wohnung: meine Eltern und ich, die Oma, der Opa, meine Tante, d.h. die Halbschwester meiner Mutter, später auch ihr Mann und ihre Kinder. Und meine Oma bekochte diese Schar. Sie führte das ganze Haus. Zu Mittag aß man selbstverständlich nicht gemeinsam, da die Erwachsenen arbeiteten oder studierten, wie meine Mutter und Tante. Meinen Vater sah ich nur sonntags. Was die Feiertage anging, feierte man bei uns zu Hause das Neujahrsfest, den 7. November, das heißt den Jahrestag der Revolution, und manchmal die Geburtstage. Es gab also keine religiösen Feste. Die Oma erzählte, dass sie, als sie noch aufs Gymnasium ging, eine Freundin hatte, eine Russin, die Tochter eines reichen Mannes in Smolensk. Bei der war zu Ostern das Haus offen, auf den Tischen standen verschiedene Leckereien, Bekannte und Freunde kamen vorbei, um sie zu kosten. Bei uns gab es nie so etwas. Aber Neujahr war ein wirklich großes Fest, als Kind mochte ich es sehr. Das Kochen übernahm dann mein Vater, der immer eine Gans zubereitete. An einem großen Tisch saßen dann alle Tanten, Cousinen, die ganze Familie.

Meine Oma war ein wunderbarer Mensch, von starkem Charakter, großer Persönlichkeit und ungewöhnlich ausgeprägtem Sinn für Gerechtigkeit. Deswegen hat sie sich in ihrer Jugend mit diesen marxistischen Zirkeln eingelassen. Übrigens war das in jüdischen Kreisen ziemlich verbreitet. Sie machte ihren Abschluss in Medizin, hielt zunächst Vorträge in Kursen für Krankenschwestern, arbeitete aber nie als Ärztin. Alle Kinder sagten „Mama Ida” zu ihr, alle liebten sie sehr. Ich auch. Mein Mann Kolja lernte sie kennen, als sie bereits eine ältere Frau war, aber er achtete sie sehr und liebte sie vielleicht sogar. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1991 vernichtete meine Oma ihr gesamtes Archiv. Angeblich wollte sie nicht, dass Fremde ihre Papiere und die Briefe von meiner Mutter lasen. Sie war stur und eigensinnig. Als meine Cousine in der 1990er Jahren nach Israel auswanderte, konnte sie also keine Dokumente vorweisen, und die Geschichte der Familie kannte sie nur aus Erzählungen meiner Tante. Im israelischen Ministerium für Immigration und Absorption behauptete sie aber selbstsicher, dass ihr die israelische Staatsbürgerschaft zustehe, da sie der Familie Schneersohn entstamme. Sie nannte nur ein paar Namen und Vornamen. Und in der Tat brauchte sie nichts nachzuweisen, drei Tage später hatte sie die Staatsbürgerschaft in der Tasche. Ich schaffte es nach der Wende nicht mehr, meine Oma zu sehen, ich kam erst ein paar Monate nach ihrem Tod nach Moskau. Bis heute tut mir das leid, da sie für mich eine zweite Mutter war. Auch ich nannte sie „Mama Ida”.

Unser Umzug aus New York nach Moskau war für mich kein Schock im psychischen Sinne, aber ein klimatischer: Mehr als ein Jahr war ich ständig krank, ich zog mir immer wieder entweder eine schreckliche Angina oder eine schwere Grippe zu, machte alle Kinderkrankheiten einschließlich Scharlach durch. Abgesehen von dieser gesundheitlichen Überempfindlichkeit erlebte ich in den ersten Moskauer Jahren auch andere Unannehmlichkeiten. Es war bereits die Zeit des Kalten Krieges. In Kino lief ein Film, den ich selbst nicht gesehen habe, aber überall hingen Plakate: Yankee. Die Kinder, mit denen ich spielte, riefen Yankee, Yankee hinter mir her. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, worum es ging. Von diesen Kindern auf dem Hof erfuhr ich übrigens auch viele andere Dinge. Eines Tages fragten sie mich zum Beispiel, ob ich wisse, dass meine Mama, meine Oma und meine Tante Jüdinnen seien. Ich wusste gar nicht, was das heißen sollte, dachte aber, es müsse etwas Schreckliches bedeuten. Weinend lief ich nach Hause: „Ist das wahr? Ist das wahr?” Es gab Gespräche, an die ich mich nicht mehr erinnere, es gab Erklärungen. Jedenfalls waren sie insofern wirksam, als dieses Thema mich eine Weile nicht mehr beschäftigte.

Übrigens sprach man zu Hause wenig, weder über jüdische noch über sonstige Themen, denn die Erwachsenen hatten Angst. Festnahmen, Urteile, das Verschwinden von Menschen – all dies muss zum Alltag gehört haben. Von der Familiengeschichte der Lubawitscher erfuhr ich erst in den 1970er Jahren, aber auch damals musste ich meine Oma hartnäckig und lange ausfragen. Die Angst war wohl ziemlich stark in ihr verwurzelt. Es ging um ihre jüdische, religiöse Familie, also um ein Tabuthema. Meine Mutter war Atheistin, mein Vater wohl areligiös. Das Thema Religion oder überhaupt Gott existierte bei uns gar nicht. Das Wissen vom Judaismus brachte ich mir viel später selbst bei. Vielleicht hatte ich ein paar kleine Erinnerungsschnipsel: einige Sätze von der Tante, der Schwester meiner Großmutter, die über ihre Kindheit erzählte. Das war aber alles.

Eine wichtige Person meiner Kindheit war mein Nenn-Opa. Es war herzkrank, aber so lange er noch Kraft hatte, nahm er mich jeden Sonntag zu einem Ausflug durch Moskau mit. Wir besuchten Museen, er zeigte mir alles, erklärte, erzählte. Wir waren selbstverständlich in der Tretjakow-Galerie, aber nicht nur dort. 1955 besichtigten wir das Puschkin-Kunstmuseum, wo gerade eine Ausstellung aus den Dresdener Kunstsammlungen gezeigt wurde und wo ich die „Sixtinische Madonna” und viele andere wunderbare Bilder sah. Ich war von all dem zutiefst beeindruckt.

Das Museum selbst hat seine eigene Geschichte. Gegründet wurde es 1912 vom Vater der Dichterin Marina Zwetajewa. Ursprünglich stellte man dort Nachbildungen von Skulpturen der Antike und der italienischen Renaissance aus, mit der Zeit wurde eine wunderbare Sammlung der westlichen Kunst, u.a. mit Bildern von Impressionisten, aufgebaut, eine Sammlung, die selbstverständlich durch nach der Revolution geraubte private Kollektionen bereichert wurde, später auch durch aus Deutschland abtransportierte Kunstwerke. Ende der 1940er Jahre lösten die Kommunisten die Dauerausstellung im Rahmen des „Kampfes gegen Kosmopolitismus” auf und richteten in dem Gebäude das „Museum der Geschenke für Stalin” zu dessen 70. Geburtstag ein. Das war ein extremer, geradezu byzantinischer Ausdruck des Stalin-Kults: unzählige Porträts in Öl auf Leinen, auf Papier, Gobelins und viel Ähnliches. Erst nach Stalins Tod kehrten die Kunstsammlungen dorthin zurück und damals besichtigte ich das Museum mit meinem Opa. Als ich ein wenig älter war, besuchte ich dort Seminare zur Kunstgeschichte, die der Kunsthistoriker Igor Golomstock für interessierte Jugendliche organisierte. Und wie das Leben so spielt, las ich viele Jahre später, bereits im Westen, sein Buch über Kunst in totalitären Systemen. Er stellte Vergleiche zwischen der Kunst im Stalin-, Hitler-, Mao- und Mussolini-Staat an, eine äußerst interessante Analyse.

In diesen alten Zeiten besichtigte ich mit meinem Opa auch das Tolstoj-, das Tschechow-Museum und viele andere. Diese pädagogischen Ausflüge dauerten wohl bis zu meinem 14. oder 15. Lebensjahr, vielleicht noch länger. Jeden Sonntag verbrachten wir zusammen, nur er und ich. Ich war seine erste Enkelin, wenn auch keine richtige, so doch die erste. Als meine Cousine und mein Cousin zur Welt kamen, war der Opa schon schwer krank. Und ich verdanke ihm diese wunderbaren Erlebnisse meiner frühen Jahre, die mich tief geprägt haben.

Ein anderer wichtiger Bestandteil meiner Kindheit, aber auch meines späteren Lebens in Russland, war unsere Datscha. Die Großeltern hatten sie 1936 erworben, sie lag in einem Ort namens Stancja Tscheljuskinskaja, 25 Kilometer von Moskau entfernt. Das war kein Privateigentum, sondern sie gehörte zu einer Kooperative, einer Art Genossenschaft, wie alle anderen Datschas auch. Die Privatisierung erfolgte erst in den 1990er Jahren. Früher waren einzelne Menschen keine Grundstückseigentümer. Manchmal gelang es dem einen oder anderen, sein Haus zu veräußern, wenn es gut war, aber auch der Käufer musste dann der Genossenschaft beitreten. Es war also Eigentum und gleichzeitig kein Eigentum. Dies alles klingt ein wenig kompliziert, aber die Datscha gehört zum russischen Leben wie der Wodka.

Unsere Datscha das war einfach ein Stück Wald mit einem winzigen Holzhäuschen: drei kleine Zimmer, dünne Wände und ein kleiner Ofen. Im Winter konnte man sich dort gar nicht aufhalten, dafür kamen im Sommer alle Kinder dorthin, auch die Kinder von den Schwestern meiner Oma. Wir alle wuchsen auf dieser Datscha auf. Ich hatte damals eine enge Freundin, Olja Karpowa, mit der ich bis zum Ende meiner Schulzeit befreundet war. Heute lebt sie in England, wo es ihr nicht besonders gut geht: Sie lebt von Sozialhilfe und ihre ältere Tochter ging dort ins russisch-orthodoxe Kloster. In den 1950er Jahren verbrachten wir Jahr für Jahr den ganzen Sommer auf unserer Datscha. Das waren wunderbare, unvergessliche Zeiten. Heute lebt meine Tante auf unserer Datscha, sie hat ihre Wohnung in Moskau vermietet und sich selbst außerhalb der Stadt niedergelassen. Selbstverständlich bewohnt sie ein neues Haus, das alte kleine Häuschen existiert schon lange nicht mehr.

In die Schule in Moskau kam ich erst knapp ein Jahr nach unserer Ankunft, als ich fast acht Jahre alt war. In den ersten Klassen hatten wir nur eine Lehrerin für alle Fächer, die mich sehr mochte und sich große Sorgen machte, weil ich Russisch mit englischem Akzent sprach. Sie schickte mich sogar zu einem Logopäden. Auch die Kinder auf dem Hof hänselten mich. Aber das verging schnell. Meine Schule war ganz gewöhnlich, durchschnittlich. Vom ersten bis zum letzten Tag, also bis zum Abitur ging ich auf dieselbe Schule, ja in dieselbe Klasse. Das Niveau war ziemlich hoch und ausgeglichen, wir hatten einige ausgezeichnete Lehrer. Einer von ihnen war Georgij Israilewitsch Goder, ein sehr verdienter Geschichtslehrer, hervorragender Pädagoge und Methodiker. Ich sah ihn noch einmal viel, viel später, als ich in den 1990er Jahren Moskau besuchte. Meine Schulkameradinnen besuchen ihn bis heute, obwohl er schon recht alt ist. Wir alle mochten ihn sehr. Am Anfang war unsere Schule nur für Mädchen, gemeinsame Schulen für Mädchen und Jungen wurden erst nach Stalins Tod eingerichtet. Vor dem Krieg hingegen gab es nach den liberalen Reformen keine Geschlechtertrennung an den Schulen. Interessant: Die russischen Despoten, ob Stalin oder Putin, hegen eine besondere Vorliebe für die zaristische Ordnung.

In der Sowjetunion wurde den Kindern vom frühesten Alter an die Ideologie eingebläut. Zu meiner Zeit musste man zum Beispiel auswendig gelernte Reime zu Ehren Stalins deklamieren. Es gab auch die Organisation der Pioniere, der ich von alleine angehören wollte. Heute weiß ich, dass das ein simpler psychologischer Mechanismus ist, da kein Kind abseits stehen will. Und ich war erst neun, als ich zu den Pionieren ging. Ich kann mich noch an den Eid erinnern: „Ich, junger Pionier der Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken, gelobe feierlich im Angesicht meiner Genossen ... mich für das Werk Lenins und Stalins einzusetzen.” Später, als ich 14 Jahre alt war, wurde ich im Komsomol aufgenommen. Und damit endete mein Abenteuer mit den politischen Organisationen in diesem Staat, obwohl meine politische Reife erst später einsetzen sollte.

An der Schule hatte ich keine Schwierigkeiten, ich war eine sehr gute Schülerin und legte das Abitur mit einer Goldmedaille ab. Ich kann nicht viel mehr über diese ruhige und für mich eher sorglose Zeit erzählen. Auch wenn ich meine Kindheit nicht als grenzenlos glücklich bezeichnen würde, so war sie doch – auf gut Deutsch gesagt – behütet und verlief fast wie in einem Gewächshaus. Allerdings prägten sich einige besondere Ereignisse in mein Gedächtnis ein. Ich ging in die erste Klasse, es war im Frühjahr 1952. Erst im Nachhinein sollte sich herausstellen, dass Stalin damals zum letzten Mal zur großen Parade auf dem Roten Platz erschien. Wie immer wurden unzählige Kinder dorthin geschickt, die dann den Parteibonzen Blumen überreichen durften. Diese Kinder suchte man in allen Moskauer Schulen aus: Sie mussten gut aussehen und gute Schüler sein. Auch ich wurde für diese ehrenvollen Gruppe ausgewählt. Leider erkrankte ich, wieder bekam ich Angina oder Grippe. Deshalb konnte ich nicht die Letzte sein, die Stalin Blumen überreichen durfte.

Eine andere Erinnerung aus der Stalin-Zeit, es muss 1952 oder 1953 gewesen sein: Mein Vater sollte zum Flughafen fahren, um eine ausländische Delegation zu empfangen, und er nahm mich mit. Für mich war das ein großes Erlebnis: mit einem Auto zum Flughafen zu fahren und mir alles anzusehen. Wir fuhren eine große Moskauer Straße entlang, nicht direkt im Zentrum, sondern etwas abseits, die bis heute Leninskij Prospekt heißt. Damals wurde dort ein Gebäudekomplex errichtet, der später ziemlich bekannt wurde, und die ganze Magistrale war ein einziger Bauplatz. Als ich viele Jahre später, bereits in den 1960er Jahren, Solschenizins Roman „Der erste Kreis der Hölle” las, in dem davon die Rede ist, dass auf dieser Baustelle Gulag-Häftlinge arbeiten mussten, habe ich mich schrecklich geschämt. Mir kam in den Sinn, dass ich vielleicht gerade in der Zeit mit meinem Vater in einem Auto vorbeigefahren bin, als Solschenizin dort schwer schuften musste.

Ich erinnere mich auch an Stalins Tod. Es war schrecklich kalt, Anfang März. Sein Leichnam wurde öffentlich in einem Sarg aufgebahrt, damit alle ihn noch sehen und von ihm Abschied nehmen konnten. Sehr viele Leute kamen aus der Provinz angereist. Unsere Straße führte direkt von einem der Moskauer Bahnhöfe zum Zentrum, und Unmengen von Menschen zogen entlang, sie gingen und gingen ohne Ende. Das prägte sich mir am stärksten ins Gedächtnis ein: Dunkelheit, Kälte und diese Menschenmengen, die sich von Stalin verabschieden wollten. Selbstverständlich war ich ein wenig traurig, da alle um mich herum auch traurig zu sein schienen. Die Kinder hatten eine ganze Woche frei, die Schulen waren geschlossen. Ich kann mich nicht an irgendwelche Kommentare meiner Eltern zu Hause erinnern. Ich denke, dass sie einfach Angst hatten.

Als Kind muss ich wohl die Allgegenwart der Angst gespürt haben. Man sagte mir zum Beispiel, dass ich nie und niemandem erzählen darf, was ich zu Hause höre. Diese Angst erzeugte eine eigenartige Atmosphäre, etwas hing in der Luft, war aber zugleich selbstverständlich und schien zur Ordnung der Welt zu gehören. Ich weiß noch, wie ich eines Tages im Sommer an der Bahnstation des Ortes bei Moskau, wo wir unsere Datscha hatten, einen Zug mit Stolypin-Waggons sah, in denen Häftlinge transportiert wurden. Die Erwachsenen wiesen meine Fragen zurück. Aber das Bild blieb mir in Erinnerung, obwohl ich es viel später deuten konnte. Erst als ich selbständig zu denken begann, begriff ich, dass die Erwachsenen während des stalinistischen Terrors schreckliche Angst hatten. Vielleicht fürchtete sich mein Vater am wenigsten, vielleicht war er deswegen unvorsichtig, bekam Schwierigkeiten und wurde von der Arbeit entlassen. Zum Glück landeten damals nicht mehr alle im Gefängnis, das war schon nach Stalins Tod.

Es kam das Jahr 1956, das die sogenannte Destalinisierung zeitigte, es folgten Rehabilitierungen. Ein kleiner Vorfall aus dieser Zeit beeindruckte mich zutiefst, so dass ich mich noch heute lebhaft daran erinnern kann. Meine Mutter hatte einen Schulfreund, der 1942 oder 1943 verhaftet wurde. Es ging um das berühmte Testament von Lenin, einen Brief mit der Beurteilung aller Mitglieder des Politbüros. In den späteren Jahren war dieses Dokument, das eine scharfe Kritik Stalins enthielt, verschwunden und offiziell nicht existent, aber es kreiste in Abschriften, und so gelangte es in die Hände dieses Schulfreundes meiner Mutter. Er las den Brief und erzählte seinem besten Freund davon. Einige Tage später wurde er verhaftet und zu zehn Jahren Gulag verurteilt, weil damals das niedrigste Urteil so hoch war. Das alles erfuhr ich freilich erst viel, viel später. Damals, in den 1950er Jahren war ich gerade aus der Schule gekommen, als es an der Tür klingelte. Ich machte auf. Vor der Tür stand ein mir völlig unbekannter Mann, den ich noch nie im Leben gesehen hatte. Er fragte, ob Inna Wasiljewna, meine Mutter, zu Hause sei. Ich antwortete nein. Und Ida Genrichowna, meine Großmutter? Die Oma kam gerade heran. Ich schaute sie an und erschrak. Ihr Gesicht! So müssen die im Evangelium beschriebenen Frauen ausgesehen haben, als sie das leere Grab Jesus’ erblickten. Eine Auferstehung! Die Oma sah jemanden, der eigentlich gar nicht mehr leben konnte. Diese Verwunderung, gemischt mit Entsetzen, war ihr am Gesicht abzulesen. Das werde ich nie vergessen. Dieser Mann kam damals nur zu Besuch. Er ist nie wieder nach Moskau zurückgekehrt, sondern blieb nach der Entlassung in Sibirien und nahm dort eine Arbeit als Geologe auf. Viele Jahre später wurde er Mitbegründer von Memorial in Sibirien.

Ja, ich spürte schon, dass wir privilegiert waren. Einige meiner Schulkameradinnen kamen aus wirklich armen Familien, und das war ihnen anzusehen. Da ich eine gute Schülerin war, bat mich die Lehrerin, einer Klassenkameradin bei den Hausausgaben zu helfen. Meine Oma sagte darauf: „Gut, aber bring sie mit zu uns nach Hause.” Und ich hatte gedacht, ich dürfte das nicht. Erst später begriff ich, warum Oma sie zu uns einlud. So konnte sie bei uns zumindest zu Mittag essen. In diesem Sinne wusste ich selbstverständlich, dass es uns besser ging. Darüber hinaus waren viele, vielleicht sogar die meisten meiner Klassenkameradinnen vaterlos, denn die Väter waren im Krieg gefallen. Ich hatte aber einen. Wir wohnten auch nicht in einer sogenannten Kommunalwohnung, in der sich verschiedene fremde Menschen zusammendrängen mussten. Bei uns wohnte nur unsere Familie. Die Wohnung war zwar nicht besonders groß, aber wir fühlten uns dort heimisch.

Wenn ich heute über meine Schule nachdenke, frage ich mich, warum es dort keinen Antisemitismus gab. Und ich weiß keine Antwort. Unsere Klasse war sehr klein, wir waren der zahlenmäßig schwächste Jahrgang, und sie zählte 32 Schüler, wovon sieben oder acht jüdischer Abstammung waren. In all diesen Schuljahren hörte ich niemals eine antisemitische Bemerkung. Vielleicht erlebten andere so etwas, ich aber nicht. Dabei war es eine ganz normale, gewöhnliche Schule. Die Kinder auf dem Hof, die mir offenbarten, dass meine Mutter jüdisch war, wohnten in demselben Haus wie jene Überbleibsel der Komintern. Aber wenn ich mich recht entsinne, war ihre Aussage eher informativ oder aufklärerisch und hatte keinerlei antisemitischen Hintergrund. In diesem Haus wohnten aber auch andere Menschen, irgendwelche Putzfrauen von der Komintern. Früher soll es dort ziemlich unangenehme Vorfälle gegeben haben. Meine Oma erzählte mir, dass eine Frau im Oktober 1941, als die Deutschen vor den Toren Moskaus standen, zu ihr gesagt habe: „Noch ein paar Tage, und ihr werdet alle an den Bäumen hängen. Die Deutschen sorgen schon dafür.” Und später, nach dem Krieg, trafen sie sich tagtäglich auf demselben Hof.

Übrigens war ich auch in meinem erwachsenen Leben nie mit Antisemitismus konfrontiert, der sich gegen mich gerichtet hätte. Offensichtlich hatte ich „ein gutes Aussehen und einen guten Namen” – wie Frau Gomulka zu sagen pflegte, die neulich von Jan Tomasz Gross zitiert wurde. Aber meine Tante, die nicht viel älter war als ich, erzählte, dass sie bei ihrer Arbeitssuche oft zu hören bekam: „Wir stellen nur Blondinen an.” Ich war mir also durchaus bewusst, dass es Antisemitismus gab. Einmal erlebte ich auch einen bezeichnenden Vorfall. Ich war um die sechzehn Jahre alt und fuhr mit der Straßenbahn. Ein Mann beschimpfte einen älteren Herrn, der ebenfalls in der Straßenbahn saß, mit antisemitischen Äußerungen. Da mischte ich mich ein und wollte den Älteren verteidigen. Der andere Typ konnte mir nicht mit der typisch russischen Beschimpfung „Du Judenfresse!” kommen, ich sah einfach nicht danach aus. Der Ältere konnte auch nichts wissen, er bedankte sich nur höflich bei mir.

Was meine jüdische Herkunft angeht, nahm die Situation plötzlich schizophrene Züge an, als ich sechzehn wurde und wie alle meine Altersgenossen einen Antrag auf einen Personalausweis stellen musste. In den sowjetischen Papieren gab es eine Rubrik mit der Nationalität, die 1926 eingeführt und als pjatyj punkt, der berühmte „fünfte Punkt” bezeichnet wurde. In der Umgangssprache bedeutete dieser fünfte Punkt schlicht und einfach jüdische Abstammung, man sagte nicht, dass jemand jüdisch ist, sondern sprach nur vom „fünften Punkt.” Diese Rubrik erleichterte den Behörden antisemitische Repressionen. Ich war halbrussisch, da mein Vater Russe war. Aber als ich meinen Personalausweis bekommen sollte, erklärte ich zu Hause, dass ich in die Rubrik Nationalität „jüdisch” einzutragen gedenke. Das war eine schiere Katastrophe. Viele Tage lang erklärten mir meine Eltern, was es damit auf sich hatte, sie redeten auf mich ein, ich solle das nicht tun. Dabei begann ich damals gerade mich für meine jüdische Herkunft zu interessieren. Die Eltern waren jedoch hartnäckig und setzten sich durch.

Andere Probleme hingen mit meinem Geburtsort zusammen. Die Eltern sagten mir unumwunden: Sie fürchteten, ich könnte Unannehmlichkeiten oder gar ernsthafte Schwierigkeiten bekommen, weil ich in den Vereinigten Staaten geboren war, und dies könnte manchem sehr verdächtig vorkommen. Mein Vater nutzte damals seine Beziehungen. Als er noch in New York arbeitete, war Andrej Gromyko sowjetischer Botschafter in den Vereinigten Staaten, später wurde er sowjetischer UNO-Botschafter. Jedenfalls kannte mein Vater ihn aus dieser Zeit. Ende der 1950er Jahre, als ich meinen Personalausweis bekommen sollte, war Gromyko bereits sowjetischer Außenminister, und er sollte dieses Amt 28 Jahre innehaben. Mein Vater nahm Kontakt zu ihm auf, und mit Gromykos Segen bekam ich eine nagelneue Geburtsurkunde. Die alte mit dem „nicht richtigen” Geburtsort wurde vernichtet. Mir kam das ziemlich lächerlich vor, zumal die neue Geburtsurkunde mit einem nur um einige Tage früheren Datum als mein Personalausweis ausgestellt wurde. Als wir Jahre später in Wien landeten und ich mich zur amerikanischen Botschaft begab, um meine durch die Geburt erlangte Staatsbürgerschaft zu bestätigen, musste vorerst die alte Geburtsurkunde aus New York bestellt werden. In der neuen, gefälschten stand in der Rubrik Geburtsort Moskau. Meinen ersten sowjetischen Personalausweis bekam ich also als eine in Moskau geborene Russin. So war in jeder Hinsicht alles in bester Ordnung.

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 30.06.2008