Kino zu Antisemitismus 1968 - Polen buergert 'Systemfeinde' aus, Berlin, 8.11.2008

Veranstaltungsankündigung
In Zusammenarbeit mit der Amadeu-Antonio-Stiftung

Polen bürgert „Systemfeinde“ aus. „Danziger Bahnhof“Im Januar 1968,
streicht die oberste Zensurbehörde in Polen die „Totenfeier“ von Adam
Mickewicz, den größten Nationaldichter Polens, vom Spielplan des
Warschauer Nationaltheaters. Das bringt das Fass zum überlaufen.Im
März 1968 besetzen Studenten die Universität der Hauptstadt und
fordern Freiheit und Demokratie, während auf der Straße bereits die
Arbeiter mit Schlagstöcken warten. Milizionäre, die sie mit Lastwagen
herangekarrt haben,übernehmen das prügeln, wenn den Arbeitern die
Kraft ausgeht.

Der März 1968 geht als „Tag der Schande“ in die Geschichte Polens
ein. Am nächsten Tag heißt es, die Vertreter der Arbeiter haben den
Studenten gezeigt was in Volkspolen wichtig ist. Und später steht es
auf den Transparenten: „Wir kämpfen für Gomulka“, den
Parteivorsitzenden „und die Arbeiterpartei“, „der Feind hat die
Studenten unterwandert um sie gegen die Arbeiter und Bauernklasse
angestachelt“ und „Raus mit den Zionisten“.Millionen von Menschen
sitzen vor dem Fernseher als Gomulka vor der „Fünften Kolonne“ im
Land warnt. Was folgt, ist eine beispiellose Hetzkampagne. Die
Zionisten, so heißt es, seien vom Ausland finanzierte
Konterrevolutionäre, welche die polnische Jugend den Imperialisten in
die Hände treiben wollen.

Mieczyslaw Moczar, ehemaliger Geheimdienstchef, richtet eine eigene
Abteilung für „Ahnenforschung“ ein. Dort wird noch gründlicher als
beiden Nationalsozialisten, die „arische“, wie die „nichtarische“
Herkunft der Parteikader, Wissenschaftler, Professoren und Offiziere
bis in die achte Generation überprüft. Plötzlich wird einer Mehrheit
von führenden Staatsbürgern der Volksrepublik eine jüdische Herkunft
nachgewiesen. Sie sind an den Universitäten, in Verlagen, im Radio
und Fernsehen, in den Schulen und an den Gerichten; sie sind Ärzte
und Rechtsanwälte. Man unterstellt Ihnen eine Zusammenarbeit mit
„Revisionisten“ in Deutschland, die eine gegen Polen gerichtete
„Achse Bonn-Tel Aviv“ bilden sollen.

Die Arbeiter gehen auf die Straßen und demonstrieren für die
„Entfernung aller zionistischen Elemente aus Staat und Partei“.
Zehntausende verlieren ihre Stellung, einige begehen Selbstmord, etwa
20.000 verlassen das Land. Mit der Ausreise wird ihnen die polnische
Staatsbürgerschaft abgenommen und sie werden staatenlos.

Vierzig Jahre nach diesen Ereignissen wollen wir an ein vergessenes
und Jahrzehnte verschwiegenes Kapitel der polnischen, aber auch
europäischen Geschichte erinnern.Gezeigt wird die preisgekrönte
Dokumentation „DworzecGdanski“- „Danziger Bahnhof“ von Maria Zmarz-
Koczanowicz, mit deutschen Untertiteln.

Danach möchten wir zu einer Diskussion einladen.Moderation:

Sonia Petner, Karl-Heinz Kloppisch jr.

Gäste:

Dr. Elvira U. Grözinger, ist in Polen geboren, 1957 nach Israel
ausgewandert und dort aufgewachsen, lebt seit 1967 in Deutschland,
ist Literaturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie arbeitete u. a.
am Deutschen Polen Institut in Darmstadt bei Karl Dedecius, und ist
gegenwärtig Lehrbeauftragte für Jiddische Sprache und Literatur an
der Freien Universität Berlin.

Angefragt: Prof.Dr. Wolfgang Benz, ist Mitgründer und Mitherausgeber
der Dachauer Hefte und war von 1969 bis 1990 Mitarbeiter des
Instituts für Zeitgeschichte in München. Seit 1990 arbeitet er als
Professor an der Technischen Universität Berlin und ist Leiter des
Zentrums fürAntisemitismusforschung. 1992 erhielt er den Geschwister-
Scholl-Preis.

Samstag, den 8. November 2008 ab 19 Uhr
in der BAIZ Christinenstr.1 Ecke Torstraße,10119 Berlin-Mitte, (U-
Bhf. Rosa-Luxemburg-Platz)
'Dworzec Gdanski'Polen2007, 55 Min.Regie:
Maria Zmarz-Koczanowicz

Filmvorführung mit anschließenderDiskussion Eintritt 3 Euro
berlin.kinoklub@gmx.net

Event: 08.11.2008 - 00:00 - 08.11.2008 - 23:59
Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: