Grenze ist mehr: eine Projektskizze

Lohnt sich die Reise in die Zukunft der Vergangenheit?

Die deutsch-polnische Grenze ist eine natürliche Akkumulationszone von Melancholie. Sie erscheint in der Öffentlichkeit der Zentren als jene Peripherie, die kurz vorm Ende der Welt liegt. Wer sich auf den Weg in eine der Grenzstädte an der Oder macht, den überkommt gewöhnlich eine Ahnung, warum das Wort Weltschmerz ein deutscher Exportschlager wurde. Hier hört Deutschland auf und Polen will nicht so recht beginnen. Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Hier sieht man auf den ersten Blick, dass an beiden Ufern 25 Prozent Arbeitslosigkeit herrscht. Doch dringt man weiter ins Land ein, wirken die verfluchten Orte des Transits wie ein Eldorado. So beginnt die Grenze nicht da, wo sie mit bunt gestreiften Pfählen aus Plaste und Beton markiert ist, sondert dort, wo keine Basare, Puffs und Sonderwirtschaftszonen für regen Verkehr aller Art sorgen.

Ende und Anfang: der Krieg

Terra Transoderana hieß das Land hinter der Oder in mittelalterlichen Urkunden. Zuvor hatten slawische Fürsten in Lebus am linken Ufer ein Bistum gegründet, um weiter nach Westen zu dringen. Für die brandenburgischen Markgrafen war es immer die Neumark – die Ländereien, welche sie zuletzt erwarben. Als im Frühjahr 1945 die deutschen Bewohner vor der Front flüchteten, existierte die Neumark noch. Die Kirchen, Marktplätze und Handelshöfe von Küstrin, Landsberg, Drossen und Crossen zeugten von ihrer eng mit Brandenburg und Preußen verwobenen Geschichte. Sie gingen in den letzten Tagen des Krieges in Flammen auf. Egal ob Plünderer, aus den Lagern und von der Zwangsarbeit zurückkehrende Polen oder sowjetische Soldaten die Brände stifteten – die meisten Deutschen hatten ihre Häuser bereits verlassen, sie retteten nur noch ihre eigene Haut. Die Städte gingen unter, bevor die neuen Bewohner ankamen.

Jene polnischen Pioniere, die dem Mythos der wiedergewonnenen Gebiete in den Westen folgten, begründeten die Ziemia Lubuska. Zwischen diesem Lebuser Land und der Neumark bestand keine Verbindung mehr, seit im Sommer 1945 die verbliebenen Deutschen vertrieben wurden. Noch heute zeugen die Freiflächen der ausbrannten Innenstädte von jenem Bruch. Sein Sinnbild sind die von Sträuchern und Unkraut überwucherten gepflasterten Straßen, einstürzenden Kellergewölbe und abgebrochenen Hauseingänge der einstigen Altstadt Küstrins. Was nicht in den Kämpfen um den Oderübertritt verbrannte, wurde abgetragen und der Legende nach zum Wiederaufbau nach Warschau transportiert. Die Stadt Kostrzyn wurde abseits der alten Festung gegründet.

Grenzen im Fluss

So war die Urerfahrung der Neuankömmlinge, in einer verbrannten Landschaft und in fremden Häusern zu leben. Fanden sie ein unversehrtes Haus, traten sie in die soeben verlassene Welt einer deutschen Familie. Im Schrank duftet frisch gemangelte Wäsche, das Bett ist gemacht, in der Kommode liegen die Sommerkleider der Hausherrin. Doch wie ist die Apparatur im Badezimmer zu bedienen? Wohin mit dem Vieh? Für die aus Ost- und Zentralpolen stammenden Vertriebenen und Siedler waren die Häuser, Maschinen und Geräte im neuen Westen fremd. Was sie kannten, wurde verwendet, anderes verrottete. Viele Familien glaubten nicht, dass sie länger bleiben würden, mancher Koffer war noch Monate später gepackt, das Phänomen der Zeitweiligkeit, das Gefühl, hier nicht herzugehören, hielt noch Jahrzehnte an. Und doch gründeten sie mit der Zeit neue katholische Friedhöfe, die protestantischen und jüdischen Nekropolen verwitterten, in den 1980er Jahren wurden die meisten eingeebnet. Um den Beginn in der Fremde zu erleichtern, erklärten die Funktionäre unablässig, dass es sich um urpolnische Gebiete handle, die endlich zurück in den Schoß der Heimat gekehrt sind. Währenddessen verharrten viele deutsche Vertriebene am linken Oderufer, einige hofften noch lange auf eine Rückkehr. In der Mitte des verschwundenen Marktplatzes von Krosno Odrzanskie steht heute ein Betonmonument mit der Aufschrift: wir waren, wir sind, wir werden sein. Bisher umfasst dieses wir nur die polnischen Bewohner.

Die Nachkriegsordnung favorisierte ein Prinzip der natürlichen Grenze, welche sich in der Tiefebene allein an Flüssen orientieren konnte. So wurde aus der Aorta der Region ein fließender Keil. Der vom Krieg markierte Abbruch aller Verbindungen wurde nicht wieder rückgängig gemacht. Was für andere Landschaften die Ruinen von Schlössern und Burgen sind, stellen hier gesprengte Brücken, abgebrochene Straßen, stillgelegte Fähr- und Schiffsanlegestellen dar. Die alten Oderarme, Inseln und Halbinseln, an denen einst Ruderclubs und Badestellen lagen, wurden zum Sperrgebiet.

Erst in den 1990er Jahren entstanden neue Brücken, ein paar Ausflugdampfer verkehren nun zwischen dem Schiffshebewerk Finnow und Eisenhüttenstadt, das Hotelschiff Chopin bringt im Frühling westdeutsche Vertriebe flussaufwärts nach Schlesien. In Karl Schlögel hat die Oder einen Barden gefunden, der sie mit Vorliebe und nicht ohne Pathos besingt. Wenn der Pegelstand es erlaubt, geht er mit Gästen aus aller Welt an Bord der MS Fürstenberg auf die Reise nach Lebus. Der Kapitän des Familienunternehmens hat einen Lotsen angeheuert – ihm selbst wurde nach einer Oderspritztour mit 3,6 Promille der Bootsschein entzogen.
Die Hoheit über das Gewässer hat der Bundesgrenzschutz, der den Flusslauf von der Neißemündung an mit Schnellbooten, Streifenwagen und Infrarotkameras kontrolliert. Parallel zu dieser noch immer bestehenden unsichtbaren Mauer der Festung Europa verläuft ein Betonstreifen für die Einsatzwagen – der schönste Fahrradweg weit und breit. Die Natur hat sich in den Jahrzehnten nach dem Krieg den Raum zurückerobert, sie ist die stille und grausame Herrscherin der Grenze. So schwemmt der Strom jedes Jahr die Leichen ertrunkener Flüchtlinge an seine Ufer.

Kein Grenzland in Sicht

Der mittlere Lauf der Oder markiert nicht allein die Grenze zwischen zwei Staaten. Hier verläuft die scheinbar scharfe Trennlinie zwischen zwei Völkern, zwei Sprachen und zwei Religionen. Auf der einen Seite leben heute fast ausschließlich Polen, auf der anderen eine große Mehrheit von Deutschen. Letztere sprechen kein Wort Polnisch und ihre Kirchen stehen leer, während in polnischen Schulen Deutsch gelehrt wird und die Kirchen noch immer gefüllt sind. So erscheint es hier als natürlicher Zustand, dass sich Deutsche und Polen fremd sind – sie haben in jenem Land hinter der Oder nie gemeinsam gelebt, sie sprechen keine gemeinsame Sprache, sie teilen keine Schutzheiligen. Das Besondere an diesem Grenzland ist also, dass es kein Grenzland ist. Es fehlt der Übergang, die Durchmischung, die Erfahrung des Konflikts, der gemeinsamen Not.

Über Jahrzehnte war die gegenüber liegende Seite tabu. Noch heute wird in den deutschen Städten am 11. November ausgelassen der Beginn der Faschingszeit gefeiert, während östlich der Oder dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Schaffung eines unabhängigen polnischen Staates gedacht wird. Und doch gibt es einen Übergang, dessen größter Sprung durch die Oder markiert wird: das Wirtschaftgefälle. Während sich an den Nadelöhren der Grenzstädte noch relative Prosperität zeigt, ist der Unterschied vom westlichen Hinterland, das noch immer von der Stärke der gesamtdeutschen Wirtschaft zehrt, zum östlichen enorm. Der bescheidene Wohlstand Brandenburgs geht mit einem der krassesten Wohlstandsgefälle Europas in die Armut vieler Dörfer des Lebuser Landes über.

Und sie bewegt sich doch

Mit der spontanen Öffnung der Grenze 1972 kam etwas in Bewegung. Der Einkauf auf der anderen Seite wurde zum alltäglichen Spähgeschäft: wie lebt wohl der andere? Nüben kaufte man frisches Gemüse, Gebäck und Westwaren, drüben ergatterte man ein Paar Schuhe, Kindersachen und Haushaltwaren. Zum ersten Mal hörte man polnische Zischlaute in den kleineren Ortschaften des Bezirks Frankfurt (Oder). Zum ersten Mal machten sich die ehemaligen Bewohner der Neumark auf den Weg zu den Gräbern ihrer Familien in der Woiwodschaft Zielona Góra. Viele standen verstohlen in einiger Entfernung vor ihren Häusern und schimpften über die neuen Besitzer: die Höfe waren seit dreißig Jahren nicht renoviert worden. Anderswo klopften sie an und wurden herzlich über die Schwelle gebeten.

Als 1981 die DDR-Führung aus Panik vor der SolidarnoÊç-Bewegung die Grenze schloss, brach eine neue Eiszeit an, selbst die wenigen Kontakte, die inzwischen geknüpft waren lagen nun auf Eis. Nur die polnischen Arbeiterinnen, die jeden Tag mit einem Bus ins Halbleiterkombinat nach Markendorf transportiert wurden, überquerten noch den Fluss. Viele von ihnen heirateten und blieben. Auch mit 1989 ging keine Verschiebung oder Auflösung der Grenze einher. Erneut war es die Suche nach preiswerten Waren, die für Austausch sorgte. Am rechten Ufer entstanden große Basare, auf denen vornehmlich Ostdeutsche ihren Kaufrausch auslebten. Sie beluden ihre Kofferräume mit allem was bunt, grell und billig war – wenn ihr Auto noch dastand. So nahm die Diebstahlstatistik eine eigene Rubrik in der Märkischen Oderzeitung ein. Erst spät bemerkte man am linken Ufer, dass Polen nicht nur Diebe, sondern auch Kunden sein können. Sie kaufen mit Vorliebe Lebensmittel, Kleidung und Elektronik in jenen Geschäften, in den sie über Jahre nur durch Diebstahlwarnungen in polnischer Sprache begrüßt wurden. Es war dieser kleine Grenzverkehr, der alltägliche Spaziergang zum Zigarettenholen oder Schokoladekaufen, der Alltag einkehren lies.

Große Brüder und kleine Ameisen

Und doch verlief an der Oder noch fünfzehn Jahre die EU-Außengrenze und mit ihr ein rigides Kotrollsystem. Bundesgrenzschutz, die polnische Grenzwacht und Zöllner beider Länder bestimmten das Regime. Sie regulierten die Schlangen, die in Stunden gemessen wurden, sie erniedrigten all diejenigen, die sie für verdächtig hielten, sie übten sich in Stichproben. So haben gerade die polnischen Bewohner die Staatsgrenze hassen gelernt, den anmaßenden Blick, das freche Du, die routinemäßige Kontrolle. Die meisten Deutschen stimmten in den Chor der wehleidigen Klagen über die Wartezeiten ein und einige übten sich im Verhindern von unkontrollierten Grenzübertritten. Vordrängler wurden genauso gemeldet wie Fremde, die in Sichtweite der Städte durch die Oder schwammen. Mit Genugtuung lesen sie in ihrer Heimatzeitung: es wurden so und so viele illegale Einwanderer aufgegriffen.

Der Handel mit menschlicher Ware geht scheinbar in einer anderen Welt vor sich. Die Migration von Prostituierten, EU-Parlamentariern, Gastarbeitern, Studenten und Putzfrauen, die auf dem Weg von Kiew, Minsk und Posen nach Berlin, Köln und Brüssel, durch das Nadelöhr in S∏ubice und Frankfurt müssen, geht an der Doppelstadt spurlos vorüber, sie ist nicht zu spüren. Nur die Sammelstellen der menschlichen Ameisen an den Brückenköpfen sind sichtbar: Sie kommen aus den nahen Städten und Dörfern des Lebuser Landes an die Oder, um ihr täglich Brot mit dem vielfachen Verschaffen von kleinsten Mengen von Waren über die Grenze zu verdienen.

Trotz oder gerade wegen des kleinen Grenzverkehrs, hat das Zerrbild vom Gegenüber Bestand: die Angst vor der Rückkehr der ehemaligen Besitzer, die Vorsicht beim Parken des Autos in der Nähe von Polen, der Glaube an die Seelenlosigkeit der Ostdeutschen und das Gerede vom Polen, dem man als solchen besser nichts zutrauen sollte. Aber es gibt auch interne Abgrenzungen: ein Deutscher, der etwas auf sich hält und es sich leisten kann, fährt nicht nach Polen. Ein anständiger Pole, der es sich leisten kann, wird sich niemals als Ameise in die Schlange einreihen. Mit der EU-Erweiterung hat sich nicht viel geändert. Nur die Wartezeiten an der Grenze werden neuerdings in Minuten gerechnet, deutsche und polnische Beamte kontrollieren nun gemeinsam und lächeln sich manchmal an.

Das Grenzbusiness

Seit 1989 weht ein europäischer Wind durch die geteilte Region. Wer es gut meinte, gründete sogleich einen Verein, der etwa Brücke, Pro Europa oder Viadrina hieß. Besser noch Pro Europa Viadrina. Und schon konnte man mit EU-Geldern wunderbare Feste feiern, die an die seltenen Zusammenkünfte von Fahnenträgern aus der VR Polen und der DDR erinnerten. Die neuen Euroregionen wurden zu Aquiseunternehmen in Sachen kommunales Notstandsmanagement. Konkrete Zusammenarbeit findet seither immerhin auf der Ebene von Verwaltung, Polizei, Feuerwehr, Kindergärten und Schulen statt. Insgesamt wuchs die Zahl der Kontakte. Aber alles wurde von einer ritualisierten Feiermanie überschattet, deren Ausdruck alljährlich in Schlagzeilen wie „Aus Nachbarn wurden Freunde“ gipfelte. Künstler aus aller Welt begannen, an die Oder zu kommen, um in spektakulären Versöhnungsaktionen die Menschen zum Nachdenken über sich und den Nachbarn anzuregen. Höhepunkt der organisierten Dummheit war ein Projekt namens „Götzen – ich und die anderen“.

Was die verschiedenen Branchen des Grenzbusiness vereint, ist: sie sind auf die Zucht der eigenen ästhetischen Steckenpferde und intellektuellen Kaninchen beschränkt, sie sind auf die Nahzone direkt an den wenigen Städten an der Oder fixiert, sie leben auf Kosten der Steuerzahler in reicheren Ländern und sie bringen keine tragfähigen Strukturen hervor. Letztlich schaffen sie eine gut subventionierte Subkultur und die Möglichkeit, diese als europäischen Fortschritt zu interpretieren. Das alles wird dankbar aufgenommen von den Medienvertretern in der nahen Hauptstadt, die selbst schon von den Negativnachrichten aus Ostdeutschland müde sind, und die keine Zeit haben, jenseits der Agonie eines Filmes wie „Lichter“ und der fröhlichen Selbstinszenierung der Stadt Slubfurt nach Themen zu suchen. Je bunter und verrückter die Grenze, desto ausführlicher die Berichterstattung.

Auf nach Klein Posemuckel

Deshalb gibt es nur eine Chance: die Oder mit all dem Grenz-Klamauk hinter sich zu lassen und ein wahrhaftes Grenzland zu suchen. Einen Ausgangspunkt bietet auch hier die Festung Küstrin, auf der das Kunstprojekt „Dialog Loci“ Maßstäbe gesetzt hat: es ist doch möglich, den Raum neu zu vermessen, universelle Fragen in einem lokalen Kontext zu verorten und dabei alte Grenzen zu thematisieren und gleichzeitig neue Horizonte zu entdecken. Man kann auf die anstehende Reise Christa Wolfs Roman „Kindheitsmuster“ mitnehmen. Die darin vorkommende Stadt L. sowie die Stadt G. sind nichts anderes als Landsberg an der Warthe und Gorzów Wielkopolski. Vielleicht sollte man zunächst dort hinfahren, um mal etwas anderes als den billigen Kitsch der Basare zu erleben. Wer die Vorzüge der Stadt genossen hat, wird bereit sein für das Dorf. Und wie heißt auf Deutsch der Inbegriff von Kleinkleckersdorf? Klein Posemuckel. Und wo liegt dieses? Ganz zufälliger Weise im Lebuser Land alias Neumark und Terra Transoderana. Reist man in die 90 Kilometer östlich von Frankfurt liegende Ortschaft Małe Podmokle, staunt man über den neuen Fahrradweg nach Du˝e Podmokle, vormals Groß Posemuckel. Was im Volksmund so provinziell daherkommt, ist in Wirklichkeit längst in der EU angekommen. Die Arbeitslosigkeit ist minimal, die nahe IKEA-Fabrik hat die Schränke in der Heimatstube gesponsert. Und: es zeigt sich ein Gebiet des Übergangs.

In diesem historischen Grenzland zwischen Großpolen und Brandenburg lebten schon immer Polen. Sie kämpften in der Weimarer Republik um ihre Sprache, der Dorflehrer Franciszek Sarnowski kam 1940 im KZ Sachsenhausen um. Die Nazis haben die Ortschaft 1937 in Klein Posenbrück umbenannt, der Ruf von Klein Posemuckel ist bis heute geblieben. Die zuvor geschaffene Provinz Grenzmark / Westpreußen, die nur einen schmalen Streifen um Bomst, heute Babimost, umfasste, wurde zum Ausdruck der in den 1930er Jahren vorherrschenden Vorposten-Ideologie der Nazis. Mit dem Aufstand von 1918-1919 fiel Großpolen an die Polnische Republik, die staatlichen Grenzen verschoben sich zum ersten Mal seit den polnischen Teilungen wieder nach Westen. Der von deutscher Seite verspürten Ohnmacht wurde ein Mythos einer vermeintlichen Ostmark entgegengesetzt. Völkische Aussichtstürme, Stadien und neue Förderinstitutionen sollten den deutschen Anspruch auf die Gebiete weit hinter der Oder bekräftigen.

Die Deutschen wollten den ganzen Osten des Kontinents erobern. Dafür haben sie ihn gänzlich für sich verloren. Heute gibt es keine deutschen Familien mehr in Klein Posemuckel, nur noch einige polnische Autochthonen und viele Zuzügler. Dieser Verlust und die Nachhaltigkeit, mit der nach dem Krieg der Übergang zwischen Deutschland und Polen in dieser Region beseitigt wurde, wirken nach. Sie sind bis heute ein Hauptgrund für die Schwierigkeit der deutschen Seite, sich dem Lebuser Land zu nähern und für dessen Bewohner, sich dem Erbe der Neumark anzunehmen. Von außerhalb erfolgende, nicht nur von Deutschen ausgehende, künstlerische Interventionen, Impulse und Reflexionen, könnten diese Zone des Schweigens aufbrechen, eine terra incognita erschließen und die Landschaft mit neuen Akzenten versehen. Ziel könnte sein, endlich in der Gegenwart anzukommen.

Jenseits der Grenze

In einigen Jahrzehnten wird man den Nachfahren zeigen: die Grenze war dort, wo ein DriveIn steht. So handelt es sich bei den McDonalds-Filialen noch immer um die einzige konsequente Investition entlang der Oder. Überall, wo Menschen einst die Grenze überquerten, leuchtet das gelbe M auf rotem Grund. Es ist Normalität eingekehrt. Man fährt nicht mehr nach Polen zum Tanken, sondern rüber zu Aral. Der Einkauf wird im Intermarché erledigt. Die EU hat einen Weg gefunden, um langfristige Projekte und mittelfristig rentable Initiativen zu fördern. Es gibt inzwischen ein Grenzlandmuseum, in dem den Branchen des längst ausgestorbenen Grenzbusiness je ein Saal gewidmet ist, es finden Sonderaustellungen zur Tradition des Frisörwesens, der Prostitution und des Zigarettenhandels statt. In Klein Posemuckel empfängt ein Freizeitpark mit einem Freilichtmuseum, Spielhallen, Karussells und Restaurants Gäste aus aller Welt. Ab und zu kommen Forscher in die Gegend, um nach den Spuren jener Künstler zu suchen, die zum Beginn des 21. Jahrhunderts die Region neu erschlossen.

Ideen:

- Die Einrichtung eines künstlerisch inszenierten Freizeitparks in Klein Posemuckel könnte langfristige Impulse für den Kulturtourismus der Region bringen, vor Ort gibt es bereits eine engagiert geleitete Dorfschule, eine Geschichtsstube und ein Freilichtmuseum für Landmaschinen – man kann also anknüpfen
- leere Innenstädte prägen noch heute als verbrannte Orte die Neumark alias Lebuser Land – eine künstlerische Auseinandersetzung mit Raum und Zeit wären fruchtbar – eventuell in Anlehung an Dialog Loci auf der Festung Küstrin
- Der Roman Kindheitsmuster von Christa Wolf ließe sich theatralisch parallel in Frankfurt (Oder) und Gorzów Wlkp. inszenieren und um eine Dimension der Gegenwart erweitern – die Rezeption von Wolf in Polen ist durchaus förderungswürdig, der Inhalt des Romans hochaktuell
- kurzfristige Belebung eines leer stehenden vormals deutschen Aussichtsturms aus der Zwischenkriegszeit, der heute etwas verloren bei Drossen in der Gegend rum steht und aussieht wie eine Ruine aus der Zeit der Nibelungen. Die Nazis haben solche Türme als Symbole der Verteidigung des deutschen Ostens gebaut. Diese Intention heute unter anderen Vorzeichen aufzugreifen ist inhaltlich brisant.
- Künstlerische Akzente fehlen im Bunkersystem des Ostwalls, der ca. 90 Kilometer östlich der Grenze die Flanke zwischen Warthe und Oder vor einem Angriff aus Osten schützen sollte und dann doch von russischen Panzern überrollt wurde. Die heute als Fledermausreservat und touristische Attraktion dienende Tunnelanlage harrt noch ihrer endgültigen Pazifikation...
- Probewohnen von polnischen Familien in einem der leer stehenden Plattenbauten auf deutscher Seite als Reality-TV Show – hier können kulturelle Grenzen vor allem parallel zum wirtschaftlichen Gefälle hinterfragt werden – wie lebt man in Deutschland, wenn man für die ganze Familie 450 Euro zur Verfügung hat? Man geht in Polen einkaufen...
- Verknüpfung mit einem Projekt von Barbara Keifenheim zur visuellen Repräsentation von Grenzgebieten anhand von deutschen und polnischen Abendschauen und Dokumentarfilmen der Nachkriegszeit
- Verknüpfung mit einer Konferenz, die Karl Schlögel für Sommer 2006 zum Kulturraum der Oder plant
- Verknüpfung mit einem Projekt von Helmuth Kowalski in dem geteilten Dorf Drozdowice an der Oder
- Evtl. zusammenfassende Klammer: die symbolische Gründung eines Grenzlandmuseums, in dem das Paradigma eines weiter gefassten Grenzbegriffs bereits historisierend benutzt wird, um Phänomene der Gegenwart künstlerisch zu thematisieren
- Einbindung des Brandenburgtickets / Regionalexpresses in ein touristisches Konzept um dezentrale künstlerische Aktivitäten in der Region zu verbinden – es wird sowohl von Berlinern genutzt, um zum Polenmarkt zu reisen, als auch von Bewohnern des Lebuser Landes, um nach Berlin zu fahren...

Projekte:

Transodra Online> www.transodra-online.net
Dialog Loci: Bastion der Kunst www.dialogloci.org
Anschläge in Aurith & Urad www.anschlaege.de/oder
Mitten am Rand www.mittenamrand.de
Helmuth Kowalski www.helmutkowalski.net
Słubfurt City www.slubfurt.net
Terra Transoderana http://www.instytut.net/de/projekte/geschichten-im-fluss
Götzen – ich und die anderen www.kunstprojekt-goetzen.de
Lichter www.lichter-der-film.de

Literatur:

- Karl Schlögel: Die Oder - Vorüberlegungen zu einer Kulturgeschichte, in: Gabryjelska, Krystyna und Knefelkamp, Ulrich (Hrsg.), Brückenschläge. Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder) und Breslau. Vorträge der ersten gemeinsamen Ringvorlesung der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und der Universität Breslau, Berlin 2000, S. 11-30
- Uwe Rada, Zwischenland. Europäische Geschichten aus dem deutsch-polnischen Grenzgebiet, Berlin 2004. August 2005 erscheint: Die Oder: Geschichte eines europäischen Stromes. Mehr unter www.uwe-rada.de
- Katalog: Dialog Loci, Kunst an einem verlorenen Ort, 2004.
- Jörg Lüderitz : Neumärkisches Lesebuch, Trescher Verlag, 2004.. Sowie: Neumärkisches Panorama, Bock & Kübler, 2005.
- Anschlaege.de: Aurith & Urad, 2008, Potsdam.
- Das Online-Archiv von www.slubice.de & www.frankfurt.pl

Dieses Konzept wurde 2005 für ein globales Grenzenprojekt des Goethe-Instituts erstellt. Dieses wurde aus verschiedenen Gründen verworfen. Sind die darin formulierten Ideen noch immer aktuell? Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare!

Felix Ackermann

Vollständiger Text/ cały tekst: http://www.ewropa.net
Veröffentlichung/ data publikacji: 05.06.2009

Beiträge aus der deutsch-polnischen Grenzregion

Vielleicht interessieren Sie sich für einen der aktuellen Beiträge aus der deutsch-polnischen Grenzregion: