Offene Türen in der alten Heimat

Offene Türen in der alten Heimat

Polnisch-deutscher Verein „Unser Baudach“ schmiedet kühne Zukunftspläne

Von Heiko Krebs

Frankfurt (Oder). Ein „deutsch-polnisches Abenteuer“ nennt Tereza Barnás ihren Verein „Nasz Budachów - Unser Baudach“. Im vergangenen Jahr ist die Idee in die Tat umgesetzt worden: Einwohner des westpolnischen Dorfes Budachów und Deutsche oder deren Nachkommen, die bis zum Kriegsende 1945 im damals ostbrandenburgischen Dorf Baudach lebten – rund 50 Kilometer südöstlich von Frankfurt auf der anderen Seite der Oder -, haben zusammen einen Verein gegründet. „Weil ihnen das gemeinsame Dorf am Herzen liegt“, sagt die Vereinsvorsitzende. Nach ihren Worten handelt es sich dabei um ein bislang einmaliges Unternehmen. 16 polnische Mitglieder und 14 deutsche Fördermitglieder – diese feine Unterscheidung muss lediglich aus juristischen Gründen gemacht werden – gehören dem Verein derzeit an.

Am vergangenen Wochenende (25. April) wurde in der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder) mehr als nur eine erste Bilanz gezogen. Zusammen mit Studierenden des Instituts für angewandte Geschichte schmiedeten die Mitglieder des Vereins und dessen Sympathisanten zugleich kühne Zukunftspläne. Dazu hatten die Studentinnen und Studenten, die im Sinne ihres Institutsnamens Geschichte nicht nur wissenschaftlich erforschen, sondern auch in der Praxis anwenden wollen, einen deutsch-polnischen Workshop organisiert. In gemischten Gruppen wurde mit Hilfe von jungen polnischen Dolmetschern angeregt über konkrete Themen diskutiert. So sollen sobald als möglich in Baudach die heutigen Bewohner, vor allem die Kinder und Jugendlichen, zu „Geschichtsstunden“ unter dem Motto „Willi erzählt“ eingeladen werden. Damit die heutigen Budachower noch authentisch etwas über die Vergangenheit ihres Dorfes erfahren. Denn die Jüngsten, die noch etwas davon erzählen können, wie das Leben vor 1945 in dem Dorf einmal war, gehen heute schon auf die 80 zu. Wie sensibel dieses Vorhaben jedoch ist, weiß Maria Mykieciuk. Bei jedem Erzählen aus der Vergangenheit werde das Trauma von Krieg, Vertreibung und Flucht wieder wach, sagt sie. Ein Anfang für deutsch-polnische Geschichtsstunden wurde am gleichen Tag noch gemacht. Im Collegium Polonicum in Slubice wurde den Baudachern von heute die vom Frankfurter Verein „Mylife“ verfasste und ins Polnische übersetzte Biographie von Fritz Böhm, einem ehemaligen Bewohner des Dorfes, überreicht.

Frau Mykieciuk kommt aus einem Nachbarort und ist noch kein Mitglied in dem Verein „Unser Baudach“. Sie will es aber bald werden. Der Verein tue viel für das Dorf, betont sie. Er biete zahlreiche Aktivitäten an, kümmere sich auch um ältere Menschen. Sie selbst sehe das Verhältnis zu den Deutschen sehr positiv, fügt sie hinzu. Nicht zuletzt helfe der Verein, gegenseitige Vorurteile abzubauen und mit Klischees zu brechen. Dies schätzt auch der polnische Jura-Student Michal Jan Dymek. Seine Großeltern waren im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden. Unter den Polen gebe es heute noch viele Ressentiments gegenüber dem Nachbarvolk, bestätigt er. Viele hätten sogar Angst vor den Deutschen, da sich führende Vertreter von Vertriebenenverbänden immer noch nicht von Rückgabeforderungen verabschiedet hätten. „Darum ist es hervorragend, dass Leute von beiden Seiten zusammentreffen und gemeinsam etwas unternehmen möchten“, hebt der 23-Jährige hervor.

Zu den Aktivitäten des Vereins gehört sein unermüdliches Engagement für die Verschönerung des 600-Seelen-Dorfes. So soll der unter Denkmalschutz stehende Park des ehemaligen Gutshauses restauriert werden, berichtet Lucie Dawidziek. Dabei könnten Jugendliche aus dem Dorf und Altersgenossen aus Deutschland gemeinsam mit anpacken. Gerade hier ist aber der Rat der alten deutschen Baudacher gefragt, denn sie können erzählen, wie der Park einmal ausgesehen hat. Möglicherweise hat der eine oder andere auch noch ein Foto. Leszek Olgrzymek, Bürgermeister der Großgemeinde Gmina Bytnica, zu der Baudach heute gehört, sieht die Zukunft des von großflächigen Wäldern umgebenen Ortes im sanften Tourismus. Auch soll die Eisenbahnstrecke Prag – Swinemünde, die durch Baudach führt, modernisiert und ausgebaut werden, kündigte er an.

Dagegen interessiert sich Siegfried Krebs, mit fast 93 Jahren der älteste Baudacher, vor allem dafür, wie man mit der Restaurierung der Dorfkirche vorankommt. Dach und Fassade sind schon seit Jahren saniert. Im Innenraum lässt die Sanierung allerdings immer noch auf sich warten, muss er enttäuscht hören. Es werde weiter Geld gesammelt, hieß es. Von deutscher Seite kommt auch die Frage, wie es denn mit Übernachtungsmöglichkeiten für Gäste in Baudach aussehe. Schon vor Jahren war angedacht worden, in der ehemaligen alten Schule ein Gästezimmer für deutsche Besucher zu schaffen. Das sei doch gar nicht nötig, entgegnet die gastfreundliche Grazuna Lachowicz. In ihrem Haus sei genug Platz und Besucher aus Deutschland seien jederzeit willkommen. Andere stimmen in das Angebot ein. Vielleicht wird es ja schon beim nächsten traditionellen Baudacher Piroggen-Fest am 20. Juni dieses Jahres in Anspruch genommen.

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Veröffentlichung/ data publikacji: 28.04.2009