Krowa – Kuh und raus bist du

Lebensbericht eines 77-Jährigen über zwei Diktaturen, die Vertreibung und ein widersprüchliches Verhältnis zu Polen

Manche Biographie liest sich spannender als jedes Geschichtsbuch. Der 77-jäh-rige Karl-Heinz Preuß aus Bernau (Barnim) hat die bewegten Erinnerungen seit seiner Kindheit auf 344 Seiten zu Papier gebracht.

Als Sechsjähriger schmuggelte Karl-Heinz Preuß Zigaretten nach Polen. Das war 1938. Sein Vater Franz nahm ihn mit zu Fahrten in das Dorf Altsorge, aus dem Eltern und Großeltern stammten. Es lag in der Provinz Posen, die 1919 polnisch geworden war. „Mein Vater versteckte immer mehrere Päckchen Zigaretten unter den Autositzen. Die Zollbeamten haben aber nie kontrolliert, nicht die deutschen und auch nicht die polnischen. (...) Gegen Abend fuhren wir zurück. Dann waren unter den Autositzen keine Zigaretten mehr, sondern mehrere Stück Butter untergebracht." Das Schicksal des Deutschen blieb mit dem Nachbarland ver-bunden. Seine Mutter hatte eine polnische Cousine – Maria Sikora. Als Deutschland im September 1939 Polen eroberte, nahm sich ein Bekannter der Familie sein altes Gut in Altsorge zurück. Dem damals siebenjäh-rigen Karl-Heinz erschienen die Zustände dort idyllisch. Der Ver-walter war der einzige Deutsche, Kutscher, Feldarbeiter, die Mädchen in der Küche und sogar die Wirtschaftsleiterin und Bett-gefährtin des Verwalters waren Polen. Die Frage, was aus seinem Leben ohne den Krieg und die Vertreibung geworden wäre, beschäftigt Preuß bis heute. Sein Vater hatte den Söhnen von dem Freilandgemüse vorgeschwärmt, das er als Soldat in Holland gesehen hatte. „Nach dem Krieg wollte er es importieren und seine Gemüsehandlung mit uns groß aufziehen." Im Krieg konnte der Vater der polnischen Cousine seiner Frau aus größter Not helfen. Sie und ihre fünf kleinen Kindern waren in ein Lager gekommen, als ihr Mann ins KZ Dachau eingesperrt wurde. Dabei hatte Jan Sikora im Ersten Weltkrieg als Soldat für das Deutsche Kaiserreich gekämpft. Doch als er jetzt zu dem Siegesjubel der Wehrmacht bemerkte: „Im Ersten Weltkrieg haben wir auch immer gesiegt und gesiegt, zum Schluss aber hatten wir uns totgesiegt", zeigte ihn ein Denunziant an. Franz Preuß, der der Nazi-Ideologie kritisch gegenüberstand, nahm Frau Sikora und deren fünf Kinder bei sich auf. Sohn Karl-Heinz erinnert sich: „Wir Kinder spielten oft miteinander und hatten einen Abzählreim – deutsch/polnisch oder umgekehrt: Mucha – Fliege, Kosa – Ziege, Krowa – Kuh und raus bist Du." Die folgenden Kapitel seines Buches, in denen Preuß den Rück-zug der SS im Januar 1945 und das Erscheinen der Roten Armee in dem Ort Driesen (heute Drezdenko) schildert, erinnern an den „Abentheuerlichen Simplicissimus Teutsch". Jenen histori-schen Roman, der die Grausamkeiten des 30-jährigen Krieges aus der Perspektive eines Jungen geschildert hat. Ähnlich wie der damalige Held reift der zwölfjährige Karl-Heinz als Augenzeuge von Vergewaltigungen, der Verschleppung seines Vaters, von Hunger, Typhus und unzähliger Toter in kurzer Zeit zum Erwachsenen. Bilder von damals haben sich in sein Gehirn eingebrannt. So wie das folgende: „Im Keller des Restaurants Kurmark lagerten große Mengen Alkohols. Meist Asbach- Uralt, Scharlachberg-Meisterbrand und holländischer Arrak. Einige der sowjetischen Soldaten waren auf die Idee gekommen, in die Fässer zu schießen. So stand der Schnaps im Keller etwa 50 Zentimeter hoch. Im Schnaps lag ein toter Sowjetsoldat mit Filzstiefeln und Schafspelz. Sicher war er im Zustand der Volltrunkenheit umgefallen und ertrunken." Es sind diese detailreichen, nahezu fotografischen Beschreibungen, die den besonderen Reiz des Buches ausmachen. Im selben Stil schildert Preuß auch die politischen und ökonomischen Widersinnigkeiten, die er später in der DDR erlebte. Nachdem er zunächst als Kutscher bei der sowjetischen Kommandantur sein Essen verdiente („Mein Umgang mit den Russen störte meinen Vater nicht, aber der 96prozentige Sprit, den ich fast täglich zu trinken bekam, sagte ihm nicht zu."), versuchte er sich als Malerlehrling, Schwarzmarkt-Händler in Westberlin, Schnapsbrenner und sogar als Offiziersschüler bei der Kasernierten Volkspolizei. So manche Legende über die angeblich in der DDR verbreite-ten Ideale gerät in seinen Schil-derungen ins Wanken: „Alle uns ausbildenden Offiziere waren in sowjetischer Gefangenschaft gewesen und hatten in so genannten Antifa-Lagern eine Gehirnwäsche mitgemacht. Damit soll allerdings nicht gesagt werden, dass sie alle überzeugte Kommunisten waren. Ich glaube eher, diese doch überwiegend erfahrenen Frontsoldaten hatten einfach keine andere Wahl, wenn sie nicht eine jahrelange Lagerhaft erleiden wollten." Die Zeit bei der Volkspolizei ist schon wieder zu Ende, als Preuß nach der Offiziersprüfung seine Westverwandtschaft erwähnt. Der inzwischen 20-Jährige be-ginnt seine Karriere in der Landwirtschaft, die vom Mechaniker bis zum späteren Bereichsleiter führt. Doch das Gefühl, in der DDR nicht am rechten Platz zu sein und die Hoffnung, entweder in den Westen oder in die alte Hei-mat gehen zu können, verlassen ihn nie. Zu den Höhepunkten des Bu-ches gehören die Schilderung sei-ner Hochzeitsfeier, die unter riesigen Porträts von Marx, Engels, Lenin und Stalin in einer Gaststätte stattfindet. Der Bericht über die verzweifelten Versuche einer LPG, Getreide auf der Autobahn Berlin-Stettin zu trocknen. Oder die Beobachtung, dass der langjährige Stasi-Chef Erich Mielke als Freizeitjäger in der Uckermark Großtrappen erlegte, obwohl die schon damals zu den streng geschützten Tierarten zählten. Auch tragische Ereignisse, wie den von ihm verschuldeten Tod seiner ersten Frau bei einem Verkehrsunfall, schildert Preuß. An manchen Stellen hätte man sicher den Rotstift ansetzen können. Doch „ich musste mir vieles von der Seele schreiben", sagt der 77-Jährige. Seine Erlebnisse in Polen und seine Haltung zu dem Nachbarland ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Schon bei der ersten sich bietenden Gelegenheit war er 1958 wieder in die alte Heimat gefahren. Die Kinder der Familie Sikora „nahmen meine Frau und mich mit großer Herzlichkeit auf". Viele Jahre hat Preuß an deren Werdegang teilgenommen. Zwei von ihnen sind Lehrer geworden, einer Kapitän und ein vierter Haupt-buchhalter. Einer der Söhne ist behindert. Er ist taubstumm. Trotz der häufigen und guten menschlichen Kontakte ist ein zwiespältiges Verhältnis zum Nachbarland geblieben. Der Autor wünschte sich, dass das schwere Schicksal der Vertriebenen von Polen trotz aller eigenen Leiden akzeptiert würde. Und dass man es in Deutschland nicht vergisst. („Die Gedanken sind frei", 20 Euro. Erhältlich nur direkt bei Karl-Heinz Preuß, Schönerlinder Straße 76, 16321 Bernau)

Vollständiger Text/ cały tekst:
Veröffentlichung/ data publikacji: 23.11.2009