Geteilte Stadtansichten

Zweisprachiges Straßenschild in Český Těšín

Prager Zeitung

Těšín und Cieszyn: Auf der Suche nach der Geschichte an der tschechisch-polnischen Grenze

Die Olsa führt in diesem Herbst wenig Wasser mit sich, fast wie ein Rinnsaal wirkt sie in ihrem steinigen Flussbett. Hier verläuft die Grenze zwischen Tschechien und Polen. Auf der einen Seite liegt die 26 000-Einwohner-Stadt Český Těšín. Die Reise aus dem weniger als 400 Kilometer entfernten Prag über Ostrava dauert mit dem Zug fünf Stunden für weniger als 400 Kilometer. Die etwas größere polnische Zwillingsstadt Cieszyn am anderen Flussufer ist noch stärker von der Lage an der Peripherie gekennzeichnet. Will man mit dem Zug aus der nur 150 Kilometer entfernten Metropole Krakau nach Cieszyn gelangen, muss man über Český Těšín fahren – ein Erbe der Teilung der Stadt im Jahre 1920. Auf polnischer Seite verblieben das mittelalterliche Stadtzentrum, Rathaus und Schlosshügel, auf tschechischer Seite der Bahnhof und die Druckerei. Český Těšín entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem eigenständigen städtischen Organismus. Das große, prächtige Rathaus auf dem weitläufigen Marktplatz, in den zwanziger Jahren im Stil der Neorenaissance errichtet, lässt erahnen, dass es auch für die Repräsentation eines jungen Staates gebaut wurde. Bis dahin war Teschen, wie es auf deutsch heißt, eine Stadt im habsburgischen Kaiserreich und über viele Jahrhunderte Hauptstadt des Herzogtums Teschener Schlesien.
Hier lebten Polen, Tschechen, Deutsche und Slowaken, Juden, Katholiken und Protestanten. Nach dem ersten Weltkrieg erhoben der neu entstandene tschechoslowakische und der polnische Staat Anspruch auf das Gebiet. Als man sich diplomatisch nicht einigen konnte, marschierten tschechoslowakische Truppen im Januar 1919 ein, während Polen sich im Krieg mit Russland befand. Im Ergebnis wurde das Teschener Schlesien geteilt und an der Olsa die Grenze gezogen. Tausende Polen, die die Region mehrheitlich bewohnten, mussten das nun zu Tschechien gehörende Olsa-Gebiet verlassen.
Seit 1920 ist Teschen eine geteilte Stadt, auch wenn seit dem Beitritt Polens und Tschechiens zum Schengener Abkommen die Schlagbäume weggeräumt sind und die Grenze immer unsichtbarer wird. Von Těšín nach Cieszyn über die Olsa-Brücke geht man wie durch eine Stadt. Im Grenzgebäude auf polnischer Seite haben sich Händler niedergelassen. Am tschechischen Brückenkopf befindet sich das blau-gelbe Gebäude der Euroregion, die den historischen Namen Teschener Schlesien trägt und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf beiden Seiten fördern soll. Gerade rekonstruieren die Städte Český Těšín und Cieszyn am Flussufer gemeinsam das alte Teschener Kaffeehaus „Avion“, das als Kulturzentrum genutzt werden soll.

Fast alles verweist hier auf die Vergangenheit, denn die Grenze ist ihre unmittelbare Folge. Um das Territorium streitet man sich nicht mehr, aber die Geschichte trennt dies- und jenseits der Olsa noch immer.
So schien es zumindest als der polnische Präsident Lech Kaczyński zur Verwunderung aller während der diesjährigen Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs zugab, die Besetzung des damals zu Tschechien gehörenden Olsa-Gebiets 1938 sei eine „Sünde“ gewesen. Polen hatte so im Zuge des Münchener Beschlusses die Teilung der Region von 1919 rückgängig machen wollen. Kaum ein Jahr bis zum Einmarsch der Deutschen währte die polnische Besatzung. 1945 wurde die Grenze zwischen Polen und der Tschechoslowakei an der Olsa wieder hergestellt. In Tschechien war man von der Entschuldigung des nationalkonservativen Kaczyński überrascht.
„In den Zeitungen rief das Thema kaum Reaktionen hervor“, sagt Pavlína Badurová, eine junge Historikerin im stadt- und regionalgeschichtlichen Museum in Český Těšín. „Für die Polen bedeutet 1938 noch immer die 'Rückkehr ins Mutterland'. Insofern waren Kaczyńskis Worte sehr diplomatisch. In Prag wurde das aber kaum wahrgenommen.“ Die junge Teschenerin bezweifelt, dass das Olsa-Gebiet in Warschau oder Prag wirklich jemanden interessiert. Streit um die Geschichte gebe es vor allem unter Historikern, stellt Badurovás Kollege Martin Krůl fest. „Tschechische und polnische Historiker sehen die Teilung der Region aus unterschiedlichen Blickwinkeln.“ Die Regale seien voll mit Büchern zum Olsa-Gebiet.
„Nur in den polnischen Medien war Kaczyńskis Entschuldigung ein Thema.“ Badurová und Krůl verweisen auf einen Artikel der „Volksstimme“, der in Český Těšín herausgegebenen Zeitung der polnischen Minderheit in Tschechien. Darin wird Józef Szymeczek zitiert: „Ich hoffe, dass die Aussage des Präsidenten Lech Kaczyński nicht die Ankündigung einer weiteren 'Sünde' gegenüber dem Olsa-Gebiet ist. Die der Unterlassung politischer und moralischer Unterstützung für die Polen im Olsa-Gebiet.“
Szymeczek, Vorsitzender des Kongresses des Rates der Polen in der Tschechischen Republik, drückt sich im Gespräch weniger scharfzüngig aus: „Kaczyńskis Worte kamen hier schlecht an. Er hat sich unnötig gerechtfertigt. Sicher, es war eine schöne Geste, nun müssten sich die Tschechen für 1919 entschuldigen.“ Der Historiker, ein Mann von Mitte 30, sitzt im Büro des Rates in Český Těšín, einer Art Koordinationsstelle für alle Organisationen der polnischen Minderheit in Tschechien, von denen der überwiegende Teil im Olsa-Gebiet aktiv ist. Kurz tauscht er sich mit einem Kollegen im Büro aus, dabei wird mal polnisch und mal tschechisch gesprochen, mal „Gwara“, ein lokaler Dialekt zwischen polnisch und tschechisch mit deutschen Einschlägen wie „Bahnhof“ - ein Erbe des alten mehrsprachig geprägten Teschens. An der Wand hängt ein großer roter Teppich mit dem weißen polnischen Adler. „Unsere Mission ist der Kampf“ - er hält inne - „nein, das ist nicht gut gesagt. Unser Ziel ist die Bewahrung der nationalen Identität“, gibt der Historiker und bekennende Pole zu Protokoll. „Indem wir eigene Schulen unterhalten und Exkursionen nach Warschau oder Danzig organisieren, wollen wir unseren Kinder die polnische Kultur nahe bringen. Wir haben Radio und verschiedene Zeitungen, Jugendzeitschriften. Außerdem gibt es bei uns die einzige polnische Theaterbühne im Ausland, nicht mal die Polen in Chicago haben das!“, verkündet Szymeczek stolz. Wenn er über Polen spricht, dass nur ein paar Straßen weiter hinter der Olsa beginnt, redet er manchmal vom „Mutterland“. Geld sei genügend vorhanden. Da die Polen als nationale Minderheit anerkannt sind, erhalten sie Zuschüsse und bestimmte Garantien vom tschechischen Staat. Problematisch sei nur, dass viele junge Menschen sich in der tschechischen Gesellschaft assimilieren und sich nicht mehr für ihre Wurzeln interessieren. Ca. 36 000 Menschen, gut 10 Prozent, haben sich bei der letzten Bevölkerungserhebung im Olsa-Gebiet als Polen deklariert. Vor hundert Jahren waren die Polen in der Mehrheit – das jedenfalls sagt die Volkszählung.
Szymeczek hat ein Buch zur Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche im Olsa-Gebiet geschrieben. Viele Polen in der Region gehören dieser Konfession an, was für das traditionell katholische Polen untypisch ist. Nicht nur das spricht dafür, dass Identität im Olsa-Gebiet nicht in den gängigen Kategorien fassbar ist. Wer Pole ist, definiert sich in der Regel über die Familiengeschichte, die meisten tschechischen Familien kamen erst nach 1920 in die Region. Das „Gwara“ ist noch immer verbreitet. Auch passt nicht zum klassischen polnischen Selbstbild, dass in der Nachkriegszeit viele Olsa-Bewohner mit den tschechoslowakischen Kommunisten sympathisierten, weil sie eine milde Nationalitätenpolitik verfolgten. „Teilweise existiert vielleicht so eine unabhängige lokale Zugehörigkeit, aber sie hat nichts mit Schlesien gemein. Die schlesische Identität ist für viele Menschen im Olsa-Gebiet mit negativen Erfahrungen besetzt“, so Szymeczek. Die sogenannten „Schlonsaken“, slawischsprachig bemühten sich um Autonomie im Kaiserreich, traditionell waren sie besonders mit den polnischen Nationalisten verfeindet. Unter den Nazis konnten viele von ihnen „Volksdeutsche“ werden und kämpften in der Wehrmacht. „Im Olsa-Gebiet sei man heute vor allem Pole oder Tscheche“, ist sich Szymeczek sicher.
Dank der Europäischen Union mit ihren zahlreichen Förderprogrammen hat sich die Situation der Minderheit zusätzlich verbessert. Seit zwei Jahren gibt es im Olsa-Gebiet zweisprachige Straßenschilder. Ihr Sinn ist umstritten, ihre Bedeutung rein symbolisch, denn kein Pole in Těšín hat Probleme, tschechische Aufschriften zu verstehen. Einige Schilder wurden nach ihrer Anbringung beschädigt.
Die polnische Minderheit wird immer kleiner und bekommt immer mehr Rechte. „Manche Tschechen finden es ungerecht, dass die Polen beispielsweise ihre eigenen Schulen in Tschechien haben, dann aber nach Polen zum Studieren gehen“, berichtet Pavlína Badurová. „Doch warum sollten sie auf solche Vorteile verzichten?“ Die Polen hätten eine andere Identität als die Tschechen, sie legten viel Wert auf nationale Symbole, sagt Krůl. „Bei den Tschechen hier in der Region ist die lokale Verwurzelung sehr schwach ausgeprägt. Viele stammen aus Mähren. Sie nennen die Region Nordmähren, obwohl hier nie Mähren war“, so der aus der Nachbarstadt Karvina stammende Historiker. „Mährisch-Schlesien“ heißt offiziell die Verwaltungsregion in Tschechien. Der Name zeugt von dem Versuch, der Region historisch gerecht zu werden und sie gleichzeitig an Mähren, das fester Bestandteil tschechischer Staatlichkeit ist, anzubinden.

Das erst 1948 gegründete Museum in Těšínska, für das Krůl und Badurová arbeiten, spiegelt dieses Dilemma wider. Die reiche Sammlung des alten Teschener Museums, eines der ältesten in Mitteleuropa, verblieb nach der Teilung der Stadt auf polnischer Seite. Die Grenze war im Kommunismus über viele Jahre weitgehend undurchlässig. So musste sich Český Těšín, abgeschnitten von seiner Stadtgeschichte, erst eine Tradition geben. Inzwischen arbeitet man mit den Kollegen vom Museum des Teschener Schlesien im polnischen Cieszyn zusammen, tauscht Exponate aus und gibt eine gemeinsame, zweisprachige Zeitschrift heraus. Dennoch steht das tschechische Stadtmuseum im Schatten der gleichnamigen Einrichtung auf der anderen Seite der Olsa, dass sich im prachtvollen Schloss einer Adelsfamilie in Cieszyn befindet. Beide Museen widmen sich derselben Region, zeigen aber sehr unterschiedliche Aspekte der Geschichte. In Český Těšín wird vor allem die Entwicklung des tschechischen Teils in der Zwischenkriegszeit rekonstruiert, während man in Cieszyn unter anderem wertvolle Kunstgegenstände, Möbel und Kultgegenstände aus dem Besitz alter schlesischer Adelsfamilien gezeigt werden, über Český Těšín erfährt man nichts. Heikle Daten wie 1918-20 und 1938 werden jedoch in beiden Ausstellungen sachte umschifft oder allenfalls kurz erwähnt.
„Wir haben einfach nicht so viele Exponate aus dieser Zeit“, kommentiert Marian Dembiniok, Direktor des „Museums des Teschener Schlesien“ in Cieszyn die Ausstellung. Er glaubt nicht daran, dass Geschichte etwas mit einer Vision zu tun haben kann. „Die Geschichte stellen wir dar, wie sie war: eine multikulturelle und multireligiöse Geschichte. Das Teschener Schlesien war immer ein Durchgangsraum mit verschiedensten Einflüssen: polnische, deutsche bzw. österreichische, tschechische“, sagt der Direktor bestimmt. Im Gegensatz zu Józef Szymeczek glaubt Dembiniok an die Existenz des „czlowiek stela“, was im Teschener Dialekt soviel wie „Mensch von hier“ heißt. Das jahrhundertelange Leben im Vielvölkerstaat hätte einen toleranten und kompromissbereiten Menschen geschaffen, der trotz der Verwerfungen des Nationalismus im 20. Jahrhundert überdauert hätte. Auf Kaczyńskis Worte reagiert auch Dembiniok verhalten, sie seien vor Ort auf keinerlei Enthusiasmus gestoßen. „Wichtiger war meiner Meinung nach, dass wir uns bei den Tschechen für den Einmarsch 1968 entschuldigt haben“, gibt er zu bedenken.
„1968 ist so ein Wendepunkt in der Geschichte mit den Polen, über den wenig gesprochen wird. Die Polen fühlten sich mit den Idealen des Prager Frühlings verbunden“, sagt Pavlína Badurová. „Man müsste mehr auf das blicken, was verbindet, statt sich immer die kontroversen, trennenden Themen herauszunehmen“, fügt sie an.

Im nächsten Jahr häufen sich an der Olsa die Jubiläen. Český Těšín feiert sein 90jähriges Bestehen. Die Polen im Olsa-Gebiet sehen darin keinen Grund zum Feiern, denn schließlich bedeutete es die Teilung der Stadt. Im polnischen Cieszyn bereitet man sich auf ein viel größeres Jubiläum vor: 1200 Jahre Stadtgründung. Aus diesem Anlass entsteht gerade ein neues Buch über die Stadtgeschichte. Umfassender als je zuvor soll es werden.

Gekürzt erschienen in der Prager Zeitung vom 3.12.2009

Vollständiger Text/ cały tekst: http://www.pragerzeitung.cz/?c_id=15520
Veröffentlichung/ data publikacji: 03.12.2009